In eigener Sache

Christoph Ehricht

Liebe Bettina

Unser Gespräch im Urlaub über „Schreib und sprich“ beschäftigt mich noch. Ich weiß gar nicht, ob ich Dir erzählt habe, wie ich vor einigen Monaten meine Klavierlehrerin als neue Leserin oder besser noch als Autorin für diesen Blog gewinnen wollte. Unsere Zeit ist doch so spannungsvoll und die Herausforderungen sind so groß, dass man doch nicht tatenlos zusehen kann – mit diesen von Dir und Reinhart gebrauchten Argumenten bei meiner “Anwerbung“ wollte ich sie locken und mein Anliegen begründen. Sie hörte mir eine Weile geduldig zu und sagte dann: Vielleicht hast du ja Recht. Aber mir gefällt euer Titel nicht. Statt „Schreib und sprich“ solltet ihr lieber als Programm wählen „Höre und schweige“. Lass uns lieber Klavierspielen. Ich habe mit Verständnis reagiert, aber mit der Einschränkung geantwortet, dass eine solche Überschrift ja eigentlich nur leere Seiten und ungesagte Worte erlauben würde. Dann haben wir uns wieder Mendelssohns Liedern ohne Worte zugewendet.

Wir sind in der Folgezeit nicht auf dieses Thema zurückgekommen, aber der kritische Einwand geht mir nach. Wird zu viel geschrieben und gesprochen? Manche der aktuellen Nachrichten und Ereignisse rufen mir in der Tat das lateinische Sprichwort in Erinnerung „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.“ Unsere frischgebackene Kanzlerkandidatin wäre wohl besser beraten gewesen, wenn sie auf den peinlichen Versuch verzichtet hätte, sich als Schriftstellerin zu profilieren. Oder: Skandalös an der Doktorarbeit unserer früheren Familienministerin sind eigentlich gar nicht so sehr die Plagiate, sondern ist das Thema.

Die Dissertation verspricht von vornherein einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, der bei annähernd Null liegt und schon aus diesem Grund kein Ruhmesblatt für die zuständige Universität darstellt, von allen folgenden „Enthüllungen“ einmal ganz abgesehen. Und schließlich: Wenn der beginnende Wahlkampf dazu führt, dass statt Lösung von Sachproblemen und Aufarbeitung von Fehlern nur billige parteipolitische Polemik die Verlautbarungen der Politiker und die Berichterstattung in den Medien bestimmt, dann kann ich wirklich allen Akteuren nur zurufen: Wenn du doch geschwiegen hättest!

Natürlich muss ich mir auch selber diesen Satz zurufen und begründen, warum ich mich nicht auf das Hören und Schweigen beschränke. Die eben skizzierten aktuellen Veranlassungen und Beispiele weisen auf ein tiefer liegendes Problem unserer politischen Kulturlandschaft hin. Unsere Sprache, die geschriebenen und gesprochenen Wörter verlieren immer mehr den Bezug zur erfahrenen Lebenswirklichkeit vieler Glieder der Gesellschaft. Sie sind geleitet von leider in der Regel unausgesprochenen Interessen, einem belehrenden Impetus oder von moralischen Überzeugungen. Das erschwert zunehmend die echte, ehrliche und vertrauensvolle Kommunikation, von der eine Gesellschaft lebt. So werden nur Misstrauen und Verdruss geweckt, Polarisierungen wuchern, die niemand will. Manches Mal werde ich an die letzten Jahre der DDR erinnert. Dazu will ich eigentlich nicht schweigen.

Noch ein paar Beispiele zur Veranschaulichung realitätsferner Sprache. In völliger Verkennung und Verzeichnung der Realität wurde die deutsche Fußballnationalmannschaft in den Kreis der Titelanwärter der Europameisterschaft hineingeredet, Katzenjammer und Häme waren dann nach dem frühen Ausscheiden um so größer. Waren kommerzielle Interessen dafür ausschlaggebend? Sorge um Einschaltquoten? Oder der gleiche Realitätsverlust und die gleiche Selbstüberschätzung, die wir aus der maroden DDR kennen, die sich stolz zu den zehn führenden Industrienationen der Welt zählte und die heute zum Ausdruck kommen, wenn Deutschland Spitzenreiter bei der Gewinnung erneuerbarer Energie oder Fahrradland Nr.1 werden will? Oder Retter der Menschenrechte in Belarus? ( Hier wird es wohl gefährlich. Noch dazu, wenn unser Außenminister lauthals erklärt, dass der deutsche Steuerzahler viele Millionen Euro bereitstellt, um die Opposition in Belarus zu unterstützen oder, wie er es vornehmer ausdrückt, um die Zivilgesellschaft dort zu stärken. Wenn du doch geschwiegen hättest… Oder kündigt sich hier an, welche Lehren aus den gescheiterten Versuchen gezogen werden, Regimewechsel und Staatsneubildung mit militärischen Mitteln zu erreichen? Ein Typ wie der Machthaber in Minsk kann das je eigentlich nur als Kriegserklärung an sein politisches System verstehen. Da lobe ich mir doch eine Diplomatie in Bismarckschem Geist… )

Noch ein letztes, scheinbar weniger brenzliges Beispiel:

Mit zweifellos edlen Absichten wird an einer geschlechtergerechten Sprache gebastelt. Wer sich aus Gründen des guten Geschmacks oder in gesundem Menschenverstand dem damit einhergehenden moralischen Druck entzieht, muss damit rechnen, „gecancelt“ zu werden.

Den Ostdeutschen, denen vierzig Jahre Sozialisierung im „american way of life“ fehlen und deren Sehnsucht nach traditionellen Werten darum vielleicht noch ungebrochener ist – so vergeblich sie immer sein mag -, wird mit der Keule unverbesserlicher Demokratiefeindlichkeit gedroht. Dabei wollen sie eigentlich nur nicht ständig belehrt und erzogen, nicht zum Leben in neuen Potemkinschen Dörfern genötigt und neuem Gesinnungsdruck ausgesetzt werden.

Genug, auch wenn mir noch eine ganze Menge einfallen würde. Gelegentlich wird mir vorgehalten, dass solche Gedanken doch recht kulturpessimistisch sind. Das mag so sein und der Einwand kann mein Urteil etwas relativieren und milder ausfallen lassen. Und natürlich überwiegt in meinem Lebensgefühl eine unendlich große Dankbarkeit für die vielen Möglichkeiten und Chancen, die sich nach der Wiedervereinigung für mich eröffnet haben. Ohne jede Frage. Meine Sorgen werden dadurch nicht geringer. Sie wachsen eher, wenn ich von Freunden höre: Ich traue mich gar nicht mehr zu sagen, was ich denke, weil ich keine Lust habe, mich niedermachen zu lassen. Sie wachsen noch mehr, wenn Andere mir dann sagen: Dann sollen deine Freunde mal ihr Denken kritisch überprüfen. „Puh“ würde sich schüttelnd meine Enkelin sagen.

Nein, natürlich muss geschrieben und gesprochen werden. Aber eine starke Sympathie für die Position meiner Klavierlehrerin kann ich nicht verleugnen. Wie so oft gilt allerdings, dass wir uns nicht in die Sackgassen falscher Alternativen hineindrängen lassen dürfen, sondern komplementär denken sollen. Gewiss muss am Anfang stehen: Höre und schweige. Dann aber darf auch geschrieben und gesprochen werden.

Ich denke übrigens, dass für meine Klavierlehrerin ganz wichtig eine Erkenntnis ist, die Felix Mendelssohn-Bartholdy zugeschrieben wird. Der wurde einmal gefragt, warum er Lieder ohne Worte geschrieben hatte und warum sich Musik so schlecht mit Worten beschreiben lässt. Und er antwortete mit dem entscheidenden Argument für’s Hören und Schweigen: Musik ist präziser als Sprache.

Ja, liebe Bettina, dennoch oder um so mehr will ich Dir noch mal sozusagen „in eigener Sache“ für diesen Blog „Schreib und sprich“ danken und für die Einladung an mich. Seine Besonderheit besteht ja darin, dass er so unterschiedlichen und vielgestaltigen Genres der Sprachwelt Raum und Zeit gibt, zarter Poesie, erzählter Geschichte, aktuellen Kommentaren, historischer Darstellung und politischer Analyse.

Wenn im Forum noch mehr Gespräch und lebendige Diskussion dazu kämen, wäre das nicht nur im Sinne der Erfinder, sondern ein kleiner Baustein für die unter uns so dringend nötige Kommunikation. Ich weiß, dass das ein großer Wunsch von Dir ist! Ob mein Brief an Dich eine Anregung dafür ist?

Ich selber werde vielleicht künftig mehr hören und schweigen, dreimal überlegen, dann aber auch wieder schreiben und sprechen!

Liebe Grüße

Christoph

6 Gedanken zu “In eigener Sache

  1. Unbestritten ist alles so wie beschrieben. Ein schwacher Trost: der Wortschatz der zu lauten „Trompeter“ ist deutlich am abnehmen. Das macht Hoffnung auf ein wenig hinterfragen der stets gleichen Worthülsen. Allerdings gehört Frau B. von allen redlichen Schriftstellern verklagt, die Aussage „keiner schreibt ein Buch alleine“ grenzt an Verleumdung. Als Schlusswort ihrer eigenen literarischen Ergüsse wäre es allerdings passend. Da fällt mir letztendlich aber auch der dumme Spruch eines, bestimmt Besserverdienenden Ostbeauftragten ein. Der Mann hat wohl ganz vergessen, wo er herkommt. Mal gespannt wer künftig die Welt verbessert – und wie..🤔

    Gefällt 1 Person

  2. Die Welt verbessern kann nur jeder für sich alleine. Die Menschen sind unbarmherziger geworden, finde ich. Frau B. hat sicher einen Roman geschrieben, denn ein Fachbuch war es nach ihren eigenen Angaben nicht. ‚Dichtung und Wahrheit‘ gibt es genug in der Politik. Wer wird unser Volk vertreten? Von den aufgestellten Kandidaten will ich keinen.
    Liebe Grüße, Gisela

    Gefällt 3 Personen

  3. rosmarie68

    Lieber Christoph,
    2015 bin ich in mein Facebookdasein gestartet. Zu vielen Artikeln drängte es mich, einen Kommentar zu schreiben. Nicht selten kam es zu einem Schlagabtausch, an dem ich manchmal noch Tage zu knabbern hatte. Meistens auf kirchlichen Seiten, die von Kirchengegnern belagert wurden. Meine Kinder schüttelten nur den Kopf über mein Engagement. Das gibt sich, raunten sie sich zu. Sie hatten recht. Erfreuliche Beiträge kommentiere ich gern immer noch. Auch Beiträge auf Seiten, die zu grobe Kommentare löschen. Insgesamt lese ich aber immer öfter und schweige oder lese erst gar nicht, weil ich anhand der Schlagzeile bereits den Inhalt erahne. Nur gestern, als die Facebookseite Kirche im Norden selbst Gott mit einem Gendersternchen versehen wollte, da platzte mir die Hutschnur. Aus „progressiver Sicht“ NATÜRLICH zu Unrecht.
    Ich freue mich über Deine Gedanken, die Du in diesem Brief an mich formuliert hast. „Was wäre das Denken ohne die Briefe an Freunde?“ Hannah Ahrend
    Liebe Grüße
    Bettina

    Gefällt 1 Person

    1. Die Kirchen schaffen es bestimmt auch noch Gott abzuschaffen, sich selbst haben sie sich ja beiseite gestellt. Kunst auf dem Kirchentag mit Porno malen (EKD) oder Maria in Jeans (r.k.) – 2.000 Jahre sind in kürzester Zeit in den Müll geworfen worden..

      Gefällt 2 Personen

  4. karlludwigvonklitzing

    Liebe Bettina, danke für den schönen Beitrag von Christoph. Hör und schweig – nicht so schlecht, nicht so gut: Fast am Ende meines Lebens muss ich sagen, dass ich immer eher für Veränderungen war als für das Erdulden oder für das Wegschauen. Es liegt einem im Charakter. Schweigen kann mir zu leicht ein Ausdruck des Hinhaltens sein. “Du musst herrschen und gewinnen oder dienen und verlieren, leiden oder triumphieren, Amboss oder Hammer sein.” Goethe – Du weißt. Danke und herzliche Grüße von K.-L.

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    1. rosmarie68

      Lieber Karl-Ludwig,
      es gibt viele Gründe zu schweigen. Manch einer schweigt um hinzuhalten, nicht antworten zu müssen, um nicht eine Entscheidung treffen zu müssen, um zu verletzen – mit Bedacht zu ignorieren.
      Manchmal ist es auch gut, für Veränderungen zu schweigen, obwohl man sprechen möchte. Das kostet Überwindung, aber im Aushalten in Langmut kann man stärker werden. Grundsätzlich rede ich aber sehr gerne und spreche Dinge lieber an.
      Es kann einem beides im Charakter liegen.
      „Lerne zeitig klüger sein.“ Goethe – Du weißt!
      Danke für Deinen Kommentar und herzliche Grüße B.

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