Anschwellender Bocksgesang: neu befragt

Helmut Woll

Bremen, den 1.Mai.2020

Botho Strauß hat in seinem provokativen Essay vor über 25 Jahren (1993) eine Kulturdebatte ausgelöst. Statt den Text eingehend zu studieren und zu interpretieren, hat man das klassische Links-Rechts Attacken-Schema bedient, so dass die emotionsgeladene Debatte nach zehn Jahren pflichtgemäß im Sande verlief. Die aufgewirbelten Probleme blieben, sie wanderten von der Feuilleton- zur Politikseite der Zeitungen. Nun ist es fast unmöglich, die heterogenen Bild- und Gedankenvisionen des ‚Anschwellenden Bocksgesanges‘ nachzuzeichnen.

Botho Strauß beklagt in seinem Essay einen Substanzverlust bei den Individuen und in der Gesellschaft. Das Heilige, das Sakrale, das Unsagbare verlässt uns. Er hat das Gefühl, jemand hat den Stecker gezogen. Die Leichtigkeit der liberalen Welt droht zu kippen. Die Stränge drohen zu zerreißen, Kohäsionen lösen sich langsam auf. Die Massendemokratie stößt an ihre Grenzen. Es zerbrechen die Formen, die Zeit läuft aus. Es handelt sich um Verwerfungen größeren Ausmaßes, die von der Wohlstandsgesellschaft nicht mehr überbrückt werden können. Wir wissen nicht mehr, ob wir in der Demokratie oder im Demokratismus leben. Der Ökonomismus kommt an seine Grenzen und degeneriert zu einem reizbaren und nervösen System. Unsere Selbstgefälligkeit versteht die fremden Kulturen nicht mehr. Es ziehen Konflikte herauf, die nicht mehr rein ökonomisch befriedigt werden können. Wir haben sittlich über unsere Verhältnisse gelebt. Unser modernes, egoistisches Heidentum bedarf einer Re-Christianisierung. Die Moralisierung in der öffentlichen Meinung hat die Verhöhnung des Eros, des Soldaten, der Kirche, der Tradition und Autorität bewirkt, sodass man sich nicht wundern muss, wenn mahnende Worte in der Not verpuffen. Die öffentliche Moral hat vor allem die Schlechtigkeit der herrschenden Verhältnisse betont und als Ausweg nur eine profane Eschatologie angeboten, die sturzartig am Zusammenbrechen ist. „Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts. Wir hören nur den lauter werdenden Mysterienlärm, den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns. Die Opfergesänge, die im Inneren des Angerichteten schellen. Die Tragödie gab ein Maß zum Erfahren des Unheils wie auch dazu, es ertragen zu lernen. Sie schloß die Möglichkeit aus, es zu leugnen, es zu politisieren oder gesellschaftlich zu entsorgen. Denn es ist Unheil wie eh und je, die es trifft, haben nur die Arten gewechselt, es wahrzunehmen, es anzunehmen, es zu nennen mit angetönten Namen.“ (Anschwellender Bocksgesang)

Der Liberale ist nicht mehr wirklich liberal, sondern nur ein Gegner des Antiliberalismus, der sich einem Selbsthass verdankt. Die Intellektuellen sind nicht freundlich zu den Fremden, sondern grimmig gegen das Unsrige. Die Freundlichkeit gegenüber dem Nächsten kostet nichts, doch wie belastbar ist diese? Der Zeitgeist steht links, doch links war lange Zeit ein Synonym für das Fehlgeleitete. Rechts sein aus innerer Überzeugung heißt leben in einer tiefen kulturellen Erinnerung. Der Rechte ist ein kultureller Außenseiter. Die lang postulierte gesellschaftliche Jugendlichkeit ist Ausdruck von Negation und Vaterhass. Alle Missstände werden der Gesellschaft in die Schuhe geschoben. Es scheint kein Zurück mehr zu geben. Am Ende zitiert Strauß den französischen Anthropologen René Girard, der in seinem Buch ‚Das Heilige und die Gewalt‘ die Funktion des Ritualmordes für die Gemeinschaft beschreibt. „Der Fremde, der Vorüber-ziehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in Aufruhr ist. Der Sündenbock als Opfer der Gründungsgewalt ist jedoch niemals lediglich ein Objekt des Hasses, sondern ebenso ein Geschöpf der Verehrung. Er sammelt den einmütigen Haß aller in sich auf, um die Gemeinschaft davon zu befreien.“ (René Girard)

Die ursprüngliche Fassung des Textes wurde zuerst 1993 in „Der Pfahl. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft VII“ bei Mattthes & Seitz veröffentlicht. Betrachtet man den Text als ein sprachmächtiges Kunstwerk, war dies der adäquate Ort für die künstlerische und wissenschaftliche Öffentlichkeit. Der Nachdruck vom 8.2.1993 in „Der Spiegel“, einem links-liberalen politischen Massenblatt, rückte den Text gewollt und ungewollt in einen politisch umkämpften Deutungsraum. Durch die Begriffe wie Elite, Wiederkehr der Götter oder Opfertod wurde die Leserschaft provoziert. Botho Strauß, der viel gepriesene linke Dramaturg der 1970er-Jahre der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, konnte nur noch in die anrüchige rechte Ecke geschoben werden. Dies umso mehr, da für die politische Linke durch die Wiedervereinigung eine ideologische Welt zusammenbrach. Dadurch war es nicht möglich, den eigentlich philosophischen esoterischen Kern des Textes zu erfassen. Die politische Rechte versuchte Botho Strauß in dem Sammelband „Die selbstbewusste Nation“ für sich zu vereinnahmen und blies ebenfalls zur politischen Attacke.

Heute haben wir die Erfahrungen mit einer nicht mehr für möglich gehaltenen Weltfinanzkrise des Jahres 2008 und mit den Fluchtbewegungen der letzten Jahre und der Pandemie und einer neuen Weltwirtschaftskrise. Botho Strauß hat die drohenden Verwerfungen des ökonomischen Systems erahnt. Er hat zudem gefragt, ob wir genügend christliche Substanz haben, um diese Gegenwartsprobleme zu bewältigen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen bleibt der ‚Anschwellende Bocksgesang‘ eine dichterisch wirkmächtige Blaupause für eine dringend notwendige ökonomische und politische Vergegenwärtigung.

Literatur

Schwilk, Heimo/Schacht, Ulrich (Hrsg.): Die selbstbewusste Nation. ‘An-schwellender Bocksgesang‘ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, 2. Aufl., Ffm/Berlin 1994 Strauß, Botho: Anschwellender Bocksgesang, in: Der Spiegel 6/1993,

folgend der Link zum Artikel:

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681004.html

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