Theo wandert

erzählt von Karl-Ludwig von Klitzing

Theo ist 5 Jahre alt. Er lebt bei seiner Mutter in Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Sein Vater wohnt in Mitte in einer neuen Beziehung. Theo wechselt gern und oft zwischen beiden Wohnungen hin und her. „Theo wandert“, heißt es dann allgemein. Den dazugehörigen Hol- und Bringe-Dienst erledigt der Vater – liebend gern macht er das. Die Stimmung dabei ist immer wieder sehr lustig, wenn natürlich auch kleine Differenzen nicht ausbleiben. Theo mag Abwechselungen in jeder Art und er ist pfiffig genug, aus „abwechslungsreichen“ Verhältnissen kleine Extras für sich herauszuholen.

Theo ähnelt im Wesen seiner Mutter Carina. Beide sind sie hübsch und beide wissen das. Immer wieder erobern sie sich mit Anmut und Hingabe alle Herzen im Sturm. Auch das wissen sie. Theo ist flexibel und mutig, ein echter Kämpfer ist er nicht. Eher erbittet er sich auf eine ganz eigene Art erforderliche Hilfen. Man nimmt ihn gern in den Arm. Er lehnt sich dicht an, kuschelt, kommt ganz nahe heran. Man spürt seinen Körper. Die Herzen regen sich. Immer wohliger und wärmer wird einem, man genießt die Nähe. Ein klein wenig später wird man plötzlich aufmerksam und versucht zu registrieren, was hier so anders ist. Es entsteht ein kleiner Abstand. Man fragt sich, ob man hier irgendwie helfen könnte? Schließlich meint man, eine romantische, fast glückliche Form einer Traurigkeit zu spüren. Das aber überfordert eine kurze Begegnung. Und so trennt man sich mit einem winzig schlechten Gewissen, so, als habe man ein kleines Unglück sich selbst überlassen. Ich nehme oftmals ein kleines Sehnen mit, wenn ich die beiden verlasse. Dann schwingen in mir Gedanken über die Zartheit einer Kinderseele nach und ich frage mich, ob das Einpflanzen eines schlechten Gewissens eine Kunst ist, die vielleicht einem Neugeborenen schon in die Wiege gelegt worden ist?

Theo ist ein Lieber, ein Gutmütiger und süß ist er obendrein. Natürlich weiß er aber auch genau, mit wem er wie am vorteilhaftesten auskommt. Hierbei ziehen in ihm Wesenszüge von der Mutter ebenso wie vom Vater mit. Wenn man ihn fragt, wo er her ist, sagt er mit großer Überzeugung und mit erhobener Stimme am Schluss des Satzes: „Ich bin doch aus Berlin!“

Oftmals wechselt er in den Extremen von einem ausgesprochen pfiffigen Berliner Schusterjungen bis hin zu total verträumt und geistesabwesend. Und das kann schon mal innerhalb weniger Minuten beides hintereinander vorkommen. Wie gesagt: Theo ist 5 Jahre alt.

Wieder einmal war Theo mit seinem Vater unterwegs. Die von ihm erhandelte Option enthielt auch eine Übernachtung in der Tucholskystraße. Nach einem turbulenten Nachmittag und einem relativ langen Abend ging es recht spät zu Bett. Er hatte in der neuen Familie seines Vaters ein Separee, welches er gern und auch völlig selbständig in Beschlag nahm. Müde zog er sich aus, wünschte allen eine gute Nacht und war dann schnell eingeschlafen. Der Vater hatte viele Freunde. Mit ihnen traf er sich gern zu einem Bier in der traditionellen Kellerkneipe, die bereits vor Jahrzehnten direkt unten im Hause ausgebaut worden war. Bis hierhin konnte Theo mit Hilfe eines Babyphons jederzeit in Verbindung treten. Meist fand sich aber ohnehin am späten Abend die gesamte Familie zu Hause wieder ein. Dann wurde es schnell still in der Wohnung. In besagter Nacht wachte Theo auf. Er war hell wach und sprach in das Babyphon. Eine Antwort erhielt er nicht. Eigentlich erwartete er auch keine. In aller Ruhe zog er sich an, verließ die Wohnung und ging schnurstracks in die Kneipe im Keller. Nur noch die letzten Gäste waren hier anwesend, solche, die sich immer ein bisschen Mut machten, bevor es nach Hause ging. Sie begrüßten Theo. Wie eine aufgehende Sonne begrüßten sie ihn in ihrer tristen Situation. Triumphierend versprühte Theo seinen Charme. Trotz der vorgerückten Stunde und der etwas obskuren Gesellschaft kam er vollkommen auf seine Kosten. Er hatte die Nacht zum Tage gemacht und zwar zu seinem Tag. Schließlich nahm der Wirt sich seiner an. Er ging mit ihm auf die Straße. Theo klingelte. Der Vater hörte die Klingel, beschimpfte in Abwesenheit die übermütigen Säufer, die nachts nichts als Unsinn im Kopfe hätten. Er erinnerte sich an seine eigenen Sturm- und Drangzeiten, drehte sich in seinem Bett um und ließ es einfach weiter klingeln. Bald darauf schlief er wieder ein. Theo und der Wirt standen nun mitten auf der Tucholskystraße und versuchten, sich im 3. Stock bemerkbar zu machen. Und obwohl sie so laut sie konnten – einzeln und im Duett – nach dem Papa riefen, machten sie sich nur bei anderen Anwohnern unbeliebt. Die Berliner sind in solchen Fällen konkret, lautstark und nicht gerade fein. Als der Wirt und Theo genug davon hatten, zogen sie sich in die Kneipe zurück. Das war für alle ein Grund, eine Überstunde zu machen. Theo wird sie nie vergessen. Schließlich rief der Wirt die Polizei. Sie wurde mit großem Hallo begrüßt. Erneutes Klingeln in der Tucholsky-Straße 32. Jetzt wachte Anna auf. Ebenso ohne Kenntnis der Vorgeschichte beschimpfte sie übermütige Säufer in Abwesenheit. Auch sie drehte sich im Bett um und schlief weiter.

Spät nach Mitternacht rief die Polizei per Megaphon den Nachnamen von Theo aus, mit der Aufforderung, den Jungen in Empfang zu nehmen. Dies war jedoch vom Vater nicht zu hören, weil das Fenster des Schlafzimmers zum Innenhof gereichte. Und außerdem: Der Familienname von Theo, nämlich der seiner Mutter, war hier im Wohnviertel unbekannt. Zunehmend öffneten sich immer mehr Fenster in der Umgebung. Der ganze Vorgang wurde überwiegend mit wütenden und auch deftigen Kommentaren aus der Trivialliteratur begleitet. Die Situation löste sich, als Ole, ein Mitbewohner im Haus, Theo erkannte. Mühevoll trommelte er den Papa heraus. Vater und Sohn begrüßten sich, streng aber herzlich. Der Wirt machte eine weitere Überstunde – nun polizeilich genehmigt und vom Papa gesponsert.

Theo hat seither alle Herzen der Tucholskystraße „in seiner Tasche“. Von dieser Nacht an wird die Wohnung konsequent abgeschlossen und der Schlüssel unter Papas Kopfkissen aufbewahrt. Es ist Theo zuzutrauen, dass er diese Art des Wanderns liebend gerne wiederholen würde.

3 Gedanken zu “Theo wandert

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