Die Flucht der Ostdeutschen aus ihrer Geschichte nach Ines Geipel

Die F.A.Z. hat am 28.9. 20 ein Essay der Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” Berlin Ines Geipel veröffentlicht. Sie beklagt das ungestillte Bedürfnis der Konsenskultur Ost nach Verdrängung. Die Gewaltmaschine der Ost-Diktatur wird weggeblinzelt, sagt die ehemalige Leichtathletin aus der DDR, Schriftstellerin und Publizistin.

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes, heißt es bei dem Evangelisten Lukas Kapitel 9, Vers 62. Opferperspektive – die neue Doktrin der Ostdeutschen? Das ist es nicht, sehr geehrte Frau Geibel.

Frau Geipel verteilt in ihrem Essay Lob für die “enormen Anpassungsleistungen” der Ostdeutschen “ in ihrem Spagat hin zur Freiheit in den vergangenen 30 Jahren.” War nicht aber die gerne an den Pranger gestellte Anpassung derselben Ostdeutschen in der DDR schwieriger? Wenn sie schief verlief, konnte das äußerstenfalls mit schlimmer kreatürlicher Not, sprich Gefängnis enden. Wir sollten uns im Sinne einer klärenden Anbahnung von Gesprächen mit einer Unschuldsvermutung, die für jeden Beschuldigten ohne weiteres gilt, vorab zugestehen, dass die Anpassung an ein Regime wie das der DDR überlebenswichtig war und von Millionen in Ostdeutschland vollzogen wurde. Dafür lässt sich leicht auf das große Lob für die gefällige Anpassung nach 1989 verzichten. Dann und nur dann kann und muss darüber gesprochen werden, wann eine Anpassung zu enden hatte. Und welch wichtige Rolle den Kirchen und Persönlichkeiten wie dem leider auch noch nach seinem Tod von einigen verunglimpften Manfred Stolpe zukam, wenn Menschen sich in einer kreatürlichen Not befanden, weil sie sich nicht anpassen konnten oder wollten.

Ja, es gab in der DDR einen staatlich verordneten Antifaschismus. Ist das per se schlecht ? Es gab eigentlich nichts, in das von der SED nicht hinein regiert wurde. Wesentlich ist doch wohl, dass der Antifaschismus von der großen Mehrheit verinnerlicht wurde. Das Tagebuch der Anne Frank war Schullektüre, die Lingua Tertii Imperii, Victor Klemperer, Reclam mußte man kennen, in Ost und West wurde 1978 die vierteilige amerikanische Serie über eine jüdische Berliner Arztfamilie und den Holocaust diskutiert, Berthold Brechts Arturo Ui im Berliner Ensemble, Eugen Kogons SS-Staat u.s.w. Läßt sich das alles auf die von Frau Geipel angesprochene Buchenwald – Doktrin der SED minimieren? Wohl nicht.

Die Amerikanerin Susan Neiman präsentiert eine klare These: “In der Aufarbeitung der Nazivergangenheit stand Ostdeutschland besser da als Westdeutschland.”( Von den Deutschen lernen, S. 120, Hanser Berlin 2020). Sie zitiert den Schriftsteller Ingo Schulze: ”Der Antifaschismus ging vom Staat aus, und das war richtig so”, S. 121.

Die Ostdeutschen hatten zumindest entgegen Frau Geipel “im hochnervösen Feld der Gedächtnisarbeit” einen Vorlauf. Wir Ostdeutschen lebten nicht in einer von der SED verordneten Opfergesellschaft und wollten auch nicht Opfer sein, sei es für die Zeit vor 45 oder danach. Die Ostdeutschen sahen sich nach 1949 aber zunehmend in ihrer übergroßen Mehrheit als  Verlierer und – ohne Neid – ihre Freunde, Verwandten und wen auch immer in Westdeutschland als Gewinner. Die einen lebten ohne wirkliche Perspektive seit dem 13. August 1961 hinter Mauer und Stacheldraht, mit einer von der Sowjetunion geschützten sozialistischen Diktatur des Proletariats. Den anderen wurde durch ihre Besatzer eine Demokratie auferlegt, die in Verbindung mit dem verheißenen Wohlstand gerne angenommen wurde und die für viele in der DDR das gelobte Land war.

Frau G. hat für die Aufzählungen in ihrem biblisch anmutenden Klagelied den falschen Ausgangspunkt gewählt. Im Herbst 1989 fand nicht die “glücklichste Revolution” Deutschlands statt. Die Menschen befreiten sich zwar friedlich von einer verrotteten Despotie und beseitigten den vormundschaftlichen Staat. Aber es mißlang ihnen trotz vieler runder Tische der zweite notwendige Schritt in die Freiheit, die Übernahme der Macht oder, um mit Hannah Arendt zu reden, die Übernahme der “Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten”. Die Revolution blieb gleichsam “stecken” und das raubt noch heute mit einem großen “Wenn” vielen den Schlaf.

Ich habe die deprimierte Stimmung in der Initiativgruppe des Neuen Forums mit Bärbel Bohley, Sebastian Pflugbeil u.a. in Berlin im Französischen Dom, wo wir am Sonnabend nach dem Fall der Mauer tagten, erlebt. Die Macht zur Gestaltung von Reformen in der DDR war endgültig perdue, dazu bedurfte es keiner Hellseherei. Jetzt wollten die Ostdeutschen wirklich ein Leben wie im Westen und keine Experimente in Form von Reformen. Sie hörten nur noch auf die Stimme aus Bonn. Sie wollten die Wiedervereinigung. Und sie klappte auch dank Helmut Kohl und gelingt nach einer aufreibenden und spannungsvollen Zeit mit vielen falschen Entscheidungen, persönlichen Katastrophen und Leidtragenden zunehmend immer besser.

Und ich habe dazu das etwas peinliche Gefühl, dass ungeachtet der vielen Runden Tische am Ende der DDR eine Bereitschaft, die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten in die Hände zu nehmen und die SED-Regierung zu verjagen, aus vielen Gründen und nicht nur wegen der Anwesenheit der sowjetischen Besatzung, nicht bestanden hat, liebe Leute mit dem ”wenn und aber”.

Bei Frau Geipel fällt das Wort “Doppeldiktatur”. Bitte nicht alles in einen Topf werfen. Der von ihr offenbar nicht so geschätzte und zitierte Heiner Müller hat auch gesagt, “die DDR hat Berge von Stasi-Akten hinterlassen, die Nazis dagegen Leichenberge”, S.128. Frau Geipel lobt die 68er, die die gemordeten europäischen “Juden im Sinne einer Gegenidentifizierung zu ihren Eltern als Opfer anerkannten und ihre Rehabilitierung durchsetzten”. Ganz anders dagegen erkennt Frau Geipel bei den jungen Leuten in Ostdeutschland ohne Diktaturerfahrungen eine “Überidentifizierung“ mit den Eltern. Und wirft damit schon wieder alles in einen Topf. Die von ihr angesprochenen jungen Leute sind sich in vielem mit den Alten einig. Sie wollen einerseits zwar partout und zu recht nicht anerkennen, dass ihre Eltern mit den Angelegenheiten der DDR nichts oder nur ein bisschen zu tun gehabt haben, wie einige von ihnen voller Scham behaupten. Aber sie akzeptieren oder respektieren im Gegensatz zu den von Frau Geipel hochgelobten 68ern ihre Eltern. Die Alten in der DDR haben offenbar nach Auffassung der Jungen bei ihrer Anpassung an ein Leben in der Diktatur und bei deren friedvollem Ende einiges richtig gemacht und Grenzen nicht so überschritten, dass eine “Gegenidentifizierung” im Raum steht.

Richtig ist aber auch, dass gerade die Ostdeutschen etwas vermissten, was ihnen in der DDR wichtig war – Heimat und Nation, das Licht am Ende des Tunnels, die Medizin für das Überleben in der DDR, die Basis sowohl für das Ausharren in der DDR wie auch für den Beitritt. Plötzlich sehen sie sich in einer rechten Ecke. Das darf nicht so bleiben.

Ich habe für das Neue Forum einige Sitzungen am Runden Tisch des Bezirkes Frankfurt(Oder) bestritten. Wir sprachen und diskutierten miteinander, ohne jeglichen moralischen Impetus, es ging um das wie weiter.

Der ehemalige Verfassungsrichter di Fabio hat von der Notwendigkeit des Gesprächs miteinander und mit jedermann, auch mit den Mitgliedern der AfD, gesprochen. Wobei das Gespräch durchaus einen Punkt erreichen kann, wo es nicht weitergeht und an dem es beendet wird. Dem schließe ich mich an.

Fazit: Lukas 9, 62.

Reinhart Zarneckow

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