Bundeskanzler adé

In der Vergangenheit wurde behauptet, dass sich die Ukraine als Stellvertreter der USA in einem Verteidigungskrieg mit Russland befindet. In der Pressekonferenz des Präsidenten Selenskyj und von Bundeskanzler Merz am 14.4. 26 haben beide das angebliche Verhältnis für erledigt erklärt. An seine Stelle ist die vertiefte strategische Partnerschaft Deutschlands mit der Ukraine getreten.

Dem Bundeskanzler Merz ist zu danken, dass er in der Pressekonferenz hinsichtlich der neuen Rolle Deutschlands beim Ukrainekrieg für Klarheit gesorgt hat.

Zum einen ist die USA unter Trump auf Abstand zur Ukraine gegangen. Zum anderen gilt nunmehr die in Gegenwart des ukrainischen Präsidenten von Merz abgegebene Erklärung, „Russland wird den Krieg nicht gewinnen“ mit der Zusage bedingungsloser deutscher Hilfe. Deutschland wird mit der Vereinbarung der wichtigste Verbündete der Ukraine.

Zur Illustration einige Schlagworte aus der Presseerklärung, die einen Blick in die Merzsche Strategie ermöglichen:

Deutschland sagt der Ukraine zu, „den Druck auf Russland zu erhöhen“, „wird die Ukraine dabei unterstützen, die Rechenschaftspflicht Russlands für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine sicherzustellen, auch durch ein Sondertribunal für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine sowie die Einrichtung einer Internationalen Schadensersatzkommission für die Ukraine“.

Es ist die Rede von der „unerschütterlichen Unterstützung der Ukraine bei der Verteidigung ihrer territorialen Unversehrtheit innerhalb ihrer internationalen Grenzen einschließlich des Küstenmeers und beim Schutz ihrer Freiheit, ihrer Souveränität und ihrer Unabhängigkeit.“

Deutschland wird 2026 der Hauptfinanzier der Ukraine im militärischen und zivilen Bereich, umgekehrt will die Ukraine durch den gemeinsamen Aufbau einer Verteidigungsindustrie und mit der „stärksten Armee Europas“ für die Sicherheit Deutschlands einstehen.

Das Ergebnis soll ein Verzahnen der beiderseitigen Fähigkeiten im laufenden Verteidigungskrieg der Ukraine sein.

Da die Bundesregierung nicht mit Russland redet, kann sie nicht wissen, wie die neue Lage von Putin und seiner Kamarilla bewertet wird.

Könnte die von Merz offenbarte neue Politik als ein Ultimatum an Russland angesehen werden? Gegenüber der Ukraine soll Russland nachgeben, um nicht mit Europa und besonders Deutschland einen nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch militärischen Konflikt zu riskieren?

Wenn das (mit Sicherheit) nicht gemeint ist, muss das angesichts der Merzschen Ansage gegenüber Moskau und Kiew klargestellt werden. Die Mehrheit der Deutschen wollen zwar die Unterstützung der Ukraine, sich deshalb aber nicht in das Risiko eines schwerwiegenden Konfliktes mit Russland reinreden lassen.

Im RBB wird am 21.4. berichtet, dass die Russen aus unbekannten Gründen die Pipeline Druschba für das kasachische Öl ab Mai sperren wollen. Der Reservistenverband schlägt am 20.4. vor, das Höchstalter für Reservisten auf 70 Jahre zu erhöhen. Sind das nur erste Reaktionen auf die Vereinbarung zur strategischen Partnerschaft und was ist noch alles zu erwarten?

Das Dilemma für beide Seiten besteht darin, dass Russland einen Krieg gegen die Ukraine führt und unabhängig davon verstärkt nachrüsten wird, wenn Deutschland und weitere Staaten wie angekündigt auf eine Aufrüstung gegen Rußland mit 5 % des Bruttosozialproduktes setzen.
Dabei kann Russland vermutlich nur eine begrenzte Zeit mithalten, genau das könnte in den Augen der Experten auf beiden Seiten den Zeitpunkt für den Ausbruch eines Krieges bestimmen. Es sei denn, die Atommacht Russland übergibt die Krim und alle weiteren besetzten Gebiete an die Ukraine, Putin stellt sich einem Sondergericht und Russland zahlt Reparationen. Könnte das der Plan der Verteidigungspolitiker sein? Ein solcher Plan ist nicht realistisch. Auch für die Experten?

Der Präsident der USA hat jüngst während des laufenden Krieges gegen den Iran „mit der Auslöschung einer Zivilisation“gedroht.
Der Historiker Odd Arne Westad nimmt an, dass die Drohung mit einem Atomkrieg nicht mehr die abschreckende Wirkung wie in der bipolaren Welt des Kalten Krieges hat ( FAZ vom 21.4.26 „ Ein großer Krieg wird zum wahrscheinlichen Szenario“).
Putin hat öfter auf Russland als Atommacht und seine Atomdoktrin hinweisen lassen. Was seitens der deutschen Experten mit müdem Lächeln als leere Drohung beiseite geschoben wird. In der Tat hat Russland in Gegensatz zu den USA bisher keine Atombombe eingesetzt.

Der Historiker Westad bittet fast flehentlich, zur Vermeidung von Krieg wenigstens Kompromisse anzustreben – „keine Einigung, keine Konvergenz, keine moralische Gleichwertigkeit, sondern lediglich Absprachen wenigstens über einige Probleme, die heute konfliktschärfend wirken“.

Beim Verhältnis Deutschlands zu Russland geht es um einiges mehr.
Im Verhältnis Deutschlands mit Russland sollten ungeachtet der Überlegungen der Ukraine Missverständnisse durch Konsultationen ausgeschlossen werden. Die Merz-Töne in der Pressekonferenz bei gleichzeitiger Verkündigung der Vereinbarung einer strategischen Partnerschaft mit der Ukraine waren gegenüber einer Atommacht leichtsinnig und überheblich. Merz provoziert eine ehemalige Besatzungsmacht, die 1991/92 ohne einen Schuss mit über 350000 Soldaten aus Deutschland friedlich abgezogen ist. Pistorius kündet heute den Aufbau der stärksten konventionellen Armee in Europa an und renommiert mit einer Militärdoktrin, die aus verständlichen Gründen vor Russland geheim gehalten werden müsse. Das nimmt der Russe einfach so hin?

Russland begnügte sich 1990 im 2 Plus 4 Vertrag, der den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ermöglichte, mit der abstrakten und vielseitig auslegbaren Vereinbarung, „ dass von deutschen Boden nur Frieden“ ausgehen soll. Weil Russland eine Atommacht ist, bedurfte der Vertrag unter vernünftigen Politikern auf allen Seiten keiner weiteren juristischen Konkretisierung. Er ist aber jetzt im Licht der russischen Staatsräison – die Existenz Russlands darf durch konventionelle Waffen nicht gefährdet werden – politisch zu bewerten.

Was hindert Deutschland angesichts von 2 Weltkriegen mit Russland an Verhandlungsangeboten? Weil mit Putin nicht gesprochen werden darf ? Ist er nicht der russische Präsident?
Es geht in der Politik der Staaten derzeit weniger um den Streit über Verletzungen abstrakter und auslegbarer Verträge oder die Verletzung des Völkerrechts, sondern vorrangig um den Ausgleich von Interessen. Das kann zum Kompromiss führen, auch zwischen Russland und der Ukraine.
Warum sieht Merz nicht die Aufgabe zur Schlichtung, Merkel wäre da nicht blind.
Wenn die Bundesregierung sich bedingungslos auf die Seite der Ukraine stellt, muss sie wenigstens zeitgleich mit Moskau sprechen. Ansonsten riskiert sie eine vermeidbare militärische Auseinandersetzung.

Was muss nicht also irgendwann, sondern sofort seitens der Regierung Merz geschehen?

Die Regierung Merz muss Gespräche mit Russland aufnehmen. Dazu gehört zu allererst ein Antrittsbesuch bei Putin.
Merz muss die Austrocknung des Energiemarktes, dem Beispiel der USA folgend, durch Aufhebung der Sanktionen gegenüber Russland seitens der EU-Kommission beenden. Das Verbot der EU zur Reparatur der Pipeline Nordstream ist zu streichen und ihre Instandsetzung aufzunehmen.

Vermieden werden muss eine sich zunehmend abzeichnende Spaltung unserer Gesellschaft. Fordern wir doch in einem ersten kleinen Schritt gemeinsam offene Diskussionen, bei denen die Teilnehmer kontrovers diskutieren und es vertragen, dass der andere Teilnehmer Recht haben könnte.

Der Wechsel Berlins von einer Abhängigkeit von den USA hin zu einer Abhängigkeit von Kiew ist zu verhindern.

Reinhart Zarneckow

4 Gedanken zu “Bundeskanzler adé

  1. Lieber Reinhart, bitte werte mein „Gefällt mir“ eher als Kenntnisnahme. Mir scheint, Du betrachtest die Situation anders als ich. Es geht darum, ob man sie aus einer realpolitischen Perspektive (Interessenausgleich) oder einer völkerrechtlichen/normativen Perspektive (Sanktionierung von Aggression) betrachtet.

    Dein Text ist eine schlüssige Argumentation aus einer interessengeleiteten, realpolitischen Sichtweise. „Korrekt“ im Sinne einer unumstößlichen Wahrheit ist er nicht, da er den aktuellen Konsens der westlichen Sicherheitspolitik (Sanktionen als Druckmittel) ablehnt. Er stellt jedoch die legitime Frage, ob der Preis der Prinzipientreue – militärische Eskalation und wirtschaftlicher Abstieg – zu hoch ist.

    Glaubst Du, dass ein Antrittsbesuch von Merz in Moskau ohne vorherige Absprache mit den EU-Partnern überhaupt politisch überlebbar wäre?

    Die Rolle von Friedrich Merz und der Diplomatie als Aufgabe zur Schlichtung. Aktuell verfolgt die Union unter Merz (ähnlich wie die Ampel-Regierung) den Kurs der „Stärke durch Abschreckung“. Argumente gegen sofortige Verhandlungen oder einen Antrittsbesuch bei Putin sind meist: Man wolle nicht „über die Köpfe der Ukrainer hinweg“ verhandeln. Außerdem bedenkt man die Signalwirkung: Ein Besuch in Moskau ohne Vorbedingungen könnte als Legitimation des Angriffs gewertet werden und die westliche Allianz spalten.

    Glaubst Du, Putin würde Merz überhaupt zu Besuch empfangen? Vielleicht an dem langen Tisch, wie bei Scholz, um zu demonstrieren, dass man gar keine Verbindung zueinander hat.

    Der 2-plus-4-Vertrag war die Grundlage für die deutsche Einheit. Allerdings wird die Klausel, dass von deutschem Boden „nur Frieden“ ausgehen soll, heute unterschiedlich interpretiert:

    Die Regierung sieht Waffenlieferungen als Beitrag zur Wiederherstellung des Friedens durch Selbstverteidigung (gemäß UN-Charta). Kritiker sehen darin eine Abkehr vom Geist der Entspannungspolitik.

    Tatsächlich muss man davor warnen, dass der moralisch aufgeladene Diskurs („Gut gegen Böse“) die diplomatischen Spielräume verengt und die Gesellschaft entfremdet. Der Osten hat bereits begonnen, eine neue Mauer aufzubauen, was ich als absolutes No-Go empfinde.

    Beste Grüße und einen schönen Tag!

    Like

    1. Avatar von reinhart43 reinhart43

      Liebe Gisela, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich fühle mich von Dir verstanden. Und ich weiß gar nicht so ganz genau, ob wir soweit auseinander liegen.

      Mein Petitum lautet ja auch, dass die von Pistorius geplante Militarisierung von Bedenkenträgern wie mir hingenommen werden kann, wenn DE zeitgleich Gespräche mit Russland führt. Berlin sollte Moskau zumindest informieren, genauso aber auch andere Möglichkeiten, z.B. die Vereinbarung einer Rüstungsbegrenzung, im Auge behalten. Mir erscheint es unabdingbar, dass DE in Kiew und Moskau seine Interessen darstellt, es darf überdies nicht zum „Schuldner“ von Kiew aufgrund misszuverstehender Zusagen in der Vereinbarung werden.

      Ich behaupte, dass Putin der Krieg langsam über den Kopf wächst. DE hat ein ganzes Füllhorn von Möglichkeiten, also auch durch wahlweise Aussetzung/ Nichtverlängerung von Sanktionen der EU ( die dann immer wieder reaktiviert werden könnten, also dann erneut ein Hebel wären), um Putin ein Einlenken gesichtswahrend schmackhaft zu machen und etwa im Energiebereich etwas für das eigene Wohlergehen zu bewirken. Wenn einige EU-Länder mäkeln – wer zahlt, muss auch führen dürfen.

      Andererseits muss Richtung Kiew gesagt werden, dass deutsche Interessen besonders dann für Berlin vorrangig bleiben, wenn die Ukraine sich anschickt, die Krim oder auch russisch besetzte Gebiete zurück erobern zu wollen. Das bitte dann ohne deutsche Hilfe, es ist bei einer Atommacht riskant und wieviel Jahre soll der Krieg noch dauern.

      Selensky darf sich nicht darauf verlassen dürfen, dass DE bedingungslos solange Milliarden Euro zahlt, bis entweder Russland oder in Deutschland der demokratische Rechtsstaat, der ohne eine starke wirtschaftlich/soziale Komponente nicht funktionieren wird, am Ende sind.

      Wenn das klar ist, sehe ich bessere Chancen für eine Kompromisslösung. Einen Kompromiss müssen beide Seiten wollen, bei Selensky ist seit dem Ausstieg der USA wenig davon zu hören.

      Gefällt 1 Person

      1. Avatar von reinhart43 reinhart43

        Vielen Dank, lieber Christoph. Wichtig werden politische Schritte der kritischen Parteien, die von einer Mehrheit getragen wird. Für diese Mehrheit sorgt die Regierung durch ihre fatale Politik. Dazu bedarf es noch etwas Geduld. Die kritischen Parteien erscheinen mir derzeit zu schlapp, ohne Sarah Wagenknecht ist das BSW nur ein Schatten seiner selbst. Dabei muss es nicht bleiben.

        LG

        Reinhart

        Like

  2. Avatar von Christoph Ehricht Christoph Ehricht

    Ich stimme Reinharts Analyse zu. Eine kluge Politik sieht anders aus. Welche konkreten Schritte realistisch sind kann ich nicht ermessen. Ich hoffe, dass hinter den Kulissen vielleicht doch mehr passiert als uns erzählt wird. Wenn es so weitergeht wird die Verteidigung der Freiheit auf den Schlachtfeldern der Ukraine so enden wie seinerzeit die Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch!

    Like

Hinterlasse einen Kommentar