Wer Statuen zerstört, stoppt weder den Trumpismus noch den Rassismus!

Alfred Hitchcock drehte 1959 den Film “Der unsichtbare Dritte” mit Cary Grant und Eva Marie Saint in den Hauptrollen. Der Spionage- und Liebesfilm endet in einer wilden Verfolgungsjagd im Mount Rushmore National Memorial. Das 1941 fertiggestellte Denkmal besteht aus monumentalen Porträtköpfen der zumindest damals als am bedeutendsten geltenden US-Präsidenten. Jedes Porträt ist 18 Meter hoch. Von rechts nach links werden George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln dargestellt.

Das Nationaldenkmal wird in den USA als Heiligenschrein der Demokratie bezeichnet. Das Denkmal ist in seiner Existenz gefährdet. Nicht aus baulichen Gründen. Auch nicht deshalb, weil es in einen heiligen Berg der Lakota-Indianer gemeißelt wurde. Die Lakota haben noch keinen Laut in dieser Sache und derzeit von sich gegeben. Und wenn doch, nimmt das niemand zur Kenntnis.

Aber da ist noch die Sprecherin des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten Nancy Pelosi, geb. am 26.03.1940. Die praktizierende Katholikin und treibende Kraft vieler Initiativen Obamas gilt als eine kluge und überragende Politikerin. In der Presse war unlängst zu lesen, dass sie zum Juneteenth-Gedenktag (an diesem Tag wurde die Sklaverei abgeschafft) vier Bilder ihrer Amtsvorgänger, die allesamt aus den Südstaaten stammen, pressewirksam abhängen ließ. In den Räumen des Kongresses sei kein Platz für Männer, die den Rassismus des 19. Jahrhunderts verkörpern. Frau Pelosi hat überdies beim Kongress die Entfernung von insgesamt 11 Denkmälern beantragt, u.a. die Denkmäler des aus dem Film “Vom Winde verweht” sicherlich noch vielen in Erinnerung stehenden Konföderierten-Generals Robert E. Lee und des Präsidenten der Sezessionisten Jefferson Davis.

Frau Pelosi wird sich nicht lange fragen lassen, warum sie im Sinne einer politischen Balance und eines friedvollen Purismus der Betrachtung der amerikanischen Geschichte nicht auch die Entfernung von Thomas Jefferson, des 3. Präsidenten der Vereinigten Staaten, aus dem Mount Rushmore National Memorial auf den Weg gebracht hat. Geboren 1743 waren Hunderte seine Sklaven. Von seinem humanistischen Menschenbild her war er gegen die Sklaverei, dennoch lehnte er ihre Abschaffung ab. Bekannt wurde Jefferson als Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Schon zu seinen Lebzeiten wurde aber auch über seine Beziehung zu Sally Hemings gemunkelt. Sally Hemings wurde als Haussklavin von seiner Ehefrau in die Ehe eingebracht. Thomas Jefferson hatte mit ihr mehrere Kinder, die Beziehung entstand nach dem Tod seiner Ehefrau 1782. Sally Hemings und ihre Kinder waren die einzigen Sklaven, die Thomas Jefferson von seinen etwa 600 Sklaven in die Freiheit entließ. Die Geschichte wird noch verworrener, weil aufgrund von DNA-Tests nunmehr feststeht, dass die Ehefrau Jeffersons und Sally Hemings Halbgeschwister waren.

Was spricht dagegen, dass Frau Pelosi als Kennerin der amerikanischen Geschichte nicht die Entfernung der Skulptur Jeffersons aus dem Heiligenschrein der Demokratie vorhat und lediglich aus Gründen der Opportunität abwartet? Oder sollten wir nicht eher akzeptieren, dass sich bei jeder historischen Figur etwas finden lässt. Und zwar nicht nur zum Guten.

Ulrike Wendland hat vor kurzem in einem Gespräch mit Eckhard Roelcke im Deutschlandfunk auf die Variante Gegendenkmäler hingewiesen. Die Wittenberger Kirchengemeinde ist nicht der Forderung zur Entfernung eines mittelalterlichen Schundreliefs (“Judensau”) an der Stadtkirche gefolgt sondern hat schon 1988 ein künstlerisches Gegendenkmal in Gestalt einer Gedenktafel errichtet. Gegenwärtig wird über seine Erweiterung diskutiert. Frau Wendland fordert Gegendenkmäler statt Zerstörung. Wie soll eine kritische und unvoreingenommene Diskussion erfolgen, wenn angeblich fortschrittliche Aktivisten vorsorglich tabula rasa machen, wenn die Moral als Schutzmaske bei der Klärung historischer Tatsachen dabei zu sein hat. In dem Gespräch weist Frau Wendland auf ein Bild hin, dass den Sturz der Statue des Sklavenhalters Edvard Colston in Bristol im Rahmen einer Antirassismusdemonstration aus Anlass des Verbrechens an George Floyd in ein Hafenbecken zeigt. Auf dem Bild sind nur Weiße zu sehen, lediglich am Rande ein Schwarzer. Sie meint, dass das Bild nicht Wut sondern ein happening oder eine Inszenierung wiedergibt – und bei Inszenierung fallen mir sofort wieder die abgehängten Bilder der Abgeordneten und Sprecherin des Repräsentantenhauses Frau Pelosi ein.

Die USA leiden unter Covid 19 und einem der Lage nicht gewachsenen Präsidenten. Und Frau Pelosi hängt Bilder im Kongress ab und organisiert mit einem Wissen von heute die legale Entfernung von Statuen aus der amerikanischen Geschichte. Das hat nichts mit der Eindämmung, sondern der Rechtfertigung von Gewalt zu tun.

Hannah Arendt hat die amerikanische Revolution als die einzige gelungene dargestellt. In einer ersten gewaltsamen Stufe haben sich die englischen Kolonien von den Briten befreit. In einer zweiten Stufe haben die Gründerväter die “politischen Wissenschaften” wie sie es verstanden angewendet. Die Amerikanische Revolution habe dabei die Institution der Sklaverei übersehen, weil nach ihrer Überzeugung die Sklaven einer anderen Rasse angehörten. Deshalb hätten die Revolutionäre und Gründerväter auch ungeachtet ihrer liberalen Einstellung die Befreiung der Sklaven, “die durch die einfachsten Grundbedürfnisse gefesselt waren”, aus dem Blick verloren. Und wegen des “Übersehens” der „gefesselten“ Sklaven war in den USA der Aufbau einer neuen politischen Ordnung in einer zweiten Stufe „friedlich“ möglich, während Napoleon am 9.11.1799 in Frankreich nach einem Staatsstreich das Ende der Revolution proklamierte, die Macht übernahm und damit den Terror der auf die Straße gegangenen freien aber besitzlosen Bürger beendete.

Es ergibt sich eine seltsame Ambivalenz. Die Amerikanische Revolution verlief nach der Vertreibung der britischen Kolonialherren erfolgreich und friedlich. Ihr Ergebnis ist die immer noch stärkste älteste demokratische Republik. Nach heutigen (ungerechten) Maßstäben waren ihre Gründerväter Rassisten – selbst George Washington war Sklavenhalter. Trotz Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit scheiterte die viel besungene Französische Revolution am Terror und endete in einer Katastrophe. Ihre Führer waren sicherlich keine Rassisten, eher gescheiterte Menschenfreunde.

Hannah Arendt argumentiert nicht moralisch, sondern interpretiert Tatsachen. Sie ermöglicht den Amerikanern eine differenzierte und nicht von Einigen angestrebte blutige Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte. Und recht betrachtet, zeigt sie auch einen Weg auf. Wie wäre es mit der Durchführung einer Polizei- und Justizreform mit dem Prolog Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, dazu:

Die Freiheit, frei zu sein, Hannah Arendt, dtv, S. 25, 27.

Also liebe Demokraten, ruhig Blut und Hannah Arendt lesen – bis dahin die Bilder wieder aufhängen. Und dem Republikaner Herrn Trump nicht die Chance geben, als Hüter von Recht und Ordnung wieder auf die Beine zu kommen, er ist gerade gut dabei.

Wer gegen die Bilderstürmerei und die Entfernung historischer Skulpturen eintritt, sollte das aber auch andernorts gelten lassen. In Russland wird über Stalin anders als in Deutschland diskutiert, siehe die letzte Putinrede zum 75. Jahrestage Kriegsende. Und es gibt sowohl in einigen großen Städten wie auch in der russischen Provinz Denkmale von Stalin, wenn auch nicht so viele wie für “Anrüchige” in den USA. Ich vermute, dass auch über Bismarck in Frankreich anders als in Deutschland gesprochen wird – liebe Leute, ich setze nichts gleich und Bismarck schon gar nicht, lest lieber seine “Gedanken und Erinnerungen”.

Betrachten wir die Skulpturen als Zeitzeugen einer lebendigen Geschichte. Ihre Zerstörung würde Geschichte auslöschen. Schon die alten Römer haben nichts besseres gewusst als die Köpfe bedeutender Skulpturen rollen zu lassen. Das hat Rom auch nicht gerettet.

Weisen wir die Anmaßung von Aktivisten, Richter der Vergangenheit zu sein, entschieden zurück. Gehen wir nicht in die Falle eines Gezänkes über die Vergangenheit, nehmen wir jede Gelegenheit zum fairen öffentlichen Diskurs mit unseren Vorgängern wahr.

Reinhart Zarneckow

Sehr zu empfehlen das Buch einer Amerikanerin: Von den Deutschen lernen – Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können, Susan Neiman, Hanser Verlag.

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