Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung I Methnerstraße

Aufgrund meines Beitrages „Geschichten aus der Rathenaustraße“, Bettina Zarneckow, 16. Mai 2021, hatte ich bei Facebook vor einigen Tagen aufgerufen, mir ähnliche Erinnerungen zu senden, um sie vielleicht zu veröffentlichen. Den nicht ohne große Anteilnahme zu lesenden Bericht ihres vor wenigen Tagen verstorbenen Vaters Horst Kaczmarek hat mir seine Tochter Lona Nacke zugesandt. Ich werde ihn in mehreren Fortsetzungen veröffentlichen.

Bericht Horst Kaczmarek – Teil 1

Horst Kaczmarek (Foto privat)

„Die Rote Armee rückte immer näher auf Frankfurt zu. Der Wehrmachtsbericht meldete ständig Frontbegradigungen. An einen Endsieg glaubte in der Bevölkerung schon lange niemand mehr. Außer mir! Ich war gerade mal 16 Jahre alt und durch die Schule und die Hitlerjugend so manipuliert, dass ich mir gar nichts anderes als einen Sieg vorstellen konnte. Wer eine andere Meinung hatte und am Endsieg zweifelte, war ein Volksverräter, und der wurde mit dem Tode bestraft.

JANUAR 1945

Die Stadt Frankfurt (Oder) befand sich schon in einem Ausnahmezustand. Überall sah man Soldaten und Kriegsgerät, Schützengräben wurden eingerichtet, Straßensperren aufgebaut. Über die Oderbrücke zog ein nichtendenwollender Strom von Flüchtlingen seine Bahn, Pferdewagen, hoch beladen mit Hausrat und Gerätschaften. Auf manchen Wagen saßen obenauf alte Leute, die nicht mehr laufen konnten und weinende, kleine Kinder, die diese Welt und das, was da geschah nicht verstanden, angesteckt von der Angst der Erwachsenen.

Alle flohen vor der Front, vor der Roten Armee, von der Schreckensbilder gezeichnet wurden. Nicht alle Flüchtlinge hatten das Glück, einen Pferdewagen zu haben. Viele waren zu Fuß unterwegs und hatten nur einen Koffer oder einen Rucksack bei sich. Die meisten hatten kein Ziel vor den Augen. Sie wussten noch nicht einmal, wo sie die kommende Nacht verbringen konnten.

Am 27. Januar 1945 wurde die Stadt Frankfurt von Adolf Hitler zur Festung erklärt. Damit hatte die Wehrmacht das Sagen in der Stadt. Es war geplant, die Stadt für die Rundumverteidigung vorzubereiten und als Deckung für Berlin zu nutzen. Post und Zeitungen wurden nicht mehr zugestellt. Lebensmittel kaufen, war Glückssache, man musste wissen, wo noch ein Geschäft geöffnet war. Der Schulunterricht in Frankfurt war zuvor schon unregelmäßig erfolgt, da es den Schulen, unter anderem an Kohlen zum Heizen mangelte.

Am 4.Februar begann, auf Befehl des Festungskommandanten Biehler die Räumung der ersten Stadtteile. Wir, das waren meine Mutti und ich, bereiteten uns nun auch auf die bevorstehende Evakuierung vor. Vati war zu dieser Zeit dienstverpflichtet und musste in Oranienburg in einer Munitionsfabrik arbeiten.

Jeden Tag bin ich, mit einem Fernglas ausgerüstet, auf den Dachboden gestiegen. Von dort konnte man weit über die Oder schauen. Ich sah den Kleistturm am anderen Ufer der Oder und manchmal auch Flugzeuge der Luftwaffe, die in Richtung Osten flogen. Es waren Ju 87, sogenannte Sturzkampfbomber, die versuchten den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen. Eines Tages ging ich wieder auf den Dachboden und was musste ich sehen, oder besser nicht sehen?: Der Kleistturm war weg, einfach nicht mehr da. Die Soldaten der Wehrmacht hatten ihn gesprengt, weil er eine Orientierungshilfe für die Rote Armee sein könnte. Das bedeutete aber auch, dass die Front immer näher an die Stadt Frankfurt heran rückte. Das Leben in der Stadt wurde immer gefährlicher. Immer öfter konnte man die Detonationen von Granateinschlägen in bedenklicher Nähe hören.

Kleistturm

DIE EVAKUIERUNG

Es war Ende Februar, als der Befehl kam, dass alle Zivilisten die Stadt zu verlassen haben. Es herrschte das Kriegsrecht. Dem Befehl war also unbedingt Folge zu leisten. Auf dem Güterbahnhof, in der Hindenburgstraße stand ein Zug bereit. Unser Koffer war ja bereits gepackt und somit konnten wir auch gleich gehen. Es war ein eigenartiges und beklemmendes Gefühl. Werden wir gesund wiederkommen? Was wird der Krieg aus unserem Zuhause machen? Aber auf diese Fragen gab es keine Antwort. Mit uns kam noch unsere langjährige Nachbarin, Frau Malengrio, für mich Tante Liesbeth. Ihr Mann, für mich Onkel Walter, durfte die Stadt nicht verlassen. Er war für die Verteidigung der Festung vorgesehen.

Also machten wir uns zu dritt, mit schwerem Herzen und zusammen mit vielen anderen Frankfurtern, als Flüchtlinge auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Am Güterbahnhof angekommen mussten wir verschiedene Kontrollpunkte passieren. Dort wurde noch einmal kontrolliert, ob man wirklich berechtigt sei, die Festung zu verlassen oder ob man sich drücken wolle, die Festung zu verteidigen. Der letzte Kontrollpunkt war mit zwei Mann besetzt. Einem Zivilisten und einem Leutnant. Der Zivilist nahm meinen Ausweis rechnete kurz nach: Im Jahre 1928 geboren, bis 1945 sind 17 Jahre, also wehrpflichtig! Mir rutschte das Herz in die Hose. Der Leutnant nahm den Ausweis und sagte: “Aber erst am 6. November 28 geboren, also noch 16 Jahre alt und somit noch nicht wehrpflichtig.”

Wer hatte nun recht?

Da man sich nicht einig wurde, brachte man mich zur Dienststelle, die für die Durchführung der Evakuierung zuständig war. Man hörte sich den Fall an und entschied kurz: 16 Jahre, nicht wehrpflichtig. Der Junge hat die Stadt unverzüglich zu verlassen. Damit war der Fall geregelt. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Jetzt rannte ich, so schnell ich konnte, zurück zum Bahnhof. Der Zug stand noch da, mit meiner überglücklich Mutter darin. Irgendwann wurde es draußen lebhaft, laute Stimmen gaben etwas Unverständliches bekannt, eine Trillerpfeife ertönte und dann setzte sich der Zug mit unbekanntem Ziel in Bewegung. Nach etwa vier Stunden Fahrzeit und vielen Zwischenstopps hatten wir unser Ziel erreicht. Es war Hennigsdorf bei Berlin. Wir wurden schon erwartet. Ein ganzes Heer von Helfern stand bereit, um uns in unsere Quartiere zu begleiten.

HENNIGSDORF

Für uns war ein Zimmer im Obergeschoß eines Einfamilienhauses vorgesehen. Wir wurden dort nicht gerade freundlich empfangen, obwohl der Herr des Hauses ein Parteiabzeichen trug. Da Mutti und Tante Liesbeth unbedingt zusammen bleiben wollten, hatten sie einen Bedarf für drei Personen angegeben. In dem Zimmer waren jedoch nur zwei Betten. Mutti reklamierte das sofort. Die Antwort kam auch prompt: “Liebe Frau, wir haben Krieg und da muss jeder Opfer bringen. Dort in der Ecke steht ein Liegestuhl, das ist das dritte Bett” Ende der Diskussion . Das war nun für eine unbestimmte Zeit unsere Wohnung und der Liegestuhl mein Bett.

Der Tag war lang und aufregend. Wir bereiteten uns gerade auf die Nachtruhe vor, als wir im Radio Folgendes hörten: “Achtung, Achtung, eine Luftlagemeldung: ein feindlicher Bomberverband ist im Anflug auf den Südwesten unserer Hauptstadt.” Diese Information kam über Drahtfunk. Das war für uns neu. Wer einen Telefonanschluss hatte, konnte mit einem Rundfunkgerät, das über den Langwellenbereich verfügte die Luftlagemeldungen für die Stadt Berlin abhören. Nun erkannten wir auch, dass wir aus einem Gebiet mit relativ wenig Fliegeralarm, in ein Gebiet gebracht wurden, indem Fliegeralarm zur Tagesordnung gehörte. Jetzt kam aber erst mal eine Nacht, in der ich für Führer, Volk und Vaterland in einem Liegestuhl schlafen musste.

Na dann Gute Nacht auch!“

Fortsetzung folgt

Geschichten aus der Rathenaustraße

von Bettina Zarneckow

Frankfurt (Oder) ist meine Geburtsstadt. Dort steht mein Elternhaus im Stadtteil West, Ecke Heinrich-Zille und Rathenaustraße. Drei Reihenhäuser, erbaut zwischen 1929 und 1938 mit Wohnungen für Familien und Einzelmieter. Um bauen zu können, mussten meine Großeltern einen Riesenkredit bei der Postbank aufnehmen. Meine Großmutter erzählte mir, nach dem Einzug in das neue Haus auf Apfelsinenkisten geschlafen zu haben.

Emma und Paul Steinecke mit Sohn Kurt und Angestellten vor ihrer Fleischerei

Die Rede ist also von meiner Großmutter, Emma Steinecke, geb. am 27.04.1894 in Baudach Kreis Crossen. Ihre Eltern kamen im Jahr 1904 mit ihren Kindern von Baudach nach Frankfurt (Oder), um dort zu arbeiten und zu wohnen. Mein Großvater, Paul Steinecke, geboren in Trebra bei Bleicherode am 12.04.1888 im Dreikaiserjahr, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, kam nach dem ersten Weltkrieg nach Frankfurt.

Ihren Kindern, meinem Onkel Kurt Steinecke (1925-2007) und meiner Mutter Rosemarie Biegon, geb. Steinecke, geb. 1934, gelang es, die Häuser zu erhalten. Ungeachtet der zu niedrigen Mieten in der DDR und zudem der Unterversorgung mit Baumaterialien und Handwerkern.

Viele Geschichten sind mit den Häusern verbunden. Ich möchte einige Erinnerungen meiner Mutter aufschreiben. Für meine Kinder, meine Nichte, meinen Neffen und vielleicht als Zeitdokument.

Ich beginne mit dem Jahr 1945:

Am 3. Februar 1945 wurde Frankfurt evakuiert. Meine Großeltern mussten bleiben, weil sie eine Fleischerei hatten. Die Familie sollte zusammen bleiben. Deshalb blieben meine Urgroßmutter und meine Mutter ebenfalls in Frankfurt. Mein Onkel Kurt befand sich seit 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrte. Zwei Jahre später holte ihn die russische Geheimpolizei ab. Er wurde nach Potsdam in die Untersuchungshaftanstalt in der Leistikowstraße gebracht. Nach einem Jahr in Potsdam folgten vier Jahre im Arbeitslager von Workuta. Vor einigen Jahren habe ich mir das Gefängnis, das inzwischen eine Gedenkstätte ist, mit den Kellern für die Häftlinge angeschaut.

Nach der Evakuierung Frankfurts wurde im Luftschutzkeller unseres Hauses in der Heinrich-Zille-Straße 1a (damals Trautmannstraße) ein Nachrichtenstützpunkt vom Militär eingerichtet. Das 1938 gebaute Haus musste mit einem Luftschutzkeller errichtet werden. Seine stählernen Spezialtüren mit besonderer Verriegelung sind ein bleibendes Andenken an diese Zeit.

Der Nachrichtenstützpunkt wurde mit Fräulein Helga Magnus besetzt, einer jungen Sekretärin. Sie wohnte in Frankfurt, kam früh zur Arbeit und verschwand abends wieder. Auf ihrem Arbeitsplatz standen eine Schreibmaschine und ein Telefonapparat. Öfter kamen Offiziere vorbei, so erinnert sich meine Mutter an einen Oberleutnant Schlegel. Die genauen Aufgabengebiete der Sekretärin erschlossen sich meiner Mutter, die damals 10 Jahre alt war, nicht. Sie war oft im Keller bei Fräulein Magnus und unterhielt sich mit ihr, wie sie heute sagt, über Gott und die Welt. Frankfurts Straßen waren zu dieser Zeit fast menschenleer. Sie hatte keine Spielkameraden und so verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit im Nachrichtenstützpunkt. „ Ich fand das hochinteressant und ich fühlte mich wohl, weil ich Fräulein Magnus mochte“, so meine Mutter.

Eines Tages brachte meine Urgroßmutter Auguste Schlenz eine Ziege mit nach Hause, die herrenlos die Käthe-Kollwitz-Straße entlang gelaufen war. Sie meckerte wegen ihres prallen Euters herzzerreißend. Später lief noch eine zweite Ziege zu. Die Tiere waren von ihren Besitzern beim Verlassen Frankfurts zurückgelassen worden. Die zweite Ziege war trächtig und brachte in unserer Garage ein kleines Zicklein zur Welt, das meine Mutter Mecki taufte. Sie war etwas ganz Besonderes. Ein schwarzer Streifen ging über ihren Kopf und ihre Hörner waren schwarz. Die Ziegen lebten auf unserem Hof in der Garage. Mecki folgte meiner Mutter auf Schritt und Tritt. Zum Weiden wurden sie von meinem Großvater öfter aufs höher gelegene Nachbargrundstück gehoben. Während unser Hof gepflastert war, gab es dort genügend Gras und meine Mutter hütete sie. Eines Tages pfiff mein Großvater seiner Tochter zu, die mit den Ziegen im Nachbargarten war. Dieses Zeichen bedeutete Gefahr in Verzug. Die kleine Rosemarie wollte die Ziegen noch mitnehmen. Mein Großvater untersagte das streng. Tiefflieger näherten sich. „Bei offiziellem Fliegeralarm gab es Sirenenwarnung. Tiefflieger kamen ohne Vorwarnung, weil sie so plötzlich auftauchten“. Meine Mutter meint, dass es Engländer waren. Mein Großvater ergriff seine Tochter und rannte mit ihr in den Luftschutzkeller. Der Aufenthalt dort war nichts Ungewöhnliches. Schusssalven waren zu hören. Im Keller standen Bänke, auf denen gewartet wurde, bis mein Großvater Entwarnung gab. Die Ziegen waren unversehrt geblieben.

Noch im Februar wurde in der Rathenaustraße, die in der Nazizeit von Rathenaustraße in Schlageterstraße umbenannt worden war, auf dem Platz, auf dem sich heute die Schwimmhalle befindet, Munition in rauen Mengen gelagert. Mein Großvater beanstandete das und beschwerte sich, wahrscheinlich bei Oberleutnant Schlegel oder einem der vielen Offiziere, die im Nachrichtenstützpunkt unseres Hauses verkehrten. Eines Tages war der Platz beräumt. Offenbar wurde die Munition von Soldaten in die Keller der leerstehenden Häuser der Rathenaustraße verteilt. Es muss bei einem Überflug von Tieffliegern gewesen sein, dass sie sich durch Beschuss entzündete. Jedenfalls ging ein Haus nach dem anderen in Flammen auf. Meine Großeltern waren verzweifelt. Ihre Häuser waren am Ende der Straße, hatten zwar keine Munition in den Kellern, aber das Feuer würde sich trotzdem immer weiterfressen. In allen Häusern bestanden Durchbrüche zu den Kellern des jeweiligen Nachbarhauses. Es gab weder eine Feuerwehr noch ausreichend Wasser zum Löschen. Zusammen mit Angehörigen der Familie Heine, Inhaber der nahegelegenen Konservenfabrik Heinerle in der Georg-Richter-Straße und Herrn Raschke, einem letzten nach der Evakuierung verbliebenen Mieter unseres Hauses, Angestellter bei der Post, wurde versucht, das Übergreifen der Flammen zu verhindern. Meiner Mutter ist in Erinnerung, dass mein Großvater mittels eines Dreizacks die Trennwände zwischen den Häusern einzureißen versuchte. Zwei Häuser vor unserem konnten die Flammen gestoppt werden. „Seid ihr während des Brandes in eurer Wohnung geblieben?“ wollte ich von meiner Mutter wissen. „Nein“ antwortet sie. „Familie Heine, mit denen wir befreundet waren, bestand darauf, dass wir zu ihnen ziehen. Und so packten wir das Nötigste und blieben eine ganze Weile in ihrem Wohnhaus in der Georg-Richter-Straße. Mein Vater kam nur zum Übernachten und versuchte am Tage zu retten, was zu retten war. Bis wir wieder nach Hause zurück konnten.“

Noch heute ist anhand der nach 1950 errichteten Häuser zu erkennen, bis wohin der Brand sich ausgebreitet hatte. Unser Nachbarhaus, Besitzer war eine Familie Kluge, und unsere Häuser blieben unversehrt.

Wichtig für die Erinnerung: Im Jahr 1930 waren Straßenbäume in der Rathenaustraße gepflanzt worden. Von den Anwohnern, also auch von meinen Großeltern, gegossen und gepflegt. Sie überlebten den verheerenden Brand von 1945. Meine Generation hat sie beim Spielen als Versteck genutzt. Sie gehörten zum Straßenbild und prägten mit ihrem Grün den Stadtteil Westkreuz. Im Februar 2019 wurden nun diese 90 Jahre alten, gesunden Spitzahorne gerodet. Die Wurzeln der Bäume würden die Steine des Bürgersteiges anheben, hieß es seitens der Stadt. Diese Begründung überzeugt nicht. Schon in meiner Kindheit gab es erhebliche Unebenheiten durch die Wurzeln.Wenn finanzielle Mittel und Können nicht vorhanden waren, hätte einige Jahre gewartet werden können, um dann später bei einer Sanierung der Gehwege zu versuchen, die Bäume zu erhalten. Eine Dringlichkeit zur Rodung war nicht gegeben. Trotz Pflanzung von Gleditschien mutet die gesamte Straße wie eine Mondlandschaft an. Nicht nur ein trauriger Anblick, sondern es war auch leichtsinnig von den Verantwortlichen, diese über Jahrzehnte gewachsenen Zeugen der Geschichte in einer Art Handstreich vernichtet zu haben. Die heutige Diskussion über die Klimawende unterstreicht das nur.

Der am 26. Januar 1945 erklärte Festungsstatus Frankfurts wurde am 21. April aufgehoben. Die Festungstruppen traten ihren Rückzug an und rissen die gesamte Rathenaustraße auf, um den Russen ihren Einmarsch so schwer wie möglich zu machen. Fräulein Magnus kam nicht mehr. Am 23. April sah meine Mutter den ersten Russen in ihrer Heimatstadt.

Im Jahr 1976 – ein Rummel in Frankfurt (Oder)

Der Rummel war wieder einmal aufgebaut in meiner Heimatstadt. Ob es, als ich Kind war, jemals einen anderen Platz als den Topfmarkt gab, auf dem die Karussells und Zuckerwattebuden standen, das weiß ich nicht mehr.

Wie so oft in diesem Alter, ich war 7 Jahre alt, musste meine Schwester mich mitnehmen. Selten, eher nie, war sie begeistert darüber. Unsere Eltern gaben uns Geld und Straßenbahnfahrscheine mit, wünschten viel Spaß und wir sollten gut auf uns aufpassen und meine Schwester Camilla natürlich auf mich. Immerhin war sie ein Jahr älter, in meinen Augen sehr mutig, clever und einfallsreicher als ich und trotz ihrer auch erst 8 Jahre äußerst schlagfertig.

Wir fuhren also mit der Straßenbahnlinie 2 bis zum Platz. Das war der Platz der Republik, kurz Platz genannt, und stiegen dort in die Linie 3 um. Sie fuhr Richtung Lebuser Vorstadt. Auf dem Rummelplatz angekommen verschaffte sich meine Schwester erst einmal einen Überblick über die vorhandenen Fahrgeschäfte, um das Geld vorteilhaft einteilen zu können. Von ihren Klassenkameraden hatte sie gehört, dass diesmal wieder eine Geisterbahn mit dabei war und die sollte „nicht ohne“ sein und so stand sie unumstößlich auf dem Programm. Camilla hatte nur ein Problem: Mich, ihre kleine Schwester, ein unglaublicher Hasenfuß. Aber überzeugend argumentieren konnte sie und so fand ich mich in ihrem Schlepptau vor dem kleinen Fahrkartenhäuschen der Geisterbahn wieder, in dem eine füllige, respekteinflößende, dunkelhaarige Frau mit Damenbart saß. Es sah aus, als wäre sie mit aller Kraft in dieses winzige, für sie jedenfalls viel zu kleine Kabuff gepresst worden. Camilla bestellte zwei Fahrkarten. Eine für 50 Pfennige und eine Freikarte. Das verstand ich zwar nicht, aber ich verließ mich ganz auf meine große Schwester. „Soooo?“ kam es streng fragend aus dem Kabuff zurück. „Wie alt ist denn deine Schwester?“ „Sie ist erst 6“ antwortete Camilla standhaft. Also das wusste ich dann doch, dass ich schon 7 Jahre alt war. Jetzt wurde mir klar: sie wollte allein in die Geisterbahn! Einfach abwimmeln wollte sie mich. Und ich sollte so lange…, ja vielleicht bei dieser Frau abgestellt werden?! In mir kam Panik auf und geistesgegenwärtig wandte ich mich an den „Damenbart“: „Ich bin aber schon 7!“ Mein Blick ging dann unsicher und fragend zu meiner Schwester, die mich sehr, sehr ärgerlich ansah. „Aha“, kam es noch strenger aus dem Kabuff zurück, „dann sind das 2 mal 50 Pfennige und macht zusammen eine Mark!“ Wir bekamen also unsere Fahrkarten und es ging los. Hinein in eine Art Lore und ab ins Dunkel der Geisterbahn. Es roch sehr muffig, nach altem Stoff und ungelüftet. Der Geruch erinnerte mich an die Räume der Requisite im Kleist-Theater. Die kannte ich sehr genau. Unsere Mutter arbeitete im Theater und wir hatten Zugang zu allen Werkstätten.
Ab und zu schoss eine fürchterlich anmutende Gestalt aus einer Ecke hervor oder es zischte aus irgendeinem Winkel. Auch eine Berührung ließ mich sehr erschrecken. Die Lore ruckelte gnadenlos lärmend die Schienen entlang. Wohl war mir überhaupt nicht. Nach wenigen Minuten war ich froh, aussteigen zu können und wieder ans Tageslicht zu gelangen.

Wegen der Richtigstellung meines Alters, hatte ich den Unwillen meiner Schwester auf mich gezogen. „Du bist aber auch zu blöd“, musste sie noch loswerden. Damit konnte ich gut fertig werden. Sie hatte ja recht. So manches mal begriff ich zu spät. Das geht mir heute noch so. Wir zogen noch Lose und warfen einmal Büchsen. Eine Runde mit dem Kettenkarussell durfte ich fahren. Das tat ich am liebsten. Camilla verzichtete darauf, weil ihr immer schwindelig wurde und dann mussten wir wieder den Heimweg antreten. Zuckerwatte für mich war natürlich nicht mehr drin. Dafür hatte ich mich bei der strengen Kartenverkäuferin der Geisterbahn zu dumm angestellt. Trotzdem gingen wir beide noch öfter zusammen auf den Rummel. Und meine große Schwester marschierte stets vorne weg.

Bettina Zarneckow

Keine Mitläuferin – kein einfaches Leben?

Ich bin die große Schwester der „Mitläuferin“ Bettina Zarneckow (Eine Mitläuferin-hier im Blog). Mein Name ist Camilla Klich. Ich hatte mich nie damit abgefunden, eingesperrt im Arbeiter- und Bauernstaat zu leben. Die Konzerte von Bob Dylan und von Bruce Springsteen nicht live sehen zu können, nicht unter Palmen liegen zu können und im 26 Grad warmen Meerwasser zu schwimmen, nicht Pepsi Cola trinken zu können. Ich sammelte Ansichtskarten aus jedem Winkel der Welt. Auf eine Ansichtskarte war ich besonders stolz. Sie stammte aus Südafrika. Für Politik interessierte ich mich wenig.

Wir haben Freunde in San Francisco. Das Ehepaar war 1976 bei uns zu Besuch. So lernte ich fleißig Englisch. Ich glaube, ich war recht gut, und so konnte ich ihre Briefe auch für die ganze Familie leicht übersetzen und mühelos antworten. Mein Berufswunsch war Lehrerin für Deutsch und Englisch. Fast allen aus meiner Klasse wurde ein Direktstudium verweigert. Die Jungen konnten ein Studium nach 3 jähriger Armeezeit antreten. In der Regel aber erhielten im besten Fall nur diejenigen einen schnellen Zugang ohne Umwege zu den Hochschulen, die ihre sozialistische Grundeinstellung und Parteikonformität nachweisen (oder glaubhaft vortäuschen) konnten. Also erhielten nur die beiden Mitschüler, die den Lehrerberuf in der Fächerkombination mit Staatsbürgerkunde ergreifen wollten, eine Zulassung zum Direktstudium.

Da das Reisen schon immer ein Faible von mir war, arbeitete ich im Reisebüro. Parallel lernte ich für ein Studium weiter Englisch an der Volkshochschule. Die Sommermonate waren toll. Da kamen die Touristen aus dem NSW, wie wir Reisebüroleute es nannten – die Touristen aus dem Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftssystem. Ich war aufgeschlossen und begierig, Neuigkeiten aus dem Ausland zu erfahren und sicherlich auch naiv, jedenfalls nahm ich kein Blatt vor den Mund und schilderte ihnen im Gespräch offen die Verhältnisse, unter denen ich in der DDR lebte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Frau aus Schweden kennen. Wir freundeten uns an. Sie besuchte mich. Wir fuhren nach Rostock und Warnemünde.

Mit der Personalchefin im Reisebüro hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Karin reagierte verständnisvoll, war immer bereit, sich meine Sorgen anzuhören, gab Ratschläge als ich mich (vergeblich) zum zweiten Mal für ein Lehrerstudium beworben hatte. Sie war selbst eine überzeugte Genossin und linientreue DDR-Bürgerin und versuchte mich zu überzeugen, in die SED einzutreten. Das kam für mich nicht infrage. Im Fernsehen sah ich vor allem „Westsender“. Ich verabscheute die Sendung „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler im DDR Fernsehen.

Dann kam am 9.11.1989 die Wende mit dem Mauerfall. Unmittelbar darauf verkündete Karin im Büro etwas zu lautstark, dass sie nicht gedacht hätte, wie viele Lügen die DDR-Regierung erzählt hätte und wie komfortabel die Oberen der SED in der Siedlung Wandlitz gewohnt hätten usw. Ich wusste gleich, dass sie das nicht ernsthaft meinte, glaubte ihr nicht.

Der Tag, als ich einen Einblick in meine Stasi-Akte erhielt: Ich arbeitete gerade in Berlin, als ich eine Aufforderung bekam, mich in der Stasi-Unterlagen-Behörde (BstU) zu melden. Ich dachte, was werden schon für Unterlagen über mich existieren. Nach meiner Schulzeit bestand die DDR ja nur noch 3 Jahre. Dann kam schon die Wende. Ich hatte mich getäuscht. Eine Dame brachte einen Rollwagen, der mit Akten vollgepackt war. Ich fand Aufzeichnungen über meine Kindheit. Das Kennenlernen mit meiner schwedischen Freundin wurde beschrieben. Die Kopie ihres Notizbuchs mit Adressen in Schweden und Dänemark fand ich vor. Wie war die Staatssicherheit nur daran gekommen?

Die Stasi hatte alle Nachbarn in unserem Haus über meine Schwester Bettina und mich ausgefragt. Welches Autos unsere Familie und der Bruder meiner Mutter fuhren. Über die Besuche einer Freundin meiner Mutter aus Kaiserslautern, das Treffen mit Freunden aus San Francisco. All meine in Englisch geschriebenen Briefe nach San Francisco fand ich maschinegeschrieben und sorgfältig übersetzt.

Ich wurde systematisch von drei Kolleginnen ausspioniert. Die erste war die damalige Leiterin der Zweigstelle des Reisebüros im jetzigen Oderturm in Frankfurt (Oder). Die andere Kollegin war Christel. Harmlos. Sie hat mich nie ausgefragt. Und die dritte Kollegin war Karin. Sie schrieb in allen Einzelheiten, was ich ihr in den 3 Jahren erzählt hatte und bewertete mich. Zum Beispiel, dass ich ein behütetes Kind war und meine Eltern mir jeden Wunsch erfüllten. Sogar der genaue Preis eines teuren Strickkostüms und einer Hose, die ich gekauft hatte, waren angegeben. Dazu noch ihre Anmerkung: „Viele Lebensmittel kauft die B. im Intershop und verspeist diese bei der Arbeit z. B. Joghurt beim Frühstück“. (B. wegen meines Mädchennamens Biegon) Tatsächlich war mein Vater Rentner, der nach Westberlin fahren durfte und uns immer etwas mitbrachte.

Ich erfuhr nun auch, warum ich immer Absagen zum Studium erhielt. Karin schrieb in einem Bericht, dass ich noch keinen „gefestigten Klassenstandpunkt“ hätte, ich im Grunde alles studieren würde, um etwas aus mir zu machen. Außerdem weigere ich mich beharrlich, in die SED einzutreten. Und dann der Satz: „Zu B. besitze ich gute persönliche Verbindungen, die ausbaufähig sind“.

In meiner Stasi-Akte stand auch, dass ich eine Jugendtouristreise nach Jugoslawien beantragt hatte, man wollte überprüfen, ob ich „Fluchtgedanken“ hätte. Zu diesem Zwecke schickte man einen Radiomoderator zu uns. Wir kannten ihn. Er wohnte auch in der Heinrich-Zille-Straße uns gegenüber und sollte das „abklopfen“. Als Grund seines Kommens gab er an, Informationen über unser Radioverhalten einholen zu wollen. Ich war misstrauisch und stellte meinerseits Fragen. „Von ihrer Mutter ängstlich gebremst“ vermerkte er deshalb in seinem Bericht. Er brach das „Interview“ ab und verabschiedete sich. Sein Auftauchen bei uns fand ich bedenklich. Alle Berichte wurden als „glaubwürdig“ gegengezeichnet. Von Oberstleutnant G., Major W., Hauptmann M.
Welch ein Aufwand für nichts.

Das ist jetzt 32 Jahre her. Ich war inzwischen in vielen Ländern. Unter anderem in den USA, hier San Francisco und Los Angeles. In Irland, in der Normandie, Griechenland und England …. Als das Flugzeug auf dem Flughafen in San Francisco landete, konnte ich nicht sprechen, so überwältigt war ich. Unsere Freunde holten uns ab.
Ich hörte das „Kling, kling“ der Cable Cars, von dem sie mir immer geschrieben hatten, sah die Golden Gate Bridge, besuchte die ehemaligen Gefangeneninsel „Alcatraz“, machte einen Bummel durch China-Town. – Erst jetzt erfuhr ich aus ihren Tagebuchaufzeichnungen, dass sie 1976 bei ihrer Einreise von der Stasi befragt wurden, welchen Grund ihr Besuch bei uns hätte, wie lange sie bleiben würden usw. – In Los Angeles war ich unter anderem in Beverly Hills, Santa Monica und in Hollywood.

Ich bin mit mir im Reinen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Lehrerin für Deutsch und Englisch bin ich nicht geworden. Aber ich habe meinen Arbeitsplatz in der Europa-Universität Viadrina in meiner Geburtsstadt Frankfurt(Oder) gefunden und arbeite mit Studenten zusammen. Die Wende kam noch rechtzeitig.

Camilla Klich

DLK-Foto 1982

Ich war nicht im Flow

von Bettina Zarneckow

„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Lutherbibel, Prediger 3

Wann immer Menschen über Schwächen reden, höre ich genau zu. Wie gehen sie mit einer solchen Bürde um? Der Theologe Johann Hinrich Claussen schreibt in der Zeitschrift „Chrismon“, er habe als Kind gestottert und seine Mutter drängte es, ihn auf eine Sonderschule umzuschulen, was dann doch nicht geschah. Im selben Artikel erwähnte er Joe Biden, der in seiner Kindheit stotterte. Biden machte das sogar öffentlich. Er wüsste genau, was Demütigung bedeutet. Auch Amanda Gorman stotterte. Und trug bei der Amtseinführung Bidens vor einem Millionenpublikum ein eigenes Gedicht vor. Als ich Claussens Artikel las, musste ich plötzlich an meine Schwäche denken, die mich bis ins junge Erwachsenenalter beschwerte, und an mein fehlendes Vermögen, sie zu überwinden.

Als Kind (geb.1968) hatte ich wenig Freude am Lesen. Es bedeutete für mich Anstrengung. Ich beneidete meine Schwester. Sie verschlang regelrecht die Bücher. Oft nahm ich ihr das Buch weg, weil ich mit ihr spielen oder zusammen mit ihr Schallplatten hören wollte. Meine Mutter schwärmte von ihren Jungmädchenbüchern. „Heidi“ von Johanna Spyri, „Goldköpfchen“ von Magda Trott, „Nesthäkchen“ von Else Ury und viele andere. Sie liebte die Bücher und legte sie mir ans Herz. Zu Geburtstagen bekam ich von der bildungsbeflissenen Verwandtschaft Lesestoff geschenkt, über den ich mich nicht besonders freute und der mir nur ein schlechtes Gewissen bereitete. Du musst mehr lesen, so der hilfreiche und bestimmt nicht bös gemeinte Rat.

Zu DDR Zeiten wurde in der Schule darauf geachtet, dass man regelmäßig die Kinderbibliothek aufsuchte, um sich Bücher auszuleihen. Die Bibliothekarin Frau Benzin, eine gute Freundin unserer Deutschlehrerin Fräulein Stürzebecher, war oft Gast zu Gruppennachmittagen der Arbeitsgemeinschaft Lesen in der 18.POS Franz-Mehring. Ich mochte die Bibliothek in der August-Bebel-Straße 98 in Frankfurt (Oder), schräg gegenüber meiner Schule. Sechs Stufen führten in einen mittelgroßen Ladenraum mit großem Schaufenster. Es roch nach alten Büchern. Ich habe die Bibo, wie wir sie nannten, als hell, warm, gemütlich und still in Erinnerung. Es fiel kein überflüssiges Wort. Sanfte Stimmung lag im Raum, geprägt von der Wesensart der Bibliothekarin. Farbige Holzstäbchen sollten bei der Auswahl der Bücher helfen. Man bekam eines, wenn man den Raum betrat und legte es in das Regal, an die Stelle, der man ein Buch zur Ansicht entnahm. In jedem Buch lag eine Stempelkarte, in die das Datum gestempelt wurde, zu dem das Leihexemplar wieder abgegeben werden musste. Bei verspäteter Rückgabe war eine Gebühr zu entrichten. Waren es 50 Pfennige pro Woche? Fast immer brachte ich die Bücher pünktlich ungelesen zurück und freute mich auf das Aussuchen neuer. Voller Schwung las ich die ersten Seiten, schweifte dann mit den Gedanken ab und nahm den Inhalt des Buches nicht mehr auf. Das zermürbte mich mit der Zeit. Gibt es eine Leseblockade? „Du warst nicht im Flow“ sagt Reinhart, ich stand also vor der Welt der Figuren im Buch und sie nahmen mich nicht mit hinein. Außerhalb der Familie vermutete niemand, dass ich wenig las und so war es doppelt schwer. Denn ich bemühte mich, den Schein zu wahren. Nicht zu lesen empfand ich als beschämend.


Schlimm war die Schullektüre, die man über die Sommerferien zu bewältigen hatte. Wie ein Damoklesschwert schwebte sie während der gesamten Ferien über meinem Haupt. Alex Weddings „Ede und Unku“, „Käuzchenkuhle“ von Horst Beseler, Alfred Wellms „Kaule“ und der Gipfel der Unverschämtheit – „Mohr und die Raben von London“ von Vilmos und Ilse Korn mit über 300 Seiten. Nicht zu bewältigen für mich. Drei Tage, bevor die Schule wieder begann, gestand ich meiner Mutter, das Buch nicht gelesen zu haben. Wir beide, der Verzweiflung nahe, widmeten uns eiligst der Aufgabe und meine Mutter las mir tapfer vor. Es musste schneller gehen, als ich es allein schaffen konnte. Sie las bis zur Erschöpfung, bis ihr die Augen zufielen. Wir schafften es nicht ganz, aber ich war einigermaßen beruhigt. Überdies hatte meine Schwester ein Jahr vorher dasselbe Pensum mit Leichtigkeit bewältigt und überließ mir ihre Aufzeichnungen.
Immer wieder sagte ich mir, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Wenn ich mich recht erinnere, so habe ich nicht ein Schulbuch vollständig gelesen. Zur Steigerung meines Selbstbewusstseins trug das alles natürlich nicht bei. Das Gefühl, mir entgeht zu viel, beschlich mich hartnäckig. Deutlich zeigte sich der Mangel an Leseerfahrung dann, wenn wir Schulaufsätze schreiben sollten. Ich sah keinen Sinn darin und mir fehlte Vorstellungsvermögen und Handwerkszeug. Nicht zu bemängeln waren gewöhnlich Grammatik und Rechtschreibung, bis auf einen Schusselfehler, den ich auch heute immer wieder einbaue. Aber Inhalt und Ausdruck ließen doch zu wünschen übrig. Mit Worten ging ich sparsam um und ersparte damit dem Kontrollierenden immerhin langweilige Lektüre. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, schrieb meine Großmutter für mich Aufsätze. Im Gegensatz zu mir machte ihr das große Freude, obwohl sie schon fast blind war und selbst kaum erkennen konnte, was sie zu Papier brachte. So fragte sie ab und zu, ob nicht wieder einmal etwas zu schreiben wäre.

„Wo ist denn Bettina?“ Die Frage meiner Eltern richtete sich an meine Schwester. „Unterm Schreibtisch!“ So gewöhnlich ihre Antwort. Dorthin zog ich mich gerne zurück, faltete im Geheimen kleine Blättchen und heftete sie mit einem Klammeraffen zusammen. Darauf schrieb ich Dialoge, kleine Geschichten voller Gedanken, die mich plagten, und illustrierte sie. Gemalt habe ich sehr gerne. Pferde waren mein Lieblingsmotiv.

Das Unterrichtsfach Deutsch mochte ich dennoch. Unser Lehrer Herr Twardowski war zwar überzeugter Genosse, aber er war freundlich, einfühlsam und gerecht. Einen Moment bitte, ich las doch ein Buch zu Ende und sogar mit Interesse: Schillers „Kabale und Liebe“. Eine Liebesgeschichte zwischen Luise, Tochter eines Stadtmusikanten und Ferdinand, Sohn eines adligen Präsidenten. Das gesellschaftskritische Drama endet mit dem Tod beider. Ende der 10. Klasse, im Jahr 1985, war dieses Buch sogar Thema meiner schriftlichen Abschlussprüfung im Fach Literatur, die ich mit „Sehr gut“ bestand.

Während meiner Ausbildung zur Fotografin (1985-1987) waren keine großartigen Texte zu bewältigen. Fachbezogene Lesestoffe, Aufgabenstellungen und Gerätebeschreibungen galt es zu verstehen und praktische Arbeit war gefragt. Wann fing ich an, Bücher zu lesen? Was brauchte es, um Interesse, Geduld und Konzentration zu entwickeln. Das Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein? Eine Lebenskrise? Dass man als Mutter während Kindererziehungszeiten zum Bücherwurm wird, ist höchst unwahrscheinlich. Oftmals fand ich kaum die Zeit, meine Fingernägel in einem Zuge zu maniküren. Waren dann die lieben Kleinen endlich einmal im Bett, fielen mir selbst fast die Augen zu.

Irgendwann suchte ich Lebenshilfe und fand sie in Büchern. Erst jetzt begriff ich, was sie bedeuten können. Begonnen habe ich vor vielen Jahren mit „Wurzeln, die uns Flügel schenken“ von Margot Käßmann. Ich war sehr angetan von einem Fernsehinterview mit ihr. Eines im Leben führt zum anderen und so folgten die Lutherbiographien von Heimo Schwilk und Heinz Schilling. Ein Buch über Erasmus von Rotterdam, mit dem Luther Streit gehabt hatte, von Stefan Zweig. Seine Art zu schreiben sprach mich derart an, dass ich seiner Reihe über Persönlichkeiten der Geschichte folgte: „Der Kampf mit dem Dämon; Hölderlin, Kleist, Nietzsche“. So gelangte ich in eine Welt des Verstehens, des Knüpfens von Zusammenhängen, des Denkens und in eine Welt der Kommunikation mit Menschen, die mir vorher fast verschlossen war und in der ich mich nun sehr wohl fühle.

An ein Buch denke ich ganz besonders gern: „Auf einen Stern zugehen“ von Heinrich Wiegand Petzet. Unser Freund Rolf Henrich gab es mir nach Gesprächen, die wir führten und nachdem er Aufzeichnung von mir zum Ahnen und Wissen und zu Kleists großem Bekenntnisbrief zu meiner Freude mit Interesse gelesen hatte. Er fand, das Buch wäre jetzt genau richtig für mich. Wenn ich es lese, dann wüsste ich, warum er es mir gegeben hat. Ein großartiges Buch. Es brachte mir Martin Heidegger und sein Denken in ganz eigener Weise nahe, berichtet von Begegnungen Heideggers mit Freunden und interessanten Persönlichkeiten seiner Zeit, erzählt von seinem Verständnis moderner Kunst. Hier ein Auszug aus „Die große Malerin“: „Im Porträt Rilkes (1906) sah er das ahnende Schauen der Malerin Paula Becker-Modersohns auf den jungen Rilke, der den Mitlebenden damals noch gar nicht offenbar sein konnte, weil erst in den Gedichten der Spätzeit sich bekundend.“ Das Buch von Petzet weckt Interesse, Heideggers Weg des Denkens zu folgen und somit selbst das Sein und die Sprache neu und tiefgründig zu betrachten. Reinhart und ich nahmen es mit an die Ostsee, lasen abwechselnd darin, lasen uns vor und sprachen darüber. Ein wunderbarer Urlaub, ganz sicher auch wegen dieses Buches.

Hätte ich meine Schwäche akzeptiert und nicht beharrlich versucht, sie zu verbergen, vieles wäre vielleicht leichter gewesen. Aber ist man als Kind innerlich gefestigt genug, offen zu seinen Schwierigkeiten stehen zu können?

Ein jegliches hat seine Zeit…

„Was liest du?“ Reinhart kommt ins Schlafzimmer. Meistens bin ich längst im Bett, wenn er sich entschließt, schlafen zu gehen. „Die Verzauberung der Welt“ antworte ich. Ein Buch von Jörg Lauster, das ich von unserer Tochter zu Weihnachten bekommen habe. „Ach, immer noch!“ „Ja, immer noch!“ Denn: Ein Schnellleser bin ich bis heute nicht. Schwierige Texte brauchen ihre Zeit. Inzwischen kann ich offen zugeben, dass ich manches nicht verstehe und stelle fest, dass ich damit nicht allein bin. In meinen Freunden und meinem Mann Reinhart, allesamt Akteure unseres Blogs, habe ich Partner gefunden. Mit denen man ein gutes Gespräch führen kann, etwa im Sinne des Aufsatzes von Christoph über den Götterboten Hermes, übrigens hier im Blog. Denn die Grundlagen, angstfreie Sympathie und Interesse aneinander, sind vorhanden und ganz wichtig: Die gemeinsame Freude am Denken und Schreiben.

Schulheft, 6.Klasse

Über Mut und Bedenken

von Bettina Zarneckow

„Wenn’s etwas gibt, gewaltiger als das Schicksal, so ist’s der Mut, der unerschüttert trägt.“ Emanuel Geibel (1815-1884)

Im Oktober gibt es schon wunderschöne Tage mit einem wohltuenden Naturschauspiel der bunten Blätter, der warmen Farben. Genau an so einem Tag waren Alexandra und ich zum wöchentlichen Besuch auf dem Frankfurter Friedhof zur Pflege unseres Familiengrabes. Drei Generationen haben hier schon ihre letzte Ruhestätte gefunden. Anschließend machten wir einen ausgedehnten Spaziergang. Wir sind gern auf Friedhöfen und haben schon in einigen Städten Gräber von Menschen besucht, die wir bewunderten und mögen. Loriot, Curt Goetz und Valerie von Martens in Berlin. Attila Hörbiger und Paula Wessely sowie Peter Alexander in Wien. Heinz Erhardt, Helmut und Loki Schmidt in Hamburg. Magda Schneider in Schönau am Königssee.

Als Frankfurterin bin ich auch gern auf dem Friedhof meiner Geburtsstadt. Viele Namen auf den Grabsteinen kenne ich, alte Handwerksfamilien, Persönlichkeiten der Stadt, einige meiner Lehrer. Es lässt sich viel erzählen, man beginnt nachzudenken und im gegenseitigen Fragen wird man von Vorstellungen ergriffen. Diesmal entdeckten wir versteckt mehrere sehr alte, monumentale Grabdenkmäler. Besonders beeindruckt waren wir von dem hier abgebildeten. Wir lasen Namen und Daten und fanden folgenden Spruch, der mich nicht mehr los ließ.

Wenn’s etwas gibt, gewalt’ger als das Schicksal, so ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt.

Der Stein will ausdrücklich an den Tod eines Kriegsfreiwilligen erinnern. Wir brachten die Inschrift in Verbindung mit dem Gefallenen, bedachten seine jungen Jahre, das Bangen der Familie um den an der Front Kämpfenden, bis hin zur erschütternden Nachricht über seinen Tod und wurden still. Er fiel am 4. Februar 1919 im Alter von 20 Jahren bei Neu Kramzig, heute Nowe Kramsko. 1919? Der erste Weltkrieg endete doch 1918! 1919 folgten Kämpfe um die Herrschaft in der Neumark, die mit einem Waffenstillstand am 16. Februar 1919 beendet wurden. Bedenken wir das Schicksal, das gewaltig sein kann und im Falle eines jeden Soldaten, der in den Krieg zieht, auch gewaltig ist, ist dieses Schicksal nicht in Worte zu fassen. Der Mut muss von außerordentlicher Stärke sein, um es zu tragen.

Der Urheber des Spruchs war nicht angegeben, deshalb suchte ich ihn mir zu Hause unter Eingabe der Zeilen bei Google heraus. Emanuel Geibel (17.10.1815 Lübeck, † 06.04.1884 ebenda). Ein bekanntes Lied von ihm „Der Mai ist gekommen“ ist noch heute im Gedächtnis, zumindest bis zu meiner Generation.

Was ist eigentlich Mut? Wie können wir ihn erklären?

In der Nikomachischen Ethik sagt Aristoteles über den Mut:
„Der Feige hofft zu wenig, weil er vor allem zurückschreckt.
Von dem Mutigen gilt das Gegenteil. Denn die Zuversicht verrät den Mann der frohen Hoffnung.
Die Dinge also, mit denen der Feige, der Tollkühne und der Mutige es zu tun haben, sind dieselben, aber ihr Verhalten zu ihnen ist verschieden.
Die einen haben ein Zuviel und Zuwenig, der andere hält sich in der Mitte und handelt, wie es sich gehört.
Die Tollkühnen sind voreilig und voll Entschiedenheit vor der Gefahr, in der Gefahr aber lassen sie nach.
Die Mutigen aber sind bei der Tat wacker, vorher dagegen ruhig.
Wie gesagt also, der Mut ist Mitte in Bezug auf solches, was bei den bezeichneten Gefahren Zuversicht und Furcht einflößt; er wählt und duldet, weil es so sittlich gut und das Gegenteil schlecht ist.“

Es gibt unzählige Beispiele aus der Geschichte von Menschen und ihren mutigen Taten. Angefangen bei Sokrates, der seine Verurteilung gefasst hinnahm, Maria Magdalena, die Jesus bis zum Kreuz folgte, Johanna von Orléans, die als erste Frau in den Krieg zog, Martin Luther vor dem Reichstag in Worms, der Luftfahrtpionier Otto Lilienthal, Sophie Scholl und ihr Kampf gegen den Nationalsozialismus, stellvertretend für alle, die am Attentat gegen Adolf Hitler beteiligt waren – Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Dietrich Bonhoeffer.

Beflügelt von dem Herbstausflug auf den Friedhof mit all den Gedanken und Gefühlen, die ich mit nach Hause nahm, schien mir das Thema Mut ein gut darstellbares zu sein, worüber ich gerne schreiben würde. Doch ich stellte beim Nachdenken darüber fest, es ist sehr komplex und schwer fassbar, weil Mut so vielfältig ist. Von Mensch zu Mensch anders betrachtet und empfunden wird. Ich las Berichte über das Kriegsgeschehen in den Weltkriegen. Einen Bericht über das Empfinden eines Soldaten in einer Angriffssituation. Ich machte mir Gedanken über meine Großeltern, die 1945 in Frankfurt (Oder) geblieben sind, als die Stadt vor dem Einmarsch der Russen zwangsevakuiert wurde, weil sie einen Versorgungsbetrieb hatten (eine Fleischerei). Mir fielen Freunde meiner Großeltern ein, Besitzer der Konservenfabrik Heinerle in Frankfurt, die 1951 unauffällig, ihr Hab und Gut zurücklassend, nach Braunschweig verschwanden. Ein Familienmitglied nach dem anderen. Am meisten beeindruckt hat mich immer der Bericht über den Neffen der Fabrikbesitzer, der an einem Sonntag zu einem Spaziergang mit seinem Hund aufbrach und nicht mehr wiederkehrte. Alle gingen aus Angst vor der Verstaatlichung der Fabrik und drohender Inhaftierung. Aus Heinerle wurde VEB Oderfrucht. Mutig war es von meiner Mutter, eine Immobilie mit Mieteinheiten (erbaut 1929 und 1938), das Lebenswerk meiner Großeltern, durch die Zeiten der DDR zu retten. Gegen vielerlei Widerstände, sogar aus der eigenen Familie. Als mein Vater als Invalidenrentner nach Westberlin und Westdeutschland reisen durfte, brachte er regelmäßig Dinge mit, deren Einfuhr in die DDR verboten war. Meistens waren es Bücher und Zeitschriften.

Jede Zeit stellt Menschen vor Herausforderungen, deren Bewältigung oft ein unkalkulierbares Risiko bedeutet. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang ist groß, aber es gibt keine Sicherheit. Klarheit erhalten wir, wenn wir wohl bedacht riskieren. Situationen, in denen man selbst seine Angst überwindet, können glücklicher machen und einen persönlichen Sieg bedeuten. Mutig zu sein heißt nicht angstfrei zu sein, sondern die Kraft aufzubringen, die innere Stärke, diese Angst zu überwinden. Allerdings steckt zugegeben ein großes Wagnis in der mutigen Tat, das Gewahrwerden seiner Möglichkeiten und Grenzen, schlimmstenfalls eine Enttäuschung, die dennoch als Lebenserfahrung nicht umsonst ist.

Ein Synonym für Mut ist Beherztheit. Ich biete einem fremden Menschen Hilfe an, die Straße zu überqueren oder eine Besorgung zu erledigen. In einem der letzten Winter, als Schnee noch ein wirkliches Hindernis auf den Straßen bedeutete, überwand ich mich und bot einem Mann an behilflich zu sein, sein Auto aus einer Parklücke zu schieben. Die durchdrehenden Räder hatten bereits den Schnee in Eis verwandelt. Erstaunt und dankbar nahm er mein Angebot an, doch ich allein war nicht stark genug. Mein Beispiel animierte zwei Herren im Anzug und gemeinsam gelang es. Glücklich waren wir am Ende alle Vier.

Und was bedeutet es, eine angekündigte Tat zu lassen, ein Vorhaben abzubrechen? Stellen wir uns einen Menschen vor, der ein Sprungbrett betritt, weil die Sprünge der anderen von unten so einfach aussahen und der Reiz, es ebenso zu schaffen groß ist. Am Absprungpunkt angekommen, schätzt er nun die Höhe ganz anders ein, bedenkt seine mögliche Ungewandtheit, eventuell ungünstige Folgen und kehrt wieder um. Wie mutig unter den Augen vieler Menschen!

Im Bekenntnis der Liebe zu jemandem wagen wir Vertrauen, mit der großen Hoffnung, nicht enttäuscht zu werden. Wir setzen uns der möglichen Verletzung aus, die nicht erwiderte Liebe bedeuten kann. Aus einer Studie der amerikanischen Autorin Brené Brown: „Verletzlichkeit ist der Schlüssel zu allem, von dem wir mehr wollen: Freude, Intimität, Liebe, das Gefühl von Zugehörigkeit, Vertrauen.“ Das ist es also, das wir gewinnen können in der Überwindung der Angst vor Enttäuschung und Verletzung. Im Erfolgsfall bedeutet es großes Glück, vielleicht ein Leben lang.

Kehren wir zu meinem Ausgangspunkt zurück, dem Herbstspaziergang an friedlicher Stätte. „Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14/ Brahms: Ein deutsches Requiem) Ich habe hier meine bleibende Statt, die Stätte der Erinnerung und des Gedenkens an meine Familie. Im Gegensatz zu vielen Menschen, die oftmals keinen Ort zur Trauer hatten, weil Männer und Söhne im Krieg geblieben sind.

An dieser Stelle denke ich gern an das Konzert mit unserem polnisch-deutschen Chor Adoramus im Jahr 2018 in der Reformationskirche in Berlin Moabit zurück. Wir haben Brahms „Ein deutsches Requiem“ gesungen. Es war wunderschön!

Wie oft hat meine Großmutter aus demselben Brunnen Wasser geschöpft, aus dem ich heute das Wasser schöpfe. Und wir pflegen immer noch dasselbe Grab, in dem sie und nunmehr auch meine Söhne Philipp und Julius gegenüber diesem Brunnen begraben liegen. Die innere Einkehr, die Erinnerung an vergangene Zeiten, manchmal an frohe Begebenheiten, manchmal an heitere Momente, oft aber auch an Schicksalsschläge und Betrübliches, das macht für mich einen solchen Besuch aus. Ganz besonders in dieser Jahreszeit, die als nebelig und düster gilt, in der die Melancholie so manche Seele trübt. Melancholie brauchen wir, las ich neulich. Wir brauchen sie für unser inneres Gleichgewicht. Wenn ich es recht bedenke, dann mag ich sogar die tieferen Gedanken, die ich ihr zu verdanken habe. Irgendwann verfliegt diese Melancholie, sie wird nicht verdrängt, sondern geht auf in Erlebtem und Erinnertem mit Trauer, Freude und Dankbarkeit gleichermaßen und macht Mut zu neuem Aufbruch. Sich seiner Sterblichkeit bewusst zu werden, und das gelingt besonders gut auf einem Friedhof, bringt Mut und Entscheidungsfreude. Entweder Dinge zu ändern oder mit Bedacht zu entscheiden, alles so anzunehmen wie es ist. Denn meistens ist das Treffen einer Entscheidung der eigentliche Friedensstifter für die Seele.


„Im Herzen jedes Menschen existieren verborgene Quellen des Muts; doch muss der Mut erst in uns erweckt werden.
Die Begegnung mit dem Schönen kann ein solches Erwachen bewirken. Mut ist der Funke, der zur Flamme der Hoffnung werden und in scheinbar toten, dunklen Landschaften aufregende, neue Pfade beleuchten kann.“ John O’Donohue (1956-2008)

Eine Mitläuferin – das einfache Leben?

Im Jahr der friedlichen Revolution 1989 war ich 20 Jahre alt, hatte den Beruf der Fotografin erlernt, war voll erwerbstätig und lebte mit meiner Schwester und meiner Mutter zu Hause. Unser Vater war im Januar 1989 gestorben und wäre zu gern mit uns zusammen einmal in den Westen gefahren. Er als Diabetiker und Invalidenrentner durfte es längst. Auf ihn kam es nicht mehr an in der DDR. Rentner lagen dem Staat auf der Tasche, durften Verwandte besuchen und hätten auch ohne weiteres im Westen bleiben können.

Im Juli ’89 spürte ich erstmals, dass sich etwas gegen die Oberen in der DDR zusammenbraute. Der Vater eines ehemaligen Klassenkameraden, er arbeitete im Halbleiterwerk, erzählte mir vorsichtig euphorisch, dass die Tage der DDR gezählt wären. Er sprach von Rolf Henrich und dessen Buchveröffentlichung „Der vormundschaftliche Staat“ und bezeichnete ihn als Wortführer. Endlich hätte einmal jemand etwas gewagt, schwärmte er voller Zuversicht. Erstaunt erzählte ich meiner Mutter und meiner Schwester davon. Wir verfolgten nun noch genauer die Nachrichten, Kennzeichen D, das ZDF Magazin und andere politische Sendungen im Westfernsehen, denn im DDR Fernsehen gab es nur die heile und unerschütterliche DDR.

Jedes Westauto ein Traum, jeder Popsong aus dem Westen ein Sehnsuchtslied, jeder noch so zerfledderte Ottokatalog ein gut gehüteter Schatz, jede Jeans aus dem Westen eine unersetzbare Kostbarkeit, ein Besuch im Intershop ein sinnliches Erlebnis, ein Dosengetränk unvergleichlich und die leere Dose diente als Deko oder es wurden Ohrringe daraus gebastelt. Und dabei war ich nicht unglücklich. Verwandte aus Amerika fragten mich lange nach der Wende, wie ich mich in der DDR gefühlt habe. Wie in einem Tierpark ohne Öffnungszeiten für Besucher, habe ich geantwortet. Meine Eltern verbrachten noch einen Teil ihres Lebens ohne Mauer, bevor sie sich umzäunt, abgeschirmt vom Rest der Welt wiederfanden. Frei geboren, so hieß einmal eine Fernsehserie. Das war ich nicht. Für mich war das Leben hinter einem Zaun Normalität, aber keine schmerzhafte. Was man nicht kennt, das vermisst man nicht. Ich hörte die Erzählungen meiner Mutter, die ihre Besuche in Westberlin vermisste. Die Erzählungen meiner Mutter und Großmutter klangen wie Märchen. Ein Bummel auf dem Ku’damm, Kaffeetrinken im Cafe‘ Kranzler, ein O.-W. Fischer Film im Zoo Palast, ein Einkauf bei Leineweber, einem renommierten Bekleidungsgeschäft, ein Verweilen in der Kaiser-Wilhelm- Gedächtnis-Kirche. So genossen meine Mutter und meine Großmutter nach harter Arbeit im eigenen Geschäft die wohlverdiente freie Zeit. Allerdings zu einem gehörigen Wechselkurs von 4:1, der Westdeutschen den Einkauf und das Nutzen von Dienstleistungen im Osten sehr günstig machte.

1961 war plötzlich alles dahin. Sein Leben anmaßend von anderen Leuten bestimmt zu sehen, sich mit schmerzlichen Einschränkungen, ohnmächtig einer Macht ergeben zu müssen, das verletzte meine Großmutter und meine Eltern.
Meine Eltern und später auch ich hätten sich niemals vorstellen können, dass eine Erlösung wie bei Dornröschen stattfinden würde.

In der Nacht als die Mauer fiel, wurde ich 21.

Wenn ich es heute bedenke, war mein politisches Interesse nicht besonders entwickelt. Ich stand jeden Tag bis 18.00 Uhr im Laden und bekam von den Demonstrationen in Frankfurt zunächst wenig mit. Hin und wieder schwammen Fotos von Menschen, die sich auf dem Rosa-Luxemburg-Berg drängten, in meinem Entwicklerbad. Darüber sprachen wir innerhalb unseres Arbeitskollektivs. Alles war aber noch sehr diffus.

Mir genügte mein zu Hause. Ich fühlte mich umsorgt und geborgen. Was mein Vater durch emsigen Anbau im Garten nicht auf den heimischen Tisch bringen konnte, das glich Onkel Kutti mit Waren aus der Kaufhalle Nord aus, in der er Leiter der Fleischabteilung war. Bis 1985 lebten wir gut durch die Fleischerei meiner Großeltern. Durch seine Tätigkeit im Kraftverkehr Frankfurt (Oder) hatte mein Vater viele Beziehungen, was diverse Vorteile in Gestalt von Toilettenpapier, Bananen, Möbeln, Bettwäsche u.v.a. mit sich brachte. Welche Zusammenhänge es da gab, verstehe ich heute noch nicht.
Meine Mutter arbeitete im Kleist Theater. Sie konnte begehrte Kabarettkarten gegen gefragte Termine z.B. beim Orthopäden tauschen. Außerdem war sie mit der Inhaberin der einzigen Musikalienhandlung in Frankfurt befreundet. So bekamen wir Lizenzplatten aus Westdeutschland. Ich besitze sie noch heute. Tante Heidi mixte uns benötigte Salben als Apothekerin. Ein befreundetes Ehepaar hatte eine Drogerie. Mein Vater, der zuckerkrank war, bekam hier regelmäßig seine Kisten mit Lauchstädter Heilbrunnen, der es nie in die Regale oder über den Ladentisch schaffte, sondern immer nur darunter – im Volksmund „Bückware“ – veräußert wurde.
Elternabende in der Schule, besonders die im Frühjahr, waren beliebte Tauschbörsen für die Kleingärtner unter den Teilnehmern und das waren die meisten. Gefragt war alles, was essbaren Ertrag brachte: Tomatenpflanzen, Steckzwiebeln, Erdbeer- und Kohlrabipflanzen u.s.w. Auch die Genossen unter den Eltern waren fleißig mit von der Partie.
Wir waren also rundherum vernetzt und mit dem Nötigsten und darüber hinaus durchaus gut versorgt.
Dass wir in den Urlaub nur ins sozialistische Ausland fahren durften, damit hatte ich mich abgefunden. Meine Schwester sich dagegen nie und viele andere DDR Bürger auch nicht. Ich war genügsam, ich träumte und sehnte mich nicht über Grenzen hinaus, war ängstlich und dadurch sicherlich steuerbar. Eine DDR Bürgerin wie die Oberen sie sich wünschten.

Die DDR war ein Biotop, das sich im Laufe des Abgeschottetseins entwickelt hat. Eine Anpassung der Menschen an unumstößlich geglaubte Gegebenheiten. Es ging uns damals wie heute, wir wollten leben und wir taten es auch. Verdrießlich manchmal, wenn wir den Blick nach „draußen“ wagten und sahen, wie die westdeutsche Hälfte unseres Volkes lebte, wohin sie reisen konnten, was für Kleidung sie trugen und vor allem, was für Autos sie fuhren.

Mein Bewusstsein setzte in einer ausklingenden DDR ein, so sehe ich es heute. Bis auf Verbote im Alltag, an die man sich gewöhnt hatte, erlebte ich keine Drangsalierungen. Klar war dabei: keine Plastikbeutel mit Westwerbung in der Schule, BRD Flaggen auf den armeegrünen Kultparkern waren abzutrennen genauso wie Markenschilder von Jeans. Eine kleine Revolte war es, wenn man das Leviszeichen an der Jeans beließ. Man erntete die Anerkennung seiner Mitschüler für den gezeigten Mut. Von vielen Lehrern wurden derartige Verstöße großzügig übersehen, denn auch von ihnen rebellierten einige mit Westklamotten. Unser Musiklehrer spielte regelmäßig populäre Westmusik auf dem Klavier. Allerdings nur mit Absicherung eines Schülers, der Schmiere stehen musste. Wichtig war das Elternhaus und das soziale Netz, indem man eingebunden war. Stimmte das, hatte man wenig Sorgen. So ging es mir, auch weil ich noch keine Kinder hatte, um deren Zukunft ich bangen musste.

„Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“ Martin Heidegger/ Der Feldweg.

Nun trifft das Wort Verzicht es vielleicht nicht ganz. Kann man nicht nur auf etwas verzichten was man hat? In der DDR herrschte Mangelwirtschaft. Der Verzicht war es, der Kraft gab und uns stark und erfinderisch machte. Es war eine Kreativität aus Mangel an Materialien und aus der allzu oft vorhandenen Langeweile. Auch das kann offenbar einen Geist beflügeln und das Leben lebenswert machen. Durch Überfluss und Sattheit verstopfte Sinnesleitungen gab es jedenfalls damals kaum.

Die DDR war am Ende, nicht erst im Herbst 1989. Potential, den Umbruch zu schaffen, hatte sich über einen langen Zeitraum gesammelt. Viele Menschen dachten daran, bestehende Verhältnisse umzuwälzen. Aber wie es vor Martin Luther schon einige gab mit reformatorischen Gedanken, war es erst der Augustinermönch, der mit seinen 95 Thesen an die Öffentlichkeit trat und die Reformation 1517 in Gang setzte.

So brauchte es 1989 Rolf Henrich (er schreibt auch in diesem Blog), der mit seinem mutigen Vorstoß der spektakulären Veröffentlichung seines Buches „Der vormundschaftliche Staat“, das Ende der DDR ankündigte und damit den Menschen die Courage zur friedlichen Revolution gab.

An den Moment, als ich das erste mal die Grenze Richtung Bundesrepublik überquerte, kann ich mich kaum noch erinnern. Einen anderen werde ich jedoch nie vergessen: Meine erste Begegnung mit dem Rhein.
Es war eine Mischung aus Glückseligkeit und überschwänglicher Freude, die mich ungeahnt überwältigte.
Wie lange hatte ich geglaubt, den Rhein, den symbolträchtigsten Fluss der Deutschen, niemals sehen zu können. Diese und andere Sehnsüchte, hatte ich sie weggedrängt, weil ich sie für unerfüllbar hielt?
Ich fühlte mich eigentlich immer als Deutsche, der der andere Teil ihres Heimatlandes verschlossen war.
Nicht Mallorca galt meine Sehnsucht, nicht New York oder der Algarve, sondern dem Rhein, der Nordsee und den Alpen! Das trat wohl in diesem Augenblick in mir zutage, die offene Zukunft mit ihren Möglichkeiten, aber auch die unwiederholbare Vergangenheit.

„So gehen zu können, mit diesem Horizont offener Zukunft und unwiederholbarer Vergangenheit, ist das Wesen dessen, was wir Geist nennen.“ Hans-Georg Gadamer/ Die Aktualität des Schönen.

Bettina Zarneckow Jahrgang 1968

im April 2020

Sommer 1989 einige Mitarbeiter der Fotoabteilung des DLK
Foto: VEB DLK Foto