Nawalny, die Grünen und das Erdgas aus Russland

Reinhart Zarneckow

Die Grünen befinden sich seit Anbeginn der Corona Pandemie in einem Schrumpfungsprozess. Dabei waren sie auf dem besten Weg, sich politisch breit aufzustellen, jedermann nach dem Mund zu reden und die Christdemokraten hinter sich zu lassen. Plötzlich gibt es durch die Pandemie eine neue Lage. Nicht die Grünen sondern eine starke Bundesregierung wird gebraucht. Frau Merkel und mit ihr die Christdemokraten haben wieder Oberwasser. Und das Führungsduo Habeck/Baerbock von den Grünen verschwindet in der Versenkung.

Es gibt Licht am Ende des Tunnels. Der Absturz der Grünen wurde laut Politbarometer aufgehalten. Die Vorsitzende Göring Eckardt fordert für ihre Fraktion im Bundestag eine aktuelle Stunde zu dem Fall Nawalny, der Opfer eines vom Präsidenten Russlands zu verantwortenden Giftanschlages während eines Fluges nach Omsk sein soll.

Und die Spitze der Grünen fordert im gleichem Atemzug mit dem von Frau Merkel vor Jahren geschassten ehemaligen Umweltminister Röttgen ein Aus für Nord Stream 2. Sogar schon vor der aktuellen Stunde. Nach der Losung, wir sind wenigsten hier die Ersten. Putin muss etwas auf die Finger bekommen. Denn er trägt für das seinem politischen Gegner Herrn Nawalny angetane angebliche Verbrechen die Verantwortung. Die Grünen kümmern sich.

Dabei bestehen Stand heute keine sichere Erkenntnis darüber, was geschehen ist, wer was getan hat und ob überhaupt eine Straftat vorliegt. Es wird deshalb vor allem geglaubt. Und da gibt es nicht wenige besonders im entindustrialisierten Ostdeutschland, die der Administration Putin mehr glauben wollen als der von Trump. Zumal es die hässliche Frage gibt, wem es nützt, wenn Herr Nawalny Opfer eines Verbrechens auf dem Flug nach Omsk geworden ist.

Um es vorweg zu sagen, zu lasten des angeblich so schlauen Politstrategen Putin fällt mir dabei nichts ein.

Einer der ersten Schritte bei Aufklärung einer Straftat ist die Sicherung von Beweisen und ihre Übergabe an die zuständige Staatsanwaltschaft. Bisher hat das Berliner Justizministerium die Erkenntnisse der Charité und des Labors der Bundeswehr, aus denen sich die Vergiftung Nawalnys ergeben soll, offenbar nicht einmal an die russische Staatsanwaltschaft abgegeben.

Wie soll die russische Staatsanwaltschaft einen Anfangsverdacht für eine Straftat feststellen, wenn die Omsker Ärzte eine Vergiftung verneinen und die Bundesregierung wichtige Beweise für ein in Russland an einem russischen Staatsbürger begangene Straftat nicht weitergibt? Selbst wenn es in Russland nur kriminelle Ärzte und Staatsanwälte geben sollte, bisher lässt sich Rechtsbeugung schwerlich begründen, nach Gesetzen der Logik nicht einmal substantiiert behaupten. Und bitte schön, es gibt die Möglichkeiten der Beweissicherung und damit der Begegnung der Gefahr einer Manipulation in Russland. Oder gibt es keine B-Probe, hat das Labor der Bundeswehr schlampig gearbeitet? Oder darf es eine solche, sie ist aus dem Sport geläufig, sicherlich auch der Bundeswehr, nicht geben?

Und es klingt bedrohlich, wenn der Generalsekretär der NATO Stoltenberg sofort und nach meinem Empfinden etwas zu schnell erklärt, die NATO sehe jeden Einsatz “chemischer Waffen”als eine Bedrohung des internationalen Friedens und der Sicherheit an. Gibt es Krieg a la Sarajevo? Geht es nicht etwas kleiner oder wird so auf Russland eingedroschen, dass es schon aus Gründen der Selbstachtung auf stur schalten muss, auch im Hinblick auf die aufmerksame und sensible Bevölkerung in Russland? Seit wann muss übrigens der Beschuldigte seine Unschuld beweisen, unabhängig davon, dass die Beweise in Berlin sein sollen?

Herr Putin ist nicht verrückt geworden, was er wohl sein müsste, wenn er den Versuch der Ermordung von Herrn Nawalny gerade jetzt und unter Hinterlassung gleichsam seines Fussabdruckes organisiert hätte. Mit Gift soll eine Straftat verheimlicht werden, lehrt die Historie der Giftmorde.

Das angeblich verwandte Gift Novichok wurde in der Berichterstattung immer den Laboren des russischen Militärs zugeordnet. Aber keine Sorge, Kundige wissen, dass sich die Formel für Novichok im Besitz selbst des Bundesnachrichtendienstes, natürlich aber eines jeden Geheimdienstes, der etwas auf sich hält, befindet. Glaubt etwa jemand, dass bei einem plötzlichen Zusammenbruch von Herrn Nawalny während eines Fluges er nicht auf Gift und dann – nach dem Fall Skripal, bei dem nach zwei Tagen Novichok gefunden wurde -, nicht auch auf Novichok untersucht werden könnte? Besonders auch im Hinblick auf seinen Transport in die Charite, der nicht verhindert wurde.

Nord Stream 2 fehlen für die 2 Röhren nur noch 130 bzw. 150 km, über sieben Milliarden Euro wurden schon verbaut. Dezember 2019 stoppten die USA mit Sanktionsdrohungen die Endfertigung durch die Schweizer Firma Allseas. Im Hafen Sassnitz ist dann im Mai die Akademik Cherskiy, ein russisches Verlegeschiff, zur Fortführung der Arbeiten eingelaufen, die auf Verlangen der dänischen Umweltbehörde erst im September aufgenommen werden dürfen.

Drei amerikanische Senatoren drohen jetzt der Stadt Sassnitz und dem Land Mecklenburg-Vorpommern die wirtschaftliche Zerstörung der Unternehmen durch amerikanische Sanktionen an, die bei Nord Stream mitwirken. Im Hafenbereich von Sassnitz lagern derzeit die letzten zu verbauenden Röhren. Landtag und Stadtverordnetenversammlung haben die Drohungen zurückgewiesen, ebenso die Bundesregierung.

Und in dieser Situation kommt also Herr Putin, der dringend auf Einnahmen aus dem Ölgeschäft für sein Land angewiesen ist, auf die tolle Idee zu versuchen, Herrn Nawalny öffentlich hinzurichten? Denn das angeblich verwandte Gift verheimlicht ja nicht den Mord sondern soll offenbar geradewegs zum Kreml führen. Ganz Kluge behaupten, da sei nach dem Motto gehandelt worden, wir kriegen jeden, nur um Abschreckung sei es dem Kreml gegangen.

Russland befindet sich nach manchen Verlautbarungen kurz vor dem wirtschaftlichen Abgrund und schießt sich wegen eines selbst bei Teilen der wirklichen Opposition umstrittenen Herrn Nawalny ins Knie, verschafft ihm einen Opferstatus? Übrigens hat sich der sehr national denkende Herr Nawalny immer gegen Sanktionen ausgesprochen.

Es gibt andere Argumente, die nicht über die moralische Schiene laufen. Die Stabilität Osteuropas wird bedroht, wenn Russland nicht mehr mittels des Pipeline via Ukraine und Polen liefern müsste. Verträge Deutschlands mit Russland zugunsten der Ukraine und von Polen zur Sicherung der weiteren Nutzung der über ihren Territorien führenden Pipeline Nord Stream 1 sind nicht ausreichend, weil Putin Verträge wie der Fall Krim beweise, nicht einhält. Putin betreibt eine menschenverachtende Politik, so der Außenminister in spe Röttgen.

Tatsächlich ist Russland wesentlich stärker auf Einnahmen aus den Erdgashandel als Deutschland und Europa auf das russische Erdgas angewiesen. Die Lieferung des Erdgases aus Russland verbessert die Position aller importierenden Regionen in Europa gegenüber den Lieferländern. Selbst wenn die Lieferungen aus Russland beendet werden, erhalten alle Regionen Europas noch hinreichend Gas und Energie von anderen Lieferländern, lediglich Russland leidet dann erheblich, weil Milliarden an Dollar Einnahmen ausfallen, dazu Prof. Bettzüge, Uni Köln, Spezialgebiet Energie und Nachhaltigkeit, FAZ vom 5.9.20. Durch Nord Stream 2 werden die Gaspreise in Deutschland nach vorliegenden Berechnungen spürbar gesenkt, es ist von ca. 13% die Rede. Es bestehen beim Pipelinegas Vorteile gegenüber dem schon jetzt teureren, verflüssigten Gas aus den USA, dass nach dem Willen des Herrn Trump im Übermaß trotz massiver Zerstörung der Umwelt geliefert werden soll. Dabei wird Europa schon jetzt zu 20% mit Flüssiggas, ⅓ davon aus den USA beliefert, ebd. Nord Stream 2 vertieft also die Diversifizierung der Erdgasversorgung Europas.

Polen kauft in naher Zukunft weder Erdgas noch Erdöl aus Russland. Die Ukraine hat heute ein Embargo von drei Monaten für Erdöl- und Gaslieferungen aus Russland gefordert. Ich erkenne darin die Quelle für Unwägbarkeiten, die durch Nord Stream 2 gemindert werden, weil so Erdgas über die Ostsee selbst dann geliefert wird, wenn sich die Ukraine verweigert oder horrende Gebührenforderungen stellt. Letzteres gefährdet eher den Frieden in Europa, bestimmt die Interessenlage Deutschlands ebenfalls und ganz sicher auch die von Westeuropa.

Der Außenminister der USA Pompeo hat vor wenigen Tagen der aus Afrika stammenden Präsidentin und weiterem Personal des Internationalen Gerichtshofes in den Haag, bei dem es sich um eine “kaputte und korrupte Institution” handele, wegen der in Aussicht genommenen Untersuchung von Kriegsverbrechen in Afghanistan Sanktionen angedroht. Wäre das nicht eher ein Thema für eine aktuelle Stunde im Bundestag angesichts unserer Soldaten dort, sehr geehrte Frau Göring Eckardt, ungeachtet aller Liebe zu Amerika?

Die USA bedrohen Deutschland wegen Nord Stream 2, wenn das Vorhaben scheitert, drohen nicht nur den Fünf mit jeweils 950 Millionen Euro beteiligten internationalen Konzernen Totalverluste sondern vermutlich Deutschland massive Schadensersatzforderungen, was aber noch schlimmer ist, wäre ein massiver Verlust an Ansehen in der Welt. Der in Deutschland erhebliche Gaspreis wird nicht gesenkt, was den Grünen als Verfechter erneuerbarer Energie entgegen kommt.

Und so fordert Frau Göring Eckardt für die Grünen mit frommen Augenaufschlag, gezeichnet und geschult durch viele Jahre in der DDR, – Putin kann es nur gewesen sein, zumindest hat er den Anschlag nicht verhindert, da ist ja überdies noch die Reserve Lukaschenko – nicht nur mit dem Anschein vorauseilenden Gehorsams den endgültigen Stopp für Nord Stream 2. Auch der geschmeidige Außenminister Maaß von der SPD hat Witterung aufgenommen und ist schon fast dabei.

Fazit I: Die USA versuchen, sich die Wirtschaft von Schurkenstaaten wie den Iran und China durch Sanktionen gefügig zu machen – “America first” ist eine heuchlerische Untertreibung.

Nun ist Deutschland dran. Diese Politik gilt es einzudämmen. Frau Merkel wird daran gemessen werden, dass sich Deutschland weder von Russland noch von den USA erpressen lässt. Erpressung, sei es durch die Drohung mit Sanktionen oder Zöllen, ist immer eine Geschichte ohne Ende, lehrt die Kriminalgeschichte. Die Amerikaner wissen, dass Sassnitz im Wahlkreis der Bundeskanzlerin liegt, sie sollte schon deshalb mit mehr Fanfare als bisher reagieren. Das versteht sogar Herr Trump.

Brüssel und die Polen haben in Kooperation mit Frankreich schlau für das Projekt juristische Hürden aufgestellt, die überwunden werden können. Frau Merkel darf auch deshalb die von den Grünen auf den Weg gebrachte Inszenierung des Unterganges von Nord Stream 2 in einem Sumpf nicht bewiesener Anschuldigungen in einer völlig anderen Angelegenheit nicht zulassen, egal was bei diesen letztendlich herauskommt.

Die saubere juristische Untersuchung der causa Nawalny ist unabdingbar und braucht Zeit. Ihretwegen darf der Bau von Nord Stream 2 aber nicht gehemmt werden. Denn es besteht keine Verknüpfung zwischen dem Fall Nawalny und Nord Stream 2 derart, dass ein vorläufiger Stopp bis zur Klärung aller die Gegner des Projektes angeblich beunruhigenden Fragen gerechtfertigt ist.

Die Endfertigung der Pipeline ist sofort aufzunehmen. Das ist die Antwort Richtung Washington. Das befürchten die Grünen und die Gegner von Nord Stream 2, deshalb die denunziatorische Inszenierung, Akt 1 die beantragte aktuelle Stunde zum Fall Nawalny.

Fazit II: Untersuchung statt Inszenierung, das ist es. Und im Osten sind die Grünen weg.

Eigentlich bin ich ja eher ein konservativer Mensch…

Erinnerungen an ein zur Zeit heimatlos gewordenes Lebensmodell.

Von Christoph Ehricht

Bettinas wunderbares Nachdenken über die Erinnerung vom 12. August in diesem Blog hat mich zu einer doppelten Erinnerung angeregt, zur Erinnerung an einen vor siebzig Jahren gestorbenen Zeitgenossen und damit zugleich an ein Lebensmodell, eine Gedankenwelt, die unwiederbringlich verloren zu sein scheint und an die wir uns nur noch erinnern können. Wehmütig, aber vielleicht doch auch mit einer ganz kleinen Hoffnung.

Ich beginne mit der Erinnerung an Georg Quabbe. Im Feuilleton – Teil einer Zeitung bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Aus Anlass seines 70. Todestages am 17. Juli war dort eine Würdigung des Breslauer Anwalts, Buchautors und späteren hessischen Generalstaatsanwalts zu lesen. Ich habe mich, da er mir interessant zu sein schien und ich den Namen noch nie gehört hatte, bei Wikipedia ein wenig mehr über ihn informiert, nachdem mein Ärger über „Geb. 20. März 1887 Wroclaw (Polen)“ auf Googles Suchmaschine etwas verraucht war. (Mein gerade 80 Jahre alt gewordener Freund ist dort auch als 1940 in Kaliningrad (Russ. Föd.) Geborener ausgewiesen und befindet sich hier in guter Gesellschaft mit Immanuel Kant. Man kann darüber natürlich lachen und spotten, aber eigentlich ist es zu ernst dafür – ein Zeichen für die Vergewaltigung der Geschichte durch gegenwärtige Zustände oder Erkenntnisse, das nicht nur hier sehr beunruhigend und gefährlich ist, mindestens ebenso schlimm wie die notorische Geschichtsvergessenheit vieler der politischen Akteure des Westens.)

Aber zurück zu Georg Quabbe. Politisch war er in der Weimarer Republik zunächst in der Deutschnationalen Volkspartei aktiv, hat sich von dieser Partei aber getrennt, als sie unter Alfred Hugenbergs Einfluss zunehmend nur noch reaktionär wurde. Quabbe trat dann der kleinen Konservativen Partei bei und hat nach deren Auflösung das Dritte Reich ohne allzu große Nähe zu den Machthabern überstanden. Darum konnte er nach dem 2. Weltkrieg Generalstaatsanwalt des neuen Bundeslandes Hessen werden.

Zum Nachdenken hat mich Quabbes Versuch gebracht, eine Antwort auf die Frage zu finden, was eigentlich „konservativ“ heißt. In seinem seinerzeit bekanntesten Buch „Tar a Ri“ – altirisch für „Komm o König“ und angeblich etymologischer Ursprung des englischen „Tory“ – denkt er über Konservativismus und Fortschrittsgläubigkeit nach. Beide Bewegungen bestimmen für ihn den Gang der Menschheitsgeschichte und wirken, wenn es gut geht, zusammen, zähmen einander und verhindern Erstarrung auf der einen und Radikalisierung auf der anderen Seite, die „blinde Vernichtung des historisch Gewachsenen“. (s.o.!)

Der Konservative versteht die Geschichte eher als Kreislauf, der Fortschrittliche als lineare Bewegung zum Besseren. Der eine wünscht sich den Staat als Ordnungs-, der andere als Erziehungsmacht. Er, der konservative Quabbe, will dem Leben in all seiner Unzulänglichkeit und Vorläufigkeit dienen, seine fortschrittlichen Partner folgen eher abstrakten Wahrheiten. Er weiß, dass es ohne Autorität nicht geht und dass die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung heißt, seine Gesprächspartner stellen eher bindungslose Freiheit in den Vordergrund. Er hält am historisch gewachsenen Recht fest, die anderen tendieren zum zweckmäßigen Recht, um ihre fortschrittlichen Ziele und vermeintliche Gerechtigkeit zu erreichen.

Vielleicht ist das etwas plakativ, noch dazu in dieser Zusammenfassung. Gleichwohl inspirieren mich Quabbes Überlegungen. Ich ertappe mich gelegentlich dabei, vor allem in Diskussionen mit einer mir sehr nahe stehenden „ progressiven“ jungen Frau, dass ich ihren vielen klugen und sicher richtigen und berechtigten Argumenten für eine gendergerechte Sprache, für Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, für die Abkehr von einer wachstumorientierten hin zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Wirtschaft, für autofreie Innenstädte und – kürzlich zu meinem Erstaunen – für die Legalisierung einer Ehe zu Dritt als logische Konsequenz der „Ehe für alle“ nicht viel entgegenzusetzen habe. „Vielleicht hast du ja Recht, aber überzeugen kannst du mich nicht, es springt einfach kein Funke über. Wahrscheinlich, weil ich eigentlich eher ein konservativer Mensch bin.“ – so reagiere ich etwas hilflos und defensiv. Signalisieren will ich mit diesem Satz wohl ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber einfachen Antworten auf sehr komplexe Fragen und gegenüber der Illusion, dass gute Diagnosen immer auch zu guten Therapien führen. Und meine Überzeugung, dass es rote Linien gibt, die nicht ungestraft überschritten werden dürfen – weitere Charakteristika des Konservativismus?

Natürlich steht mir die Schwäche des Konservativismus deutlich vor Augen, natürlich sind mir erst recht die Schreihälse zuwider, die sich jetzt als Hüter und Bewahrer der traditionellen Werte aufspielen. Aber, ganz ehrlich, ebenso unwohl fühle ich mich, wenn ich Bilder von Hamburger „Studierenden“ (!) sehe, die gerade nicht studieren, sondern durch Randale einen Professor daran hindern, seine Vorlesung zu halten. Oder wenn ich in einem Buch über Puschkin die Vorbemerkung lesen muss „In diesem Buch werden Ausdrücke verwendet, die nicht mit der Auffassung des Verlages übereinstimmen“. Wohin sind wir gekommen… (Es geht n.b. bei den inkriminierten Ausdrücken um zeitgenössische Bezeichnungen für den legendären afrikanischen Vorfahren des Dichters! Selbstzensur des Verlages, vorauseilender Gehorsam? Dann doch lieber eine ordentliche behördliche Zensur, damit sich die süffisante Bemerkung von Karl Kraus wieder bewähren und guter Literatur dienen kann: Ein Text, den der Zensor versteht, wird zu Recht verboten.)

Aber in allem Ernst: Der Konservativismus hat seinen Ort in unserer Gesellschaft verloren. Womöglich verdientermaßen und nicht ohne eigene Schuld. Vom Erosionsprozess ehedem konservativer Parteien will ich hier gar nicht reden. Er ist nur eine Folge tiefer liegender Ursachen. Das eine konservative Lebenshaltung tragende Milieu schwindet. Die Säkularisierung der Moderne führte erst zur Privatisierung der Religion und dann zum Verlust von zeitlos gültigen Orientierungspunkten. Aus vorgegebenen Institutionen wurden verfügbare Organisationen. Die Digitalisierung wird einen weiteren Individualisierungsschub mit sich bringen und eine noch viel tiefer greifende Aufspaltung der Gesellschaft. Solange die gesellschaftlichen Verhältnisse einigermaßen stabil sind, kann man darüber traurig sein, aber damit leben. Anders wird es, wenn zum Beispiel nach der Corona-Krise eine Wirtschafts- und Finanzkrise ungeahnten Ausmaßes ausbricht. Dann werden wir eine ausgleichende und die Radikalisierungen zähmende Kraft vermissen.

( Beim Schreiben dieser Sätze merke ich, wie sehr ich auch hier ein „Konservativer“ bin und zu dem sich am Kreislaufmodell ausgerichteten Geschichtsverständnis der Konservativen neige. Zu sehr erinnern mich die oben angesprochenen Bilder der Hamburger Studenten an die Vorgänge am Ende der Weimarer Republik, als der pazifistische und religiös-sozialistische Professor Günther Dehn an der Hallenser Universität tagelang von völkisch-nationalen Studenten niedergebrüllt wurde und die konservative (!) Universitätsleitung erst lavierte und dann kapitulierte. Es gibt leider noch viel mehr alarmierende Beispiele.)

Giovanni di Lampedusas gelegentlich zitierter und hier sinngemäß in Erinnerung zu rufender Satz „Wer das Bestehende retten will, muss an seiner Veränderung arbeiten“ – unaufgeregt und behutsam arbeiten, wie ich ergänzen möchte, er könnte vielleicht zur Richtschnur eines neuen Konservativismus werden. Einer, der darum weiß, dass die Rettung des Bestehenden nur die eine Kugelhälfte ist und die andere Hälfte, das Arbeiten an der Veränderung dringend braucht, damit alles rund und vollkommen wird – um das schöne Bild aus Platons Gastmahl aufzunehmen, an das Bettina uns erinnert hat. Ich denke, das wäre durchaus auch im Sinn meines Kronzeugen Georg Quabbe.

Handlungsfelder für die beiden Kugelhälften gibt es zur Genüge. Um nur eines zu nennen, das mir besonders am Herzen liegt: die Anregung eines Verständigungsprozesses darüber, was eigentlich heute Bildung und besonders Allgemeinbildung heißt, ohne die peinliche Diskussion um G 12 oder G 13, statt dessen geleitet von dem Bemühen, das wertvolle Erbe unserer Kultur zu bewahren, Kreativität und Empathie zu fördern und den Bildungskanon von allem zu entrümpeln, was Maschinen ohnehin besser können. Und um die Geschichte nicht länger zu vergewaltigen, sondern endlich und wirklich aus ihr zu lernen. Ein zeitgemäßer Konservativismus könnte hier seine neue Heimat finden und dann auch ausstrahlen auf andere Lebensbereiche.

Goethe hat eine solche Heimat in seinem leider kaum noch gelesenen Entwicklungsroman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ als Pädagogische Provinz beschrieben, vielleicht inspiriert von der Erziehungsanstalt, die Philipp Emanuel von Fellenberg im Schweizerischen Hofwil gegründet hatte. Im Epochenumbruch vom 18. zum 19. Jahrhundert sollte hier eine Persönlichkeitsbildung verwirklicht werden, die den noch unbekannten oder nur erahnten neuen Herausforderungen der Zukunft gerecht werden konnte. Manche der dort praktizierten Methoden und auch das leitende Erziehungsideal – Ehrfurcht und Respekt – mögen uns heute sehr rückwärtsgewandt und altväterlich erscheinen, eben konservativ. Aber haben sie darum ihre Berechtigung verloren?

Meine Hoffnung, dass der Aufbau einer neuen „Pädagogischen Provinz“ in unserem gegenwärtigen Epochenumbruch gelingt, hält sich jedoch eher in Grenzen, wie es sich für einen guten Konservativen gehört.

Erinnerungen

Gleich Segelschiffen, die die Anker lichten,
gehn mir Erinnerungen durch den Sinn.
Und märchenhafte Weißt-du-noch-Geschichten
begleiten mein „Woher“ in mein „Wohin“:
(Nach all den Jahren, Udo Jürgens)

Aus medizinischer Sicht ist in unserem Gehirn vieles gespeichert, was wir als Informationen unserer Umwelt und bei Lernprozessen jeglicher Art aufnehmen. Wir nennen den Ort Gedächtnis.
Ist nicht aber das, was auf uns Eindruck gemacht hat, was wir mit unseren Sinnen erfahren haben, in unserer Seele gespeichert und hat das aus uns gemacht, was wir sind? Das Gehirn ist Hilfsmittel zur Aufnahme und Reproduktion.
Wenn wir hören, sehen, riechen, schmecken und fühlen, dann sind das sinnliche Wahrnehmungen, die je nach Eindruck über Sinnesleitungen in unsere Seele gelangen. Sie werden dort aufbewahrt und man erinnert sich ihrer, – wenn Vergleichbares erkannt wird, – die Sinne auf die gleiche Art und Weise angesprochen werden, – wenn man eine Situation einzuschätzen sucht und auf eine Erfahrung zurückgreifen will. Ganz besonders wichtig ist ein erneutes Aufgreifen einer Erinnerung, wenn Geschehenes verdrängt wurde. Ein Entwirren zu gegebener Zeit und sorgsames Ablegen ist für so manchen existenziell. Am schönsten ist es, im Kreise vertrauter Menschen gemeinsame Erinnerungen aufzufrischen.

Friedrich Nietzsche hielt aber auch das Vergessen für eine wichtige Fähigkeit des Menschen. Es muss nicht nur Verlust bedeuten, sondern kann wesentlich zur Selbstbefreiung und zur inneren Ordnung beitragen. Oft gelingt es nur nicht. „Jemanden vergessen wollen, heißt an ihn denken.“ Jean de La Bruyère So verhält es sich auch mit Geschehnissen.


Viele Sinneseindrücke sind vielfältig. Nicht nur ein Sinn wird angesprochen, sondern mindestens zwei. Ich habe eine Erinnerung, bei der Schmecken und Sehen gleichermaßen von Bedeutung waren. Meine Großmutter konnte sehr gut kochen und am liebsten mochte ich ihren weißen Käse. Der angerührte Quark war als solcher kaum noch erkennbar. Er war durchzogen von gelben, schimmernden Kanälen, dem mehr als reichlich hineingemischten Leinöl, das den Quark wie nebeneinander treibende Eisschollen erscheinen ließ und ihm einen herrlich nussigen Geschmack gab. Bis heute ist es unerreicht in der Zubereitung, aber, nicht zuletzt wegen der Sinnlichkeit, dennoch eines meiner Lieblingsgerichte.

Im Februar 2004 habe ich in Berlin mein erstes Udo Jürgens Konzert erlebt. Fast all meine Sinne wurden angesprochen. Ich hörte vertraute und von mir geliebte Texte und Melodien. Ich sah Udo Jürgens unmittelbar vor mir. Ein besonderer Geruch lag in der durch Scheinwerfer erhitzten Luft der vollbesetzten Max-Schmeling-Halle. Ich fühlte die Vibration, die die Musik verursachte, wenn das Orchester und Udo alles gaben. All das nahm ich in mich auf.

Und zwei Menschen, die im Begriff sind, sich ineinander zu verlieben? Das Sehen ist das eine – das Erkennen mit den Augen. Aber der Geruchssinn ist mit von der Partie. Denn wenn sie sich füreinander entscheiden, hat der Geruchssinn längst die Erlaubnis erteilt.

Natürlich gibt es auch die Eindrücke die beschweren, aber zum Dasein gehören. Es sind Risse und Verletzungen, wie es sie im Leben eines jeden gibt. Auch ihrer kann man sich immer mal wieder erinnern im Laufe des Lebens. Und mit zunehmender Dauer verheilen die Wunden, Risse werden ausgebessert und die Rückschau geht ins Wohlwollende. Warum wohl? Aus Erleichterung, die Situation bewältigt zu haben und aus Zufriedenheit über die daraus gewachsene innere Stabilität. Narben bleiben. Manchmal für andere sichtbar und für mich spürbar. Sie sind Bestandteil von mir und Teil meines Wurzelgeflechts geworden, von dem ich das Gefühl habe, dass es mir unter anderem Halt gibt. Manchmal gelingt es mir, mich in die Lage des Verursachers von schmerzhaften Wunden zu versetzen. Das erleichtert das Aufkommen von Wohlwollen.
Alles verstehen heißt alles verzeihen? Nicht immer.

Von dem Moment an, ab dem Erinnerungen vorhanden sind, besteht zwischen ihnen und den kommenden sinnlichen Wahrnehmungen ein Wechselspiel.

– Gespeicherte Sinneseindrücke – setzt sich nicht ein ganzes Leben aus dem Sammeln von Eindrücken und den Erkenntnissen daraus zusammen? Jeder Mensch hat Erinnerungen, die in seiner Seele bewahrt werden.
Sie geben ein Gefühl von Heimat, sind identitätsstiftend. Sie schenken mir Gelassenheit, dann und wann Mut und ein gewisses Freiheitsgefühl.
Vergessen bringt den inneren Kompass eines Menschen durcheinander und macht den Geist heimatlos.

Eine vielsagende und sinnliche Geschichte ist die der Kugelmenschen.
In Platons Gastmahl – ein Symposium -, einem Trinkgelage, geht es um den Liebesgott Eros. Der Dichter Aristophanes erzählt, dass es einst rein männliche und rein weibliche Kugelmenschen gab und solche, die beide Geschlechter in sich vereinten. Sie hatten je vier Hände, vier Füße und zwei Gesichter, die entgegengesetzt zueinander waren. Sie konnten sich niemals sehen. Zeus wurden die Kugelmenschen zu übermütig und so teilte er ihre Körper in zwei Hälften und verstreute sie über die gesamte Erde. Diese Hälften sind die heutigen zweibeinigen Menschen. Sie leiden unter ihrer Unvollständigkeit und sind voller Sehnsucht auf der Suche nach ihrer anderen Hälfte.
Finden sie sich irgendwann, ist es ein Wiedererkennen. Sie erkennen ihre Seele in der des anderen und sind bestrebt, für immer zusammen zu bleiben.


Das Wiedererkennen, das Vertrautsein und nahtlose Anknüpfen an Vergangenes – auch das ist für mich Heimat. Eine sinnliche Wahrnehmung? – Ja.

„Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“ Rabbi Baal Chem Tov (um 1700)

Bettina Zarneckow

August 2020

„Paralysiert“ von Alex Haslauer

– Ein modernes Inselabenteuer der etwas anderen Art –

Im Selbstverlag erschienen, 379 S., auch als Kindle Ausgabe erhältlich.

Unter Nicht-Facebook-Usern hält sich hartnäckig das Vorurteil, bei Facebook würde jeder nur Fotos seines Essen posten. Dass es sich anders verhält und Facebook durchaus eine Bereicherung sein kann, davon möchte ich berichten.
Unter der Rubrik „Vorschläge für dich“ kam ich zum Facebookprofil von Alex Haslauer, einem Salzburger, der aus Verzweiflung in der Coronakrise ein Buch schrieb. Er hatte dazu einen Artikel verlinkt, in dem die Umstände zur Entstehung seines Buches aufgezeigt sind.

https://www.heute.at/s/buch-rettete-mich-vor-corona-suizid-100087660

Das fand ich bewundernswert und schrieb ihm in seine Kommentare von unserem Blog, der auch in der Coronazeit aus der Taufe gehoben wurde. Ziemlich unerwartet fragte er mich, ob ich sein Buch nicht im Blog vorstellen könnte. Ich fand die Idee großartig. Ein Austausch über Messenger und nach 4 Wochen traf sein versprochenes Exemplar ein.

Ich als wirklich langsamer Leser hatte es nach 3 Tagen ausgelesen. Entspannen sollte ich beim Lesen, so der Wunsch von Alex, schließlich konnte er beim Schreiben auch entspannen. Ich tat es und war gespannt zugleich. Besonders angenehm empfand ich den Zeilenabstand und die Schriftgröße. Es liest sich sehr gut. Es ist flüssig, interessant und spannend geschrieben. Und ich fand Passagen voll Poesie.
Wer Abenteuer und detailreiche Reisebeschreibungen mag, dem kann ich das Erstlingswerk von Alex Haslauer nur ans Herz legen.

Die Handlung beginnt mit der Darstellung eines verzweifelten Mannes, Stefan, genannt Stevo, der orientierungslos und bewegungsunfähig in einer Hängematte liegt. Er befindet sich in einer Situation, die er sich nicht erklären kann. Als Rahmenhandlung aufgebaut, folgt ein Rückblick und ein völlig überraschender Ausgang der Geschichte.
Bis dahin aber erwartet den Leser ein abwechslungsreiches Geschehen mit Naturbeschreibungen, die einem das Gefühl geben, selbst im weichen Sand am kristallklaren, türkisblauen Wasser zu sein. Oder des nachts im schimmernden Meer zu baden. Einfühlsam erzählt, erlebt man eine sich anbahnende Liebesgeschichte und spürt regelrecht das Prickeln. Außerdem erhält der Leser Einblicke in die thailändische Küche.

Richtig, die Handlung spielt in Thailand.
Im ersten Moment befremdlich erschienen mir die ausführlichen Darlegungen des Konsums berauschender Substanzen aller Beteiligten. Dazu gibt es jedoch Erklärungen und allerhand Wissenswertes. Auf keinen Fall animiert es jedoch den Leser, weil auch unangenehme Begleiterscheinungen nicht verschwiegen, sondern eher deutlich geschildert werden.


Nach Lektüre des Buches gab es am nächsten Tag für meine Familie Thailändisches Rotes Curry zum Mittag.
Weil das Rezept der Goldenen Milch so appetitlich und verlockend klang, habe ich es mir herausgeschrieben. Kokosmilch mit pürierter Mango und…..ach lesen Sie selbst.
Meine Meinung: Die Lektüre des Buches entspannt und fesselt. Ich bin in Stevos Alter und hatte Spaß beim Lesen. Nun habe ich es meinem Sohn gegeben. Er ist 20 und liest es voller Interesse.

Habe ich Sie auf „Paralysiert“ neugierig gemacht? – Schön!

Bettina Zarneckow

https://www.alexhaslauer.com/

“Ein Sommertheater” – mit Herrn Prof. Meuthen, Brüssel und Herrn Kalbitz, Potsdam

Der Vorsitzende der AFD-Fraktion im Landtag von Brandenburg Herr Kalbitz hat vom Bundesschiedsgericht seiner Partei am letzten Sonnabend eine Mitteilung erhalten. Es bleibt bei seiner vom Bundesvorstand der AfD mehrheitlich beschlossenen Annullierung der Parteimitgliedschaft. Herrn Kalbitz stört das nicht sonderlich. Er wird den Vorsitz seiner Fraktion nicht niederlegen.

Das Vorgehen der Kämpfer Prof. Meuthen einerseits und Herr Kalbitz andererseits verwirrt. Die Zivilkammer 63 des Landgerichts Berlin hatte durch Entscheidung vom 19.6.20 mit unmissverständlicher Eindeutigkeit unter Hinweis auf § 10 Parteien G erklärt, dass nur ein Parteischiedsgericht und keinesfalls der Bundesvorstand der AfD in eine bestehende Parteimitgliedschaft des Herrn Kalbitz eingreifen kann. Und es spricht nichts dafür, dass das Landgericht seine Rechtsansicht in einem weiteren Hauptverfahren ändern wird. Es ist also derzeit völlig piepe, ob Herr Kalbitz eine Mitgliedschaft in einer rechtsextremistischen Organisation bei seinem Beitritt verschwiegen und sich so die Mitgliedschaft in der AfD erschlichen hat. Oder ob er im Sinne von § 10 Abs. 4 Part G der AfD durch erhebliche Verstöße einen schweren Schaden zugefügt hat. Dazu werden wir nichts erfahren, sollen es wohl angesichts einer sehr merkwürdigen Quellenlage auch gar nicht.

Das Management der Herren Meuthen und Kalbitz begrenzt die Auseinandersetzung auf Zuständigkeitsfragen. Fällt die Zuständigkeit des Bundesvorstandes, fällt die Annullierung der Mitgliedschaft des Herrn Kalbitz in der AfD.

Nochmal. Der Bundesvorstand der AfD war nicht berechtigt, die Mitgliedschaft von Herrn Kalbitz zu annullieren, das durfte nur ein Schiedsgericht der AfD.

Herr Prof. Meuthen hätte sich also für seinen Bundesvorstand an das Landesschiedsgericht der AfD in Brandenburg wenden müssen, wenn er wirklich ernsthaft gegen Herrn Kalbitz hätte vorgehen wollen. Das wissen natürlich alle Beteiligten. In der AfD wimmelt es geradezu von Juristen, die sich vor ihrer politischen Karriere ihr Brot als Justitiare, Staatsanwälte und Rechtsanwälte verdient haben. Es erstaunt mich nicht, mit welcher Ruhe und anscheinender Souveränität sich beide Seiten im Laufe der Verfahren äußern und verhalten, ein interessantes Sommertheater mitten hinein in die nach künstlerischen Ereignissen dürstende Zeit der Corona gestalten.

Ich behaupte, dass Herr Prof. Meuthen und Herr Kalbitz eine sogenannte Winwin-Strategie verfolgen. Der Professor will im Hinblick auf die Wahlen 2021 durch eine energische Haltung gegen Extreme – rechts Bündnispartner gewinnen. Wenn das Landgericht Berlin oder gar in letzter Instanz das Bundesverfassungsgericht den Bestrebungen für die Reinheit der Partei vom Rechtsextremismus ein juristisches und somit schwer verständliches Nein entgegensetzen, kann sich Herr Prof. Meuthen die Hände in Unschuld waschen – Win. Und Herr Kalbitz wird mit seiner Unerschütterlichkeit und bayerischen Konzilianz nicht nur gerne den Beifall seines Anhangs entgegennehmen. Der Familienvater erhält vielleicht sogar seine (politische) Unschuld zurück – Win-win. Dagegen erscheint die Gefahr einer Spaltung der Partei, weil einige die Sache ernst nehmen könnten, beherrschbar.

Haben die beiden Herren das wirklich so genau durchdekliniert? Ich traue es ihnen in jeder Hinsicht nicht zu. Aber sie haben das Szenarium in ihrer Pupille und sind optimistisch.

Ein bisschen bin ich beunruhigt. Ist das wirklich alles so bescheuert verlogen und gelten wir Ostdeutsche als etwas naiv, gutgläubig, naja auch sehr lieb, mit denen kann man es machen? Oder bin ich falsch? Das habe ich in einem anderen Zusammenhang, siehe in diesem Blog meinen Beitrag vom 21.3.20 “Demokratie, Coronaviren, Mundschutz – es könnte so einfach sein” schon einmal befürchtet.

Fazit: Herr Kalbitz bleibt Mitglied der AFD. Der Herr Professor schmunzelt. Und viele Mitglieder der AfD grübeln und sind verstimmt.

Reinhart Zarneckow

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor

Unbedingt lesen! Birk Meinhardt, Wie ich meine Zeitung verlor, Ein Jahrebuch, Verlag: Das Neue Berlin, 143 S., 15,-€

143 Seiten, die es in sich haben! Ein Erlebnisbericht aus den Hinterzimmern des deutschen Qualitätsjournalismus – und was von diesem geblieben ist. Zugleich ist das Buch die autobiografische Erzählung eines Vollblut-Reporters, der als junger Mann nach der Einheit von Ostberlin nach München zur Süddeutschen Zeitung wechselte. Hier, an Bord eines der Flaggschiffe des demokratischen Meinungsstreits, da war sich Meinhardt sicher, würde er das Gesetz, wonach er angetreten, nie wieder brechen müssen: „Zur Wende wusste ich, was ich niemals mehr wollte, nämlich mich noch einmal in einen solchen Zwiespalt begeben;…ich habe mit mir abgemacht, ungesunde und mich ewig beschäftigende Kompromisse nicht mehr einzugehen, soll heißen, sollte jetzt noch einmal ein Text aus politischen Gründen aus der Zeitung fliegen oder sollte jetzt ein Text aus politischen Gründen auch nur zurechtgebogen werden, würde ich in der Zeitung, in der sowas geschieht, sicher nicht mehr arbeiten, jedenfalls nicht mehr als Journalist.“

Dass es eines Tages wieder zu vergleichbaren Zumutungen kommen könnte wie in DDR-Zeiten, erschien Meinhardt damals nur als eine abstrakte Möglichkeit ohne Anschaulichkeit. Er handelte also in seiner Tätigkeit als Journalist entsprechend der Maxime, dass es für viel wichtiger gehalten werden muss, zu sehen, was ist, als festzustellen, was sein soll – und er hatte damit einige Zeit lang beachtlichen Erfolg. 1999 und 2001 erhielt er den in seiner Zunft begehrten Kisch-Preis.

Ein erstes Déjà-vu-Erlebnis, dass es selbst im journalistischen SZ-Paradies verbotene Früchte gibt, hatte Meinhardt, als ihm der Leserbriefredakteur sagte, der Außenpolitikchef habe darauf gedrungen, Nato-kritische Briefe zum Kosovo nicht oder nur ganz vereinzelt zu bringen. Meinhardt wollte es nicht fassen. Es war dann ein schmerzhafter, sich hinziehender Prozess der Desillusionierung: die mehrmals wiederholte Erfahrung, dass es selbst in der Süddeutschen mit der Freiheit des Wortes, wenn es darauf ankam, nicht allzu weit her war. In den Tagen der friedlichen Revolution war die Freiheit im Kultur- und Geistesleben das Schibboleth aller gegen den vormundschaftlichen Staat rebellierenden Kräfte gewesen. Jetzt, knapp zwei Jahrzehnte später, musste Meinhardt sich eingestehen, dass seine einstige Hoffnung, „ohne Beschränkungen, ob fremde oder selbst auferlegte, endlich tabulos Zeitung“ zu machen, immer mehr ins Wanken geriet. Denn auch die SZ scheute sich nicht, wenn es den Verantwortlichen opportun erschien, an der Fabrikation der staatlicherseits gewünschten >öffentlichen Meinung< mitzuwirken, selbst um den Preis, dadurch zum direkten Widersacher der Meinungsfreiheit zu werden.

Wie es dabei in concreto zugegangen ist, schildert Meinhardt anhand redaktioneller Debatten, wobei der Streit um vier nicht veröffentliche Reportagen, die im Buch abgedruckt sind, im Mittelpunkt steht. Auf zwei dieser journalistischen Glanzstücke sei hier ausdrücklich hingewiesen: Mit einer geradezu prophetischen Erzählung über die desaströsen Konsequenzen des in New York und London ansässigen Investmentbankings der Deutschen Bank, Jahre vor der Finanzkrise geschrieben, akribisch recherchiert, beginnt die Entfremdung zwischen der Redaktion und Meinhardt. So wie er das „Nicht-Funktionieren des ganzen Gewerbes“ und den „Verlust jeglicher Moral“ beschreibt, das ging als profunde Systemkritik entschieden zu weit.

2010 dann der nächste Eklat. Meinhardt berichtet über einen brandenburgischen Rechten, der, verurteilt zu acht Jahren wegen eines angeblich versuchten Mordes und versuchter Brandstiftung, vier Jahre und vier Monate unschuldig gesessen hat. Das stellte jedenfalls das Landgericht Frankfurt / Oder in einem Wiederaufnahmeverfahren fest. Und er recherchiert über den bundesweit zu Schlagzeilen führenden Fall des Ermya Mulugeta in Potsdam. Man erinnere sich: Es war dies der ganz banale Fall einer Schlägerei an einer Straßenbahnhaltestelle, den der Generalbundesanwalt Kai Nehm trotz anderslautender Ermittlungsergebnisse der örtlichen Polizei im vorauseilendem Gehorsam an sich gezogen hat, um durch die fernsehwirksame Vorführung (Hubschrauber, Augenklappen, Ohrschutz) der vermeintlich rassistisch handelnden deutschstämmigen, weißen Täter in Karlsruhe höchste Gefährlichkeit und schnelles Durchgreifen des Staates zu demonstrieren. Es lag ja der Bundeskanzlerin „daran, dass dieser Fall schnell aufgeklärt wird und dass wir deutlich machen, dass wir Fremdenfeindlichkeit, Gewalt, rechtsradikale Gewalt aufs Äußerste verurteilen.“

Dem ehemaligen Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, Vorsitzender des Vereins „Gesicht zeigen“, reichte der Wunsch Merkels, ein Exempel zu statuieren, nicht aus. Er legte Wert darauf, gleich das halbe Bundesland als rassistisch zu denunzieren. „Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem raten würde, der eine andere Hautfarbe hat, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen“, gab Heye zu Protokoll. Brandenburg als Mördergrube. Daraus wurden dann die No-go-areas. Auch der Fall Ermyas Mulugeta endete mit Freispruch.

Was die Reportage Meinhardts, der mit fast allen Beteiligten im Justiz- und Polizeiapparat gesprochen hat, zu etwas Besonderem macht, ist, dass er den Fall nicht einfach unter der Rubrik „Justizirrtum“ abbucht. Justizirrtümer passieren. Mal ist die Beweislage undurchsichtig, Zeugen erinnern Ereignisse, die nie stattgefunden haben, Spuren werden fehlerhaft interpretiert usw. Wenn dazu aber noch „Beflissenheit, Beeinflussbarkeit, Zweifelsverdrängung“, kommen, wie Meinhardt schreibt, dann ist die Rechtsstaatlichkeit gefährdet. Nicht zu vergessen das unermüdliche Entrüstetsein im „Kampf gegen Rechts“, was zu ständiger Überbietung beim Anklagen und Beschuldigen anfeuert. Und, wie Nietzsche schon sagt: „Niemand lügt so sehr als der Entrüstete.“

Und was erlebt Meinhardt nun in der Redaktion der SZ? Die Rechten könnten seine Geschichte für ihre Zwecke nutzen, heißt es da auf einmal. Also dasselbe Argumentationsmuster, was er schon zur Genüge aus der DDR kannte. „Deine Kritik hier, hieß es, mag ja berechtigt sein, aber sie könnte dem Klassenfeind zupass kommen, also lassen wir das bleiben.“

Birk Meinhardt hat seine Zeitung verloren. Er hat gekündigt und sich der Schriftstellerei zugewandt (letzter Roman: Brüder und Schwestern, erschienen bei Hanser).

Rolf Henrich

Sommerregen

Nach einem warmen Sommertag,
wie ich ihn doch so gerne mag,
hängt nun der Himmel wolkenschwer,
nichts kündet von der Sonne mehr.
Doch soll ich jetzt schon heimwärts kehren,
nur weil sich Regentropfen mehren?
Will unbeschwert wie einst als Kind,
den Regen fühlen und den Wind.
Die Arme und die Seele weit,
durchnässt zu werden gern bereit!
Die Kleider feucht, auch Haut und Haar,
so frei zu sein ist wunderbar.
Ich geb mich hin dem Angenehmen,
die Sinne möcht ich niemals zähmen.
Wie soll die Seele sonst gedeihn -
würds mir mein Wesen je verzeihn?
Ein Sommerregen warm und weich kommt nicht so oft mehr vor.
Genieß ihn und den Duft der steigt - sein Name: Petrichor.
Juli 2020 Bettina Zarneckow

Wer Statuen zerstört, stoppt weder den Trumpismus noch den Rassismus!

Alfred Hitchcock drehte 1959 den Film “Der unsichtbare Dritte” mit Cary Grant und Eva Marie Saint in den Hauptrollen. Der Spionage- und Liebesfilm endet in einer wilden Verfolgungsjagd im Mount Rushmore National Memorial. Das 1941 fertiggestellte Denkmal besteht aus monumentalen Porträtköpfen der zumindest damals als am bedeutendsten geltenden US-Präsidenten. Jedes Porträt ist 18 Meter hoch. Von rechts nach links werden George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln dargestellt.

Das Nationaldenkmal wird in den USA als Heiligenschrein der Demokratie bezeichnet. Das Denkmal ist in seiner Existenz gefährdet. Nicht aus baulichen Gründen. Auch nicht deshalb, weil es in einen heiligen Berg der Lakota-Indianer gemeißelt wurde. Die Lakota haben noch keinen Laut in dieser Sache und derzeit von sich gegeben. Und wenn doch, nimmt das niemand zur Kenntnis.

Aber da ist noch die Sprecherin des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten Nancy Pelosi, geb. am 26.03.1940. Die praktizierende Katholikin und treibende Kraft vieler Initiativen Obamas gilt als eine kluge und überragende Politikerin. In der Presse war unlängst zu lesen, dass sie zum Juneteenth-Gedenktag (an diesem Tag wurde die Sklaverei abgeschafft) vier Bilder ihrer Amtsvorgänger, die allesamt aus den Südstaaten stammen, pressewirksam abhängen ließ. In den Räumen des Kongresses sei kein Platz für Männer, die den Rassismus des 19. Jahrhunderts verkörpern. Frau Pelosi hat überdies beim Kongress die Entfernung von insgesamt 11 Denkmälern beantragt, u.a. die Denkmäler des aus dem Film “Vom Winde verweht” sicherlich noch vielen in Erinnerung stehenden Konföderierten-Generals Robert E. Lee und des Präsidenten der Sezessionisten Jefferson Davis.

Frau Pelosi wird sich nicht lange fragen lassen, warum sie im Sinne einer politischen Balance und eines friedvollen Purismus der Betrachtung der amerikanischen Geschichte nicht auch die Entfernung von Thomas Jefferson, des 3. Präsidenten der Vereinigten Staaten, aus dem Mount Rushmore National Memorial auf den Weg gebracht hat. Geboren 1743 waren Hunderte seine Sklaven. Von seinem humanistischen Menschenbild her war er gegen die Sklaverei, dennoch lehnte er ihre Abschaffung ab. Bekannt wurde Jefferson als Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Schon zu seinen Lebzeiten wurde aber auch über seine Beziehung zu Sally Hemings gemunkelt. Sally Hemings wurde als Haussklavin von seiner Ehefrau in die Ehe eingebracht. Thomas Jefferson hatte mit ihr mehrere Kinder, die Beziehung entstand nach dem Tod seiner Ehefrau 1782. Sally Hemings und ihre Kinder waren die einzigen Sklaven, die Thomas Jefferson von seinen etwa 600 Sklaven in die Freiheit entließ. Die Geschichte wird noch verworrener, weil aufgrund von DNA-Tests nunmehr feststeht, dass die Ehefrau Jeffersons und Sally Hemings Halbgeschwister waren.

Was spricht dagegen, dass Frau Pelosi als Kennerin der amerikanischen Geschichte nicht die Entfernung der Skulptur Jeffersons aus dem Heiligenschrein der Demokratie vorhat und lediglich aus Gründen der Opportunität abwartet? Oder sollten wir nicht eher akzeptieren, dass sich bei jeder historischen Figur etwas finden lässt. Und zwar nicht nur zum Guten.

Ulrike Wendland hat vor kurzem in einem Gespräch mit Eckhard Roelcke im Deutschlandfunk auf die Variante Gegendenkmäler hingewiesen. Die Wittenberger Kirchengemeinde ist nicht der Forderung zur Entfernung eines mittelalterlichen Schundreliefs (“Judensau”) an der Stadtkirche gefolgt sondern hat schon 1988 ein künstlerisches Gegendenkmal in Gestalt einer Gedenktafel errichtet. Gegenwärtig wird über seine Erweiterung diskutiert. Frau Wendland fordert Gegendenkmäler statt Zerstörung. Wie soll eine kritische und unvoreingenommene Diskussion erfolgen, wenn angeblich fortschrittliche Aktivisten vorsorglich tabula rasa machen, wenn die Moral als Schutzmaske bei der Klärung historischer Tatsachen dabei zu sein hat. In dem Gespräch weist Frau Wendland auf ein Bild hin, dass den Sturz der Statue des Sklavenhalters Edvard Colston in Bristol im Rahmen einer Antirassismusdemonstration aus Anlass des Verbrechens an George Floyd in ein Hafenbecken zeigt. Auf dem Bild sind nur Weiße zu sehen, lediglich am Rande ein Schwarzer. Sie meint, dass das Bild nicht Wut sondern ein happening oder eine Inszenierung wiedergibt – und bei Inszenierung fallen mir sofort wieder die abgehängten Bilder der Abgeordneten und Sprecherin des Repräsentantenhauses Frau Pelosi ein.

Die USA leiden unter Covid 19 und einem der Lage nicht gewachsenen Präsidenten. Und Frau Pelosi hängt Bilder im Kongress ab und organisiert mit einem Wissen von heute die legale Entfernung von Statuen aus der amerikanischen Geschichte. Das hat nichts mit der Eindämmung, sondern der Rechtfertigung von Gewalt zu tun.

Hannah Arendt hat die amerikanische Revolution als die einzige gelungene dargestellt. In einer ersten gewaltsamen Stufe haben sich die englischen Kolonien von den Briten befreit. In einer zweiten Stufe haben die Gründerväter die “politischen Wissenschaften” wie sie es verstanden angewendet. Die Amerikanische Revolution habe dabei die Institution der Sklaverei übersehen, weil nach ihrer Überzeugung die Sklaven einer anderen Rasse angehörten. Deshalb hätten die Revolutionäre und Gründerväter auch ungeachtet ihrer liberalen Einstellung die Befreiung der Sklaven, “die durch die einfachsten Grundbedürfnisse gefesselt waren”, aus dem Blick verloren. Und wegen des “Übersehens” der „gefesselten“ Sklaven war in den USA der Aufbau einer neuen politischen Ordnung in einer zweiten Stufe „friedlich“ möglich, während Napoleon am 9.11.1799 in Frankreich nach einem Staatsstreich das Ende der Revolution proklamierte, die Macht übernahm und damit den Terror der auf die Straße gegangenen freien aber besitzlosen Bürger beendete.

Es ergibt sich eine seltsame Ambivalenz. Die Amerikanische Revolution verlief nach der Vertreibung der britischen Kolonialherren erfolgreich und friedlich. Ihr Ergebnis ist die immer noch stärkste älteste demokratische Republik. Nach heutigen (ungerechten) Maßstäben waren ihre Gründerväter Rassisten – selbst George Washington war Sklavenhalter. Trotz Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit scheiterte die viel besungene Französische Revolution am Terror und endete in einer Katastrophe. Ihre Führer waren sicherlich keine Rassisten, eher gescheiterte Menschenfreunde.

Hannah Arendt argumentiert nicht moralisch, sondern interpretiert Tatsachen. Sie ermöglicht den Amerikanern eine differenzierte und nicht von Einigen angestrebte blutige Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte. Und recht betrachtet, zeigt sie auch einen Weg auf. Wie wäre es mit der Durchführung einer Polizei- und Justizreform mit dem Prolog Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, dazu:

Die Freiheit, frei zu sein, Hannah Arendt, dtv, S. 25, 27.

Also liebe Demokraten, ruhig Blut und Hannah Arendt lesen – bis dahin die Bilder wieder aufhängen. Und dem Republikaner Herrn Trump nicht die Chance geben, als Hüter von Recht und Ordnung wieder auf die Beine zu kommen, er ist gerade gut dabei.

Wer gegen die Bilderstürmerei und die Entfernung historischer Skulpturen eintritt, sollte das aber auch andernorts gelten lassen. In Russland wird über Stalin anders als in Deutschland diskutiert, siehe die letzte Putinrede zum 75. Jahrestage Kriegsende. Und es gibt sowohl in einigen großen Städten wie auch in der russischen Provinz Denkmale von Stalin, wenn auch nicht so viele wie für “Anrüchige” in den USA. Ich vermute, dass auch über Bismarck in Frankreich anders als in Deutschland gesprochen wird – liebe Leute, ich setze nichts gleich und Bismarck schon gar nicht, lest lieber seine “Gedanken und Erinnerungen”.

Betrachten wir die Skulpturen als Zeitzeugen einer lebendigen Geschichte. Ihre Zerstörung würde Geschichte auslöschen. Schon die alten Römer haben nichts besseres gewusst als die Köpfe bedeutender Skulpturen rollen zu lassen. Das hat Rom auch nicht gerettet.

Weisen wir die Anmaßung von Aktivisten, Richter der Vergangenheit zu sein, entschieden zurück. Gehen wir nicht in die Falle eines Gezänkes über die Vergangenheit, nehmen wir jede Gelegenheit zum fairen öffentlichen Diskurs mit unseren Vorgängern wahr.

Reinhart Zarneckow

Sehr zu empfehlen das Buch einer Amerikanerin: Von den Deutschen lernen – Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können, Susan Neiman, Hanser Verlag.

Soziale Zukunft: W i e kommst Du? – Brief 4* seit Verhängung der Pandemie

Diese „Katastrophenschutzübung“(so ein Freund am 14.3.d.J. in Leipzig) des staatlichen Anordnungsapparats, der Desinfektionsmittel- und OP-Masken-Hersteller dauert mir jetzt zu lange! Oder besser das Manöver, denn es kommt durchaus kriegerisch daher. Steht noch mehr dahinter, wie manche behaupten: Umschichtungen von Arm zu Reich, digitale Aufrüstung, Pharmageschäfte, Beschneidung der Bürgerrechte, Hebung der Impffreudigkeit? Egal! – Wir folgen fraglos den Einschränkungen der sich selbst ermächtigenden Staatsorgane.- In Bayern fiel mir dieser Tage die Konditionierung des Verhaltens im alltäglichen Lebens besonders auf. ‚Mir san Masken‘. Die Kellner führen einen maskiert an einen der deutlich reduzierten Tische, sichtlich froh, dass der Berieb unter Auflagen nach acht Wochen Lockdown wenigstens wieder beginnt. Dennoch bleibt das Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun, in meinem Lieblingsort in Nürnberg, dem Cafe im Literaturhaus. Überall Argus-Augen. Desinfektionsmittelschwaden von den Nebentischen über meinem leckeren Speisen. Ein Kellner, der spürt, dass ich nicht ganz konform gehe mit der Angst, wagt etwas galgenhumorig: „Mir wär’s ja auch lieber, alles wäre wie vorher. Uns Älteren kann nicht viel passieren, unser Immunsystem ist noch intakt, weil wir im Buddelkasten spielten und Sand gefressen haben.“ – Die Angst vor dem Killer-Virus hat uns in Geiselhaft genommen. Angst vor was?- Ich kenne verängstigte Menschen aus den Luftschutzbunkern im umkämpften Stettin des zweiten Weltkrieges. Der „Feind“ stand im Osten. Auch bei der Baader-Meinhof-Fahndung in der Folge der 68-er-Erhebung stand Panik im Raum, hinter jedem Busch könnte ein RAF Terrorist sich verstecken. Soviel schwer bewaffnete Polizei sah ich nie. Und 2001? Schon drei Tage nach dem Anschlag erklärte man den Verängstigten, dass der Feind im fernen Afghanistan sich verbirgt und zu bekämpfen sei von einer Allianz der Willigen. Tod und Teufel. Jetzt ist es ein todbringender Virus, gegen den wir in den Krieg ziehen sollen, koste es was es wolle.

Aber was diktiert jetzt die Todes-Ängste? Wie viele Mitmenschen sind zwischen Anfang Januar und Ende März diesen Jahres an einer durch den Virus übertragenen Krankheit Covid 19 weltweit gestorben? 21.297. – Im gleichen Zeitraum starben an saisonaler Grippe 113.034, an Maleria 228.095, durch Selbstmord 249.904, bei Verkehrsunfällen 313.903, durch HIV/AIDS 390.908, 581.599 durch Alkohol, 1.162.481 an Raucherkrankheiten, 1.909.802 durch Krebsleiden, 2.382.324 an Hunger und 9.913.702 durch Abtreibung (Quelle: www.worldometers.info, in: Europäer Jg. 24/Nr. 8./Juni 2020). Hat irgendeine Regierung gegen diese anderen Todesursachen und Bedrohungen einen derartigen Feldzug wie gegen das Corona-Virus in Gang gesetzt mit dessen vergleichsweise niedrigen Todesfolgen? Welche Gründe gibt es dafür, dass ausgerechnet Corona zum Menschheitsfeind Nr. 1 erklärt wird, sodaß in Selbstermächtigung Regierungen Notstand ausrufen, Wirtschaftsbetriebe schließen, Grundrechte ausser Kraft setzen, Ausgangssperren verhängen, Schulen, Hochschulen, Theater, Kultureinrichtungen nach Belieben ihrer Arbeit berauben können? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.- Erschreckender: Die Gedankenpolizei ist da. In herkömmlichen Kriegen mußten die Gegner die Hoheit zu Boden, in der Luft, auf dem Wasser, aber seit dem 2. Weltkrieg auch die über die öffentliche Meinung erlangen. Was gegenwärtig an Meinungsdiktat, an Ausgrenzung Andersdenkender, Diffamierung komplementärer Sichten, Zensur um sich greift hierzulande, hat eine neue Dimension.- Seien wir auf der Hut. Schauen wir genau. Vertrauen wir unserem eigenen Denken.

Manfred Kannenberg-Rentschler/ Nürnberg-Feucht-Berlin, Mitte Juni 2020_

*Brief 1: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätt“ (31. März 2020). Brief 2 (Zum 8. Mai 2020): Denkende Besonnenheit für unsere Stadt! .- Brief 3 : Wie man eine florierende Volkswirtschaft zugrunde richtet (Pfingsten 2020). – Als hilfreich bei der eigenen Urteilsbildung können sich erweisen: Die online-Publikationen ‚Rubikon – Magazin für die kritische Masse‘ und ‚Swiss Policy Research‘. https://www.rubikon.news/artikel/das-corona-regime

Die schönste Wiese

Ein frisch gemähtes Sommerfeld
hat heute mein Gemüt erhellt.
Beim abendlichen Dauerlauf,
fiel mir die schönste Wiese auf.
Erst nahm ich unvermutet wahr,
dass sanfter Duft im Schwange war,
nach Gras, das eben ward gekürzt
und nun die späten Lüfte würzt.
Dann sah ich Bauers Schnittwerk an,
wie Traktors Bahnen er verspann,
kunstvoll, dass dieses Fleckchen Erde,
zum reich gedeckten Tische werde.
Für Storch und Reiher, Star und Spatz,
herbeigeeilt noch eine Katz;
der Bussard hat auch Platz genommen,
vom Gastmahl etwas abbekommen.
Nur Frosch und Maus sind voller Sorgen,
ihr Dasein plötzlich unverborgen.
Und manches Würmchen sich nun kauert,
die Mahd des Bauern sehr bedauert.
Ein Wind kam auf und ließ mich lauschen,
der mächtgen Weiden Blätterrauschen.
Auch die Robinie er belebte,
ein Hauch von Bergamotte schwebte.
So viel erblickt ich auf der Wiese,
dazu noch diese duftend Brise.
Ein Abend voller Sinnlichkeit.
Was hält Natur für uns bereit?!
Am Horizont die Sonne sinkt,
ein warmes Licht noch einmal bringt.
Vielleicht bei meinem nächsten Lauf,
geht dann die Sonne für mich auf...
Bettina Zarneckow