Durch den Blog von toka-ihto-tales bin ich auf die Dokumentation von Jana Hensel „Volksparteien ohne Volk – Im Osten gescheitert?“ aufmerksam geworden und habe sie mir sofort in der Mediathek angesehen. So geht Ost-Berichterstattung hat mein Bloggerkollege geschrieben, aber lest selbst und seht in der Mediathek nach oder folgt dem unten stehenden Link, solange das Anschauen noch möglich ist.
Teil 2: Vom Haus am Berg in der Gubener Straße zur eigenen Tanzschule auf dem Aurorahügel
Wie ging es nun weiter? (hier Teil 1) „Passend zum Lateinkleid hat unsere Schneiderin Poppi (Christel Popp) das Lateinhemd und die Turnierhose des Herren noch mit Applikationen des goldfarbenen Stoffes des im Exquisitgeschäft in Cottbus gekauften Mantels versehen. Diese Kombination haben erst einmal Antje Thode und Jan Ziske, unser bestes Tanzpaar getragen“, erinnert sich Charlotte. Der Kauf des Mantels wurde von höherer Stelle nicht beanstandet. So richtig kontrolliert wurde man erst nach der Wende, aber davon später.
1969 war Charlotte nach Frankfurt (Oder) gekommen. Sie wollte endlich ihr Wissen aus dem Studium in die Praxis umsetzen und dem Training neue Impulse geben, fand aber dafür vorerst kein offenes Ohr.
1970 ging sie deshalb nach Bad Freienwalde und unterrichtete dort. Der ihr wohlgesonnene Vorgesetzte sah Charlottes Engagement und riet: „Du möchtest doch etwas bewegen, etwas verändern im Tanzsport – es wäre nur vernünftig und erleichterte dir vieles, wenn du in die Partei eintreten würdest.“ „Das leuchtete mir vollkommen ein und ich wurde Mitglied der SED“, erklärt mir Charlotte. Manfred Schuster, Leiter des Kulturzentrums Haus am Berg, holte sie 1973 zurück in die Bezirkshauptstadt Frankfurt. Sie war die einzige, die eine fachliche Ausbildung hatte.
Solange Siegfried Grupe dort tätig war, organisierte er mehrmals im Jahr einwöchige Trainingslager für hochklassige Paare aus der ganzen Republik. Im Haus am Berg gab es dafür einen großen Tanzsaal. Übernachtet haben die Teilnehmer in den Bungalows am Helenesee. Später entdeckte er die Jugendherberge in Bad Saarow als idealen Ort für seine Trainingslager mit einem großen Saal, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten.
„Siegfried hatte gute Kontakte geknüpft zu hervorragenden Trainern. Sie reisten immer zu den Trainingslagern an. Freddy Nowack kam aus Jugoslawien. Bei ihm habe ich verstanden, welche Bedeutung das Absenken beim Langsamen Walzer hat und wie man es richtig ausführt. Trainerehepaar Trautz kam aus Westberlin, war extra für die Rumba engagiert worden. Und dann natürlich Torben Wied aus Dänemark, der alle lateinamerikanischen Tänze unterrichtete. Er war eine große Hilfe nicht nur als Trainer, brachte hin und wieder ein Kleid, Schuhe und sogar Schallplatten mit. Nur nicht eine Tanzpartnerin, mit der er sein Trainingsprogramm vorführen konnte. Auf seinen Wunsch hin sollte ich das sein. Es war anspruchsvoll, aber eben das, was ich gerne tat und immer noch tue – tanzen.“
1975 begann Charlotte, mit Kindern zu arbeiten. „Mit Bewegungs – und rhythmischen Übungen fängt alles an“, so Charlotte im Interview 1983. „Charlotte, du hattest mir vom Frösi – Pokal erzählt, einer der wichtigsten Nachwuchs-Tanzsportwettbewerbe in der DDR, benannt nach der Kinderzeitschrift. Den habt ihr doch öfter gewonnen?“ „Öfter?“, reagiert Charlotte auf meine Frage, „den haben unsere Paare immer gewonnen und waren richtig stolz – wir alle natürlich.“
„unser Forum“ Zeitschrift 3’83
„Seid ihr auch zu Turnieren ins Ausland gefahren?“ „Ja, aber nur ins sozialistische. Einmal ging es zu einem Turnier nach Polen. Ich konnte nicht mitfahren. Unsere Paare, insgesamt drei der A und B Klasse, hatten wieder sehr gut abgeschnitten. Vor der Auswertung sprachen die westdeutschen unsere Paare an, man könne doch gemeinsam zur Siegerehrung antreten. Unsere jungen Leute waren einverstanden. So wurden also die Plätze nicht an die DDR und an die BRD vergeben. Stattdessen hieß es: Platz zwei: Deutschland, Platz drei: Deutschland.“ Ost und West vereint, wenigstens im Tanz und das Jahre vor der Wende. „Unsere Tänzer waren noch nicht wieder zuhause, da wurde ich schon zur SED-Bezirksleitung zitiert. Gemeinsame Sache mit den Westdeutschen zu machen, ob ich meine Paare nicht erziehen könnte. Natürlich, antwortete ich, aber nur im Tanz.“ Weitere Folgen jedoch hatte die kurze Liaison der deutsch deutschen Tanzpaare nicht, bestätigt mir Charlotte.
Gerade so richtig in Schwung gekommen, erzählt sie mir vom Besuch Werner Mandels, Stadtrat für Kultur, im Kulturzentrum. „Er gab die Weisung, dass wir mit unseren Turnierpaaren am 1. Mai an der Maidemonstration teilnehmen und anschließend auf einer Bühne tanzen sollen. Selbstverständlich in Turnierkleidung mit Schuhen und allem drum und dran. Ich lehnte sofort ab. Das kommt gar nicht in Frage. Auf ihrer Bühne können sie Volkstanzgruppen auftreten lassen. Für unsere Spezialschuhe gehen weder der Marsch durch die Stadt noch der Tanz auf der Bühne. Auch unsere Kleider sind nicht dafür gemacht. Obendrein sollte ich noch den Kassettenrekorder mitbringen, den wir mit viel Überredungskunst dem Elektroakustiker Rolf Winkler aus dem Kreuz geleiert hatten. Stell dir mal vor, der war ausm Westen“, empört sich Charlotte noch heute. Herr Mandel zog unverrichteter Dinge von dannen. Wer Charlotte kennt, der weiß, da war nichts mehr zu machen.
Zu machen war auch für Charlotte und ihren Mann René 2023 nichts mehr, außer ihre Tanzschule zu beräumen. Schon schwer angeschlagen durch die Corona-Krise, in der die Schule geschlossen bleiben musste, bedeutete für sie der Beginn der Sanktionen Deutschlands gegen russisches Gas und Öl das endgültige Aus. Heiz- und Energiekosten schossen in die Höhe. Die Menschen hielten ihr Geld zusammen, versagten sich Freizeitaktivitäten wie Tanzen. Die Miete für die Räume ihrer Tanzschule, die sie schon einige Jahre früher verkaufen mussten, wurde erhöht. „Das war finanziell für uns nicht mehr zu machen.“
Nach der Wende hatten sie mutig den Weg in die Selbstständigkeit gewagt. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen boten. Der neue Leiter der Sparkasse verweigerte ihnen anfangs einen Kredit. Auch einen geeigneten Bauplatz zu bekommen, machte die Stadt äußerst schwer, aber sie fanden ihn auf dem Aurorahügel 12.
Moderationskarte
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Sie hörten von einer Baufirma in Nordhorn, fuhren hin, legten ihren fertigen Bauplan vor und in kürzester Zeit stand das Gebäude. 1993 war die Eröffnung der Tanzschule Golz-Glogener. Ihr Slogan: „Tanzen lernt man beim Profi“ und der war seit 1987 nun auch René mit abgeschlossener Ausbildung.
„Es lief richtig gut. Das bedeutet natürlich viel Arbeit und viel Stress. Wir unterrichteten, tanzten anfangs ganze Programme bei den Abschlussbällen. Das hieß auch für uns selbst regelmäßiges Training. Wir nahmen moderne Tanzformen wie Videoclip Dancing und Zumba-Fitness mit auf, hatten Hobbytanzabende und Einzelunterricht für Brautpaare. René kümmerte sich zudem um den Ausschank. Wir hatten eine kleine Bar mit Zapfanlage. Es war unser Traum, den wir uns erfüllt hatten. Ein wenig Ruhe und Ausgleich gaben uns unsere beiden Lieblinge Lolek und Bolek.“
Lolek und BolekFoto: private Sammlung Charlotte Golz-Glogener
Dieses Kleid war Mitte der 90er Anlass für das Finanzamt, in der Tanzschule Golz-Glogener nachzufragen. Im Raum stand die Vermutung, eine private Ausgabe (etwa 2000 DM) als Betriebsausgabe abgerechnet zu haben. Bei Inaugenscheinnahme des Standartkleides bestätigte sich diese Vermutung nicht. Die DDR war längst Geschichte und die Bürokratie der Bundesrepublik in vollem Gange.
Im Februar 2023 hatten wir unser letztes Zumbatraining in Charlottes und Renés Tanzschule. Kurz vor ihrem 30sten Firmenjubiläum, das sie eigentlich feiern wollten. „Anfang April 2023 war soweit alles abgewickelt, zwei Wochen später starb plötzlich René“. Charlotte sucht nach einem Foto in ihrem Smartphone. „Guck mal, René zwei Tage vor seinem Tod.“ Charlotte hatte ihn fotografiert, als er die letzten Gardinenstangen von der Wand abnahm. „Es ist doch nicht zu glauben. Jetzt bin ich 81 Jahre alt, bewege mich regelmäßig, bin fit, bestätigt mir mein Arzt, mache Sport und gehe spazieren. Wäre das alles – angefangen mit Corona – nicht gekommen, wir hätten unsere Tanzschule immer noch.“
Foto: Bettina Zarneckow, Februar 2023
Zum Schluss wollte ich von Charlotte wissen: „Was ist eigentlich dein Lieblingstanz?“ Ihre Antwort: „Langsamer Walzer, Rumba und Tango Argentino.“
Teil 1: Internationaler Turniertanz der DDR in Frankfurt an der Oder
In einem Porträt über die gelernte Chemiefacharbeiterin mit Abitur im Heft „Frankfurt-Information“, Ausgabe September 1983 schreibt die Redakteurin Karin Eberhardt: „Meine Gesprächspartnerin bewarb sich an der Fachschule für Tanz in Leipzig, bekam einen Studienplatz und beendete diese Ausbildung 1968 als Lehrer für Gesellschaftstanz. Seit 15 Jahren wirkt sie am Frankfurter Kulturzentrum. Etwa 350 Tanzstundenschüler bildet sie jährlich aus. Sie lehrt den Mädchen und Jungen nicht nur die Schritte des Foxtrott oder Walzers – auch die Normen der Partnerbeziehungen, Fragen der Ästhetik und des disziplinierten Verhaltens gehören zu ihrem Lehrprogramm.
Die Rede ist von Charlotte Maria Golz-Glogener, heute meine Gesprächspartnerin.
Februar 2025 – 42 Jahre später feiern wir mit Charlotte ihren 80sten Geburtstag, stoßen auf sie und auf alte Zeiten an. Wir, das ist unsere kleine, private Zumbatruppe (wie hier im Blog schon öfter erwähnt). Auch ich hatte zu DDR-Zeiten bei Charlotte Tanzstunden im Rahmen der Jugendstunden der FDJ. (Nachzulesen: „Es war einmal das Haus am Berg“). Und heute? – … tanzt Charlotte immer noch mit, korrigiert uns, ist unser primus inter pares.
Während der Geburtstagsfeier erfahre ich, dass vor 1989 in Frankfurt internationale Tanzturniere stattgefunden haben. Ich staunte, daran hatte ich keinerlei Erinnerung, und wollte mehr darüber wissen. Vor drei Wochen begleite ich Charlotte und meine Sportfreundin Anita auf ihrem regelmäßigen Spaziergang:
„International – was bedeutete das damals? Nur Paare aus den sozialistischen Bruderländern?“ „Nein“, antwortet mir Charlotte. „Wir hatten auch Paare aus der Bundesrepublik, Frankreich, Österreich und Dänemark. Jugoslawien nenne ich hier ebenfalls, weil es nicht zum Ostblock gehörte.“
Siegfried Grupe, angestellt beim Zentralhaus für Kultur der DDR in Leipzig, arbeitete wie Charlotte beim Kulturzentrum in der Gubener Straße. Er begann Frankfurt (Oder) zu einem Leistungszentrum des Tanzsports in der DDR aufzubauen. Anfangs organisierte er die Turniere, setzte sich mit den Kulturzentren der jeweiligen Länder in Verbindung, um Tanzpaare der A und S-Klasse einzuladen, plante den Ablauf der Veranstaltung, bestellte die Wertungsrichter und sorgte für die Hotelunterbringung. „Die Übernachtungsmöglichkeiten waren überschaubar. Und so musste Siegfried manches Mal seinen Charme spielen lassen – er sah aus wie Gerard Philipe -, bekam noch Zimmer im Hotel Stadt Frankfurt, wo ich zuvor eine Absage erhalten hatte“, erinnert sich Charlotte.
Sie half bei der Organisation, bevor sie Anfang der 80er nach dem Weggang Grupes selbst die Turnierleitung übernahm, bis zur letzten Veranstaltung – ein Jahr, bevor die DDR verschwand. Das war Stress pur, so Charlotte und illustriert ihre Aussage mit dem Bericht über ein tschechoslowakisches Tanzpaar, das mit mehr Gefolge anreiste als üblich, die Unterbringung somit erheblich erschwerte, dann noch die Abfahrt zur Veranstaltung verschlief und obendrein die Turnierkleidung im Hotel vergaß.
Moderationskarten Charlotte:
Die Tanzturniere waren Höhepunkt der jährlich stattfindenden Oderfestspiele und der Arbeiterfestspiele 1988. Sie liefen an drei Tagen. Karten dafür waren praktisch nur über Beziehungen zu bekommen. Austragungsort war das Kulturhaus Völkerfreundschaft in der Birnbaumsmühle 72. Damals ein florierender Veranstaltungsort. Es gab einen großen Saal, den Beethovensaal, und genügend Möglichkeiten für die Paare, sich umzuziehen.“ (Ein Haus mit Geschichte, heute zwar unter Denkmalschutz aber leider ein vergessener Ort und beinahe schon eine Ruine)
„Unter Siegfried Grupes Leitung hatten wir immer eine kleine Combo engagiert. Inzwischen war ich mit Hans Golz verheiratet. Er war Major der Volkspolizei, hatte das Standortmusikkorps der VP unter sich und die Idee, künftig die Turniere musikalisch zu begleiten. Hans wusste natürlich genau, was ich brauchte. Zehn Tänze: Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Slow Fox, Samba, Cha Cha Cha, Rumba, Jive, Paso Doble. Es lief hervorragend, richtig gut.“
Standortmusikkorps der VP 1987, Leiter Major der VP MD Hans Golz (Quelle: Facebook, Ffo.aktuell Rocco von Frankfurt, Urheber unbekannt, Bildschirmfoto vom Video)
Charlotte erzählt von dem Problem, angemessene und vom Material her geeignete Kleidung und Schuhe für ihre Paare zu bekommen. „Es war eine Katastrophe.“ In Berlin in der Schönhauser Allee gab es das HO-Schuhhaus Hans Sachs, zu dem eine Schuhmacherwerkstatt gehörte. Dort wurden nicht nur Schuhe repariert, sondern es konnten auch Spezialanfertigungen und Umbauten vorgenommen werden. Gerade im Tanzsport war das ein regelrechter Geheimtipp, Insiderwissen. Wer einmal einen guten Schuhmacher gefunden hatte, gab dessen Adresse an Vereinskameraden weiter. Über die Wartezeit wollen wir lieber nicht reden.
Während die Kleider der westlichen Tänzerinnen aus Perlontüll und Organza gefertigt waren, hatten unsere Damen Kleider mit Baumwolltüll, der bei Wärme und Feuchtigkeit die Form verlor und schwer wurde „wie ein Sack“, beschreibt Charlotte. Selbst die Tschechoslowaken, Polen und Jugoslawen waren mit gutem Tüll ausgestattet. Und so kam es, dass dänische, westdeutsche und österreichische Paare vereinzelt Kleider und Schuhe zurückließen oder extra mitbrachten, weil diese Engpässe offensichtlich und bekannt waren. „Das ging ohne Worte“, so Charlotte.
„Wir hatten eine Top-Schneiderin, eine Perle, sag‘ ich dir. Christel Popp, mit ihrem eigenen Reich bei uns im Kulturzentrum. Sie hat das alles für unsere Paare umgearbeitet, den Tüll und die Pailletten aus alten Kleidern herausgetrennt, für neue genutzt und auch sonst alles für unsere Turnierpaare genäht.“ „Allein?“, frage ich. „Ja ganz alleine.“
Schuhe gab es in Berlin, Stoffe in Cottbus. Charlotte erzählt mir die Geschichte eines Lateinkleides: „In einem Exquisitgeschäft in Cottbus fand ich einen Mantel aus goldfarbenem Stoff genäht. Wunderbar weit und unglaublich teuer. Das Kulturzentrum zahlte die Ausstattung für die hochklassigen Paare, aber eine solche Ausgabe und dann noch für einen Mantel? Ich habe nicht lange überlegt, ihn gekauft, schnell zu unserer Schneiderin gebracht, um ihn sofort auseinandernehmen zu lassen. Unter anderem hat sie ein Lateinkleid daraus genäht. Davon habe ich sogar noch ein Foto.“
Charlotte Golz-Glogener und ihr Mann René Glogener (Foto: private Sammlung Charlotte) mit KI korrigiert
Ob Charlotte dieses Kleid behalten durfte, wie der Kauf des Mantels vor höherer Stelle gerechtfertigt werden konnte, das erfahrt Ihr im zweiten Teil, denn unsere Lehrerin für Gesellschaftstanz hat mir noch viel mehr erzählt.
In der Vergangenheit wurde behauptet, dass sich die Ukraine als Stellvertreter der USA in einem Verteidigungskrieg mit Russland befindet. In der Pressekonferenz des Präsidenten Selenskyj und von Bundeskanzler Merz am 14.4. 26 haben beide das angebliche Verhältnis für erledigt erklärt. An seine Stelle ist die vertiefte strategische Partnerschaft Deutschlands mit der Ukraine getreten.
Dem Bundeskanzler Merz ist zu danken, dass er in der Pressekonferenz hinsichtlich der neuen Rolle Deutschlands beim Ukrainekrieg für Klarheit gesorgt hat.
erstellt mit KI
Zum einen ist die USA unter Trump auf Abstand zur Ukraine gegangen. Zum anderen gilt nunmehr die in Gegenwart des ukrainischen Präsidenten von Merz abgegebene Erklärung, „Russland wird den Krieg nicht gewinnen“ mit der Zusage bedingungsloser deutscher Hilfe. Deutschland wird mit der Vereinbarung der wichtigste Verbündete der Ukraine.
Zur Illustration einige Schlagworte aus der Presseerklärung, die einen Blick in die Merzsche Strategie ermöglichen:
Deutschland sagt der Ukraine zu, „den Druck auf Russland zu erhöhen“, „wird die Ukraine dabei unterstützen, die Rechenschaftspflicht Russlands für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine sicherzustellen, auch durch ein Sondertribunal für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine sowie die Einrichtung einer Internationalen Schadensersatzkommission für die Ukraine“.
Es ist die Rede von der „unerschütterlichen Unterstützung der Ukraine bei der Verteidigung ihrer territorialen Unversehrtheit innerhalb ihrer internationalen Grenzen einschließlich des Küstenmeers und beim Schutz ihrer Freiheit, ihrer Souveränität und ihrer Unabhängigkeit.“
Deutschland wird 2026 der Hauptfinanzier der Ukraine im militärischen und zivilen Bereich, umgekehrt will die Ukraine durch den gemeinsamen Aufbau einer Verteidigungsindustrie und mit der „stärksten Armee Europas“ für die Sicherheit Deutschlands einstehen.
Das Ergebnis soll ein Verzahnen der beiderseitigen Fähigkeiten im laufenden Verteidigungskrieg der Ukraine sein.
Da die Bundesregierung nicht mit Russland redet, kann sie nicht wissen, wie die neue Lage von Putin und seiner Kamarilla bewertet wird.
Könnte die von Merz offenbarte neue Politik als ein Ultimatum an Russland angesehen werden? Gegenüber der Ukraine soll Russland nachgeben, um nicht mit Europa und besonders Deutschland einen nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch militärischen Konflikt zu riskieren?
Wenn das (mit Sicherheit) nicht gemeint ist, muss das angesichts der Merzschen Ansage gegenüber Moskau und Kiew klargestellt werden. Die Mehrheit der Deutschen wollen zwar die Unterstützung der Ukraine, sich deshalb aber nicht in das Risiko eines schwerwiegenden Konfliktes mit Russland reinreden lassen.
Im RBB wird am 21.4. berichtet, dass die Russen aus unbekannten Gründen die Pipeline Druschba für das kasachische Öl ab Mai sperren wollen. Der Reservistenverband schlägt am 20.4. vor, das Höchstalter für Reservisten auf 70 Jahre zu erhöhen. Sind das nur erste Reaktionen auf die Vereinbarung zur strategischen Partnerschaft und was ist noch alles zu erwarten?
Das Dilemma für beide Seiten besteht darin, dass Russland einen Krieg gegen die Ukraine führt und unabhängig davon verstärkt nachrüsten wird, wenn Deutschland und weitere Staaten wie angekündigt auf eine Aufrüstung gegen Rußland mit 5 % des Bruttosozialproduktes setzen. Dabei kann Russland vermutlich nur eine begrenzte Zeit mithalten, genau das könnte in den Augen der Experten auf beiden Seiten den Zeitpunkt für den Ausbruch eines Krieges bestimmen. Es sei denn, die Atommacht Russland übergibt die Krim und alle weiteren besetzten Gebiete an die Ukraine, Putin stellt sich einem Sondergericht und Russland zahlt Reparationen. Könnte das der Plan der Verteidigungspolitiker sein? Ein solcher Plan ist nicht realistisch. Auch für die Experten?
Der Präsident der USA hat jüngst während des laufenden Krieges gegen den Iran „mit der Auslöschung einer Zivilisation“gedroht. Der Historiker Odd Arne Westad nimmt an, dass die Drohung mit einem Atomkrieg nicht mehr die abschreckende Wirkung wie in der bipolaren Welt des Kalten Krieges hat ( FAZ vom 21.4.26 „ Ein großer Krieg wird zum wahrscheinlichen Szenario“). Putin hat öfter auf Russland als Atommacht und seine Atomdoktrin hinweisen lassen. Was seitens der deutschen Experten mit müdem Lächeln als leere Drohung beiseite geschoben wird. In der Tat hat Russland in Gegensatz zu den USA bisher keine Atombombe eingesetzt.
Der Historiker Westad bittet fast flehentlich, zur Vermeidung von Krieg wenigstens Kompromisse anzustreben – „keine Einigung, keine Konvergenz, keine moralische Gleichwertigkeit, sondern lediglich Absprachen wenigstens über einige Probleme, die heute konfliktschärfend wirken“.
Beim Verhältnis Deutschlands zu Russland geht es um einiges mehr. Im Verhältnis Deutschlands mit Russland sollten ungeachtet der Überlegungen der Ukraine Missverständnisse durch Konsultationen ausgeschlossen werden. Die Merz-Töne in der Pressekonferenz bei gleichzeitiger Verkündigung der Vereinbarung einer strategischen Partnerschaft mit der Ukraine waren gegenüber einer Atommacht leichtsinnig und überheblich. Merz provoziert eine ehemalige Besatzungsmacht, die 1991/92 ohne einen Schuss mit über 350000 Soldaten aus Deutschland friedlich abgezogen ist. Pistorius kündet heute den Aufbau der stärksten konventionellen Armee in Europa an und renommiert mit einer Militärdoktrin, die aus verständlichen Gründen vor Russland geheim gehalten werden müsse. Das nimmt der Russe einfach so hin?
Russland begnügte sich 1990 im 2 Plus 4 Vertrag, der den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ermöglichte, mit der abstrakten und vielseitig auslegbaren Vereinbarung, „ dass von deutschen Boden nur Frieden“ ausgehen soll. Weil Russland eine Atommacht ist, bedurfte der Vertrag unter vernünftigen Politikern auf allen Seiten keiner weiteren juristischen Konkretisierung. Er ist aber jetzt im Licht der russischen Staatsräison – die Existenz Russlands darf durch konventionelle Waffen nicht gefährdet werden – politisch zu bewerten.
Was hindert Deutschland angesichts von 2 Weltkriegen mit Russland an Verhandlungsangeboten? Weil mit Putin nicht gesprochen werden darf ? Ist er nicht der russische Präsident? Es geht in der Politik der Staaten derzeit weniger um den Streit über Verletzungen abstrakter und auslegbarer Verträge oder die Verletzung des Völkerrechts, sondern vorrangig um den Ausgleich von Interessen. Das kann zum Kompromiss führen, auch zwischen Russland und der Ukraine. Warum sieht Merz nicht die Aufgabe zur Schlichtung, Merkel wäre da nicht blind. Wenn die Bundesregierung sich bedingungslos auf die Seite der Ukraine stellt, muss sie wenigstens zeitgleich mit Moskau sprechen. Ansonsten riskiert sie eine vermeidbare militärische Auseinandersetzung.
Was muss nicht also irgendwann, sondern sofort seitens der Regierung Merz geschehen?
Die Regierung Merz muss Gespräche mit Russland aufnehmen. Dazu gehört zu allererst ein Antrittsbesuch bei Putin. Merz muss die Austrocknung des Energiemarktes, dem Beispiel der USA folgend, durch Aufhebung der Sanktionen gegenüber Russland seitens der EU-Kommission beenden. Das Verbot der EU zur Reparatur der Pipeline Nordstream ist zu streichen und ihre Instandsetzung aufzunehmen.
Vermieden werden muss eine sich zunehmend abzeichnende Spaltung unserer Gesellschaft. Fordern wir doch in einem ersten kleinen Schritt gemeinsam offene Diskussionen, bei denen die Teilnehmer kontrovers diskutieren und es vertragen, dass der andere Teilnehmer Recht haben könnte.
Der Wechsel Berlins von einer Abhängigkeit von den USA hin zu einer Abhängigkeit von Kiew ist zu verhindern.
"Eine Stadt darf nicht größer werden, als dass die Stimme eines Tentors jeden Bürger gleichzeitig erreichen kann." Hans-Georg Gadamer zitiert Aristoteles.
Diesen Satz hatte ich mir irgendwann einmal aufgeschrieben als Gegenentwurf zu den Herausforderungen im Leben, denen ich mich manchmal nicht gewachsen fühlte und fühle. Kleinere Areale sind überschaubar, kleinere Schulen persönlicher. So wie der Tentor, ein Ausrufer, Bürger erreichen kann, so kann man selbst auch andere Menschen besser erreichen, ebenso die Institutionen in einer immer technisierter und komplizierter werdenden Welt. Eine direkte Verbindung mit Blickkontakt und sofortiger Wirkung kann eine große Erleichterung sein und das Zusammenleben angenehm machen.
Um dieses Zusammenleben in einer kleineren Einheit geht es Simon Strauss in seinem Buch: „In der Nähe – vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht“, aus dem er am 19.02. im Friedrich-Wolf-Theater in Eisenhüttenstadt las. Eingeladen vom Verein LeseHütte. Um die Nähe in einer Kleinstadt, eine Nähe, die im Osten Deutschlands durch die Wende 1989 allzu oft verloren gegangen war, wie die Ostgaragenkomplexe, die in Chemnitz „unlängst zum Kulturschatz“ erhoben wurden. Ein „Dritter Ort“ (Ray Oldenburg) so Strauss, wo Geselligkeit und Gemeinschaft gelebt und nebenbei geputzt und geschraubt wurde.
Simon Strauss, geboren 1988 in Berlin, ist seit Oktober 2016 Redakteur im Feuilleton der FAZ, aufgewachsen in der brandenburgischen Kleinstadt Prenzlau. Um sie geht es auch im Buch. Er erzählt von Geschichte und Gegenwart der Stadt – seit 1687 Militärstandort -, vom Kriegsende 1945, dem Einmarsch der Roten Armee, vom Umbruch nach 1989, dem Umgang mit Flüchtlingen, dem Einsatz des parteilosen Bürgermeisters und Politikern verschiedener Parteien für die Stadt.
Er sei immer auf der Suche nach unerzählten Geschichten. Davon hat er in Prenzlau einige gefunden. Für die Recherche traf er Zeitzeugen und Menschen, die derzeit Verantwortung tragen.
Strauss las aus dem Kapitel „Alles oder nichts“, in dem es um das einst wichtigste Unternehmen der Stadt geht, was nach der Wende von ihm übrig blieb und Prenzlauer daraus gemacht haben.
„Die Geschichte des Armaturenwerks Prenzlau (kurz AWP) ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall. Eine Erzählung von politischem Sieg und ideologischer Niederlage, von Hoffnung und Hochmut, von Ost und West. In ihr spiegelt sich die »Wende« der deutschen Geschichte. Hier lassen sich die gravierenden Veränderungen, die die Wiedervereinigung für viele Menschen – auch in Prenzlau – bedeutete, aus nächster Nähe beobachten. Und auch die Verletzungen nachempfinden, die sie für viele Menschen im Osten unseres Landes bis heute bedeutet.“
Nach Ende seines Vortrags gab es Wortmeldungen aus dem Publikum. Simon Strauss hatte offenbar den Nerv der Zuhörer getroffen. Sie hatten erlebt, was der Autor vortrug. Die republikweite Zerlegung und Schließung von Betrieben durch die Treuhandanstalt. In vielen Fällen übereilt und unnötig, zumindest unverständlich. Der Ausverkauf der DDR, die gestern noch Waschmaschinen, Kameras des VEB Pentacon, Holzspielzeug aus Sonneberg, Textilien und Chemieprodukte nach Westdeutschland exportierte.
Für viele bedeutete das den Verlust des Arbeitsplatzes. In der DDR ein Ort der Nähe, wie Simon Strauss ihn bezeichnet. Kollegen – man unterhielt sich vertrauensvoll, feierte zusammen, machte Betriebsausflüge, traf sich mit manchen in der Freizeit und half sich gegenseitig.
Und heute? Dass die Ostdeutschen stolz sein können, das denkt Matthias Platzeck, ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg, ganz sicher. Nach den Herausforderungen, die sie bewältigen mussten. „Dreiviertel aller Ostdeutschen hatten 1994 einen anderen Arbeitsplatz als 1989. Deindustrialisierung des Ostens, Nichtanerkennung von Abschlüssen, Abwanderung der Jugend (der Kinder) – Verlust von Nähe.“ Platzeck, mit dem sich Strauss in Prenzlau traf, plädiert für ein „offensives Herkunftsbewusstsein, ein Selbstbewusstsein, das der Ost-Identität gut täte. Warum billige man das den Bayern zu, aber jeder, der mit Selbstbewusstsein seine ostdeutsche Herkunft betone, sei irgendwie zurückgeblieben oder im Ernstfall ein Nazi?“
All das erzählt Simon Strauss, der selbst keine ausgeprägte Ost- oder Westindentität empfindet, behutsam. Er weist auf die Wunden der Stadt Prenzlau hin, exemplarisch für andere ostdeutsche Städte und auf Wunden der Menschen selbst, die unter den sich gebildeten Narben meist noch weiter wabern.
Allein die Einleitung voller Poesie und ebenso der Epilog, lohnen das Buch zu lesen. Zum Ende der Lesung prophezeit er der Kleinstadt eine große Zukunft – jeder Kleinstadt, nicht nur Prenzlau. Weil man sich hier nahe ist und begegnen kann, es gemeinsame überwundene Gefahren und glückliche Erfahrungen gibt, auf die man zurückblicken – und sich gemeinschaftlichen Gelingens bewusst werden kann.
An diesem Abend wie bei der Entstehung seines Buches begleitete die in Hamburg geborene Journalistin Helene Bubrowski den Autor. Beim anschließenden Abendessen entwickelte sich zwischen ihr, Reinhart und mir ein angenehmes, dynamisches Gespräch. Frau Bubrowski wollte viel wissen aus der Zeit vor 1989. Besonders von Reinhart, der aus einem Pfarrhaushalt kommend Jura studierte. In den wenigsten Punkten waren wir uns einig. Was für sie nie begreifbar sein wird, sei die Nähe vieler Ostdeutscher zu den Russen, nach allem, was ihnen nach Kriegsende angetan wurde. Ihre Sympathie gelte der Ukraine, die sich verteidigen müsse. Sonst würde bald das gesamte Land und mehr in russischer Hand sein. Reinhart erklärte die Notwendigkeit eines ausgewogenen Abstandes Deutschlands sowohl zu Russland als auch zur Ukraine. Unter den „Befreiern“ 1945 seien eben auch Ukrainer gewesen. 380.000 russische Soldaten wären 1994 nach Versprechungen der Bundesrepublik ohne einen Schuss abgezogen. Ein weites Feld… Einig waren wir uns, was heutige Gottesdienste betrifft. Statt sie bunt und modern zu gestalten, sollte wieder mehr Wert auf die Verkündigung des Evangeliums gelegt werden.
Bettina Zarneckow
Den Verein LeseHütte gibt es nun seit 18 Jahren. Gelesen haben hier schon u.a. Rüdiger Safranski, Thilo Sarrazin, Heimo Schwilk, Jacob Hein, Peter Wensierski, Michael Klonovsky, Martin Mosebach, Jana Hensel und Wolfgang Engler, Jürgen K. Hultenreich. https://www.facebook.com/profile.php?id=100069057973674
v.l. Simon Strauss, Helene Bubrowski, Heidelore Henrich (1. Vorsitzende LeseHütte e.v.), Victor Z.
In einer Zeit, in der in Betracht gezogen wird, DDR-Geschichte aus dem Lehrplan zu streichen, will ich noch schnell ein paar Erinnerungen aus der „Froschperspektive“ festhalten.
Gegen das Bildungssystem der DDR habe ich heute nichts mehr einzuwenden. Es gab eine verlässliche, solide Grundbildung von gutem Niveau, republikweit einheitlich. Das Bewertungssystem war auch für Eltern verständlich, einschließlich der sogenannten Kopfnoten – Betragen, Fleiß, Ordnung, Mitarbeit -, die für mich zu Unrecht umstritten sind. Eine schriftliche Beurteilung gab es zum Schuljahresende noch dazu.
Was aber die Fächer Staatsbürgerkunde und Geschichte (teilweise auch Geographie) betraf, so wollte der SED-Staat nicht nur lehren, sondern nach seiner Ideologie das Bewusstsein formen. Dagegen waren die meisten jedoch ziemlich immun. Man war gewöhnt, zu Hause anders zu sprechen als im öffentlichen Raum.
Mir hat der praktische Unterricht gefallen. Er begann in der Unterstufe mit dem Fach Werken. In der Oberstufe war es das Fach PA = praktische Arbeit, was bedeutete, dass man einen Tag in der Woche in einem Produktionsbetrieb arbeitete. Unsere Schule, die POS Franz-Mehring, hatte einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Reichsbahn und dem VEB Oderfrucht, einer Konservenfabrik. Bei der Deutschen Reichsbahn lernte ich auch, mit einer Standbohrmaschine umzugehen. Ich weiß, was eine Senkbohrung ist und war (bin?) in der Lage, eine solche auszuführen. Am lebhaftesten erinnere ich mich aber an die Herstellung von Wrasenklappen in den Werkräumen des Kulturhauses Völkerfreundschaft, das zur Deutschen Reichsbahn gehörte. Meine Klassenkameradin Beate und ich wetteiferten stets, wer die meisten schaffen würde. Die fünf Jungs unserer Klasse ließen wir spielend hinter uns. Acht Stück war unsere Höchstleistung in einer Unterrichtseinheit. Wobei jede Klappe funktionstüchtig sein und den Augen des Lehrmeisters standhalten musste.
Das „Kaufhaus Freizeit“ in Frankfurt bot verschiedenste Waren an, vom FDJ-Hemd, der Toilettenbrille, der Taucherbrille über elektrische Autobahnen (wenn es sie denn gab) bis hin zu „unseren“ Flachverbindern und Winkeln aus Metall mit Senkbohrung (!) und eben Wrasenklappen, die ich ganz stolz meinen Eltern zeigte, als wir dort einkauften und erstaunt feststellten, dass sie zum Kauf angeboten wurden. Vielleicht war ja auch eine von mir gefertigte dabei.
Nach den Abschlussprüfungen der 10. Klasse mussten alle Absolventen eine Woche im VEB-Oderfrucht zum Erdbeerenentkelchen antreten. Alle, bis auf einen. Die Schulsekretärin hatte sich eine Hilfskraft erbeten. Der heiß begehrte Posten, im Vergleich zur Fließbandarbeit in der Konservenfabrik, fiel mir zu. Das hatte ich der Fürsprache unseres Klassenlehrers zu verdanken.
unser Klassenlehrer in Klasse 9 und 10
Anfangs arbeitete ich unter Anleitung. Zunehmend nahm sich die Sekretärin aber Freiheiten und ließ mich allein. Auch für ein Tête-à-Tête, wie sie mir einmal verschmitzt erzählte. Ich war für das Telefon zuständig, für das Abschreiben und Aushängen der Vertretungspläne und sogar für das Kaffeekochen bei einer Lehrerkonferenz. Schüler holten sich von mir Tafelkreide. Lehrer, überrascht mich im Vorzimmer des Direktors zu treffen, blieben für eine kurze Unterhaltung. Nun auf einer anderen Ebene, so empfand ich es. Die Prüfungen hatte ich hinter mir, die Noten standen fest. Das bis dahin bestehende Lehrer-Schüler-Verhältnis schien verändert, eher vertraulicher. Jedenfalls fühlte ich mich gut. Dem Schülerdasein fast entwachsen, dem Erwachsenwerden auf der Spur.
Dem Erwachsenwerden, das vier Jahre später in einer anderen politischen Ordnung weitergehen sollte. Aus einem Land heraus, das es heute nicht mehr gibt, dessen Menschen aber immer noch da sind. Menschen, die in einer oft ungerechten und falschen Gesellschaft, dennoch ein richtiges Leben geführt haben.
Ganz naiv hatte ich eigentlich gedacht, dass alles Vergangene irgendwann in die Geschichtsbücher eingeht und damit Bestandteil des Unterrichtsstoffs wird.
Sollen nun 40 Jahre DDR herausgeschnitten werden, wie eine faulige Stelle aus einem Apfel?
Was steckt dahinter? Das schlechte Gewissen, einen Teil Deutschlands preisgegeben zu haben? Ist es nicht wissenswert, dass der Osten Deutschlands unter der Kontrolle der Sowjetunion und somit 18 Millionen Menschen Faustpfand für stabile Verhältnisse in Europa waren? Denen die Anpassung an das ihnen zugeteilte und durch eine Mauer „geschützte“ Leben in der DDR heute gerne vorgehalten wird! Dass Familien durch die Teilung Deutschlands auseinandergerissen wurden, sich Jahrzehnte nicht wiedersehen konnten, einige nie wieder? Das alles und die Ereignisse nach dem Mauerfall sollten doch nicht in Vergessenheit geraten.
Leopold von Ranke, einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts, forderte Tatsachen unparteiisch darzustellen, ohne zu richten.
In dem Artikel „Aus der Geschichte lernen?“ zitiert Christoph den Historiker Leopold von Ranke: „… zeigen, wie es eigentlich gewesen.“ (»Geschichten der romanischen und germanischen Völker«, 1824). Folgendes Zitat von Rankes möchte ich noch hinzusetzen aus »Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber«, 1824: „Der Weg der leitenden Ideen in bedingten Forschungen ist ebenso gefährlich als reizend; wenn man einmal irrt, irrt man doppelt und dreifach; selbst das Wahre wird durch die Unterordnung unter einen Irrtum zur Unwahrheit.“
Der leidige Wechsel des Betriebssystems meines PCs führte mich (noch vor meinem Knöchelbruch) nach Frankfurt in die Lindenstraße. Aufgrund seiner guten Bewertungen hatte ich mir den Computer-Service Hemmerling ausgesucht und war überrascht, als ich in in unserem ehemaligen Fotoladen stand. Damals hieß die Straße Oderallee. Nur die Hausnummer ist geblieben: 21. Den Charme unseres Fotostudios hatten die Ladenräume nicht mehr. Ich spürte eine sachliche, tüftlerische, eher ungemütliche Atmosphäre und erzählte dem Inhaber, dass ich vor 36 Jahren hier in diesem Laden gestanden habe. Von der Vorgeschichte der Räume wusste er nichts. Aber in mir kamen Erinnerungen hoch.
Am 9. November 1989 hatten wir eine unserer beliebten Brigadefeiern. Dieses Mal sogar mit Fotografen der Zeitung „Neuer Tag“, der heutigen Märkischen Oderzeitung. Der Ehemann unserer Chefin war dort Fotograf. Wir arbeiteten öfter zusammen, kannten einige Kollegen und wollten einmal gemeinsam feiern.
Atelierfest/Brigadefeier (1988)
Was wir damals noch nicht ahnten, es war die letzte Feier. Denn schon am selben Tag sah unsere Welt und die Welt Deutschlands durch den Mauerfall vollkommen anders aus.
Für Ausflüge und Betriebsfeiern gab es den Donnerstag, den Schließtag unseres Ladens. Wir beeilten uns, Aufträge für den nächsten Tag fertig zu stellen, um anschließend Speisen und Getränke für uns und unsere Gäste vorzubereiten. Gesprächsthemen an diesem Abend waren die Montagsdemos, die es auch in unserer Stadt gab und der Frankfurter Apothekerball vom vergangenen Wochenende (4.11.1989), zu dem meine Kollegin Dani und ich zum Fotografieren bestellt waren. Auf dem Ball in der Gaststätte Beckmannstraße herrschte eine merkwürdig angespannte, zugleich durchaus fröhliche Stimmung. An welchen Tisch ich auch kam, gesprochen wurde über die Großdemonstration in Berlin auf dem Alexanderplatz am selben Tag.
Die Atmosphäre damals überhaupt und so auch bei diesem Ball, weckte in mir das Gefühl, als wären sich alle einer glimmenden Lunte bewusst, die unaufhaltsam einem Sprengsatz entgegen brennt.
Unsere Feier am 9.11.1989 endete zu später Stunde. Ich wunderte mich, dass bei uns zu Hause noch der Fernseher lief. „Stell dir vor“, empfing mich meine Schwester, „die Mauer ist gefallen“. Ich lachte und fragte, wem sie das weis machen wolle. Camilla erzählte, was ich verpasst hatte. Ich war sprachlos. Wir verfolgten weiter die Fernsehbilder. Es fiel schwer, das Geschehen zu begreifen und als real anzunehmen.
Am nächsten Tag konnte ich es kaum erwarten, zur Arbeit zu gehen, die Feier und die Ereignisse des vergangenen Abends auszuwerten und zu spüren, ob sich an unserem Lebensgefühl etwas geändert hätte.
Erst einmal bescherten uns die Worte von Günter Schabowski, „nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich…“, viel Arbeit.
Einige Minuten vor Öffnung um 9.00 Uhr gingen wir gewöhnlich in den Laden, der zwei Häuser von unserer Werkstatt entfernt war. Selten standen zu dieser Zeit schon Leute vor der Tür. Am 10. November 1989 war alles anders. Wir erschraken, als wir sahen, was für eine riesige Schlange an Menschen sich bereits gebildet hatte. Noch blieben die Wartenden geduldig. Schlangestehen war ja Volkssport in der DDR. Aber der Westen mit seinen Möglichkeiten drängte! Den ganzen Tag über wollte der Ansturm nicht enden. Ausnahmezustand – Passbilder für Reisedokumente waren gefragt.
Wir arbeiteten immer zu zweit im Laden. Einer an der Kasse, der andere fotografierte im Atelier. Es ging an unsere Kräfte und unsere Studioblitzanlage lief heiß. Wir mussten sie hin und wieder für kurze Zeit ausschalten.
Kurz vor Ladenschluss um 18.00 Uhr baten wir, dass sich bitte niemand mehr anstellen solle. Vergeblich. Weit nach 18.00 Uhr sahen wir uns gezwungen, die Tür abzuschließen. Lauter, wütender Protest. Schließlich wurde unser Atelier durch den Hintereingang gestürmt. Es war beängstigend. Energische Rufe nach dem Kundenbuch (*1) wurden laut. Ich griff danach, warf es in die Menge und konnte dann sogar die Tür verschließen. Wie lange wir ausharren mussten, bis wir Feierabend machen konnten, weiß ich nicht mehr. Irgendwann zog auch der letzte Kunde ab.
Am nächsten Tag wurden beinahe alle Arbeiten zurückgestellt, weil fast die gesamte Fotoabteilung mit dem Entwickeln und Schneiden von Passbildern beschäftigt war. Sie wurden immer zum nächsten Tag fertig gemacht. Das wollten wir beibehalten, obwohl sich nebenan im Atelier schon wieder ähnliche Szenen wie am Vortrag abspielten. Wer in der Dunkelkammer für die Passbilder verantwortlich war, hatte eine stupide Arbeit zu erledigen und zum Feierabend Blasen an den Händen.
Jedes Bild musste am MD Kopierer einzeln belichtet werden. Dazu wurde die Klappe des Kopierers geöffnet, das Negativ eingelegt, mit einer Maske der Ausschnitt gewählt, Fotopapier aufgelegt und die Klappe solange mit Druck geschlossen gehalten, bis die vorgewählte Belichtungszeit abgelaufen war. Hatte der Kunde vier Passbilder bestellt, wurde der Vorgang weitere dreimal wiederholt, bei acht Stück dementsprechend öfter.
Max Dutschke Kopierer aus Dresden
Wieviel Passbilder wir in den Tagen nach dem Mauerfall auf diese Weise herstellten, kann ich nicht genau sagen, es waren tausende.
Einige Tage vergingen, bis sich der normale Atelierbetrieb wieder eingestellt hatte. In unseren Entwicklerbädern schwammen erste Fotos mit Motiven Westdeutschlands – dem Heidepark in Soltau, der Drosselgasse in Rüdesheim, dem Bodensee mit der Blumenwelt der Mainau, Schloss Neuschwanstein, den Bremer Stadtmusikanten. Aber auch das Ausland, Paris mit dem Eiffelturm und Amsterdam mit seinen Grachten, war dabei. Die Menschen der DDR schwärmten aus, die Orte zu entdecken, von denen sie gehört und gelesen hatten, die in Gedichten und Liedern besungen wurden oder die sie aus früheren Zeiten kannten. Ganz vorn mit dabei die Loreley, die auf dem nach ihr benannten Felsen am Mittelrhein sitzt.
Nach dem Mauerfall wurde unser Mutterbetrieb, das Dienstleistungskombinat, „abgewickelt“. Unsere Chefin übernahm die Fotoabteilung und war nunmehr Unternehmerin. Von sechzehn Angestellten nahm sie vier mit. Auch mich. Für alle übrigen war das ein Schock und sie mussten sich neu orientieren, was in Anbetracht der zunehmenden Arbeitslosigkeit schwer war.
Am Abend unserer Brigadefeier hatte ein Fotograf des Neuen Tags seinem Kollegen und Freund gestanden, ihn jahrelang bespitzelt zu haben. Ein Gewissenskonflikt, der ihm zu schaffen machte und der beide an diesem Abend sehr still werden ließ.
Eine Zeitenwende? Ganz sicher. Hier passt das Wort. Für uns DDR-Deutsche jedenfalls. Erfüllte Hoffnung und offene Zukunft mit neuer Hoffnung. Ganz neue Möglichkeiten, aber auch Einschnitte, Unsicherheiten und Ängste…
Bettina Zarneckow
*1 Das Kundenbuch war in Geschäften und Gaststätten gesetzlich vorgeschrieben, um Beschwerden und Lob von Kunden zu sammeln. Es wurde von der Betriebsleitung, in besonderen Fällen sogar von der Bezirksleitung kontrolliert.
Eine politische Rückschau? Nein, die möchte ich nicht halten. Auch die derzeitige Lage meines Vaterlandes möchte ich nicht betrachten, nachdem ich nun 35 Jahre Bundesbürger bin. Nur einige Erinnerungen.
Kurz nach der Wende überschwemmten unbekannte Dinge den Osten. Auf dem Markt vor dem Frankfurter Rathaus rätselten meine Mutter und ich, was das wohl für eine exotische Kartoffelsorte sei, deren Schale so pelzig war. Die Verkäuferin klärte uns auf: Kiwis. Das Stück für eine Mark. (Das war noch vor der Währungsunion. Danach wurden unsere Ersparnisse quasi halbiert, der Stückpreis für Kiwis aber auch gesenkt.) Nein, wir mussten nicht gleich alles probieren und gingen weiter.
Eine Arbeitskollegin war vor der Wende in den Westen ausgereist und hatte mir ihren Trabi verkauft. Mein erstes Auto. Ich hütete es wie meinen Augapfel und stattete es aus. Fell als Schonbezug, ein Kissen für die Rückbank, den Aschenbecher funktionierte ich zur Ablage um und schlug ihn mit Filz aus. Ein Bekannter meiner Mutter reparierte dies und das an meinem Auto und „motzte“ es ein wenig auf. Es machte ihm Spaß. Wo er die Ersatzteile herbekam, blieb sein Geheimnis. Wir trafen uns in seiner Garage, unterhielten uns gern und stundenlang über Autos, Fußball, Gott und die Welt. Ich saß auf seiner Werkbank, während er an meinem Auto schraubte. Ein Autoradio wollte er noch einbauen.
Das kaufte ich mir kurz nach dem Mauerfall im KaDeWe. Am Staunen über ALLES waren wir DDR Bürger sofort zu erkennen. Der Verkäufer schlug vor, ich solle das Blaupunkt Radio, das ich mir ausgesucht hatte, einige Straßen weiter in einem Geschäft kaufen, das das gleiche Radio wesentlich billiger anbieten würde. Das war für mich nicht zu verstehen. War ich doch Festpreise (EVP) gewöhnt. Wieso sollte es dieses Radio woanders preisgünstiger geben? Ich kaufte das Radio mit integriertem Kassettenteil und vier Lautsprecherboxen natürlich im KaDeWe und war glücklich über den Sound in meinem „Weggefährten“.
Das Wort Stau war meiner Mutter und mir kein Begriff. Wenige Monate nach der Wende kauften wir für meine Mutter einen roten Opel Kadett. Wir bestellten und holten ihn aus Bochum ab. Mein Cousin wohnte dort und arbeitete bei den Opelwerken. Der Wagen war natürlich mit einem Autoradio ausgestattet. Auf der Nachhausefahrt hörten wir mehrfach Staumeldungen. Hatte das für uns eine Bedeutung? Nein, wohl nicht. Erst, als der Verkehr zähflüssig wurde und wir schließlich zum Stehen kamen, begann es uns zu dämmern. Nicht nur dass die Fahrt ohnehin schon ein Abenteuer war, standen wir nun auch noch in unserem ersten „dicken“ Stau.
unser Opel Kadett 1990
Nach der Wende konnte man sich kaufen, was das Herz begehrte. Man brauchte nur genügend Geld. Damals in der DDR hatte man Geld, nur seine Wünsche konnte man damit regelmäßig nicht erfüllen. Es sei denn, man hatte Beziehungen oder startete ungewöhnliche Aktionen. Ein Bekannter wollte sein Bad neu fliesen. Fliesen? Richtig, Mangelware. Er hatte gehört, dass am nächsten Tag beim VEB Baustoffversorgung Frankfurt (Oder) Fliesen an Privatpersonen abgegeben werden sollen. Ansich belieferte die Baustoffversorgung nur Betriebe. Das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, war vielen DDR Bürgern in Fleisch und Blut übergegangen. Also bekam der Mann von seiner Frau Stullen geschmiert, eine Thermoskanne mit heißem Tee, einen Schlafsack, eine Decke und übernachtete vor der Baustoffversorgung. Nicht allein, wie er tags darauf erzählte. Diese Idee hatten auch andere. Seine Nacht war kurz, unterhaltsam und er bekam seine Fliesen.
Verschiedene Dienstleistungen dauerten in der DDR eine halbe Ewigkeit. Fast alles wurde damals zur Reparatur gebracht. Fernseher, Tonbandgeräte, Plattenspieler, Kassettenrekorder, Schuhe, Strumpfhosen, Staubsauger, Uhren. Meine Lieblingsarbeitskollegin, eine herzliche, gepflegte und attraktive Frau, brachte ihre Armbanduhr zum Uhrmacher nebenan und bat mit einem Augenaufschlag um schnellstmögliche Reparatur. Der klein geratene, in seiner ganz eigenen Uhrenwelt lebende Uhrmacher versprach, offenbar von ihr angetan, die Fertigstellung schon zum nächsten Tag. Am folgenden Tag holte sie ihre Uhr ab. Sie bekam sie heil und poliert vom Meister zurück und zückte erfreut ihr Portemonnaie. Wenig später fand ich sie vollkommen geknickt an ihrem Schreibtisch. „Stell dir vor, Betti“, und sie erzählte mir: „Weil ich so eitel bin, du kennst mich ja, Betti, habe ich beim Suchen nach Trinkgeld für den Uhrmacher auf meine Brille verzichtet. Ich wusste, dass ich ein Fünfmarkstück habe, fand und gab es ihm. Eben schaue ich in mein Portemonnaie und sehe, dass ich ihm fünf Westmark gegeben habe. Die Geldstücke haben doch eine ähnliche Größe.“ Das ließ sich natürlich nicht mehr rückgängig machen. Was das für ein schmerzlicher Verlust war, kann man sich heute nicht mehr vorstellen! Wenn wir uns treffen, lachen wir darüber, aber einen kleinen Stich gibt es immer noch.
meine Lieblingskollegin und ich 1991
Wer etwas Besonderes wollte, kaufte im Chic-Laden. Auch hier galt: wer zuerst kommt… Ich brauchte Übergangsschuhe und versuchte mein Glück. Wunderbar, ein paar weiße Stiefel im Westernstyle. Ich fand sie todschick. Es gab sie aber nur in Größe 40 und mit einem kleinen Produktionsfehler. Egal! Meine Größe 39 wurde nicht geliefert, also nehme ich sie eine Nummer größer und trage sie mit einem paar dickeren Socken. Der Fehler, ein kleiner Riss auf dem Spann, weshalb sie wahrscheinlich nicht „nach drüben“ gegangen sind, ist zu vernachlässigen. Ab zur Kasse und 400 Mark auf den Tisch gelegt, das mehrfache meines Lehrlingsgehalts. Wie viele Jahre ich die Stiefel getragen habe, das weiß ich nicht mehr. Die Absätze jedenfalls ließ ich mir mehrmals besohlen. Jetzt gibt es sie nur noch in meiner Erinnerung und auf Fotografien. Vieles ist eben längst Geschichte.
meine Kollegin Dany († 2024), meine weißen Stiefel und ich1991
Bettina Zarneckow
„Trabant“ stammt aus dem Slawischen und bedeutet Begleiter oder Weggefährte.
Bei meiner Geburt war mein Vater 45 Jahre alt. Er starb zwei Monate nach meinem zwanzigsten Geburtstag im Januar 1989. Georg Herbert Johannes Biegon wurde am 10. März 1923 in der Stadt Tost in Schlesien geboren.
Ich weiß wenig aus seiner Kindheit, aber folgende Geschichte hat er uns Kindern erzählt: Seine Familie lebte von der Landwirtschaft und besaß einen Bauernhof in Tost. Zum Hof gehörte neben einem Pferdefuhrwerk auch ein Motorrad. Unerlaubt und längst nicht alt genug dafür, fuhr er mit diesem Motorrad umher, wusste aber nicht, wie er es anhalten sollte. Und so drehte er solange Runden, bis kein Benzin mehr im Tank war. Als Strafe verordnete ihm sein Vater das Knien auf getrockneten Erbsen. Im weiteren Vollzug musste er sich auf einen Stuhl setzen und abwarten, bis sich auch die letzte Erbse von seinen Knien gelöst hatte.
Kommunion meines Vaters
Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Bäcker. Für seine Pfannkuchen war er zeitlebens berühmt. Meine Arbeitskollegen wünschten sie sich regelmäßig. Und so ließ er es sich auch nicht nehmen, sie zu jeder Brigadefeier höchstpersönlich in meiner Fotoabteilung anzuliefern.
Im 2. Weltkrieg war er Soldat bei der Kriegsmarine und sowohl in Italien – Bari und La Spezia -, als auch in Norwegen stationiert. Er erzählte immer gern aus dieser Zeit. Beim Reden wuchsen sein Eifer und seine Gestik. Er mochte die Landschaft Italiens und Norwegens und die Menschen dort, so meine Schwester, die sich an vieles besser erinnern kann. Er sah sich wieder als jungen Mann, Anfang zwanzig, in Uniform auf einem Marineschiff vor fremden Küsten und in Häfen auf den Meeren der Welt.
mein Vater und seine Schwester Lene im September 1941
Mit dem Ende des Krieges geriet er in Kriegsgefangenschaft, kam in ein kleines Dorf bei London und arbeitete in der Landwirtschaft. Auch in England hat es ihm gefallen. Als er entlassen wurde, lag sein Heimatort Tost nicht mehr in Deutschland. So siedelte er sich nahe der deutsch/polnischen Grenze im Oderland an, lebte zunächst in Seelow und zog im April 1962 nach Rathstock, wo er schon vorher einige Jahre Bürgermeister gewesen war.
Er hatte sich das Saxophonspielen beigebracht und tingelte an den Wochenenden mit seiner Band „Die Duranos“ über die märkischen Dörfer. Sachsendorf, Dolgelin, Alt-Tucheband … Vielleicht mag ich seinetwegen das Instrument und seinen Klang so gern, dabei habe ich ihn beim Spielen auf seinem Saxophon nie erlebt. Später kaufte er sich eine Mundharmonika der Marke „Weltmeister“ und spielte für uns zu Hause. Meist Titel seiner Lieblingssängerin Lolita. Wann immer er Marschmusik aus Radio oder Fernseher hörte, hielt er inne, stand auf und vollzog mit den Händen taktierende Schlagfiguren, während sich die Blicke meiner Schwester und mir vielsagend trafen.
In den 50er Jahren absolvierte er eine Weiterbildung zum Verkehrsmeister. Er wurde Leiter des VEBs Kraftverkehr in Seelow. Selbst Busse durfte er fahren. Das zeigte ein grünes Samtemblem mit silbernem Bus, das er am Revers seiner Betriebsuniform trug.
1961 war er Mitgründer des Motorsportclubs Seelow und sein 1. Vorsitzender. 1963 initiierte er das erste Motocross, das bis heute jährlich stattfindet. Wann er Mitglied der SED geworden ist, weiß ich nicht.
Wenn wir später mit unserem Wartburg durchs Oderland fuhren, erzählte er jedes mal voller Stolz, wie er seinerzeit die Haltestellen der Busse festlegte. Er führte auch die Einsatzpläne, wenn Reisebüros Busse orderten. Beim Frankfurter Reisebüro in der Abteilung „Jugendtourist“ arbeitete Fräulein Steinecke, die aus dem elterlichen Fleischereibetrieb ausgestiegen war und beruflich einen anderen Weg gehen wollte. Sie war für die Buchungen von Bussen verantwortlich, rief deshalb häufig in Seelow beim Leiter des Kraftverkehrs an. Eines Tages fuhr mein Vater nach Frankfurt um zu sehen, wer am anderen Ende der Leitung sprach. 1967 heirateten Georg Biegon und Rosemarie Steinecke. Mein Vater war katholisch, ließ sich dennoch mit meiner Mutter im Dom zu Fürstenwalde evangelisch trauen. Noch im selben Jahr im November wurde meine Schwester geboren. Im darauffolgenden November kam ich zur Welt.
Unsere Eltern bezogen eine Wohnung in unserem Haus in Frankfurt. Mein Vater wechselte zum VEB Kraftverkehr Frankfurt, leitete erst als Dispatcher den Taxenfuhrpark. Später, als er aus gesundheitlichen Gründen nur noch eingeschränkt arbeiten konnte, wurde er Obmann für Ordnung und Sicherheit sowie Vertrauensperson bei Schlichtungen innerhalb des Betriebes. In „seinem“ Kraftverkehr war er beliebt. Er galt als tatkräftiger, verlässlicher und vertrauenswürdiger Kollege.
Solange es ihm gesundheitlich möglich war, spielte er in der Betriebsmannschaft Fußball. An Wochenenden fuhr oft die ganze Familie zu den Spielen.
Ein fast unumstößlicher Termin war für meinen Vater der Internationale Frühschoppen mit Werner Höfer, sonntags, 12.00 Uhr in der ARD – sein „Gottesdienst nach dem Gottesdienst“, der regelmäßig mit dem Sonntagsbraten kollidierte. Wie meine Großmutter bis ins hohe Alter, so verfolgte auch er mit großem Interesse Bundestagsdebatten.
Wir hatten einen fürsorglichen Vater. Seine Passion war das Gärtnern. Außer Süßkirschen hatten wir in unserem Garten jedes Obst und Gemüse, was in unseren Breitengraden gedeihen kann. Kartoffeln, groß wie Kinderköpfe, so der Vergleichswert unseres Vaters und davon reichlich. Er kochte, backte, weckte ein. Besorgte Brennholz, brachte uns Kindern das Holzspalten bei und wie man eine Scheitholzmiete baut. Wie viele seiner Kriegsgeneration hatte er den Hang zur Vorratswirtschaft und sorgte sehr für seine Familie. Manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr.
Während meiner Schulzeit hat sich mein Vater im Elternaktiv engagiert. (Das Elternaktiv war eine Gruppe von Eltern, die Probleme der Schüler besprachen und Veranstaltungen und Klassenfahrten planten.)
Hardy, Bernd und Stefan, meine Klassenkameraden, und mein Vater als Begleiter der Klassenfahrt
Er war anerkannt bei den Lehrern. Wann immer Elternbesuche bei problematischen Schülern anstanden, das waren meist Kinder aus den umliegenden Dörfern, die in rauem Familienklima aufwuchsen, baten die Klassenlehrer meiner Schwester und mir um seine Begleitung. Mein Vater tat das gern. Er sprach „die Sprache der Bauern“, hatte Talent zu deeskalieren und konnte gut vermitteln. Seine kräftige Statur und 1.85 m Körpergröße taten das Übrige.
Wie jeder Mensch, so hatte auch unser Vater Eigenheiten. Er neigte zum Jähzorn, zu übertriebener Eifersucht und Sturheit, war ein liebe- und verständnisvoller Vater, der alles für seine Töchter tat – vom Chauffieren bis zur Pflege bei Krankheit.
Ich erinnere mich an eine Begebenheit, ich muss 17 gewesen sein: Ich ahnte nicht, dass mein Vater noch im Garten war, als ich mich dort mit meiner „problematischen“ Verabredung für eine Radtour treffen wollte. Ich sah ein Donnerwetter auf mich zukommen. „In Dinge der Liebe mische ich mich nicht ein. Alles Reden bleibt dabei leider sinnlos und kommt gegen dieses Gefühl nicht an,“ sagte mein Vater und verschwand. Ich war verblüfft und froh über seine Reaktion, fühlte mich frei, ernst genommen, erwachsen und mochte ihn umso mehr. Bis heute denke ich gern daran zurück. Die Verabredung ist längst verblasst, seine Worte nicht!
Meine Mutter hat mich dreiundfünfzig Jahre meines Lebens begleitet. Mein Vater wesentlich weniger. Zum Tod meiner Mutter habe ich ein Gedicht geschrieben, ihre Lebensgeschichte bedacht und aufgeschrieben. Und die meines Vaters? Ich merke, wie froh es mich macht, jetzt auch über sein Leben nachgedacht und Erinnerungen aufgeschrieben zu haben, nachdem ich ihn doch einige Jahre bewusst ausgespart hatte.
Passt das nun alles zusammen? – Soldat im 2.Weltkrieg, Katholik und Genosse, Bürgermeister und Mitglied im Vorstand des Kleingartenvereins, an internationaler Politik Interessierter und Musiker, Weitgereister und in der DDR Festgesetzter? Ja, für mich passt das gut, denn es ist der Lebenslauf meines Vaters.
Bei meiner Recherche hat mir Frau Buchwald vom Archiv des Landkreises Märkisch Oderland sehr geholfen.
Der Ort ist immer noch der gleiche. Die Zeiten haben sich nur geändert. Heute am 1. Mai 2025 habe ich selbst entschieden, hier, im Zentrum meiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) zu stehen.
In den 70er und 80er Jahren bin ich dort gewesen, weil es Pflicht war. Lästige Pflicht einerseits. Ein schul- und arbeitsfreier Tag andererseits, den man nach dem Passieren der Ehrentribüne am Ende der Karl-Marx-Straße nach Herzenslust verbringen konnte. Mit ein wenig List und Mut auch schon vorher.
Die Rede ist von den Maidemonstrationen zu Zeiten der DDR, am Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse. Als ich noch Schülerin war, mussten wir uns auf dem Schulhof vor dem Schuppen unseres Mathematik- und Werkunterrichtslehrers einfinden, der für die Ausgabe von Transparenten, Fahnen und sonstigen Winkelementen verantwortlich war. Man versuchte zu vermeiden, sich mit derlei Dingen ausstatten zu lassen. Mit der Absicht, bei günstiger Gelegenheit die Demo vorzeitig zu beenden.
Klasse 9a 18. POS
Meine 18. und die danebenliegende 4. POS starteten in der August-Bebel-Straße Richtung Stadtzentrum. Hin und wieder stoppte der Zug. Andere Gruppen oder Betriebe reihten sich ein, um in genau geplanter Reihenfolge die Ehrentribüne zu passieren. Sie war bestückt mit hochrangigen Persönlichkeiten der Stadt. An der Spitze der nicht unbeliebte Oberbürgermeister Fritz Krause, dem die Stadt unter anderem den Erhalt der Marienkirche zu verdanken hat. Von der Tribüne aus verlas unsere Schulgarten- und Zeichenlehrerin, wer alles den dort stehenden Genossen gerade zuwinkte und welche herausragenden Leistungen die Vorbeiziehenden zum Wohle des Volkes und zur Stärkung des Sozialismus vollbracht hatten.
Ja, die Werktätigen haben wirklich einiges geleistet. Wie wir heute sehr genau wissen, gingen viele unserer Produkte in verplombten LKW in den Westen. Waschmaschinen, Schreibmaschinen, Füllfederhalter, Textilien, optische Geräte und mehr, die nicht nur über Versandhäuser wie Neckermann und Otto vertrieben wurden. Uns blieb ein geringer Teil dessen und die Waren mit Mängeln. Aber das soll heute nicht mein Thema sein.
Ich erinnere mich an eine Maidemonstration, es muss 1983 gewesen sein, bei der meine Freundin und ich beschlossen hatten, den Zug frühzeitig zu verlassen. Das war natürlich verboten. Es ging gut aus, wie fast immer. Unsere Lehrer waren diesbezüglich großzügig und übersahen oftmals diese kleinen Fluchten.
Lehrerkollektiv 18. POS
Als unser Demonstrationszug von der Sophienstraße in die Halbe Stadt einbog, liefen wir beide im angrenzenden Lennépark den Berg hinunter und verharrten eine Weile ungesehen. Ganz ohne Herzklopfen ging das natürlich nicht ab. Wir ersparten uns auch nur ein Drittel der gesamten Tour, aber es war ein leichter Ungehorsam gegen die herrschende Ordnung. Das zunächst etwas unsichere Gefühl wich schnell einem Hoch- und Freiheitsgefühl. Mit dem wir dann beschwingt durch die Stadt bummelten.
Ein weiteres nicht gestattetes Entfernen vom Demonstrationszug leistete ich mir während meiner Lehrzeit. Ich war gerade unglaublich verliebt und verabredete mich mit dem Grund dafür am Karl-Ritter-Platz. Dort hatte ich am frühen Morgen mein Moped abgestellt. Das war in den 80ern ungefährlich. Die Grenze nach Polen war geschlossen – Fahrzeuge konnte man beruhigt unbeaufsichtigt abstellen. Dann ging ich zum Treffpunkt unserer Fotoabteilung. Die Route des Maimarsches war immer dieselbe. Wir reihten uns am „Weißen Rössel“ ein. Ja, das gibt es auch in Frankfurt (Oder), nur in anderer Schreibweise. Eingangs der Karl-Marx-Straße ließ ich meine Arbeitskollegen allein weiter ziehen und verschwand Richtung Ritterplatz. Nur wenig später eilte mir meine „Verabredung“ entgegen. Er hatte sich auch vor Ende der Demo loseisen können, und wir fuhren auf meinem Moped Richtung Oderwiesen für einen ausgedehnten Spaziergang.
Natürlich bin ich bei jeder Maidemonstration mitgelaufen. Mit meinen Klassenkameraden war es unterhaltsam und bei meinen Arbeitskollegen habe ich mich sogar wohlgefühlt.
Fotoabteilung des DLK Frankfurt
Die Idee, die Coronaimpfung mit einer Bockwurst zu belohnen, war übrigens nicht neu. In der DDR gab es nach absolvierter Maidemo einen Gutschein für eine Bockwurst, den man auf dem sich anschließenden Volksfest einlösen konnte. Außerdem wurden am folgenden Tag am Arbeitsplatz 5 Mark Zielprämie ausgezahlt. Ob ich diese Prämie auch bekam, obwohl ich die Ziellinie nicht überschritten hatte, den Oderspaziergang vorzog, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war mir der Spaziergang wesentlich mehr wert!
Volksfest auf dem Rathausplatz 1987 Foto: Hartmetz
36 Jahre später nehme ich wieder aktiv am Maifeiertag teil. Diesmal unterstütze ich meinen Mann am Stand der Partei, in die er vor einem Jahr eingetreten ist. Von ihm ist seine politische Meinung gefragt. Mir erzählen die Menschen aus ihrem Leben, auch wie es damals für sie war, vor mehr als 36 Jahren.