Charlotte tanzt

Teil 1: Internationaler Turniertanz der DDR in Frankfurt an der Oder

In einem Porträt über die gelernte Chemiefacharbeiterin mit Abitur im Heft „Frankfurt-Information“, Ausgabe September 1983 schreibt die Redakteurin Karin Eberhardt: „Meine Gesprächspartnerin bewarb sich an der Fachschule für Tanz in Leipzig, bekam einen Studienplatz und beendete diese Ausbildung 1968 als Lehrer für Gesellschaftstanz.
Seit 15 Jahren wirkt sie am Frankfurter Kulturzentrum. Etwa 350 Tanzstundenschüler bildet sie jährlich aus. Sie lehrt den Mädchen und Jungen nicht nur die Schritte des Foxtrott oder Walzers – auch die Normen der Partnerbeziehungen, Fragen der Ästhetik und des disziplinierten Verhaltens gehören zu ihrem

Die Rede ist von Charlotte Maria Golz-Glogener, heute meine Gesprächspartnerin.

Februar 2025 – 42 Jahre später feiern wir mit Charlotte ihren 80sten Geburtstag, stoßen auf sie und auf alte Zeiten an. Wir, das ist unsere kleine, private Zumbatruppe (wie hier im Blog schon öfter erwähnt).
Auch ich hatte zu DDR-Zeiten bei Charlotte Tanzstunden im Rahmen der Jugendstunden der FDJ. (Nachzulesen: „Es war einmal das Haus am Berg“).
Und heute? – … tanzt Charlotte immer noch mit, korrigiert uns, ist unser primus inter pares.


Während der Geburtstagsfeier erfahre ich, dass vor 1989 in Frankfurt internationale Tanzturniere stattgefunden haben. Ich staunte, daran hatte ich keinerlei Erinnerung, und wollte mehr darüber wissen. Vor drei Wochen begleite ich Charlotte und meine Sportfreundin Anita auf ihrem regelmäßigen Spaziergang:

„International – was bedeutete das damals? Nur Paare aus den sozialistischen Bruderländern?“ „Nein“, antwortet mir Charlotte. „Wir hatten auch Paare aus der Bundesrepublik, Frankreich, Österreich und Dänemark. Jugoslawien nenne ich hier ebenfalls, weil es nicht zum Ostblock gehörte.“

Siegfried Grupe, angestellt beim Zentralhaus für Kultur der DDR in Leipzig, arbeitete wie Charlotte beim Kulturzentrum in der Gubener Straße. Er begann Frankfurt (Oder) zu einem Leistungszentrum des Tanzsports in der DDR aufzubauen. Anfangs organisierte er die Turniere, setzte sich mit den Kulturzentren der jeweiligen Länder in Verbindung, um Tanzpaare der A und S-Klasse einzuladen, plante den Ablauf der Veranstaltung, bestellte die Wertungsrichter und sorgte für die Hotelunterbringung. „Die Übernachtungsmöglichkeiten waren überschaubar. Und so musste Siegfried manches Mal seinen Charme spielen lassen – er sah aus wie Gerard Philipe -,  bekam noch Zimmer im Hotel Stadt Frankfurt, wo ich zuvor eine Absage erhalten hatte“, erinnert sich Charlotte.

Sie half bei der Organisation, bevor sie Anfang der 80er nach dem Weggang Grupes selbst die Turnierleitung übernahm, bis zur letzten Veranstaltung – ein Jahr, bevor die DDR verschwand.
Das war Stress pur, so Charlotte und illustriert ihre Aussage mit dem Bericht über ein tschechoslowakisches Tanzpaar, das mit mehr Gefolge anreiste als üblich, die Unterbringung somit erheblich erschwerte, dann noch verschlief und obendrein die Turnierkleidung im Hotel vergaß.

Moderationskarten Charlotte:


Die Tanzturniere waren Höhepunkt der jährlich stattfindenden Oderlandfestspiele und der Arbeiterfestspiele 1988. Sie liefen an drei Tagen. Karten dafür waren praktisch nur über Beziehungen zu bekommen.
Austragungsort war das Kulturhaus Völkerfreundschaft in der Birnbaumsmühle 72. Damals ein florierender Veranstaltungsort. Es gab einen großen Saal, den Beethovensaal, und genügend Möglichkeiten für die Paare, sich umzuziehen.“ (Ein Haus mit Geschichte, heute zwar unter Denkmalschutz aber leider ein vergessener Ort und beinahe schon eine Ruine)



„Unter Siegfried Grupes Leitung hatten wir immer eine kleine Combo engagiert.
Inzwischen war ich mit Hans Golz verheiratet. Er war Major der Volkspolizei, hatte das Standortmusikkorps der VP unter sich und die Idee, künftig die Turniere musikalisch zu begleiten. Hans wusste natürlich genau, was ich brauchte. Zehn Tänze: Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Slow Fox, Samba, Cha Cha Cha, Rumba, Jive, Paso Doble. Es lief hervorragend, richtig gut.“

Standortmusikkorps der VP 1987, Leiter Major der VP MD Hans Golz (Quelle: Facebook, Ffo.aktuell Rocco von Frankfurt, Urheber unbekannt, Bildschirmfoto vom Video)


Charlotte erzählt von dem Problem, angemessene und vom Material her geeignete Kleidung und Schuhe für ihre Paare zu bekommen. „Es war eine Katastrophe.“
In Berlin in der Schönhauser Allee gab es das HO-Schuhhaus Hans Sachs, zu dem eine Schuhmacherwerkstatt gehörte. Dort wurden nicht nur Schuhe repariert, sondern es konnten auch Spezialanfertigungen und Umbauten vorgenommen werden. Gerade im Tanzsport war das ein regelrechter Geheimtipp, Insiderwissen. Wer einmal einen guten Schuhmacher gefunden hatte, gab dessen Adresse an Vereinskameraden weiter. Über die Wartezeit wollen wir lieber nicht reden.

Während die Kleider der westlichen Tänzerinnen aus Perlontüll und Organza gefertigt waren, hatten unsere Damen Kleider mit Baumwolltüll, der bei Wärme und Feuchtigkeit die Form verlor und schwer wurde „wie ein Sack“, beschreibt Charlotte.
Selbst die Tschechoslowaken, Polen und Jugoslawen waren mit gutem Tüll ausgestattet.
Und so kam es, dass dänische, westdeutsche und österreichische Paare vereinzelt Kleider und Schuhe zurückließen oder extra mitbrachten, weil diese Engpässe offensichtlich und bekannt waren.
„Das ging ohne Worte“, so Charlotte.

„Wir hatten eine Top-Schneiderin, eine Perle, sag‘ ich dir. Christel Popp, mit ihrem eigenen Reich bei uns im Kulturzentrum. Sie hat das alles für unsere Paare umgearbeitet, den Tüll und die Pailletten aus alten Kleidern herausgetrennt, für neue genutzt und auch sonst alles für unsere Turnierpaare genäht.“ „Allein?“, frage ich. „Ja ganz alleine.“

Schuhe gab es in Berlin, Stoffe in Cottbus. Charlotte erzählt mir die Geschichte eines Lateinkleides: „In einem Exquisitgeschäft in Cottbus fand ich einen Mantel aus goldfarbenem Stoff genäht. Wunderbar weit, für 2000 Mark. Das Kulturzentrum zahlte die Ausstattung für die hochklassigen Paare, aber eine solche Ausgabe und dann noch für einen Mantel wäre nie genehmigt worden. Ich habe nicht lange überlegt, ihn gekauft, schnell zu unserer Schneiderin gebracht, um ihn sofort auseinandernehmen zu lassen. Unter anderem hat sie ein Lateinkleid für mich daraus genäht. Davon habe ich sogar noch ein Foto.“


Ob Charlotte dieses Kleid behalten durfte, wie der Kauf des Mantels vor höherer Stelle gerechtfertigt werden konnte, das erfahrt Ihr im zweiten Teil, denn unsere Lehrerin für Gesellschaftstanz hat mir noch viel mehr erzählt.

Bettina Zarneckow

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