Theo wandert

erzählt von Karl-Ludwig von Klitzing

Theo ist 5 Jahre alt. Er lebt bei seiner Mutter in Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Sein Vater wohnt in Mitte in einer neuen Beziehung. Theo wechselt gern und oft zwischen beiden Wohnungen hin und her. „Theo wandert“, heißt es dann allgemein. Den dazugehörigen Hol- und Bringe-Dienst erledigt der Vater – liebend gern macht er das. Die Stimmung dabei ist immer wieder sehr lustig, wenn natürlich auch kleine Differenzen nicht ausbleiben. Theo mag Abwechselungen in jeder Art und er ist pfiffig genug, aus „abwechslungsreichen“ Verhältnissen kleine Extras für sich herauszuholen.

Theo ähnelt im Wesen seiner Mutter Carina. Beide sind sie hübsch und beide wissen das. Immer wieder erobern sie sich mit Anmut und Hingabe alle Herzen im Sturm. Auch das wissen sie. Theo ist flexibel und mutig, ein echter Kämpfer ist er nicht. Eher erbittet er sich auf eine ganz eigene Art erforderliche Hilfen. Man nimmt ihn gern in den Arm. Er lehnt sich dicht an, kuschelt, kommt ganz nahe heran. Man spürt seinen Körper. Die Herzen regen sich. Immer wohliger und wärmer wird einem, man genießt die Nähe. Ein klein wenig später wird man plötzlich aufmerksam und versucht zu registrieren, was hier so anders ist. Es entsteht ein kleiner Abstand. Man fragt sich, ob man hier irgendwie helfen könnte? Schließlich meint man, eine romantische, fast glückliche Form einer Traurigkeit zu spüren. Das aber überfordert eine kurze Begegnung. Und so trennt man sich mit einem winzig schlechten Gewissen, so, als habe man ein kleines Unglück sich selbst überlassen. Ich nehme oftmals ein kleines Sehnen mit, wenn ich die beiden verlasse. Dann schwingen in mir Gedanken über die Zartheit einer Kinderseele nach und ich frage mich, ob das Einpflanzen eines schlechten Gewissens eine Kunst ist, die vielleicht einem Neugeborenen schon in die Wiege gelegt worden ist?

Theo ist ein Lieber, ein Gutmütiger und süß ist er obendrein. Natürlich weiß er aber auch genau, mit wem er wie am vorteilhaftesten auskommt. Hierbei ziehen in ihm Wesenszüge von der Mutter ebenso wie vom Vater mit. Wenn man ihn fragt, wo er her ist, sagt er mit großer Überzeugung und mit erhobener Stimme am Schluss des Satzes: „Ich bin doch aus Berlin!“

Oftmals wechselt er in den Extremen von einem ausgesprochen pfiffigen Berliner Schusterjungen bis hin zu total verträumt und geistesabwesend. Und das kann schon mal innerhalb weniger Minuten beides hintereinander vorkommen. Wie gesagt: Theo ist 5 Jahre alt.

Wieder einmal war Theo mit seinem Vater unterwegs. Die von ihm erhandelte Option enthielt auch eine Übernachtung in der Tucholskystraße. Nach einem turbulenten Nachmittag und einem relativ langen Abend ging es recht spät zu Bett. Er hatte in der neuen Familie seines Vaters ein Separee, welches er gern und auch völlig selbständig in Beschlag nahm. Müde zog er sich aus, wünschte allen eine gute Nacht und war dann schnell eingeschlafen. Der Vater hatte viele Freunde. Mit ihnen traf er sich gern zu einem Bier in der traditionellen Kellerkneipe, die bereits vor Jahrzehnten direkt unten im Hause ausgebaut worden war. Bis hierhin konnte Theo mit Hilfe eines Babyphons jederzeit in Verbindung treten. Meist fand sich aber ohnehin am späten Abend die gesamte Familie zu Hause wieder ein. Dann wurde es schnell still in der Wohnung. In besagter Nacht wachte Theo auf. Er war hell wach und sprach in das Babyphon. Eine Antwort erhielt er nicht. Eigentlich erwartete er auch keine. In aller Ruhe zog er sich an, verließ die Wohnung und ging schnurstracks in die Kneipe im Keller. Nur noch die letzten Gäste waren hier anwesend, solche, die sich immer ein bisschen Mut machten, bevor es nach Hause ging. Sie begrüßten Theo. Wie eine aufgehende Sonne begrüßten sie ihn in ihrer tristen Situation. Triumphierend versprühte Theo seinen Charme. Trotz der vorgerückten Stunde und der etwas obskuren Gesellschaft kam er vollkommen auf seine Kosten. Er hatte die Nacht zum Tage gemacht und zwar zu seinem Tag. Schließlich nahm der Wirt sich seiner an. Er ging mit ihm auf die Straße. Theo klingelte. Der Vater hörte die Klingel, beschimpfte in Abwesenheit die übermütigen Säufer, die nachts nichts als Unsinn im Kopfe hätten. Er erinnerte sich an seine eigenen Sturm- und Drangzeiten, drehte sich in seinem Bett um und ließ es einfach weiter klingeln. Bald darauf schlief er wieder ein. Theo und der Wirt standen nun mitten auf der Tucholskystraße und versuchten, sich im 3. Stock bemerkbar zu machen. Und obwohl sie so laut sie konnten – einzeln und im Duett – nach dem Papa riefen, machten sie sich nur bei anderen Anwohnern unbeliebt. Die Berliner sind in solchen Fällen konkret, lautstark und nicht gerade fein. Als der Wirt und Theo genug davon hatten, zogen sie sich in die Kneipe zurück. Das war für alle ein Grund, eine Überstunde zu machen. Theo wird sie nie vergessen. Schließlich rief der Wirt die Polizei. Sie wurde mit großem Hallo begrüßt. Erneutes Klingeln in der Tucholsky-Straße 32. Jetzt wachte Anna auf. Ebenso ohne Kenntnis der Vorgeschichte beschimpfte sie übermütige Säufer in Abwesenheit. Auch sie drehte sich im Bett um und schlief weiter.

Spät nach Mitternacht rief die Polizei per Megaphon den Nachnamen von Theo aus, mit der Aufforderung, den Jungen in Empfang zu nehmen. Dies war jedoch vom Vater nicht zu hören, weil das Fenster des Schlafzimmers zum Innenhof gereichte. Und außerdem: Der Familienname von Theo, nämlich der seiner Mutter, war hier im Wohnviertel unbekannt. Zunehmend öffneten sich immer mehr Fenster in der Umgebung. Der ganze Vorgang wurde überwiegend mit wütenden und auch deftigen Kommentaren aus der Trivialliteratur begleitet. Die Situation löste sich, als Ole, ein Mitbewohner im Haus, Theo erkannte. Mühevoll trommelte er den Papa heraus. Vater und Sohn begrüßten sich, streng aber herzlich. Der Wirt machte eine weitere Überstunde – nun polizeilich genehmigt und vom Papa gesponsert.

Theo hat seither alle Herzen der Tucholskystraße „in seiner Tasche“. Von dieser Nacht an wird die Wohnung konsequent abgeschlossen und der Schlüssel unter Papas Kopfkissen aufbewahrt. Es ist Theo zuzutrauen, dass er diese Art des Wanderns liebend gerne wiederholen würde.

Frau Merkel, die parlamentarische Demokratie und die Macht

Wenn sie es denn überhaupt wünschten, habe ich meinen Kindern gerne Märchen zum Einschlafen erzählt. Sie hatten fünf Begriffe zu nennen, ich hatte eine Geschichte mit ihnen zu bilden. Es wurde penibel gezählt, alle Begriffe mussten in der Geschichte auftauchen. Natürlich kam es auf den Wahrheitsgehalt der Geschichten nicht so an, deshalb nannte ich sie Märchen. Und sie waren genauso wahr wie alle Märchen.

Damit bin ich bei meinen heutigen Begriffen angekommen: Verzeihung, Impfstoff, Chile, Ausgehverbot und Mutanten.

Am Mittwoch, den 24.3. diesen Jahres entschuldigte sich Frau Merkel bei ihrem Volk, bat um Verzeihung und entmachtete so ganz nebenbei ihre Ministerpräsidenten. Weil sie alleine die Letztverantwortung für eine lebenswichtige Entscheidung trage, die zwei Tage zuvor von der Ministerpräsidentenkonferenz unter ihrem Vorsitz getroffen worden war. Sie zog den Vorschlag der Konferenz, mehr war es eigentlich gar nicht, für zwei Ruhetage vor Ostern im Kampf gegen die Pandemien 1 und 2 angeblich ersatzlos zurück. Und wer die Letztverantwortung trägt, braucht andere nicht zu fragen. Die Landesfürstinnen und die Landesfürsten (!) beeilten sich, ihre Mitverantwortung zu beteuern. „Ersatzlos zurück“ ist im übrigen nett gesagt, weil die Sache ein dickes Ende hat.

Der Kanzleramtschef und Arzt Helge Braun wies auf eine ganz gemeine Zwickmühle hin: Wenn parallel zum Impfen die Infektionszahlen rasant steigen, wächst die Gefahr, dass die nächste Virus-Mutation immun wird gegen den (vorhandenen) Impfstoff.

In Chile deutet sich so ein Desaster an. Mehr als ein Drittel der 19 Millionen Chilenen sind mindestens einmal geimpft, jeder Achte sogar zweimal. Dennoch explodieren die Zahlen. Vergangene Woche waren es täglich 7000. Umgerechnet auf Deutschland mit seinen gut 83 Millionen Einwohnern wären das ca. 31000 Erkrankte am Tag. Der chilenische Epidemiologe Jaime Cerda benennt einige Gründe. Einer davon lautet, dass Mutanten im Umlauf sind, auf “welche die Impfungen weniger gut ansprechen”. Wenn also in Deutschland ein Drittel der Bevölkerung oder 27 Millionen geimpft worden sind, muss sich noch gar nicht allzu viel verbessert haben.

Und damit komme ich auf mein “angeblich” aus dem von der mächtigen Frau Merkel zurückgezogenen Vorschlag mit dem dicken Ende zurück. Am gestrigen Montag hat sie in einer Fernsehsendung bei einer gewissen Frau Will nachgeschärft und dem Publikum die weitere Entmachtung der Landesfürsten, wenn diese notwendiges aus Sorgen um die Macht partout nicht wollen oder können, erläutert. Angesichts täglich steigender Zahlen geht es nicht um die Rücknahme von Lockerungen, sondern um weitere schnelle Schritte zur Eindämmung von Infektionen, verursacht durch die Covidmutanten.

Ihre ultimativen Forderungen sind begründet. Die Quelle der meisten Infektionen ist der private Bereich. Also ist ein nächtliches Ausgehverbot für alle, und vorerst auf wenige Wochen begrenzt, nicht zu umgehen. Die Arbeitgeber haben in den Großbetrieben Schnelltests zu organisieren, genauso wie die Länder für die Schulen und die Flughafengesellschaften für ihre Fluggäste. Was ist nun das Märchenhafte an dieser Geschichte? Eine Bundeskanzlerin hat den Landesfürsten, nein auch den Landesparlamenten ein Ultimatum gestellt. Die Lage scheint ernst, aber nicht hoffnungslos.

Reinhart Zarneckow

Keine Mitläuferin – kein einfaches Leben?

Ich bin die große Schwester der „Mitläuferin“ Bettina Zarneckow (Eine Mitläuferin-hier im Blog). Mein Name ist Camilla Klich. Ich hatte mich nie damit abgefunden, eingesperrt im Arbeiter- und Bauernstaat zu leben. Die Konzerte von Bob Dylan und von Bruce Springsteen nicht live sehen zu können, nicht unter Palmen liegen zu können und im 26 Grad warmen Meerwasser zu schwimmen, nicht Pepsi Cola trinken zu können. Ich sammelte Ansichtskarten aus jedem Winkel der Welt. Auf eine Ansichtskarte war ich besonders stolz. Sie stammte aus Südafrika. Für Politik interessierte ich mich wenig.

Wir haben Freunde in San Francisco. Das Ehepaar war 1976 bei uns zu Besuch. So lernte ich fleißig Englisch. Ich glaube, ich war recht gut, und so konnte ich ihre Briefe auch für die ganze Familie leicht übersetzen und mühelos antworten. Mein Berufswunsch war Lehrerin für Deutsch und Englisch. Fast allen aus meiner Klasse wurde ein Direktstudium verweigert. Die Jungen konnten ein Studium nach 3 jähriger Armeezeit antreten. In der Regel aber erhielten im besten Fall nur diejenigen einen schnellen Zugang ohne Umwege zu den Hochschulen, die ihre sozialistische Grundeinstellung und Parteikonformität nachweisen (oder glaubhaft vortäuschen) konnten. Also erhielten nur die beiden Mitschüler, die den Lehrerberuf in der Fächerkombination mit Staatsbürgerkunde ergreifen wollten, eine Zulassung zum Direktstudium.

Da das Reisen schon immer ein Faible von mir war, arbeitete ich im Reisebüro. Parallel lernte ich für ein Studium weiter Englisch an der Volkshochschule. Die Sommermonate waren toll. Da kamen die Touristen aus dem NSW, wie wir Reisebüroleute es nannten – die Touristen aus dem Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftssystem. Ich war aufgeschlossen und begierig, Neuigkeiten aus dem Ausland zu erfahren und sicherlich auch naiv, jedenfalls nahm ich kein Blatt vor den Mund und schilderte ihnen im Gespräch offen die Verhältnisse, unter denen ich in der DDR lebte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Frau aus Schweden kennen. Wir freundeten uns an. Sie besuchte mich. Wir fuhren nach Rostock und Warnemünde.

Mit der Personalchefin im Reisebüro hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Karin reagierte verständnisvoll, war immer bereit, sich meine Sorgen anzuhören, gab Ratschläge als ich mich (vergeblich) zum zweiten Mal für ein Lehrerstudium beworben hatte. Sie war selbst eine überzeugte Genossin und linientreue DDR-Bürgerin und versuchte mich zu überzeugen, in die SED einzutreten. Das kam für mich nicht infrage. Im Fernsehen sah ich vor allem „Westsender“. Ich verabscheute die Sendung „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler im DDR Fernsehen.

Dann kam am 9.11.1989 die Wende mit dem Mauerfall. Unmittelbar darauf verkündete Karin im Büro etwas zu lautstark, dass sie nicht gedacht hätte, wie viele Lügen die DDR-Regierung erzählt hätte und wie komfortabel die Oberen der SED in der Siedlung Wandlitz gewohnt hätten usw. Ich wusste gleich, dass sie das nicht ernsthaft meinte, glaubte ihr nicht.

Der Tag, als ich einen Einblick in meine Stasi-Akte erhielt: Ich arbeitete gerade in Berlin, als ich eine Aufforderung bekam, mich in der Stasi-Unterlagen-Behörde (BstU) zu melden. Ich dachte, was werden schon für Unterlagen über mich existieren. Nach meiner Schulzeit bestand die DDR ja nur noch 3 Jahre. Dann kam schon die Wende. Ich hatte mich getäuscht. Eine Dame brachte einen Rollwagen, der mit Akten vollgepackt war. Ich fand Aufzeichnungen über meine Kindheit. Das Kennenlernen mit meiner schwedischen Freundin wurde beschrieben. Die Kopie ihres Notizbuchs mit Adressen in Schweden und Dänemark fand ich vor. Wie war die Staatssicherheit nur daran gekommen?

Die Stasi hatte alle Nachbarn in unserem Haus über meine Schwester Bettina und mich ausgefragt. Welches Autos unsere Familie und der Bruder meiner Mutter fuhren. Über die Besuche einer Freundin meiner Mutter aus Kaiserslautern, das Treffen mit Freunden aus San Francisco. All meine in Englisch geschriebenen Briefe nach San Francisco fand ich maschinegeschrieben und sorgfältig übersetzt.

Ich wurde systematisch von drei Kolleginnen ausspioniert. Die erste war die damalige Leiterin der Zweigstelle des Reisebüros im jetzigen Oderturm in Frankfurt (Oder). Die andere Kollegin war Christel. Harmlos. Sie hat mich nie ausgefragt. Und die dritte Kollegin war Karin. Sie schrieb in allen Einzelheiten, was ich ihr in den 3 Jahren erzählt hatte und bewertete mich. Zum Beispiel, dass ich ein behütetes Kind war und meine Eltern mir jeden Wunsch erfüllten. Sogar der genaue Preis eines teuren Strickkostüms und einer Hose, die ich gekauft hatte, waren angegeben. Dazu noch ihre Anmerkung: „Viele Lebensmittel kauft die B. im Intershop und verspeist diese bei der Arbeit z. B. Joghurt beim Frühstück“. (B. wegen meines Mädchennamens Biegon) Tatsächlich war mein Vater Rentner, der nach Westberlin fahren durfte und uns immer etwas mitbrachte.

Ich erfuhr nun auch, warum ich immer Absagen zum Studium erhielt. Karin schrieb in einem Bericht, dass ich noch keinen „gefestigten Klassenstandpunkt“ hätte, ich im Grunde alles studieren würde, um etwas aus mir zu machen. Außerdem weigere ich mich beharrlich, in die SED einzutreten. Und dann der Satz: „Zu B. besitze ich gute persönliche Verbindungen, die ausbaufähig sind“.

In meiner Stasi-Akte stand auch, dass ich eine Jugendtouristreise nach Jugoslawien beantragt hatte, man wollte überprüfen, ob ich „Fluchtgedanken“ hätte. Zu diesem Zwecke schickte man einen Radiomoderator zu uns. Wir kannten ihn. Er wohnte auch in der Heinrich-Zille-Straße uns gegenüber und sollte das „abklopfen“. Als Grund seines Kommens gab er an, Informationen über unser Radioverhalten einholen zu wollen. Ich war misstrauisch und stellte meinerseits Fragen. „Von ihrer Mutter ängstlich gebremst“ vermerkte er deshalb in seinem Bericht. Er brach das „Interview“ ab und verabschiedete sich. Sein Auftauchen bei uns fand ich bedenklich. Alle Berichte wurden als „glaubwürdig“ gegengezeichnet. Von Oberstleutnant G., Major W., Hauptmann M.
Welch ein Aufwand für nichts.

Das ist jetzt 32 Jahre her. Ich war inzwischen in vielen Ländern. Unter anderem in den USA, hier San Francisco und Los Angeles. In Irland, in der Normandie, Griechenland und England …. Als das Flugzeug auf dem Flughafen in San Francisco landete, konnte ich nicht sprechen, so überwältigt war ich. Unsere Freunde holten uns ab.
Ich hörte das „Kling, kling“ der Cable Cars, von dem sie mir immer geschrieben hatten, sah die Golden Gate Bridge, besuchte die ehemaligen Gefangeneninsel „Alcatraz“, machte einen Bummel durch China-Town. – Erst jetzt erfuhr ich aus ihren Tagebuchaufzeichnungen, dass sie 1976 bei ihrer Einreise von der Stasi befragt wurden, welchen Grund ihr Besuch bei uns hätte, wie lange sie bleiben würden usw. – In Los Angeles war ich unter anderem in Beverly Hills, Santa Monica und in Hollywood.

Ich bin mit mir im Reinen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Lehrerin für Deutsch und Englisch bin ich nicht geworden. Aber ich habe meinen Arbeitsplatz in der Europa-Universität Viadrina in meiner Geburtsstadt Frankfurt(Oder) gefunden und arbeite mit Studenten zusammen. Die Wende kam noch rechtzeitig.

Camilla Klich

DLK-Foto 1982

SCOUBIDOU

In Berlin am Dom, gleich neben dem Eingang, saßen Anna und Lauri und bastelten Scoubidouandenken. Kleine Plastikbänder in wunderschönen Farben. Hübsche Armbändchen, süße Herzchen mit besonders viel Rot, Schlüsselanhänger. Touristen belagerten sie. Sie kauften ihnen alles ab.

Ein Maschinenbauer kam. Er prahlte: „Drei Tage benötige ich, um eine Maschine zu entwickeln, die Scoubidoubänder herstellt.“

Tatsächlich saß dieser Maschinenbauer drei Tage später neben den knüpfenden Kindern. An seiner Seite hatte er einen Koffer mit der konstruierten Maschine. Auf dem Schoß bediente er einen Laptop. Seine Finger tippelten fast so schnell an dem Rechner, wie die flinken Kinder flochten. Aus einer kleinen Öffnung neben dem Koffergriff kroch ein geknotetes Scoubidou-Bändchen hervor. Nach und nach wurde es länger. Schließlich fiel es herunter. „Ein Schlüsselanhänger“ rief er laut den Touristen zu. Schon zeigte sich ein neues Bändchen im Loch.

„Ich möchte gern eine Mütze aus diesem Material haben.“ Mit dem Zeigefinger wies ein älterer Mann auf seine Glatze. „Verstehe“, sagte der Mann. Dann setzte er sich großspurig auf und tönte laut: „Eine Woche benötige ich, um eine Maschine zu entwickeln, die Scoubidou – Mützen herstellt.“

Nach einer Woche saß der Maschinenbauer wieder bei den knüpfenden Kindern. Neben ihm stand eine Holzkiste, in welcher sich mehrere käferähnliche Roboter befanden, vielleicht fünf an der Zahl. Aus ihren kleinen Leibern ragten gebogene drahtähnliche Fortsätze hervor. Wie kleine Beinchen bewegten sie sich.

Wieder tippte der Mann etwas in seinen Computer ein und schon flochten die kleinen Automaten mit den Plastikfäden. Blitzschnell entstanden mehrere Scoubidouanhänger. Sofort verbanden sie diese zu einer Fläche. Schließlich lag auf einem Brettchen eine modische kunterbunte Baskenmütze aus Plastik. Der Mann setzte sie auf. Sie passte ihm und sie stand ihm gut. Lautstark lobte der Maschinenbauer seine Erfindung.

Die kleinen Maschinchen arbeiteten weiter und weiter. Immer schneller wurden die Fäden zusammengewunden. „Es reicht“, sagte der Mann mit der Baskenmütze. Er wollte gerade gehen, da bemerkte er, dass dem Maschinenbauer der Schweiß auf der Stirn stand. Heftig tippte dieser in den Laptop. Der Laptop aber reagierte nicht.

„Meine Maschine lässt sich nicht anhalten.“ Verzweifelt sah er um sich.

Unterdessen machten die kleinen Maschinenkäfer weiter. Eine Mütze nach der anderen entstand, in Windeseile. Plötzlich knoteten sie nur noch an einer Fläche. Bald war der Bürgersteig mit einer bunten Plastikdecke bedeckt. Die Menschen auf der Straße applaudiert. Dann wurde der Maschinist eingeknotet – zusammen mit seinem Laptop. Die Umstehenden lachten. Jemand wollte ihm helfen. Auch dieser wurde sofort mit verknotet. Nun wichen die Zuschauer zurück.

Inzwischen hatten die kleinen Maschinenkäferchen den Dom erreicht. Dieser riesige Dom. Sofort begannen die kleinen Automaten am Fundament. Als die Feuerwehr mit ihrem Tatütata eintraf, war der Dom bereits halb angezogen. Ein Feuerwehrmann stieg auf die große Leiter. Er wollte eine der Käfermaschinen greifen, doch da wurde er selbst auch schon samt Leiter in ein buntes Scoubidou gewoben. Ja, sogar das große rote Feuerwehrauto gleich mit. Und dessen grelle Warnleuchten strahlte nun ein buntes Partylicht.

Wieselflink die kleinen Automaten. Der Dom war nun von unten nach oben und bis in die Turmspitze hinein bunt geschmückt. Der ganze Dom – ein einziges Scoubidou. Dann ging es über auf die umstehenden Bäume. Auch sie wurden bunt beflochten. Am Ende leuchtete jedes einzelne Blatt in den fröhlichsten Farben. Ein kleiner Märchenwald am Dom. Dann die Brücke. Die Pfeiler, die gebogenen Geländer, die kunstvollen Lampen – binnen Minuten war auch das alles scoubidös und glänzte weithin sichtbar. Das Wasser der Spree fing an, bunt zu schillern. Die Fische, die kleinen wie die großen, zeigten sich in Scoubidouanzügen. Am gegenüberliegenden Ufer bedienten die Kellner ganz in Scoubidou gekleidet. Die Tische, die Stühle, dann die Gäste, der Kaffee, der Kuchen – statt mit Zuckerguss alles in Scoubidou. Selbst die Zinken der Kuchengabeln wurden beknotet – jede einzeln, nacheinander und in rasendem Tempo.

Immer weiter flochten die kleinen Roboterkäferchen. Weiter und weiter und schneller und schneller. Über die Häuser, die Straßen und Plätze, immer weiter. Und wer still ist, mucksmäuschenstill, der kann sie sogar hören.

Aus dem Buch „Märchen und Geschichten“ ausgedacht und aufgeschrieben von Karl-Ludwig von Klitzing „Für meine Enkel und alle anderen kleinen und großen Kinder“

Bilder Peter Sottmeier

Aus der Geschichte lernen? Eine Plauderei über ein ewiges Thema.

Ehrlich gesagt war ich gespannt, wie und ob der 150. Jahrestag der Reichsgründung am 18. Januar im gesellschaftlichen Diskurs des heutigen Deutschland eine Würdigung oder ein Erinnern erfahren würde. Die öffentliche Aufmerksamkeit hielt sich dann in den zu erwartenden Grenzen. Im Deutschlandfunk gab es ein Interview mit dem Bismarck-Biographen Christoph Nonn zum Jubiläum, in der ZEIT diskutierte Heinrich August Winkler mit Hedwig Richter. Einige weitere Beiträge könnten hier erwähnt werden, die meisten lassen sich jedoch zusammenfassen unter der sich immer wiederholenden Frage: War das 1871 gegründete Kaiserreich eine Keimzelle des modernen, demokratischen Deutschland oder des autoritären und nationalistischen Führerstaates, der zum Glück im Mai 1945 untergegangen ist? Dahinter mag die leidige Diskussion darüber stehen, ob das Dritte Reich ein „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte war oder eine zwangsläufige Folge von Fehlentwicklungen, denen nicht rechtzeitig der gebotene Widerstand entgegengesetzt wurde.

Eine leidige Diskussion? Ja, denn das Bemerkenswerte an den auszutauschenden Argumenten ist: es kann keine eindeutigen Antworten geben, sowohl die eine wie die andere Position kann durchaus Gründe für ihre Berechtigung ins Feld führen. Hier liegt die bleibende Wahrheit des berühmten Programmsatzes von Leopold von Ranke aus seiner Vorrede zu den „Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 – 1535“ von 1824: „Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen. So hoher Ämter unterwindet sich vorliegender Versuch nicht; er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen.“

Nicht die Vergangenheit richten, kein Versuch pädagogischer Nutzbarmachung der Geschichte, statt dessen zeigen, wie es wirklich war – das ist das bestechende Programm des Historismus. Neben Ranke ist vor allem Johann Gustav Droysen aus dem pommerschen Treptow an der Rega mit dieser historiographischen Schule verbunden, Friedrich Meinecke hat nach einem komplizierten Weg der Erkenntnis eine immer noch lesenswerte Darstellung geschrieben. Ich nenne diese Namen, weil sie sehr zu Unrecht immer mehr in Vergessenheit geraten.

Die Stärke des Historismus – die Befreiung von der Versuchung durch „Geschichtspoltik“ – ist zugleich seine Schwäche: die Relativierung aller möglichen historischen Erkenntnisse. Nebenbei: Einmal mehr bestätigt sich hier, dass wir bei der Betrachtung der Wirklichkeit oder auch bei der Beurteilung von Menschen in unserer Nähe nicht unterscheiden sollten zwischen Stärken und Schwächen. In der Regel sind die Stärken zugleich auch die Schwächen – und umgekehrt. Mir ging diese Lebensweisheit gerade während des Niederschreibens dieser Überlegungen durch den Sinn beim Nachdenken über den Jubilar dieser Tage, Michael Gorbatschow. Aber wie gesagt: das nur am Rande! Jedenfalls zunächst.

Ob das Ziel Rankes „zu zeigen wie es wirklich gewesen“ erreicht werden kann, bleibt freilich eine offene Frage. Am Bemühen darum sollten Historiker dennoch nicht sparen. Die Erzählungen von der Reichsgründung vor 150 Jahren sind selber ein beredtes Zeugnis dieser Herausforderung. Schnell wird sichtbar: Welcher der möglichen Positionen für die Deutung ich mich anschließe, hängt weniger von den zu bedenkenden historischen Fakten ab, als viel mehr von den Faktoren und Prägungen, die meine Sicht auf die Geschichte bestimmen. Geschichte verläuft nicht nach einlinigen Ursache-Wirkung-Mechanismen, sondern immer vielschichtig, komplex und nicht selten chaotisch. Wenn ich aus ihr lernen will, muss ich zuerst nach mir fragen, nach meinen Interessen, Erfahrungen und Hoffnungen. Das kann mich vor fruchtloser Rechthaberei bewahren und vor Polarisierungen, die ein Feind aller Lernprozesse sind.

Aus der Geschichte, oder besser aus der Betrachtung der Geschichte kann ich eigentlich nur lernen, dass es keinen „Alleinvertretungsanspruch“ auf historische Wahrheit gibt. Das entbindet mich natürlich nicht von der Pflicht zu eigener Urteilsbildung. Aber es lässt mich duldsamer und geduldiger mit anderen Urteilen umgehen, vielleicht auch unbefangener und selbstbewusster mit eigenen Positionen.

Duldsamkeit und Geduld: Mich bekümmert und besorgt in der gegenwärtigen Lage mit am meisten, dass ich nicht selten in Gesprächen zu hören bekomme: Ich werde nicht sagen, was ich wirklich denke, weil ich keine Lust habe, mich dann niedermachen zu lassen. Das ist schade und gefährlich. Sicher muss sich, wer so denkt und redet, fragen lassen, ob das Problem mehr in seinen unausgesprochenen Gedanken als in den darauf zu erwartenden Reaktionen liegt. Aber dennoch: wenn der Druck einer vermeintlich korrekten öffentlichen Meinung zu stark wird, öffnen sich irgendwann unkontrollierbare und ungewollte Ventile.

O weh, bin ich mit diesem letzten Satz nun selber der Verführung aufgesessen, Lehren aus der Geschichte zu ziehen „zum gegenwärtigen Nutzen“? Ja. Und natürlich lässt sich das nicht vollständig vermeiden. Zum Hineintappen in eine Falle wird es nur, wenn ich nicht weiß, was da geschieht und nicht besonnen damit umgehe, wenn ich das Wissen um die Grenzen und Vorläufigkeit meiner Erkenntnisse verdränge.

Aber nun will ich doch noch einmal zurückkehren zum Jubiläum der Reichsgründung. Neue historische Erkenntnisse kann und will ich hier selbstverständlich nicht vorlegen, wohl aber in Beherzigung des bisher Gesagten eine Art Rechenschaft darüber ablegen, was mich bewegt, wenn ich an dieses Datum denke. Im Erleben vieler Zeitgenossen bewirkte die Reichsgründung vor allem einen starken und lange ersehnten Modernisierungsschub. Der Spagat zwischen Bewahrung und Erneuerung gelang alles in allem erstaunlich gut. Das reiche Erbe der „Gründerjahre“ in einer Stilepoche, die auch unter dem Oberbegriff Historismus firmiert und Kunst, Musik, Dichtung und Architektur in einer großen Spannbreite vereint, hat bis heute nichts an beeindruckender Schönheit verloren. Es war die Wiege einer Kultur, die Hanns Eisler einmal beschrieben hat „Untergang des Abendlandes, gewiss. Aber welch ein Abendglanz!“

Durchaus mit neidvoller Sehnsucht betrachte ich manches Zeugnis dieses selbstbewussten bürgerlichen Geistes. Er erlaubte dem neuen Reich auch eine mich heute sehr nachdenklich stimmende Außenpolitik, für die der Reichskanzler Bismarck und sein Rückversicherungsvertrag steht – der stete Versuch, die geographische Mittellage des neuen Reiches auch für eine politische Mittlerrolle zwischen Ost und West zu nutzen, ein Gleichgewicht der Mächte in der Mitte Europas zu konstruieren und zu erhalten und jede einseitige Bindung zu vermeiden. Jedenfalls war das die Idee des Dreikaiserbündnisses, das einige Krisen in den siebziger und achtziger Jahren entschärfen konnte, am Ende aber leider gescheitert ist. Gescheitert an seinen Stärken, die zugleich seine Schwächen waren und die ich hier in dieser Plauderei einmal auf sich beruhen lassen will. Es gibt ja genügend Erzählungen darüber. Über einen Vergleich mit dem Scheitern des schon erwähnten Michael Gorbatschow in unseren Tagen lohnte sich übrigens ein ruhiges Nachdenken…

Hinterher ist man immer klüger – vielleicht ist diese Binsenweisheit die einzige Lehre, die wir wirklich aus der Geschichte ziehen können. Jetzt, hinterher wissen wir, dass die Abkehr von der auf Ausgleich und gegenseitige Bändigung zielenden Politik Bismarcks in die Abgründe der Geschichte des 20. Jahrhunderts geführt hat. Rechtzeitiger Widerstand gegen Machtpolitik, säbelrasselnde Rhetorik, allerlei Verlogenheiten und gegen die Dominanz ökonomischer Interessen wäre geboten gewesen.

Und wieder muss ich aufseufzen o weh. Werden spätere Generationen, wenn sie noch Gelegenheit dazu haben, uns am Ende fragen, warum wir damals, also heute nicht klüger gewesen sind? Warum wir so gelähmt dem Ausheben der neuen Schützengräben eines seine Auferstehung feiernden Kalten Krieges zugesehen haben? Die Verpflichtungen ignorierten, die uns unser geographischer und historischer Standort auf den Weg gibt? Wo blieben Duldsamkeit und Besonnenheit?

Christoph Ehricht

https://www.zeit.de/2021/02/deutsches-kaiserreich-kaiser-wilhelm-autoritaet

DIE ZEIT 6 / 2021 Kommentare Friedrich Meinecke, Die Entstehung des Historismus. 2 Bde. 1936

Langmut

Ein jedes Jahr neigt sich dem Ende
mit seiner letzten Jahreszeit.
Doch ist die letzte auch die erste,
des Winters kleine Ewigkeit.
Wie gleich geformt wirkt die Natur,
durch Kühle in den Schlaf gehaucht.
Auch Mensch und Tier, so könnt man glauben,
in sanfte Lethargie getaucht.
Ein erstes Tasten ist zu spüren,
des Frühlings milde Dreistigkeit
wagt sich mit Sonnenlicht und Wärme
in fremdes hoheitliches Reich.
Doch hab Geduld tapfere Seele,
behalt' dein Mäntelchen noch an.
's ist nur ein Zwischenspiel des Lenzes,
den Winter er noch nicht bezwang.
Schöpf neue Kraft aus frohem Ahnen,
durch Langmut dir die Hoffnung steigt.
Beständig ist uns die Natur,
in Wiederkehr sich Neues zeigt.
Denn steter Fluss auf dieser Erde
bestimmt ein Werden und Vergeh'n.
Nicht Gleiches wird dein Aug' erblicken,
es wird ganz junge Blüten seh'n.
Bettina Zarneckow
Oderwiesen Lebus

Ich denke

von Karl-Ludwig von Klitzing

Sind wir Menschen wirklich nicht mehr zu retten?

Adam und Eva

10×10 sind 100 Menschen (das seien deren Kinder und Kindeskinder)

100×100 sind 10 000 Menschen in der vorchristlichen Zeit

10 000×10 000 sind 100 000 000 Menschen – die Völker im Mittelalter

100 000 000×100 sind 10 000 000 000. Dies wird in wenigen Jahrzehnten die Anzahl der Menschen sein, die auf der Erde leben.

Ach, ja, dazu kommen dann noch die 2 000 000 000 Flüchtlinge

Und außerdem wird derzeit fieberhaft an der Entschlüsselung der Methusalem Gene gearbeitet. Bei geschätzter zwanzigprozentiger Lebensverlängerung würden noch einmal 2 000 000 000 Menschen mehr auf unserer Erde leben.

Warum gibt es keine globalen Programme wie z.B. bei der Wiedereröffnung der Frisiersalons?

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Ich denke, also bin ich.

Du denkst, also bist Du.

Er, sie, es denkt, also sind sie.

Wir, ihr, sie denken – aber wie lange noch?

Ich war nicht im Flow

von Bettina Zarneckow

„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Lutherbibel, Prediger 3

Wann immer Menschen über Schwächen reden, höre ich genau zu. Wie gehen sie mit einer solchen Bürde um? Der Theologe Johann Hinrich Claussen schreibt in der Zeitschrift „Chrismon“, er habe als Kind gestottert und seine Mutter drängte es, ihn auf eine Sonderschule umzuschulen, was dann doch nicht geschah. Im selben Artikel erwähnte er Joe Biden, der in seiner Kindheit stotterte. Biden machte das sogar öffentlich. Er wüsste genau, was Demütigung bedeutet. Auch Amanda Gorman stotterte. Und trug bei der Amtseinführung Bidens vor einem Millionenpublikum ein eigenes Gedicht vor. Als ich Claussens Artikel las, musste ich plötzlich an meine Schwäche denken, die mich bis ins junge Erwachsenenalter beschwerte, und an mein fehlendes Vermögen, sie zu überwinden.

Als Kind (geb.1968) hatte ich wenig Freude am Lesen. Es bedeutete für mich Anstrengung. Ich beneidete meine Schwester. Sie verschlang regelrecht die Bücher. Oft nahm ich ihr das Buch weg, weil ich mit ihr spielen oder zusammen mit ihr Schallplatten hören wollte. Meine Mutter schwärmte von ihren Jungmädchenbüchern. „Heidi“ von Johanna Spyri, „Goldköpfchen“ von Magda Trott, „Nesthäkchen“ von Else Ury und viele andere. Sie liebte die Bücher und legte sie mir ans Herz. Zu Geburtstagen bekam ich von der bildungsbeflissenen Verwandtschaft Lesestoff geschenkt, über den ich mich nicht besonders freute und der mir nur ein schlechtes Gewissen bereitete. Du musst mehr lesen, so der hilfreiche und bestimmt nicht bös gemeinte Rat.

Zu DDR Zeiten wurde in der Schule darauf geachtet, dass man regelmäßig die Kinderbibliothek aufsuchte, um sich Bücher auszuleihen. Die Bibliothekarin Frau Benzin, eine gute Freundin unserer Deutschlehrerin Fräulein Stürzebecher, war oft Gast zu Gruppennachmittagen der Arbeitsgemeinschaft Lesen in der 18.POS Franz-Mehring. Ich mochte die Bibliothek in der August-Bebel-Straße 98 in Frankfurt (Oder), schräg gegenüber meiner Schule. Sechs Stufen führten in einen mittelgroßen Ladenraum mit großem Schaufenster. Es roch nach alten Büchern. Ich habe die Bibo, wie wir sie nannten, als hell, warm, gemütlich und still in Erinnerung. Es fiel kein überflüssiges Wort. Sanfte Stimmung lag im Raum, geprägt von der Wesensart der Bibliothekarin. Farbige Holzstäbchen sollten bei der Auswahl der Bücher helfen. Man bekam eines, wenn man den Raum betrat und legte es in das Regal, an die Stelle, der man ein Buch zur Ansicht entnahm. In jedem Buch lag eine Stempelkarte, in die das Datum gestempelt wurde, zu dem das Leihexemplar wieder abgegeben werden musste. Bei verspäteter Rückgabe war eine Gebühr zu entrichten. Waren es 50 Pfennige pro Woche? Fast immer brachte ich die Bücher pünktlich ungelesen zurück und freute mich auf das Aussuchen neuer. Voller Schwung las ich die ersten Seiten, schweifte dann mit den Gedanken ab und nahm den Inhalt des Buches nicht mehr auf. Das zermürbte mich mit der Zeit. Gibt es eine Leseblockade? „Du warst nicht im Flow“ sagt Reinhart, ich stand also vor der Welt der Figuren im Buch und sie nahmen mich nicht mit hinein. Außerhalb der Familie vermutete niemand, dass ich wenig las und so war es doppelt schwer. Denn ich bemühte mich, den Schein zu wahren. Nicht zu lesen empfand ich als beschämend.


Schlimm war die Schullektüre, die man über die Sommerferien zu bewältigen hatte. Wie ein Damoklesschwert schwebte sie während der gesamten Ferien über meinem Haupt. Alex Weddings „Ede und Unku“, „Käuzchenkuhle“ von Horst Beseler, Alfred Wellms „Kaule“ und der Gipfel der Unverschämtheit – „Mohr und die Raben von London“ von Vilmos und Ilse Korn mit über 300 Seiten. Nicht zu bewältigen für mich. Drei Tage, bevor die Schule wieder begann, gestand ich meiner Mutter, das Buch nicht gelesen zu haben. Wir beide, der Verzweiflung nahe, widmeten uns eiligst der Aufgabe und meine Mutter las mir tapfer vor. Es musste schneller gehen, als ich es allein schaffen konnte. Sie las bis zur Erschöpfung, bis ihr die Augen zufielen. Wir schafften es nicht ganz, aber ich war einigermaßen beruhigt. Überdies hatte meine Schwester ein Jahr vorher dasselbe Pensum mit Leichtigkeit bewältigt und überließ mir ihre Aufzeichnungen.
Immer wieder sagte ich mir, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Wenn ich mich recht erinnere, so habe ich nicht ein Schulbuch vollständig gelesen. Zur Steigerung meines Selbstbewusstseins trug das alles natürlich nicht bei. Das Gefühl, mir entgeht zu viel, beschlich mich hartnäckig. Deutlich zeigte sich der Mangel an Leseerfahrung dann, wenn wir Schulaufsätze schreiben sollten. Ich sah keinen Sinn darin und mir fehlte Vorstellungsvermögen und Handwerkszeug. Nicht zu bemängeln waren gewöhnlich Grammatik und Rechtschreibung, bis auf einen Schusselfehler, den ich auch heute immer wieder einbaue. Aber Inhalt und Ausdruck ließen doch zu wünschen übrig. Mit Worten ging ich sparsam um und ersparte damit dem Kontrollierenden immerhin langweilige Lektüre. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, schrieb meine Großmutter für mich Aufsätze. Im Gegensatz zu mir machte ihr das große Freude, obwohl sie schon fast blind war und selbst kaum erkennen konnte, was sie zu Papier brachte. So fragte sie ab und zu, ob nicht wieder einmal etwas zu schreiben wäre.

„Wo ist denn Bettina?“ Die Frage meiner Eltern richtete sich an meine Schwester. „Unterm Schreibtisch!“ So gewöhnlich ihre Antwort. Dorthin zog ich mich gerne zurück, faltete im Geheimen kleine Blättchen und heftete sie mit einem Klammeraffen zusammen. Darauf schrieb ich Dialoge, kleine Geschichten voller Gedanken, die mich plagten, und illustrierte sie. Gemalt habe ich sehr gerne. Pferde waren mein Lieblingsmotiv.

Das Unterrichtsfach Deutsch mochte ich dennoch. Unser Lehrer Herr Twardowski war zwar überzeugter Genosse, aber er war freundlich, einfühlsam und gerecht. Einen Moment bitte, ich las doch ein Buch zu Ende und sogar mit Interesse: Schillers „Kabale und Liebe“. Eine Liebesgeschichte zwischen Luise, Tochter eines Stadtmusikanten und Ferdinand, Sohn eines adligen Präsidenten. Das gesellschaftskritische Drama endet mit dem Tod beider. Ende der 10. Klasse, im Jahr 1985, war dieses Buch sogar Thema meiner schriftlichen Abschlussprüfung im Fach Literatur, die ich mit „Sehr gut“ bestand.

Während meiner Ausbildung zur Fotografin (1985-1987) waren keine großartigen Texte zu bewältigen. Fachbezogene Lesestoffe, Aufgabenstellungen und Gerätebeschreibungen galt es zu verstehen und praktische Arbeit war gefragt. Wann fing ich an, Bücher zu lesen? Was brauchte es, um Interesse, Geduld und Konzentration zu entwickeln. Das Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein? Eine Lebenskrise? Dass man als Mutter während Kindererziehungszeiten zum Bücherwurm wird, ist höchst unwahrscheinlich. Oftmals fand ich kaum die Zeit, meine Fingernägel in einem Zuge zu maniküren. Waren dann die lieben Kleinen endlich einmal im Bett, fielen mir selbst fast die Augen zu.

Irgendwann suchte ich Lebenshilfe und fand sie in Büchern. Erst jetzt begriff ich, was sie bedeuten können. Begonnen habe ich vor vielen Jahren mit „Wurzeln, die uns Flügel schenken“ von Margot Käßmann. Ich war sehr angetan von einem Fernsehinterview mit ihr. Eines im Leben führt zum anderen und so folgten die Lutherbiographien von Heimo Schwilk und Heinz Schilling. Ein Buch über Erasmus von Rotterdam, mit dem Luther Streit gehabt hatte, von Stefan Zweig. Seine Art zu schreiben sprach mich derart an, dass ich seiner Reihe über Persönlichkeiten der Geschichte folgte: „Der Kampf mit dem Dämon; Hölderlin, Kleist, Nietzsche“. So gelangte ich in eine Welt des Verstehens, des Knüpfens von Zusammenhängen, des Denkens und in eine Welt der Kommunikation mit Menschen, die mir vorher fast verschlossen war und in der ich mich nun sehr wohl fühle.

An ein Buch denke ich ganz besonders gern: „Auf einen Stern zugehen“ von Heinrich Wiegand Petzet. Unser Freund Rolf Henrich gab es mir nach Gesprächen, die wir führten und nachdem er Aufzeichnung von mir zum Ahnen und Wissen und zu Kleists großem Bekenntnisbrief zu meiner Freude mit Interesse gelesen hatte. Er fand, das Buch wäre jetzt genau richtig für mich. Wenn ich es lese, dann wüsste ich, warum er es mir gegeben hat. Ein großartiges Buch. Es brachte mir Martin Heidegger und sein Denken in ganz eigener Weise nahe, berichtet von Begegnungen Heideggers mit Freunden und interessanten Persönlichkeiten seiner Zeit, erzählt von seinem Verständnis moderner Kunst. Hier ein Auszug aus „Die große Malerin“: „Im Porträt Rilkes (1906) sah er das ahnende Schauen der Malerin Paula Becker-Modersohns auf den jungen Rilke, der den Mitlebenden damals noch gar nicht offenbar sein konnte, weil erst in den Gedichten der Spätzeit sich bekundend.“ Das Buch von Petzet weckt Interesse, Heideggers Weg des Denkens zu folgen und somit selbst das Sein und die Sprache neu und tiefgründig zu betrachten. Reinhart und ich nahmen es mit an die Ostsee, lasen abwechselnd darin, lasen uns vor und sprachen darüber. Ein wunderbarer Urlaub, ganz sicher auch wegen dieses Buches.

Hätte ich meine Schwäche akzeptiert und nicht beharrlich versucht, sie zu verbergen, vieles wäre vielleicht leichter gewesen. Aber ist man als Kind innerlich gefestigt genug, offen zu seinen Schwierigkeiten stehen zu können?

Ein jegliches hat seine Zeit…

„Was liest du?“ Reinhart kommt ins Schlafzimmer. Meistens bin ich längst im Bett, wenn er sich entschließt, schlafen zu gehen. „Die Verzauberung der Welt“ antworte ich. Ein Buch von Jörg Lauster, das ich von unserer Tochter zu Weihnachten bekommen habe. „Ach, immer noch!“ „Ja, immer noch!“ Denn: Ein Schnellleser bin ich bis heute nicht. Schwierige Texte brauchen ihre Zeit. Inzwischen kann ich offen zugeben, dass ich manches nicht verstehe und stelle fest, dass ich damit nicht allein bin. In meinen Freunden und meinem Mann Reinhart, allesamt Akteure unseres Blogs, habe ich Partner gefunden. Mit denen man ein gutes Gespräch führen kann, etwa im Sinne des Aufsatzes von Christoph über den Götterboten Hermes, übrigens hier im Blog. Denn die Grundlagen, angstfreie Sympathie und Interesse aneinander, sind vorhanden und ganz wichtig: Die gemeinsame Freude am Denken und Schreiben.

Schulheft, 6.Klasse

DIE VIRENKÖNIGIN

Ein Interview von Karl-Ludwig von Klitzing

„Hallo, guten Tag. Ich bin fast achtzig Jahre alt, Corona-Risikopatient. Ich habe gehört, Sie seien der König der Viren.“

„Ja. Hallo. Ich wünsche ebenso einen guten Tag. Ja, ich bin Virenkönigin in einem Matriarchat. Wir sprechen uns grundsätzlich mit einem Du an. “

„Okay. Sind Viren überhaupt regierbar?“

„Alles ist regierbar, wenn eine Würde vorhanden ist.“

„Haben Viren eine Würde?“

„Die Würde in der Natur verteilt doch niemand danach, wie weit seine Augen sehen können. Viren, Bakterien und Pilze sind Geschöpfe Gottes oder der Evolution. Es ist der Mikrobereich. Hier hat jeder seine Daseinsberechtigung wie in der Serengeti das Großwild.“

„Noch vor fünfzig Jahren zählten Mäuse, Ratten, Spatzen und Krähen zu Schädlingen in der Natur. Andere Geschöpfe, wie Schwalben, Störche oder Schwäne zum Beispiel, galten als nützlich.“

„Ja, typisch Mensch. Über die Natur urteilt ihr ausschließlich nach eurem Vorteil. Zum Glück ist das nun im Fluss. Wir Viren zum Beispiel sind komplexe und vielseitige Wesen, gehören aber aus eurem Blickwinkel noch nicht einmal zu den Lebewesen. Was ist das nur für eine enge Sichtweise. Ohne Führung? Ich weiß nicht.“

„Gott hat Adam aus Lehm geformt und ihm Leben eingehaucht. Eva hat er aus einer seiner Rippen geschaffen.“

„Wer es glaubt, wird selig. Wir Viren postulieren: Am Anfang waren die Viren. In dem großen Gen-Puzzle der Menschwerdung sind wir ursprünglich und sehr, sehr aktiv dabei. Nach gut zwei Milliarden Jahren gab es endlich den ersten Menschen. Und unser Zauberwort heißt nach wie vor Mutation.“

„Also vorne Gott und die Viren in zweiter Pole-Position gleich dahinter?“

„Wir Viren waren dabei, als der Lehmmensch zu Fleisch und Blut geworden ist. Ein sehr großer Anteil eurer Erbmasse ist von uns: Virus- Genmaterial.“

„Das bedeutet für mich: Vollkommener Paradigmenwechsel. Galt doch bisher: Jegliches Zeichen von Euch: Achtung, Viren, hochtoxisch!“

„Ja, und die Parole für uns: Hallo, menschliche Gene. Es sind Kinder aus unserer Werkstatt! Damit gehört ihr zum Ökosystem. Wir schützen euch vor anderen Viren, vor Bakterien und Pilzen.“

„Ich hatte gerade gelesen: Ein Salamander ist jetzt nach 289 Millionen Jahren aus getautem Permafrost geborgen worden. Erlegen ist er damals einer Vireninfektion.“

„Ja und? Jede Mutation kann ein Schritt in einem riesigen Prozess sein. Hier wird ein Lebewesen in das große Gefüge der Natur eingepasst. Nicht kompatibles Genmaterial wird zerstört und recycelt. Die Ordnung ist wieder da. Neues Leben kann entstehen.“

„Auch die wunderbar beseelte Trennung zu Mann und Frau?“

„Die X- und Y-Chromosomen? Ja. Ganz wesentlich. Ein anspruchsvolles Zufallsprodukt im Genlabor.“

„Und was ist großes Ziel überhaupt?“

„Naturschutz. Wir Viren gehören zu der großen Kraft, die auf der Welt das Innerste zusammenhält. Mit anderen Worten: Wir schützen das Ökosystem.“

„Und warum nun eine Königin?“

„Ganz einfach: Das beste Gen wird automatisch König. Unsere Mutter Erde aber liebt das Matriarchat: Alle Wesen sind gleichwertig. Ein Leben in Harmonie ist das Credo. Keine Kriege. Auch der Ärmsten nimmt man sich an.“

„Ganz schön viel Poesie.“

„Ja, Poesie als die einzige wahre Richtung. Wie wenig wisst Ihr eigentlich von der Welt? Ihr Menschen seid doch einfach nur ziellos. Die große Masse Mensch folgt einem Leben in stiller Verzweiflung, und den wenigen Wissenden fehlt die Hand für die große Ordnung. Ihr seid zu klug, um armselig dahinzudämmern.“

„Bedeutet das ein Startschuss für die Viren: Achtung – eine Mutationslücke in Sicht!“

„Nein, nicht der Startschuss. Aktiv weiter. Wie von Anfang an. So lange schon, wie es uns gibt, wie wir gestalten – seit 3,8 Milliarden Jahren.“

„Wir Menschen führen uns im Ökosystem schlimmer auf als eine Horde Affen in einem Käfig, stimmt´s?“

„Volle Bestätigung. Leider.“

„Und das bleibt natürlich nicht unbestraft.“

„Natürlich sagst Du, also Zurechtweisung von der Natur. Und das wiederum ist unsere Aufgabe. Vielleicht retten wir, die Viren, die Erde vor Eurem patriarchalen Zerstörungsdrang. Hoffentlich!“

„Also Vernichtet ihr die Menschheit?“

„Nein. Keinesfalls wollen wir das. Ihr Menschen seid doch unser, der Viren höchstes Gebilde. Vielleicht reicht ja das Matriarchat. Eine gesunde Alternative zur aggressiven Testosteronregentschaft.“

„Okay.“

„Die Überzahl an Menschen im Makrobereich gereicht den Viren zu einer explosiven Vermehrung im Mikrobereich. Und sehr viele Viren bedeutet sehr viel RNS. Ein riesiges Mutationsangebot. Damit vielleicht sogar neue RNS. Jetzt, in unserer Corona-Zeit, sind wir für euch hochinfektiös und gefährlich. Vordergründig aber halten wir euch doch nur den Spiegel vor.“

„Wieder okay.“

„Zur Pandemie habt ihr es eskalieren lassen. Nicht wir. Wer verteilt uns denn über den gesamten Erdball – und zwar wissentlich! Allein könnten wir Viren das gar nicht, haben wir doch weder Arme und Beine noch Flügel.“

„Ich gestehe, Regierung und Volk sind unfähig, wissenschaftliche Kenntnisse umzusetzen. Die würdelose Masse der Menschen und dann dieses holprige, inkonsequente Demokratiegeplapper. Es ist einfach unerträglich und äußerst gefährlich. Zeiten von Kopernikus lassen grüßen: Für viele dreht sich die Sonne immer noch um die Erde.“

„Uns Viren kommt das gelegen. Wir sehen die Chance, euch wieder in die ökologische Mitte zurückzuholen. Allerdings, die künstliche Intelligenz wird uns zuvorkommen. Bisher jagten Hirnaktivitäten und Mutanten milliardenfach durch die Zeiten. Jedoch, regiert die von euch Menschen gemachte künstliche Intelligenz, werden diese unendlich vielen Zufälle steuerbar, weil berechenbar. Damit kommt die hochsensible Weltordnung in Gefahr, ihre Balance zu verlieren.“

„Nun wollen wir Menschen euch mit der Impfung auch noch auf eine unterkritische Menge reduzieren.“

„Bisher sind wir euch damit stets zuvorgekommen. Die Chance, die ihr im vorgehaltenen Spiegel erkennen konntet, habt ihr ja nicht wahrgenommen. Die Antwort von uns, den Viren: Korrektur am Wesen der Menschheit und damit ein Zurück zur strengen Beachtung des ökologischen Gleichgewichts. Eure Vernichtung ist überhaupt nicht das Ziel, seid ihr doch die Krönung unserer Prägung. Nur, eure Hirne. Sie haben keine Ahnung von der Klugheit eurer Gene. Wie sollten sie auch.“

„Majestät, ich danke vielmals für das versöhnliche Gespräch.“

Und wie geht’s Dir?

Ach graue Zeit,
ach grauer Tag,
ach einsam Herz,
ach Sehnsuchts Schmerz -
Ach träger Geist, ach träges Haupt,
was muss gescheh'n, dass du nur glaubst,
dass auch das Grau bald wieder schwindet,
die Hoffnung sich ans Morgen bindet?
Dich triffst mit Freunden zum Glas Wein,
verlässt ganz zweifellos dein Heim,
tust einfach, was dein Herz begehrt,
ohne Bedenken, unbeschwert.
Oft ist's Alleinsein mir willkommen,
will Mensch und Welt zuweil' entkommen.
Mich sammeln, in mir neu gestalten,
was mich bewegt für mich erhalten.
Wenn's mir gelingt, bedeutet's morgen,
bezwungen Elegie und Sorgen.
Fehlt mir der Funken, dann bleibt's grau,
kein Keim, kein Tröpflein Morgentau.
In Angedenk gelebter Jahre,
jedoch ich Zuversicht bewahre.
Die Zeit lässt Finsternis vergehen
und Licht und Dasein fortbestehen.
Drum sei getrost, geplagte Seele,
singst bald erneut aus voller Kehle.

Bettina Zarneckow

Corona-Lockdown 2, 01/2021