Wie ein Unterpfand des Möglichen

Eine Krise schleicht sich meistens ins Leben. So war es Anfang der 2000er bei mir. Gibt es etwas, das vor einem weiteren Absturz in eine solche bewahren kann? Ja! Zunächst aber muss eine Krise erkannt werden. Dann gibt es einen Ehepartner, der beisteht und ein verlässliches familiäres Umfeld. Kinder, noch klein, für die man Verantwortung trägt, ich habe unsere Kinder als meine Korsettstangen empfunden. Außerdem hatte ich eine Freundin, die einfach nur da war. Wenn man Glück hat, bekommt man nach langer Wartezeit einen Termin bei einem Psychotherapeuten. Die Gründe für eine Lebenskrise lassen sich meist nicht vollständig aufdecken. Eine Therapie kann helfen, das, was sich zeigt, zu verstehen.

Für mich gab es obendrein diesen einen Menschen, der sich als Arzt nicht nur meiner körperlichen Disbalancen annahm. Das half, innere Stabilität zu finden und tut es noch heute, wenn ich auf unser Vertrauensverhältnis und auf die wechselseitige Resonanz in unseren Texten und Gesprächen zurückblicke.

„Bei jedem Termin bei deinem Hausarzt, erzähl ihm ein wenig mehr von dir“, war einst der Rat meines Schwagers Matthias, der selbst Arzt war. Vor 25 Jahren saß ich zum ersten Mal im Sprechzimmer meines künftigen Hausarztes. Reinhart kannte ihn vom Neuen Forum und hatte mich wegen diffuser Beschwerden avisiert. Er begrüßte mich offenherzig mit einer gewissen Neugier im Blick. Ich empfand ihn als äußerst souverän, was in mir Vertrauen weckte und mich sehr beruhigte.

Seine Hände schwebten über der Tastatur des Computers, während er ausführlich meine Anamnese erhob und mit den Fingern kaum wahrnehmbar die Tasten anschlug. Einige Untersuchungen, Überweisungen zu Fachkollegen, bei denen er sofort fernmündlich Termine für mich machte. Ein Anruf beim Sanitätshaus, ob es nicht eine Hebehilfe für unseren schwerstbehinderten Sohn gäbe, die die Pflege erleichtern würde. Als Mann der Tat mit erfahrenem Arztblick bezeichnete Reinhart ihn immer. Dann schwenkte das Gespräch ins Private, was mich meine Sorgen vergessen ließ. Grüße an Reinhart und auf Wiedersehen bis zum Ergebnis der nun anstehenden Untersuchungen, die vorerst eine gut behandelbare Diagnose bringen sollten.

Über die Jahre tauchte ich immer wieder mit unterschiedlichsten Leiden in seiner Praxis auf. Wir lernten uns kennen, denn auch er erzählte jedes Mal ein wenig mehr von sich. Er schrieb gerne, hielt Zeitgeschehen fest und Patientengeschichten. Seine unerschöpfliche Phantasie brachte allerliebste Märchen hervor. Für seine Kinder und Enkelkinder, die selbst darin vorkamen.

2014 fotografierte ich die Vorstellung seines Buches „Atemlos“ im Kleist-Museum,

2017 begleitete ich das Verfassen seiner 95 Thesen für Frankfurt, die er zum Reformationsjubiläum an die Eingangstür des Rathauses „schlug“. Am frühen Morgen des 31. Oktober rief er mich an und berichtete von der „Tat“. Ob ich mit ihm zum Ort des Geschehens käme, um alles zu fotografieren? – Natürlich!

Dass die Verantwortlichen der Stadt seine über mehr als ein Jahr erarbeiteten Gedanken sang- und klanglos entfernen ließen, brachte ihn in ein Tief. War er doch einst ein gefeierter Star der Stadt, der am 1. November 1989 eine mutige, umjubelte Rede auf dem Frankfurter Brunnenplatz hielt, aus der ein prägnanter Satz auf den Treppenstufen dieses Platzes verewigt ist. „Wir brauchen eine vollkommene Demokratisierung, Reisefreiheit, Rede- und Pressefreiheit…“
Ich antwortete ihm per Mail mit einem Zitat aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 7, Vers 6). Übrigens, als ich ihm in der letzten Woche erzählte, dass sich seine Thesen noch in meinem Fundus befinden, freute er sich.

Bei einem turnusmäßigen Termin in seiner Sprechstunde hatte er überraschend zwei Dinge für mich vorbereitet: Er schenkte mir eine Broschüre des Kleist-Museums, in der Kleists großer Bekenntnisbrief an Adolphine von Werdeck (geb. von Klitzing) geschrieben stand.

Kulturstiftung: https://share.google/1JpIHjM2OChwk8yYN

Außerdem wartete er mit einem Zitat von Lukrez über Ahnen und Wissen auf. „Das liest du bitte beides und schreibst mir etwas dazu.“ Ich war erstaunt und freute mich, dass eine Persönlichkeit wie er an Gedanken von mir interessiert war. Er gab mir das Gefühl von Zutrauen. So etwas stärkt, setzt Kräfte frei und heilt. Ich befasste mich intensiv mit der Aufgabe und merkte, wieviel Spaß mir das Auslegen des Textes und das Formulieren eigener Gedanken dazu machte. Hatte er das geahnt?

So begann also unser Austausch. Wir schickten uns Gedanken und Geschichten hin und her. Seine Schriften trafen meistens folgendermaßen bei mir ein: „Würdest du bitte befunden? Du kannst auch streichen und verbessern.“ Zurück bekam er markierte Zeilen mit Korrekturvorschlägen. Ähnlich verlief es andersherum. Er berichtete mir von einem Ausflug mit seiner Fahrradtruppe, einer kleinen Gruppe, überwiegend Ärzte, die regelmäßig Landstriche in Deutschland und Anrainerstaaten erkundeten – ich schrieb ein Gedicht dazu. Ich schickte eine Geschichte, er erkannte meine Verfassung, in der ich sie geschrieben hatte und antwortete mit einem lyrischen Text. Es war ein intensiver, anregender und erfüllender, über einige Jahre anhaltender Briefwechsel, der uns beiden in verschiedensten Lebenssituationen Halt gegeben hat (bei 1200 Mails habe ich aufgehört zu zählen).
Für zwei Bilderausstellungen seines Freundes, des Malers Albrecht Wuitz, erarbeiteten wir gemeinsam die Kataloge. Ich lieferte die Fotos und die Gestaltung, er hielt die Laudatio, die wir in den Katalog einfügten.

Der bewegendste Moment aber war der 31. Mai 2018: Der Benachrichtigungston meines Smartphones meldete das Eintreffen seiner Mail, in der es hieß: „Liebe Bettina, wie findest du das?“ Eine reichlich unspektakuläre Ankündigung für das, was folgte. Seine Familiengeschichte, die er außer seiner Familie, die sich wohl über so manche Darstellung der Vergangenheit wenig begeistert gezeigte hatte, mir offenbarte. Ein Rückblick, der mich zutiefst berührte, inhaltlich und von seiner Gabe, Worte zu finden und sie wie in einem schöpferischen Rausch zu komponieren. Über Wochen feilte er weiter daran und schickte mir immer wieder überarbeitete Versionen zum „Befunden“. Bis er auf meine Bitte hin zur ursprünglichen Version zurückkehrte, mit nur geringen Veränderungen.

Meinungsverschiedenheiten, Missverständnisse und Zeiten des Schweigens gehörten zu unserem Zusammenwirken. Ein schwerer Unfall im Juni 2022 führte dazu, dass er sich das Schreiben wieder mühselig beibringen musste. Die Lust, etwas zu Papier zu bringen, ist unverändert vorhanden. Die Fähigkeit jedoch noch nicht vollständig zurückgekehrt.

Heute sehen wir uns selten. Den fehlenden Austausch bedauere ich außerordentlich. Alles hat seine Zeit.

In einer schweren Lebensphase, in der ich mich selbst zeitweise verlor, lernte ich durch sein Zutrauen und dadurch, dass er mich wie selbstverständlich in seine Ideen- und Gedankenwelt hinein nahm, meine Krise anzunehmen. Ich habe ein anderes Selbstverständnis von mir gewonnen. Es tat gut, dass in ganz anderer Weise auf mich Wert gelegt wurde, als ich es gewohnt war. Durch die Beschäftigung mit einer neuen Gedankenwelt, das Denken und Recherchieren, um einen Text zu schreiben, fand ich zu einer neuen Lebendigkeit. Geht es mir nicht so gut, erinnere ich mich daran, dass er einmal zu mir sagte: „Du bist viel stärker als du denkst.“
Wenn wir uns nur noch zufällig treffen und dann unterhalten, ist es, als hätten wir uns am vergangenen Tag erst verabschiedet.

Zum Schluss ein Zitat, das das anfangs gezeigte Bild aufnimmt:

Aus: Das Prinzip Hoffnung des letzten Gadamer
von Jean Grondin

Jedes Kunstwerk, sagt Gadamer mit Rilke, richtet an mich die Aufforderung:

„Du musst Dein Leben ändern!“

Darin liegt das Rätsel, das Wunder und die Wahrheit der Kunst. Sie verwandelt in ein dauerhaftes Gebilde eine Lebenshoffnung, eine bewahrens- und beherzigenswerte Welterfahrung, die wie ein Unterpfand des Möglichen ist.

Bettina Zarneckow

Muss unser Land erst brennen?

Deutschland muss mit beiden Präsidenten verhandeln – mit Selenskyj und mit Putin

Der Friedensnobelpreisträger Linus Pauling erinnert in seinem Nobel -Vortrag im Jahre 1962 an eine scheinbar monströse Vorstellung Alfred Nobels. Nobel wollte eine Substanz oder eine Maschine mit so einer furchtbaren Massenvernichtungskraft erfinden, dass ein Krieg dadurch für immer unmöglich gemacht würde.

Linus Pauling, Quelle: Instagram

Nobel ist eine solche Erfindung nicht gelungen. Es waren Wissenschaftler, so Pauling 1962 in Oslo, die 1954 eine Spaltung – Fusion – Superbombe entwickelt haben, deren Sprengkraft eintausendmal größer war als die einer Spaltungsbombe von 1945. Derzeit wird gerätselt, was es mit der Trumpschen Superintelligenz und einer angeblich drohenden Vernichtung der Menschheit auf sich hat.

Ist dennoch was dran an der Überlegung Nobels, dass mit der furchtbaren Vernichtungskraft einer Substanz ein Krieg für immer unmöglich gemacht würde?

Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass bis 1990 in Europa Kriege nicht stattfanden, weil sich mit den USA und der Sowjetunion gleich starke Atommächte in einem Gleichgewicht des Schreckens, das offenbar schon Nobel vorschwebte, gegenüberstanden. Ich erwähne die Charta von Helsinki 1975 und den Atomsperrvertrag, die eine sich anbahnende Balance in Europa widerspiegelten.

Dieses sicherlich bizarre Gleichgewicht ging nach Auffassung der USA mit dem Untergang der Sowjetunion verloren, jedenfalls sollte es nach Meinung einiger maßgebender Experten und Politiker keine Rolle mehr spielen.

Pauling wies in seinem Vortrag im Jahr 1962 darauf hin, dass es nicht möglich ist bzw. sein sollte, begrenzte Kriege unter Einsatz nur kleiner Atomwaffen zu führen – wegen der Wahrscheinlichkeit, dass ein kleiner Krieg zu einer Weltkatastrophe anwächst.

Damit bin ich im Heute angekommen. In Osteuropa tobt seit fast fünf Jahren ein begrenzter Krieg, den die Atommacht Russland durch die Aggression gegen die Ukraine ausgelöst hat. Was die weiteren Ursachen betrifft? Der Rest ist Schweigen.

Die USA unter Trump gehen im Gegensatz zu seinen Vorgängern wie Biden und Bush jun. offenbar davon aus, dass das bis 1990 bestehende Gleichgewicht zwischen den Atommächten USA und nunmehr Russland noch besteht und geopolitisch zu berücksichtigen ist. Von den Präsidenten Bush und Biden ohne Absprache mit Deutschland gegen Russland in Stellung gebracht, wird die Ukraine inzwischen von Trump zudem zunehmend als Störfaktor betrachtet und wie ein lästiger Kostgänger behandelt. Deutschland, ein Staat mit einer noch (!) starken Wirtschaft und einer im Aufbau befindlichen noch desolaten Verteidigungsfähigkeit, steht vor der Frage, ob es im Eigeninteresse oder aus Anstand weiterhin im Rahmen der im April vereinbarten strategischen Partnerschaft der stärkste Unterstützer der Ukraine bleiben kann.

Dies zu bejahen, wäre Hybris, insbesondere auch im Hinblick auf die Irrungen und Wirrungen der trumpschen Außenpolitik, genauso aber auch angesichts der klammen Kassen der europäischen Partner. Dabei erscheint mir die Forderung des BSW wie auch der AfD, die militärische Unterstützung der Ukraine sofort einzustellen, zwar verlockend populistisch, aber dennoch angesichts der geopolitischen Lage wenig realistisch.

Die Bundesregierung sollte vielmehr umgehend in Verhandlungen mit Kiew eintreten und Selenskyj darüber informieren, dass in absehbarer Zeit die deutsche Unterstützung aus vielen Gründen einbrechen wird und die deutschen Bürger nicht das Risiko einer auch nur entfernt möglichen Ausweitung des Krieges bis hin zu einer atomaren Katastrophe riskieren wollen.

Dazu ein Rückblick in die deutsche Geschichte. Der ehemalige Botschafter Ulrich von Hassel, von den Nazis nach dem 20.Juli 1944 umgebracht, hat zur damaligen deutschen Situation und der Notwendigkeit, in Verhandlungen einzutreten, in seinem Tagebuch im Jahr 1941 resigniert bemerkt: Wartet man, bis das Ausbleiben des Sieges aller Welt klar ist, so hat man die Chancen auf einen passablen Frieden verloren. Aber man darf nicht warten. Der deutsche Widerstand scheiterte auch deshalb, weil ein Mann wie Churchill seine Botschaft in Genf anwies, im Jahr 1941 Vorschläge des Widerstandes für Friedensverhandlungen, hier von Goerdeler, nicht einmal entgegenzunehmen – Bethge, Dietrich Bonhoeffer, 827. Damals wie heute galt offenbar, nur keinen Wankelmut zeigen oder Raum für Missverständnisse bei den Verbündeten zuzulassen.

Die Ukraine wird angesichts der Stimmung im Parlament und der Kräfte im Lande, die die Milliarden Euro aus Deutschland entgegen nehmen, auf Gebiete wie die Krim und den Donbas, genauso auf eine Zugehörigkeit zur NATO erst verzichten, wenn die deutsche Unterstützung ausbleibt. Vermutlich ist es dann für einen passablen Frieden zu spät. Deshalb muss unverzüglich mit Selenskyj Klartext gesprochen werden.

Verhandlungen mit Russland liegen aus vielen Gründen, ich nenne nur die Energiefrage, im existentiellen Interesse der Deutschen.

Eine Erzählung, für alle Bürger verständlich und attraktiv, könnte sein, den Prozess, der 1975 zur Charta von Helsinki führte, wider aufzunehmen. Gerade weil auch die Bürger in der Ukraine und Russland Europäer sind und auch so angesprochen werden sollen. Sofort sollte über die Streichung von Sanktionen verhandelt werden – dies auch ein Angebot für Moskau, einen passablen Frieden mit Kiew zu schließen.

Zum Schluss zitiere ich aus Kants „Ewiger Frieden“: Wenn die Bestimmung der Staatsbürger dafür erfordert wird, um zu beschließen, ob Krieg sein solle, … so ist nichts natürlicher, als das, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müssten,…, sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen: dahingegen in einer Verfassung, wo der Untertan nicht Staatsbürger, die also nicht republikanisch ist, es die unbedenklichste Sache von der Welt ist, weil das Oberhaupt …Staatseigentümer ist, diesen zu beschließen… und der Anständigkeit wegen dem allzeit fertigen diplomatischen Korps die Rechtfertigung des Krieges gleichgültig überlassen kann.

Die Union wie auch die SPD und die Grünen behandeln mit der Politik der Brandmauer die Bürger als Untertanen.

Die derzeitige Bundesregierung wird aber ganz bestimmt scheitern, wenn sie den Mehrheitswillen der Bürger in einer Angelegenheit, die Krieg oder Frieden bedeuten kann, übergeht (in einer Insa-Umfrage vom 13.10. haben sich 51 Prozent der Befragten für eine Reduzierung der Unterstützung der Ukraine ausgesprochen).

Reinhart Zarneckow

Gespräche mit Kiew und Moskau

Herr Bundeskanzler, erlösen Sie Ihren Außenminister ohne Fortune.
KI ist bereit.

Ich habe der KI meine Vorstellungen eines Konzepts der Sicherheit für alle Staaten in Europa mitgeteilt.
Hier das Ergebnis meiner Kooperation mit der KI – eine Gesprächsgrundlage für Verhandlungen des Bundeskanzlers.

Initiative für europäische Stabilität und den Neubeginn von Helsinki

I. Die Verantwortung für die eigene Nation

Die Bundesrepublik Deutschland steht zu den Grundsätzen des Völkerrechts. Gleichzeitig trägt die Bundesregierung die primäre Verantwortung für die innere und äußere Sicherheit, den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Substanz des eigenen Landes. Die materiellen, finanziellen und gesellschaftlichen Ressourcen sind endlich. Eine Fortsetzung des Konflikts im Osten Europas birgt das Risiko einer dauerhaften Deindustrialisierung und gesellschaftlichen Polarisierung, welche die Handlungsfähigkeit Deutschlands gefährden. Deutschland darf seine Existenz nicht aufs Spiel setzen. Unsere Hilfe kann keine Blankovollmacht für einen endlosen Abnutzungskrieg sein.

1. Aufforderung an die Konfliktparteien

Die Bundesregierung fordert Kiew und Moskau zur sofortigen Wiederaufnahme von direkten Verhandlungen auf.


An Russland: Moskau muss anerkennen, dass eine Unterwerfung der Ukraine niemals akzeptiert wird. Ein dauerhafter Frieden ist nur denkbar, wenn Moskau bereit ist, sich auf verlässliche Sicherheitsgarantien für die verbleibende Ukraine einzulassen.


An die Ukraine: Kiew muss anerkennen, dass eine vollständige militärische Rückgewinnung aller Gebiete innerhalb der Grenzen von 1991 angesichts der Realitäten am Boden mit unzumutbaren Opfern verbunden ist. Es gilt, das Überleben des Staates durch einen rationalen Kompromiss zu sichern. Die Ukraine wird nicht Mitglied der NATO.

Deutschland wird nicht auf unabsehbare Zeit der Hauptfinanzier der Ukraine bleiben können. Es muss absehbar zu einer Verständigung mit Russland kommt.
Auch Russland darf Sicherheitsgarantien anmahnen.

2. Das Ziel:

Ein neuer Helsinki-Prozess. Einfrieren des Status quo: Ein sofortiger Waffenstillstand an den aktuellen Frontlinien bildet den Ausgangspunkt. Es folgt zu allererst die Streichung von Sanktionen bei der Energie und in anderen Bereichen der Wirtschaft, um nur einige wenige für Deutschland wichtige Punkte zu nennen.


Anerkennung der Realitäten: Analog zur historischen deutsch-deutschen Teilung wird der aktuelle Status quo der territorialen Kontrolle als temporäre Realität akzeptiert, ohne dass dies eine völkerrechtliche Anerkennung bedeutet. Eine gewaltsame Änderung des Status quo wird ausgeschlossen.


Die Steinmeier-Formel als Brücke: Für die umstrittenen Gebiete im Donbas müssen Ansätze wie lokale Selbstverwaltung unter internationaler Aufsicht als pragmatische Übergangslösungen neu bewertet werden.


Sicherheitsgarantien gegen Territorium: Im Gegenzug für das Einfrieren erhalten die Ukraine und Russland Sicherheitsgarantien westlicher Kernstaaten oder anderer Staaten, um ihre künftige Unverletzlichkeit zu garantieren. Über sie wird zu verhandeln sein.


II. Anmerkungen zu möglichen Einwendungen gegen die Initiative

Einwand 1:
„Das ist eine Belohnung für Aggression und Völkerrechtsbruch!“

Antwort: Ein endloser Abnutzungskrieg, der mit dem wirtschaftlichen Kollaps Deutschlands und der völligen Zerstörung der Ukraine endet, signalisiert Autokraten eine noch viel größere Schwäche. Realismus bedeutet, das Erreichbare (das Überleben der Ukraine) vor das Unwahrscheinliche (die vollständige Befreiung) zu stellen.

Einwand 2:
„Das ist wie das Münchner Abkommen 1938 (Appeasement) – man darf Putin nicht besänftigen!“

Antwort: Der Vergleich hinkt, weil die Ukraine nach dem Einfrieren der Fronten massiv militärisch hochgerüstet und durch westliche Truppen (auszuhandeln) oder Garantien geschützt werden kann.

Einwand 3:
„Ein Waffenstillstand ist für Putin doch nur eine Atempause für den nächsten Angriff!“

Antwort: Eine Atempause funktioniert immer für beide Seiten. Während Russland seine Truppen neu ordnet, passiert auf der anderen Seite das Entscheidende: Die Ukraine wird zur „uneinnehmbaren Festung“ ausgebaut. Weitere Garantien sind auszuhandeln.

Einwand 4:
„Das ist moralisch verwerflich und egoistisch von Deutschland!“

Antwort: Verantwortung gilt zuerst den eigenen Bürgern. Ein wirtschaftlich ruiniertes, destabilisiertes Deutschland verliert jegliche Fähigkeit, in Zukunft überhaupt noch irgendjemandem in Europa zu helfen. Selbstbehauptung ist die Grundvoraussetzung für Solidarität.

III. Entscheidende Faktoren:

Die Rolle der USA im alten und dann neuen Helsinki-Prozess basiert nicht auf europäischem Gottvertrauen, sondern auf der harten geopolitischen Machtachse der USA.


Der Hebel gegenüber Kiew: Die Ukraine ist militärisch von amerikanischer Aufklärung, Logistik und Waffensystemen abhängig. Wenn Washington entscheidet, dass das strategische Ziel die Sicherung der Ukraine ist, kann es Verhandlungen erzwingen, indem es die Hilfe an diese Bedingung knüpft. Von Deutschland ist die Ukraine finanziell abhängig.


Der Hebel gegenüber Moskau: Russland muss die militärische Macht der USA respektieren. Russland ist vor allem auch „mit Propaganda bis zu den Zähnen bewaffnet“-FAZ vom 21.6.26.
Moskau wird den Status quo bestimmt dann respektieren, wenn die USA ihre nukleare und konventionelle Schutzgarantie über die Ukraine legen. Das Signal an den Kreml lautet dann: Ein Schritt über diese Linie bedeutet Krieg mit den USA.
Aber selbst wenn sich die USA „heraushalten“, also Europa aufgeben -wofür wenig spricht –. kann die Ukraine so stark aufgerüstet werden, dass der Status quo eine Wiederaufnahme des Krieges mit seinem unsicheren Ausgang für beide Seiten nicht sinnvoll erscheinen lässt.

IV: Das USA-Eigeninteresse:

Der geopolitische Hauptgegner der USA im 21. Jahrhundert ist nach Auffassung der USA China im Indopazifik. Washington hat demzufolge kein Interesse an einem endlosen Abnutzungskrieg in Europa, der eigene Ressourcen bindet. Ein zumindest eingefrorener Konflikt erlaubt es den USA, sich auf China zu konzentrieren. Hier treffen sich das deutsches Existenzinteresse an ein Europa der Sicherheit für alle Staaten und amerikanische Großmachtstrategie.

Reinhart Zarneckow

Ost-Berichterstattung – ein Repost

Durch den Blog von toka-ihto-tales bin ich auf die Dokumentation von Jana Hensel „Volksparteien ohne Volk – Im Osten gescheitert?“ aufmerksam geworden und habe sie mir sofort in der Mediathek angesehen.
So geht Ost-Berichterstattung hat mein Bloggerkollege geschrieben, aber lest selbst
und seht in der Mediathek nach oder folgt dem unten stehenden Link, solange das Anschauen noch möglich ist.

Bettina



Volksparteien ohne Volk – Im Osten gescheitert? https://share.google/sGMMIqhyQzswKxPEm

Warum eine Brandmauer gegen Russland nicht im deutschen Interesse liegt

Die Präsidenten von Finnland und Deutschland fordern laut der gestrigen FAZ (21.7.26) „ein Helsinki für den Nahen Osten“.
Das ist kein inhaltsloses Geplätscher. In der gleichen Ausgabe wird die Verschuldung der zweitgrößten Volkswirtschaft der EU Frankreich mit 3536 Milliarden Euro in absoluten Zahlen angegeben, geschätzte neun Milliarden Mehrausgaben fallen zusätzlich allein durch den Irankrieg an. Ganz Westeuropa steht angeblich kurz vor der Insolvenz. Und was ist mit den Ausgaben für die Ukraine?

Die beiden Präsidenten finden für ihren Ruf nach “ Helsinki für den Nahen Osten“ überzeugende Worte.
Sie erinnern an die Teilung Europas, sichtbar durch die Berliner Mauer – 13.8.61, an die Kubakrise von 1962, durch die eine nukleare Katastrophe drohte, an die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings August 1968 und an den von den USA verlorenen Vietnamkrieg.

„Und doch wurde in diesem Klima des Misstrauens die ambitionierteste Sicherheitsinitiative des zwanzigsten Jahrhunderts erdacht“.

Im Mai 1975 wurde die Schlussakte von Helsinki von 35 Nationen verabschiedet.

„Wir ziehen daraus eine einfache Lehre: Man braucht kein Vertrauen, um einen Prozess zu beginnen. Der Prozess selbst schafft Vertrauen.“


Ich bin von diesen klugen Gedanken begeistert und zugleich betroffen.

Warum nur der Nahe Osten? Warum kehren die Präsidenten nicht vor der eigenen Haustür? Soll der Krieg in Osteuropa irgendwann „auslaufen“, wenn die Kriegsparteien und ihre Unterstützer wirklich nicht mehr können? Wird ein Verständigungsfrieden angestrebt oder ein Diktatfrieden oder das Desaster einer Niederlage riskiert? Was geschieht nach einem Waffenstillstand oder Frieden? Errichten die etablierten Parteien mit der Bundesregierung dann eine Brandmauer gegen Russland, die sich derzeit in Deutschland so bewährt? Kein Handel und Wandel unter Einschluss der russischen Gesellschaft?

„Niemand sagt mir je etwas“, das sagte James Forsyte in der Forsyte-Saga des Schriftstellers und Nobelpreisträgers John Galsworthy. Und das sollen die ach so mündigen Deutschen ebenfalls hinnehmen? Weil die souveräne Ukraine entscheiden soll und wir zwar helfen, uns aber aus Respekt nicht einmischen, weil es uns nichts angeht?
Immerhin klärt der Aufruf der beiden Präsidenten darüber auf, dass der Gebrauch von Sprüchen wie „die andere Seite will nicht verhandeln“, im freien Belieben der Politik steht. Und das ist auch gut so. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wer als Bundeskanzler nicht den persönlichen Kontakt zu Moskau aufnimmt, ihn fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, wird demnächst Geschichte sein.

Zurück zum Bundespräsidenten mit einem kleinen Seitenhieb. Grüßt er noch seinen ehemaligen Chef Gerhard Schröder, der für Putin als Vermittler denkbar gewesen wäre? Oder hat er nur eine freundliche Beziehung zum Präsidenten der Ukraine Selenskyj hergestellt, von dem er im April 2022 ausgeladen wurde. Er kam nur bis Warschau und wurde dann gestoppt.

Reinhart Zarneckow


PS: Um zu zeigen, wie es gehen könnte, und weil es mir Spaß macht, werde ich mit Hilfe der KI demnächst eine „Initiative für europäische Stabilität und den Neubeginn von Helsinki“ vorstellen.

Charlotte tanzt – Fortsetzung



Teil 2: Vom Haus am Berg in der Gubener Straße zur eigenen Tanzschule auf dem Aurorahügel

Wie ging es nun weiter? (hier Teil 1) „Passend zum Lateinkleid hat unsere Schneiderin Poppi (Christel Popp) das Lateinhemd und die Turnierhose des Herren noch mit Applikationen des goldfarbenen Stoffes des im Exquisitgeschäft in Cottbus gekauften Mantels versehen. Diese Kombination haben erst einmal Antje Thode und Jan Ziske, unser bestes Tanzpaar getragen“, erinnert sich Charlotte. Der Kauf des Mantels wurde von höherer Stelle nicht beanstandet.
So richtig kontrolliert wurde man erst nach der Wende, aber davon später.

1969 war Charlotte nach Frankfurt (Oder) gekommen. Sie wollte endlich ihr Wissen aus dem Studium in die Praxis umsetzen und dem Training neue Impulse geben, fand aber dafür vorerst kein offenes Ohr.

1970 ging sie deshalb nach Bad Freienwalde und unterrichtete dort. Der ihr wohlgesonnene Vorgesetzte sah Charlottes Engagement und riet: „Du möchtest doch etwas bewegen, etwas verändern im Tanzsport – es wäre nur vernünftig und erleichterte dir vieles, wenn du in die Partei eintreten würdest.“ „Das leuchtete mir vollkommen ein und ich wurde Mitglied der SED“, erklärt mir Charlotte. Manfred Schuster, Leiter des Kulturzentrums Haus am Berg, holte sie 1973 zurück in die Bezirkshauptstadt Frankfurt. Sie war die einzige, die eine fachliche Ausbildung hatte.

Solange Siegfried Grupe dort tätig war, organisierte er mehrmals im Jahr einwöchige Trainingslager für hochklassige Paare aus der ganzen Republik. Im Haus am Berg gab es dafür einen großen Tanzsaal. Übernachtet haben die Teilnehmer in den Bungalows am Helenesee. Später entdeckte er die Jugendherberge in Bad Saarow als idealen Ort für seine Trainingslager mit einem großen Saal, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten.

„Siegfried hatte gute Kontakte geknüpft zu hervorragenden Trainern. Sie reisten immer zu den Trainingslagern an. Freddy Nowack kam aus Jugoslawien. Bei ihm habe ich verstanden, welche Bedeutung das Absenken beim Langsamen Walzer hat und wie man es richtig ausführt. Trainerehepaar Trautz kam aus Westberlin, war extra für die Rumba engagiert worden. Und dann natürlich Torben Wied aus Dänemark, der alle lateinamerikanischen Tänze unterrichtete. Er war eine große Hilfe nicht nur als Trainer, brachte hin und wieder ein Kleid, Schuhe und sogar Schallplatten mit. Nur nicht eine Tanzpartnerin, mit der er sein Trainingsprogramm vorführen konnte. Auf seinen Wunsch hin sollte ich das sein. Es war anspruchsvoll, aber eben das, was ich gerne tat und immer noch tue – tanzen.“

1975 begann Charlotte, mit Kindern zu arbeiten. „Mit Bewegungs – und rhythmischen Übungen fängt alles an“, so Charlotte im Interview 1983. „Charlotte, du hattest mir vom Frösi – Pokal erzählt, einer der wichtigsten Nachwuchs-Tanzsportwettbewerbe in der DDR, benannt nach der Kinderzeitschrift. Den habt ihr doch öfter gewonnen?“ „Öfter?“, reagiert Charlotte auf meine Frage, „den haben unsere Paare immer gewonnen und waren richtig stolz – wir alle natürlich.“

„Seid ihr auch zu Turnieren ins Ausland gefahren?“ „Ja, aber nur ins sozialistische. Einmal ging es zu einem Turnier nach Polen. Ich konnte nicht mitfahren. Unsere Paare, insgesamt drei der A und B Klasse, hatten wieder sehr gut abgeschnitten. Vor der Auswertung sprachen die westdeutschen unsere Paare an, man könne doch gemeinsam zur Siegerehrung antreten. Unsere jungen Leute waren einverstanden. So wurden also die Plätze nicht an die DDR und an die BRD vergeben. Stattdessen hieß es: Platz zwei: Deutschland, Platz drei: Deutschland.“
Ost und West vereint, wenigstens im Tanz und das Jahre vor der Wende.
„Unsere Tänzer waren noch nicht wieder zuhause, da wurde ich schon zur SED-Bezirksleitung zitiert. Gemeinsame Sache mit den Westdeutschen zu machen, ob ich meine Paare nicht erziehen könnte. Natürlich, antwortete ich, aber nur im Tanz.“
Weitere Folgen jedoch hatte die kurze Liaison der deutsch deutschen Tanzpaare nicht, bestätigt mir Charlotte.

Gerade so richtig in Schwung gekommen, erzählt sie mir vom Besuch Werner Mandels, Stadtrat für Kultur, im Kulturzentrum. „Er gab die Weisung, dass wir mit unseren Turnierpaaren am 1. Mai an der Maidemonstration teilnehmen und anschließend auf einer Bühne tanzen sollen. Selbstverständlich in Turnierkleidung mit Schuhen und allem drum und dran. Ich lehnte sofort ab. Das kommt gar nicht in Frage. Auf ihrer Bühne können sie Volkstanzgruppen auftreten lassen. Für unsere Spezialschuhe gehen weder der Marsch durch die Stadt noch der Tanz auf der Bühne. Auch unsere Kleider sind nicht dafür gemacht.
Obendrein sollte ich noch den Kassettenrekorder mitbringen, den wir mit viel Überredungskunst dem Elektroakustiker Rolf Winkler aus dem Kreuz geleiert hatten. Stell dir mal vor, der war ausm Westen“, empört sich Charlotte noch heute. Herr Mandel zog unverrichteter Dinge von dannen. Wer Charlotte kennt, der weiß, da war nichts mehr zu machen.

Zu machen war auch für Charlotte und ihren Mann René 2023 nichts mehr, außer ihre Tanzschule zu beräumen. Schon schwer angeschlagen durch die Corona-Krise, in der die Schule geschlossen bleiben musste, bedeutete für sie der Beginn der Sanktionen Deutschlands gegen russisches Gas und Öl das endgültige Aus. Heiz- und Energiekosten schossen in die Höhe. Die Menschen hielten ihr Geld zusammen, versagten sich Freizeitaktivitäten wie Tanzen. Die Miete für die Räume ihrer Tanzschule, die sie schon einige Jahre früher verkaufen mussten, wurde erhöht. „Das war finanziell für uns nicht mehr zu machen.“

Nach der Wende hatten sie mutig den Weg in die Selbstständigkeit gewagt. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen boten. Der neue Leiter der Sparkasse verweigerte ihnen anfangs einen Kredit. Auch einen geeigneten Bauplatz zu bekommen, machte die Stadt äußerst schwer, aber sie fanden ihn auf dem Aurorahügel 12.

Bilder zum Vergrößern bitte anklicken.

Sie hörten von einer Baufirma in Nordhorn, fuhren hin, legten ihren fertigen Bauplan vor und in kürzester Zeit stand das Gebäude. 1993 war die Eröffnung der Tanzschule Golz-Glogener. Ihr Slogan: „Tanzen lernt man beim Profi“ und der war seit 1987 nun auch René mit abgeschlossener Ausbildung.

„Es lief richtig gut. Das bedeutet natürlich viel Arbeit und viel Stress. Wir unterrichteten, tanzten anfangs ganze Programme bei den Abschlussbällen. Das hieß auch für uns selbst regelmäßiges Training. Wir nahmen moderne Tanzformen wie Videoclip Dancing und Zumba-Fitness mit auf, hatten Hobbytanzabende und Einzelunterricht für Brautpaare. René kümmerte sich zudem um den Ausschank. Wir hatten eine kleine Bar mit Zapfanlage. Es war unser Traum, den wir uns erfüllt hatten. Ein wenig Ruhe und Ausgleich gaben uns unsere beiden Lieblinge Lolek und Bolek.“

Dieses Kleid war Mitte der 90er Anlass für das Finanzamt, in der Tanzschule Golz-Glogener nachzufragen. Im Raum stand die Vermutung, eine private Ausgabe (etwa 2000 DM) als Betriebsausgabe abgerechnet zu haben. Bei Inaugenscheinnahme des Standartkleides bestätigte sich diese Vermutung nicht. Die DDR war längst Geschichte und die Bürokratie der Bundesrepublik in vollem Gange.

Im Februar 2023 hatten wir unser letztes Zumbatraining in Charlottes und Renés Tanzschule. Kurz vor ihrem 30sten Firmenjubiläum, das sie eigentlich feiern wollten. „Anfang April 2023 war soweit alles abgewickelt, zwei Wochen später starb plötzlich René“. Charlotte sucht nach einem Foto in ihrem Smartphone. „Guck mal, René zwei Tage vor seinem Tod.“ Charlotte hatte ihn fotografiert, als er die letzten Gardinenstangen von der Wand abnahm. „Es ist doch nicht zu glauben.
Jetzt bin ich 81 Jahre alt, bewege mich regelmäßig, bin fit, bestätigt mir mein Arzt, mache Sport und gehe spazieren. Wäre das alles – angefangen mit Corona – nicht gekommen, wir hätten unsere Tanzschule immer noch.“

Foto: Bettina Zarneckow, Februar 2023

Zum Schluss wollte ich von Charlotte wissen: „Was ist eigentlich dein Lieblingstanz?“ Ihre Antwort: „Langsamer Walzer, Rumba und Tango Argentino.“



Bettina Zarneckow

Charlotte tanzt

Teil 1: Internationaler Turniertanz der DDR in Frankfurt an der Oder

In einem Porträt über die gelernte Chemiefacharbeiterin mit Abitur im Heft „Frankfurt-Information“, Ausgabe September 1983 schreibt die Redakteurin Karin Eberhardt: „Meine Gesprächspartnerin bewarb sich an der Fachschule für Tanz in Leipzig, bekam einen Studienplatz und beendete diese Ausbildung 1968 als Lehrer für Gesellschaftstanz.
Seit 15 Jahren wirkt sie am Frankfurter Kulturzentrum. Etwa 350 Tanzstundenschüler bildet sie jährlich aus. Sie lehrt den Mädchen und Jungen nicht nur die Schritte des Foxtrott oder Walzers – auch die Normen der Partnerbeziehungen, Fragen der Ästhetik und des disziplinierten Verhaltens gehören zu ihrem Lehrprogramm.

Die Rede ist von Charlotte Maria Golz-Glogener, heute meine Gesprächspartnerin.

Februar 2025 – 42 Jahre später feiern wir mit Charlotte ihren 80sten Geburtstag, stoßen auf sie und auf alte Zeiten an. Wir, das ist unsere kleine, private Zumbatruppe (wie hier im Blog schon öfter erwähnt).
Auch ich hatte zu DDR-Zeiten bei Charlotte Tanzstunden im Rahmen der Jugendstunden der FDJ. (Nachzulesen: „Es war einmal das Haus am Berg“).
Und heute? – … tanzt Charlotte immer noch mit, korrigiert uns, ist unser primus inter pares.


Während der Geburtstagsfeier erfahre ich, dass vor 1989 in Frankfurt internationale Tanzturniere stattgefunden haben. Ich staunte, daran hatte ich keinerlei Erinnerung, und wollte mehr darüber wissen. Vor drei Wochen begleite ich Charlotte und meine Sportfreundin Anita auf ihrem regelmäßigen Spaziergang:

„International – was bedeutete das damals? Nur Paare aus den sozialistischen Bruderländern?“ „Nein“, antwortet mir Charlotte. „Wir hatten auch Paare aus der Bundesrepublik, Frankreich, Österreich und Dänemark. Jugoslawien nenne ich hier ebenfalls, weil es nicht zum Ostblock gehörte.“

Siegfried Grupe, angestellt beim Zentralhaus für Kultur der DDR in Leipzig, arbeitete wie Charlotte beim Kulturzentrum in der Gubener Straße. Er begann Frankfurt (Oder) zu einem Leistungszentrum des Tanzsports in der DDR aufzubauen. Anfangs organisierte er die Turniere, setzte sich mit den Kulturzentren der jeweiligen Länder in Verbindung, um Tanzpaare der A und S-Klasse einzuladen, plante den Ablauf der Veranstaltung, bestellte die Wertungsrichter und sorgte für die Hotelunterbringung. „Die Übernachtungsmöglichkeiten waren überschaubar. Und so musste Siegfried manches Mal seinen Charme spielen lassen – er sah aus wie Gerard Philipe -,  bekam noch Zimmer im Hotel Stadt Frankfurt, wo ich zuvor eine Absage erhalten hatte“, erinnert sich Charlotte.

Sie half bei der Organisation, bevor sie Anfang der 80er nach dem Weggang Grupes selbst die Turnierleitung übernahm, bis zur letzten Veranstaltung – ein Jahr, bevor die DDR verschwand.
Das war Stress pur, so Charlotte und illustriert ihre Aussage mit dem Bericht über ein tschechoslowakisches Tanzpaar, das mit mehr Gefolge anreiste als üblich, die Unterbringung somit erheblich erschwerte, dann noch die Abfahrt zur Veranstaltung verschlief und obendrein die Turnierkleidung im Hotel vergaß.

Moderationskarten Charlotte:


Die Tanzturniere waren Höhepunkt der jährlich stattfindenden Oderfestspiele und der Arbeiterfestspiele 1988. Sie liefen an drei Tagen. Karten dafür waren praktisch nur über Beziehungen zu bekommen.
Austragungsort war das Kulturhaus Völkerfreundschaft in der Birnbaumsmühle 72. Damals ein florierender Veranstaltungsort. Es gab einen großen Saal, den Beethovensaal, und genügend Möglichkeiten für die Paare, sich umzuziehen.“ (Ein Haus mit Geschichte, heute zwar unter Denkmalschutz aber leider ein vergessener Ort und beinahe schon eine Ruine)



„Unter Siegfried Grupes Leitung hatten wir immer eine kleine Combo engagiert.
Inzwischen war ich mit Hans Golz verheiratet. Er war Major der Volkspolizei, hatte das Standortmusikkorps der VP unter sich und die Idee, künftig die Turniere musikalisch zu begleiten. Hans wusste natürlich genau, was ich brauchte. Zehn Tänze: Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Slow Fox, Samba, Cha Cha Cha, Rumba, Jive, Paso Doble. Es lief hervorragend, richtig gut.“

Standortmusikkorps der VP 1987, Leiter Major der VP MD Hans Golz (Quelle: Facebook, Ffo.aktuell Rocco von Frankfurt, Urheber unbekannt, Bildschirmfoto vom Video)


Charlotte erzählt von dem Problem, angemessene und vom Material her geeignete Kleidung und Schuhe für ihre Paare zu bekommen. „Es war eine Katastrophe.“
In Berlin in der Schönhauser Allee gab es das HO-Schuhhaus Hans Sachs, zu dem eine Schuhmacherwerkstatt gehörte. Dort wurden nicht nur Schuhe repariert, sondern es konnten auch Spezialanfertigungen und Umbauten vorgenommen werden. Gerade im Tanzsport war das ein regelrechter Geheimtipp, Insiderwissen. Wer einmal einen guten Schuhmacher gefunden hatte, gab dessen Adresse an Vereinskameraden weiter. Über die Wartezeit wollen wir lieber nicht reden.

Während die Kleider der westlichen Tänzerinnen aus Perlontüll und Organza gefertigt waren, hatten unsere Damen Kleider mit Baumwolltüll, der bei Wärme und Feuchtigkeit die Form verlor und schwer wurde „wie ein Sack“, beschreibt Charlotte.
Selbst die Tschechoslowaken, Polen und Jugoslawen waren mit gutem Tüll ausgestattet.
Und so kam es, dass dänische, westdeutsche und österreichische Paare vereinzelt Kleider und Schuhe zurückließen oder extra mitbrachten, weil diese Engpässe offensichtlich und bekannt waren.
„Das ging ohne Worte“, so Charlotte.

„Wir hatten eine Top-Schneiderin, eine Perle, sag‘ ich dir. Christel Popp, mit ihrem eigenen Reich bei uns im Kulturzentrum. Sie hat das alles für unsere Paare umgearbeitet, den Tüll und die Pailletten aus alten Kleidern herausgetrennt, für neue genutzt und auch sonst alles für unsere Turnierpaare genäht.“ „Allein?“, frage ich. „Ja ganz alleine.“

Schuhe gab es in Berlin, Stoffe in Cottbus. Charlotte erzählt mir die Geschichte eines Lateinkleides: „In einem Exquisitgeschäft in Cottbus fand ich einen Mantel aus goldfarbenem Stoff genäht. Wunderbar weit und unglaublich teuer. Das Kulturzentrum zahlte die Ausstattung für die hochklassigen Paare, aber eine solche Ausgabe und dann noch für einen Mantel? Ich habe nicht lange überlegt, ihn gekauft, schnell zu unserer Schneiderin gebracht, um ihn sofort auseinandernehmen zu lassen. Unter anderem hat sie ein Lateinkleid daraus genäht. Davon habe ich sogar noch ein Foto.“


Ob Charlotte dieses Kleid behalten durfte, wie der Kauf des Mantels vor höherer Stelle gerechtfertigt werden konnte, das erfahrt Ihr im zweiten Teil, denn unsere Lehrerin für Gesellschaftstanz hat mir noch viel mehr erzählt.

Bettina Zarneckow

Ein Hauch von Eden

Vertraut jedes Wort, jeder Schritt, deine Hand - 
so möchte ich ewig geh'n.
Vertraut unsere Blicke - kein Maß, nur Versteh'n,
von Eden her seliges Weh'n.
Vertraut deine Gesten, jede Mimik Musik, 
als hört' ich mein schönstes Lied.
Vertraut auch dein Zögern, gedankenverliebt,
Gefühle im Inner'n gewiegt.
Vertraut jeder Abschied und doch seelenschwer,
Hoffen lindert das Leid.
Vertraut ist mir mein sehnendes Herz,
Erinnerung trägt durch die Zeit.

Bettina Zarneckow

Bundeskanzler adé

In der Vergangenheit wurde behauptet, dass sich die Ukraine als Stellvertreter der USA in einem Verteidigungskrieg mit Russland befindet. In der Pressekonferenz des Präsidenten Selenskyj und von Bundeskanzler Merz am 14.4. 26 haben beide das angebliche Verhältnis für erledigt erklärt. An seine Stelle ist die vertiefte strategische Partnerschaft Deutschlands mit der Ukraine getreten.

Dem Bundeskanzler Merz ist zu danken, dass er in der Pressekonferenz hinsichtlich der neuen Rolle Deutschlands beim Ukrainekrieg für Klarheit gesorgt hat.

Zum einen ist die USA unter Trump auf Abstand zur Ukraine gegangen. Zum anderen gilt nunmehr die in Gegenwart des ukrainischen Präsidenten von Merz abgegebene Erklärung, „Russland wird den Krieg nicht gewinnen“ mit der Zusage bedingungsloser deutscher Hilfe. Deutschland wird mit der Vereinbarung der wichtigste Verbündete der Ukraine.

Zur Illustration einige Schlagworte aus der Presseerklärung, die einen Blick in die Merzsche Strategie ermöglichen:

Deutschland sagt der Ukraine zu, „den Druck auf Russland zu erhöhen“, „wird die Ukraine dabei unterstützen, die Rechenschaftspflicht Russlands für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine sicherzustellen, auch durch ein Sondertribunal für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine sowie die Einrichtung einer Internationalen Schadensersatzkommission für die Ukraine“.

Es ist die Rede von der „unerschütterlichen Unterstützung der Ukraine bei der Verteidigung ihrer territorialen Unversehrtheit innerhalb ihrer internationalen Grenzen einschließlich des Küstenmeers und beim Schutz ihrer Freiheit, ihrer Souveränität und ihrer Unabhängigkeit.“

Deutschland wird 2026 der Hauptfinanzier der Ukraine im militärischen und zivilen Bereich, umgekehrt will die Ukraine durch den gemeinsamen Aufbau einer Verteidigungsindustrie und mit der „stärksten Armee Europas“ für die Sicherheit Deutschlands einstehen.

Das Ergebnis soll ein Verzahnen der beiderseitigen Fähigkeiten im laufenden Verteidigungskrieg der Ukraine sein.

Da die Bundesregierung nicht mit Russland redet, kann sie nicht wissen, wie die neue Lage von Putin und seiner Kamarilla bewertet wird.

Könnte die von Merz offenbarte neue Politik als ein Ultimatum an Russland angesehen werden? Gegenüber der Ukraine soll Russland nachgeben, um nicht mit Europa und besonders Deutschland einen nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch militärischen Konflikt zu riskieren?

Wenn das (mit Sicherheit) nicht gemeint ist, muss das angesichts der Merzschen Ansage gegenüber Moskau und Kiew klargestellt werden. Die Mehrheit der Deutschen wollen zwar die Unterstützung der Ukraine, sich deshalb aber nicht in das Risiko eines schwerwiegenden Konfliktes mit Russland reinreden lassen.

Im RBB wird am 21.4. berichtet, dass die Russen aus unbekannten Gründen die Pipeline Druschba für das kasachische Öl ab Mai sperren wollen. Der Reservistenverband schlägt am 20.4. vor, das Höchstalter für Reservisten auf 70 Jahre zu erhöhen. Sind das nur erste Reaktionen auf die Vereinbarung zur strategischen Partnerschaft und was ist noch alles zu erwarten?

Das Dilemma für beide Seiten besteht darin, dass Russland einen Krieg gegen die Ukraine führt und unabhängig davon verstärkt nachrüsten wird, wenn Deutschland und weitere Staaten wie angekündigt auf eine Aufrüstung gegen Rußland mit 5 % des Bruttosozialproduktes setzen.
Dabei kann Russland vermutlich nur eine begrenzte Zeit mithalten, genau das könnte in den Augen der Experten auf beiden Seiten den Zeitpunkt für den Ausbruch eines Krieges bestimmen. Es sei denn, die Atommacht Russland übergibt die Krim und alle weiteren besetzten Gebiete an die Ukraine, Putin stellt sich einem Sondergericht und Russland zahlt Reparationen. Könnte das der Plan der Verteidigungspolitiker sein? Ein solcher Plan ist nicht realistisch. Auch für die Experten?

Der Präsident der USA hat jüngst während des laufenden Krieges gegen den Iran „mit der Auslöschung einer Zivilisation“gedroht.
Der Historiker Odd Arne Westad nimmt an, dass die Drohung mit einem Atomkrieg nicht mehr die abschreckende Wirkung wie in der bipolaren Welt des Kalten Krieges hat ( FAZ vom 21.4.26 „ Ein großer Krieg wird zum wahrscheinlichen Szenario“).
Putin hat öfter auf Russland als Atommacht und seine Atomdoktrin hinweisen lassen. Was seitens der deutschen Experten mit müdem Lächeln als leere Drohung beiseite geschoben wird. In der Tat hat Russland in Gegensatz zu den USA bisher keine Atombombe eingesetzt.

Der Historiker Westad bittet fast flehentlich, zur Vermeidung von Krieg wenigstens Kompromisse anzustreben – „keine Einigung, keine Konvergenz, keine moralische Gleichwertigkeit, sondern lediglich Absprachen wenigstens über einige Probleme, die heute konfliktschärfend wirken“.

Beim Verhältnis Deutschlands zu Russland geht es um einiges mehr.
Im Verhältnis Deutschlands mit Russland sollten ungeachtet der Überlegungen der Ukraine Missverständnisse durch Konsultationen ausgeschlossen werden. Die Merz-Töne in der Pressekonferenz bei gleichzeitiger Verkündigung der Vereinbarung einer strategischen Partnerschaft mit der Ukraine waren gegenüber einer Atommacht leichtsinnig und überheblich. Merz provoziert eine ehemalige Besatzungsmacht, die 1991/92 ohne einen Schuss mit über 350000 Soldaten aus Deutschland friedlich abgezogen ist. Pistorius kündet heute den Aufbau der stärksten konventionellen Armee in Europa an und renommiert mit einer Militärdoktrin, die aus verständlichen Gründen vor Russland geheim gehalten werden müsse. Das nimmt der Russe einfach so hin?

Russland begnügte sich 1990 im 2 Plus 4 Vertrag, der den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ermöglichte, mit der abstrakten und vielseitig auslegbaren Vereinbarung, „ dass von deutschen Boden nur Frieden“ ausgehen soll. Weil Russland eine Atommacht ist, bedurfte der Vertrag unter vernünftigen Politikern auf allen Seiten keiner weiteren juristischen Konkretisierung. Er ist aber jetzt im Licht der russischen Staatsräison – die Existenz Russlands darf durch konventionelle Waffen nicht gefährdet werden – politisch zu bewerten.

Was hindert Deutschland angesichts von 2 Weltkriegen mit Russland an Verhandlungsangeboten? Weil mit Putin nicht gesprochen werden darf ? Ist er nicht der russische Präsident?
Es geht in der Politik der Staaten derzeit weniger um den Streit über Verletzungen abstrakter und auslegbarer Verträge oder die Verletzung des Völkerrechts, sondern vorrangig um den Ausgleich von Interessen. Das kann zum Kompromiss führen, auch zwischen Russland und der Ukraine.
Warum sieht Merz nicht die Aufgabe zur Schlichtung, Merkel wäre da nicht blind.
Wenn die Bundesregierung sich bedingungslos auf die Seite der Ukraine stellt, muss sie wenigstens zeitgleich mit Moskau sprechen. Ansonsten riskiert sie eine vermeidbare militärische Auseinandersetzung.

Was muss nicht also irgendwann, sondern sofort seitens der Regierung Merz geschehen?

Die Regierung Merz muss Gespräche mit Russland aufnehmen. Dazu gehört zu allererst ein Antrittsbesuch bei Putin.
Merz muss die Austrocknung des Energiemarktes, dem Beispiel der USA folgend, durch Aufhebung der Sanktionen gegenüber Russland seitens der EU-Kommission beenden. Das Verbot der EU zur Reparatur der Pipeline Nordstream ist zu streichen und ihre Instandsetzung aufzunehmen.

Vermieden werden muss eine sich zunehmend abzeichnende Spaltung unserer Gesellschaft. Fordern wir doch in einem ersten kleinen Schritt gemeinsam offene Diskussionen, bei denen die Teilnehmer kontrovers diskutieren und es vertragen, dass der andere Teilnehmer Recht haben könnte.

Der Wechsel Berlins von einer Abhängigkeit von den USA hin zu einer Abhängigkeit von Kiew ist zu verhindern.

Reinhart Zarneckow