Deutschland droht die Beteiligung an einem europäischen Krieg – ohne Sinn und Verstand

Hauptfriedhof Frankfurt (Oder)

Der offene Brief an Bundeskanzler Scholz, den ich unterschrieben habe, sollte Maßstab für eine mutige Politik Deutschlands sein. Unterzeichnen Sie ihn doch auch, es ist Gefahr im Verzuge.

https://www.emma.de/artikel/offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463

Hier mein Wunschbild für die Gestaltung der deutschen Außenpolitik:

1. Die ukrainische wird von der deutschen Regierung aufgefordert werden, den Botschafter Melnyk abzuberufen und setzt so ein Zeichen für den ukrainischen Präsidenten und alle NATO-Staaten.

Der ukrainische Botschafter Melnyk macht Deutschland öffentlich zur Kriegspartei, indem er die Aussage „Kriegspartei Deutschland“ dem russischen Präsidenten Putin in den Mund legt. Daraus leitet er die ukrainische Forderung an Deutschland zur Lieferung „modernster“ Waffen und weiterer Milliarden Euro ab. Der 3. Weltkrieg habe schon begonnen. Die Politik des Bundeskanzlers sei zu „träge“.

Der Botschafter verletzt das Gastrecht und schadet Deutschland.

2. Die europäischen Staaten oder auch nur Deutschland, versuchen in glaubwürdiger Weise mit der Ukraine und Russland über einen Verständigungsfrieden zu verhandeln. Alleine schaffen sie es bestimmt nicht. Die USA sind in einer zweiten Runde, wenn sie es wollen, dabei.

Russland und die Ukraine haben 8 Jahre über die Durchführung von Minsk 2 verhandelt. Beide Seiten haben das Minsker Abkommen nicht eingehalten. Frieden wird es nur durch eine Verständigung geben, bei der Deutschland mit anderen europäischen Staaten mitwirken und so nicht nur Russland sondern auch der Ukraine Druck machen.

Gegenwärtig wird gerade Europa „zerdeppert“, weil sich alle Seiten noch Hoffnungen auf einen Diktatfrieden machen. Deutschland darf nicht wegen des Leides der Ukrainer Krokodilstränen vergießen. Es soll vielmehr bei einem Verständigungsfrieden nach dem Motto, alle Seiten packen ihre Forderungen auf den Tisch, entscheidend mitwirken. Russland muss lernen, dass Westeuropa und nicht die USA federführend ist. Europa muss das auf sich nehmen, um einen europäischen Krieg zu vermeiden. Denn es geht um unsere Haut, Amerika ist einige tausend Kilometer weit weg.

3. Deutschland geht auf Abstand zu den USA.

Die USA provozieren die Forderung eines Diktatfriedens der Ukraine gegenüber der angeblichen Regionalmacht Russland (so Herr Obama) und haben andere Interessen als Europa. Deshalb verhindert das Schielen auf die USA oder ein Barmen – ohne sie sind wir verloren – nur einen Verständigungsfrieden:

Der Verteidigungsminister hat der ukrainischen Regierung bedeutet, dass der Krieg mit den amerikanischen Waffen auch auf das Territorium von Russland zur Zerstörung der gegnerischen Logistik ausgedehnt werden kann.

Der Außenminister und der Verteidigungsminister der USA haben nach ihrem letzten Besuch in Kiew erklärt, dass die Ukraine militärisch siegen sollte. Und nach dem militärischen Sieg müsse dafür gesorgt werden, dass die Atommacht Russland niemals mehr in der Lage ist, einen Überfall auf die Ukraine zu wiederholen.

Bei solchen Plänen sollten gerade die Deutschen von einer kreatürlichen Angst ergriffen werden.

1919 wurde den Deutschen in Versaille ein Vertrag diktiert, der u.a. eine Wiederaufrüstung des Deutschen Reiches verhindern sollte. 20 Jahre später hatte das Deutsche Reich angeblich die stärkste Armee der Welt. Warum sollte das bei den Russen anders sein.

4. Das deutsche Interesse an einem Verständigungsfrieden zwischen Russland und der Ukraine gilt ohne wenn und aber und bestimmt die deutsche Außenpolitik.

Dies gilt selbst dann, wenn ein militärischer Sieg der Ukraine möglich wird. Wenn für einen Verständigungsfrieden bei der Ukraine etwa im Hinblick auf seine Partnerschaft mit den USA keine Bereitschaft besteht, dürfen Deutschland und Europa der Ukraine nicht helfen.

Bisher sind nachhaltige Bemühungen weder seitens Deutschlands, der EU oder der NATO für einen Verständigungsfrieden festzustellen. Telefonieren reicht nicht.

5. Wir brauchen eine neue Regierung, nicht unbedingt einen neuen Bundeskanzler.

Deutschland benötigt Persönlichkeiten, die die diplomatischen Gespräche mit Russland und der Ukraine führen. Die Grünen wie die FDP setzen auf die Karte „gegebenenfalls auch Krieg.“ Für die CDU/CSU gilt das derzeit auch. Durch Verhandlungen mit der CDU/CSU sollte festgestellt werden, ob sie sich einen Wechsel in eine Regierungskoalition mit der SPD und eine Friedenspolitik sprich Unterstützung eines Verständigungsfriedens zwischen der Ukraine und Russland vorstellen können. Wo bleibt Frau Merkel mit ihren Anhängern? Ihr ehemaliger Berater General Vad hat sich ja schon überzeugend gemeldet.

6. Neuwahlen?!

Reinhart Zarneckow

Geschichten aus der Rathenaustraße – Frankfurt (Oder) nach dem Krieg Teil 1

Bettina Zarneckow

Im letzten Jahr habe ich mich ausführlich mit meiner Mutter Rosemarie Biegon über die Geschichte Frankfurts und über unsere Familiengeschichte unterhalten. Nach ihrem plötzlichen Tod, im Januar diesen Jahres, füge ich nun meine Notizen und Erinnerungen zusammen. Damit möchte ich die hier im Blog bestehende Serie „Geschichten aus der Rathenaustraße“ weiterführen.

Rosemarie Biegon geb. Steinecke

1945, der Krieg war vorüber, der Festungsstatus Frankfurts aufgehoben. Die Einwohner kehrten wieder nach Frankfurt zurück. Nicht alle. Einige waren umgekommen, manche blieben an ihren Fluchtorten. Männer, die an der Front gekämpft hatten, waren in Kriegsgefangenschaft geraten.

In unser Haus zogen in leerstehende Wohnungen Russen ein. In einer Wohnung im Haus Zillestraße 1a wohnte eine Mutter mit ihrem Sohn. Bei ihnen nahm ein russischer Offizier Quartier. Die Genehmigung dazu brauchte er sich nirgends einzuholen. Er tat es einfach. Nicht alles konnte mein Großvater den neuen Bewohnern durchgehen lassen. So musste er zum Beispiel erklären, dass das benutzte Toilettenpapier nicht durchs offene Fenster entsorgt wird.

Auf den Bahnhöfen Frankfurts kamen russische Soldaten an und wurden auf die Kasernen verteilt. Kabel wurden durch den Stadtteil West gezogen und Lautsprecher an Laternen aufgehängt. Russische Musik wurde abgespielt und Bekanntmachungen durchgesagt. Russische Soldaten, Panzer und andere Militärfahrzeuge bestimmten nun das Bild und die Geräuschkulisse der Stadt.

Die Fleischerei meiner Großeltern Paul und Emma Steinecke lief wieder an. Während der Zeit der Evakuierung, im Frühjahr 1945, belieferte sie vorwiegend die Kasernen. Zivilbevölkerung gab es ja kaum in Frankfurt. Nun kamen wieder bekannte Kunden und auch neue.

links Emma Steinecke vor ihrem Geschäft in der Hindenburgstraße 120 mit Angestellten, rechts das Geschäft des Uhrmachermeisters Scherner

Bis zum Jahr 1947 bestand noch die Zweigstelle in der A.-Bebel-Straße 120. Danach gab es nur noch das Geschäft im eigenen Haus, Rathenau- Ecke Trautmannstraße (heute Zillestraße).

Meine Mutter vermisste Frau Jacobs. Eine freundliche Frau, die noch bis 1943 regelmäßig in unserer Fleischerei einkaufte. Immer begrüßte sie die kleine Rosemarie extra und redete kurz mit ihr, wenn meine Mutter wieder einmal hinter dem Ladentisch auf ihrem Stuhl saß, um das Geschehen zu verfolgen. Seit 1941 trug sie einen schwarz umrandeten gelben Stern auf ihrer Kleidung. Ein sogenanntes Angrogeschäft, einem Juden gehörend, von dem mein Großvater Fleischerbedarf, Därme u.ä. bezog existierte nicht mehr. Der Kinderarzt meines Onkels war ebenfalls Jude. Dr. Hermann Neumark. Er kam für einige Wochen in das KZ Sachsenhausen und konnte dann mit seiner Frau nach Palästina ausreisen.

Von meiner Mutter wollte ich wissen, ob sie wusste, welche der Menschen die sie kannte Juden waren. Nein, war ihre Antwort. Juden in Frankfurt waren, bis sie den Judenstern tragen mussten, nicht als solche zu erkennen. Sie waren für sie Mitbürger wie andere auch. Mit fast jedem Stolperstein, der heute im Stadtteil West liegt, verband meine Mutter ein Gesicht oder eine Firma, erzählte sie mir bedrückt und erst auf Nachfrage.

Immer wieder kamen nach der Kapitulation 1945 Soldaten in Frankfurt auf dem Bahnhof in der unteren Rathenaustraße an. Sie liefen dann die Straße hoch, um zu den anderen Bahnhöfen zu gelangen und wenn möglich von dort in ihre Heimatorte zu fahren.

Einmal, es regnete in Strömen und unsere Haustür war offen, stellten sich zwei Soldaten im Hauseingang unter. Als der Regen nicht nachließ, setzten sie sich auf die Treppenstufen im Haus. Meine Mutter wollte am Abend wie gewöhnlich das Haus abschließen und wunderte sich. Inzwischen war unser Hausflur voll besetzt mit Soldaten, bis hinauf zur Bodentreppe. Erstaunt berichtete sie ihrem Vater, was sie im Hausflur vorgefunden hatte und er sagte zu ihr: „Lass mal, das ist schon richtig.“ Als der Regen vorüber war, brachen die Soldaten auf. Immer wieder erzählte mir meine Mutter diese Geschichte, die sie offenbar sehr beeindruckt hatte. Vielleicht in Gedanken an ihren Bruder.

Im Jahr 1946 wurde Hermine von Schoenaich-Carolath, zweite Frau des letzten Deutschen Kaisers nach Frankfurt gebracht und unter Schutzhaft gestellt. Nach den Erinnerungen meiner Mutter wohnte sie in der Blumenthalstraße in der oberen Etage eines Hauses, zusammen mit ihrem Enkelsohn Fritzi. Ihr zur Seite standen die Sekretärin Fräulein Ursula Topf und eine Dolmetscherin namens Nina, die nicht im Haus wohnte. In der unteren Etage des Hauses lebte Familie Junge. Herr Junge machte regelmäßig die Einkäufe für sie, auch bei meinen Großeltern. Daher kannte meine Mutter Herrn und Frau Junge. Die Kaiserin, wie sie von Anhängern der Hohenzollern genannt wird, ging oft spazieren. Sie gehörte bald zum Stadtbild von Frankfurt. Elegant und schwarz gekleidet und immer mit einem silbernen Spazierstock. Ihre Haare ließ sie sich von Herrn Stenzel frisieren. Hatte sie dort einen Termin, so wurde der Frisiersalon für die Dauer ihres Aufenthalts geschlossen. Der Salon Stenzel befand sich A.-Bebel – Ecke Albert-Fellert Straße. Herr Stenzel war auch der Friseur meines Großvaters. Jeden früh erschien er im Haus meiner Großeltern, um meinen Großvater zu rasieren. Meine Mutter konnte sich nicht erinnern, dass sich ihr Vater jemals allein rasiert hätte.

Ein enger Vertrauter der Kaiserin war Pfarrer Gabriel Hermann, Gründer der Kreuzkirchengemeinde in Frankfurt. Aber auch meine Großmutter bekam oft Besuch von ihr. Sie trat nicht durch das Geschäft ein, sondern klingelte an der Wohnungstür. Einer der ganz seltenen Momente, in denen meine Großmutter das Geschäft verließ. Sie empfing und unterhielt sich sehr gern mit der gnädigen Frau, wie sie sie nannte. Auch meine Mutter war öfter dabei. An eine Begebenheit erinnerte sie sich sehr deutlich: Sie hatte meiner Großmutter zum Geburtstag einen Blumenstrauß gepflückt und ihn in die „gute Stube“ gestellt. Als sie ihre Mutter kommen hörte, drehte sie den Schlüssel im Schloss herum, um die Überraschung zu vergrößern. Die gnädige Frau an ihrer Seite, stand meine Großmutter nun vor verschlossener Tür. Als meine Mutter endlich öffnete, erschrak sie, dass nicht nur ihre Mutter vor der Tür stand. Aber die Kaiserin hatte ein nettes Wort für sie, strich ihr freundlich lächelnd übers Haar und begab sich mit meiner Großmutter in die gute Stube zu ihrem gewohnten Platz, einem bequemen Korbstuhl mit ausladender Lehne. 1947 starb sie an einer Mandelentzündung. Viele Frankfurter standen am Haus in der Blumenthalstraße, als ihr Sarg herausgetragen und auf ein russisches Militärfahrzeug geladen wurde, um ihn dann nach Potsdam zu fahren. Ob dort ein feierliches Begräbnis stattfand, wusste meine Mutter nicht.

Hermine von Schoenaich-Carolath mit Enkel Franz Friedrich
Neujahrskarte mit Widmung der Kaiserin Hermine an meine Großmutter

Russische Offiziere meldeten sich bald bei meinen Großeltern. Sie mieteten bis 1970 einen Teil des Kühlraumes, um ihr Fleisch zu lagern. Vor dem Krieg und noch einige Zeit während des Krieges besaßen meine Großeltern einen Mercedes. An Wochentagen diente er als Transportfahrzeug für Fleisch, dann war er ausgestattet mit einer Zinkwanne. Bei Wochenendausflügen wurde ein Lederbezug in das Fahrzeug geknöpft und eine Sitzbank eingebaut.

Am liebsten fuhr meine Großmutter nach Potsdam. Dann war immer die Garnisonkirche das Ziel und die Familie fuhr nicht weg, ehe meine Großmutter die Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ vom Glockenspiel gehört hatte. Vor diesem Hintergrund hatte ich 2017 den Wunsch, Ziegel für den Wiederaufbau dieses geschichtsträchtigen, wunderschönen Gotteshauses zu spenden. Einen mit dem Namen meiner Familie, einen spendete meine Mutter mit ihrem Namen. Aber ganz besonders freue ich mich über den Ziegel für meine Großmutter. Gottvertrauen, Zitate vom Alten Fritz und Preußische Tugenden gehörten zu ihrem Leben.

Der Mercedes wurde vom deutschen Militär beschlagnahmt. War der Offizier in der Gegend, so hielt er nach Möglichkeit in der Trautmannstraße an, um zu zeigen, dass das Fahrzeug noch gut gepflegt existiert. Ein anderes Fahrzeug musste her. Mein Großvater besorgte einen Tempo-Kleinlaster. Er hatte nur drei Räder, war deshalb steuerlich günstig und konnte ohne Führerschein gefahren werden. Der Mercedes kam natürlich bei Kriegsende nicht mehr zu meinen Großeltern zurück. Zu dem Verbleib des Kleinlasters konnte meine Mutter nichts sagen. Aber auch ihn gab es nicht mehr. Und so hatte mein Großvater alle Mühe, sich Ware vom Schlachthof in der Lebuser Vorstadt heranzuholen.

Wie er das organisierte? Fortsetzung folgt.

Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung II Hennigsdorf

Bericht Horst Kaczmarek Teil 2 – neue Heimat Hennigsdorf

„Die Nacht ging und der Tag kam. Das war nun die erste Nacht in der “neuen Heimat”. Als sechzehnjähriger Junge habe ich das alles wie ein großes Abenteuer erlebt. Die nationalsozialistisch geprägte Schulbildung und die Schulungen durch die Hitlerjugend hatten mich voll von der Richtigkeit der Sache überzeugt. Ich konnte mir auch nichts Anderes vorstellen, zumal ich auch noch nie etwas Anderes gesehen hatte.

Während die Frauen mit der Frau des Hauses gangbare Regeln für das Zusammenleben erarbeiteten, machte ich mich auf den Weg, um die nächste Dienststelle des Telegraphenbauamtes zu finden. Ich hatte den Auftrag vom Lehrherren, mich umgehend bei der nächsten Dienststelle zu melden. Es war nicht schwer diese zu finden. Sie war in Velten angesiedelt. Als ich mich hier anmelden wollte, bekam meine Überzeugung das erste Mal einen Dämpfer. Der Bautrupp bestand aus vier Mann; einem Bautruppführer und drei kriegsgefangenen Franzosen. Diese durften außerhalb des Lagers arbeiten, aber es musste immer ein deutscher Bewacher bei ihnen sein. Sonst war der Trupp nicht arbeitsfähig. Die Franzosen waren gute Fachleute. Ich konnte von ihnen viel lernen, denn ich war ja noch Lehrling. Es klingt sonderbar, aber es war so. Französische Kriegsgefangene wurden von einem deutschen Lehrling bewacht! Der Truppführer meinte, ich könne gleich hier bleiben und mit den Franzosen einen in der Nähe gelegenen Telefonanschluss wiederherstellen. Da wäre jemand über die Anschlussschnur gestolpert und hat den Apparat vom Tisch und die Anschlussdose aus der Wand gerissen. Ich brauche nur mit den Franzosen mitzugehen, die wissen schon wo und was zu tun sei. So war es dann auch. Als der Anschluss dann wieder funktionierte und wir zum Amt zurück kamen, war auch schon ein Dokument da, das mich als Mitarbeiter des Telegraphenbauamtes auswies. Damit hatte ich den Auftrag meines Lehrherren erfüllt. Meine Tätigkeit beim Telegraphenbauamt sollte jedoch nicht mehr lange dauern. Als Jugendlicher und nicht Wehrpflichtiger wurde ich von weiteren Aufgaben bei der Deutschen Reichspost entbunden. Kurz gesagt, ich wurde nach Hause geschickt.

DIE SUCHE NACH VATI

Ich kam nun auf den Gedanken, zu meinem Vater, der in Oderberg in der Munitionsfabrik dienstverpflichtet war, zu fahren und ihm unsere neue Adresse mitzuteilen. Eine funktionierende Post gab es ja schon lange nicht mehr. Meine Mutti war einverstanden. Ich glaube, sie tat es mit schwerem Herzen, denn die Zeiten waren unsicher. Von Hennigsdorf nach Oderberg zu kommen, ist normalerweise kein Problem. Aber es war Krieg. Nach Überwindung einiger Probleme habe ich irgendwie Oderberg erreicht und auch das Wohnlager der Munitionsfabrik gefunden. Aber die Enttäuschung war groß. Das Lager war am Vortag geräumt worden. Mir wurde mitgeteilt, dass alle nach Neustadt an der Dosse verlegt wurden. Habe ich Oderberg gefunden, werde ich auch nach Neustadt kommen, es ist doch alles vor der Haustür.

Diesmal hatte ich wieder Glück. Ein Offizier, den ich befragte, sagte: “steig ein, wir fahren nach Neustadt, wir haben noch Material dort hin zubringen.” In Neustadt angekommen, erwartete mich die nächste böse Überraschung. Die ganze Belegschaft war entlassen und mit einem Einberufungsbefehl in der Tasche bereits abgereist.

Ich war also wieder einen Tag zu spät . Nun musste ich sehen, wie ich wieder nach Hause komme. Wieder nahmen mich Soldaten mit. Sie setzten mich in Berlin an irgendeiner Haltestelle ab. Es kam auch bald eine Straßenbahn. Aber der Fahrer wollte mich nicht mitnehmen, denn das war die Endhaltestelle. Der Hänger wird hier abgestellt und der Triebwagen geht ins Depot, dahin könne er mich nicht mitnehmen, erklärte er mir. Aber ganz leise fügte er hinzu, dass er den Hänger hier unverschlossen lasse, da könne ich mich über Nacht reinsetzen. Früh um 5 Uhr ginge der Fahrbetrieb wieder los. Auf die Frage, wo ich denn überhaupt bin, sagte er: “Spandau Johannesstift.” Na dann Gute Nacht.

Die Nacht ging vorbei, es kam der Morgen. Ich habe nicht sehr gut geschlafen. Aber pünktlich um fünf Uhr fuhr ich gleich mit der ersten Bahn in die Stadt. Irgendwo stieg ich dann in die S-Bahn, die mir vertrauter war. So kam ich dann am frühen Vormittag wieder in Henningsdorf an.

Wer machte mir nach meinem Klingeln die Tür auf? Na wer wohl: Mein Vater!

Die Familie war nun wieder vereint, aber nur für kurze Zeit. Vati hatte ja den Einberufungsbefehl in der Tasche. Dem musste er Folge leisten. Meine Eltern überlegten die ganze Nacht, ob sie Vati vielleicht irgendwo verstecken könnten. Aber es war einfach zu gefährlich. Der Hausherr war strammer Parteigenosse und die Feldgendarmerie (Kettenhunde genannt) waren im Randgebiet von Berlin sehr aktiv auf der Suche nach Fahnenflüchtigen. Wer erwischt wurde, wurde an Ort und Stelle erschossen und alle Helfer gleich mit.

HANSI

Es war mal wieder ein herrlicher Morgen und so blau wie man sich einen Urlaubstag wünscht. Nur es war Krieg. Bei so einem Wetter waren auch etliche neue Flugzeugtypen zu Testflügen am Himmel. Es waren Flugzeuge, die mit einem lauten Knall die Schallmauer durchbrachen. Sie kamen vermutlich vom Flugplatz Oranienburg.

Ich bestaunte die neuen Typen und bemerkte zuerst gar nicht, dass ein kleiner Junge auf mich zukam. Erst durch sein Schluchzen wurde ich auf ihn aufmerksam. Es war der fünfjährige Hans M., der mit seiner Familie in Frankfurt die Wohnung unter uns bewohnte. Ich sah in sein von Tränen verschmiertes Gesicht und fragte: “Na Hansi, was ist los, warum weinst du ?“ Er schaute mich mit seinen großen Augen an und dann sagte er: “Unsere Mutter, die Doofe, wollte uns alle umbringen”. Ich war schockiert, wie ein so kleiner Junge über seine Mutter sprach. “Wo ist denn deine Mutti jetzt?” fragte ich weiter. “Die hängt an der Decke“. Mit dieser Antwort war ich, mit meinen 16 Jahren überfordert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die Worte des Jungen Wahrheit sind. Was sollte ich tun? Ich wollte mich aber auch nicht als Spinner lächerlich machen. Da fiel mir ein, dass der Junge noch einen Opa hat, der auch ganz in der Nähe wohnte. ”Lass uns zum Opa gehen!“

Opa saß im Garten und genoss die schöne Sonne. Ich erzählte, was ich bisher mit dem Jungen erlebte und Hans wiederholte das, was er auch mir schon erzählte. Der Opa wurde sehr unruhig, als ob er etwas ahnte. Opa ging mit uns zur Wohnung seiner Tochter. Es war nicht weit. Wir wohnten alle ziemlich dicht beieinander. Das Zimmer war unverschlossen und von der Familie war weit und breit nichts zu sehen. Da zeigte der Hansi mit dem Finger nach oben: “Da” sagte er und fing wieder an zu weinen. Opa ging so schnell er konnte die Treppe zum Boden hinauf, ich hinterher. Was wir dort sahen, verschlug uns die Sprache. Der Junge hatte recht. Frau M. und die anderen beiden Kinder hatten sich erhängt. Nur Hansi konnte sich irgendwie losmachen. Opa war blass und zitterte vor Erregung. Ich lief durchs Haus und trommelte ein paar Hausbewohner zusammen, die dem Opa helfen sollten, die Toten zu bergen. Jetzt erst wurde mir bewusst, was hier geschehen war. Mir wurde übel und ich musste raus, raus aus dem Haus. Ich hatte es plötzlich sehr eilig, nach Hause zu kommen und meiner Mutti diese traurige Neuigkeit zu erzählen.

Das ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der wenige Tage vor Kriegsende seine Mutter und seine Geschwister verlor. Über sein weiteres Schicksal ist mir nichts bekannt. Wie wir später erfuhren, hat der Vater der Familie, der an der Ostfront kämpfte, in seinen Feldpostbriefen ein so grausames Bild von den Russen gezeichnet, dass die Mutter vor Angst keinen anderen Ausweg mehr wusste.“

Fortsetzung folgt

Geschichten aus der Rathenaustraße

von Bettina Zarneckow

Frankfurt (Oder) ist meine Geburtsstadt. Dort steht mein Elternhaus im Stadtteil West, Ecke Heinrich-Zille und Rathenaustraße. Drei Reihenhäuser, erbaut zwischen 1929 und 1938 mit Wohnungen für Familien und Einzelmieter. Um bauen zu können, mussten meine Großeltern einen Riesenkredit bei der Postbank aufnehmen. Meine Großmutter erzählte mir, nach dem Einzug in das neue Haus, Apfelsinenkisten als Sitzgelegenheiten und Tisch genutzt zu haben.

Emma und Paul Steinecke mit Sohn Kurt und Angestellten vor ihrer Fleischerei

Die Rede ist also von meiner Großmutter, Emma Steinecke, geb. am 27.04.1894 in Baudach Kreis Crossen. Ihre Eltern kamen im Jahr 1904 mit ihren Kindern von Baudach nach Frankfurt (Oder), um dort zu arbeiten und zu wohnen. Mein Großvater, Paul Steinecke, geboren in Trebra bei Bleicherode am 12.04.1888 im Dreikaiserjahr, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, kam nach dem ersten Weltkrieg nach Frankfurt.

Ihren Kindern, meinem Onkel Kurt Steinecke (1925-2007) und meiner Mutter Rosemarie Biegon, geb. Steinecke, geb. 1934, gelang es, die Häuser zu erhalten. Ungeachtet der zu niedrigen Mieten in der DDR und zudem der Unterversorgung mit Baumaterialien und Handwerkern.

Viele Geschichten sind mit den Häusern verbunden. Ich möchte einige Erinnerungen meiner Mutter aufschreiben. Für meine Kinder, meine Nichte, meinen Neffen und vielleicht als Zeitdokument.

Ich beginne mit dem Jahr 1945:

Am 3. Februar 1945 wurde Frankfurt evakuiert. Meine Großeltern mussten bleiben, weil sie eine Fleischerei hatten. Die Familie sollte zusammen bleiben. Deshalb blieben meine Urgroßmutter und meine Mutter ebenfalls in Frankfurt. Mein Onkel Kurt befand sich seit 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrte. Zwei Jahre später holte ihn die russische Geheimpolizei ab. Er wurde nach Potsdam in die Untersuchungshaftanstalt in der Leistikowstraße gebracht. Nach einem Jahr in Potsdam folgten vier Jahre im Arbeitslager von Workuta. Vor einigen Jahren habe ich mir das Gefängnis, das inzwischen eine Gedenkstätte ist, mit den Kellern für die Häftlinge angeschaut.

Nach der Evakuierung Frankfurts wurde im Luftschutzkeller unseres Hauses in der Heinrich-Zille-Straße 1a (damals Trautmannstraße) ein Nachrichtenstützpunkt vom Militär eingerichtet. Das 1938 gebaute Haus musste mit einem Luftschutzkeller errichtet werden. Seine stählernen Spezialtüren mit besonderer Verriegelung sind ein bleibendes Andenken an diese Zeit.

Der Nachrichtenstützpunkt wurde mit Fräulein Helga Magnus besetzt, einer jungen Sekretärin. Sie wohnte in Frankfurt, kam früh zur Arbeit und verschwand abends wieder. Auf ihrem Arbeitsplatz standen eine Schreibmaschine und ein Telefonapparat. Öfter kamen Offiziere vorbei, so erinnert sich meine Mutter an einen Oberleutnant Schlegel. Die genauen Aufgabengebiete der Sekretärin erschlossen sich meiner Mutter, die damals 10 Jahre alt war, nicht. Sie war oft im Keller bei Fräulein Magnus und unterhielt sich mit ihr, wie sie heute sagt, über Gott und die Welt. Frankfurts Straßen waren zu dieser Zeit fast menschenleer. Sie hatte keine Spielkameraden und so verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit im Nachrichtenstützpunkt. „ Ich fand das hochinteressant und ich fühlte mich wohl, weil ich Fräulein Magnus mochte“, so meine Mutter.

Eines Tages brachte meine Urgroßmutter Auguste Schlenz eine Ziege mit nach Hause, die herrenlos die Käthe-Kollwitz-Straße entlang gelaufen war. Sie meckerte wegen ihres prallen Euters herzzerreißend. Später lief noch eine zweite Ziege zu. Die Tiere waren von ihren Besitzern beim Verlassen Frankfurts zurückgelassen worden. Die zweite Ziege war trächtig und brachte in unserer Garage ein kleines Zicklein zur Welt, das meine Mutter Mecki taufte. Sie war etwas ganz Besonderes. Ein schwarzer Streifen ging über ihren Kopf und ihre Hörner waren schwarz. Die Ziegen lebten auf unserem Hof in der Garage. Mecki folgte meiner Mutter auf Schritt und Tritt. Zum Weiden wurden sie von meinem Großvater öfter aufs höher gelegene Nachbargrundstück gehoben. Während unser Hof gepflastert war, gab es dort genügend Gras und meine Mutter hütete sie. Eines Tages pfiff mein Großvater seiner Tochter zu, die mit den Ziegen im Nachbargarten war. Dieses Zeichen bedeutete Gefahr in Verzug. Die kleine Rosemarie wollte die Ziegen noch mitnehmen. Mein Großvater untersagte das streng. Tiefflieger näherten sich. „Bei offiziellem Fliegeralarm gab es Sirenenwarnung. Tiefflieger kamen ohne Vorwarnung, weil sie so plötzlich auftauchten“. Meine Mutter meint, dass es Engländer waren. Mein Großvater ergriff seine Tochter und rannte mit ihr in den Luftschutzkeller. Der Aufenthalt dort war nichts Ungewöhnliches. Schusssalven waren zu hören. Im Keller standen Bänke, auf denen gewartet wurde, bis mein Großvater Entwarnung gab. Die Ziegen waren unversehrt geblieben.

Noch im Februar wurde in der Rathenaustraße, die in der Nazizeit von Rathenaustraße in Schlageterstraße umbenannt worden war, auf dem Platz, auf dem sich heute die Schwimmhalle befindet, Munition in rauen Mengen gelagert. Mein Großvater beanstandete das und beschwerte sich, wahrscheinlich bei Oberleutnant Schlegel oder einem der vielen Offiziere, die im Nachrichtenstützpunkt unseres Hauses verkehrten. Eines Tages war der Platz beräumt. Offenbar wurde die Munition von Soldaten in die Keller der leerstehenden Häuser der Rathenaustraße verteilt. Es muss bei einem Überflug von Tieffliegern gewesen sein, dass sie sich durch Beschuss entzündete. Jedenfalls ging ein Haus nach dem anderen in Flammen auf. Meine Großeltern waren verzweifelt. Ihre Häuser waren am Ende der Straße, hatten zwar keine Munition in den Kellern, aber das Feuer würde sich trotzdem immer weiterfressen. In allen Häusern bestanden Durchbrüche zu den Kellern des jeweiligen Nachbarhauses. Es gab weder eine Feuerwehr noch ausreichend Wasser zum Löschen. Zusammen mit Angehörigen der Familie Heine, Inhaber der nahegelegenen Konservenfabrik Heinerle in der Georg-Richter-Straße und Herrn Raschke, einem letzten nach der Evakuierung verbliebenen Mieter unseres Hauses, Angestellter bei der Post, wurde versucht, das Übergreifen der Flammen zu verhindern. Meiner Mutter ist in Erinnerung, dass mein Großvater mittels eines Dreizacks die Trennwände zwischen den Häusern einzureißen versuchte. Zwei Häuser vor unserem konnten die Flammen gestoppt werden. „Seid ihr während des Brandes in eurer Wohnung geblieben?“ wollte ich von meiner Mutter wissen. „Nein“ antwortet sie. „Familie Heine, mit denen wir befreundet waren, bestand darauf, dass wir zu ihnen ziehen. Und so packten wir das Nötigste und blieben eine ganze Weile in ihrem Wohnhaus in der Georg-Richter-Straße. Mein Vater kam nur zum Übernachten und versuchte am Tage zu retten, was zu retten war. Bis wir wieder nach Hause zurück konnten.“

Noch heute ist anhand der nach 1950 errichteten Häuser zu erkennen, bis wohin der Brand sich ausgebreitet hatte. Unser Nachbarhaus, Besitzer war eine Familie Kluge, und unsere Häuser blieben unversehrt.

Wichtig für die Erinnerung: Im Jahr 1930 waren Straßenbäume in der Rathenaustraße gepflanzt worden. Von den Anwohnern, also auch von meinen Großeltern, gegossen und gepflegt. Sie überlebten den verheerenden Brand von 1945. Meine Generation hat sie beim Spielen als Versteck genutzt. Sie gehörten zum Straßenbild und prägten mit ihrem Grün den Stadtteil Westkreuz. Im Februar 2019 wurden nun diese 90 Jahre alten, gesunden Spitzahorne gerodet. Die Wurzeln der Bäume würden die Steine des Bürgersteiges anheben, hieß es seitens der Stadt. Diese Begründung überzeugt nicht. Schon in meiner Kindheit gab es erhebliche Unebenheiten durch die Wurzeln.Wenn finanzielle Mittel und Können nicht vorhanden waren, hätte einige Jahre gewartet werden können, um dann später bei einer Sanierung der Gehwege zu versuchen, die Bäume zu erhalten. Eine Dringlichkeit zur Rodung war nicht gegeben. Trotz Pflanzung von Gleditschien mutet die gesamte Straße wie eine Mondlandschaft an. Nicht nur ein trauriger Anblick, sondern es war auch leichtsinnig von den Verantwortlichen, diese über Jahrzehnte gewachsenen Zeugen der Geschichte in einer Art Handstreich vernichtet zu haben. Die heutige Diskussion über die Klimawende unterstreicht das nur.

Der am 26. Januar 1945 erklärte Festungsstatus Frankfurts wurde am 21. April aufgehoben. Die Festungstruppen traten ihren Rückzug an und rissen die gesamte Rathenaustraße auf, um den Russen ihren Einmarsch so schwer wie möglich zu machen. Fräulein Magnus kam nicht mehr. Am 23. April sah meine Mutter den ersten Russen in ihrer Heimatstadt.

Über Mut und Bedenken

von Bettina Zarneckow

„Wenn’s etwas gibt, gewaltiger als das Schicksal, so ist’s der Mut, der unerschüttert trägt.“ Emanuel Geibel (1815-1884)

Im Oktober gibt es schon wunderschöne Tage mit einem wohltuenden Naturschauspiel der bunten Blätter, der warmen Farben. Genau an so einem Tag waren Alexandra und ich zum wöchentlichen Besuch auf dem Frankfurter Friedhof zur Pflege unseres Familiengrabes. Drei Generationen haben hier schon ihre letzte Ruhestätte gefunden. Anschließend machten wir einen ausgedehnten Spaziergang. Wir sind gern auf Friedhöfen und haben schon in einigen Städten Gräber von Menschen besucht, die wir bewunderten und mögen. Loriot, Curt Goetz und Valerie von Martens in Berlin. Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Peter Alexander in Wien. Heinz Erhardt, Helmut und Loki Schmidt in Hamburg. Magda Schneider in Schönau am Königssee.

Als Frankfurterin bin ich auch gern auf dem Friedhof meiner Geburtsstadt. Viele Namen auf den Grabsteinen kenne ich, alte Handwerksfamilien, Persönlichkeiten der Stadt, einige meiner Lehrer. Es lässt sich viel erzählen, man beginnt nachzudenken und im gegenseitigen Fragen wird man von Vorstellungen ergriffen. Diesmal entdeckten wir versteckt mehrere sehr alte, monumentale Grabdenkmäler. Besonders beeindruckt waren wir von dem hier abgebildeten. Wir lasen Namen und Daten und fanden folgenden Spruch, der mich nicht mehr los ließ.

Wenn’s etwas gibt, gewalt’ger als das Schicksal, so ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt.

Der Stein will ausdrücklich an den Tod eines Kriegsfreiwilligen erinnern. Wir brachten die Inschrift in Verbindung mit dem Gefallenen, bedachten seine jungen Jahre, das Bangen der Familie um den an der Front Kämpfenden, bis hin zur erschütternden Nachricht über seinen Tod und wurden still. Er fiel am 4. Februar 1919 im Alter von 20 Jahren bei Neu Kramzig, heute Nowe Kramsko. 1919? Der erste Weltkrieg endete doch 1918! 1919 folgten Kämpfe um die Herrschaft in der Neumark, die mit einem Waffenstillstand am 16. Februar 1919 beendet wurden. Bedenken wir das Schicksal, das gewaltig sein kann und im Falle eines jeden Soldaten, der in den Krieg zieht, auch gewaltig ist, ist dieses Schicksal nicht in Worte zu fassen. Der Mut muss von außerordentlicher Stärke sein, um es zu tragen.

Der Urheber des Spruchs war nicht angegeben, deshalb suchte ich ihn mir zu Hause unter Eingabe der Zeilen bei Google heraus. Emanuel Geibel (17.10.1815 Lübeck, † 06.04.1884 ebenda). Ein bekanntes Lied von ihm „Der Mai ist gekommen“ ist noch heute im Gedächtnis, zumindest bis zu meiner Generation.

Was ist eigentlich Mut? Wie können wir ihn erklären?

In der Nikomachischen Ethik sagt Aristoteles über den Mut:
„Der Feige hofft zu wenig, weil er vor allem zurückschreckt.
Von dem Mutigen gilt das Gegenteil. Denn die Zuversicht verrät den Mann der frohen Hoffnung.
Die Dinge also, mit denen der Feige, der Tollkühne und der Mutige es zu tun haben, sind dieselben, aber ihr Verhalten zu ihnen ist verschieden.
Die einen haben ein Zuviel und Zuwenig, der andere hält sich in der Mitte und handelt, wie es sich gehört.
Die Tollkühnen sind voreilig und voll Entschiedenheit vor der Gefahr, in der Gefahr aber lassen sie nach.
Die Mutigen aber sind bei der Tat wacker, vorher dagegen ruhig.
Wie gesagt also, der Mut ist Mitte in Bezug auf solches, was bei den bezeichneten Gefahren Zuversicht und Furcht einflößt; er wählt und duldet, weil es so sittlich gut und das Gegenteil schlecht ist.“

Es gibt unzählige Beispiele aus der Geschichte von Menschen und ihren mutigen Taten. Angefangen bei Sokrates, der seine Verurteilung gefasst hinnahm, Maria Magdalena, die Jesus bis zum Kreuz folgte, Johanna von Orléans, die als erste Frau in den Krieg zog, Martin Luther vor dem Reichstag in Worms, der Luftfahrtpionier Otto Lilienthal, Sophie Scholl und ihr Kampf gegen den Nationalsozialismus, stellvertretend für alle, die am Attentat gegen Adolf Hitler beteiligt waren – Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Dietrich Bonhoeffer.

Beflügelt von dem Herbstausflug auf den Friedhof mit all den Gedanken und Gefühlen, die ich mit nach Hause nahm, schien mir das Thema Mut ein gut darstellbares zu sein, worüber ich gerne schreiben würde. Doch ich stellte beim Nachdenken darüber fest, es ist sehr komplex und schwer fassbar, weil Mut so vielfältig ist. Von Mensch zu Mensch anders betrachtet und empfunden wird. Ich las Berichte über das Kriegsgeschehen in den Weltkriegen. Einen Bericht über das Empfinden eines Soldaten in einer Angriffssituation. Ich machte mir Gedanken über meine Großeltern, die 1945 in Frankfurt (Oder) geblieben sind, als die Stadt vor dem Einmarsch der Russen zwangsevakuiert wurde, weil sie einen Versorgungsbetrieb hatten (eine Fleischerei). Mir fielen Freunde meiner Großeltern ein, Besitzer der Konservenfabrik Heinerle in Frankfurt, die 1951 unauffällig, ihr Hab und Gut zurücklassend, nach Braunschweig verschwanden. Ein Familienmitglied nach dem anderen. Am meisten beeindruckt hat mich immer der Bericht über den Neffen der Fabrikbesitzer, der an einem Sonntag zu einem Spaziergang mit seinem Hund aufbrach und nicht mehr wiederkehrte. Alle gingen aus Angst vor der Verstaatlichung der Fabrik und drohender Inhaftierung. Aus Heinerle wurde VEB Oderfrucht. Mutig war es von meiner Mutter, eine Immobilie mit Mieteinheiten (erbaut 1929 und 1938), das Lebenswerk meiner Großeltern, durch die Zeiten der DDR zu retten. Gegen vielerlei Widerstände, sogar aus der eigenen Familie. Als mein Vater als Invalidenrentner nach Westberlin und Westdeutschland reisen durfte, brachte er regelmäßig Dinge mit, deren Einfuhr in die DDR verboten war. Meistens waren es Bücher und Zeitschriften.

Jede Zeit stellt Menschen vor Herausforderungen, deren Bewältigung oft ein unkalkulierbares Risiko bedeutet. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang ist groß, aber es gibt keine Sicherheit. Klarheit erhalten wir, wenn wir wohl bedacht riskieren. Situationen, in denen man selbst seine Angst überwindet, können glücklicher machen und einen persönlichen Sieg bedeuten. Mutig zu sein heißt nicht angstfrei zu sein, sondern die Kraft aufzubringen, die innere Stärke, diese Angst zu überwinden. Allerdings steckt zugegeben ein großes Wagnis in der mutigen Tat, das Gewahrwerden seiner Möglichkeiten und Grenzen, schlimmstenfalls eine Enttäuschung, die dennoch als Lebenserfahrung nicht umsonst ist.

Ein Synonym für Mut ist Beherztheit. Ich biete einem fremden Menschen Hilfe an, die Straße zu überqueren oder eine Besorgung zu erledigen. In einem der letzten Winter, als Schnee noch ein wirkliches Hindernis auf den Straßen bedeutete, überwand ich mich und bot einem Mann an behilflich zu sein, sein Auto aus einer Parklücke zu schieben. Die durchdrehenden Räder hatten bereits den Schnee in Eis verwandelt. Erstaunt und dankbar nahm er mein Angebot an, doch ich allein war nicht stark genug. Mein Beispiel animierte zwei Herren im Anzug und gemeinsam gelang es. Glücklich waren wir am Ende alle Vier.

Und was bedeutet es, eine angekündigte Tat zu lassen, ein Vorhaben abzubrechen? Stellen wir uns einen Menschen vor, der ein Sprungbrett betritt, weil die Sprünge der anderen von unten so einfach aussahen und der Reiz, es ebenso zu schaffen groß ist. Am Absprungpunkt angekommen, schätzt er nun die Höhe ganz anders ein, bedenkt seine mögliche Ungewandtheit, eventuell ungünstige Folgen und kehrt wieder um. Wie mutig unter den Augen vieler Menschen!

Im Bekenntnis der Liebe zu jemandem wagen wir Vertrauen, mit der großen Hoffnung, nicht enttäuscht zu werden. Wir setzen uns der möglichen Verletzung aus, die nicht erwiderte Liebe bedeuten kann. Aus einer Studie der amerikanischen Autorin Brené Brown: „Verletzlichkeit ist der Schlüssel zu allem, von dem wir mehr wollen: Freude, Intimität, Liebe, das Gefühl von Zugehörigkeit, Vertrauen.“ Das ist es also, das wir gewinnen können in der Überwindung der Angst vor Enttäuschung und Verletzung. Im Erfolgsfall bedeutet es großes Glück, vielleicht ein Leben lang.

Kehren wir zu meinem Ausgangspunkt zurück, dem Herbstspaziergang an friedlicher Stätte. „Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14/ Brahms: Ein deutsches Requiem) Ich habe hier meine bleibende Statt, die Stätte der Erinnerung und des Gedenkens an meine Familie. Im Gegensatz zu vielen Menschen, die oftmals keinen Ort zur Trauer hatten, weil Männer und Söhne im Krieg geblieben sind.

An dieser Stelle denke ich gern an das Konzert mit unserem polnisch-deutschen Chor Adoramus im Jahr 2018 in der Reformationskirche in Berlin Moabit zurück. Wir haben Brahms „Ein deutsches Requiem“ gesungen. Es war wunderschön!

Wie oft hat meine Großmutter aus demselben Brunnen Wasser geschöpft, aus dem ich heute das Wasser schöpfe. Und wir pflegen immer noch dasselbe Grab, in dem sie und nunmehr auch meine Söhne Philipp und Julius gegenüber diesem Brunnen begraben liegen. Die innere Einkehr, die Erinnerung an vergangene Zeiten, manchmal an frohe Begebenheiten, manchmal an heitere Momente, oft aber auch an Schicksalsschläge und Betrübliches, das macht für mich einen solchen Besuch aus. Ganz besonders in dieser Jahreszeit, die als nebelig und düster gilt, in der die Melancholie so manche Seele trübt. Melancholie brauchen wir, las ich neulich. Wir brauchen sie für unser inneres Gleichgewicht. Wenn ich es recht bedenke, dann mag ich sogar die tieferen Gedanken, die ich ihr zu verdanken habe. Irgendwann verfliegt diese Melancholie, sie wird nicht verdrängt, sondern geht auf in Erlebtem und Erinnertem mit Trauer, Freude und Dankbarkeit gleichermaßen und macht Mut zu neuem Aufbruch. Sich seiner Sterblichkeit bewusst zu werden, und das gelingt besonders gut auf einem Friedhof, bringt Mut und Entscheidungsfreude. Entweder Dinge zu ändern oder mit Bedacht zu entscheiden, alles so anzunehmen wie es ist. Denn meistens ist das Treffen einer Entscheidung der eigentliche Friedensstifter für die Seele.


„Im Herzen jedes Menschen existieren verborgene Quellen des Muts; doch muss der Mut erst in uns erweckt werden.
Die Begegnung mit dem Schönen kann ein solches Erwachen bewirken. Mut ist der Funke, der zur Flamme der Hoffnung werden und in scheinbar toten, dunklen Landschaften aufregende, neue Pfade beleuchten kann.“ John O’Donohue (1956-2008)