Moralplebs oder wir wollen unseren alten Außenminister Genscher wiederhaben

Ein Interview mit Leyla Antaki aus Aleppo, nachzulesen https://csi-schweiz.ch/artikel/frauen-fuer-frauen-kriegsopfer-erhalten-ihre-wuerde-zurueck/ Zugegeben, sie ist Christin und lebt seit 25 Jahren mit einem Arzt immer noch in der seit 2016 wiedervereinten Stadt, ist nicht geflohen und saß auch nicht im Gefängnis. Die Christian International Solidarity gilt als islamkritisch, im Interview wird die Wiedervereinigung Aleppos im Jahre 2016 gar als Befreiung bezeichnet. Doch bei allen Vorbehalten, sie berichtet auch über den Zustand der Stadt drei Jahre danach. Der Großteil der Stadt ist zerstört. 80 Prozent der Bevölkerung sind auf Nahrungshilfe angewiesen. Größere Investitionen bleiben aus, die Einwohner sind verarmt. Andererseits beginnt das Leben im Zentrum der Stadt wieder zu pulsieren. Abends sind die Straßen beleuchtet, der Wiederaufbau von Häusern und Wohnungen hat begonnen, Straßencafes sind wieder offen. Sie selbst hat eine Firma “Heartmade” für Kleidermode mit 10 Mitarbeiterinnen gegründet. Das alles erscheint durchaus glaubhaft. Aber es gibt auch die andere Seite von Syrien. Nach Berichten wird durch die Regierung systematisch Folter eingesetzt. In Syrien herrscht seit 2011 ein Bürgerkrieg, viele große und kleine Mächte bestimmen längst die Lage.

Das politische Leben in Deutschland ist gegenwärtig bestimmt von Erdogans Kapriolen. Er fühlte sich dazu berufen in Syrien zu intervenieren, ist militärisch erheblich in die Klemme geraten und erschreckt deshalb besonders die mit einer Beißhemmung geschlagenen braven Deutschen mit der Drohung eines neuen Flüchtlingsstromes der Millionen. Wenn Idlib fällt, dann befindet sich nicht etwa unser Freund Erdogan in Schwierigkeiten, wir in Europa und Deutschland sollen es sein. Und da sind ja auch noch hunderttausende Afghanen, die sich für die Demokratie in ihrem Land mutig eingesetzt haben, die politisch verfolgt und in großer Not ihre Heimat verlassen werden, weil die umsichtigen USA Afghanistan aufgeben, Deutschland treu und klug im Gefolge.

Die Linke Frau Wagenknecht hat kühl und knapp, wahrlich nicht zur Freude ihrer Genossen, auf die Notwendigkeit von Investitionen in Assads Syrien hingewiesen. Deutschlands Pforten sollten ungeachtet aller Drohungen Erdogans vor dem durch ihn organisierten Flüchtlingsstrom geschlossen bleiben.Wenn Syrien eine Zukunft, wenn es wenigstens eine bescheidene Infrastruktur hat, erst dann haben die Syrer eine Wahl, ob sie Richtung Europa marschieren oder es doch lieber mit den schwierigen Verhältnissen ihrer Heimat aufnehmen, wenn sie nicht gar in der Türkei bleiben wollen.

Ich fabuliere: Frau Merkel bietet Herrn Putin Unterstützung bei der Streichung der für Russland und Syrien bestehenden Sanktionen an, auch wenn das Regime Assad davon profitiert. Deutschland eröffnet wieder seine diplomatische Vertretung in Damaskus. Investitionen fließen nach Syrien, die Infrastruktur wird verbessert. Die ca. 15 Millionen noch im Lande Lebenden sehen für sich eine Perspektive und bleiben im Land.

Eine Reminiszenz:

Am 21.8.1968 besetzte die Sowjetunion Prag und beendete den Prager Frühling. Die westliche Welt war empört und hielt sich tapfer zurück, die Chancen für demokratische Verhältnisse waren in ganz Osteuropa dahin. Das Jahr 1969 wurde der Beginn einer neuen Ostpolitik, Wandel durch Annäherung. Willy Brandt und Egon Bahr verhandeln mit Breshnev, dessen Name mit der Niederschlagung des Prager Frühlings zutiefst verbunden war.

Deshalb sollte die Bundesregierung mit einer mutigen Politik der Vielfalt statt Einfalt im Nahen Osten in memoriam Willy Brandt versuchen, den Menschen in Syrien zu helfen und so konsequent deutsche Interessen wahrnehmen.

Erster Schritt: Ein neuer Außenminister.

Reinhart Zarneckow