Die Russen in Frankfurt an der Oder

Ostdeutsche Kindheitserinnerungen

„Man muss nicht zum Heiligen werden, um das eigene Leben, die eigene Freiheit und die seiner Lieben verteidigen zu dürfen. Und man wird nicht zum Teufel, wenn man – verbohrt und verführt, machtverstrickt und verirrt, dumm und in Böses verliebt – über die Freiheit, das Recht und das Leben des Nächsten herfällt. Man bleibt auch dann noch Mensch. Das ist unser Elend, und das ist unsere Würde.“ EKD-Vorsitzende Kurschus 08.06.2022 FAZ

https://www.faz.net/aktuell/politik/ekd-ratsvorsitzende-zum-ukraine-krieg-freiheit-und-recht-verteidigen-18084139.html

Merke: auch Präsident Putin ist also ein Mensch. Und sind nicht sogar die Russen Menschen wie wir?

Ich denke an mein Leben in der DDR, den Alltag mit den „Waffenbrüdern“ und „Freunden“ – russische Uniformen, Militärfahrzeuge, süßlicher Parfümgeruch, Kinder in Schuluniformen, Mädchen mit ihren Zöpfen, die mit sogenannten Propellerschleifen zusammengehalten wurden.

Unser Geschirr schütterte, wenn russische Panzer unter ohrenbetäubendem Lärm an unseren Fenstern in der Rathenaustraße vorbeirollten. Ihre Ketten hinterließen kreideähnliche Spuren auf den Straßen. Es brauchte Wochen, ehe sie von Regen und Alltagsverkehr wieder beseitigt waren.

Bild: s00.yaplakal.com

Es herrschte eine besondere Form friedlicher Koexistenz zwischen Russen und Deutschen. Man nahm sich wahr, hatte nicht viel miteinander zu tun. Die russische Garnison hatte ihr Eigenleben, ein eigenes Krankenhaus, eigene Kindergärten und Schulen.

Wir deutschen Kinder wagten manchmal eine Mutprobe, wenn wir Uniformierte mit den Worten „Kamerad Emblem“ um ein Abzeichen baten. Nicht selten kam ein abwehrendes „niet“ als Antwort. Einige blieben aber auch stehen, überlegten welches der Abzeichen sie entbehren könnten, lösten es von ihrer Uniform und schenkten es uns.

Die Versorgungslage in der DDR war nicht rosig. Es war ärgerlich, wenn die Offiziersfrauen begehrte Waren vor der Nase wegkauften. Konsterniert und erbost war ich, als mir an einem heißen Sommertag eine Russin eine Wassermelone aus dem Einkaufskorb nahm, zur Kasse ging, bezahlte und verschwand. Ob sich meine energische Schwester das hätte gefallen lassen? Ich jedenfalls, vielleicht neun Jahre alt, war sprachlos. Bekam das Schuhgeschäft in der Rathenau- Ecke August-Bebel-Straße Ware, waren die Offiziersfrauen allzu oft schon vor uns dort. Die Schuhe wurden gleich angezogen und die alten im Papierkorb vor dem Geschäft entsorgt.

Russisch war ab der fünften Klasse Unterrichtsfach. Als ob das nicht genug gewesen wäre, sollte man auch Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft werden. Meine Erklärung vor der Klasse, mein Onkel sei viele Jahre im russischen Internierungslager gewesen, ich müsse das ablehnen, wurde schweigend angehört. Unsere Russischlehrerin, Frau M., eine respekteinflößende ca. 1.85 m große Frau mit dunkler Stimme, behielt mich einige Zeit später nach dem Unterricht zurück. Die freundliche Unterredung endete mit meiner Mitgliedschaft in der DSF. Über den monatlich zu zahlenden Beitrag ärgerte ich mich jedesmal. Nach der Wende erzählte Frau M. meiner Mutter, dass sie in Greifswald von dem Pfarrer Dietrich Zarneckow konfirmiert worden war. Sie hatte erfahren, dass ich seinen Sohn geheiratet hatte.

Brieffreundschaften mit Schülern der Sowjetunion waren ein großes Thema. Jeder sollte und wollte einen Brieffreund oder – Freundin haben. So sollte von Staats wegen die Bindung zu den russischen Freunden gestärkt und Sprachkenntnisse verbessert werden. Das war bestimmt nicht die schlechteste Idee unserer Genossen. Bei einigen verliefen die Briefwechsel im Sande. Bei anderen hielten sie ewig.

Bei Herrn Gurck, einem Orchestermitglied des Frankfurter Kleisttheaters, hatten meine Schwester und ich Klavierunterricht. Oft im Turmzimmmer auf dem Theatergelände. Genauso oft aber auch in der gelben Kaserne in der Bebelstraße, von 1945-1991 das Haus der russischen Offiziere (heute Sprachzentrum der Europa-Universität Viadrina). Hier stand ein alter, ziemlich verstimmter Flügel, den wir nutzen durften. Ohne jegliche Kontrolle und völlig selbstverständlich betraten und verließen wir die Kaserne, meist mit einem „Strastwuitje“ (guten Tag). War der große Raum gerade besetzt, räumten Offiziere oder Soldaten sofort für uns das Feld. Klaviernoten gab es kaum zu kaufen. Mit Pionier- und FDJ Liedern natürlich schon. Unsere Mutter hatte für uns noch Noten aus ihrer Kindheit, einfache Kinder- und Volkslieder. Herr Gurck stieß auf dieses russische Notenbuch, dessen Stücke wir durchaus mochten.

Was wir immer wieder beobachteten und meinen Eltern besonders leid tat, war der Drill blutjunger, russischer Soldaten, die fern der Heimat, abgeschottet vom Leben, in den Kasernen ihren Dienst tun mussten. Man sah und hörte sie eigentlich nur, wenn sie, oft bei größter Hitze, Dauerläufe mit langen Hosen und schweren Stiefeln absolvierten. Was innerhalb der Kasernen geschah, das wusste niemand.

Es gab in Frankfurt mehrere Russenmagazine. Zu gern gingen wir Kinder dort einkaufen. Süßigkeiten natürlich. Während der Fleischstand nicht gerade appetitlich wirkte, roch es in der Obstabteilung im Sommer nach reifen Früchten. Wir interessierten uns aber nur für das russische Konfekt. Es lag lose in Warenkörben, nach Sorten getrennt. Jedes Stück dieser Köstlichkeiten war in buntes Papier gewickelt, mit einem Bild darauf. Ich erinnere mich an das eines Braunbären. Dabei dachte ich an das russische Märchen: Mascha und der Bär. Bezahlt wurde bei einer akkurat gekleideten und gepflegten, unnahbar wirkenden Dame. Sie schob an einer Art Rechenmaschine (Abakus) schwarze und helle Kugeln in rasanter Geschwindigkeit von A nach B, hin und her, vor und zurück, mal in der oberen Reihe, mal eine Reihe tiefer, bis sie auf diese geheimnisvolle Weise zu einem Ergebnis gekommen war.


Русские счеты – Russischer Abakus
https://www.menar-rf.ru/o-nas/uchebnye-posobiya-i-materialy.html

Was gibt es noch zu erzählen: Als die Russen 1945 nach Frankfurt kamen, quartierten sich Offiziere in Häuser der Deutschen ein, die sich dann eine andere Bleibe suchen mussten. So auch in das der Familie Schlenz in der Leipziger Straße. Karl Schlenz war der Bruder meiner Großmutter. Um das Haus im Auge zu haben und auch sonst ein wenig nach dem Rechten zu sehen, ging seine Frau Lenchen mit ihrer Tochter fast täglich in das Haus und sorgte für Ordnung. Die kleine Heidemarie spielte gerne mit einem leeren Puppenwagen. Ihre erste Puppe legte ihr ein russischer Offizier in den Wagen. Es war eine ausgestopfte Eule. Später bekam sie von ihm eine richtige Puppe. Sie hieß Katja. Die Frau des Offiziers und ihre Kinder, zwei Jungen etwa 4 und 5 Jahre alt, haben sie auf diesen Namen getauft.

Ob das nun alles Russen waren, von denen ich hier berichtet habe, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Höchst wahrscheinlich waren darunter auch Georgier oder Letten, Tataren oder Ukrainer. Alle wurden „Sowjets“ oder ganz offiziell sowjetische Freunde genannt. Bestimmt waren aber alle Menschen.

Bettina Zarneckow

Ostdeutsche Zeitenwende – die New Yorker Philharmoniker in Peenemünde

Bettina Zarneckow

Ich blicke zurück auf den Dezember des Jahres 2021: Es gab noch keinen Krieg in der Ukraine, meine Mutter lebte noch. Die Welt war in Ordnung. Oder nicht? Für mich war sie es.

Anfang des Monats bekam ich eine WhatsApp von unserem Freund Christoph Ehricht mit dem Hinweis auf ein Konzertwochenende im Mai in Peenemünde, organisiert vom Usedomer Musikfestival. Eingeladen zum 20. Geburtstag der Friedenskonzerte waren die New Yorker Philharmoniker. Wir beschlossen an einem der Konzerte gemeinsam teilzunehmen. So saß ich am 11.12.2021 am Computer und erwartete ein wenig angespannt die Freischaltung des Kartenvorverkaufs, die wirklich Punkt 9.00 Uhr erfolgte. Einige Klicks und ich hatte für Reinhart und mich Karten im Warenkorb. Hui, nicht gerade preisgünstig, aber wir sparten ja die Reisekosten nach New York, hatten Christoph und ich uns zuvor beruhigt.

Noch immer spüre ich bei solchen Ereignissen meine Prägung durch die DDR. Die Möglichkeit, derartige Konzerte besuchen zu können, ist für mich, und das Gefühl werde ich mir hoffentlich bewahren, eine beglückende Besonderheit. Keine Selbstverständlichkeit. Genau wie meine sechs Udo Jürgens Konzerte, die ich immer als ein Wunder ansah und während mancher Melodie glaubte, inmitten eines Traums zu sein. Verrückt und unglaublich schön!

Wir hatten uns für das erste Konzert am Freitag mit dem Pianisten Jan Lisiecki entschieden. Vor Beginn sahen wir uns das Gelände mit dem alten Kraftwerk an. Es ging 1942 in Betrieb und versorgte die Heeresversuchsanstalt (HVA) mit Strom, in der die erste funktionsfähige Großrakete Aggregat 4 (später V2 genannt) unter Wernher von Braun entwickelt und getestet wurde. Die HVA war bis 1945 das größte militärische Forschungszentrum Europas. Auf einer Fläche von 25 km² arbeiteten 12000 meist Zwangsarbeiter gleichzeitig an Waffensystemen, die im 2. Weltkrieg eingesetzt wurden und Vorläufer von heute eingesetzten Raketen im Ukrainekrieg sind. Das alte Kraftwerk wurde nach dem Krieg als einziges Gebäude nicht gesprengt, zu DDR-Zeiten weiter zur Stromerzeugung genutzt und beherbergt seit 1991 das Historisch-Technische-Museum sowie einen Konzertsaal.

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Was traf an dem Wochenende auf diesem historischen Grund nicht alles zusammen?!

  • Die New York Philharmonics, 106 Orchestermitglieder, die nach drei Jahren coronabedingter Pause erstmals wieder in Europa zusammen auftraten.
  • Ihr Dirigent Jaap van Zweden – Niederländer.
  • Die Solisten: Anne-Sophie Mutter (Violine) – Deutsche.
  • Jan Lisiecki (Klavier) – in Kanada geborener Sohn polnischer Eltern.
  • Thomas Hampson (Bariton) – Amerikaner.
  • Und ein internationales Publikum.
Jan Lisiecki

Um in den Konzertsaal zu gelangen, gingen wir Freunde der Musik erst einmal geordnet durch das Kesselhaus, über eine Treppe in das Maschinenhaus. Vorbei an Maschinen – Zeugen längst vergangener Zeiten, die einst hier ihren Dienst taten.

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Die Atmosphäre war beeindruckend. 1200 Menschen mit und ohne Maske (die wegen Covid 19 verhängte Maskenpflicht war aufgehoben) stiegen über eine Metalltreppe und dann durch eine Art Luke in den Turbinensaal. Sofort stand man vor dem Orchesterpodest, auf dem die New York Philharmonics bereits ihre Instrumente stimmten.

Ein paar Fotos, dann den Platz gesucht und einfach nur alles in sich aufnehmen:

Die Europapremiere von Nina Shekhars Komposition „Lumina“ – ein Stück, in dem elf Minuten lang die Sonne aufgeht.

Mein Lieblingsstück an diesem Abend das Klavierkonzert Nr. 5 von Ludwig van Beethoven, gespielt von Jan Lisiecki. Beethoven komponierte dieses Klavierkonzert 1805 in einer Zeit als Napoleons Truppen Wien belagerten und auch sein Wohnviertel dort unter Artilleriebeschuss stand.

Nach einer Pause dann die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur op.70 von Dimitri Schostakowitsch. Der Komponist sollte die siegreiche Beendigung des Zweiten Weltkrieges „musikalisch kommentieren“, so der Auftrag von der KPdSU. Schostakowitsch: „Aber in einem Krieg mit zig Millionen Toten gibt es doch eigentlich nur Verlierer.“

Dass ausgerechnet Schostakowitsch gespielt und nicht aus dem Programm genommen wurde, empfand ich als ein wohltuendes, starkes Zeichen ganz im Sinne dieser Friedenskonzerte. Am Schluss – tosender Beifall, wie ich ihn lange nicht mehr erlebt habe.

Man sagt so einfach: Die New Yorker Philharmoniker gastierten in Deutschland, im Kraftwerk von Peenemünde, spielten Beethoven, Previn und Schostakowitsch. Aber es ist doch wie ein Jahrhundertereignis, an dem wir teilhaben konnten und das uns begeistert und sehr beeindruckt hat. Ich möchte es jedenfalls vor dem Hintergrund des groteskerweise als Zeitenwende bezeichneten derzeitigen Weltgeschehens so sehen.

Und ich muss noch dies im Hinblick auf die sich aneinanderreihenden Weltereignisse gestehen: Reinhart und ich verlebten anschließend ein wunderbares Restwochenende in Zinnowitz bei schönstem Strandwetter und gutem Essen, bevor wir am Montag wieder nach Hause zurückkehrten.

Eine Kapitulation der Russen ist nicht zu erwarten, Deutschland sollte sich darauf einstellen

Es könnte Gründe dafür geben, dass Deutschland seine Parteinahme für die Ukraine beendet. 

Doch zunächst möchte ich mich verorten. Wie ist es möglich, dass ich ungeachtet des völkerrechtswidrigen Überfalls von Russland unter Putin auf die Ukraine, des Elends der hunderttausenden Flüchtlinge und der Hinterbliebenen, die den Tod ihrer Kinder, Mütter oder Väter mit großer Würde betrauern, einer Unterstützung der Politik des ukrainischen Präsidenten Selenskyj misstrauisch gegenüber stehe?

Meine Vergangenheit in der DDR ist wieder einmal schuld. 

Es gab und gibt Stimmen, die aus dem kalten Krieg bis 1989 meinen, einiges gelernt zu haben. Es habe damals ein Patt der Atommächte gegeben, die Kräfteverhältnisse waren tatsächlich bipolar zwischen den Atommächten USA und der Sowjetunion verteilt. Die Kubakrise und Prag 1968  statuierten für jedermann sichtbar, dass die Weltmächte USA und SU die beiderseitigen Machtbereiche präzis zu respektieren haben. Wir haben in der DDR das Leben hinter der Mauer, mit all den Drangsalierungen und der Unfreiheit, nicht fröhlich akzeptiert. Nicht nur wegen  einer besonders durch den 17.Juni 1953 eingeimpften Angst vor Repressalien aller Art, sondern vielleicht auch mehrheitlich in der verborgenen Einsicht, dass diese kalte Friedensordnung für Europa angesichts unzähliger Kriege erhalten werden musste. Selbst wenn wir als Ostdeutsche  die „Arschkarte“ gezogen hatten. Und etwas haben wir auch auf einen menschlichen Sozialismus gehofft, dafür steht der Name Havemann.

Ohne es mir damals zugestanden zu haben, wir haben akzeptiert, die Mauer nicht mit Gewalt zu beseitigen. Wir waren vom Scheitel bis zur Sohle „Realpolitiker“.

Veränderungen im Bereich des Warschauer Paktes mussten von innen und nicht von außerhalb ausgehen, das war die Erkenntnis. So kam es zur auch in diesem Sinne friedlichen Revolution in der DDR und den anderen sozialistischen Staaten unter dem Vorzeichen der Ermöglichung von Reformen. Und danach gab es den 2 plus 4 – Vertrag, der zur Beendigung der Besetzung Deutschlands führte. 1993 verließen 400 000 Soldaten der ehemaligen Sowjetunion friedlich Deutschland.

Das ist der Ausgangspunkt meiner Überlegungen zum Krieg in der Ukraine.

Bei dem Maidan steht im Raum, dass da „höhere“ Kräfte von außen mitgewirkt haben, ein wenig „gemogelt“ wurde, Oligarchen mitspielten. Die Rede ist von Investitionen in einen Politikwechsel in Höhe von 2 Milliarden Euro, Russland machte ebenfalls finanzielle Angebote. Russland will partout berechtigt oder nicht den Maidan in seinen Folgen keinesfalls als legitim anerkennen.

Es kam auch wegen der Intervention der Atommacht Russland zu einem Zerfall der Ukraine. Russland eignete sich durch eine völkerrechtlich umstrittene Sezession die Krim an. Daneben entstanden Luhansk und Donezk, die ohne Russland nicht existieren würden.

Ich sage es frank und frei. Wenn die Ukraine im Jahr 2022, also acht Jahre später, ein roll back für die Krim, Luhansk und Donezk anstrebt, den Status quo aus der Zeit vor den Ereignissen des Maidan, dann bitte nur mit eigenen Verbündeten und aus sich selbst heraus. Jedenfalls sollte das gelten, solange die Forderungen der Atommacht Russland die Unabhängigkeit der Ukraine nicht ausschließen. Auf eine Kapitulation der Ukraine laufen die Forderungen  Russlands nicht mehr hinaus.

Deutschland wurde von Russland nicht angegriffen, es bestehen keinerlei Beistandsverpflichtungen Deutschlands. 

Wenn die USA ohne Verabredung erklären, nicht für die Ukraine kämpfen zu wollen und dann einen Wirtschaftskrieg auslösen, der die deutsche Wirtschaft schwerer als Russland treffen könnte,  missachten sie europäische und deutsche Interessen. Wegen einer solchen Politik muss sich Deutschland weder aus Gründen der angeblichen Solidarität noch aus einem Mitgefühl mit den schwer geplagten Ukrainern  ins eigene Knie schießen. Wobei ich meine, dass ein Wirtschaftskrieg zwar den politischen Akteuren wie den eloquenten und kühnen ukrainischen Präsidenten, nicht aber seinen auf der Flucht befindlichen Ukrainern hilft. 

Bundeskanzler Scholz telefoniert oft mit den Präsidenten. Er sollte vor einer Entscheidung zum weiteren Handeln beiden ultimative Fragen stellen. Und dann eine Entscheidung für Deutschland politisch nach innen und außen durchsetzen:

Trifft es zu, dass Russland nichts an der schon seit einigen Jahren bestehenden Separation der Krim von der Ukraine ändern lassen und darüber hinaus ihre Eingliederung bei Russland aufrecht erhalten will? Bleibt es bei der von Russland erklärten völkerrechtlichen Anerkennung der Gebiete von Donezk und Luhansk? Anerkennt Russland eine Unabhängigkeit der Ukraine ohne Mitgliedschaft bei der NATO?

Präsident Selenskyj sollte gefragt werden, ob es bei seinen Erklärungen Anfang März  in einem Interview mit dem US – Fernsehsender ABC bleibt. Hier sah er noch unterhalb der völkerrechtlichen Anerkennung Verständigungsmöglichkeiten für die Rebellengebiete aber auch für die Krim, auf die Zugehörigkeit der Ukraine zur NATO bestand er nicht mehr.

Nur bei einer solchen Ausgangslage erscheint das Abwarten eines Ergebnisses der Gespräche der Verhandlungsdelegationen, bei denen einiges moduliert werden könnte, sinnvoll. Ein gewisser Druck in form einer Teilnahme an den Verhandlungen  sollte durch Frankreich und Deutschland unbedingt ausgeübt werden. Weil sie an Minsk 2 beteiligt waren und somit eine besondere Verantwortung für Russland und die Ukraine tragen. Verantwortung aber auch für die in den Krisengebieten lebenden oder daraus flüchtenden Menschen auf sich genommen haben.

Nunmehr hat allerdings Präsident Selenskyj erklärt, dass die territoriale Integrität der Ukraine unangetastet bleiben muss. Frieden also erst, wenn die völkerrechtlich umstrittene Separation der Krim zugunsten der Ukraine beendet worden ist? Hinsichtlich Luhansk und Donezk eine Wiedereingliederung der Rebellengebiete erfolgt ist? Der letzte russische Soldat die Ukraine verlassen hat? Russland sein Unrecht einsieht  und in dem Sinne kapituliert, dass es sämtliche Forderungen der Ukraine anerkennt? 

Wenn der ukrainische Präsident das so sieht, sollte Deutschland die Einstellung jedweder Unterstützung der Ukraine für diesen Fall ankündigen.

Es gibt viele Gründe.

Die Atommacht Russland wird nicht kapitulieren.

Wir haben an einem Zerfall von Russland kein Interesse. Gegenwärtig stellt es offenbar seine Streitkräfte so um, dass es den östlichen Bereich der Ukraine einschließlich der Krim und einige Anliegergebiete beherrscht. Dazu bedarf es keines Abkommens mit der Ukraine ( vergleichbar mit den Gebieten, die von der Türkei in Syrien besetzt worden sind, ohne Zustimmung der syrischen Regierung).  Wir steuern also auf einen Wirtschaftskrieg zu, der chronisch werden könnte.

Deutschland hat als Exportnation, zudem existentiell angewiesen auf Gas und Öl, kein Interesse an einer Isolierung der Russen und einem zeitlich unbegrenzten Wirtschaftskrieg. Bei dem Herr Selenskyj die Zensuren verteilt und Herr Biden den Dirigenten macht.

Präsident Biden hat am 26.3. in einer Rede im Hof des Warschauer Schlosses das america first von Trump angeblich beendet. Westeuropa sitzt mit den USA angeblich wieder in einem Boot, mit ihm als Kapitän. Die Rede war auch nicht nur von dem Schlächter Putin, sondern einem Systemwechsel ohne Putin. Dies angesichts einer Entourage China, Indien, Brasilien, die alle beim Wirtschaftskrieg nicht mitmachen wollen und Russlands Krieg wohlwollend verfolgen. Biden ist dabei, an einer starken Gegenmacht der angeblich Bösen, die keinesfalls ökonomische Leichtgewichte darstellen, zu zimmern. Dann lieber eine starke Bundeswehr und ein starkes Europa mit weniger Präsidenten aus den USA, mögen sie Biden oder Trump heißen, weil das weniger gefährlich ist.

Deutschland hat ein starkes Interesse an der Verhinderung einer weltweiten Hungersnot durch Ausfall des Exportes von Weizen aus der Ukraine und Russland. Europa kann nicht sowohl die Flüchtlinge aus der Ukraine als auch aus den afrikanischen Staaten verkraften. Hören wir auf die Experten. Zumal die Afrikaner ganz bestimmt nicht von allen europäischen Staaten als Menschen in Not aufgenommen werden würden.

Und wir benötigen jeden Euro für die weltweite Eindämmung der Klimakrise. Deutschland versteht es nicht, mit einem der stärksten Verteidigungsbudgets der Welt von jährlich rund 50 Milliarden Euro, eine wehrhafte Bundeswehr aufzubauen und stockt noch mit weiteren 100 Milliarden auf? Merke: Wenn Polen 2% und zukünftig  3% seines Bruttosozialprodukts für das Militär ausgibt, sind die Ausgaben der Deutschen mit 1.3 % und zukünftig 2% immer noch wesentlich größer, weil das Bruttosozialprodukt Deutschlands das von Polen weit übertrifft.

Und gibt es da nicht noch Covid 19 in immer neuen Varianten mit Folgen für die Wirtschaft?

Ein kleines, uns aber vielleicht demnächst im alltäglichen Leben berührendes Beispiel.

Dem Boykott der russischen Zentralbank durch die USA und die EU begegnet Russland mit der Forderung auf den Rubel als Zahlungsmittel. Die Europäische Union mit der schlauen von der Leyen bleibt unnachgiebig, Deutschlands Wirtschaft liegt flach, erregt sich über den russischen Vertragsbruch, das PCK Schwedt stellt die Produktion von Benzin ein, weil die Russen Öl und Gas nicht mehr liefern. Und Habeck reist durch die Lande, hat schon (erfolglos) Bücklinge in Qatar gemacht und kann doch erst ab 2025 frühestens Gas und Erdöl versprechen. Weil Russland sanktioniert werden muss und die Ukraine Morgenluft wittert?

Im Augenblick findet ein geheimes Rennen statt. Herr Habeck sucht neue Lieferanten, Russland neue Abnehmer, um dann die Handelsbeziehungen zu beenden. Jahrzehntelange erfolgreiche Ostpolitik Schrott, weil Russland und die Ukraine nicht einlenken wollen und einige die Angst vor den Russen schüren?

Ich vermag keine Nachteile für Deutschland zu erkennen, wenn es seine Verträge mit Russland einhält und die Lieferung von Waffen und Geld in ein Kriegsgebiet unterlässt. Ein Überfall Russlands auf einen NATO-Staat kann für die Regierungszeit von Herrn Scholz ausgeschlossen werden. Russland tut sich schon jetzt mehr als nur schwer, über die Runden zu kommen. An einem neuen kalten Krieg sollte sich Deutschland nicht beteiligen. Wir sollten alles unterstützen, was zum Frieden mit Russland und der Ukraine verhilft.

Fazit:

Die Ukraine und Russland haben trotz der Bemühungen von Frau Merkel und Herrn Macron über viele Jahre es nicht verstanden, ihre Konflikte zu lösen. Das hatte nicht nur mit Putin zu tun, sondern auch mit den Entscheidungsträgern in der Ukraine, bei denen Selenskyj erst in neuerer Zeit wirklich mitbestimmen darf. Darunter leiden alle Ukrainer, auch die auf der Krim, in Luhansk und Donezk lebenden. Es liegt nicht im Interesse der Deutschen, indirekt durch Lieferung von Geld und Waffen, von Freiwilligen nicht zu reden, den Krieg zwischen der Ukraine und Russland zu verstetigen, selbst wenn Russland angefangen hat und alle Schuld der Welt für ihn trägt. Schon vergessen? Bei Russland handelt es sich um eine Atommacht. Deshalb sollte Deutschland eine Realpolitik der Ukraine fördern, nicht mehr und auch nicht weniger.

Und Herr Biden sollte noch einige Zeit Afghanistan in seinem Herzen bewegen. Die USA schulden Deutschland etwas.

Reinhart Zarneckow

Deutschland im Blindflug und ohne Kapitän, Herr Selenskyj ist nicht verfügbar

Es kommt wohl die Zeit, dass meine Freunde und Bekannten die Kurve kratzen, wenn sie mich sehen. Voller Wut und Entsetzen verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich rede und rede über die Ukraine und Russland, die Ursachen des Krieges und das Leid für die Menschen in der Ukraine und auch Russland. Ich sehe die  Wand immer näher kommen. Die da heißt, endlich muss Schluss sein, einfach reinhauen, nicht nur Waffen sondern auch starke bewaffnete Truppen in die Ukraine schicken oder ganz anders einfach full stop und back to the roots.

Wer will sich das alles noch anhören. Die Ereignisse beginnen mich zu erdrücken. Aber wir sollten dennoch mutig und hellwach  nach vorne schauen. Nach 40 Jahren DDR und über 30 Jahren ertragener Vergangenheitsbewältigung will ich mich auch ein wenig absichern. Ihr solltet das auch tun, Deutsche mit der  DDR – Vergangenheit, die  mit back to the roots nicht gemeint sein soll.

In der letzten Sendung bei Illner wurde durch den ehemaligen militärischen Berater von Frau Merkel, Ex General Vad, einiges bemerkt, was in der FAZ vom 18.3. kolportiert wird. Wichtig erscheint mir, was die Zeitung dabei unterschlägt.

Nicht verschwiegen wird seine Bestätigung der Befürchtung des Grünen Robert Habeck, der eine atomare Eskalation als realistische Bedrohung dem hoffentlich hellhörig werdenden deutschen Publikum nahe brachte. Für die russische Militärdoktrin gelte im Unterschied zur amerikanischen auch die Taktik  begrenzter  Atomschläge. Nicht erörtert wurde, was  die USA oder die NATO für diesen Fall vorgesehen haben.

Unterschlagen wurde Vads  zaghafter Hinweis, dass für die Ukraine und Russland ein guter Zeitpunkt besteht, sich zu verständigen. Russland habe bestimmte Kriegsziele in Form von Geländegewinnen erreicht, die Ukraine verteidige sich weit über die Erwartungen der Russen. Also würde keiner das Gesicht verlieren. Eisiges Schweigen und Unverständnis in der Runde.

Die Frage nach den Vorstellungen der Ukraine für eine Beendigung des Krieges wurde durch den anwesenden ukrainischen Botschafter nicht beantwortet. Die Ukraine sei bereit, „alle möglichen Kompromisse“ einzugehen. Konkret werden könne die Ukraine erst in den direkten Verhandlungen der beiden Präsidenten.

Lauter Beifall von der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages Strack-Zimmermann. Das sei allein eine Angelegenheit der Ukraine. Deshalb muss es heißen Blindflug der Bundesregierung, notiere ich.

Überhört wird auch der Hinweis des Generals, dass das gegeneinander Aufrüsten keine gute Idee sei. Die Pläne der Grünen für eine neue Sicherheitsdoktrin Deutschlands erwähnte er nicht. Wurde der General im Hinblick auf die amerikanische Ankündigung einer Zahlung weiterer 800 Millionen Dollar für Rüstungsgüter  an die Ukraine von Frau Merkel gar gebeten, in der Sendung auf die Bremse im Sinne einer Entspannung der demoralisierten und schuldbewussten deutschen Politiker zu treten? Habeck stand kurz vor den Tränen. Ich möchte Frau Merkel wieder haben, meine Stimme hätte sie.

Wir kennen in etwa die Vorstellungen Putins, die offenbar immer noch von vielen Russen geteilt werden, von 71 % ist nach einer wohl seriösen Umfrage die Rede. Eine wirklich neutrale Ukraine außerhalb der NATO, Russland soll behalten, was es mit der Krim, Luhansk und Donezk schon hat.

Die Frage ist nicht, ob das der Atommacht Russland zusteht. Das Völkerrecht sagt dazu ein klares Nein, genauso wie schon früher beim Irakkrieg, Kosovokrieg etc. Da offenbar im Konfliktfall bei starken Mächten das Völkerrecht oft mit angeblichen höchst moralischen Gründen ausgesetzt wird, müssen Lösungswege ohne es gefunden werden. Das ist die Stunde von Politikern wie Talleyrand, Bismarck, Willy Brandt und Egon Bahr.  Wir dürfen  nicht den  Krieg sich selbst überlassen, weil eine Seite im Unrecht ist und das partout nicht einsehen will. Und überhaupt, wo wollen wir da  beginnen? Chirurgen wie Sauerbruch quatschen nicht, sie konsultieren sich aber und beginnen dann sofort mit der Operation.

Ein Krieg muss sofort beendet werden, er darf keine Chance zur Ausbreitung erhalten. Die Vergangenheitsbewältigung kommt später, viel später, wenn sie nachhaltig sein soll. Macron und Scholz, hört auf zu  telefonieren, um so en passent die nächsten Wahlen zu gewinnen. Bleibt sauber, es wird alles durchschaut. Verhandelt auf Augenhöhe mit beiden Seiten des Krieges und sorgt dafür, dass die USA und weitere Mitglieder der NATO mitmachen. Und wir sollten aufhören, uns moralisch zu erregen, sondern von den Entscheidern Leistungen für den Frieden fordern. Wir sind nicht  die Opfer und wollen es auch nicht infolge der Unfähigkeit der Bosse werden.

Biden hat mit seiner Erklärung, dass die NATO für die Ukraine nicht kämpfen würde, einiges auf den Weg gebracht. Die Frage ist, ob Putin es bei dem von der EU, den USA und der NATO ersatzweise geführten Wirtschaftskrieg belässt. Den Russland nicht gewinnen kann, ganz im Gegenteil, die Wirtschaft Russlands wird vernichtet werden, meinen einige fröhlich und optimistisch. 

Ich sehe dennoch sehr gute Chancen für eine Zurückhaltung des sich verrechnet habenden Putins,  meine aber, dass der Wirtschaftskrieg Deutschland und der ganzen Welt schadet und  ein  Ende des Krieges verzögert.

Deutschland schießt sich selbst ins Knie, wenn es nicht aufpasst. Das aber ist gar nicht das Schlimmste. Ich sage es mit den beschönigenden Worten des ukrainischen Botschafters Melnik, der das Restrisiko einer atomaren Auseinandersetzung in Europa klein redet  Das „bisschen“ Restrisiko ist schlimm und gefährlich für Deutschland, sogar mehr als die gerne besungenen  Rechts- oder Linksradikalen  oder gar die AFD im Inneren.

Deshalb erwarte ich von der Bundesregierung, dass sie den sicheren Weg geht. Das Interesse der Deutschen kann nicht die blinde Zustimmung zur Aufrüstung der Ukraine mitten in diesem Krieg sein. Es darf nicht einmal in einer strategischen Überlegung  konzediert werden, dass Putin wegen der Waffenlieferungen plus Wirtschaftskrieg  „den Waffengang“ nach Westen ausdehnen könnte.

Doch ist das Kind nicht schon in den Brunnen gefallen? Deutschland ist durch die Waffenlieferungen und Sanktionen zumindest mittelbar Beteiligter an diesem Krieg, alles andere ist Augenwischerei. Deutschland befindet sich in einem mit allen Mitteln geführten Wirtschaftskrieg. Dies ist nur dann gerechtfertigt, wenn Deutschland sich an den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland mit starker Stimme beteiligt. Das lehnen die Herren aber ab, niemand kann es logisch begründen.

Beginnen wir mit dem Kleinen, mit  Anstand und etwas mehr Selbstbewusstsein. Es wird nicht geklatscht, wenn fremde Staatsoberhäupter deutsche Politiker beschimpfen,  nicht im Bundestag oder auch nur in einer Talkshow, es wird gebuht oder eisig geschwiegen.   Ziel kann nur die Beendigung des Krieges, die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat und die Eindämmung der Sanktionen sein, bei gleichzeitigem Aufbau einer Sicherheitsstruktur für ganz Europa. Zug um Zug, Abbau von Sanktionen gegen Aufbau von Sicherheit für die Westeuropäer,  alle Russen, Ukrainer und die vielen nationalen Minderheiten. Das ist die Hauptaufgabe.

Und die NATO mit Deutschland an der Spitze wiederholen demgegenüber das, was ihnen Putin seit Jahren vorwirft. Ohne den Weg der Verhandlung mit Russland zu beginnen, Vertrauen zu schaffen, wird einseitig unter Bruch von Vereinbarungen die Ostflanke der NATO gestärkt – was die baltischen Staaten schon seit Jahren gefordert hatten. Worüber hat sich der französische Präsident über sechs Stunden mit Herrn Putin unterhalten, darüber und darauf verschließt sich die Auster Putin? 

Eine neue nationale Sicherheitsstruktur  a la Baerbock mit Tarnbombern und Beteiligung an der atomaren Aufrüstung Deutschlands insgesamt, noch mehr Einfluss auf die NATO,  erschreckt auf längere Sicht nur die Nachbarn. Oder bleiben die Tarnbomber bei dem nächsten Konflikt auf dem Boden? Nütze den Krieg in der Ukraine, um die lahme Bundeswehr aufzurüsten, wieder mal gegen die Gefahr aus dem Osten, ist das die neue Losung?  Ich kann gar nicht so schnell denken, wie sich die Grünen militarisieren. Was ist mit ihrer Vergangenheitsbewältigung Nr.1?

Solange die Ukraine auf ein inhaltsleeres  „zu allen Kompromissen bereit“ beharrt, Verhandlungen der beiden Präsidenten  nicht zügig vorbereiten lässt, nicht wie die Russen  ihre Ziele  darstellt,  darf Deutschland die Ukraine nur bei der Linderung der Not der Menschen unterstützen. Das ist eine Lehre aus dem Scheitern von  Minsk 2, das Deutschland nicht zu verantworten hat.  Kein Euro und keine Patrone, wenn …

Fazit: Es wird eine Hungersnot in Afrika mit Millionen von Hungertoten und Flüchtlingen nach Europa ab dem Jahr 2023 prognostiziert, wenn Russland und die Ukraine ihren Weizen nicht anbauen und liefern können. Es besteht die Gefahr, dass wir die Klimawende nicht meistern. Es geht um die Not der Welt und nicht darum, ob wir Deutschen in der kalten Jahreszeit etwas mehr anziehen oder ob die Energiepreise in Deutschland steigen. Um letzteres geht es aber auch. Und solange die Bundesregierung nichts schafft, sollte niemand frei Haus auf etwas verzichten. Um der Verschwendung für militaria ein wenig Einhalt zu gebieten oder den toll Gewordenen etwas zu signalisieren.

Übrigens glaube ich auch nicht daran, dass eine Landmacht ohne atomare Unterstützung durch einen Dritten einer Atommacht widerstehen kann, ohne dass es zu einem Kollateralschaden größeren Ausmaßes kommt.

Reinhart Zarneckow

Difficile est saturam non scibere

Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben! Dieses verzweifelte Aufstöhnen des römischen Dichters Juvenal aus der Zeit des Kaisers Domitian geht mir beim Nachdenken über manche aktuellen Vorgänge nicht aus dem Sinn – je älter ich werde, um so mehr.

Dabei scheint es jetzt ganz im Gegenteil gerade schwer zu sein, eine Satire zu schreiben. Jedenfalls gewinne ich diesen Eindruck, wenn ich – zugegeben, es geschieht immer seltener – Satiresendungen in Radio oder Fernsehen anhöre oder anschaue. Oft erinnern sie mich an die gequälten Kabarettprogramme aus der DDR , wo ein bestimmter Themenbereich freigegeben war zur Satire, andere und viel entscheidendere Dinge aber nicht angesprochen werden durften. (Mit gespitzten Ohren wartete das Publikum immer auf Tabuverletzungen, die dann mit besonderem Beifall honoriert wurden, hinterher gelegentlich mit Auftrittverboten oder Schlimmerem für die Akteure.)

Ich glaube nicht, dass heute wieder eine Zensurbehörde tätig ist wie seinerzeit in meiner Kindheit und Jugend. Eher fürchte ich, dass eine Schere im Kopf der Satiriker arbeitet, eine Mischung aus vielleicht ehrlicher eigener Überzeugung und Angst vor einem medialen Shitstorm. Unter dem Strich ist das viel, viel wirksamer als die Schere einer Zensur, vor der man sich ja immer mit Karl Kraus rechtfertigen oder trösten konnte, dass ein Text zu Recht verboten wird, wenn der Zensor ihn versteht.

Aber zurück zu unserer lateinischen Überschrift. Satire – das heißt ja frei übersetzt: man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Mir ging es so, als ich die Übertragung der Konstituierung unseres neu gewählten Bundestages verfolgt habe, des zweitgrößten Parlaments der Welt nach dem Volkskongress der Volksrepublik China. Allein das ist ja eigentlich lächerlich oder eher noch ein Grund zum Schämen. Und wenn dann auch noch eines Volkskongresses würdige Rituale zelebriert werden, indem die Parteien des demokratischen Blocks wie ein Mann (!) die Abweichler niedermachen und gegen alle Gepflogenheiten ausgrenzen? Ich bin wirklich kein Freund der Partei der Abweichler. Vielleicht macht es mich gerade darum so wütend, wenn ihr törichterweise Popularität geschenkt wird.

Beim weiteren Aufschreiben meiner Gedanken merke ich, dass ich nun auch einen Bogen mache um Themen, die mich eigentlich noch mehr als die eben genannten beschäftigen. Die Hysterie der apokalyptischen Weltuntergangsstimmung. Die Sackgassen einer nicht zu Ende gedachten Energiewende. Die Absurditäten der verstolperten Transformation zur E-Mobilität. Journalisten, die sensationslüstern von „Putins Gaskrieg“ schreiben und vergessen, dass das erste Opfer in einem Krieg immer die Wahrheit ist. Ein Stichwortzettel für Juvenal, der sich leider mühelos verlängern ließe? Oder lieber nicht? Ist z.B. die „cancel culture“ nun doch zu alarmierend, als dass man darüber lachen sollte?

Ich lasse die Frage einmal einfach so stehen und komme lieber noch einmal zurück zu der Beobachtung, die für mich diesmal der Anlass war, zur Feder zu greifen: die letzte Bundestagswahl mit dem grotesken Ergebnis nach einem ebenso grotesken Verlauf. Wie mag es wohl zu erklären sein, dass unmittelbar nach den peinlichen Pannen des Wahlverlaufs in der Hauptstadt eilfertig von Medien und Politikern versichert wurde, auf das Ergebnis der Bundestagswahl hätten die Pannen keinen Einfluss gehabt? Wenn Wahllokale noch Stunden nach Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen geöffnet sind – ist das ohne Belang? Wo sonst so sorgfältig darauf geachtet wird, dass Prognosen auch nicht eine Minute vor 18 Uhr veröffentlicht werden dürfen, weil sonst Wähler beeinflusst werden könnten?

Aber noch mehr ärgert mich wie gesagt unser Spitzenplatz in der Weltrangliste der größten Parlamente. Ich denke, hier hätte das Bundesverfassungsgericht, dessen letzte Urteile über das Klimagesetz oder die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mich auch mehr an eine unfreiwillige Satire erinnern, die Pflicht gehabt, ein neues Wahlrecht nicht nur anzumahnen, sondern auch konkrete Pflöcke dafür einzuschlagen, wie so ein neues Recht aussehen könnte. Z.B. durch eine zwingend vorgegebene Verringerung der Wahlkreise und durch Eckpunkte für ein Wahlsystem, das mir als Wähler die Möglichkeit gibt, wirklich eine neue Regierung zu wählen und nicht nur den Auftrag für eine Kompromisssuche mit völlig ungewissem Ausgang zu erteilen. So wie es derzeit abläuft, kommt es mir jedes Mal eher wie eine unfreiwillige Satire vor, wenn die Parteien sich so gerne auf den Wählerwillen berufen.

Ebenso wie ich leider auch das schon angesprochene Urteil nur lächerlich finden kann, in dem höchstrichterlich und allen Ernstes festgestellt wird, dass Länderparlamente nur eine einzige Entscheidungsoption haben, die Zustimmung. Der Volkskongress lässt grüßen. Schade. Früher war ich stolz auf das Gericht in Karlsruhe.

Viel ist nicht bekannt über Juvenal, den Satiriker. Sehr wach hat er die Symptome einer schleichenden Erosion der spätrömischen Gesellschaft ins Visier genommen.

Wahrscheinlich wurde er von dem wenig zimperlichen Kaiser Domitian darum als Bedrohung empfunden und zur Strafe für seine spitze Feder in die Verbannung geschickt. Diese Angst brauchen Satiriker von heute nicht zu haben. Ein Glück. Andererseits – Satire, die nichts kostet und mit keinem Risiko verbunden ist, sondern nur wohlfeil daherkommt, sie wird schnell kraftlos und bewirkt nicht, was sie eigentlich bewirken soll: ein befreiendes und erlösendes Lachen!

Christoph Ehricht

Die Erinnerungen eines DDR-Deutschen

Ausbruch aus der Vormundschaft. Erinnerungen von Rolf Henrich, Ch. Links Verlag, 2019

Im Juli 1989 hörte ich zum ersten Mal von Rolf Henrich. Ein Halbleiterwerker, Vater eines Mitschülers, erzählte vom Autor und seinem im April 1989 veröffentlichten Werk ‚Der vormundschaftliche Staat‘. Er gehörte einer Gruppe an, die sich heimlich traf, um an einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse im Arbeiter- und Bauernstaat zu arbeiten. Seine Hoffnungen ruhten auf dem Rechtsanwalt Rolf Henrich als Kopf einer Bürgerbewegung. Ein Bekannter erzählte mir kürzlich, dass auch er sich damals mit Freunden getroffen hat, um aus ‚Der vormundschaftlichen Staat‘ vorzulesen und darüber zu diskutieren. Das Buch war offenbar eine Art Leitfaden oder gar eine Bibel für den folgenden friedlichen Umbruch.

Christoph Links vom Ch. Links Verlag
Beide Ausgaben des Buches – erst in Hamburg verlegt, dann in Berlin

1992, kurz nachdem ich meinen späteren Ehemann Reinhart Zarneckow kennengelernt hatte, fuhren wir mit Rolf zu einer Veranstaltung in der Berliner Gethsemanekirche. Rolf hatte uns in seinem neuen Auto abgeholt, einem silberfarbenen Lancia. Reinhart saß auf dem Beifahrersitz, ich still und leise hinten. Rolf, ein markanter, dunkelhaariger Kopf mit ruhiger, sehr bedachter Sprechweise, war bekleidet mit einer Jeanslatzhose, die er mit gewisser Nonchalance trug. Den bekannten Anwalt und Reformer hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Vorn unterhielten sich die beiden fröhlich und ziemlich munter im Hinblick auf das bevorstehende Treffen. Nach einem Stopp an der Tankstelle Seeberg Ost brachte mir Rolf ein Eis mit. Das beeindruckte mich!

Thema in der übervollen Kirche waren die Kontakte unseres damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe zur Staatssicherheit. Die überwiegende Mehrheit der Besucher bestand aus Angehörigen der Bürgerbewegung. „Zu oft Leute, die nichts zu sagen haben, aber wichtigtuerische Diskussionen führen“ so nörgelte Reinhart damals. Unter den Anwesenden und Disputanten sind mir noch in Erinnerung der damalige Justizminister Dr. Hans-Otto Bräutigam und der letzte Außenminister der DDR Markus Meckel. Auf der Schwelle zum Innenraum der Kirche saß die Regisseurin Freya Klier, die wie Rolf mit einer Latzhose bekleidet die Ankommenden von unten anstarrte, was auf mich etwas befremdlich wirkte. Die Imagination einer Bettlerin am Eingang zu einer Kirche?

Nach der Diskussion einiger Herren zum Thema des Tages, die auf einem Podest vor dem Altar der Kirche standen und von der bei mir nichts hängen geblieben ist, gingen wir zusammen essen. Das war also Reinharts Freund Rolf Henrich, dessen Name in der Wendezeit in aller Munde war und von dem mir Reinhart schon so viel erzählt hatte.

Rolf und Reinhart

Dreißig Jahre später, nach vielen Treffen, Feiern, Gesprächen, fröhlichen und ernsten Stunden, die wir zusammen erlebt haben, lese ich Rolfs neues Buch ‚Ausbruch aus der Vormundschaft. Erinnerungen‘. Schon zum zweiten Mal und bin noch mehr beeindruckt, so dass ich es vorstellen möchte. Gerade denjenigen, die die DDR nicht hautnah erlebt haben, lege ich es ans Herz.

Als Untertitel wählte Rolf ‚Erinnerungen‘. „Weder wollte ich einen vollständigen Lebenslauf aus einem Guss vorlegen, noch habe ich vor, eine komplette DDR-Geschichte aus der Froschperspektive zu erzählen.“ Sein „Buch erzählt die Geschichte einer politischen Desillusionierung. Wie ich mich in den Sechzigern als Student für eine Sache eingesetzt habe, die schon damals mausetot gewesen ist…“ Seine anfängliche Euphorie, gerade nach dem Mauerbau am 13. August und in ihn gesetzte Hoffnungen in eine sozialistische neue Welt, verflüchtigten sich im Laufe der Jahre. Die Versprechung der SED ‚plane mit, arbeite mit, regiere mit‘ war eine Farce, wie wir nicht erst heute wissen.

Rolfs Entschluss, statt Philosophie zu studieren sich der Jurisprudenz zuzuwenden, hatte seine Lateinlehrerin zu verantworten. Was wolle er in der DDR mit einem Philosophiestudium anfangen? Mit einem Studium der Rechte böten sich mehr Möglichkeiten und dennoch genügend Zeit, nebenbei Philosophiekenntnisse zu vertiefen.

Für ein Universitätsstudium wurde ein Facharbeiterbrief benötigt. Rolf ließ sich zum Bergmann ausbilden, absolvierte seine Aufnahmeprüfung an der juristischen Fakultät und studierte in Jena und später an der Humboldt-Universität in Berlin.

Rolf Henrich beschreibt sich als einen Suchenden aber auch von Kindesbeinen an Abenteuerlustigen, der seinen „Verstand auf dem Altar der Revolution opfern wollte“. Wir lesen von Widersprüchen und Ungerechtigkeiten, die ihn an der Sache des Sozialismus zweifeln ließen, genauso aber auch vom eigenen Versagen. Der Genosse Henrich geriet wie er sogar in einen „feindlichen Widerspruch“ zur Parteilinie, so drückte es Rudolf Bahro in einem Gespräch mit Rolf in Hammerfort in den neunziger Jahren aus. In der DDR gab es den Begriff Betonkopf. Er beschreibt SED Funktionäre, die fortschrittlich denkende und fähige Köpfe in der Partei nicht zum Zuge kommen ließen, woran die SED mit ihrem Sozialismus letztendlich gescheitert ist.

Den Inhalt des Buches möchte ich gar nicht weiter darlegen. Jeder sollte es selbst lesen. Es ist interessant, spannend und bewegend. Allein das Entstehen und Verbergen des Manuskriptes des vieles in Bewegung setzenden Werkes ‚Der vormundschaftliche Staat‘. Selbstkritisch, humorvoll und süffisant erzählte Begebenheiten des Autors lassen das Buch niemals langweilig werden. Es wird eine Zeit beschrieben, in der ich im selben Land lebte und dennoch oft nicht zu übersehen vermochte, was warum geschah. Im Nachhinein ist mir Einiges, wenn auch ein wenig schmerzlich, klar geworden. Hierzu empfehle ich das für mich unübertroffene Kapitel ‚Deutschsein in Europa‘.

Menschen wie die Rechtsanwälte Rolf Henrich, Heidelore Henrich und Reinhart Zarneckow befanden sich an einer Kreuzung, wo der Anspruch der SED mit ihrer führenden Rolle mit den Vorstellungen und dem Gerechtigkeitsgefühl der Bürger kollidierte. Wer greifbare Vorteile für seine Mandanten herausholen wollte, war den Machthabern zu oft ein Dorn im Auge. Rechtsstaatlichkeit, das betont Rolf Henrich in seinem Buch, war immer das A und O für ihn, war von der Partei aber nicht erwünscht.

‚Ausbruch aus der Vormundschaft‘ ist vor zwei Jahren unter großer Beachtung der Medien erschienen. Namhafte Zeitungen veröffentlichten Rezensionen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Überschrift ‚Der Allwissende‘. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung bezeichnet es als „das Buch“, das über die friedliche Revolution geschrieben wurde. Der Mitteldeutsche Rundfunk, Deutschlandfunk Kultur und der RBB brachten Interviews mit Rolf.

Und seine damaligen Mitstreiter im schönen Frankfurt (Oder)? Oh weh, manch einer von ihnen scheint seine Erinnerungen nicht einmal gelesen zu haben. Jedenfalls habe ich kein Echo vernommen. Was ist mit der Solidarität, die Rolf Henrich noch am 18. Oktober 1989 bei seiner Rede in der überfüllten Georgenkirche in Frankfurt regelrecht umhüllte? Zwanzig Jahre später fand im Gedenken an den für Frankfurt (Oder) so wichtigen Tag in derselben Kirche eine Veranstaltung statt. Meine Nachfrage bei Rolf, den das seltsamer Weise nicht berührte (oder vielleicht doch?) ergibt, dass er dazu nicht einmal eingeladen wurde. Bürgerrechtler, die auf den fahrenden Zug aufgesprungen waren, den Bärbel Bohley, Rolf Henrich und Katja Havemann ins Rollen gebracht hatten, feierten sich nach meinem persönlichen Eindruck zu sehr selbst. Natürlich waren sie heldisch, aber das war doch nun etwas armselig.

Der Theologe Richard Schröder spricht mit einem Zitat Hegels bei der Verleihung des Nationalpreises an Gründungsmitglieder des Neuen Forums in der Gethsemanekirche im Jahr 2000 die Rolle des Neuen Forums an: „Offenbar gibt es auch bei einer Revolution so etwas wie eine Arbeitsteilung. Diejenigen, die das Eis brechen, und diejenigen, die die geschaffene Fahrrinne für zielstrebigen politischen Schiffsverkehr benutzen, mit Programm und Statut.“ Mir scheint, das gilt vielleicht auch für Rolf Henrichs Rolle bei der Friedlichen Revolution. Wobei sein „Eisbrecher“ das erste Buch ‚Der vormundschaftliche Staat: vom Versagen des real existierenden Sozialismus‘ war. Rolf Henrich hat mit einem klaren analytischen Denken und seinem juristischen und politischen Sachverstand den Weg eröffnet. Die Revolution wurde aber nicht vollendet, denn dazu hätte die Machtübernahme gehört oder um mit Rolf zu sprechen, die Krone lag auf der Straße und wurde nicht aufgehoben.

Der Gedanke: „Was wäre heute, hätten wir damals…?“ ist ein Stachel, den manche mit sich tragen. In einer Zeitenwende, in der Schlagworte wie Cancel Culture, Nationalismus, Rassismus und Gendern ständig präsent sind und die Demokratie auf eine harte Probe gestellt wird, schmerzt er ganz besonders. Das Gefühl des eigenen Versagens nagt heute mehr als gestern an vielen.

Alljährlich zum Jahrestag des Mauerfalls tauchen in der heimatlichen Presse die gleichen Gesichter mit den immer gleichen Aussagen auf. Ihnen empfehle ich das Buch ganz besonders.

Im März 2019 wurde es auf einer Veranstaltung des Kleist-Museums in Frankfurt vorgestellt. Einzelne Passagen des Buches wurden von der Juristin Frau Schiefer, Frau Handke vom Kleist-Museum, dem Arzt von Klitzing und dem jetzigen Rentner Hörath sowie dem Anwalt Reinhart Zarneckow vorgelesen.

Frau Schiefer und Frau Handke

Die Attraktion der Veranstaltung war für mich die Anwesenheit von Herrn Hörath, im April 1989 als Funktionär der Bezirksleitung der SED mitverantwortlich für den Ausschluss von Rolf aus der SED und sein Berufsverbot als Rechtsanwalt. Auf die Frage, was er sich dabei gedacht habe, sprach er von seinem damaligen Gefühl und Bedauern, sein „bestes Pferd im Stall“ so verlieren zu müssen. Diese Sicht der anderen Seite hat mich, nach meiner Erinnerung auch einige Hörer im Saal, beeindruckt. Lediglich die lokale Zeitung MOZ hatte die Pointe des Abends nicht begriffen, wie am folgenden Tag nachzulesen war.

Reinhart Zarneckow, Hans Hörath, Karl-Ludwig von Klitzing

Das Mitwirken des ehemaligen Genossen Hörath war im Sinne Rolf Henrichs, der wenn auch in einem anderen Kontext den fünften Vers des Vaterunsers nach Franz Eugen Schlachter zitiert: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern. Die einzige Bitte, welche Jesus selbst erläutert hat mit den Worten: Wenn ihr den Menschen ihre Fehler verzeiht, so wird euch euer himmlischer Vater auch eure Fehler verzeihen.

Bettina Zarneckow

Vor mehr als einem Jahr schrieb ich Erinnerungen an mein Leben in der DDR auf, hier entlang bitte.

Keine Mitläuferin – kein einfaches Leben?

Ich bin die große Schwester der „Mitläuferin“ Bettina Zarneckow (Eine Mitläuferin-hier im Blog). Mein Name ist Camilla Klich. Ich hatte mich nie damit abgefunden, eingesperrt im Arbeiter- und Bauernstaat zu leben. Die Konzerte von Bob Dylan und von Bruce Springsteen nicht live sehen zu können, nicht unter Palmen liegen zu können und im 26 Grad warmen Meerwasser zu schwimmen, nicht Pepsi Cola trinken zu können. Ich sammelte Ansichtskarten aus jedem Winkel der Welt. Auf eine Ansichtskarte war ich besonders stolz. Sie stammte aus Südafrika. Für Politik interessierte ich mich wenig.

Wir haben Freunde in San Francisco. Das Ehepaar war 1976 bei uns zu Besuch. So lernte ich fleißig Englisch. Ich glaube, ich war recht gut, und so konnte ich ihre Briefe auch für die ganze Familie leicht übersetzen und mühelos antworten. Mein Berufswunsch war Lehrerin für Deutsch und Englisch. Fast allen aus meiner Klasse wurde ein Direktstudium verweigert. Die Jungen konnten ein Studium nach 3 jähriger Armeezeit antreten. In der Regel aber erhielten im besten Fall nur diejenigen einen schnellen Zugang ohne Umwege zu den Hochschulen, die ihre sozialistische Grundeinstellung und Parteikonformität nachweisen (oder glaubhaft vortäuschen) konnten. Also erhielten nur die beiden Mitschüler, die den Lehrerberuf in der Fächerkombination mit Staatsbürgerkunde ergreifen wollten, eine Zulassung zum Direktstudium.

Da das Reisen schon immer ein Faible von mir war, arbeitete ich im Reisebüro. Parallel lernte ich für ein Studium weiter Englisch an der Volkshochschule. Die Sommermonate waren toll. Da kamen die Touristen aus dem NSW, wie wir Reisebüroleute es nannten – die Touristen aus dem Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftssystem. Ich war aufgeschlossen und begierig, Neuigkeiten aus dem Ausland zu erfahren und sicherlich auch naiv, jedenfalls nahm ich kein Blatt vor den Mund und schilderte ihnen im Gespräch offen die Verhältnisse, unter denen ich in der DDR lebte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Frau aus Schweden kennen. Wir freundeten uns an. Sie besuchte mich. Wir fuhren nach Rostock und Warnemünde.

Mit der Personalchefin im Reisebüro hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Karin reagierte verständnisvoll, war immer bereit, sich meine Sorgen anzuhören, gab Ratschläge als ich mich (vergeblich) zum zweiten Mal für ein Lehrerstudium beworben hatte. Sie war selbst eine überzeugte Genossin und linientreue DDR-Bürgerin und versuchte mich zu überzeugen, in die SED einzutreten. Das kam für mich nicht infrage. Im Fernsehen sah ich vor allem „Westsender“. Ich verabscheute die Sendung „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler im DDR Fernsehen.

Dann kam am 9.11.1989 die Wende mit dem Mauerfall. Unmittelbar darauf verkündete Karin im Büro etwas zu lautstark, dass sie nicht gedacht hätte, wie viele Lügen die DDR-Regierung erzählt hätte und wie komfortabel die Oberen der SED in der Siedlung Wandlitz gewohnt hätten usw. Ich wusste gleich, dass sie das nicht ernsthaft meinte, glaubte ihr nicht.

Der Tag, als ich einen Einblick in meine Stasi-Akte erhielt: Ich arbeitete gerade in Berlin, als ich eine Aufforderung bekam, mich in der Stasi-Unterlagen-Behörde (BstU) zu melden. Ich dachte, was werden schon für Unterlagen über mich existieren. Nach meiner Schulzeit bestand die DDR ja nur noch 3 Jahre. Dann kam schon die Wende. Ich hatte mich getäuscht. Eine Dame brachte einen Rollwagen, der mit Akten vollgepackt war. Ich fand Aufzeichnungen über meine Kindheit. Das Kennenlernen mit meiner schwedischen Freundin wurde beschrieben. Die Kopie ihres Notizbuchs mit Adressen in Schweden und Dänemark fand ich vor. Wie war die Staatssicherheit nur daran gekommen?

Die Stasi hatte alle Nachbarn in unserem Haus über meine Schwester Bettina und mich ausgefragt. Welches Autos unsere Familie und der Bruder meiner Mutter fuhren. Über die Besuche einer Freundin meiner Mutter aus Kaiserslautern, das Treffen mit Freunden aus San Francisco. All meine in Englisch geschriebenen Briefe nach San Francisco fand ich maschinegeschrieben und sorgfältig übersetzt.

Ich wurde systematisch von drei Kolleginnen ausspioniert. Die erste war die damalige Leiterin der Zweigstelle des Reisebüros im jetzigen Oderturm in Frankfurt (Oder). Die andere Kollegin war Christel. Harmlos. Sie hat mich nie ausgefragt. Und die dritte Kollegin war Karin. Sie schrieb in allen Einzelheiten, was ich ihr in den 3 Jahren erzählt hatte und bewertete mich. Zum Beispiel, dass ich ein behütetes Kind war und meine Eltern mir jeden Wunsch erfüllten. Sogar der genaue Preis eines teuren Strickkostüms und einer Hose, die ich gekauft hatte, waren angegeben. Dazu noch ihre Anmerkung: „Viele Lebensmittel kauft die B. im Intershop und verspeist diese bei der Arbeit z. B. Joghurt beim Frühstück“. (B. wegen meines Mädchennamens Biegon) Tatsächlich war mein Vater Rentner, der nach Westberlin fahren durfte und uns immer etwas mitbrachte.

Ich erfuhr nun auch, warum ich immer Absagen zum Studium erhielt. Karin schrieb in einem Bericht, dass ich noch keinen „gefestigten Klassenstandpunkt“ hätte, ich im Grunde alles studieren würde, um etwas aus mir zu machen. Außerdem weigere ich mich beharrlich, in die SED einzutreten. Und dann der Satz: „Zu B. besitze ich gute persönliche Verbindungen, die ausbaufähig sind“.

In meiner Stasi-Akte stand auch, dass ich eine Jugendtouristreise nach Jugoslawien beantragt hatte, man wollte überprüfen, ob ich „Fluchtgedanken“ hätte. Zu diesem Zwecke schickte man einen Radiomoderator zu uns. Wir kannten ihn. Er wohnte auch in der Heinrich-Zille-Straße uns gegenüber und sollte das „abklopfen“. Als Grund seines Kommens gab er an, Informationen über unser Radioverhalten einholen zu wollen. Ich war misstrauisch und stellte meinerseits Fragen. „Von ihrer Mutter ängstlich gebremst“ vermerkte er deshalb in seinem Bericht. Er brach das „Interview“ ab und verabschiedete sich. Sein Auftauchen bei uns fand ich bedenklich. Alle Berichte wurden als „glaubwürdig“ gegengezeichnet. Von Oberstleutnant G., Major W., Hauptmann M.
Welch ein Aufwand für nichts.

Das ist jetzt 32 Jahre her. Ich war inzwischen in vielen Ländern. Unter anderem in den USA, hier San Francisco und Los Angeles. In Irland, in der Normandie, Griechenland und England …. Als das Flugzeug auf dem Flughafen in San Francisco landete, konnte ich nicht sprechen, so überwältigt war ich. Unsere Freunde holten uns ab.
Ich hörte das „Kling, kling“ der Cable Cars, von dem sie mir immer geschrieben hatten, sah die Golden Gate Bridge, besuchte die ehemaligen Gefangeneninsel „Alcatraz“, machte einen Bummel durch China-Town. – Erst jetzt erfuhr ich aus ihren Tagebuchaufzeichnungen, dass sie 1976 bei ihrer Einreise von der Stasi befragt wurden, welchen Grund ihr Besuch bei uns hätte, wie lange sie bleiben würden usw. – In Los Angeles war ich unter anderem in Beverly Hills, Santa Monica und in Hollywood.

Ich bin mit mir im Reinen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Lehrerin für Deutsch und Englisch bin ich nicht geworden. Aber ich habe meinen Arbeitsplatz in der Europa-Universität Viadrina in meiner Geburtsstadt Frankfurt(Oder) gefunden und arbeite mit Studenten zusammen. Die Wende kam noch rechtzeitig.

Camilla Klich

DLK-Foto 1982

Ich war nicht im Flow

von Bettina Zarneckow

„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Lutherbibel, Prediger 3

Wann immer Menschen über Schwächen reden, höre ich genau zu. Wie gehen sie mit einer solchen Bürde um? Der Theologe Johann Hinrich Claussen schreibt in der Zeitschrift „Chrismon“, er habe als Kind gestottert und seine Mutter drängte es, ihn auf eine Sonderschule umzuschulen, was dann doch nicht geschah. Im selben Artikel erwähnte er Joe Biden, der in seiner Kindheit stotterte. Biden machte das sogar öffentlich. Er wüsste genau, was Demütigung bedeutet. Auch Amanda Gorman stotterte. Und trug bei der Amtseinführung Bidens vor einem Millionenpublikum ein eigenes Gedicht vor. Als ich Claussens Artikel las, musste ich plötzlich an meine Schwäche denken, die mich bis ins junge Erwachsenenalter beschwerte, und an mein fehlendes Vermögen, sie zu überwinden.

Als Kind (geb.1968) hatte ich wenig Freude am Lesen. Es bedeutete für mich Anstrengung. Ich beneidete meine Schwester. Sie verschlang regelrecht die Bücher. Oft nahm ich ihr das Buch weg, weil ich mit ihr spielen oder zusammen mit ihr Schallplatten hören wollte. Meine Mutter schwärmte von ihren Jungmädchenbüchern. „Heidi“ von Johanna Spyri, „Goldköpfchen“ von Magda Trott, „Nesthäkchen“ von Else Ury und viele andere. Sie liebte die Bücher und legte sie mir ans Herz. Zu Geburtstagen bekam ich von der bildungsbeflissenen Verwandtschaft Lesestoff geschenkt, über den ich mich nicht besonders freute und der mir nur ein schlechtes Gewissen bereitete. Du musst mehr lesen, so der hilfreiche und bestimmt nicht bös gemeinte Rat.

Zu DDR Zeiten wurde in der Schule darauf geachtet, dass man regelmäßig die Kinderbibliothek aufsuchte, um sich Bücher auszuleihen. Die Bibliothekarin Frau Benzin, eine gute Freundin unserer Deutschlehrerin Fräulein Stürzebecher, war oft Gast zu Gruppennachmittagen der Arbeitsgemeinschaft Lesen in der 18.POS Franz-Mehring. Ich mochte die Bibliothek in der August-Bebel-Straße 98 in Frankfurt (Oder), schräg gegenüber meiner Schule. Sechs Stufen führten in einen mittelgroßen Ladenraum mit großem Schaufenster. Es roch nach alten Büchern. Ich habe die Bibo, wie wir sie nannten, als hell, warm, gemütlich und still in Erinnerung. Es fiel kein überflüssiges Wort. Sanfte Stimmung lag im Raum, geprägt von der Wesensart der Bibliothekarin. Farbige Holzstäbchen sollten bei der Auswahl der Bücher helfen. Man bekam eines, wenn man den Raum betrat und legte es in das Regal, an die Stelle, der man ein Buch zur Ansicht entnahm. In jedem Buch lag eine Stempelkarte, in die das Datum gestempelt wurde, zu dem das Leihexemplar wieder abgegeben werden musste. Bei verspäteter Rückgabe war eine Gebühr zu entrichten. Waren es 50 Pfennige pro Woche? Fast immer brachte ich die Bücher pünktlich ungelesen zurück und freute mich auf das Aussuchen neuer. Voller Schwung las ich die ersten Seiten, schweifte dann mit den Gedanken ab und nahm den Inhalt des Buches nicht mehr auf. Das zermürbte mich mit der Zeit. Gibt es eine Leseblockade? „Du warst nicht im Flow“ sagt Reinhart, ich stand also vor der Welt der Figuren im Buch und sie nahmen mich nicht mit hinein. Außerhalb der Familie vermutete niemand, dass ich wenig las und so war es doppelt schwer. Denn ich bemühte mich, den Schein zu wahren. Nicht zu lesen empfand ich als beschämend.


Schlimm war die Schullektüre, die man über die Sommerferien zu bewältigen hatte. Wie ein Damoklesschwert schwebte sie während der gesamten Ferien über meinem Haupt. Alex Weddings „Ede und Unku“, „Käuzchenkuhle“ von Horst Beseler, Alfred Wellms „Kaule“ und der Gipfel der Unverschämtheit – „Mohr und die Raben von London“ von Vilmos und Ilse Korn mit über 300 Seiten. Nicht zu bewältigen für mich. Drei Tage, bevor die Schule wieder begann, gestand ich meiner Mutter, das Buch nicht gelesen zu haben. Wir beide, der Verzweiflung nahe, widmeten uns eiligst der Aufgabe und meine Mutter las mir tapfer vor. Es musste schneller gehen, als ich es allein schaffen konnte. Sie las bis zur Erschöpfung, bis ihr die Augen zufielen. Wir schafften es nicht ganz, aber ich war einigermaßen beruhigt. Überdies hatte meine Schwester ein Jahr vorher dasselbe Pensum mit Leichtigkeit bewältigt und überließ mir ihre Aufzeichnungen.
Immer wieder sagte ich mir, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Wenn ich mich recht erinnere, so habe ich nicht ein Schulbuch vollständig gelesen. Zur Steigerung meines Selbstbewusstseins trug das alles natürlich nicht bei. Das Gefühl, mir entgeht zu viel, beschlich mich hartnäckig. Deutlich zeigte sich der Mangel an Leseerfahrung dann, wenn wir Schulaufsätze schreiben sollten. Ich sah keinen Sinn darin und mir fehlte Vorstellungsvermögen und Handwerkszeug. Nicht zu bemängeln waren gewöhnlich Grammatik und Rechtschreibung, bis auf einen Schusselfehler, den ich auch heute immer wieder einbaue. Aber Inhalt und Ausdruck ließen doch zu wünschen übrig. Mit Worten ging ich sparsam um und ersparte damit dem Kontrollierenden immerhin langweilige Lektüre. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, schrieb meine Großmutter für mich Aufsätze. Im Gegensatz zu mir machte ihr das große Freude, obwohl sie schon fast blind war und selbst kaum erkennen konnte, was sie zu Papier brachte. So fragte sie ab und zu, ob nicht wieder einmal etwas zu schreiben wäre.

„Wo ist denn Bettina?“ Die Frage meiner Eltern richtete sich an meine Schwester. „Unterm Schreibtisch!“ So gewöhnlich ihre Antwort. Dorthin zog ich mich gerne zurück, faltete im Geheimen kleine Blättchen und heftete sie mit einem Klammeraffen zusammen. Darauf schrieb ich Dialoge, kleine Geschichten voller Gedanken, die mich plagten, und illustrierte sie. Gemalt habe ich sehr gerne. Pferde waren mein Lieblingsmotiv.

Das Unterrichtsfach Deutsch mochte ich dennoch. Unser Lehrer Herr Twardowski war zwar überzeugter Genosse, aber er war freundlich, einfühlsam und gerecht. Einen Moment bitte, ich las doch ein Buch zu Ende und sogar mit Interesse: Schillers „Kabale und Liebe“. Eine Liebesgeschichte zwischen Luise, Tochter eines Stadtmusikanten und Ferdinand, Sohn eines adligen Präsidenten. Das gesellschaftskritische Drama endet mit dem Tod beider. Ende der 10. Klasse, im Jahr 1985, war dieses Buch sogar Thema meiner schriftlichen Abschlussprüfung im Fach Literatur, die ich mit „Sehr gut“ bestand.

Während meiner Ausbildung zur Fotografin (1985-1987) waren keine großartigen Texte zu bewältigen. Fachbezogene Lesestoffe, Aufgabenstellungen und Gerätebeschreibungen galt es zu verstehen und praktische Arbeit war gefragt. Wann fing ich an, Bücher zu lesen? Was brauchte es, um Interesse, Geduld und Konzentration zu entwickeln. Das Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein? Eine Lebenskrise? Dass man als Mutter während Kindererziehungszeiten zum Bücherwurm wird, ist höchst unwahrscheinlich. Oftmals fand ich kaum die Zeit, meine Fingernägel in einem Zuge zu maniküren. Waren dann die lieben Kleinen endlich einmal im Bett, fielen mir selbst fast die Augen zu.

Irgendwann suchte ich Lebenshilfe und fand sie in Büchern. Erst jetzt begriff ich, was sie bedeuten können. Begonnen habe ich vor vielen Jahren mit „Wurzeln, die uns Flügel schenken“ von Margot Käßmann. Ich war sehr angetan von einem Fernsehinterview mit ihr. Eines im Leben führt zum anderen und so folgten die Lutherbiographien von Heimo Schwilk und Heinz Schilling. Ein Buch über Erasmus von Rotterdam, mit dem Luther Streit gehabt hatte, von Stefan Zweig. Seine Art zu schreiben sprach mich derart an, dass ich seiner Reihe über Persönlichkeiten der Geschichte folgte: „Der Kampf mit dem Dämon; Hölderlin, Kleist, Nietzsche“. So gelangte ich in eine Welt des Verstehens, des Knüpfens von Zusammenhängen, des Denkens und in eine Welt der Kommunikation mit Menschen, die mir vorher fast verschlossen war und in der ich mich nun sehr wohl fühle.

An ein Buch denke ich ganz besonders gern: „Auf einen Stern zugehen“ von Heinrich Wiegand Petzet. Unser Freund Rolf Henrich gab es mir nach Gesprächen, die wir führten und nachdem er Aufzeichnung von mir zum Ahnen und Wissen und zu Kleists großem Bekenntnisbrief zu meiner Freude mit Interesse gelesen hatte. Er fand, das Buch wäre jetzt genau richtig für mich. Wenn ich es lese, dann wüsste ich, warum er es mir gegeben hat. Ein großartiges Buch. Es brachte mir Martin Heidegger und sein Denken in ganz eigener Weise nahe, berichtet von Begegnungen Heideggers mit Freunden und interessanten Persönlichkeiten seiner Zeit, erzählt von seinem Verständnis moderner Kunst. Hier ein Auszug aus „Die große Malerin“: „Im Porträt Rilkes (1906) sah er das ahnende Schauen der Malerin Paula Becker-Modersohns auf den jungen Rilke, der den Mitlebenden damals noch gar nicht offenbar sein konnte, weil erst in den Gedichten der Spätzeit sich bekundend.“ Das Buch von Petzet weckt Interesse, Heideggers Weg des Denkens zu folgen und somit selbst das Sein und die Sprache neu und tiefgründig zu betrachten. Reinhart und ich nahmen es mit an die Ostsee, lasen abwechselnd darin, lasen uns vor und sprachen darüber. Ein wunderbarer Urlaub, ganz sicher auch wegen dieses Buches.

Hätte ich meine Schwäche akzeptiert und nicht beharrlich versucht, sie zu verbergen, vieles wäre vielleicht leichter gewesen. Aber ist man als Kind innerlich gefestigt genug, offen zu seinen Schwierigkeiten stehen zu können?

Ein jegliches hat seine Zeit…

„Was liest du?“ Reinhart kommt ins Schlafzimmer. Meistens bin ich längst im Bett, wenn er sich entschließt, schlafen zu gehen. „Die Verzauberung der Welt“ antworte ich. Ein Buch von Jörg Lauster, das ich von unserer Tochter zu Weihnachten bekommen habe. „Ach, immer noch!“ „Ja, immer noch!“ Denn: Ein Schnellleser bin ich bis heute nicht. Schwierige Texte brauchen ihre Zeit. Inzwischen kann ich offen zugeben, dass ich manches nicht verstehe und stelle fest, dass ich damit nicht allein bin. In meinen Freunden und meinem Mann Reinhart, allesamt Akteure unseres Blogs, habe ich Partner gefunden. Mit denen man ein gutes Gespräch führen kann, etwa im Sinne des Aufsatzes von Christoph über den Götterboten Hermes, übrigens hier im Blog. Denn die Grundlagen, angstfreie Sympathie und Interesse aneinander, sind vorhanden und ganz wichtig: Die gemeinsame Freude am Denken und Schreiben.

Schulheft, 6.Klasse

Eine Mitläuferin – das einfache Leben?

Im Jahr der friedlichen Revolution 1989 war ich 20 Jahre alt, hatte den Beruf der Fotografin erlernt, war voll erwerbstätig und lebte mit meiner Schwester und meiner Mutter zu Hause. Unser Vater war im Januar 1989 gestorben und wäre zu gern mit uns zusammen einmal in den Westen gefahren. Er als Diabetiker und Invalidenrentner durfte es längst. Auf ihn kam es nicht mehr an in der DDR. Rentner lagen dem Staat auf der Tasche, durften Verwandte besuchen und hätten auch ohne weiteres im Westen bleiben können.

Im Juli ’89 spürte ich erstmals, dass sich etwas gegen die Oberen in der DDR zusammenbraute. Der Vater eines ehemaligen Klassenkameraden, er arbeitete im Halbleiterwerk, erzählte mir vorsichtig euphorisch, dass die Tage der DDR gezählt wären. Er sprach von Rolf Henrich und dessen Buchveröffentlichung „Der vormundschaftliche Staat“ und bezeichnete ihn als Wortführer (Die Erinnerungen eines DDR-Deutschen, hier klicken). Endlich hätte einmal jemand etwas gewagt, schwärmte er voller Zuversicht. Erstaunt erzählte ich meiner Mutter und meiner Schwester davon. Wir verfolgten nun noch genauer die Nachrichten, Kennzeichen D, das ZDF Magazin und andere politische Sendungen im Westfernsehen, denn im DDR Fernsehen gab es nur die heile und unerschütterliche DDR.

Jedes Westauto ein Traum, jeder Popsong aus dem Westen ein Sehnsuchtslied, jeder noch so zerfledderte Ottokatalog ein gut gehüteter Schatz, jede Jeans aus dem Westen eine unersetzbare Kostbarkeit, ein Besuch im Intershop ein sinnliches Erlebnis, ein Dosengetränk unvergleichlich und die leere Dose diente als Deko oder es wurden Ohrringe daraus gebastelt. Und dabei war ich nicht unglücklich. Verwandte aus Amerika fragten mich lange nach der Wende, wie ich mich in der DDR gefühlt habe. Wie in einem Tierpark ohne Öffnungszeiten für Besucher, habe ich geantwortet. Meine Eltern verbrachten noch einen Teil ihres Lebens ohne Mauer, bevor sie sich umzäunt, abgeschirmt vom Rest der Welt wiederfanden. Frei geboren, so hieß einmal eine Fernsehserie. Das war ich nicht. Für mich war das Leben hinter einem Zaun Normalität, aber keine schmerzhafte. Was man nicht kennt, das vermisst man nicht. Ich hörte die Erzählungen meiner Mutter, die ihre Besuche in Westberlin vermisste. Ihre Erzählungen und die meiner Großmutter klangen wie Märchen. Ein Bummel auf dem Ku’damm, Kaffeetrinken im Cafe‘ Kranzler, ein O.-W. Fischer Film im Zoo Palast, ein Einkauf bei Leineweber, einem renommierten Bekleidungsgeschäft, ein Verweilen in der Kaiser-Wilhelm- Gedächtnis-Kirche. So genossen meine Mutter und meine Großmutter nach harter Arbeit im eigenen Geschäft die wohlverdiente freie Zeit. Allerdings zu einem gehörigen Wechselkurs von 4:1, der Westdeutschen den Einkauf und das Nutzen von Dienstleistungen im Osten sehr günstig machte.

1961 war plötzlich alles dahin. Sein Leben anmaßend von anderen Leuten bestimmt zu sehen, sich mit schmerzlichen Einschränkungen, ohnmächtig einer Macht ergeben zu müssen, das verletzte meine Großmutter und meine Eltern.
Sie und später auch ich hätten sich niemals vorstellen können, dass eine Erlösung wie bei Dornröschen stattfinden würde.

In der Nacht als die Mauer fiel, wurde ich 21.

Wenn ich es heute bedenke, war mein politisches Interesse nicht besonders entwickelt. Ich stand jeden Tag bis 18.00 Uhr im Laden und bekam von den Demonstrationen in Frankfurt zunächst wenig mit. Hin und wieder schwammen Fotos von Menschen, die sich auf dem Rosa-Luxemburg-Berg drängten, in meinem Entwicklerbad. Darüber sprachen wir innerhalb unseres Arbeitskollektivs. Alles war aber noch sehr diffus.

Mir genügte mein zu Hause. Ich fühlte mich umsorgt und geborgen. Was mein Vater durch emsigen Anbau im Garten nicht auf den heimischen Tisch bringen konnte, das glich Onkel Kutti mit Waren aus der Kaufhalle Nord aus, in der er Leiter der Fleischabteilung war. Bis 1980 lebten wir gut durch die Fleischerei meiner Großeltern. Durch seine Tätigkeit im Kraftverkehr Frankfurt (Oder) hatte mein Vater viele Beziehungen, was diverse Vorteile in Gestalt von Toilettenpapier, Bananen, Möbeln, Bettwäsche u.v.a. mit sich brachte. Welche Zusammenhänge es da gab, verstehe ich heute noch nicht.
Meine Mutter arbeitete im Kleist Theater. Sie konnte begehrte Kabarettkarten gegen gefragte Termine z.B. beim Orthopäden tauschen. Außerdem war sie mit der Inhaberin der einzigen Musikalienhandlung in Frankfurt befreundet. So bekamen wir Lizenzplatten aus Westdeutschland. Ich besitze sie noch heute. Tante Heidi mixte uns benötigte Salben als Apothekerin. Ein befreundetes Ehepaar hatte eine Drogerie. Mein Vater, der zuckerkrank war, bekam hier regelmäßig seine Kisten mit Lauchstädter Heilbrunnen, der es nie in die Regale oder über den Ladentisch schaffte, sondern immer nur darunter – im Volksmund „Bückware“ – veräußert wurde.
Elternabende in der Schule, besonders die im Frühjahr, waren beliebte Tauschbörsen für die Kleingärtner unter den Teilnehmern und das waren die meisten. Gefragt war alles, was essbaren Ertrag brachte: Tomatenpflanzen, Steckzwiebeln, Erdbeer- und Kohlrabipflanzen u.s.w. Auch die Genossen unter den Eltern waren fleißig mit von der Partie.
Wir waren also rundherum vernetzt und mit dem Nötigsten und darüber hinaus durchaus gut versorgt.
Dass wir in den Urlaub nur ins sozialistische Ausland fahren durften, damit hatte ich mich abgefunden. Meine Schwester sich dagegen nie und viele andere DDR Bürger auch nicht. Ich war genügsam, ich träumte und sehnte mich nicht über Grenzen hinaus, war ängstlich und dadurch sicherlich steuerbar. Eine DDR Bürgerin wie die Oberen sie sich wünschten.

Die DDR war ein Biotop, das sich im Laufe des Abgeschottetseins entwickelt hat. Eine Anpassung der Menschen an unumstößlich geglaubte Gegebenheiten. Es ging uns damals wie heute, wir wollten leben und wir taten es auch. Verdrießlich manchmal, wenn wir den Blick nach „draußen“ wagten und sahen, wie die westdeutsche Hälfte unseres Volkes lebte, wohin sie reisen konnten, was für Kleidung sie trugen und vor allem, was für Autos sie fuhren.

Mein Bewusstsein setzte in einer ausklingenden DDR ein, so sehe ich es heute. Bis auf Verbote im Alltag, an die man sich gewöhnt hatte, erlebte ich keine Drangsalierungen. Klar war dabei: keine Plastikbeutel mit Westwerbung in der Schule, BRD Flaggen auf den armeegrünen Kultparkern waren abzutrennen genauso wie Markenschilder von Jeans. Eine kleine Revolte war es, wenn man das Leviszeichen an der Jeans beließ. Man erntete die Anerkennung seiner Mitschüler für den gezeigten Mut. Von vielen Lehrern wurden derartige Verstöße großzügig übersehen, denn auch von ihnen rebellierten einige mit Westklamotten. Unser Musiklehrer spielte regelmäßig populäre Westmusik auf dem Klavier. Allerdings nur mit Absicherung eines Schülers, der Schmiere stehen musste. Wichtig war das Elternhaus und das soziale Netz, indem man eingebunden war. Stimmte das, hatte man wenig Sorgen. So ging es mir, auch weil ich noch keine Kinder hatte, um deren Zukunft ich bangen musste.

„Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“ Martin Heidegger/ Der Feldweg.

Nun trifft das Wort Verzicht es vielleicht nicht ganz. Kann man nicht nur auf etwas verzichten was man hat? In der DDR herrschte Mangelwirtschaft. Der Verzicht war es, der Kraft gab und uns stark und erfinderisch machte. Es war eine Kreativität aus Mangel an Materialien und aus der allzu oft vorhandenen Langeweile. Auch das kann offenbar einen Geist beflügeln und das Leben lebenswert machen. Durch Überfluss und Sattheit verstopfte Sinnesleitungen gab es jedenfalls damals kaum.

Die DDR war am Ende, nicht erst im Herbst 1989. Potential, den Umbruch zu schaffen, hatte sich über einen langen Zeitraum gesammelt. Viele Menschen dachten daran, bestehende Verhältnisse umzuwälzen. Aber wie es vor Martin Luther schon einige gab mit reformatorischen Gedanken, war es erst der Augustinermönch, der mit seinen 95 Thesen an die Öffentlichkeit trat und die Reformation 1517 in Gang setzte.

So brauchte es 1989 Rolf Henrich (er schreibt auch in diesem Blog), der mit seinem mutigen Vorstoß der spektakulären Veröffentlichung seines Buches „Der vormundschaftliche Staat“, das Ende der DDR ankündigte und damit den Menschen die Courage zur friedlichen Revolution gab.

An den Moment, als ich das erste mal die Grenze Richtung Bundesrepublik überquerte, kann ich mich kaum noch erinnern. Einen anderen werde ich jedoch nie vergessen: Meine erste Begegnung mit dem Rhein.
Es war eine Mischung aus Glückseligkeit und überschwänglicher Freude, die mich ungeahnt überwältigte.
Wie lange hatte ich geglaubt, den Rhein, den symbolträchtigsten Fluss der Deutschen, niemals sehen zu können. Diese und andere Sehnsüchte, hatte ich sie weggedrängt, weil ich sie für unerfüllbar hielt?
Ich fühlte mich eigentlich immer als Deutsche, der der andere Teil ihres Heimatlandes verschlossen war.
Nicht Mallorca galt meine Sehnsucht, nicht New York oder der Algarve, sondern dem Rhein, der Nordsee und den Alpen! Das trat wohl in diesem Augenblick in mir zutage, die offene Zukunft mit ihren Möglichkeiten, aber auch die unwiederholbare Vergangenheit.

„So gehen zu können, mit diesem Horizont offener Zukunft und unwiederholbarer Vergangenheit, ist das Wesen dessen, was wir Geist nennen.“ Hans-Georg Gadamer/ Die Aktualität des Schönen.

Bettina Zarneckow Jahrgang 1968

im April 2020

Sommer 1989 einige Mitarbeiter der Fotoabteilung des DLK
Foto: VEB DLK Foto