Alles unter dem Himmel

Unbedingt lesen! Zhao Tingyang, Alles unter dem Himmel, Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung, Suhrkamp Wissenschaft, 2020, 266 S.

Es besteht ein merkwürdiger Kontrast zwischen der allseits anerkannten wachsenden Bedeutung Chinas in den internationalen Beziehungen und den defizitären Kenntnissen der deutschen clase discutidora über das, was die Denker im Reich der Mitte zu sagen haben. Um so verdienstvoller ist es, wenn jetzt der Suhrkamp-Verlag Zhaos „Alles unter dem Himmel, Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ in einer deutschen Übersetzung herausgegeben hat. Zhao Tingyang ist Professor an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking. Das Nouveau Magazine Littéraire zählte ihn dieser Tage zu einem der 35 weltweit einflussreichsten Denker.

Zhaos Buch steht ganz im Dienst der Frage nach einer dem aktuellen Stand der Globalisierung entsprechenden Daseinsordnung, einer Ordnung, „welche die Inklusion der Welt realisiert“. Dafür steht der aus der chinesischen Antike entliehene Name Tianxia (Aussprache: Tiänchia). Der gravierende Unterschied zum strategischen Denken des Westen und die damit anvisierte Voraussetzung für allgemeine Sicherheit und Frieden ist, dass die Welt prinzipiell „ohne Außen“ als ein inklusives Geschehen gedacht wird. Politische Leitlinie ist dabei ein antihegemoniales und antiimperialistisches System internationaler Beziehungen! „Das Konzept des Tianxia“, schreibt Zhao, „zielt auf eine Weltordnung, worin die Welt als Ganzes zum Subjekt der Politik wird, auf eine Ordnung der Koexistenz (order of coexistence), welche die ganze Welt als eine politische Entität betrachtet. Die Welt unter dem Aspekt des Tianxia zu begreifen, bedeutet, die Welt als Ganzes zum gedanklichen Ausgangspunkt der Analyse zu machen, um eine der Realität der Globalisierung adäquate politische Ordnung entwerfen zu können. Die vergangene und gegenwärtig fortbestehende Dominierung der Welt durch Imperialmächte beruht auf dem Konzept des Staates und des nationalen Interesses. Diese Mächte hoffen auf den Fortbestand einer vom Imperialismus dominierten Welt und betrachten alles, was sich nicht an deren Aufteilung beteiligt, als zu dominierenden ´Rest der Welt´ (the rest oft the world). Die imperialistische Weltanschauung betrachtet die Welt als Objekt der Unterwerfung, Beherrschung und Ausbeutung und keinesfalls als Subjekt.“

Die Methodologie des Tianxia verzichtet deshalb bewusst auf die polemischen Begriffe des „außenstehenden Fremden“ und des „Feindes“. Denn jede Politik, die Feinde braucht, ist das Gegenteil von dem, was wahre Politik leisten soll, nämlich Feinde in Freunde umzuwandeln. Wie das oben stehende Zitat zeigt, verkennt Zhao Tingyang nicht, dass der Politikansatz der heute maßgeblichen Mächte nicht vom Tianxia, sondern von ausgeklügelten Strategien der Dominanz, der Eindämmung, wirtschaftlichen Sanktionen, Embargos und militärischen Interventionen sowie dem Kampf um kulturelle Hegemonie bestimmt wird. Die große Frage ist nun aber, warum alle diese durch diverse Denkfabriken gestützten Politiken, die stets auf einen Kampf bis zum bitteren Ende hinauslaufen, keinen einzigen der großen Konflikte dieser Welt lösen können – weder den zwischen Israelis und Palästinensern, gar nicht zu reden von den blutigen Schlächtereien im Mittleren Osten, der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen oder die sich gefährlich hochschaukelnde Rivalität zwischen den USA und China? Mag die eine Partei zeitweilig auch die Oberhand gewinnen, so führen strategische Nachahmung oder Gegenschläge der anderen Seite zu Niederlagen, wenn man gerade noch sicher war, den Sieg bereits vor Augen zu haben (die Ereignisse im Irak, Syrien oder Afghanistan liefern diesbezüglich aktuelles Anschauungsmaterial). Um festzustellen, ob eine Strategie auf Dauer tragfähig ist, „gibt es nur ein objektives Kriterium: Wenn eine Strategie bei allgemeiner Nachahmung keine Revanchereaktionen produziert, ist sie eine positive Strategie, von der alle profitieren. Mit anderen Worten, wenn eine allgemein nachgeahmte Strategie nicht auf den Spieler zurückschlägt, also den Nachahmungstest bestanden hat, dann ist sie eine gute Strategie.“

Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle an Kants kategorischen Imperativ denken, den Zhao Tingyang hier auf die Ebene der internationalen Beziehungen transponiert. Zhao hat offensichtlich eine Vorliebe für die klassischen deutschen Rechtsdenker. Sein Buch kann ohne weiteres als chinesische Fortführung von Immanuel Kants Schrift „Zum Ewigen Frieden“ gelesen werden. Als Meta-Konzept, welches alles Lebendige, soweit es kompatibel ist, gewähren und fortleben lassen will, könnte die Neudefinierung des Politischen durch das Tianxia jedenfalls geeignet sein, die kollektive Ratlosigkeit und Blockade im Hinblick auf die internationalen Konflikte aufzubrechen.

William A. Callahan hat den bösen Verdacht geäußert, hinter dem Tianxia-System stecke womöglich eine Pax Sinica. Ein solcher Verdacht ist denunziatorisch, denn das heutige China ist ein souveräner Staat wie die USA und eben kein Tianxia, worauf Zhao Tingyang ausdrücklich zur Vermeidung von Irrtümern hinweist. Ob die „Belt and Road Initiative“ des chinesischen Staates, auf die in diesem Zusammenhang gerne angespielt wird, Zhaos Philosophie des „kompatiblen Universalismus“ entspricht, wird sich zeigen. Eine grobschlächtige China-first-Strategie ist sie vermutlich eher nicht.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass die Philosophie des Tianxia tief in der chinesischen Kulturgeschichte verwurzelt ist und sich nicht zuletzt auf Weisheitslehrer wie Konfuzius und Laozi beruft, worauf in dieser Besprechung leider nicht eingegangen werden konnte. Da gibt es manches zu entdecken, was uns helfen kann, die fatalen Verkürzungen der westlichen Weltsicht zu relativieren. Wenn es stimmen sollte, was in letzter Zeit von zunehmend mehr Historikern behauptet wird, dass wir bereits in das asiatische Zeitalter eingetreten sind, könnte ein solcher Versuch kaum schaden.

Rolf Henrich

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