Sicherheit und Gewissheit

Eine alte Seemannsregel lautet: „Eine Hand fürs Leben, eine Hand fürs Schiff.“ Wer mit beiden Händen das gleiche täte, brächte entweder sich oder das Schiff in Gefahr. Der gedankliche Vergleich zwischen der Entscheidungssituation auf dem Wasser und der an Land wird in dem Satz beschrieben: „Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand.“ Zwei Sätze, die mit der lebensbedrohlichen Situation auf hoher See verbunden sind und uns vor Augen führen, dass wir eine Antwort auf die Frage finden müssen, wie Sicherheit zu gewährleisten ist bzw. welche Gewissheiten wir haben können. Nun sind Sicherheit und Gewissheit nicht dasselbe, auch wenn sie sich mit der gleichen Frage befassen, welche Antwort wir auf die Wirklichkeit der Gefahr finden können.

Die neuzeitlich dominante Einstellung ist der Wunsch nach Sicherheit. Sie scheint rational auf den ersten Blick überzeugender. Wer ein Auto kauft, wird sich überzeugen lassen, wenn der Hersteller Sicherheitssysteme verbaut hat. Deren Funktionsweise soll die Gefahren im Straßenverkehr abwenden. Würde der Hersteller sagen, er sei gewiss, dass das Auto die Insassen und andere Verkehrsteilnehmer schützen könne, würde er wohl weniger Käufer überzeugen können. Wir wollen es genau wissen. Das scheint der rationale Weg zu sein. Ob man aber auch in solch einem Auto mit sämtlichen Sicherheitssytemen einen Unfall erleiden wird, kann niemand sagen, weil es ungewiss ist.

Was ist der Unterschied? Sicherheit heißt im Latein securitas. Wer diesen Begriff googelt, erhält natürlich sofort Suchergebnisse von Sicherheitsfirmen, die sich gerne den lateinischen Namen geben, auch wenn die meisten ihrer Kunden kein Latein beherrschen. Gewissheit heißt im Latein certitudo. Securitas ist ein compositum, ein zusammengesetztes Wort aus sine und cura. Übersetzt heißt das ohne Sorge. Der preußische König nannte sein Anwesen in Potsdam so, allerdings in Französisch sans souci. Das „Haus ohne Sorge“ macht immer wieder tatsächlich sorglos, darum passieren die meisten Unfälle auch im eigenen Haushalt. Ein Haus, das relativ sicher wäre, dürfte weder Türen noch Fenster haben, sagen Sicherheitsberater. Auch in und durch Autos mit Sicherheitssystemen passieren in Deutschland jedes Jahr immer noch rund eine halbe Million Unfälle mit zehntausenden Verletzten und tausenden Toten. Securitas ist auch ein gefährliches Denksystem. Sorglosigkeit ist das Einfallstor für den Teufel, sagt Martin Luther. Die Gefahr liegt in dem Wunsch, einen Bereich zu haben, der vor der Gefahr abgeriegelt ist. Das heißt im Englischen lockdown. Spaßvögel nannten den Schneefall im ersten Winter der Coronazeit Flockdown. Die Diskussion wurde darüber geführt, welches der richtige Weg sei, wie wir aus einem Lockdown wohl wieder herauskommen.

Certitudo ist ein anderes Denken. Gewissheit teilt nicht in zwei Bereiche, einen gesicherten, abgeschlossenen und einen unsicheren, offenen Bereich. Gewissheit geht davon aus, dass die Gefahr immer gegeben ist und wir ein äußeres Verhältnis dazu haben und ein inneres Verhältnis dazu bestimmen müssen. Dieses Denken geht davon aus, dass die Wirklichkeit kontingent ist, also die Gefahren und ihre Folgen immer eintreten können, aber nicht müssen. „Alles kann, nichts muss“, so beschreiben manche Menschen auch ihre Lebenseinstellung. Allerdings kann diese Einstellung nur der Wirklichkeit folgen, nicht umgekehrt. In Gottes Hand zu sein, wie es die alte Lebensweisheit bezeichnet, ist eine Frage der Gewissheit nicht der Sicherheit. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, meinten manche selbstsicher in der DDR. „Ohne Sonnenschein und Gott geht die LPG bankrott“ hielten andere dagegen. Sicherheit ist ein tiefsitzendes Bedürfnis und zugleich auch eine Gefahr, weil sie die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit entweder unter- oder überschätzt und man deshalb entweder leichtsinnig mit ihr umgeht oder sich angsterfüllt von ihr absondert. Gewissheit lässt den „Spielraum“ der Wirklichkeit bewusst zu und antwortet mit einer Haltung der Zuversicht und des Vertrauens. Certus, das Adjektiv, bedeutet gewiss, aber auch entschieden nach einem Kampf bzw. einer geistigen Auseinandersetzung. Etwas wird dadurch zur Gewissheit, weil die Auseinandersetzung damit ein klares Ergebnis gebracht hat. Wie zum Beispiel beim Gold waschen. Wenn in einem Fluss Gold gewaschen wird, ist erst nach dem Sieben und Scheiden klar, ob es dort Gold gibt, es bleibt nach dem Sieben und Waschen am Ende übrig. Wenn kein Gold übrig bleibt, ist es weiterhin der eigenen Erfahrung nach ungewiss, wenn aber andere Goldsucher im selben Fluss schon Gold gefunden haben, kann ich auch ohne Erfolg gewiss sein, dass ich die Chance auf einen Fund habe. Wir müssen also Gewissheit in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erst gewinnen. Das Streben nach Sicherheit setzt diese Auseinandersetzung im Grunde schon voraus. Einen Kampf gewinnt man leichter mit einem Überraschungsangriff. Viele Menschen vertrauen bei klarem Bewusstsein auf Gott und der Glaube wird auf dem Weg der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und der Glaubenstradition gewiss oder ungewiss. Sicher kann er niemals sein. Auch die Liebe und die Hoffnung sind Gewissheiten, keine Sicherheiten. Das Leben kann anders als mit den Gewissheiten des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung nicht bewältigt werden. Ob es die Liebe, vielleicht sogar die „große Liebe“ die sich gar nicht definieren lässt, wirklich gibt, scheint allgemein gewiss zu sein. Sicher und definierbar sind diese Dimensionen der Wirklichkeit nicht. Ohne ihre Definierbarkeit, also wörtlich verstanden „Abgrenzbarkeit“ müssen sie als ungesicherte Annahmen gelten.

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Es lässt sich das Thema des Atheismus, also die Aussage, dass der Welt Gott nicht gegeben oder offenbart ist, im Bereich der Sicherheit nicht beantworten, weil sich Gott nicht definieren lässt. Im Bereich der Gewissheit ergeht es dieser Frage, wie der Frage nach den entscheidenden Dimensionen der Lebensbewältigung, dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung, der Auferstehung von den Toten und der Ewigkeit, sie bleiben im Bereich der Gewissheit oder Ungewissheit. Die Gewissheit der Liebe ist möglich, die Sicherheit nicht.

GARTZ / 12.08.2022 / HILMAR WARNKROSS

Geburtstage sollte man feiern!

Jedes Jahr überkommt mich Unbehagen, nähert sich der 31.Oktober.

Das ist sehr schade, denn es ist der Geburtstag der Evangelischen Kirche und der unseres jüngsten Sohnes. Als er am 31.10.1999 auf die Welt kam, spielte Halloween in Deutschland noch keine Rolle. Aber zunehmend schwappte diese zweifelhafte Gaudi über den Reformationstag hinweg. Als Grund, warum in einigen Bundesländern der 31.10. ein freier Tag ist, wird wie selbstverständlich Halloween genannt.

Schlosskirche Wittenberg

Während ich früher, nachdem ich herausbekommen hatte, auf welche Art und Weise dieser Tag begangen wird, brav riesige Tüten mit Bonbons einkaufte, um mich freizukaufen von Zahnpataschmierereien und sonstigem Unfug, habe ich diese Geldausgaben inzwischen eingestellt. Zum Anfang der Bewegung bin ich trotz Geburtstagsfeier bei jedem Klingeln zur Haustür gegangen. Jedes „Wesen“ durfte sich erst eine Süßigkeit nehmen, wenn ich eine kurze Erklärung zum Reformationstag und zu Martin Luther abgegeben hatte. Ich bin mir fast sicher, dass die wenigsten begriffen haben, was das für ein Mann war, der im Jahre 1517 an einer Kirchentür 95 Thesen annagelte. Und warum man heute deshalb als Gespenst verkleidet durchs Dunkel von Tür zu Tür zieht, um Drohungen auszustoßen.

Man kann wohl die Hoffnung als Christ und Lutherfan aufgeben, dass der Reformationstag wieder einmal die Bedeutung erlangt, die er als Bestandteil unserer Europäischen Kultur haben sollte.

Kirchentag Wittenberg 2017
Marktplatz Wittenberg

Wie mit einer Dampfwalze wird ja auch über die Deutsche Sprache hinweg gerollt und historische Zusammenhänge verblassen zusehends.

Aber stopp, ich muss mich beherrschen. Das wurde mir auch schon bei Facebook klar gemacht, als ich, wohlgemerkt auf kirchlichen Seiten, Partei für den Reformationstag ergriff und meiner Befürchtung Ausdruck verlieh, dass eines schönen Tages, dieser Feiertag mit samt seiner Geschichte ausgelöscht sein wird. Nur einige Kommentare: „Die Kirche ist nicht das Maß aller Dinge“. „Warum können sie den Kindern nicht ihren Spaß gönnen“. „Es treten doch sowieso immer mehr Menschen aus der Kirche aus“ usw. Eine Bemerkung zu Luthers Verhältnis zu den Juden durfte natürlich nicht fehlen.

Lutherhaus

Nein, ich möchte niemandem verbieten, gruselig verkleidet durch die Straßen zu ziehen, Menschen zu erschrecken und um Süßigkeiten zu betteln. In diesem Jahr habe ich sogar den Vorschlag vernommen, dass nur an Türen geklingelt werden soll, deren Häuser geschmückt sind, die also eindeutig Halloweenfreundlichkeit zu erkennen geben. Das wäre für mich ein guter Kompromiss. Meinetwegen sollen die Hersteller von Süßigkeiten und Kostümen auch leben und, wie die Blumenhändler zum Valentinstag, das Geschäft ihres Lebens machen. Mit Nachhaltigkeit hat das alles natürlich nichts zu tun.

Schade nur, dass die meisten Geister, die umherziehen, weder den Brauch des All Hallows Eve kennen und Halloween inzwischen als eine zu Deutschland gehörende Tradition ansehen, noch wissen, warum wir den Reformationstag feiern. Zu allem gibt es genügend Material im Internet.

Ich bin weiterhin der Spielverderber, klebe meinen Briefkasten zu, verschließe unser Tor, stelle die Haustürklingel ab und feiere den Geburtstag unseres Sohnes zusammen mit dem der Evangelischen Kirche!

Bettina Zarneckow