Erneut in eigener Sache, aber diesmal vor allem ein Geburtstagsbrief

Liebe Bettina,

wieder einmal will ich „in eigener Sache“ einen Brief schreiben, also als Dein Freund und als Mensch mit einer theologischen Profession. Es wird ein besonderer Brief, da ich beim Nachdenken und beim Schreiben sehr an Dich und unsere Begegnungen denke, an neue Einsichten, die ich daraus gewonnen habe und natürlich an Deinen bevorstehenden Geburtstag am 10. November. Ich freue mich auch, wenn dieser Brief in Deinem Blog erscheint und vielleicht manchen zu eigenem Nachdenken und Gespräch anregt. Und zu weiteren Glückwünschen für Dich!

Neben Deinem Geburtstag war ein weiterer Impuls dafür Dir zu schreiben ein Gespräch mit Hartmut Rosa über sein neues Buch „Demokratie braucht Religion“ am 28.10. im Deutschlandfunk in der Sendereihe „Tag für Tag“. Man kann das Gespräch in der Mediathek des Senders nachhören und natürlich kann man das Buch lesen! Ich habe es mir fest vorgenommen und will es Dir auch zum Geburtstag schenken. Dann können wir demnächst darüber gemeinsam nachdenken.

Beim Zuhören der Sendung im DLF erinnerte ich mich daran, dass ich vor fünfzehn Jahren von einer Gesellschaft für Psychotherapie zu einem Symposium eingeladen worden war um einen Impuls für die Diskussion über die Bedeutung von Religion für Sinnfindung und Lebensgestaltung zu geben. Ich habe damals versucht, Friedrich Schleiermacher und Karl Barth ins Gespräch mit Viktor Frankl zu bringen und ehrlich auch das protestantische Unbehagen im Umgang mit dem Begriff Religion zu erläutern. In diesem Unbehagen wurde ich später bestätigt, als mir eine Anekdote aus einer deutschen jüdischen Gemeinde erzählt wurde. Dort soll ein Gemeindevorsteher zu einem Kandidaten für das Rabbineramt gesagt haben: „Sie können über alles predigen. Aber bitte nicht über Religion.“

Sankt Michaelis – Hamburg

Soweit ich das Interview richtig erinnere, bemüht sich Hartmut Rosa um ein offenes, unverkrampftes Verständnis von Religion, die er ohne ihre jeweiligen dogmatischen und institutionellen Bindungen und Verankerungen betrachtet. Ich will mich dem gerne öffnen, muss darüber aber noch ein wenig nachdenken. Als alter Kirchenmann sehe ich immer die Gefahr, dass die einer Religion anvertrauten Wahrheiten ohne institutionellen Rahmen verdunsten oder sich auflösen. Aber fraglos gewinnt Rosa auf diesem Weg ganz wichtige Einsichten.

Er knüpft in seinem neuen Buch an frühere Gedanken über die Bedeutung von Resonanz und Unverfügbarkeit für gelingendes Leben an, über die man einiges in Deinem Blog nachlesen kann, zum Beispiel in einer Predigt aus Ludwigsburg vom vergangenen Jahr. Unter anderem diese Gedanken bezieht er nun dezidiert auf das Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft. Eines seiner Argumente lautet: Religion ist unverzichtbar, weil sie von dem Wahn befreit, alles sei machbar und verfügbar. Nur in der dann erreichten Freiheit und Selbstbescheidung werden lebendiges Gespräch und Diskurse möglich, die unerlässlichen Bedingungen für funktionierende Demokratie. Diese Überlegung ist eine interessante Anwendung des oft zitierten und leider ebenso oft vergessenen Satzes, dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er nicht selber erschaffen kann. Oder, wie es auf Vorschlag der Kirchen in der Mecklenburg-vorpommerschen Landesverfassung heißt: Politische Verantwortung wird im Wissen um die Grenzen menschlichen Tuns wahrgenommen.

Andere Argumentationslinien, so hebt Rosa nach meiner Erinnerung in dem Interview hervor, beziehen sich auf den Abschied von der Vergötzung des grenzenlosen Wachstums und auf den Verzicht jeder guten Religion auf einen Absolutheitsanspruch, die Behauptung allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Ich bin gespannt, ob ich von diesen zuletzt genannten Überlegungen überzeugt sein werde, wenn ich das Buch gelesen habe. Sicher kann man gerade hier Unbehagen gegenüber der Religion empfinden. Nicht zuletzt gegenüber der christlichen, weniger vielleicht gegenüber dem Judentum. Jüdisches Denken, soweit ich es verstehe, lebt von der Einsicht: Es gibt auf alles noch mindestens einen anderen Blick. Auf alles.

Frauenkirche – Dresden

Aber ja, Demokratie braucht Religion. Weil, so möchte ich ergänzen, weil sie von Illusionen befreit und vor jeder Form von Selbstgerechtigkeit bewahrt. Wie sehr wünsche ich mir, dass diese Religion unser Zusammenleben prägt. Viele der wohlfeilen Reden über den notwendigen Zusammenhalt in der Krise würden sehr viel überzeugender werden, wenn sie sehr viel weniger selbstgerecht wären, statt dessen geprägt von echter historischer Bildung und kluger Lebenserfahrung. Wenn ein Richard von Weizsäcker oder ein Hans von Dohnanyi die letzte präsidiale Rede gehalten hätte und nicht der aktuelle Bundespräsident.

Warum, so muss ich bitter fragen, warum ist es so schwer, ungeschminkt über die Mitschuld des Westens am Krieg in der Ukraine zu sprechen? Mitschuld nicht in dem lächerlichen Sinn, zulange zu vertrauensselig gegenüber Moskau gewesen zu sein, sondern, weil umgekehrt ein Schuh daraus wird: im Eingeständnis der – milde gesagt – Halbherzigkeiten und der – schärfer formuliert – vielen Verlogenheiten in der westlichen Russlandpolitik. Vor der Krimannexion Russlands, um nur dies in Erinnerung zu rufen, hat es ja durchaus Möglichkeiten gegeben, eine friedliche und einvernehmliche Lösung des Problems zu finden. Es sollte nicht sein. Wie es auch nicht sein sollte, die Bereitschaft des ukrainischen Präsidenten über eine Neutralität des Landes, den Verzicht auf die Krim und eine Autonomie des Donbass zu verhandeln für eine frühzeitige Konfliktlösung zu nutzen, wenigstens für den Versuch. Ich kann mich nicht frei machen von Fontanes ernüchternder Einsicht: Sie reden von Gott, meinen aber Baumwolle. Sie reden von Völkerrecht, Freiheit und Menschenrechten, meinen aber die ökonomischen Interessen hegemonialer Globalpolitik US-amerikanischer Provenienz.

Liebe Bettina, an dieser Stelle muss ich eine späte Reaktion geben auf Deinen Text über „Beredtes Schweigen“ in Deinem Blog. Das Schweigen über die Schuldigen an der Zerstörung der Nord Stream – Pipeline ist ja nun wirklich sehr beredt. Nach Präsident Bidens Ankündigung Nord Stream 2 zu beenden – erinnere ich mich recht, dass er „killen“ gesagt hat? -, Wochen vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, hatte ich meinen hiesigen Bundestagesabgeordneten gebeten herauszubekommen, ob damit eine Bombardierung von Lubmin durch amerikanische Bomber gemeint ist. Leider hat er mir keine Antwort gegeben. Nun ist zu hören, dass aus Rücksicht auf befreundete Geheimdienste noch (?) keine Informationen gegeben werden können. Ich kann es nicht fassen. Wo bleiben nun die vollmundigen Ankündigungen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden? Oder wusste der polnische Sejm-Abgeordnete doch mehr, der gleich nach Empfang der Nachricht von der Zerstörung der Pipeline twitterte: „Danke Amerika!“

Demokratie braucht Religion. Religion hilft, mich von Lebenslügen zu befreien. Die wirklich gefährlichen Lügen sind diejenigen, die ich für Wahrheit halte, wie Friedrich Nietzsche sagt. Mehr und mehr denke ich, dass die transatlantische Partnerschaft – oder muss man besser von der deutschen Vasallentreue gegenüber Amerika sprechen – so eine gefährliche Lebenslüge ist, die uns den ungeschminkten Blick auf die Wirklichkeit verbaut und erst recht den nötigen anderen Blick. Überdies fürchte ich – ja, wirklich, ich fürchte das! -, dass Eugen Ruge recht hat, wenn er in seinem Artikel in der FAZ am 3.11. schreibt, dass man mitunter fast glauben möchte, in Deutschland gebe es „so etwas wie Erleichterung darüber zu spüren, dass sich der wahre Charakter des Russen nun endlich offenbart hat und dass, endlich, 77 Jahre danach die Zeichen historischer Schuld an der Stirn eines anderen erscheinen.“ Anders kann ich mir manche der dummdreisten Äußerungen über Putin und Russland nicht erklären, die ich hier gar nicht wiederholen will. Nachträgliche Dementis – nicht so gemeint, falsch verstanden! – machen die Sache eher noch schlimmer. Danke übrigens, liebe Bettina, dass Du mich auf diesen Text von Eugen Ruge aufmerksam gemacht hast! Er spricht mir in vielem aus dem Herzen.

Die Politik und die öffentliche Meinung in anderen, mir nahe stehenden Ländern außerhalb Europas werden derzeit bestimmt von einer deutlichen Verurteilung des russischen Angriffskrieges, der als Ausdruck eines russischen Imperialismus verstanden wird. Aber ebenso von einem großen Misstrauen gegenüber dem ukrainischen Nationalismus und den Kräften, die ihn fördern und ausnutzen. Ich bin ziemlich sicher, dass die deutsche Politik der bedingungslosen Solidarität mit Kiew nicht zuletzt auch zum Schaden für die Ukraine ist. Dass auch Moskau sich fragen lassen muss, warum es nicht gelungen ist, Ängste der Nachbarn abzubauen und ein attraktiver, einladender Partner zu werden, sondern statt dessen völlig untaugliche und nur zu verurteilende Mittel zur Konfliktlösung anzuwenden, versteht sich ja von selbst. Aber das steht auf einem anderen Blatt, das nicht hier zu schreiben ist.

Demokratie braucht Religion. Ich freue mich auf die Lektüre dieses Buches! Und bin gespannt, ob Religion für Hartmut Rosa auch darum gebraucht wird, weil sie uns Hoffnung schenkt. Die Hoffnung, dass es neue Möglichkeiten gibt, wo wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten gelangt sind. Weil sie neue Perspektiven eröffnet, immer wieder auch den schon erwähnten anderen Blick. Und weil sie uns Gelassenheit schenkt, heute, wo Hysterie und Panik Hochkonjunktur haben, vielleicht die wichtigste Tugend religiöser Lebenshaltung.

Stadtpfarrkirche Lebus

Hartmut Rosa spricht in dem Interview darüber, dass das Hören die wichtigste Tätigkeit ist, zu der die Religion uns veranlassen will. Hören in dem doppelten Sinn, den die englische Sprache besser ausdrückt, die zwischen to listen und to hear unterscheiden kann, vielleicht ein wenig vergleichbar dem Unterschied zwischen Hören und Horchen im Deutschen. Ein eher aktives und ein eher passives Hören, wie es in allen Religionen im Gebet seinen Ausdruck findet. „Höre Israel“ – so beginnt das grundlegende Gebot jüdischer Frömmigkeit, vorbildlich für alle Religionen!

Zum Hören gehört auch das – hoffentlich rechtzeitige – Auf-hören. Und, liebe Bettina, wie Recht hast Du damit, das Schweigen! Und zu jeder guten Religion gehört die Barmherzigkeit der sanften Lethe – ich habe Dir schon geschrieben, wie sehr mich die poetische Kraft Deines Gedichtes ganz unmittelbar berührt hat. Jedes einzelne Wort stimmt und steht am richtigen Platz. Hab noch mal Dank dafür (und überhaupt )

Sei lieb gegrüßt mit besten Wünschen zum 10. November und für Dein neues Lebensjahr, ein hoffentlich friedlicheres Annus Domini

Dein Christoph

Christoph Ehricht: Protestantisches Unbehagen im Umgang mit dem Begriff Religion. In: Jörg Zimmermann u.a. (Hrgb.) Sinn und Sein. Schriftenreihe der Gesellschaft für Logotherapine und Existenzanalytische Psychotherapie Bd.1, S. 17 – 23 Lengerich 2015

Hartmut Rosa: Demokratie braucht Religion. Kösel-Verlag München 2022

Eugen Ruge: Warum Völkerhass niemals nützlich sein kann. FAZ 3.11.2022

(Un)fassbar schön

Bettina Zarneckow

Was mir mein Herz bewegt, fließt ein in die Gedanken. 
So kommt's, dass meine Hand die deine sucht.
Schon lang vertraut umschließen sie einander,
entflammt, was schweigend im Verborgenen ruht.

„Und alle Lust will Ewigkeit –, – will tiefe, tiefe Ewigkeit!“ *

„…und erfährt sich doch als Augenblick.“ **

* „Also sprach Zarathustra“, Friedrich Nietzsche ** „Einführung in das Christentum“, Joseph Ratzinger

Beredtes Schweigen

„Es gibt keine beredtere Sprache als das Schweigen.“ So empfing mich vor kurzem ein Freund. Ein Spruch aus der Tageszeitung, der es ihm wahrlich angetan hatte und gleich in sein Büchlein notiert wurde. Aus seinen Augen sprühte Begeisterung. Offensichtlich fühlte er sich in der Annahme bestätigt, dass seine inzwischen eingeübte Taktik, Menschen aus seinem engeren Umfeld mit Standhaftigkeit zu beschweigen, richtig sei. Über den Sinn dieses Satzes wollte ich erst einmal nachdenken und zeigte mich mäßig mitgerissen. Schließlich zähle ich auch zu besagtem Umfeld.

Es gibt unzählige Sprüche zum Thema Schweigen:

Ach, selbst das weiseste Sprichwort irrt: Nicht alles ist Gold, was geschwiegen wird!“ Oskar Blumenthal

Man soll schweigen oder Dinge sagen, die noch besser sind als das Schweigen.“ Pythagoras

Manchmal ist es besser zu schweigen und als Idiot verdächtigt zu werden, als zu reden und damit alle Zweifel zu beseitigen…“ Abraham Lincoln

Schweigen kann sowohl zum Positiven, als auch zum Negativen eingesetzt werden. Genauso wie es wohltuend zur Kenntnis genommen werden kann, aber auch manchmal zu erleiden ist.

Ich rede gern. Es ist doch angenehm, wenn man das Interesse des anderen spürt, befragt wird und von sich erzählen kann. Oder mit seinem Wissen und seinem Rat dienen kann. Außerdem ist die deutsche Sprache viel zu schön, um verschwiegen zu werden. Man kann sich so wunderbare Dinge sagen, spontan und spritzig aus der Situation heraus oder wohlüberlegte und charmant in Worte gehüllte Liebenswürdigkeiten.

Aber es gibt auch Zeiten, da möchte ich einfach schweigen – in mich hineinhören, ausruhen, Gedanken spinnen, keine Reden eines anderen verarbeiten müssen, genießen, ein Geschehen ungestört verfolgen, Zweisamkeit auskosten, ohne ein Wort was sie zerstört.

Wer hat nicht schon die Stille in Wäldern gesucht. Oder am Meer, wenn das Wasser ohne Regung ruht, dennoch sanfte Wellen gleichmäßig an Land spülen. Für mich ist die Stille in den Hochlagen der Gebirge überwältigend und unendlich friedlich. Sie hat eine entbergende Wirkung auf Empfindungen. Alle Sinne sind plötzlich offen für das Zwiegespräch mit der Natur im Bedenken des eigenen Daseins. Ein wohltuendes Ordnen der Gedanken und Gefühle setzt ein, wie es woanders wohl nicht gelingt. Und wie heilsam kann das sein!

Auf dem Weg zum Schneibstein

Schweigen hinnehmen zu müssen, kann kränken und zermürben. Besonders, wenn man den Grund dafür nicht kennt oder nicht einsieht.

Was hast du? Klage, solange du willst, nur das Schweigen ist mir unausstehlich.“ Johann Wolfgang von Goethe

Mein Vater konnte nach einem Streit wochenlang schweigen. Schweigen, um Macht auszuüben? Es gibt Schweigen aus Bequemlichkeit, vielleicht auch, um etwas Unangenehmes auszusitzen. Schweigen aus Unsicherheit, zum Beispiel bei Todesfällen – aus eigener Erfahrung weiß ich, wie sehr man auf Zuspruch angewiesen ist.

Wie ist es mit Freundschaften, in denen sich nichts tut, von beiden Seiten, meist unbedacht, Stille herrscht? Die Sprachlosigkeit in einer Familie oder zwischen zwei Menschen, die unbedingt beendet werden sollte, wenn Wert auf den Bestand der Beziehung gelegt wird. Zu langes Schweigen verursacht ungute Gedanken und baut völlig unnötig Mauern auf, die es immer schwerer wird zu überwinden.

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps 39,5)

Irgendwann ist es zu spät, jemandem sagen zu wollen, was unbedingt hätte gesagt werden müssen oder man gern gesagt hätte. Wieso fallen Menschen wichtige Dinge oft erst am Grab ein? Ist man manchmal dann erst frei, etwas zu gestehen?

Schweigen zu überwinden, kostet Mut und Kraft. Wie reagiert der andere auf die Annäherung? Reagiert er überhaupt? Strapaziert man die Nerven seines Gegenübers, weil er wenig Interesse hat? Man setzt sich aus mit seinem Bemühen und wird entweder belohnt oder schmerzhaft belehrt.

Wenn ich auch ein vorsichtiger Mensch bin, will ich doch vom Positiven ausgehen und in allem Schweigen kein Verletzenwollen sehen. Es gibt eben auch das Schweigen, um zu schonen, um Zustimmung auszudrücken, um jemandem Ausruhen und Durchatmen zu ermöglichen. Oder um ihn im wohlverdienten Schlaf, sein Herz heilen und seine Seele zur Ruhe bringen zu lassen.

Weil ein Irren im Anwenden auch möglich ist, sollte man den richtigen Einsatz des Schweigens im Laufe des Lebens üben. Zum Schluss noch diese Gedanken: Im Schweigen kann man sich sammeln, im Reden sich zuweilen zerstreuen.

Wann habe ich das letzte Mal geschwiegen? Ah ja, ich erinnere mich. Es war hinreißend. Aber darüber möchte ich lieber schweigen.

Bettina Zarneckow

Deutschland ist noch lange nicht am Ar***

Ein Beitrag zum Tag der deutschen Einheit

Am 26.9.22 wurden von den Dänen und Schweden drei und am 29.9. dann noch ein weiteres Leck an den Pipelines NordStream 1 und 2 aufgrund planmäßiger Zerstörung festgestellt.

Was geschah noch? Am 21.9. hatte der russische Präsident die Teilmobilmachung für 300.000 Reservisten angeordnet. Am 22./23.9. begannen in Teilen der von Russland besetzten Ostukraine Abstimmungen, die am 30.9. zu ihrer Inbesitznahme durch Russland führten.

Aus der Reihenfolge der Ereignisse (21.9.,22.9.,26.9.,29.9.,30.9.) werden Experten aus Ost und West Geschichten spinnen. Und wenn in 500 Jahren Archäologen nur diese Zahlen zur Verfügung haben, werden sie einen Zusammenhang konstruieren.

Wobei der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes Dr. August Hanning schon jetzt der Überzeugung ist, dass die Hintermänner des Angriffes auf die Pipelines herauskommen werden.

Deshalb begnüge ich mich mit der Wiedergabe der Äußerung eines Experten und überlasse es meinem Leser, selbst seine Schlüsse zu ziehen.

Russland wisse, dass es keine Energie mehr über die Pipelines liefern wird, weil sie von Westeuropa nicht abgenommen wird. Deshalb sei ihre Zerstörung als eine Drohung der Russen zu betrachten. Die in der Ostsee und anderswo ruhenden Pipelines wie Baltic Pipe und Kabel könnten jederzeit zerstört werden, so der Russlandexperte Nico Lange, ehemals CDU-Mitarbeiter. Ich verzichte auf die Zitierung weiterer Erklärungen, auch solche mit einem Hin und Her des angeblichen Abwägens der Argumente. Immer und ohne jede Ausnahme aber wird durch unsere Experten in den öffentlichen Medien Russland im Ausschlussverfahren als ein anzunehmender Saboteur dargestellt.

Die immer unruhiger werdenden Massen mit ihren Demonstrationen in Deutschland und Tschechien kommen in den Argumentationsketten nicht vor. Ich übernehme die Rolle des advokatus diaboli.

Mich interessiert, wie Deutschland reagieren wird.

Nicht nur Russland als Exporteur, sondern auch Deutschlands Energieversorgung wurde angegriffen. Deutschland wird als Industriestandort zugrunde gehen, wenn Gas und Strom nicht mehr bezahlbar sind.

Andere Staaten mit billigerer Energie werden aufblühen. Warum eigentlich nicht? Gibt es jemanden, der in Deutschland mit seiner irrenden und wirrenden Außenministerin so denkt?

Denken Teile der Bundesregierung so?

Ich wage mutig ein dickes Nein.

Der Niedergang Deutschlands und damit dann wohl auch von Westeuropa, wie wir es kennen und lieben, muss nicht sein.

Die erste Reaktion der Bundesregierung, ungerührt von dem Angriff auf die Pipelines, die Verteidigungsministerin Lamprecht nach Odessa zu schicken, durch Schützengräben kriechen zu lassen und als Mitbringsel dem ukrainischen Verteidigungsminister das Luftabwehrsystem Iris-TSLM zu versprechen, widerspricht nicht nur dem Recht der Deutschen auf Verteidigung durch die Bundeswehr.

Es geht nicht nur darum, dass die Bundeswehr dann das Luftabwehrsystem im Gegensatz zur Ukraine nicht besitzt. Ein Abwehrsystem, das in der Lage ist, eine Großstadt über eine Weite von 40 km komplett gegen Raketenangriffe der angeblich immer aggressiver werdenden Russen zu verteidigen. Vielmehr muss die Botschaft an den (noch) unbekannten Saboteur, der wem auch immer helfen will, eindeutig sein. Absage des Besuches der Verteidigungsministerin und das Verbleiben des Luftabwehrsystems in Deutschland wäre ein erster Schritt gewesen.

Die Botschaft an alle Staaten, die als Saboteure in Frage kommen, darf darüber hinaus nur sein:

Wer Deutschlands sensible Infrastruktur, die Option der Lieferung von Energie aus Russland, gefährdet, muss mit Reaktionen der Deutschen rechnen. Die Deutschen werden erstmal alles herunterfahren oder gar stoppen, um Zeit zur Prüfung und Besinnung zu gewinnen. Und sie werden es in Kauf nehmen, dass sich daraus für Russland ein Vorteil ergeben könnte. Übrigens hätte Präsident Selenskij dann einen wahren Grund zur Klage.

Und damit würde Deutschland etwas beginnen, was schon längst hätte geschehen müssen.

In dem von Boykotts und Sanktionen der EU-Staaten begleiteten Waffenkrieg kann es nicht richtig sein, dass Einige mit ihrer Wirtschaft Riesengewinne (Habeck) erzielen und ihre Verbündeten am langen Arm verhungern lassen. Voller Heuchelei – und „das Verhungern“ so verteidigend – klagen zudem einige EU-Staaten und die Ukraine die Ostpolitik der Deutschen an. Sie habe wesentlich zum Ausbruch des Krieges beigetragen.

Eine Politik also, die nicht nur das deutsche Wirtschaftswunder durch den Handel mit der Sowjetunion/Russland, sondern auch die Wiedervereinigung ermöglichte, wird beklagt.

Überforderte und angeschlagene deutsche Spitzenpolitiker beantworten die vielfältigen Angriffe, nicht zuletzt die Ausladung ihres Präsidenten, mit Entschuldigungen – deutsche Appeasementpolitik. Meine Tochter empfahl die Verwendung der Formulierung „sich in den Arsch treten zu lassen“.

Hat Deutschland aus seiner Geschichte nichts gelernt, Herr Präsident? Und ist vielleicht die Sabotage der Pipelines eine Folge davon?

Die weitere Reaktion auf den Angriff auf die Pipelines kann nur sein, dass Deutschland fordert, was Deutschland sowieso zusteht: Zwischen den verbündeten Teilnehmern eines Wirtschaftskrieges ist ein Ausgleich des Schadens vorzunehmen. Bei Sanktionen entsteht regelmäßig für beide Seiten und nicht nur für den Gegner ein Schaden. So auch Daniela Sarau in „Die aktuellen Wirtschaftskriege der EU“, Januar 2015.

Deutschland zahlt gegenwärtig für seine Energie 40,8 %, für Lebensmittel 11,8 % mehr als 2021. Problem: die USA zahlen bei der Energie wesentlich weniger. Bei einer derzeitigen Inflationsrate von 10,9 % bedeutet dies alles nicht nur die Verlagerung von Betrieben nach Übersee (zur billigen Energie) oder ihre keinesfalls vorübergehende Schließung (Habeck) in Deutschland, sondern auch die von Frau Baerbock visionär schon vor einigen Monaten angekündigten Unruhen.

Wenn es nicht gelingt, die Gewinner unter den Verbündeten wie den USA zu einem Ausgleich zu veranlassen – z.B. zu akzeptablen Energiepreisen – sollte Deutschland seine Beteiligung am Wirtschaftskrieg massiv reduzieren und dann beenden.

Quelle: zdf.de

Ein stellvertretender Ministerpräsident namens Alexander Nowak von Russland hat schon erklärt, dass die Pipelines wieder funktionsfähig gemacht werden könnten. NordStream 1 und 2 sind zu reparieren, selbst wenn die USA die Reparaturschiffe dann sanktionieren werden – eine schöne Nagelprobe. Die USA können es sich nicht leisten, dass Deutschland und damit die EU schlapp machen. Nach der Annexion von 15% der Ukraine durch Russland – „keine Verhandlungen“ hieß es immer wieder in den letzten Monaten nicht nur durch die Ukraine – ist eine baldige Beendigung des Krieges oder wenigstens sein Einfrieren nicht abzusehen.

Und Deutschland kann und darf sich nicht zum verlorenen Haufen (enfants perdus) durch Mächte verändern lassen, die Deutschland nach dem von unseren Experten so gerne zitierten Völkerrecht nichts zu sagen haben.

Reinhart Zarneckow unter Mitwirkung von A. Zarneckow

Die Strategie Selenskijs schadet Deutschland

Bei der ukrainischen Armee handelt es sich nach neuerer Darstellung der Medien um die zweitstärkste Europas, trainiert und ausgerüstet durch die USA und England seit 2015. Angesichts der jüngsten militärischen Erfolge der Ukraine gegen die Russen bei Charkiw hat der Präsident Selenskij offenbar wohlbedacht verkündet, „jegliche Verhandlungen mit Russland bis auf Weiteres“ abzulehnen, FAZ, 19.09.22.

Der Chef seines Büros Podolyak präzisiert, dass die Russen keine Atempause erhalten dürften. Es müsse verhindert werden, dass es durch Verhandlungen beim Status quo der russischen Geländegewinne bleibt, FAZ, 19.09.2022. Abzug der Russen aus der gesamten Ukraine einschließlich der Krim, danach Verhandlungen über die Herausgabe der Kriegsverbrecher und Zahlungen von Reparationen, das sind die jüngsten Forderungen aus Kiew an Moskau. Um den Russen endgültig den Garaus zu machen, fordert die Ukraine noch mehr schwere Waffen aus Deutschland, so die Panzerwaffe Leopard 2.

Der ehemalige Schauspieler und Jurist Selenskij hat zudem begriffen, dass er die Menschen in Europa, Amerika und Asien auf seiner Seite halten muss.

Im März 22 hatten sich die Kriegsparteien unter Vermittlung der Türkei schon fast verständigt. Die noch offenen Punkte schienen lösbar. Dann wurden Verbrechen in Butscha, einem Vorort von Kiew, aufgedeckt. Die scheinbar schon vor dem Abschluss stehenden Verhandlungen wurden durch die Ukraine abgebrochen. Wem nützte das? Wer sind die Kriegsgewinnler? Werden weitere Kriegsverbrechen nicht durch die Beendigung eines Krieges verhindert?

Jetzt werden in den Medien Verbrechen an der Zivilbevölkerung im Raum Charkiw vorgestellt, die von der ukrainischen Staatsanwaltschaft aufgedeckt worden sind. Sollen wir deshalb die Erklärung der Ukraine besser verdauen, dass sie keinerlei Verhandlungen mit Russland führen will?  

Der völkerrechtswidrige Angriff von Russland, die militärischen Erfolge der Ukrainer und die an der Zivilbevölkerung begangenen und von der UNO aufzuklärenden Verbrechen von Butscha und Charkiw  berühren intensiv das Gerechtigkeits- und Mitgefühl der Deutschen. So ist es ein edler deutscher Charakterzug und verständlich, dass sie sehenden Auges den Niedergang ihrer Wirtschaft, eine Energiekrise u.a. durch einen zum 31.12.22 vom Bundeskanzler Scholz angekündigten Uralölboykott meinen, hinnehmen zu müssen. 

Die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn dieselben nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, ist eine politische Krankheitsform, deren geographische Verbreitung sich auf Deutschland leider beschränkt.

Otto von Bismarck

Ich mache mir nichts vor, Herr Selenskij und nicht der deutsche Bundeskanzler erreicht gegenwärtig durch seine täglichen Appelle die Gefühle der Mehrheit der Deutschen.

Doch es gibt einen vielleicht auch nur scheinbaren Lichtblick. Beim Bundeskanzler waltet trotz vieler Anwürfe von Freund und Feind die Vernunft. Der Bundeskanzler hat ungeachtet der Erklärungen Selenskijs und ukrainischer militärischer Erfolge als deutsches Ziel angegeben, dass „es nicht zu einer Eskalation des Krieges zwischen der NATO und Russland kommt“, FAZ, ebd. Eine solche droht, wenn die jüngsten Erklärungen Kiews zur Rückeroberung der Krim ernst genommen werden.

In einem Video bei YouTube (16.09.22) wurde dem Leiter des Sonderstabs Ukraine, General Christian Freuding, die Frage zu einem Einsatz taktischer Atomwaffen durch Russland gestellt. Er habe keine Hinweise auf ihren beabsichtigten Einsatz. Das glaube ich gern. Es handelt sich um die Antwort eines Militärs. Er kann nicht auf die politisch und militärisch neu zu bewertende Lage eingehen, die sich aus der geplanten Rückeroberung der Krim durch die Ukraine ergibt. 

Die Krim gilt den Russen seit ihrer Sezession im Jahre 2015 und dem anschließenden Beitritt als Teil Russlands. Mehr oder weniger die Sezession unter völkerrechtlichen Aspekten bejahend, verweist Reinhard Merkel auf die 2008 erfolgte vergleichbare Sezession des Kosovo von Serbien, vom Westen damals militärisch und politisch unterstützt, von Russland stark kritisiert, FAZ 08.04.2014,“ Kühle Ironie der Geschichte.“

Als sogenanntes russisches Territorium könnte die Krim von den Russen nach ihrer Militärdoktrin, wenn es eng wird, mit taktischen Atomwaffen verteidigt werden. Deshalb besteht seit den neuesten Erklärungen von Selenskij ein konkretes atomares Risiko, was selbst dann zu Gesprächen der Kriegsparteien zwingen sollte, wenn die Russen nicht beabsichtigen, taktische Atomwaffen einzusetzen.

Die Legitimität der Verteidigung ist nicht mehr gegeben und wird ad absurdum geführt, wenn die Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungsmitteln besteht und seitens der sich gegen Russland grundsätzlich zu Recht verteidigenden Ukrainer der Weg von Verhandlungen ausgeschlossen wird, dazu auch Annette Kurschus, Vorsitzende der EKD ,FAZ 8.6.22 „Was liegt jenseits von Eden?“.  

Es hilft ein Blick in die Geschichte:

Zwischen den Atommächten Sowjetunion und den USA gab es seit den 60er Jahren (Kubakrise Oktober 1960, Mauerbau am 13.08.61) eine dem Gleichgewicht des Schreckens geschuldete stillschweigende gegenseitige Bestandsgarantie des Status quo. Beide Seiten wollten überleben, FAZ 19.04.22, Kielmansegg, „Putins Krieg“. 

Die Ostdeutschen wissen genau, welchen Kummer Atommächte machen können. Waren sie es doch, die sich am 13.08.61 nach der zwischen der Sowjetunion und den USA Juni 1961 in Wien erfolgten sehr rationalen Abstimmung plötzlich eingemauert in einem Staat mit sozialistischer dauerhafter Perspektive wiederfanden. 

Auf eine Bestandsgarantie des Status quo beruft sich Putin, weil Russland im Gegensatz zur Ukraine eine Atommacht ist. Er besteht darauf, dass Russland keine Regionalmacht (Obama) ist. Warum bereitet Russland sonst in Gebieten des Donbass Referenden vor? Es geht um die Sezession und Einverleibung weiterer Gebiete der Ukraine. Und der Westen kann nicht wählen, ob es die Atommacht Russland als solche anerkennen will oder nicht, weil das Prinzip vom Gleichgewicht des Schreckens weiterhin wirkt und zu respektieren ist. Die westliche Diplomatie sprich die USA haben versagt, wenn nicht gar schlimmeres, als sie im Dezember 2021 im vornherein jegliche Verhandlungen mit Russland über Vertragsentwürfe, die die Sicherheit in ganz Europa betrafen, entrüstet mit großem moralischen Pathos ablehnten. Angeblich warten nationalistische Hardliner in Moskau auf ihre Chance, Putin zu ersetzen, wie schnell würden sich die USA dann wohl verständigen wollen!

Das bestehende Risiko darf deshalb nicht mit dem schlauen Hinweis, Russland habe bei den ukrainischen Raketenangriffen auf Waffenarsenale und einen Flugplatz der Krim nicht reagiert, übergangen werden. Russland benötigt Zeit, um die Sezessionen zu betreiben und hört sich die Erklärungen des ukrainischen Präsidenten in Ruhe an. Am Ende verlässt sich Russland offenbar auf das Gleichgewicht des Schreckens, mögen Freund und Feind denken, was sie wollen.

Genau darauf ist der ukrainische Präsident hinzuweisen. Er sollte unbedingt verhandeln, solange es noch etwas zu verhandeln gibt.

Der Bundeskanzler würde deutsche Interessen unentschuldbar verletzen, wenn er das Risiko eines eskalierenden Atomkrieges zwischen dem NATO-Staat USA und Russland zulässt, ohne sich vorher eingemischt zu haben. Und wenn er wegen des Krieges in der Ukraine die deutsche Wirtschaft ruiniert.

Die Ukraine hatte im Übrigen seit 2015 mit Minsk 2, vermittelt durch die damalige Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Präsidenten Sarkozy, eine Chance, sich ohne Krieg mit Russland zu verständigen. Sie wurde von der Ukraine wie auch Russland nicht wahrgenommen. Vielmehr nutzte die Ukraine die Zeit, ihre desolate Armee neu aufzubauen. Deutschland mit Frau Merkel ließ den Bau von NordStream 2 vorsichtigerweise im Hinblick auf seine Energieabhängigkeit zu. Und Deutschland mit Herrn Scholz will die Gaspipeline jetzt, wo sie wegen des Krieges gebraucht wird, aus einer falschen Solidarität mit den Verbündeten und der Ukraine nicht nutzen? Lieber geht seine Wirtschaft zugrunde? 

Lässt sich Deutschland wegen seiner Ostpolitik von den Verbündeten weiterhin an den Pranger stellen? Gefährdet es seine Wirtschaft und überlässt es dem ukrainischen Präsidenten, Entscheidungen, die existentiell für alle Europäer sind, vermutlich in Abstimmung mit dem amerikanischen Präsidenten, zu treffen? Die Fragen stellen heißt, sie auch so zu beantworten. Umwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat nach den Plänen des amerikanischen Finanzministers Fred Morgenthau aus dem Jahr 1944, meinte die vorlaute Fürstin von Thurn und Taxis jüngst in einer Talkshow bei 3nach9 bei ihrem Gespräch mit di Lorenzo.

Wenn die Ukraine abgestimmt mit den USA wie angekündigt auf ihre legitimen Rechte an der Krim pocht, dann muss Deutschland – europäische Solidarität hin oder her – aussteigen und separat mit Russland verhandeln. NordStream 2 wird eröffnet, Deutschland wird sowieso von den Osteuropäern wenig geachtet, siehe die jüngste Entscheidung des polnischen Parlaments wegen Reparationsforderungen in Höhe von 1,3 Billionen Euro. Ohne Deutschland wird nichts in Europa laufen. Bei einem Tohuwabohu in Europa sind die Abgeordnetenwahlen für die Demokraten Bidens im November kaum noch zu gewinnen – der amerikanische Präsident sollte sich für Schritte zur Beendigung des Krieges in der Ukraine entscheiden, für Gespräche mit Putin benötigt er nicht die Zustimmung von Kiew.

Scholz muss ernsthaft mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen.

Reinhart Zarneckow 

Politik – die Kunst des Unmöglichen?

Otto von Bismarck

Auf Bismarck wird die Erkenntnis zurückgeführt, dass Politik die Kunst des Möglichen ist. Ich habe im Internet nach einer genauen Quellenangabe gesucht, bin aber nur auf einer Seite der SPD gelandet, wo Willy Brandt als Kronzeuge der Richtigkeit des Bismarck-Satzes vorgestellt wird. Jedenfalls hat er sich wohl gerne darauf berufen zur Begründung seiner neuen Ostpolitik und des Programms „Wandel durch Annäherung“. Also sind wir in keiner schlechten Gesellschaft, wenn wir darüber nachdenken.

Aber lohnt sich das Nachdenken überhaupt noch? Ist nicht alles Schnee von gestern? Überholt durch die viel beschworene (und von manchen kalten und heißen Kriegern herbeigesehnte) so genannte Zeitenwende des 24.2.? Nein, ich will mich nicht verabschieden von dem Beharren darauf, dass Politik die Kunst des Möglichen ist und ich kann allen Verantwortlichen nur von Herzen wünschen, dass sie zu dieser Kunst zurückfinden, ehe es unwiderruflich zu spät ist.

Im Moment fürchte ich freilich, dass die Politik sich eher in der Kunst des Unmöglichen übt, ein aussichtsloses Unterfangen. Unmöglich war im Vorfeld des Krieges eine Politik der Nachbarstaaten, Russland und die Russen am liebsten auf den Mond zu schicken, die russische Sprache zu verbieten, die russische Kultur zu eliminieren, Faschisten zu Nationalhelden zu verklären, den russischen Export von Gas und Öl mit immer neuen Konditionen zu erschweren oder die Rechtsgrundlage gültiger Verträge nachträglich einseitig zu verändern. Die wiederholten Beteuerungen des Westens, nach dem Ende der Nachkriegsordnung eine neue Sicherheitsstruktur nicht ohne, nicht gegen, sondern mit Russland entwickeln zu wollen, mussten leider in Moskau als reines Lippenbekenntnis betrachtet werden, nicht zuletzt wegen diverser Taschenspielertricks bei der NATO-Osterweiterung oder eines neuen Schutzschildes in Polen zur Abwehr iranischer Raketen! Eigentlich sind alle diese Geschichten zu ernst für eine polemische Erzählung, aber wieder einmal ist es schwer, keine Satire zu schreiben.

Interessenausgleich wäre das Gebot der Stunde gewesen. Die Ukraine hätte eine sehr gute Zukunft gehabt als Brücke zwischen der EU und Russland. Es war nicht gewollt – oder durfte nicht gewollt werden. Statt dessen wurde der Entwurf eines Beitrittsabkommen mit der EU ausgehandelt, in dessen Zentrum die rüstungs- und verteidigungspolitische Zusammenarbeit stand, abweichend von allen bislang üblichen Vertragsformularen und unmöglich vom damaligen Präsidenten in Kiew zu unterzeichnen. So kam der Stein ins Rollen. Die symbolträchtigen Fotos einer US-Senatorin, die auf dem Kiewer Maidan Brötchen zur Verpflegung der Demonstranten schmierte und dabei für ihre einheimischen Medien posierte, stehen mir oft vor Augen.

Unmöglich ist jetzt der eher selbstmörderische Versuch, durch Sanktionen den Aggressor im Moskauer Kreml zum Einlenken zu bewegen. Oder durch immer mehr Waffen, die einen Krieg nur verlängern, die Konflikte aber nicht lösen werden können. Waffenlieferungen, die übrigens alle durch Kredite – oft abgesichert durch ukrainisches Land, der Kornkammer Europas! – finanziert sind und die Ukraine über Jahrzehnte hinaus fesseln werden. (Russland hat als Rechtsnachfolger der UdSSR seine letzten Schulden aus dem lend / lease – Abkommen mit den USA von 1941 im Jahr 2006 bezahlt…)

Eigentlich sollte auch die Ukraine kein Interesse daran haben, dass bei ihren neuen Verbündeten alle Lichter ausgehen. Die Gefahr ist jedoch groß, weil auch hier die Politik jedenfalls in Deutschland Unmögliches versucht: zum Beispiel ein gigantisches Wiederaufrüstungsprogramm bei gleichzeitigem überstürztem Ausstieg aus fossilen Energiequellen, angeblich zur Verringerung der Abhängigkeit von Russland, aber wohl doch eher aus ganz anderen Gründen. Viele sehen mit Sorge, dass unser Land wie die untergehende DDR von der Substanz lebt ( und dass wie damals nur eine Meinung richtig sein darf… An dieser und manchen anderen Stellen kommt in Diskussionen übrigens mein „ceterum censeo carthaginem delendam esse“: Im übrigen bin ich der Meinung, dass NordStream 2 in Betrieb genommen werden muss. )

Schließlich, für diese Feststellung bedarf es keiner prophetischen Gaben: Unmöglich wird es auf Dauer sein, dass die NATO von Russland nicht als Kriegspartei betrachtet wird, solange sie die ukrainischen Soldaten mit ihren Waffen versorgt und für ihre Interessen kämpfen lässt. Wenn die Regierungen der Mitgliedsländer nicht bald ihre Politik wieder auf die Kunst des Möglichen ausrichten, wird es über kurz oder lang zum Knall kommen. Bestenfalls wird es dann in Europa Zustände wie im Irak, in Lybien, Syrien oder Afghanistan geben.

Nein, nur eine Politik mit Besonnenheit und Augenmaß ist jetzt gefragt, eben die Kunst des Möglichen. Sie wird zum Abschied von manchen Illusionen und Lebenslügen führen müssen, bei uns in Deutschland, aber auch bei unseren östlichen Nachbarn. Auch zu einer Abkehr von der transatlantischen Vasallentreue, die blind dafür ist, welche strategischen Ziele und welche ökonomischen Interessen dort in Wahrheit verfolgt werden. Deutschlands Freiheit wurde nicht am Hindukusch verteidigt und jetzt wohl kaum am Dnjepr. Fontanes bitterer Satz über die englischen Politiker des Kolonialzeitalters „Sie reden von Christus, aber sie meinen Baumwolle“ müsste heute sicher lauten: Sie reden von europäischen Werten, aber sie meinen Weltmacht.

Natürlich, auch der Kreml muss zurückfinden zu einer Politik, die sich in der Kunst des Möglichen übt. Der Versuch, die Ukraine mit Waffengewalt von ihrem Westkurs abzubringen und zurück zu gewinnen, muss scheitern, weil er nicht nur verbrecherisch und töricht, sondern weil er unmöglich ist. Präsident Putin war klüger, als er vor gar nicht so langer Zeit in Abwandlung eines Satzes von Mark Twain sagte: Wer den Untergang der Sowjetunion nicht betrauert, hat kein Herz. Wer ihre Wiederherstellung anstrebt, hat keinen Kopf. Der Westen wäre gut beraten, ihn auf einem Weg zurück zu dieser Klugheit zu begleiten.

Leicht wird dieser Weg für keine der beteiligten Parteien sein. Einfache Lösungen wird es nicht geben. Aber nicht umsonst hat Bismarck ja das Wörtchen „Kunst“ verwendet, als er seine politische Handlungsmaxime beschrieb. In einer schwierigen diplomatischen Verhandlung soll er einmal in einer Beratungspause zur deutschen Delegation gesagt haben: „Wir sind die Stärkeren. Wir müssen nachgeben.“

Vielleicht passiert ja hinter den Kulissen mehr als wir wissen. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben.

Christoph Ehricht

Sanfte Lethe

Schutzgott der Liebe, der in mir waltet, 
und deine Flanke dir offen ließ.
Ich kann ihn nicht verraten. 
Doch du hast's längst getan,
ihn schweigend begraben, das Schicksal gebogen. 
Gib mir vom Wasser der Lethe zu trinken.
Ich will vergessen - Kümmernis, doch Liebe auch.
Verbluten wird aller Schmerz 
und alles Sehnen wird ein Ende haben. 
Wie einst - als Fremde - will ich erneut dich finden 
und ahnen von dem was war.
Unsere Stimmen vernehmen ihren Klang, wie aus ferner Zeit. 
Wie die Seelen, ähnlich gefärbt, 
wird der Geist staunend sich selbst im anderen erkennen.

Verwehtes trägt vertrauten Glanz.

Bettina Zarneckow

Sicherheit und Gewissheit

Eine alte Seemannsregel lautet: „Eine Hand fürs Leben, eine Hand fürs Schiff.“ Wer mit beiden Händen das gleiche täte, brächte entweder sich oder das Schiff in Gefahr. Der gedankliche Vergleich zwischen der Entscheidungssituation auf dem Wasser und der an Land wird in dem Satz beschrieben: „Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand.“ Zwei Sätze, die mit der lebensbedrohlichen Situation auf hoher See verbunden sind und uns vor Augen führen, dass wir eine Antwort auf die Frage finden müssen, wie Sicherheit zu gewährleisten ist bzw. welche Gewissheiten wir haben können. Nun sind Sicherheit und Gewissheit nicht dasselbe, auch wenn sie sich mit der gleichen Frage befassen, welche Antwort wir auf die Wirklichkeit der Gefahr finden können.

Die neuzeitlich dominante Einstellung ist der Wunsch nach Sicherheit. Sie scheint rational auf den ersten Blick überzeugender. Wer ein Auto kauft, wird sich überzeugen lassen, wenn der Hersteller Sicherheitssysteme verbaut hat. Deren Funktionsweise soll die Gefahren im Straßenverkehr abwenden. Würde der Hersteller sagen, er sei gewiss, dass das Auto die Insassen und andere Verkehrsteilnehmer schützen könne, würde er wohl weniger Käufer überzeugen können. Wir wollen es genau wissen. Das scheint der rationale Weg zu sein. Ob man aber auch in solch einem Auto mit sämtlichen Sicherheitssytemen einen Unfall erleiden wird, kann niemand sagen, weil es ungewiss ist.

Was ist der Unterschied? Sicherheit heißt im Latein securitas. Wer diesen Begriff googelt, erhält natürlich sofort Suchergebnisse von Sicherheitsfirmen, die sich gerne den lateinischen Namen geben, auch wenn die meisten ihrer Kunden kein Latein beherrschen. Gewissheit heißt im Latein certitudo. Securitas ist ein compositum, ein zusammengesetztes Wort aus sine und cura. Übersetzt heißt das ohne Sorge. Der preußische König nannte sein Anwesen in Potsdam so, allerdings in Französisch sans souci. Das „Haus ohne Sorge“ macht immer wieder tatsächlich sorglos, darum passieren die meisten Unfälle auch im eigenen Haushalt. Ein Haus, das relativ sicher wäre, dürfte weder Türen noch Fenster haben, sagen Sicherheitsberater. Auch in und durch Autos mit Sicherheitssystemen passieren in Deutschland jedes Jahr immer noch rund eine halbe Million Unfälle mit zehntausenden Verletzten und tausenden Toten. Securitas ist auch ein gefährliches Denksystem. Sorglosigkeit ist das Einfallstor für den Teufel, sagt Martin Luther. Die Gefahr liegt in dem Wunsch, einen Bereich zu haben, der vor der Gefahr abgeriegelt ist. Das heißt im Englischen lockdown. Spaßvögel nannten den Schneefall im ersten Winter der Coronazeit Flockdown. Die Diskussion wurde darüber geführt, welches der richtige Weg sei, wie wir aus einem Lockdown wohl wieder herauskommen.

Certitudo ist ein anderes Denken. Gewissheit teilt nicht in zwei Bereiche, einen gesicherten, abgeschlossenen und einen unsicheren, offenen Bereich. Gewissheit geht davon aus, dass die Gefahr immer gegeben ist und wir ein äußeres Verhältnis dazu haben und ein inneres Verhältnis dazu bestimmen müssen. Dieses Denken geht davon aus, dass die Wirklichkeit kontingent ist, also die Gefahren und ihre Folgen immer eintreten können, aber nicht müssen. „Alles kann, nichts muss“, so beschreiben manche Menschen auch ihre Lebenseinstellung. Allerdings kann diese Einstellung nur der Wirklichkeit folgen, nicht umgekehrt. In Gottes Hand zu sein, wie es die alte Lebensweisheit bezeichnet, ist eine Frage der Gewissheit nicht der Sicherheit. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, meinten manche selbstsicher in der DDR. „Ohne Sonnenschein und Gott geht die LPG bankrott“ hielten andere dagegen. Sicherheit ist ein tiefsitzendes Bedürfnis und zugleich auch eine Gefahr, weil sie die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit entweder unter- oder überschätzt und man deshalb entweder leichtsinnig mit ihr umgeht oder sich angsterfüllt von ihr absondert. Gewissheit lässt den „Spielraum“ der Wirklichkeit bewusst zu und antwortet mit einer Haltung der Zuversicht und des Vertrauens. Certus, das Adjektiv, bedeutet gewiss, aber auch entschieden nach einem Kampf bzw. einer geistigen Auseinandersetzung. Etwas wird dadurch zur Gewissheit, weil die Auseinandersetzung damit ein klares Ergebnis gebracht hat. Wie zum Beispiel beim Gold waschen. Wenn in einem Fluss Gold gewaschen wird, ist erst nach dem Sieben und Scheiden klar, ob es dort Gold gibt, es bleibt nach dem Sieben und Waschen am Ende übrig. Wenn kein Gold übrig bleibt, ist es weiterhin der eigenen Erfahrung nach ungewiss, wenn aber andere Goldsucher im selben Fluss schon Gold gefunden haben, kann ich auch ohne Erfolg gewiss sein, dass ich die Chance auf einen Fund habe. Wir müssen also Gewissheit in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erst gewinnen. Das Streben nach Sicherheit setzt diese Auseinandersetzung im Grunde schon voraus. Einen Kampf gewinnt man leichter mit einem Überraschungsangriff. Viele Menschen vertrauen bei klarem Bewusstsein auf Gott und der Glaube wird auf dem Weg der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und der Glaubenstradition gewiss oder ungewiss. Sicher kann er niemals sein. Auch die Liebe und die Hoffnung sind Gewissheiten, keine Sicherheiten. Das Leben kann anders als mit den Gewissheiten des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung nicht bewältigt werden. Ob es die Liebe, vielleicht sogar die „große Liebe“ die sich gar nicht definieren lässt, wirklich gibt, scheint allgemein gewiss zu sein. Sicher und definierbar sind diese Dimensionen der Wirklichkeit nicht. Ohne ihre Definierbarkeit, also wörtlich verstanden „Abgrenzbarkeit“ müssen sie als ungesicherte Annahmen gelten.

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Es lässt sich das Thema des Atheismus, also die Aussage, dass der Welt Gott nicht gegeben oder offenbart ist, im Bereich der Sicherheit nicht beantworten, weil sich Gott nicht definieren lässt. Im Bereich der Gewissheit ergeht es dieser Frage, wie der Frage nach den entscheidenden Dimensionen der Lebensbewältigung, dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung, der Auferstehung von den Toten und der Ewigkeit, sie bleiben im Bereich der Gewissheit oder Ungewissheit. Die Gewissheit der Liebe ist möglich, die Sicherheit nicht.

GARTZ / 12.08.2022 / HILMAR WARNKROSS

Bin zurück!

Nach einer Urlaubspause bin ich nun zurück und freue mich, wieder am Blogleben teilzunehmen, Beiträge zu lesen, darüber nachzudenken und zu kommentieren. Hinter mir liegt eine wunderbare Reise durch Bayern und das Salzkammergut, bei schönstem Wetter und guten Kletterbedingungen.

Herzliche Grüße

Bettina

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Berchtesgaden

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St. Wolfgang

Erlebt das Reich des Bösen eine Wiedergeburt?

Europäische Studenten 2018

Ich muss von einem Erlebnis berichten, das mich in den letzten Tagen beschäftigt, besorgt, ein wenig ratlos und am Ende doch hoffnungsvoll gestimmt hat – und möchte gerne zum weiteren Gespräch und Nachdenken darüber anregen.

Am Rande eines Familienfestes war ich – meist eher widerwillig – an unterschiedlichen Diskussionen über die vielen aktuellen Streitthemen beteiligt. Widerwillig, weil ich zu oft erlebe, wie fruchtlos solche Gespräche gegenwärtig sind. Angst, Wut und sicher auch Hilflosigkeit stehen einem ruhigen Austausch von Argumenten und Gesichtspunkten gerade sehr im Wege. Das muss man aushalten, möglichst ohne die Gesprächspartner zu verdächtigen oder das Tischtuch zu ihnen zu zerschneiden. Der Hausherr, von dem in einer Kolumne die Rede war, weil er einen Freund zum sofortigen Verlassen seines Hauses aufforderte, nachdem dieser eine abweichende Meinung zum Krieg in der Ukraine geäußert hatte, möglicherweise die Frage, ob die bedingungslose Solidarität des Westens mit Kiew wirklich eine kluge und auch für die Ukraine gute Entscheidung war, ist für mich ein erschreckendes Symptom für eine früher so nicht gekannte Zerrissenheit und mentale Aggressivität in unserer Gesellschaft.

Darum wollte ich eigentlich auch schweigen, als auf unserem Fest die Ereignisse in der Ukraine angesprochen wurden. Zumal wir alle in unserem Entsetzen über diesen völlig sinnlosen russischen Angriffskrieg einer Meinung waren. Bei der Erörterung der Ursachen und der Bewertung von Gegenmaßnahmen gingen die Meinungen dann doch etwas auseinander, wie kaum anders zu erwarten war. Ich habe aufgemerkt, als eine jugendliche Teilnehmerin unserer Runde erklärte, für sie füge sich die russische Aggression ein in eine Strategie des Kremls, die seit langem geprägt sei von einem Kampf gegen Liberalität, Demokratie und Menschenrechte und die die gefährlichen rechtsradikalen Netzwerke in Westeuropa nach Kräften unterstütze.

O weh, gleich gingen mir viele Fragen auf einmal durch den Sinn: Erlebt jetzt etwa das Trauma von der russischen Gefahr, früher festgemacht von rechtskonservativen Kräften an einer kommunistischen Unterwanderung, eine Wiederauferstehung, diesmal im eher linksliberalen Milieu? Muss Dieter Süverküp seine „Erschröckliche Moritat“ vom Kryptokommunisten mit seinen Unterwanderstiefeln um- und neu schreiben? Geht es am Ende bei den Sanktionen und Boykotten doch nicht nur um die Abwehr der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine, sondern um eine viel grundsätzlichere Abgrenzung von Traditionen und Kulturen des Ostens, eine neue Mauer zum Schutz vor einem wiedererstandenen Reich des Bösen? Müssen wir darum miterleben, wie einseitig und undifferenziert wir informiert werden?

Davon, wie sehr solche Ängste vor einer russischen Gefahr wiederum wie seinerzeit im Kalten Krieg die wirtschaftlichen Interessen von Konzernen vor allem der Rüstungsindustrie bedienen, wenn auch nun unter umgekehrtem Vorzeichen, will ich hier gar nicht reden. Die Auseinandersetzungen um NordStream 2 sind ein lehrreiches und beklemmendes Beispiel dafür. Es gehört leider untrennbar zur Vorgeschichte des russischen Angriffs auf die Ukraine. Nebenbei: Ob es inzwischen wenigstens einigen der Akteure in der breiten Gegnerfront der Pipeline wie Schuppen von den Augen gefallen ist, wessen Interessen sie in Wahrheit bedient haben? Ich bin außerdem gespannt auf den Tag, an dem die Erbauer der Gasleitung die Rechnung für die auf dem Grund der Ostsee versenkten Milliarden aufmachen. Wer wird dann wohl für die Vertragsverletzungen bezahlen?

Nein, mir geht es heute um etwas anderes. Um es gleich deutlich zu sagen: ich lebe sehr gerne in der freiheitlichen und liberalen Gesellschaft und habe – noch! – Vertrauen in das Funktionieren des Rechtsstaates. Die antiwestliche Propaganda in Russland ist mir oft fremd und nur mit Mühe kann ich viele ihrer Motive verstehen. Ich glaube allerdings, dass sie genau so wirksam ist wie die seinerzeitige Propaganda in der DDR. Die zunehmende Gefährdung der Demokratie sehe ich daher weniger in Moskau oder in irgendwelchen von dort geförderten rechten Netzwerken, sondern eher bei uns selber, in den unserem westlichen Lebensmodell innewohnenden Widersprüchen: es lebt von dem Wohlstand, dessen ökonomischer und moralischer Preis hoch, zu hoch ist, als dass er auf Dauer Bestand haben und gerechtfertigt werden könnte. Auf dem Nährboden dieser Widersprüchlichkeit gedeihen dann die Ängste und Verwerfungen, mit denen wir es nun zu tun haben und die – pardon – ein gefundenes Fressen für Demagogen aller Couleur sind.

Alle, die sich dem Überlebenskampf der Demokratie verpflichtet fühlen, sollten also klug, besonnen und nüchtern die wirklichen Ursachen ihrer aktuellen Gefährdungen analysieren und ebenso klug, besonnen und nüchtern Alternativen entwickeln, statt an der Schimäre eines neuen Reiches des Bösen zu werkeln – so sehr die gegenwärtigen Machthaber in Moskau auch Gründe dafür liefern mögen. Wenn die mediale Meinungsbildung der letzten Jahre mehr von solchen Überlegungen und Fragen geleitet gewesen wäre als von der Sorge um Pussy Riot oder Alexei Navalny, stünden wir jetzt besser da. Im Blick auf den Ukraine-Konflikt bin ich im Übrigen unverändert der Überzeugung, dass eine friedliche Lösung möglich gewesen wäre, wenn der Westen sie wirklich gewollt hätte. Putin hätte nach seiner Rede im Deutschen Bundestag 2001 beim Wort genommen werden müssen durch ernsthafte Verhandlungen über eine europäische Sicherheitsstruktur mit Russland. Gorbatschows Vision vom gemeinsamen europäischen Haus war damals durchaus noch lebendig! Leider ist nichts dergleichen versucht worden, eher im Gegenteil. Jetzt ist das Kind im Brunnen. Die gebetsmühlenartig wiederholten Beteuerungen, dass wir keine Kriegspartei seien, verlieren mit jedem Tag an Glaubwürdigkeit.

Die nun nötige ehrliche Bestandsaufnahme wird zum Abschied auch von manchen anderen liebgewordenen Lebenslügen führen müssen. Unser westliches Lebensmodell kann keineswegs von einer selbstverständlichen Überlegenheitsgewissheit ausgehen. Und: hinter der viel beschworenen Wertegemeinschaft und der moralischen Entrüstung über deren vermeintliche Verletzungen durch andere ( immer nur durch andere! ) lauern oft genug in Wahrheit Scheinheiligkeit oder ganz andere, sehr handfeste Interessen.

Die Diskurskultur in unserer Gesellschaft sei bedroht, so erklärte etwas später die schon erwähnte jugendliche Teilnehmerin unserer Familienrunde. Bedroht nicht etwa durch cancel culture, sondern durch rechte Stimmungsmache, wenn zum Beispiel bestimmte Leute erklären, dass sie nicht mehr wagen zu sagen, was sie wirklich denken. Natürlich kann jeder und jede sagen, was er oder sie denkt, so brach es aus ihr heraus. Sie müssen nur darauf gefasst sein, dass wir sie dann nach Strich und Faden auseinander nehmen. Es gab einen Moment betretenen Schweigens, in den ich dann leise einwerfen konnte, dass eine bestimmt auch für die Rednerin unstrittige Autorität wie Moses Mendelssohn sicher ein anderes Verständnis vom diskursiven Suchen nach Wahrheit gehabt habe. Am Ende bleibe doch nur das Vermächtnis, das Lessings Nathan ihm in den Mund gelegt hat: Es nehme jeder seinen Ring und eifre seiner von Vorurteilen unbestochnen freien Liebe nach.

Ich bin froh, dass wir uns darüber im weiteren Verlauf des Gesprächs verständigen konnten. Das stimmt mich zuversichtlich und hoffnungsvoll. Wir können die vielen Probleme nicht lösen, aber – ein erster Schritt – unsere Einstellung zu ihnen ändern. Dann können wir hartnäckig und mit langem Atem Bundesgenossen für Wege der Vernunft und des Ausgleichs von Interessen suchen, in unseren Familien und Freundeskreisen, aber auch und nicht zuletzt bei und mit unseren Nachbarn im Osten.

Christoph Ehricht