Zeitgemäße Gedanken über die Zeit

Wie erleben wir die Zeit in diesem Ausnahmezustand der Corona-Krise?

Meine Frage zielt nicht auf das Erleben der vielen Einschränkungen und die ausgesprochenen und unausgesprochenen Sorgen und Ängste. Je nach den Lebensumständen und dem Lebensalter wird dieses Erleben ohnehin sehr unterschiedlich sein, sehr anders für Menschen in der Quarantäne oder für Berufstätige im Home Office oder für allein erziehende Mütter mit ihren Kindern in einer engen Neubauwohnung oder – wie für mich – für Angehörige der „Risikogruppe“.

Nein, meine Frage zielt auf das Erleben der „Zeit an sich“ in dieser großen Pause, wo alles langsamer und weniger wird und Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. Wo wir spüren, wie brüchig vieles ist, wie dünn das Eis wird, auf dem unsere Zivilisation errichtet ist. Wie lang oder wie kurz, aber jedenfalls bemessen und begrenzt die Zeit ist, die uns bleibt. Darüber möchte ich hier gerne zum Nachdenken und zum Gespräch einladen mit einigen tastenden Gedanken und Empfehlungen.

Zeit. Schade, dass wir in unserer Sprache nur ein Wort für das haben, wofür es noch im antiken Griechenland, der Wurzel unserer Kultur, zwei Worte gab: Kronos und Kairos, eins für den unerbittlich verrinnenden Ablauf der Stunden, Tage und Jahre. Das andere, der Kairos für die erfüllte Zeit, für die Wirklichkeit eines Augenblicks, der kurz oder lang sein kann, aber der mir die Augen öffnet für das, was bleibt und trägt, den ich nicht erinnern, planen oder festhalten kann.

Nebenbei: Wie mag diese Verarmung unserer Sprache zu erklären sein, die wir ja auch an anderen Stellen erleben? Nur das eine Wort „Himmel“ steht uns zur Verfügung, wo das Englische zum Beispiel um den Unterschied zwischen sky und heaven weiß. Nur von „Schnee“ können wir sprechen – von ein paar Derivaten abgesehen -, wo die Inuit dem Vernehmen nach über neunzehn verschiedene Wörter verfügen…

Wie auch immer – wir Deutschen müssen uns mit dem einen Wort Zeit begnügen, um die „Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes“ zu erfassen, wie Thomas Mann im Vorsatz zum „Zauberberg“ schreibt, seinem großen Epos über die Zeit. Hans Castorp, der Held des Romans, erlebt, wie lang „drei Wochen“ sein können und sein Schöpfer lässt ihn immer wieder über die Zeit philosophieren. Vergeht sie schneller, wenn viel passiert? Oder umgekehrt wenn betäubende Langeweile und Eintönigkeit sie bestimmen? So vermutet Hans Castorp: „Wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden.“ Mir geht durch den Sinn, was mir ein Freund antwortete als ich ihn fragte, ob ihm die Zeit auch immer schneller unter den Fingern zerrinnt, je älter er wird. Ja, antwortete er, das ist doch ganz natürlich: wofür du früher 10 Minuten gebraucht hast, dafür musst du im Alter mit mindestens der doppelten Zeit rechnen… Wer hat wohl recht? Oder erleben wir hier das Problem, das der Kirchenvater Augustin, von dem noch die Rede sein wird, im 11. Kapitel seiner „Bekenntnisse“ beschreibt: „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.“

Aber zurück zum Zauberberg. Wir wollen uns das Vergnügen machen – wir haben ja Zeit! – und uns einen Moment auf Hans Castorps Grübeln einlassen und auf sein lautes Nachdenken über die Zeit hören ( und über die Relativitätstheorie seines Zeitgenossen Albert Einstein! ). Thomas Mann komponiert es im Dritten Kapitel des Romans in ein Gespräch mit dem Vetter Joachim, der zur morgendlichen Temperaturmessung das Fiberthermometer im Mund hat:

„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich um. Joachim hob sieben Finger empor. „Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“ Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei: „Ja, wenn man ihr aufpasst, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo man sich hier die sieben Tage der Woche so grässlich um die Ohren schlägt.“ „Du sagst ‚eigentlich’. ‚Eigentlich’ kannst du nicht sagen“, entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung und das Weiße seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht ‚eigentlich’. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Joachim widersprach. „Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und uns alle um.“ „Dann pass auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich misst?“ „Eine Minute ist so lang… sie dauert so lange, wie der Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“ „Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und tatsächlich … ich sage: tatsächlich genommen ist das eine Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist das? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“ „Hör mal“, sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich an hier bei uns?“ „Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit? Willst du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzt du fest. Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können… warte! Um messbar zu sein, müsste sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrieben, dass sie das tut? Für unser Bewusstsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, dass sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal…“

Hier wollen wir die beiden ihrem weiteren Schicksal überlassen, nicht ohne die Empfehlung von mir, sich jetzt doch einmal Zeit für die Lektüre des Zauberbergs zu nehmen. Man braucht für die Lektüre viel davon, von der Zeit. Aber sie wird uns jetzt ja geschenkt. Und das Buch zu lesen lohnt in vieler Hinsicht!

Da wir gerade bei Empfehlungen sind: 1707 hat der junge Johann Sebastian Bach in Mühlhausen eine seiner ersten Kantaten komponiert. Sie ist unter dem ihr nachträglich gegebenen Titel „Actus tragicus“ bekannt und darunter leicht bei YouTube zu finden und nachzuhören. In Wahrheit heißt sie aber nach dem Eingangschor „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.“ Die Kantate beginnt mit einer Sonatina, einem instrumentalen Vorspiel, noch ohne Text, in dem aber bereits der Geist lebendig wird, in dem Bach sich dem Thema Zeit dann zuwendet – in tiefer Ruhe und vollkommener Schönheit.

Musik ist präziser als Sprache, soll Felix Mendelssohn Bartholdy einmal gesagt haben. Ich glaube, das ist eine kluge Erkenntnis. In Bachs Vertonung erschließt sich auf eigentlich unaussprechliche Weise das Wesen der Zeit, die als Gottes Zeit tatsächlich die allerbeste Zeit ist. Denn wie immer wir sie erleben und erfahren – auch die Zeit gehört zu Gottes Schöpfung. Darum hat der Kirchenvater Augustin die Frage unwillig als törichtes Geschwätz zurückgewiesen, was Gott vor der Schöpfung gemacht habe. Eine sinnlose Frage, so antwortet er, denn ein „vor“ konnte es nicht geben, als die Zeit noch nicht erschaffen war. So unvollkommen, vorläufig und anfällig die ganze Schöpfung und mit ihr die Zeit ist, sie ist nach dem biblischen Urteil gut und geht ihrer Vollendung entgegen.

Ein Trost in der Zeit der Corona-Krise? Ja, wenn wir einfach auf Bachs Musik hören und erleben, wie Zeit durch die Klarheit anbrechender Ewigkeit erlöst wird!

Für alle, die sich weiter mit der „Fragwürdigkeit und eigentümlichen Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes“ beschäftigen wollen, um noch einmal Thomas Mann in Erinnerung zu rufen, will ich zum Schluss auf Rüdiger Safranskis anregendes Buch über die Zeit hinweisen, das 2015, also in einer noch nicht durch die gegenwärtige Krise erschütterten Welt erschienen ist mit dem nachdenklich stimmenden Titel: „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“ Bedrängend aktuell wird das Buch an den Stellen, wo der Autor das Beziehungsgeflecht der drei Erscheinungsformen der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – zu anderen, unser Dasein bestimmenden Gestalten der Wirklichkeit bedenkt, zum Beispiel zum Geld. Welche Folgen wird es haben, wenn wir gegenwärtige Probleme dadurch lösen, dass wir uns Geld von der Zukunft borgen? Zeigt sich einmal mehr, dass wir aus der Vergangenheit nichts lernen können, weil sie in Wahrheit gar nicht vergangen ist?

Aber so dicht wollen wir die aktuelle Krise nicht wieder an uns heranlassen. Denn „zeitgemäß“ sollen diese meine Gedanken zur Zeit vor allem dadurch sein, dass sie in den Tagen vor dem Osterfest aufgeschrieben werden, ein Fest, das wir auch in diesem Jahr und besonders in diesem Jahr feiern wollen, vielleicht ganz anders als gewohnt, aber in froher Gelassenheit, denn sie ist gewiss, die Auferstehung, der Aufstand des Lebens!

Christoph Ehricht

2 Gedanken zu “Zeitgemäße Gedanken über die Zeit

  1. Als Kind, so habe ich in Erinnerung, hatte ich noch kein Gefühl für Zeit. Die Heimkehr vom Spielen war bestimmt vom Hunger oder Durst oder der Anweisung meiner Mutter, nach Hause zu kommen, wenn es schummerig wird. Im Herumstromern oder Spielen mit Nachbarskindern und Freunden ist man völlig aufgegangen im Augenblick. Zeitvergessen, wenn wir eine Vorstellung davon gehabt hätten.
    Als Erwachsener muss man sich diesen Zustand mühsam erarbeiten oder wie in dem Gedicht Gedankenspiel, wird man vom Augenblick erfasst, kann gar nicht mit seinem Willen auf ihn einwirken. Der Mensch selbst kann wahrscheinlich nur günstige Voraussetzungen, Leerraum schaffen mit seinem Sinn für Zeit, inne werden, um in sich zu lauschen. Diese Leere kann er füllen, indem er sich von seinen Gedanken führen lässt.
    Meist sehnsüchtig bezeichnet man dann einen solchen Zustand als das Sichverlieren in seinen Gedanken, sich verlieren im Augenblick des Spiels wie einst als Kind. Es gibt die Gelegenheit, Kreativität zu entwickeln. Aus dem Gedachten Fassbares entstehen zu lassen oder Gedanken in Worte zu bannen, zu Papier zu bringen, vielleicht als Werke für die Ewigkeit, was uns wiederum zur Kunst führt.

    „Kairos wird wohl erst im Rückblick dankbar vermerkt – das war eine glückliche Stunde, das war ein gutes Gespräch….Es ist die Gunst des Augenblicks.“ (Hans-Georg Gadamer in einem Gespräch aus dem Jahr 2000)
    Egal, wie die Zeit sich darstellt, welche Methoden wir anwenden, um sie darstellen zu können – verbringt man Minuten oder Stunden seines Lebens mit einem Menschen, den man mag, dessen Erzählen und Inhalten man gern folgt und dem es umgekehrt genauso geht, so würde ich diese Dauer des Zusammenseins dem Kairos zuordnen. Einem Augenblick, den man festhalten möchte, der aber ungewollt schnell vorübergeht. Dazu aus Nietzsches Also sprach Zarathustra: „Jede Lust verlangt Ewigkeit.“ – und verliert sich aber doch im Augenblick.

    Die Frage stellt sich, angesichts der Corona-Krise, ob nicht ein Kairos in ihr ist. Der Mensch wird wieder bescheidener. Jegliche Verschwendung wird eingedämmt. Wichtig ist das Vermerken des Kairos und das Erinnern, womit man letztlich ausgekommen ist und was Erfüllung eines Wunsches bedeutet, nämlich die Freude etwas zu bekommen was rar ist oder lange Zeit nicht verfügbar war. Das ist meistens verbunden mit frohem Erwarten und Geduld. Verschüttete Tugenden treten wieder zutage.
    Solidarität wird vielleicht wieder im Ursprung des Wortes verstanden, echt und fest für den anderen da zu sein, freiwillig.

    Zum Schluss komme ich noch einmal zur Zeit und ihrer eigentümlichen Zwienatur, wie es in Deinem Essay heißt, lieber Christoph. Wie empfinde ich ihr Vergehen? Genauso wie in folgendem Sprichwort aus Schweden:
    Der Tag, vor dem wir uns fürchten, eilt auf uns zu.
    Der Tag, nach dem wir uns sehnen, kriecht heran.

    Ich freue mich über Deine zeitgemäßen Gedanken.

    Bettina

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