Ein Stückchen von einer Billion Euro


Seit wenigen Wochen geistern neben pandemischen Daten, die mich fassungslos auf Bildschirme starren lassen, gigantische Zahlen durch den Äther der privaten und öffentlichen Rundfunkanstalten. Eine Vorstellung davon hat kaum jemand, was es bedeutet, wenn unser verschmitzt lächelnder Finanzminister Olaf Scholz von der Bazooka
spricht, die er herausholen wird, um mit dieser Waffe fast eine Billion Euro als Schutzschirm über unsere kleinen preußischen und großen bayrischen Wirtschaften „abzuschießen“. Also wird nicht, wie sonst bei der SPD so
üblich, mit einer, in freundlich blühenden Vorgärten gebräuchlichen verzinkten Gießkanne Geld ausgegossen, sondern es wird die Bazooka herausgeholt. Nur zur Sicherheit, es handelt sich um eine deutsche Billion, nicht um die amerikanische Billion. Eine Billion Euro! Was bedeutet eine Billion Euro? Wie viel ist das? Es ist das Millionenfache einer Million oder das Tausendfache einer Milliarde. Es handelt sich um eine eins mit zwölf Nullen
– „eins nullnullnull nullnullnull nullnullnull nullnullnull Euro“. Das muss ich erst einmal sacken lassen.
Jemand aus der Familie telefonierte neulich mit einem Kunden, der seine Termine für die kommende Zeit absagen wollte. Der ausgesprochen redselige Kunde, ein Kleinstunternehmer, erklärte, wie überrascht er war,
dass er, obwohl über keinerlei Internetzugang, Email oder Smartphone verfügend, es schaffte, einen papiernen Antrag per Telefon anzufordern, um ein Stückchen von besagter Bazooka-Billion auf dem Postweg zu beantragen, zwar mit etlichen telefonischen Umwegen über München, zurückgeleitet zum Rathaus im eigenen nördlichen Städtchen, aber erfolgreich. Per Post wurden ihm die Anträge zugestellt.
Ich muss sagen, solange die Post noch funktioniert, bin ich ganz ruhig.
Der Kunde hatte natürlich angenommen, dass man die kleinsten Leute der noch kleineren nordöstlichen mecklenburgischen Wirtschaften in dieser Zeit vollkommen vergessen würde, um eher die großen südwestlichen,
durchaus geschätzten bayrischen Wirtschaften monetär zu versorgen. Als der Kunde feststellte, er könne neuntausend Euro beantragen, da erschien ihm diese Summe einfach als unverschämt zu viel. Man müsse doch heutzutage auf dem Teppich bleiben. Er beantragte dreitausend Euro. Dieses Geld soll für drei Monate ausreichen. Es handelt sich also bei diesem beantragten Stückchen von der Bazooka-Billion um etwa „null
Komma nullnullnull nullnullnull drei Prozent“.
Meine sehr reale Vorstellung von leicht „verschwendbaren“ dreitausend Euro hilft mir leider überhaupt nicht, um der Vorstellung von einer Billion Euro näher zu kommen. Aber es gibt Abhilfe.
Fasziniert las ich als Schüler der achten Klasse ein Buch aus dem sozialistischen Atomzeitalter der fünfziger Jahre, „Gigant Atom“ von Karl Böhm und Rolf Dörge, das mir mein Chemielehrer in die Hand drückte.
Natürlich ging es dort um die einzigartigen Entdeckungen von Becquerel und Curie, um die geheimnisvolle Radioaktivität, die Entwicklung der Atombombe, um das erste Kernkraftwerk in Obninsk mit dem Reaktor AM-1 („атом мирный“ – „friedliches Atom“), schlanke kernkraftangetriebene Flugzeuge und Unterwasserseeboote, aber auch um die Karikatur, die einen kleinen Hund zeigt, der ein strahlendes Brikett im Maule trägt, welches er fröhlich durch die Stadt Bukarest schleppt, von einem Schutzmann und einer Menge Bürger verfolgt, mit der Unterschrift: „Haltet ihn! Er trägt den gesamten Brennstoffvorrat für dieses Jahr im Maul!“
Dieses sozialistische Atomzeitalter ist längst dem Zeitalter der Fassungslosigkeit gewichen und fast alle seine Zukunftsvisionen sind Geschichte. Aber dieses Buch bietet mir jetzt die eindrucksvolle Erklärung, was man sich unter einer Billion Euro vorzustellen hat, denn es arbeitet bei der Beschreibung von Größen in atomaren Bereichen, die naturgemäß unvorstellbar klein sind, mit folgender Vorstellung, die ich für die Scholzsche Bazooka-Billion etwas anpasse:
Man nehme an, man solle eine Billion Euro durchzählen. Pro Euro hat man eine Sekunde Zeit. Dann rechne man nach (überschlägig natürlich, denn so eine Scholzsche Bazooka-Billion ist kein chirurgisches Instrument, sondern
ein Breitschwert) wie viel Zeit man für das Durchzählen einer Billion Euro braucht.
Für eine Million Euro, also eine Million Sekunden, braucht man demnach etwa drei Wochen, für eine Milliarde Euro schon dreitausend Jahre. Für eine Billion Euro braucht man sage und schreibe dreißigtausend Jahre, um
jeden einzelnen Euro abzuzählen.
Die Bazooka unseres Finanzminister Scholz betrug tatsächlich laut oberflächlicher Recherche anfänglich NUR eine halbe Billion Euro, aber das ist letztlich völlig egal, mittlerweile wird, ich bin fassungslos, UNBEGRENZT Kredit gewährt. Zumindest kann ich mir jetzt vorstellen, was es bedeutet, dass sich ein Land einen Sozialhaushalt von knapp einer Billion Euro leistet.

Wie wird dieser Sozialhaushalt in Zukunft aussehen?
Die einzige Frage, die mich ein wenig quält – wie lange kommt der redselige Kleinstunternehmer mit dreitausend Euro tatsächlich aus? Er hat sich jedenfalls gefreut und kommt damit ein Stückchen weiter.


Mona Modus 30/März/2020


PS: Ich hoffe, ich habe mich jetzt nicht verrechnet, denn ich leide unter einer gewissen Zahlenschwäche. Daher lehne ich jede juristische Verwertung dieser Spielereien von vornherein ab.

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