Geburtstage sollte man feiern!

Jedes Jahr überkommt mich Unbehagen, nähert sich der 31.Oktober.

Das ist sehr schade, denn es ist der Geburtstag der Evangelischen Kirche und der unseres jüngsten Sohnes. Als er am 31.10.1999 auf die Welt kam, spielte Halloween in Deutschland noch keine Rolle. Aber zunehmend schwappte diese zweifelhafte Gaudi über den Reformationstag hinweg. Als Grund, warum in einigen Bundesländern der 31.10. ein freier Tag ist, wird wie selbstverständlich Halloween genannt.

Schlosskirche Wittenberg

Während ich früher, nachdem ich herausbekommen hatte, auf welche Art und Weise dieser Tag begangen wird, brav riesige Tüten mit Bonbons einkaufte, um mich freizukaufen von Zahnpataschmierereien und sonstigem Unfug, habe ich diese Geldausgaben inzwischen eingestellt. Zum Anfang der Bewegung bin ich trotz Geburtstagsfeier bei jedem Klingeln zur Haustür gegangen. Jedes „Wesen“ durfte sich erst eine Süßigkeit nehmen, wenn ich eine kurze Erklärung zum Reformationstag und zu Martin Luther abgegeben hatte. Ich bin mir fast sicher, dass die wenigsten begriffen haben, was das für ein Mann war, der im Jahre 1517 an einer Kirchentür 95 Thesen annagelte. Und warum man heute deshalb als Gespenst verkleidet durchs Dunkel von Tür zu Tür zieht, um Drohungen auszustoßen.

Man kann wohl die Hoffnung als Christ und Lutherfan aufgeben, dass der Reformationstag wieder einmal die Bedeutung erlangt, die er als Bestandteil unserer Europäischen Kultur haben sollte.

Kirchentag Wittenberg 2017
Marktplatz Wittenberg

Wie mit einer Dampfwalze wird ja auch über die Deutsche Sprache hinweg gerollt und historische Zusammenhänge verblassen zusehends.

Aber stopp, ich muss mich beherrschen. Das wurde mir auch schon bei Facebook klar gemacht, als ich, wohlgemerkt auf kirchlichen Seiten, Partei für den Reformationstag ergriff und meiner Befürchtung Ausdruck verlieh, dass eines schönen Tages, dieser Feiertag mit samt seiner Geschichte ausgelöscht sein wird. Nur einige Kommentare: „Die Kirche ist nicht das Maß aller Dinge“. „Warum können sie den Kindern nicht ihren Spaß gönnen“. „Es treten doch sowieso immer mehr Menschen aus der Kirche aus“ usw. Eine Bemerkung zu Luthers Verhältnis zu den Juden durfte natürlich nicht fehlen.

Lutherhaus

Nein, ich möchte niemandem verbieten, gruselig verkleidet durch die Straßen zu ziehen, Menschen zu erschrecken und um Süßigkeiten zu betteln. In diesem Jahr habe ich sogar den Vorschlag vernommen, dass nur an Türen geklingelt werden soll, deren Häuser geschmückt sind, die also eindeutig Halloweenfreundlichkeit zu erkennen geben. Das wäre für mich ein guter Kompromiss. Meinetwegen sollen die Hersteller von Süßigkeiten und Kostümen auch leben und, wie die Blumenhändler zum Valentinstag, das Geschäft ihres Lebens machen. Mit Nachhaltigkeit hat das alles natürlich nichts zu tun.

Schade nur, dass die meisten Geister, die umherziehen, weder den Brauch des All Hallows Eve kennen und Halloween inzwischen als eine zu Deutschland gehörende Tradition ansehen, noch wissen, warum wir den Reformationstag feiern. Zu allem gibt es genügend Material im Internet.

Ich bin weiterhin der Spielverderber, klebe meinen Briefkasten zu, verschließe unser Tor, stelle die Haustürklingel ab und feiere den Geburtstag unseres Sohnes zusammen mit dem der Evangelischen Kirche!

Bettina Zarneckow

7 Gedanken zu “Geburtstage sollte man feiern!

  1. Liebe Bettina! Feiert den Geburtstag deines Sohnes, zum Glück ist er ja aus dem Halloweenalter raus. 😉 Was Reformationstag und Allerheiligen betrifft, bin ich immer unsicher, in welchem deutschen Bundesland nun welcher Tag begangen wird. Bei uns ist es natürlich der 1. November. Was wieder praktisch ist, weil die Kinder abends feiern können und nicht früh raus müssen zur Schule. Halloween ist ein großes Geschäft, auch hier in Italien. Ich brachte es aber dieses Jahr auch nicht übers Herz, meiner Kleinen, die seit einem Monat von nichts anderem redet, den Spaß zu verderben. Vor einem Jahr war alles „verboten“ aus bekannten Gründen und das war gut so. Jetzt haben die Kinder aber auch das große Bedürfnis, mal wieder die Sau bzw. den Vampir rauszulassen. Ich gönne ihnen die Freude, wir haben aber für beide private „Partys“ im super kleinen Rahmen mit Freundinnen organisiert, ohne von Tür zu Tür ziehen. Morgen bringe ich noch einen unfreiwilligen aber trotzdem hoffentlich netten kleinen Beitrag zum Thema.
    Buona notte und AUGURI, alles Gute für deinen Sohn! LG Anke

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    1. Danke, ich werde es ihm ausrichten. Ich wende mich lediglich gegen die Nötigung und die Unkenntnis. Ansonsten bin ich dafür, dass jeder nach seiner Facon selig werden soll. Feiert schön und gruselt euch ordentlich. Wir Protestanten gedenken übrigens unserer Verstorbenen am Ewigkeitssonntag. Dann bis zu deinem Beitrag morgen. Gute Nacht 🌃 und liebe Grüße Bettina

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  2. Liebe Bettina, Halloween hat sich wie eine amerikanische Decke über unsere alte Tradition gestülpt. Ich mag diese Tage überhaupt nicht, denn sie scheinen auf einer denkbar schlechten Seite zu stehen. Wenn die Kinder schreien: „Süß oder sauer!“, um irgendetwas zu erhalten, werde ICH sauer. Es ist unverschämt und anmaßend.
    Ich kenne das Singen von Haus zu Haus nur zu Sankt Martin. Da bin ich als Kind selbst mitgelaufen und habe Süßigkeiten gesammelt. Bis mir irgendwelche Halbstarken die volle Tüte gestohlen haben. Als mein Sohn klein war, lag eine solche Tüte voll am Straßenrand. Überflussgesellschaft! Alles hat sich geändert. Bald wird niemand mehr wissen, warum wir hier in Deutschland Feiertage haben. Die Schulen und Kirchen sind angehalten, dies zu vermitteln. Liebe Grüße, Gisela

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    1. Liebe Gisela, in allem was Du schreibst, stimme ich mit Dir voll überein. Ich finde es nicht lustig, wenn Süßes oder Saures „angedroht“ wird. Es grenzt an Nötigung, wenn ich mir die „Streiche“ ansehe, wenn ich keine Süßigkeit gegeben habe. Wer kennt noch das Singen zu Sankt Martin, als man sich seine Bonbons noch redlich verdient hat. Auch meine Kinder haben das noch mitgemacht. Leider kann man sich auf die Bildungseinrichtungen heute nicht mehr verlassen, was diese Dinge betrifft. Es kommt mir eher wie ein Anbiedern an neue Strömungen vor. Und jemand, der an Ritualen und Traditionen festhält, gilt als Ewiggestriger, konservativ und wird milde belächelt. Da sage ich: jetzt erst recht! In diesem Sinne wünsche ich Dir einen schönen Reformationstag! Liebe Grüße, Bettina

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  3. Christoph Ehricht

    Heute geht mir noch einmal Bettinas Nachdenken über den 31. Oktober durch den Sinn, weil wieder Geburtstage zu feiern sind. Zuerst der von Martin Luther. Vor genau 500 Jahren hat er diesen Tag auf der Wartburg verbracht, wo er am wichtigsten Werk seiner Reformation arbeitete, dem Neuen Testament Deutsch. Dass Sprache durch Schönheit eine neue Wirklichkeit schaffen kann, gehört seitdem zum Schatz unserer Welt- und Lebenserfahrung. Leider gilt auch das Gegenteil: eine hässliche Sprache schafft eine beklemmende Wirklichkeit. Bettina deutet das sehr zu Recht an! Auch das morgige Geburtstagskind, Fjodor Dostojewski, der große Wahrheitssucher, bezeugt übrigens diese Erfahrung auf seine Weise: Nicht Wahrheit, sondern Schönheit wird die Welt retten.

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    1. rosmarie68

      Lieber Christoph,
      die neue Lutherbibel von 2017 ist wieder näher an der Sprache Luthers als die vorherigen. Die Veröffentlichung galt als einer der Höhepunkte des Reformationsjubiläums. Heute vor 4 Jahren hat sie mir Reinhart zum Geburtstag geschenkt.
      Du bringst einen wunderbaren Spruch von Dostojewski. Ich bringe einen von Truman Capote: „Das größte Vergnügen am Schreiben ist für mich nicht das Thema, sondern die Musik, die die Wörter machen.“ Wie kann man die Musik genießen, wenn unangemessene Nebengeräusche sie stören.
      Auch ich bin mir sicher – Schönheit wird die Welt retten!
      Herzlich grüßt Dich Bettina

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