Erlebte und erinnerte Zeit – Leben auf und mit dem Zauberberg in der Corona-Krisenzeit

– Fortsetzung der Zeitgemäßen Gedanken vom 2. April –

In den letzten drei Wochen bin ich meiner eigenen, an dieser Stelle vorgetragenen Empfehlung gefolgt und habe Thomas Manns Zauberberg gelesen, zum zweiten Mal. Zu hören war übrigens, dass ich mich damit eingereiht habe in eine große Schar von Lesern – die Pest von Albert Camus und eben der Zauberberg waren dem Vernehmen nach die Spitzenreiter bei online-Bestellungen in den geschlossenen Buchhandlungen. Welche Erkenntnisse und Einsichten werden meine Mitleser wohl gewonnen haben? Über die süße Melancholie der Langeweile? Über die Fragwürdigkeit medizinischen Allmachtswahns? Die Abgründe und Gefahren kommerzialisierter Gesundheitsfürsorge? Wie Krankheit sich heimlich Körper und Seele gefügig macht und ein Ingenieur auf einmal merkt, dass er seine Zukunft nicht in der Hand hat? Ich weiß es nicht, nur von meinen eigenen Leseerlebnissen kann ich jetzt ein wenig berichten.

Thomas Manns Nachdenken über das Geheimnis der Zeit hat sich mir beim Lesen in einer zusätzlichen Perspektive erschlossen. Immer wieder wurde ich daran erinnert, wie es vor über fünfzig Jahren war, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Diese Erinnerung an das Zeiterleben des 18-jährigen Oberschülers in der DDR des Jahres 1968 bildete jetzt eine Art Subtext für meine Lektüre: lange nächtliche Gespräche mit meinem leider früh verstorbenen Freund jener Zeit, der den Roman entschieden für missglückt erklärte, die etwas hilflose und vorsichtige Reaktion des Deutschlehrers auf meinen Vortrag über das Buch – hatte ich doch neben der skandalträchtigen Geschichte um Gerhart Hauptmann und Mynheer Peperkorn die Streitgespräche zwischen Leo Naphta und Ludovico Settembrini in den Vordergrund meiner Darstellung gerückt und zugespitzt auf den Konflikt zwischen demokratischer Humanität und totalitärer Ideologie gleich welcher Provenienz in einer dem Untergang geweihten Welt, was natürlich einen gewissen Sprengstoff für die gewünschte Rezeption des Buches und die damals pädagogisch gewollte Urteilsbildung enthielt –, die jugendliche Begeisterung für die mir inzwischen an manchen Stellen eher suspekt gewordene Sprachgewalt des Autors, die mich damals zu glücklicherweise verloren gegangenen eigenen literarischen Versuchen angeregt hatte und natürlich und nicht zuletzt die eigene Träume des jugendlichen Lesers weckende Madame Chauchat vom guten Russentisch mit ihren leicht schräg stehenden Kirgisenaugen, der heiseren Stimme und der slawischen Physiognomie.

Ich sollte an dieser Stelle vielleicht einschieben, dass Thomas Mann für die Kulturpolitik der DDR, wie ich sie damals erlebt habe, nicht leicht zu vermitteln war. Für ihn sprach, dass er sich nicht in die Schützengräben des Kalten Krieges begeben und zum Beispiel die Rechte an seinen Büchern sowohl dem S.Fischer-Verlag im Westen wie dem Aufbau-Verlag im Osten übergeben hatte. Seine Besuche in Weimar 1949 zum Goethe- und sechs Jahre später zum Schillerjahr wurden mit großem Aufwand in das kollektive Gedächtnis eingefügt und sein Empfang als Staatsgast dürfte auch an dem für Ehrungen empfänglichen Dichter nicht spurlos vorübergegangen sein. Pflichtlektüre im Deutschunterricht war aber eigentlich nur „Mario und der Zauberer“ aus sicher eher vordergründigen Motiven. Im übrigen wussten die Literatur-Funktionäre natürlich sehr gut, dass sich Thomas Mann trotz seiner gern zitierten Bemerkung über den „Antikommunismus als Grundtorheit unserer Epoche“ wenig für den Aufbau des totalitären Staatssozialismus vereinnahmen ließ.

Aber zurück zur erinnerten Zeit meiner ersten Lektüre des Zauberbergs. 1968 fand in meiner Heimatstadt ein eigenartiges und heute kaum noch erwähntes Ereignis statt, ein „Treffen der Arbeiterjugend aus beiden deutschen Staaten“. Es war wohl der letzte Versuch der Partei, eine gesamtdeutsche Initiative für den Sieg des Sozialismus in ganz Deutschland zu starten. Abseits von den offiziellen Veranstaltungen gab es durchaus Gelegenheit für Begegnungen in Parks und Cafes. So erinnere ich mich an eine lange Diskussion mit einer kleinen Gruppe eloquenter und selbstbewusster Westberliner SDS-Studenten über die Frage, wie und ob trotz der wenig überzeugenden sozialistischen Realität die Ideale von Karl Marx am Leben gehalten werden können, wir Ostler von den Besuchern beeindruckt, in der Sache aber überwiegend eher resigniert und müde, die bildungsbürgerlich sozialisierten und saturierten Berliner dagegen voller revolutionärer Leidenschaft. Viele Jahre später, nach der Wiedervereinigung, gab es mitunter ähnliche Konstellationen, wenn die aus dem Westen gekommenen Professoren ihren übrig gebliebenen evaluierten Ostkollegen an der Universität den Marxismus-Leninismus erklärten. Schade, dass Thomas Mann das nicht mehr erlebt hat. Die Szenerie hätte gut auf den Zauberberg gepasst und wäre seiner beißenden Ironie durchaus würdig gewesen.

Wie die Dinge damals in der DDR lagen, war für einen jungen Mann, der in dieser Zauberbergwelt lebte, der Zufluchtsort einer Theologischen Fakultät sehr attraktiv und tatsächlich habe ich mich in dieser „pädagogischen Provinz“ angesiedelt. Manche scharfsinnigen Beobachtungen von Thomas Mann etwa über Luther und den Protestantismus oder über Stärken und Schwächen der römischen Weltkirche aus den erwähnten Streitgesprächen im Zauberberg trug ich im Rucksack auf dem Rücken. Im Lauf der Zeit traten sie durch andere berufliche Anforderungen in den Hintergrund, das Gepäck wurde leichter – auch durch Befremden über Thomas Manns spätere törichte Geschichtskonstruktion über einen deutschen Weg von Luther zu Hitler.

Ganz überraschend schnell holte mich der Zauberberg übrigens in meinem neuen Lebensabschnitt ein: einer meiner theologischen Lehrer, der mir bald zu einem väterlichen Freund wurde, hatte nach dem Krieg eine Tbc-Erkrankung in Davos auskuriert und von dort seine Ehefrau mitgebracht. Seine Erzählungen wurden für mich zu einer nachträglichen lebendigen Illustration des Romans. Später haben wir gemeinsam, auch inspiriert vom Zauberberg, ein Seelsorgeseminar über die „Ästhetik des Leidens“ konzipiert. Ich bin dankbar dafür, dass mir die Erinnerung an diesen Mann beim erneuten Lesen wieder so lebhaft vor Augen stand.

Jetzt beim zweiten Lesen des Zauberbergs bin ich sehr zum Nachdenken angeregt worden, als in einem der Streitgespräche Leo Naphta seinem schöngeistigen Widerpart entgegnete, dass Humanismus, Demokratie und Menschenrechte immer der Gefahr erliegen, zum Deckmantel nackter ökonomischer Machtinteressen zu verkommen und dass darum dem Terror und einer Diktatur die Zukunft gehören wird.

Mich irritiert, dass ich – jedenfalls in meiner Erinnerung – mit dieser demaskierenden Analyse und der bedrückenden Prophezeiung beim ersten Lesen gar nicht soviel anfangen konnte, sie offenbar vergessen hatte und dass sie mich heute so unmittelbar anspricht. Der Handlungsort des Zauberbergs, Davos ist inzwischen zum Symbolort einer so genannten Weltwirtschaftsordnung geworden, deren Brüchigkeit nun in der Coronakrisenzeit so schonungslos und beängstigend offenbar wird.

Erinnert habe ich mich schließlich jetzt beim zweiten Lesen daran, dass die von Thomas Mann seinem Kronzeugen Settembrini in den Mund gelegten Überlegungen zum besonderen Standort Deutschlands zwischen West und Ost für mich schon damals zu einer wichtigen und prägenden Anregung geworden waren. Bin ich am Ende dadurch für einige Jahre meines Berufslebens nach Russland geführt worden, in die mir durch Thomas Mann vermittelte Welt von Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewski und Madame Chauchat? Vielleicht berichte ich bei anderer Gelegenheit etwas mehr über diese Jahre. Hier nur soviel, dass ich seitdem tief bekümmert bin über das in unseren Medien vermittelte Russlandbild, das von soviel Klischees, Unkenntnis und – ich muss es leider sagen – auch Häme geprägt ist, die mich ein dreiviertel Jahrhundert nach Kriegsende fassungslos macht. Ich habe die DDR immer irgendwie als Stiefkind der deutschen Geschichte verstanden, ein eher graues Aschenputtel, das besonderer Aufmerksamkeit bedarf und das, wenn die deutsche Teilung einmal vorbei sein würde, die Erfahrungen aus seiner Ostbindung in ein neues Deutschland würde einbringen können. Die Geschichte ist anders verlaufen, eine vermeintliche transatlantische Wertegemeinschaft scheint oder – heute dürfen wir wohl sagen: schien – vorerst zu triumphieren. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät und vielleicht hilft auch hier die globale Coronakrise, uns nicht länger von den golden glitzernden Gewändern der Stiefschwestern von Aschenputtel blenden und in die Irre führen zu lassen.

Ob uns der Zauberberg anregen kann, ein wirklich gemeinsames Europa zu denken und zu gestalten, das nicht länger verwechselt wird mit Brüssel oder einer osterweiterten NATO, sondern die reiche Kultur und Geisteswelt Russlands endlich einschließt? Der richtige Satz „Es geht uns nur gut, wenn es Europa gut geht“ würde dann noch viel richtiger! Wie sehr wir dann auch das Vermächtnis des Erzählers vom Zauberberg beherzigen würden, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Zwei wichtige Leseerlebnisse, die der Roman bereithält, habe ich noch gar nicht angesprochen. In den vielen philosophischen und kulturgeschichtlichen Gedankengebäuden, die für Hans Castorp errichtet werden und in denen er sich tappend zu orientieren versucht, spielt natürlich die Psychoanalyse eine entscheidende Rolle. Siegmund Freuds Erkenntnis, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist, bildet ein Leitmotiv des ganzen Buches. Hans Castorp erfährt und erlebt dies in den „drei Wochen“ bei „denen da droben“, die unversehens zu sieben Jahre werden. Eine beklemmende Erfahrung, die uns in dieser Zeit sehr nahe kommt und die viel seelische Kraft erfordert, damit sie zu einer befreienden Erfahrung verwandelt werden kann. In der Komposition des Zauberbergs leuchtet diese Kraft am Ende auf, wo versucht wird, Empfinden und Erleben beim Musikhören in Worte zu fassen, der Musik, der „Fülle des Wohllauts“, wie Thomas Mann dieses Kapitel überschreibt, sprachliche Gestalt zu geben. Unausgesprochen, aber eindringlich und mich jedenfalls überzeugend teilt der Dichter seinen Lesern so Dostojewskis Einsicht mit, dass nicht Wahrheit, sondern Schönheit die Welt erlösen wird. Darauf können die Leser des Zauberbergs und nicht nur sie sich verlassen. Sie brauchen dafür nur Zeit als wichtigstes Geschenk und Gelassenheit als wichtigste Tugend in dieser gegenwärtigen Krise. Und Demut.

Christoph Ehricht

Ölbaum

Vier Kelchblättchen zusammenfinden,
um so ein Blütlein zu begründen.
Vier Staubgefäße zart und klein
schließen sie dabei sorgsam ein.
Doch nicht ein Blütlein kannst du sehn,
nein hunderte zusammen stehn.
Geformt wie lauter kleine Glöckchen
oder wie Mädchens schönste Röckchen.
Mal gelb, mal dunkelrot - rosé,
mal violett, mal weiß wie Schnee.
Der Farben Glanz die Blicke fängt,
für das was dort am Baume hängt.
Ein süßer Trank im Dolden steckt,
der Admiral und Hummel schmeckt.
Auch du als Kind hast schon gewusst,
dass du vom Kelch probieren musst.
Und jedes Jahr berauscht uns wieder,
die Blütenpracht vom schönen Flieder.
Der Wohlgeruch zu Kopf uns steigt,
das Herz zum Überschwange neigt.
Des Ölbaums Duft weckt schönste Triebe.
Er steht für Heiterkeit und Liebe.


Bettina Zarneckow im April 2020



dazu folgender Link zu YouTube:









Erkenne die Lage!

„Machtlos in Brüssel“ titelt der SPIEGEL am 21. März. Darunter die fettgedruckte Schlagzeile: „EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen versucht, einen Zerfall der Gemeinschaft zu verhindern. Doch der Egoismus der Mitgliedstaaten überwiegt.“ Ich zitiere die SPIEGEL-Überschrift hier nur, weil sie zeigt, wie selbst das führende Nachrichtenmagazin hierzulande die historische Situation vernebelt, die wir gerade erleben. Worüber wir durch die staatliche Praxis aller Mitgliedsländer der EU derzeit belehrt werden, ist nämlich nicht der getadelte „Egoismus“ (den hat es immer gegeben), sondern erstens die Entbehrlichkeit der EU auch gut 60 Jahre nach ihrer Gründung und im Gegensatz dazu die Unverzichtbarkeit des Nationalstaates, den die postnationalen Traumtänzer der Bunten Republik Deutschland seit Jahren als ein zu überwindendes Übel diskreditieren. Eine Ironie der Geschichte ist dabei natürlich: Nicht die erklärten Feinde der multikulturellen „No Borders“-Zukunft haben durch ihre „unverzeihlichen“ Wahlerfolge die Renaissance des Nationalstaates erzwungen. Es war einfach die grassierende Infektionsangst und das Wissen der amtierenden Verantwortlichen in den Staatskanzleien von Finnland bis Portugal, dass die als pekuniäre Umverteilungsmaschinerie konstruierte EU mit ihren supranationalen Strukturen in der Stunde der Not nur ein Papiertiger ist. Die bedeutsamste Stellungnahme der Europäischen Union zur Bekämpfung der Corona-Krise, die das illustriert, ist vermutlich das Video, welches die Präsidentin der Kommission dabei zeigt, wie sie lächelnd ihren Schäfchen das korrekte Händewaschen vorführt.

Ein staatspolitisches Ereignis von ganz anderem Kaliber, drängt uns –zweitens – eine das Dasein eines jeden betreffende Einsicht auf. Seit der Deutsche Bundestag am 25. März „eine epidemische Lage von nationaler Tragweite“ feststellte, leben wir nicht nur faktisch, sondern auch de jure im Ausnahmezustand! Um sich in dieser ungewöhnlichen Situation zurechtzufinden, besonders aber, um irrigen Widerstand zu vermeiden, ist es vielleicht hilfreich zu wissen, was das eigentlich heißt.

Also, was bedeutet es, unser Dasein unter den Bedingungen des Ausnahmezustands führen zu müssen? Im Ausnahmezustand sind die staatlichen Instanzen befugt, ob uns das nun gefällt oder nicht, grundgesetzliche Normen zu durchbrechen und anfallende Streitfragen, die von der Rechtsordnung nicht erfasst werden (Mundschutz z.B.), nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Kraft eines Selbsterhaltungsrechts suspendiert der Staat das Recht, wobei die daraus resultierenden diktatorischen Vollmachten selbstverständlich an die Aufgabe geknüpft bleiben, eine besondere Not- oder Gefahrensituation zu beseitigen. Thomas Hobbes und Carl Schmitt, die beiden unübertroffenen Theoretiker des Ausnahmezustands, haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es um die letztendlich „unbegrenzbare Befugnis“ geht (ein paar korrigierende Urteile in Einzelfragen ändern daran nichts), „das zu tun, was nach Lage der Sache im Interesse der staatlichen Sicherheit geboten ist, ohne Rücksicht auf die etwa entgegenstehende konstituierte Ordnung“. (Wem ein solcher Satz Unbehagen bereitet, weil er von Carl Schmitt stammt, dem empfehle ich, in Gesprächen lieber die Formel von Jean Bodin zu verwenden: „Rien n’est plus légitime que le nécessaire“, nichts ist legitimer als das Notwendige.)

Inzwischen kennen wir genügend praktische Beispiele, wie Behörden in den Ländern unter Bezugnahme auf COVID-19 bürgerlich-rechtsstaatliche Hemmungen der Staatsgewalt wie das grundgesetzlich gewährleistete Recht auf Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Religionsausübung, die Bewegungsfreiheit im Bundesgebiet und andere Grundrechte zeit- und distriktweise ohne viel Federlesen außer Kraft gesetzt haben. Und womit störrische Zeitgenossen, die sich damit nicht abfinden wollen, werden rechnen müssen, zeigen anschaulich etwa die Vorgänge in Sachsen. Hier drohte Petra Köpping, die SPD-Sozialministerin, ganz unverhohlen: „Wer sich in Sachsen der Anordnung häuslicher Quarantäne verweigert, kann seit Donnerstag in einer psychiatrischen Klinik festgesetzt werden.“ Wie die Welt berichtete, hatte die Sozialministerin dafür gesorgt, dass eine große Zahl von Zimmern in psychiatrischen Kliniken bereitstanden. Berichten des MDR zufolge erhielten in Dresden fast 3300 und in Leipzig an die 2100 Bürger eine ihre häusliche Quarantäne verfügende Anordnung. Zwischenzeitlich hat die Sozialministerin wegen landesweiter Proteste gegen ihr allzu forsches Vorgehen wieder den geordneten Rückzug angetreten. Petra Köpping O-Ton: „Insgesamt müssen wir alle sehr aufpassen, dass wir die Akzeptanz unserer Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Infektionen nicht infrage stellen.“

Ich bin mir ziemlich sicher, viele meiner Mitbürger können sich bisher trotz solcher Meldungen immer noch nicht so richtig vorstellen, was der Ausnahmezustand den Behörden alles erlaubt. Und wenn in dieser Lage ausgerechnet diejenigen Politiker und Parteien, welche das Machtmittel Ausnahmezustand gekonnt ausreizen, in sämtlichen demoskopischen Umfragen zulegen, wird Mancher das vermutlich für einen schlechten Scherz halten. Das ist es aber ganz und gar nicht. Wer als Liberaler daran glaubt, es sei die wichtigste Aufgabe des Grundgesetzes, die Macht des Staates im Interesse der Freiheit zu beschränken, muss wahrscheinlich so denken. Was dabei leider meistens übersehen wird, ist die archaische Relation von Schutz und Gehorsam! In einer Situation, wie wir sie durchleben, ist der Schutz des Bürgers durch den Staat für die Mehrheit eben viel wichtiger als der Schutz vor dem Staat. Noch einmal Carl Schmitt dazu: „Die Staatsmaschine funktioniert oder sie funktioniert nicht. Im ersten Falle garantiert sie mir die Sicherheit meines physischen Daseins; dafür verlangt sie unbedingten Gehorsam gegen die Gesetze ihres Funktionierens.“ Jegliche Erörterungen, die den in dieser Maxime konstatierten Zusammenhang von Schutz und Gehorsam in Frage stellen, führen in letzter Konsequenz in unauflösbare Widersprüchlichkeiten und damit in einen Zustand der Unsicherheit, in dem man seines Lebens nicht mehr sicher sein kann. Keine Angst ist unheimlicher als die Infektionsangst! Ist diese Aussage plausibel, sollten wir uns deshalb nicht darüber wundern, wenn die weit überwiegende Mehrheit der Deutschen in der Stunde der Not auf den Staat setzt. Also nochmals: Erkenne die Lage!

Rolf Henrich

Eine Mitläuferin – das einfache Leben?

Im Jahr der friedlichen Revolution 1989 war ich 20 Jahre alt, hatte den Beruf der Fotografin erlernt, war voll erwerbstätig und lebte mit meiner Schwester und meiner Mutter zu Hause. Unser Vater war im Januar 1989 gestorben und wäre zu gern mit uns zusammen einmal in den Westen gefahren. Er als Diabetiker und Invalidenrentner durfte es längst. Auf ihn kam es nicht mehr an in der DDR. Rentner lagen dem Staat auf der Tasche, durften Verwandte besuchen und hätten auch ohne weiteres im Westen bleiben können.

Im Juli ’89 spürte ich erstmals, dass sich etwas gegen die Oberen in der DDR zusammenbraute. Der Vater eines ehemaligen Klassenkameraden, er arbeitete im Halbleiterwerk, erzählte mir vorsichtig euphorisch, dass die Tage der DDR gezählt wären. Er sprach von Rolf Henrich und dessen Buchveröffentlichung „Der vormundschaftliche Staat“ und bezeichnete ihn als Wortführer. Endlich hätte einmal jemand etwas gewagt, schwärmte er voller Zuversicht. Erstaunt erzählte ich meiner Mutter und meiner Schwester davon. Wir verfolgten nun noch genauer die Nachrichten, Kennzeichen D, das ZDF Magazin und andere politische Sendungen im Westfernsehen, denn im DDR Fernsehen gab es nur die heile und unerschütterliche DDR.

Jedes Westauto ein Traum, jeder Popsong aus dem Westen ein Sehnsuchtslied, jeder noch so zerfledderte Ottokatalog ein gut gehüteter Schatz, jede Jeans aus dem Westen eine unersetzbare Kostbarkeit, ein Besuch im Intershop ein sinnliches Erlebnis, ein Dosengetränk unvergleichlich und die leere Dose diente als Deko oder es wurden Ohrringe daraus gebastelt. Und dabei war ich nicht unglücklich. Verwandte aus Amerika fragten mich lange nach der Wende, wie ich mich in der DDR gefühlt habe. Wie in einem Tierpark ohne Öffnungszeiten für Besucher, habe ich geantwortet. Meine Eltern verbrachten noch einen Teil ihres Lebens ohne Mauer, bevor sie sich umzäunt, abgeschirmt vom Rest der Welt wiederfanden. Frei geboren, so hieß einmal eine Fernsehserie. Das war ich nicht. Für mich war das Leben hinter einem Zaun Normalität, aber keine schmerzhafte. Was man nicht kennt, das vermisst man nicht. Ich hörte die Erzählungen meiner Mutter, die ihre Besuche in Westberlin vermisste. Die Erzählungen meiner Mutter und Großmutter klangen wie Märchen. Ein Bummel auf dem Ku’damm, Kaffeetrinken im Cafe‘ Kranzler, ein O.-W. Fischer Film im Zoo Palast, ein Einkauf bei Leineweber, einem renommierten Bekleidungsgeschäft, ein Verweilen in der Kaiser-Wilhelm- Gedächtnis-Kirche. So genossen meine Mutter und meine Großmutter nach harter Arbeit im eigenen Geschäft die wohlverdiente freie Zeit. Allerdings zu einem gehörigen Wechselkurs von 4:1, der Westdeutschen den Einkauf und das Nutzen von Dienstleistungen im Osten sehr günstig machte.

1961 war plötzlich alles dahin. Sein Leben anmaßend von anderen Leuten bestimmt zu sehen, sich mit schmerzlichen Einschränkungen, ohnmächtig einer Macht ergeben zu müssen, das verletzte meine Großmutter und meine Eltern.
Meine Eltern und später auch ich hätten sich niemals vorstellen können, dass eine Erlösung wie bei Dornröschen stattfinden würde.

In der Nacht als die Mauer fiel, wurde ich 21.

Wenn ich es heute bedenke, war mein politisches Interesse nicht besonders entwickelt. Ich stand jeden Tag bis 18.00 Uhr im Laden und bekam von den Demonstrationen in Frankfurt zunächst wenig mit. Hin und wieder schwammen Fotos von Menschen, die sich auf dem Rosa-Luxemburg-Berg drängten, in meinem Entwicklerbad. Darüber sprachen wir innerhalb unseres Arbeitskollektivs. Alles war aber noch sehr diffus.

Mir genügte mein zu Hause. Ich fühlte mich umsorgt und geborgen. Was mein Vater durch emsigen Anbau im Garten nicht auf den heimischen Tisch bringen konnte, das glich Onkel Kutti mit Waren aus der Kaufhalle Nord aus, in der er Leiter der Fleischabteilung war. Bis 1985 lebten wir gut durch die Fleischerei meiner Großeltern. Durch seine Tätigkeit im Kraftverkehr Frankfurt (Oder) hatte mein Vater viele Beziehungen, was diverse Vorteile in Gestalt von Toilettenpapier, Bananen, Möbeln, Bettwäsche u.v.a. mit sich brachte. Welche Zusammenhänge es da gab, verstehe ich heute noch nicht.
Meine Mutter arbeitete im Kleist Theater. Sie konnte begehrte Kabarettkarten gegen gefragte Termine z.B. beim Orthopäden tauschen. Außerdem war sie mit der Inhaberin der einzigen Musikalienhandlung in Frankfurt befreundet. So bekamen wir Lizenzplatten aus Westdeutschland. Ich besitze sie noch heute. Tante Heidi mixte uns benötigte Salben als Apothekerin. Ein befreundetes Ehepaar hatte eine Drogerie. Mein Vater, der zuckerkrank war, bekam hier regelmäßig seine Kisten mit Lauchstädter Heilbrunnen, der es nie in die Regale oder über den Ladentisch schaffte, sondern immer nur darunter – im Volksmund „Bückware“ – veräußert wurde.
Elternabende in der Schule, besonders die im Frühjahr, waren beliebte Tauschbörsen für die Kleingärtner unter den Teilnehmern und das waren die meisten. Gefragt war alles, was essbaren Ertrag brachte: Tomatenpflanzen, Steckzwiebeln, Erdbeer- und Kohlrabipflanzen u.s.w. Auch die Genossen unter den Eltern waren fleißig mit von der Partie.
Wir waren also rundherum vernetzt und mit dem Nötigsten und darüber hinaus durchaus gut versorgt.
Dass wir in den Urlaub nur ins sozialistische Ausland fahren durften, damit hatte ich mich abgefunden. Meine Schwester sich dagegen nie und viele andere DDR Bürger auch nicht. Ich war genügsam, ich träumte und sehnte mich nicht über Grenzen hinaus, war ängstlich und dadurch sicherlich steuerbar. Eine DDR Bürgerin wie die Oberen sie sich wünschten.

Die DDR war ein Biotop, das sich im Laufe des Abgeschottetseins entwickelt hat. Eine Anpassung der Menschen an unumstößlich geglaubte Gegebenheiten. Es ging uns damals wie heute, wir wollten leben und wir taten es auch. Verdrießlich manchmal, wenn wir den Blick nach „draußen“ wagten und sahen, wie die westdeutsche Hälfte unseres Volkes lebte, wohin sie reisen konnten, was für Kleidung sie trugen und vor allem, was für Autos sie fuhren.

Mein Bewusstsein setzte in einer ausklingenden DDR ein, so sehe ich es heute. Bis auf Verbote im Alltag, an die man sich gewöhnt hatte, erlebte ich keine Drangsalierungen. Klar war dabei: keine Plastikbeutel mit Westwerbung in der Schule, BRD Flaggen auf den armeegrünen Kultparkern waren abzutrennen genauso wie Markenschilder von Jeans. Eine kleine Revolte war es, wenn man das Leviszeichen an der Jeans beließ. Man erntete die Anerkennung seiner Mitschüler für den gezeigten Mut. Von vielen Lehrern wurden derartige Verstöße großzügig übersehen, denn auch von ihnen rebellierten einige mit Westklamotten. Unser Musiklehrer spielte regelmäßig populäre Westmusik auf dem Klavier. Allerdings nur mit Absicherung eines Schülers, der Schmiere stehen musste. Wichtig war das Elternhaus und das soziale Netz, indem man eingebunden war. Stimmte das, hatte man wenig Sorgen. So ging es mir, auch weil ich noch keine Kinder hatte, um deren Zukunft ich bangen musste.

„Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“ Martin Heidegger/ Der Feldweg.

Nun trifft das Wort Verzicht es vielleicht nicht ganz. Kann man nicht nur auf etwas verzichten was man hat? In der DDR herrschte Mangelwirtschaft. Der Verzicht war es, der Kraft gab und uns stark und erfinderisch machte. Es war eine Kreativität aus Mangel an Materialien und aus der allzu oft vorhandenen Langeweile. Auch das kann offenbar einen Geist beflügeln und das Leben lebenswert machen. Durch Überfluss und Sattheit verstopfte Sinnesleitungen gab es jedenfalls damals kaum.

Die DDR war am Ende, nicht erst im Herbst 1989. Potential, den Umbruch zu schaffen, hatte sich über einen langen Zeitraum gesammelt. Viele Menschen dachten daran, bestehende Verhältnisse umzuwälzen. Aber wie es vor Martin Luther schon einige gab mit reformatorischen Gedanken, war es erst der Augustinermönch, der mit seinen 95 Thesen an die Öffentlichkeit trat und die Reformation 1517 in Gang setzte.

So brauchte es 1989 Rolf Henrich, der mit seinem mutigen Vorstoß der spektakulären Veröffentlichung seines Buches „Der vormundschaftliche Staat“, das Ende der DDR ankündigte und damit den Menschen die Courage zur friedlichen Revolution gab.

An den Moment, als ich das erste mal die Grenze Richtung Bundesrepublik überquerte, kann ich mich kaum noch erinnern. Einen anderen werde ich jedoch nie vergessen: Meine erste Begegnung mit dem Rhein.
Es war eine Mischung aus Glückseligkeit und überschwänglicher Freude, die mich ungeahnt überwältigte.
Wie lange hatte ich geglaubt, den Rhein, den symbolträchtigsten Fluss der Deutschen, niemals sehen zu können. Diese und andere Sehnsüchte, hatte ich sie weggedrängt, weil ich sie für unerfüllbar hielt?
Ich fühlte mich eigentlich immer als Deutsche, der der andere Teil ihres Heimatlandes verschlossen war.
Nicht Mallorca galt meine Sehnsucht, nicht New York oder der Algarve, sondern dem Rhein, der Nordsee und den Alpen! Das trat wohl in diesem Augenblick in mir zutage, die offene Zukunft mit ihren Möglichkeiten, aber auch die unwiederholbare Vergangenheit.

„So gehen zu können, mit diesem Horizont offener Zukunft und unwiederholbarer Vergangenheit, ist das Wesen dessen, was wir Geist nennen.“ Hans-Georg Gadamer/ Die Aktualität des Schönen.

Bettina Zarneckow Jahrgang 1968

im April 2020

Sommer 1989 einige Mitarbeiter der Fotoabteilung des DLK
Foto: VEB DLK Foto

Schluss mit der Debatte, der Mundschutz ist anzuordnen

Bangemachen gilt nicht. Mir wird aber beim Wort Triage so. Triage: In Zeiten des Krieges oder bei (regelmäßig nicht vorhersehbaren) Katastrophen muss von den Helfern entschieden werden, welche der vielen Verletzten zuerst medizinisch versorgt werden. Das können dann Entscheidungen über Tod oder Leben sein.

In ganz Europa, so auch in Deutschland, besteht ein Mangel an Beatmungsgeräten. In Italien entscheiden überforderte Ärzte nicht nur, wer von den vielen Patienten ein Beatmungsgerät erhält sondern auch darüber, wem das Beatmungsgerät wegzunehmen ist, um es für einen anderen Schwerstkranken mit besseren Aussichten freizumachen.

Die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seiffert, FAZ vom 31.3.20 weist zustimmend auf Richtlinien der Schweizer Ärzteschaft vom 24.3.20 hin, die eine Verlaufs-Triage anregen: Alle 48 Stunden sei auf der Grundlage detaillierter medizinischen Kriterien zu prüfen, ob ein Erfolg der Beatmung unwahrscheinlich sei und gegebenenfalls die Behandlung abzubrechen, um das Beatmungsgerät einem anderen Schwerstkranken mit besseren Aussichten zu überlassen.

Der Strafrechtler Reinhard Merkel wird konkret: Darf in Deutschland einem 80 Jahre alten Schwerstkranken mit einer Lebenserwartung von unter einem Jahr das Beatmungsgerät weggenommen werden, um es bei einer jungen Mutter einzusetzen? Und natürlich ist die Antwort so eindeutig wie unbefriedigend: Die Mutter wird Opfer eines bösen Schicksals, weil die Aussonderung des Achtzigjährigen zu ihren Gunsten Totschlag wäre, so die von Prof. Merkel “Recht und Ethik”, FAZ vom 4.4.20 überzeugend und viel gründlicher als von mir dargelegte Rechtslage.

Wie wäre wohl in dem Beispiel die Äußerung des behandelnden Arztes gegenüber den Eltern der jungen Mutter? – An einer Lungenembolie verstorben? Hintergründe werden verschwiegen? Oder beherzigte der Arzt bei der Zuteilung des Beatmungsgerätes die Überlegungen der Medizinethikerin Schöne-Seiffert? Und werden die Hinterbliebenen überhaupt noch fragen, vielmehr vertrauen, dass alles menschenmögliche geschehen ist? Gestehen wir es uns ein, es gibt nicht die eine Antwort. Mein Mitgefühl ist bei der Mutter. Und unsere Ärzte stehen im Hinblick auf den Mangel an Beatmungsgeräten unter der besonderen Beobachtung des Staatsanwaltes, weil der Rechtsstaat noch funktioniert? Oder sollte vor jeder Behandlung die Einstellung der behandelnden Ärzte genau ergründet werden?

Die Lösung kann in unserem spezifischen Fall nur eine konzertierte Aktion der Bundesregierung zur Produktion von Beatmungsgeräten sein. Die Politik steht in dieser schwierigen Lage in der Verantwortung. Und dabei muss zuerst den beteiligten Ärzten und Schwerstkranken in Deutschland geholfen werden Ich möchte nicht, dass der Arzt der Herr über Leben und Tod wird – wenn die Schweizer das anders sehen, bitte schön. Deutschland befindet sich nicht im Krieg, die Prozedur der Triage ist bei Covid 19 für ein Hochindustrieland, zumal da die Katastrophe nur im Raume steht, nicht angesagt, nicht zu antizipieren, nicht heraufzubeschwören sondern zu vermeiden.

Und damit lande ich beim Mundschutz. Der Virologe Schmidt-Chanasil wie auch Journalisten vom Fach lehnen ihn sehr beredt mit vielen Gründen ab. So bestünde die Gefahr bei seiner verbindlichen Anordnung, dass er dann in Kliniken, Pflegeheimen und anderen lebenserhaltenden Einrichtungen fehlt, die Menschen könnten sich zu sicher fühlen, das Abstandsgebot und die Quarantäne nicht einhalten. Im übrigen sollte zunächst auch der Bedarf in den anderen europäischen Staaten und deren Kliniken gestillt werden – ein besonders schöner Beitrag, angesichts der von vielen Seiten entfachten Angst vor Covid 19 und den damit verbundenen Streichungen von Grundrechten den europäischen Gedanken zu stärken.

Abgesehen davon, dass die Anordnung des (selbstgemachten) Mundschutzes dem gegenseitigen Schutz dient, weshalb er von der Leopoldina und seit Freitag sogar vom RKI befürwortet wird, verkennt der Virologe das Primat der Politik. Der Virologe hat so zu beraten, dass der Regierung die Freiheit der Entscheidung verbleibt.Verstößt der Berater dagegen, setzt sich in diverse Talkshows, könnte er mehr schaden als aufklären und verspielt Vertrauen. Zumindest sollte er sich dieser Problematik bewusst sein – Meinungsfreiheit hin oder her. Und die Politik? Wenn der Mundschutzes nur ein bisschen den Gegenüber schützt, wird sie ihn für alle anordnen müssen. Um eine Überlastung des Gesundheitssystems vielleicht mit einem von mir aus nur kleinen Mosaiksteinchen vermeiden zu versuchen. Gerade weil der Staatsanwalt gleichsam hinter jedem Arzt, der Entscheidungen über die Zuteilung eines Beatmungsgerätes trifft, steht. Oder weil nach der Pandemie nicht ein großes Wehgeschrei beginnen soll. Oder weil das Parlament nur Grundrechte stutzen darf, wenn vorher alles, aber auch wirklich alles getan wurde, um das zu vermeiden oder zeitlich zu begrenzen. Oder weil meine Bäckerin gerne einen Mundschutz tragen würde, sich wegen der Kundschaft aber nicht getraut – die Kundschaft könnte annehmen, sie sei krank.

Also nicht auf Ungarn zeigen, die Musik spielt ausnahmsweise in Deutschland.

Alles weit hergeholt? Zugestanden, dies aber nur aus Zeit – und Platzgründen. Das Problem ist Corona. Deshalb gilt mein solidarisches in ceterum censeo, der Mundschutz muss her.

R.Z.

Preußens Gloria

Immer, wenn jemand in meiner Nähe und öffentlich mit seinem Maule „…diese Saupreißen…“ schimpfiert, bin ich geneigt, umgehend eine Militärkapelle anzufordern, diese sofort in voller Besetzung aufziehen zu lassen, um anzuordnen: „…dass besagte Militärkapelle unverzüglich „Preußens Gloria“ hinaus zu schmettern habe…“.

Wussten Sie, dass „Preußens Gloria“ in Frankfurt an der Oder uraufgeführt wurde? Johann Gottfried Piefke war Musikdirektor des Leib-Grenadier-Regiment „König Friedrich Wilhelm III.“ (1. Brandenburgisches) Nr. 8 in Frankfurt an der Oder. Er komponierte „Preußens Gloria“ 1871 zu Ehren des Sieges über Frankreich. Solange in Deutschland Militärmärsche in Staatsangelegenheiten vor dem Volke gespielt werden, bin ich weiterhin ganz ruhig. Man kann Militärmärsche regelmäßig hören, wenn zum Beispiel das Ehrenbataillon mit dem Stabsmusikkorps unter der Leitung von Oberstleutnant Kiauka mit „Preußens Gloria“ zum Schloss Bellevue aufzieht, anlässlich von Antrittsbesuchen geschätzter Präsidenten anderer geschätzter Staaten.1 Von jeher höre ich gern Militärmärsche, habe ich doch deren Anfeuerung niemals in Verbindung mit Kriegserfahrungen machen müssen, daher fällt es mir leichter. Jetzt muss ich abschweifen – die Kavallerie zieht auf, Pferde schnauben, Rappen schreiten aus, dort der Schimmel, der aus der Parade tänzelt, Gleißende Hiebketten und Beschläge an den Offizierskandaren – das erinnert mich an meine Kindheit. Ich blickte jedem Pferdeschweif hinterher, kannte jedes Pferdefuhrwerk in unserem kleinen nordöstlichen Städtchen. Hörte ich beschlagene Hufe auf dem Asphalt, stürzte ich ans Fenster oder an das Tor, um einen Blick auf die geliebten Tiere zu werfen, die im scharfen Trabe in die Lange Straße einbogen oder auf den Schlosshof fuhren. Aus der Ferne erkannte ich oft, wess Fuhrwerk da durch die Straßen preschte. „Das ist der Fuchs zusammen mit dem schönen Rappen vom Fuhrunternehmer Schade.“ „Der Kutscher da, der seine Pferde manchmal prügelt und auch im Galopp die Schloßstraße hinaufprescht. Der rechte Fuchs hat ein eingedrücktes Auge!“ „Da kommt das Gespann mit dem Kutscher angefahren, der keine Stimme mehr hat, der flüstert immer.“ Ab und an rollte eine edle Hochzeitskutsche vom nahen Gestüt durch das Städtchen mit vier oder gar sechs Pferden in englischer Anspannung. Oder es kam der letzte Vorstadtbauer mit seinem Plattenwagen beladen mit feinstem Obst und Gemüse, der einmal in der Woche in die Stadt fuhr, um auf dem Pferdemarkt, geschützt unter einem Torbogen, seine Waren anzubieten. Dieser, auf seinen kleinen Gemüseäckern sehr hart mit der Hand arbeitende Mann, hatte das Pferd wohl billig ergattern können, eine lahmende Fuchsstute mit Senkrücken und von Arthrose durch zu harte Arbeit verbogenen geplagten Beinen, eigentlich zum Schlachten bestimmt, um dem Leid ein Ende zu bereiten. Das Pferd lernte ich etwas näher kennen, es wollte von den Menschen nichts mehr wissen. Es stand mit zusammengekniffenen Nüstern, auf seine Schmerzen innerlich horchend, geduldig wartend, bis der Bauer wieder die Stränge anlegte und nach Hause fuhr. Kam man ihm zu nahe, hob es den Kopf und legte flach die Ohren an, bleckte die Zähne, deutlich der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Ab und an durfte ich auf den Kutschbock klettern und mitfahren. Der Kutscher, ein schweigsamer kleiner Mann, reichte mir dann die rotweiße Warnkelle, die ich nach links heraushalten musste, wenn er um die Pfarrkirche nach links im Schritt abbog, und ich fühlte mich nützlich in diesem Moment. Wussten Sie, dass Rossschlächtereien in früherer Zeit nicht nur in Notzeiten, sondern auch von Tierfreunden gegründet wurden? Tierfreunde dauerte das zu Todeschinden der alten Pferde, die im Geschirr auf dem Felde oder durch Unfälle auf den Pflastern der städtischen Straßen zusammenbrachen und starben. „Alt werden ist Scheiße!“ vertraute mir ein enger Freund der Familie vor einigen Jahren leise an. Nichts für Feiglinge, nur ein sicher zu verlierender Kampf, vielleicht in Würde. Frau Schulz aus dem Nachbardorf, ehrenamtliche Küsterin, vertraute uns an, dass sie fürchterliche Angst vor dem Altwerden habe, obschon zu dem Zeitpunkt weit über 85 Jahre alt. Manche Leute haben einfach Glück. Theodor Fontane ehrte den Komponisten Johann Gottfried Piefke in seinem Gedicht um die Düppeler Schanzen während des Deutsch-Dänischen Krieges. Er berichtete, dass Johann Gottfried Piefke zum Yorckschen Marsch vier Musikkorps vor Ort mit dem Säbel dirigierte, um die Schlacht anzufeuern. 2

Der Tag von Düppel

Still!
Vom achtzehnten April
Ein Lied ich singen will.
Vom achtzehnten – alle Wetter ja,
Das gab mal wieder ein Gloria!
Ein „achtzehnter“ war es, voll und ganz,
Wie bei Fehrbellin und Belle-Alliance,
April oder Juni ist all einerlei,
Ein Sieg fällt immer in Monat Mai.

Um vier Uhr morgens der Donner begann!
In den Gräben standen sechstausend Mann,
Und über sie hin sechs Stunden lang
Nahmen die Kugeln ihren Gang.
Da war es zehn Uhr. Nun alles still,
Durch die Reihen ging es: „Wie Gott will!“
Und vorgebeugt zu Sturm und Stoß
Brach das preußische Wetter los.

Sechs Kolonnen. Ist das ein Tritt!
Der Sturmmarsch flügelt ihren Schritt;
Der Sturmmarsch, – ja tief in den Trancheen
Dreihundert Spielleut‘ im Schlamme stehn.
Eine Kugel schlägt ein, der Schlamm spritzt um,
Alle dreihundert werden stumm –
„Vorwärts!“ donnert der Dirigent,
Kapellmeister Piefke vom Leibregiment.

Und „vorwärts“ spielt die Musika,
Und „vorwärts“ klingt der Preußen Hurra;
Sie fliegen über die Ebene hin,
Wer sich besänne, hätt’s nicht Gewinn;
Sie springen, sie klettern, ihr Schritt wird Lauf –
Feldwebel Probst, er ist hinauf!

Er steht, der erst‘ auf dem Schanzenrück,
Eine Kugel bricht ihm den Arm in Stück:
Er nimmt die Fahn‘ in die linke Hand
Und stößt sie fest in Kies und Sand.
Da trifft’s ihn zum zweiten; er wankt, er fällt:
„Leb wohl, o Braut! leb wohl, o Welt!“

Rache! – Sie haben sich festgesetzt,
Der Däne wehrt sich bis zuletzt.
Das macht, hier ficht ein junger Leu,
Herr Leutnant Anker von Schanze zwei.
Da donnert’s: „Ergib dich, tapfres Blut,
Ich heiße Schneider, und damit gut!“ –
Der preußische Schneider, meiner Treu,
Brach den dänischen Anker entzwei.

Und weiter, – die Schanze hinein, hinaus
Weht der Sturm mit Saus und Braus,
Die Stürmer von andern Schanzen her
Schließen sich an, immer mehr, immer mehr,
Sie fallen tot, sie fallen wund, –
Ein Häuflein steht am Alsen-Sund.

Palisaden starren die Stürmenden an,
Sie stutzen; wer ist der rechte Mann?
Da springt von achten einer vor:
„Ich heiße Klinke, ich öffne das Tor!“ –
Und er reißt von der Schulter den Pulversack,
Schwamm drauf, als wär’s eine Pfeif‘ Tabak.
Ein Blitz, ein Krach – der Weg ist frei –
Gott seiner Seele gnädig sei!
Solchen Klinken für und für
Öffnet Gott selber die Himmelstür.

Sieg donnert’s. Weinend die Sieger stehn.
Da steigt es herauf aus dem Schlamm der Trancheen,
Dreihundert sind es, dreihundert Mann,
Wer anders als Piefke führet sie an?
Sie spielen und blasen, das ist eine Lust,
Mit jubeln die nächsten aus voller Brust,
Und das ganze Heer, es stimmt mit ein,
Und darüber Lerchen und Sonnenschein.

Von Schanze eins bis Schanze sechs
Ist alles deine, Wilhelmus Rex;
Von Schanze eins bis Schanze zehn,
König Wilhelm, deine Banner wehn.
Grüß euch, ihr Schanzen am Alsener Sund,
Ihr machtet das Herz uns wieder gesund! –
Und durch die Lande, drauß und daheim,
Fliegt wieder hin ein süßer Reim:
„Die Preußen sind die alten noch,
Du Tag von Düppel lebe hoch!“

Mona Modus 02/April/2020

2 Vergleiche J. Nowosadtgo, M. Rogg „Mars und die Musen“: das Wechselspiel von Militär, Krieg und Kunst in der Frühen Neuzeit – Militär und Musik – Funktionsbestimmende Elemente der Militärmusik von der frühen Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert von Michael Schramm, Lit Verlag Dr. W. Hopf Berlin, 2008

Den Teufel spürt das Völkchen nie

Den Teufel spürt das Völkchen nie / und wenn er sie beim Kragen hätte“

(Mephisto zu Faust in Auerbachs Keller in Leipzig)

Ein Künstlerfreund sandte mir gestern aus einem Berliner U-Bahnhof dieses Werbeplakat und rühmte den „Weltenhumor“: Eine Hauptstadt im Ausnahmezustand, in der die wirtschaftliche, kulturelle und demokratische Teilhabe am Boden liegen und über Bußgeldkataloge eiserner Gehorsam eingeübt wird, und gleichzeitig in den U-Bahnhöfen die Werbung für eine derzeit laufende Ausstellung zur diktaturerprobten Hannah Arendt im Berliner Deutschen Historischen Museum, wenn nicht….

Über der Hauptstadt liegt ein Hauch von drohender Weltwirtschaftskrise und der Vorschein eines heraufziehenden hysterisch-totalitären Hygienestaates. Es ist die Stunde der Regierungssprecher und Senatskanzleien, Statistik und der Deutungshoheit einer Sichtweise eines staatlichen Vireninstituts. Kritische Öffentlichkeit , umfassendere fundierte Abwägung in interdisziplinärer Beratung auch der sozialpsychologischen und sozialorganischen Implikationen der staatlichen Bevormundung und Erlasse ist in den Untergrund verbannt und sortiert sich dort notdürftig unter Versammlungsverbot und drastischen Bußgeldandrohungen…. – Panik nagt an der sprichwörtlichen Resilienz, dem Humor und der Gelassenheit der Berliner. „Berlin Du bist so wunderbar“ des Berliner Kindl ist auf unbestimmt vertagt. Der faustische diesjährige Osterspaziergang findet mit Mundschutz und Sicherheitsabstand unter Strafandrohung statt. Wollen mal sehen, was Mephisto noch in der Trickkiste hat.

MKR/ 31. März 2020

Zeitgemäße Gedanken über die Zeit

Wie erleben wir die Zeit in diesem Ausnahmezustand der Corona-Krise?

Meine Frage zielt nicht auf das Erleben der vielen Einschränkungen und die ausgesprochenen und unausgesprochenen Sorgen und Ängste. Je nach den Lebensumständen und dem Lebensalter wird dieses Erleben ohnehin sehr unterschiedlich sein, sehr anders für Menschen in der Quarantäne oder für Berufstätige im Home Office oder für allein erziehende Mütter mit ihren Kindern in einer engen Neubauwohnung oder – wie für mich – für Angehörige der „Risikogruppe“.

Nein, meine Frage zielt auf das Erleben der „Zeit an sich“ in dieser großen Pause, wo alles langsamer und weniger wird und Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. Wo wir spüren, wie brüchig vieles ist, wie dünn das Eis wird, auf dem unsere Zivilisation errichtet ist. Wie lang oder wie kurz, aber jedenfalls bemessen und begrenzt die Zeit ist, die uns bleibt. Darüber möchte ich hier gerne zum Nachdenken und zum Gespräch einladen mit einigen tastenden Gedanken und Empfehlungen.

Zeit. Schade, dass wir in unserer Sprache nur ein Wort für das haben, wofür es noch im antiken Griechenland, der Wurzel unserer Kultur, zwei Worte gab: Kronos und Kairos, eins für den unerbittlich verrinnenden Ablauf der Stunden, Tage und Jahre. Das andere, der Kairos für die erfüllte Zeit, für die Wirklichkeit eines Augenblicks, der kurz oder lang sein kann, aber der mir die Augen öffnet für das, was bleibt und trägt, den ich nicht erinnern, planen oder festhalten kann.

Nebenbei: Wie mag diese Verarmung unserer Sprache zu erklären sein, die wir ja auch an anderen Stellen erleben? Nur das eine Wort „Himmel“ steht uns zur Verfügung, wo das Englische zum Beispiel um den Unterschied zwischen sky und heaven weiß. Nur von „Schnee“ können wir sprechen – von ein paar Derivaten abgesehen -, wo die Inuit dem Vernehmen nach über neunzehn verschiedene Wörter verfügen…

Wie auch immer – wir Deutschen müssen uns mit dem einen Wort Zeit begnügen, um die „Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes“ zu erfassen, wie Thomas Mann im Vorsatz zum „Zauberberg“ schreibt, seinem großen Epos über die Zeit. Hans Castorp, der Held des Romans, erlebt, wie lang „drei Wochen“ sein können und sein Schöpfer lässt ihn immer wieder über die Zeit philosophieren. Vergeht sie schneller, wenn viel passiert? Oder umgekehrt wenn betäubende Langeweile und Eintönigkeit sie bestimmen? So vermutet Hans Castorp: „Wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden.“ Mir geht durch den Sinn, was mir ein Freund antwortete als ich ihn fragte, ob ihm die Zeit auch immer schneller unter den Fingern zerrinnt, je älter er wird. Ja, antwortete er, das ist doch ganz natürlich: wofür du früher 10 Minuten gebraucht hast, dafür musst du im Alter mit mindestens der doppelten Zeit rechnen… Wer hat wohl recht? Oder erleben wir hier das Problem, das der Kirchenvater Augustin, von dem noch die Rede sein wird, im 11. Kapitel seiner „Bekenntnisse“ beschreibt: „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.“

Aber zurück zum Zauberberg. Wir wollen uns das Vergnügen machen – wir haben ja Zeit! – und uns einen Moment auf Hans Castorps Grübeln einlassen und auf sein lautes Nachdenken über die Zeit hören ( und über die Relativitätstheorie seines Zeitgenossen Albert Einstein! ). Thomas Mann komponiert es im Dritten Kapitel des Romans in ein Gespräch mit dem Vetter Joachim, der zur morgendlichen Temperaturmessung das Fiberthermometer im Mund hat:

„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich um. Joachim hob sieben Finger empor. „Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“ Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei: „Ja, wenn man ihr aufpasst, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo man sich hier die sieben Tage der Woche so grässlich um die Ohren schlägt.“ „Du sagst ‚eigentlich’. ‚Eigentlich’ kannst du nicht sagen“, entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung und das Weiße seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht ‚eigentlich’. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Joachim widersprach. „Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und uns alle um.“ „Dann pass auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich misst?“ „Eine Minute ist so lang… sie dauert so lange, wie der Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“ „Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und tatsächlich … ich sage: tatsächlich genommen ist das eine Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist das? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“ „Hör mal“, sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich an hier bei uns?“ „Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit? Willst du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzt du fest. Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können… warte! Um messbar zu sein, müsste sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrieben, dass sie das tut? Für unser Bewusstsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, dass sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal…“

Hier wollen wir die beiden ihrem weiteren Schicksal überlassen, nicht ohne die Empfehlung von mir, sich jetzt doch einmal Zeit für die Lektüre des Zauberbergs zu nehmen. Man braucht für die Lektüre viel davon, von der Zeit. Aber sie wird uns jetzt ja geschenkt. Und das Buch zu lesen lohnt in vieler Hinsicht!

Da wir gerade bei Empfehlungen sind: 1707 hat der junge Johann Sebastian Bach in Mühlhausen eine seiner ersten Kantaten komponiert. Sie ist unter dem ihr nachträglich gegebenen Titel „Actus tragicus“ bekannt und darunter leicht bei YouTube zu finden und nachzuhören. In Wahrheit heißt sie aber nach dem Eingangschor „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.“ Die Kantate beginnt mit einer Sonatina, einem instrumentalen Vorspiel, noch ohne Text, in dem aber bereits der Geist lebendig wird, in dem Bach sich dem Thema Zeit dann zuwendet – in tiefer Ruhe und vollkommener Schönheit.

Musik ist präziser als Sprache, soll Felix Mendelssohn Bartholdy einmal gesagt haben. Ich glaube, das ist eine kluge Erkenntnis. In Bachs Vertonung erschließt sich auf eigentlich unaussprechliche Weise das Wesen der Zeit, die als Gottes Zeit tatsächlich die allerbeste Zeit ist. Denn wie immer wir sie erleben und erfahren – auch die Zeit gehört zu Gottes Schöpfung. Darum hat der Kirchenvater Augustin die Frage unwillig als törichtes Geschwätz zurückgewiesen, was Gott vor der Schöpfung gemacht habe. Eine sinnlose Frage, so antwortet er, denn ein „vor“ konnte es nicht geben, als die Zeit noch nicht erschaffen war. So unvollkommen, vorläufig und anfällig die ganze Schöpfung und mit ihr die Zeit ist, sie ist nach dem biblischen Urteil gut und geht ihrer Vollendung entgegen.

Ein Trost in der Zeit der Corona-Krise? Ja, wenn wir einfach auf Bachs Musik hören und erleben, wie Zeit durch die Klarheit anbrechender Ewigkeit erlöst wird!

Für alle, die sich weiter mit der „Fragwürdigkeit und eigentümlichen Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes“ beschäftigen wollen, um noch einmal Thomas Mann in Erinnerung zu rufen, will ich zum Schluss auf Rüdiger Safranskis anregendes Buch über die Zeit hinweisen, das 2015, also in einer noch nicht durch die gegenwärtige Krise erschütterten Welt erschienen ist mit dem nachdenklich stimmenden Titel: „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“ Bedrängend aktuell wird das Buch an den Stellen, wo der Autor das Beziehungsgeflecht der drei Erscheinungsformen der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – zu anderen, unser Dasein bestimmenden Gestalten der Wirklichkeit bedenkt, zum Beispiel zum Geld. Welche Folgen wird es haben, wenn wir gegenwärtige Probleme dadurch lösen, dass wir uns Geld von der Zukunft borgen? Zeigt sich einmal mehr, dass wir aus der Vergangenheit nichts lernen können, weil sie in Wahrheit gar nicht vergangen ist?

Aber so dicht wollen wir die aktuelle Krise nicht wieder an uns heranlassen. Denn „zeitgemäß“ sollen diese meine Gedanken zur Zeit vor allem dadurch sein, dass sie in den Tagen vor dem Osterfest aufgeschrieben werden, ein Fest, das wir auch in diesem Jahr und besonders in diesem Jahr feiern wollen, vielleicht ganz anders als gewohnt, aber in froher Gelassenheit, denn sie ist gewiss, die Auferstehung, der Aufstand des Lebens!

Christoph Ehricht