„Erinnerungskultur“ im Corona-Jahr 2020

Eigentlich sollte das Gedenken an den 75. Jahrestag des Kriegsendes im Vordergrund des öffentlichen Nachdenkens in diesem Jahr stehen. Nun hält uns alle die Corona-Krise in Atem. Für den Aufruf zum Kampf gegen die Ausbreitung des Virus werden gelegentlich martialische Bilder und dramatische historische Vergleiche benutzt. Wie angemessen das ist, sei einmal dahingestellt. Aber wie auch immer: dass unsere Zivilisation bedroht und anfällig ist, wird uns – ähnlich wie vor einem dreiviertel Jahrhundert – unmissverständlich vor Augen geführt. Im aktuellen Fall vielleicht weniger als in früheren Krisen durch menschliche Schuld, wenn wir von den Folgen einer ungezügelten Globalisierung einmal absehen, die sich jetzt durch viele Probleme bei den Schutzmaßnahmen rächen. Wir gehen auf dünnem Eis.

Wollen wir die „Große Pause“, die uns jetzt verordnet ist, auch zum Nachdenken über Lehren aus der Geschichte nutzen und dabei den 75. Jahrestag nicht aus dem Blick verlieren? Das Stichwort „menschliche Schuld“ ist eben schon gefallen. Von prominenten Rednern ritualisierter Gedenkveranstaltungen hören wir oft gute und einprägsame Formulierungen. Mir ist in diesem Jahr vor allem ein häufig zitierter Satz in Erinnerung geblieben, dessen Quelle ich nicht zurückverfolgen kann: „Wir sind nicht schuld an dem, was geschehen ist. Aber wir werden schuldig, wenn es sich wiederholt.“ Meist bezogen sich die Redner mit diesem Satz auf die Herausforderungen durch neuen Antisemitismus und Rassismus. Die Mahnung sollte aber in gleicher Weise auch für unser Verhältnis zu den europäischen Nachbarn gelten – und besonders für die Beziehungen zu Russland. Aber das wäre ein Thema für sich.

Ich will hier vor allem zum Nachdenken über den alten und neuen Antisemitismus anregen und über die Stärken und Schwächen unserer Erinnerungskultur. Bald wird es keine „Zeitzeugen“ mehr geben. Schon aus diesem Grund ist eine Neuausrichtung nötig. Nüchtern müssen wir uns aber auch eingestehen, dass unsere bisherigen Gedenk-Riten offenbar wenig bewirkt haben. Sie erreichen ein Milieu, dessen Zustimmung ohnehin vorausgesetzt werden kann. Bei anderen ist es vielleicht gerade die Moralisierung des Schuldmotivs, die eher Abwehr hervorruft. Der erste Satz meines schönen Zitats kann hier möglicherweise befreien.

Einer ehrlichen Analyse von Ursachen und Erscheinungsformen des Antisemitismus stehen aber auch nicht selten Denkverbote und Tabuisierungen entgegen, etwa wenn es um den Zusammenhang von politischer Israelkritik und antisemitischen Klischees geht oder um Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft. Ein ostdeutscher christlich-jüdischer Arbeitskreis hat in der Spätphase der DDR öffentlich dazu aufgerufen, dass Politik und Medien differenzierter, glaubwürdiger und sachlicher agieren sollten, wenn es um Juden und um Israel geht. Der offizielle propagandistische Leitsatz, dass Antizionismus Antiimperialismus, aber kein Antisemitismus sei – für die fürchterliche Formulierung kann ich nur um Entschuldigung bitten, sie stammt meines Wissens von Lenin! – war und ist falsch und verlogen. Das hat damals viel Ärger bei den Verantwortlichen in Staat und Partei ausgelöst. Manchmal denke ich, dass ein ähnlicher Aufruf auch heute geboten wäre. Übrigens durchaus auch mit dem Hinweis auf Verlogenheit, wenn ich nur die Diskrepanz zwischen dem wohlfeilen Lippenbekenntnis zum Existenzrecht Israels als Teil der deutschen Staatsräson und dem Abstimmungsverhalten Deutschlands in der UNO erinnern darf…

Der Komponist Arnold Schönberg hat aus dem Exil im Jahr 1938 eine Erklärung zur jüdischen Frage verfasst und verschiedenen Prominenten mit der Bitte um Zustimmung zugeleitet, unter anderem Thomas Mann, daher ist der Vorgang literaturgeschichtlich Interessierten bekannt. Schönbergs Aufruf an die Juden – ich gebe ihn sehr verkürzt wieder – lautete: Hört auf, den Antisemitismus zu bekämpfen. Alle diesbezüglichen Bemühungen sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, so wie man auch Hass, Neid und Eifersucht als Teil der menschlichen Natur nicht bekämpfen kann. Besinnt euch lieber auf eure Stärken (und kämpft für einen eigenen Staat!). Thomas Mann hat zurückhaltend auf diesen Aufruf reagiert und in einem missverständlichen Nebensatz von der Gefahr eines jüdischen Faschismus gesprochen. Ich glaube auch, ein Verzicht auf die Bekämpfung des Antisemitismus kann ernsthaft nicht in Betracht gezogen werden. Aber vielleicht eine Änderung der Blickrichtung? Nicht so fokussiert auf die Opfer, sondern auf die Stärken der jüdischen Traditionen? Um den Verlust deutlich zu machen, der einer Welt ohne Juden droht? Oft wünsche ich mir, dass in den uns bewegenden ethischen Fragen – selbstbestimmtes Sterben, Organtransplantation, Schöpfungsverantwortung der Wachstumsgesellschaft – die Juden viel stärker ihre Stimme laut werden lassen. Und dass sich immer mehr Menschen finden, die auf diese Stimme hören und mit ihr im Gespräch bleiben!

Ob wir dann vorankommen würden auf dem Weg zu einer neuen Erinnerungskultur? Und nicht wieder schuldig werden, 75 Jahre nach Kriegsende? Damit das dünne Eis unserer Zivilisation etwas stabiler wird?

Christoph Ehricht

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