Zeitgemäße Gedanken über die Zeit

Wie erleben wir die Zeit in diesem Ausnahmezustand der Corona-Krise?

Meine Frage zielt nicht auf das Erleben der vielen Einschränkungen und die ausgesprochenen und unausgesprochenen Sorgen und Ängste. Je nach den Lebensumständen und dem Lebensalter wird dieses Erleben ohnehin sehr unterschiedlich sein, sehr anders für Menschen in der Quarantäne oder für Berufstätige im Home Office oder für allein erziehende Mütter mit ihren Kindern in einer engen Neubauwohnung oder – wie für mich – für Angehörige der „Risikogruppe“.

Nein, meine Frage zielt auf das Erleben der „Zeit an sich“ in dieser großen Pause, wo alles langsamer und weniger wird und Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. Wo wir spüren, wie brüchig vieles ist, wie dünn das Eis wird, auf dem unsere Zivilisation errichtet ist. Wie lang oder wie kurz, aber jedenfalls bemessen und begrenzt die Zeit ist, die uns bleibt. Darüber möchte ich hier gerne zum Nachdenken und zum Gespräch einladen mit einigen tastenden Gedanken und Empfehlungen.

Zeit. Schade, dass wir in unserer Sprache nur ein Wort für das haben, wofür es noch im antiken Griechenland, der Wurzel unserer Kultur, zwei Worte gab: Kronos und Kairos, eins für den unerbittlich verrinnenden Ablauf der Stunden, Tage und Jahre. Das andere, der Kairos für die erfüllte Zeit, für die Wirklichkeit eines Augenblicks, der kurz oder lang sein kann, aber der mir die Augen öffnet für das, was bleibt und trägt, den ich nicht erinnern, planen oder festhalten kann.

Nebenbei: Wie mag diese Verarmung unserer Sprache zu erklären sein, die wir ja auch an anderen Stellen erleben? Nur das eine Wort „Himmel“ steht uns zur Verfügung, wo das Englische zum Beispiel um den Unterschied zwischen sky und heaven weiß. Nur von „Schnee“ können wir sprechen – von ein paar Derivaten abgesehen -, wo die Inuit dem Vernehmen nach über neunzehn verschiedene Wörter verfügen…

Wie auch immer – wir Deutschen müssen uns mit dem einen Wort Zeit begnügen, um die „Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes“ zu erfassen, wie Thomas Mann im Vorsatz zum „Zauberberg“ schreibt, seinem großen Epos über die Zeit. Hans Castorp, der Held des Romans, erlebt, wie lang „drei Wochen“ sein können und sein Schöpfer lässt ihn immer wieder über die Zeit philosophieren. Vergeht sie schneller, wenn viel passiert? Oder umgekehrt wenn betäubende Langeweile und Eintönigkeit sie bestimmen? So vermutet Hans Castorp: „Wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden.“ Mir geht durch den Sinn, was mir ein Freund antwortete als ich ihn fragte, ob ihm die Zeit auch immer schneller unter den Fingern zerrinnt, je älter er wird. Ja, antwortete er, das ist doch ganz natürlich: wofür du früher 10 Minuten gebraucht hast, dafür musst du im Alter mit mindestens der doppelten Zeit rechnen… Wer hat wohl recht? Oder erleben wir hier das Problem, das der Kirchenvater Augustin, von dem noch die Rede sein wird, im 11. Kapitel seiner „Bekenntnisse“ beschreibt: „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.“

Aber zurück zum Zauberberg. Wir wollen uns das Vergnügen machen – wir haben ja Zeit! – und uns einen Moment auf Hans Castorps Grübeln einlassen und auf sein lautes Nachdenken über die Zeit hören ( und über die Relativitätstheorie seines Zeitgenossen Albert Einstein! ). Thomas Mann komponiert es im Dritten Kapitel des Romans in ein Gespräch mit dem Vetter Joachim, der zur morgendlichen Temperaturmessung das Fiberthermometer im Mund hat:

„Aber wie lange dauert denn das?“ fragte Hans Castorp und wandte sich um. Joachim hob sieben Finger empor. „Die müssen doch um sein – sieben Minuten!“ Joachim schüttelte den Kopf. Etwas später nahm er das Thermometer aus dem Mund, betrachtete es und sagte dabei: „Ja, wenn man ihr aufpasst, der Zeit, dann vergeht sie sehr langsam. Ich habe das Messen, viermal am Tage, ordentlich gern, weil man doch dabei merkt, was das eigentlich ist: eine Minute oder gar ganze sieben, – wo man sich hier die sieben Tage der Woche so grässlich um die Ohren schlägt.“ „Du sagst ‚eigentlich’. ‚Eigentlich’ kannst du nicht sagen“, entgegnete Hans Castorp. Er saß mit einem Schenkel auf der Brüstung und das Weiße seiner Augen war rot geädert. „Die Zeit ist doch überhaupt nicht ‚eigentlich’. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.“ Joachim widersprach. „Wieso denn. Nein. Wir messen sie doch. Wir haben doch Uhren und Kalender, und wenn ein Monat um ist, dann ist er für dich und mich und uns alle um.“ „Dann pass auf“, sagte Hans Castorp und hielt sogar den Zeigefinger neben seine trüben Augen. „Eine Minute ist also so lang, wie sie dir vorkommt, wenn du dich misst?“ „Eine Minute ist so lang… sie dauert so lange, wie der Sekundenzeiger braucht, um seinen Kreis zu beschreiben.“ „Aber er braucht ja ganz verschieden lange – für unser Gefühl! Und tatsächlich … ich sage: tatsächlich genommen ist das eine Bewegung, eine räumliche Bewegung, nicht wahr? Halt, warte! Wir messen also die Zeit mit dem Raume. Aber das ist doch ebenso, als wollten wir den Raum an der Zeit messen, – was doch nur ganz unwissenschaftliche Leute tun. Von Hamburg nach Davos sind zwanzig Stunden – ja, mit der Eisenbahn. Aber zu Fuß, wie lange ist das? Und in Gedanken? Keine Sekunde!“ „Hör mal“, sagte Joachim, „was hast du denn? Ich glaube, es greift dich an hier bei uns?“ „Sei still! Ich bin sehr scharf im Kopf heute. Was ist denn die Zeit? Willst du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzt du fest. Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können… warte! Um messbar zu sein, müsste sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrieben, dass sie das tut? Für unser Bewusstsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, dass sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal…“

Hier wollen wir die beiden ihrem weiteren Schicksal überlassen, nicht ohne die Empfehlung von mir, sich jetzt doch einmal Zeit für die Lektüre des Zauberbergs zu nehmen. Man braucht für die Lektüre viel davon, von der Zeit. Aber sie wird uns jetzt ja geschenkt. Und das Buch zu lesen lohnt in vieler Hinsicht!

Da wir gerade bei Empfehlungen sind: 1707 hat der junge Johann Sebastian Bach in Mühlhausen eine seiner ersten Kantaten komponiert. Sie ist unter dem ihr nachträglich gegebenen Titel „Actus tragicus“ bekannt und darunter leicht bei YouTube zu finden und nachzuhören. In Wahrheit heißt sie aber nach dem Eingangschor „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.“ Die Kantate beginnt mit einer Sonatina, einem instrumentalen Vorspiel, noch ohne Text, in dem aber bereits der Geist lebendig wird, in dem Bach sich dem Thema Zeit dann zuwendet – in tiefer Ruhe und vollkommener Schönheit.

Musik ist präziser als Sprache, soll Felix Mendelssohn Bartholdy einmal gesagt haben. Ich glaube, das ist eine kluge Erkenntnis. In Bachs Vertonung erschließt sich auf eigentlich unaussprechliche Weise das Wesen der Zeit, die als Gottes Zeit tatsächlich die allerbeste Zeit ist. Denn wie immer wir sie erleben und erfahren – auch die Zeit gehört zu Gottes Schöpfung. Darum hat der Kirchenvater Augustin die Frage unwillig als törichtes Geschwätz zurückgewiesen, was Gott vor der Schöpfung gemacht habe. Eine sinnlose Frage, so antwortet er, denn ein „vor“ konnte es nicht geben, als die Zeit noch nicht erschaffen war. So unvollkommen, vorläufig und anfällig die ganze Schöpfung und mit ihr die Zeit ist, sie ist nach dem biblischen Urteil gut und geht ihrer Vollendung entgegen.

Ein Trost in der Zeit der Corona-Krise? Ja, wenn wir einfach auf Bachs Musik hören und erleben, wie Zeit durch die Klarheit anbrechender Ewigkeit erlöst wird!

Für alle, die sich weiter mit der „Fragwürdigkeit und eigentümlichen Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes“ beschäftigen wollen, um noch einmal Thomas Mann in Erinnerung zu rufen, will ich zum Schluss auf Rüdiger Safranskis anregendes Buch über die Zeit hinweisen, das 2015, also in einer noch nicht durch die gegenwärtige Krise erschütterten Welt erschienen ist mit dem nachdenklich stimmenden Titel: „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“ Bedrängend aktuell wird das Buch an den Stellen, wo der Autor das Beziehungsgeflecht der drei Erscheinungsformen der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – zu anderen, unser Dasein bestimmenden Gestalten der Wirklichkeit bedenkt, zum Beispiel zum Geld. Welche Folgen wird es haben, wenn wir gegenwärtige Probleme dadurch lösen, dass wir uns Geld von der Zukunft borgen? Zeigt sich einmal mehr, dass wir aus der Vergangenheit nichts lernen können, weil sie in Wahrheit gar nicht vergangen ist?

Aber so dicht wollen wir die aktuelle Krise nicht wieder an uns heranlassen. Denn „zeitgemäß“ sollen diese meine Gedanken zur Zeit vor allem dadurch sein, dass sie in den Tagen vor dem Osterfest aufgeschrieben werden, ein Fest, das wir auch in diesem Jahr und besonders in diesem Jahr feiern wollen, vielleicht ganz anders als gewohnt, aber in froher Gelassenheit, denn sie ist gewiss, die Auferstehung, der Aufstand des Lebens!

Christoph Ehricht

Ein Stückchen von einer Billion Euro


Seit wenigen Wochen geistern neben pandemischen Daten, die mich fassungslos auf Bildschirme starren lassen, gigantische Zahlen durch den Äther der privaten und öffentlichen Rundfunkanstalten. Eine Vorstellung davon hat kaum jemand, was es bedeutet, wenn unser verschmitzt lächelnder Finanzminister Olaf Scholz von der Bazooka
spricht, die er herausholen wird, um mit dieser Waffe fast eine Billion Euro als Schutzschirm über unsere kleinen preußischen und großen bayrischen Wirtschaften „abzuschießen“. Also wird nicht, wie sonst bei der SPD so
üblich, mit einer, in freundlich blühenden Vorgärten gebräuchlichen verzinkten Gießkanne Geld ausgegossen, sondern es wird die Bazooka herausgeholt. Nur zur Sicherheit, es handelt sich um eine deutsche Billion, nicht um die amerikanische Billion. Eine Billion Euro! Was bedeutet eine Billion Euro? Wie viel ist das? Es ist das Millionenfache einer Million oder das Tausendfache einer Milliarde. Es handelt sich um eine eins mit zwölf Nullen
– „eins nullnullnull nullnullnull nullnullnull nullnullnull Euro“. Das muss ich erst einmal sacken lassen.
Jemand aus der Familie telefonierte neulich mit einem Kunden, der seine Termine für die kommende Zeit absagen wollte. Der ausgesprochen redselige Kunde, ein Kleinstunternehmer, erklärte, wie überrascht er war,
dass er, obwohl über keinerlei Internetzugang, Email oder Smartphone verfügend, es schaffte, einen papiernen Antrag per Telefon anzufordern, um ein Stückchen von besagter Bazooka-Billion auf dem Postweg zu beantragen, zwar mit etlichen telefonischen Umwegen über München, zurückgeleitet zum Rathaus im eigenen nördlichen Städtchen, aber erfolgreich. Per Post wurden ihm die Anträge zugestellt.
Ich muss sagen, solange die Post noch funktioniert, bin ich ganz ruhig.
Der Kunde hatte natürlich angenommen, dass man die kleinsten Leute der noch kleineren nordöstlichen mecklenburgischen Wirtschaften in dieser Zeit vollkommen vergessen würde, um eher die großen südwestlichen,
durchaus geschätzten bayrischen Wirtschaften monetär zu versorgen. Als der Kunde feststellte, er könne neuntausend Euro beantragen, da erschien ihm diese Summe einfach als unverschämt zu viel. Man müsse doch heutzutage auf dem Teppich bleiben. Er beantragte dreitausend Euro. Dieses Geld soll für drei Monate ausreichen. Es handelt sich also bei diesem beantragten Stückchen von der Bazooka-Billion um etwa „null
Komma nullnullnull nullnullnull drei Prozent“.
Meine sehr reale Vorstellung von leicht „verschwendbaren“ dreitausend Euro hilft mir leider überhaupt nicht, um der Vorstellung von einer Billion Euro näher zu kommen. Aber es gibt Abhilfe.
Fasziniert las ich als Schüler der achten Klasse ein Buch aus dem sozialistischen Atomzeitalter der fünfziger Jahre, „Gigant Atom“ von Karl Böhm und Rolf Dörge, das mir mein Chemielehrer in die Hand drückte.
Natürlich ging es dort um die einzigartigen Entdeckungen von Becquerel und Curie, um die geheimnisvolle Radioaktivität, die Entwicklung der Atombombe, um das erste Kernkraftwerk in Obninsk mit dem Reaktor AM-1 („атом мирный“ – „friedliches Atom“), schlanke kernkraftangetriebene Flugzeuge und Unterwasserseeboote, aber auch um die Karikatur, die einen kleinen Hund zeigt, der ein strahlendes Brikett im Maule trägt, welches er fröhlich durch die Stadt Bukarest schleppt, von einem Schutzmann und einer Menge Bürger verfolgt, mit der Unterschrift: „Haltet ihn! Er trägt den gesamten Brennstoffvorrat für dieses Jahr im Maul!“
Dieses sozialistische Atomzeitalter ist längst dem Zeitalter der Fassungslosigkeit gewichen und fast alle seine Zukunftsvisionen sind Geschichte. Aber dieses Buch bietet mir jetzt die eindrucksvolle Erklärung, was man sich unter einer Billion Euro vorzustellen hat, denn es arbeitet bei der Beschreibung von Größen in atomaren Bereichen, die naturgemäß unvorstellbar klein sind, mit folgender Vorstellung, die ich für die Scholzsche Bazooka-Billion etwas anpasse:
Man nehme an, man solle eine Billion Euro durchzählen. Pro Euro hat man eine Sekunde Zeit. Dann rechne man nach (überschlägig natürlich, denn so eine Scholzsche Bazooka-Billion ist kein chirurgisches Instrument, sondern
ein Breitschwert) wie viel Zeit man für das Durchzählen einer Billion Euro braucht.
Für eine Million Euro, also eine Million Sekunden, braucht man demnach etwa drei Wochen, für eine Milliarde Euro schon dreitausend Jahre. Für eine Billion Euro braucht man sage und schreibe dreißigtausend Jahre, um
jeden einzelnen Euro abzuzählen.
Die Bazooka unseres Finanzminister Scholz betrug tatsächlich laut oberflächlicher Recherche anfänglich NUR eine halbe Billion Euro, aber das ist letztlich völlig egal, mittlerweile wird, ich bin fassungslos, UNBEGRENZT Kredit gewährt. Zumindest kann ich mir jetzt vorstellen, was es bedeutet, dass sich ein Land einen Sozialhaushalt von knapp einer Billion Euro leistet.

Wie wird dieser Sozialhaushalt in Zukunft aussehen?
Die einzige Frage, die mich ein wenig quält – wie lange kommt der redselige Kleinstunternehmer mit dreitausend Euro tatsächlich aus? Er hat sich jedenfalls gefreut und kommt damit ein Stückchen weiter.


Mona Modus 30/März/2020


PS: Ich hoffe, ich habe mich jetzt nicht verrechnet, denn ich leide unter einer gewissen Zahlenschwäche. Daher lehne ich jede juristische Verwertung dieser Spielereien von vornherein ab.

Lieblicher Duft

Dein Herz sehnt sich nach der Natur,
Du willst die Sonne spüren.
Du streifst verträumt durch Wald und Flur,
und lässt vom Duft dich führen.
Dein Sinn erfasste einen Hauch,
fühlst Kindheit in dir steigen.
Und in Erinnerung getaucht,
lässt du dich suchend treiben.
Was ists, das innerlich dich wärmt,
woher die süße Brise?
Was ists, wovon die Seele schwärmt?
Liegts hinter dieser Wiese?
Ein Blumenteppich lockt von dort,
könnt Quell des Duftes sein.
Ein Busch blüht gelb an jenem Ort,
einzig dein Sinn sagt nein.
Der Sprosser singt sein Lied dir lieb,
aus Baumes weißer Krone.
Der Überfluss hier Blüten trieb,
darin der Duft wohl wohne.
Der Odem dieser Blütenpracht
zieht sanft dir ins Gemüt.
Hat ferne Bilder dir gebracht,
die Seele nun erblüht.
Die Schlehe wars, ein stolzer Baum,
wonach dein Geist heut sinnte.
Streifst morgen du hinaus ins Blau
kanns sein die Hyazinthe.

Bettina Zarneckow
Görschberg Lebus

Zeit zum Umdenken?

Auf meinem Smartphone habe ich die News von Focus.de abonniert. Ehrlich gesagt, lese ich meist nur die Überschriften. Am 23.3. hat mich eine davon aber erwartungsvoll gestimmt: „Propaganda wie im Kalten Krieg.“ Auch der Nachsatz hat meinen Optimismus noch nicht völlig erlöschen lassen. „EU wirft Russland gezielte Corona-Desinformation vor.“ Ob der Artikel vielleicht doch durch selbstkritisches Nachdenken zum Umdenken anregen würde? Ob der Propagandavorwurf an die eigene Adresse gerichtet sein köpnnte?

Meine Hoffnung wurde dann doch enttäuscht. Der Text stammt von der Deutschen Welle, die sich ihrerseits auf die Mitteilung einer Task Force „Strategische Kommunikation“ des Europäischen Auswärtigen Dienstes bezieht. Dort wird wenig konkret und eher allgemein geschildert, dass in russischen Internetportalen und Medien die verschiedensten Spekulationen über die Ursachen der Corona-Pandemie und Verschwörungstheorien zu lesen sind, natürlich von „Moskau“ gesteuert mit dem Ziel, Uneinigkeit und Verwirrung im Westen zu erzeugen. Sehr ausführlich wird dann beschrieben, dass und wie dieses Vorgehen in der langen Tradition gezielter sowjetischer Desinformation aus der Zeit des Kalten Krieges steht.

Ich will hier gar nicht polemisieren, sondern einfach feststellen: Schade.

Ich denke, auch der Deutschen Welle würde es gut anstehen nicht zu vergessen, dass der Kalte Krieg keineswegs nur von der Sowjetunion geführt wurde. Vor allem aber denke ich, dass die tiefe Krise, in die wir nun gestürzt sind, zu einem wirklichen Umdenken führen muss. Dass Spekulationen und Verschwörungsmythen dabei nicht helfen, ist völlig unstrittig. Dabei ist es belanglos, aus welcher Himmelsrichtung sie kommen. Dass dauernde Anklagen in Richtung „Moskau“ aber auch nicht helfen, sollte ebenso selbstverständlich sein. Auch in nichtrussischen Sozialen Medien herrscht schließlich kein Mangel an „Fake News“.

Kluge Beobachter der Zeit sagen zu Recht: Auch wenn die Corona-Krise einmal überstanden sein sollte, es wird nichts mehr so sein wie vorher. Sollten wir uns darauf nicht einstellen und von manchen liebgewordenen hohen Rössern absteigen?

Umdenken ist angesagt. Es muss damit beginnen, selbstkritisch mit den eigenen Positionierungen und den sie leitenden Interessen umzugehen. Vor zwei Tagen war noch zu lesen, dass Putin die Gesundheit der Russen egal ist, weil er an dem Termin seines Verfassungsreferendums festhält. Einen Tag später kam dann die Nachricht über die Verschiebung. Dafür wurden schnell die Hilfen Russlands für Italien als gigantische Propagandaaktion „Moskaus“ gedeutet. Ich fürchte, ich könnte die Aufzählung ohne Mühe fortsetzen und auf andere Themenfelder und Krisengebiete ausweiten, über die wir gar nicht oder nur tendenziös informiert werden. Ist z.B. nur „Moskau“ schuld daran, dass es mit der Umsetzung des Minsker Abkommens nicht vorangeht? Was hat es mit dem ukrainischen Gesetz zur Verehrung von Stepan Bandera als Nationalheld auf sich? Mit dem Kampf gegen die russische Sprache in der Ukraine und im Baltikum?

Aber wie gesagt: ich will nicht polemisieren. Dafür ist die Lage zu ernst. Mein russischer Freund, sicher kein besonders religiöser Mensch, fragte mich: Versteht ihr Christen die Corona-Krise eigentlich als Strafe Gottes? Ich jedenfalls nicht, antwortete ich ihm. Keine Strafe, aber gewiss eine Prüfung, die wir bestehen oder nicht bestehen können.

Christoph Ehricht

Noch einmal Corona und die Folgen

Die Forderung der Anordnung zum Tragen einer Gesichtsmaske zum gegenseitigen Schutz ist noch nicht vom Tisch. Angesichts rigider Einschränkungen von Grundrechten sollte doch etwas gefordert werden dürfen, was jeder ohne großen persönlichen Aufwand praktizieren kann. Oder geht es um eine neue Verfassung und gar nicht um die Beendigung einer Katastrophe? Die gegenwärtigen Isolierungsmaßnahmen können auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden. Denn die Wirtschaft muss möglichst noch gestern wieder wachsen, blühen und gedeihen. Die bisherigen Ausgangsbeschränkungen verlangsamen die Infizierung und verzögern die anzustrebende Herdenimmunität. Sie müssen deshalb in wenigen Wochen aus sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen reduziert werden. Dann muss aber ins Kalkül aufgenommen werden, dass wenige Monate nach einer Reduzierung der Beschränkungen der Auflagen die Zahl der Infektionen wieder rasant steigen könnte. Die Verfassungsrechtlerin Gertrude Lübbe-Wolff weist in der heutigen FAZ darauf hin, dass bei einer vorübergehenden Vertagung der Katastrophe die rigiden Einschränkungen von Grundrechten wie Kontaktverbote nicht mehr verhältnismäßig sind. Die ehemalige Richterin beim BVG fordert zurecht ein Zusammenspiel von aktuellen Beschränkungen mit Maßnahmen für die weitere Zukunft. Zur Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems könnte/sollte z.B. unterschieden werden zwischen Risikogruppen, zu denen überwiegend Ruheständler sowie Vorerkrankte gehören und Menschen, deren Arbeitskraft dringend gebraucht wird. Für Ruheständler und Menschen mit Vorerkrankungen sind strengere Einschränkungen dann verhältnismäßig, wenn schlimmeres verhindert wird-eine Überlastung des Gesundheitssystem, bei dem in Italien verstörte und überlastete Ärzte entscheiden müssen, welcher Patient das Atemgerät erhält. Wir sollten deshalb ins Auge fassen, dass z.B. streng getrennte Einkaufszeiten festgelegt werden, bei denen Risikogruppen separat nur zu bestimmten Zeiten einkaufen dürfen. So könnten ohne Gefährdung von Risikogruppen noch vor Entwicklung eines Impfstoffes der Prozess der Durchinfizierung verbunden mit der Bildung einer Herdenimmunität fortgesetzt und Verhältnisse wie derzeit von Ärzten in Italien laut beklagt, vermieden werden.

Im übrigen meine ich, wir benötigen zuallererst einen einfachen von jedermann herstellbaren und zu tragenden Mundschutz.

R. Zarneckow

Tui-Binsen II

Ob die Zeit der Corona-Krise später mal als „gute alte Zeit“ angesehen wird? Immerhin dürfen wir ja nun solidarisch sein wie zuletzt im WK2.

Küssen Sie nicht in überfüllten und schlecht durchlüfteten Räumen!

Allein die Staatskunst kann es sich erlauben, Hauptrollen mit miserablen Schauspielern zu besetzen.

Gehört zu den Produktionsmitteln einer Talkshow eigentlich auch das Gehirn?

Deutsche Vergangenheit: Ein kostbarer Acker, durch dessen schlaue Bewirtschaftung man moralisch reich werden kann.

Sobald ein Deutscher heutzutage über eine wichtige Sache spricht (Holocaust, Klimawandel, Genderismus), denkt er zuerst nicht an die Sache selbst, sondern daran, wie er das, was er sagen will, politisch opportun ausdrücken kann.

Um die Folgen der „Willkommenskultur“ zu ertragen, muss man zynisch oder naiv sein.

Eckhart Wolf

Coronaviren, Demokratie, Atemschutz – es könnte so einfach sein

“Atemschutz selber machen” von Bettina Zarneckow ist der einsame Renner unseres Blogs.

Jedermann weiß inzwischen, dass die Coronaviren nicht durch die Luft fliegen sondern als Tropfen Infektion über Nase oder Mund auf den Gegenüber übertragen werden. Die vielen Viren sich also in den winzigen Tropfen befinden können, die beim Atmen, Husten oder Räuspern ausgestoßen werden. Ein Mundschutz verhindert, daß Mund oder Nase angefasst werden. Und der Mundschutz aus einem Nylonstrumpf verhindert zu etwa 90% die Verbreitung der winzigen Tropfen. In China ist es seit jeher ein Akt der Höflichkeit , als Kranker einen Mundschutz zu tragen, um andere nicht anzustecken oder auch nur zu belästigen. In der FAZ wurde am 20.3.20 das Bild einer chinesischen Schulklasse gezeigt. Alle Schüler und Lehrer tragen einen Mundschutz.In Tschechien wurde das Tragen eines Mundschutzes angeordnet.Der Marburger Bund – quasi die Gewerkschaft der Ärzteschaft – hat ebenfalls die Anordnung des Mundschutzes angeregt.

Prof. Robert Wieler wurde bei einer Pressekonferenz unter Hinweis auf die Anregung des Marburger Bundes gefragt, warum das Robert Koch Institut nicht die Anordnung des Tragens eines Mundschutzes bei der Bundesregierung angeregt hat. Er verwies darauf, dass durch den “ normalen”Mundschutz der Träger kaum geschützt wird. Mit dem Tragen des Mundschutzes sollen sich die Menschen gegenseitig vor den Coronaviren schützen!

Mit Zivilcourage gerade nicht gesegnet würde ich in Deutschland öffentlich einen Mundschutz nicht tragen, weil das zu viel Spekulationen – warum, ist der krank, warum bleibt er nicht zu Hause – ermöglichen würde.Und vermutlich gilt das für viele. Deshalb ist eine Anordnung zum Tragen des Mundschutzes von der mit Einschränkung unserer Grundrechte wahrlich nicht kleinlich umgehenden Regierung notwendig.

Und nun begebe ich mich noch in eine Theorie und hoffe inständig, dass nicht das Wort Verschwörung hinzugefügt wird. In der heutigen Ausgabe der FAZ weist Joachim Müller-Jung auf die Strategien zur Bekämpfung der Pandemie: Verlangsamung oder Eindämmung.

Der Verlangsamung liegt die Prognose zugrunde,, man müsse die Kurve abflachen”. Es würden sich zwar nicht weniger Personen durch die angeordneten Schutzmaßnahmen infizieren.Dafür wird aber die Verbreitung der Viren über einen langen Zeitraum gestreckt, jeder kann so bei Infizierung die Vorzüge des nicht überforderten Gesundheitswesens nutzen. Mir scheint das die vom Robert Koch Institut der Bundesregierung nahegelegte Variante zu sein. Vielleicht unterstützt die Bundesanstalt aber auch nur aus Überzeugung die Politik der Verlangsamung der Pandemie.

Die Eindämmung will die Verbreitung der Viren stoppen, so dass sich niemand mehr ansteckt. Bei streng logischer Betrachtung spricht aus der Sicht insbesondere der derzeit weggesperrten Alten einiges für die Eindämmung.

Bei der Verlangsamung kommt es offensichtlich nur darauf an, dass der Zeitraum für die Erkrankungen gestreckt wird, im Ergebnis sollen 60 bis 70% der Menschen durch ihre Erkrankung immun werden. Auch die Alten ? Oder bleiben diese lieber gesund, weil sie sonst Kandidaten für eine selbstverständlich konzertierte Aktion nach wohin auch immer sind. Hier wünsche ich dringend den mich überzeugenden Widerspruch eines Experten oder eine Beruhigungsspritze.

Die Eindämmung ermöglicht Hoffnung. Unsere Autobauer,nein unsere gesamte Wirtschaft vom Friseur bis zu den Alten werden die nächsten Jahre nicht isoliert oder auf Abstand oder “im stillen Kämmerchen” verbringen können.Die Ostdeutschen haben noch in genauer Erinnerung, was es bedeutet, für Waren anstehen zu müssen. In wenigen Wochen und nicht erst im nächsten Jahr muss unsere Wirtschaft wieder anspringen. Der Staat kann Geld drucken, leider aber keine Waren und Dienstleistungen produzieren, dieser Irrtum unterlief schon der SED. Und dann noch ein Wort zum Präsidenten von Frankreich Macron, aus nationalem deutschen Interesse übergehe ich einen sensiblen anderen Präsidenten. Frankreich befindet sich im Krieg gegen einen unsichtbaren Gegner, heißt es bei ihm. Krieg bedeutet Kriegswirtschaft und ist der Vater der Planwirtschaft. Und da bin ich schon bei der gescheiterten Diktatur des Proletariats und fordere Vergangenheitsbewältigung. Die Bundeskanzlerin hat wohlweislich andere Worte benutzt.

Und deshalb, liebe Frau Bundeskanzlerin, liebe Mitbürger, lasst es uns doch vor allen martialischen Entscheidungen zur Eindämmung von Grundrechten mit dem demokratischen Mundschutz für alle versuchen, der uns die Wiederaufnahme unseres gewohnten Lebens ermöglichen wird. Und nicht zu vergessen auch unserem sehr leise gewordenen Verfassungsschutz, der sich hoffentlich bisher zu nichts hat hinreißen lassen und beim Flügel geblieben ist, aus der Bredouille hilft. Natürlich ist mir die Sache mit dem Mundschutz etwas peinlich – bin ich richtig, so einfach kann die Lösung doch nicht sein? Und dann noch das ganze drumherum meiner Überlegungen.Aber ich kann leider nicht anders und bitte alle um Nachsicht.Und ein bisschen lustig, nennen wir es Galgenhumor, finde ich es auch.

Fazit: Ich weiß jetzt, was eine fixe Idee ist. Und ich schätze die Arbeit unserer Regierung – wir ergänzen uns.

Reinhart Zarneckow

Atemschutzmaske selber machen:

Man nehme eine Nylonstrumpfhose, Mull o.ä. Material. Zuerst schneiden Sie ein Bein der Strumpfhose ab. Dann schneiden Sie Mull zurecht und zwar so, dass die Lage Mull in einem Stück Ihren Mund und Ihre Nase gut überdeckt. Dieser Mull wird dann in die Mitte des abgeschnittenen Beines der Strumpfhose geschoben. Er dient als Filter. Ihre Atemschutzmaske ist nun einsatzbereit. Den Filter vor Mund und Nase legen und die beiden Enden des Strumpfes am Hinterkopf verknoten.

Woher ich diese Anleitung habe? ZV Unterricht 9. und 10. Klasse in der Franz-Mehring POS (18.) in Frankfurt (Oder) und anderen Schulen der DDR. Not macht erfinderisch, obwohl natürlich auch Nylonstrümpfe Mangelware gewesen sind. Deshalb wurde auch jede Strumpfhose die eine Laufmasche hatte zum Repassieren gebracht.

Sollten wir in Zeiten der Ansteckung nicht alle eine Atemschutzmaske tragen? Sie ist kein Rundumschutz und keine Garantie, kostet aber nicht viel und verringert das Risiko. Basteln wir sie selbst, haben wir eine sinnvolle Beschäftigung und lassen medizinischem – und pflegendem Personal seine dringend gebrauchten Hilfsmittel.

B.Z.