Erlebte und erinnerte Zeit – Leben auf und mit dem Zauberberg in der Corona-Krisenzeit

– Fortsetzung der Zeitgemäßen Gedanken vom 2. April –

In den letzten drei Wochen bin ich meiner eigenen, an dieser Stelle vorgetragenen Empfehlung gefolgt und habe Thomas Manns Zauberberg gelesen, zum zweiten Mal. Zu hören war übrigens, dass ich mich damit eingereiht habe in eine große Schar von Lesern – die Pest von Albert Camus und eben der Zauberberg waren dem Vernehmen nach die Spitzenreiter bei online-Bestellungen in den geschlossenen Buchhandlungen. Welche Erkenntnisse und Einsichten werden meine Mitleser wohl gewonnen haben? Über die süße Melancholie der Langeweile? Über die Fragwürdigkeit medizinischen Allmachtswahns? Die Abgründe und Gefahren kommerzialisierter Gesundheitsfürsorge? Wie Krankheit sich heimlich Körper und Seele gefügig macht und ein Ingenieur auf einmal merkt, dass er seine Zukunft nicht in der Hand hat? Ich weiß es nicht, nur von meinen eigenen Leseerlebnissen kann ich jetzt ein wenig berichten.

Thomas Manns Nachdenken über das Geheimnis der Zeit hat sich mir beim Lesen in einer zusätzlichen Perspektive erschlossen. Immer wieder wurde ich daran erinnert, wie es vor über fünfzig Jahren war, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Diese Erinnerung an das Zeiterleben des 18-jährigen Oberschülers in der DDR des Jahres 1968 bildete jetzt eine Art Subtext für meine Lektüre: lange nächtliche Gespräche mit meinem leider früh verstorbenen Freund jener Zeit, der den Roman entschieden für missglückt erklärte, die etwas hilflose und vorsichtige Reaktion des Deutschlehrers auf meinen Vortrag über das Buch – hatte ich doch neben der skandalträchtigen Geschichte um Gerhart Hauptmann und Mynheer Peperkorn die Streitgespräche zwischen Leo Naphta und Ludovico Settembrini in den Vordergrund meiner Darstellung gerückt und zugespitzt auf den Konflikt zwischen demokratischer Humanität und totalitärer Ideologie gleich welcher Provenienz in einer dem Untergang geweihten Welt, was natürlich einen gewissen Sprengstoff für die gewünschte Rezeption des Buches und die damals pädagogisch gewollte Urteilsbildung enthielt –, die jugendliche Begeisterung für die mir inzwischen an manchen Stellen eher suspekt gewordene Sprachgewalt des Autors, die mich damals zu glücklicherweise verloren gegangenen eigenen literarischen Versuchen angeregt hatte und natürlich und nicht zuletzt die eigene Träume des jugendlichen Lesers weckende Madame Chauchat vom guten Russentisch mit ihren leicht schräg stehenden Kirgisenaugen, der heiseren Stimme und der slawischen Physiognomie.

Ich sollte an dieser Stelle vielleicht einschieben, dass Thomas Mann für die Kulturpolitik der DDR, wie ich sie damals erlebt habe, nicht leicht zu vermitteln war. Für ihn sprach, dass er sich nicht in die Schützengräben des Kalten Krieges begeben und zum Beispiel die Rechte an seinen Büchern sowohl dem S.Fischer-Verlag im Westen wie dem Aufbau-Verlag im Osten übergeben hatte. Seine Besuche in Weimar 1949 zum Goethe- und sechs Jahre später zum Schillerjahr wurden mit großem Aufwand in das kollektive Gedächtnis eingefügt und sein Empfang als Staatsgast dürfte auch an dem für Ehrungen empfänglichen Dichter nicht spurlos vorübergegangen sein. Pflichtlektüre im Deutschunterricht war aber eigentlich nur „Mario und der Zauberer“ aus sicher eher vordergründigen Motiven. Im übrigen wussten die Literatur-Funktionäre natürlich sehr gut, dass sich Thomas Mann trotz seiner gern zitierten Bemerkung über den „Antikommunismus als Grundtorheit unserer Epoche“ wenig für den Aufbau des totalitären Staatssozialismus vereinnahmen ließ.

Aber zurück zur erinnerten Zeit meiner ersten Lektüre des Zauberbergs. 1968 fand in meiner Heimatstadt ein eigenartiges und heute kaum noch erwähntes Ereignis statt, ein „Treffen der Arbeiterjugend aus beiden deutschen Staaten“. Es war wohl der letzte Versuch der Partei, eine gesamtdeutsche Initiative für den Sieg des Sozialismus in ganz Deutschland zu starten. Abseits von den offiziellen Veranstaltungen gab es durchaus Gelegenheit für Begegnungen in Parks und Cafes. So erinnere ich mich an eine lange Diskussion mit einer kleinen Gruppe eloquenter und selbstbewusster Westberliner SDS-Studenten über die Frage, wie und ob trotz der wenig überzeugenden sozialistischen Realität die Ideale von Karl Marx am Leben gehalten werden können, wir Ostler von den Besuchern beeindruckt, in der Sache aber überwiegend eher resigniert und müde, die bildungsbürgerlich sozialisierten und saturierten Berliner dagegen voller revolutionärer Leidenschaft. Viele Jahre später, nach der Wiedervereinigung, gab es mitunter ähnliche Konstellationen, wenn die aus dem Westen gekommenen Professoren ihren übrig gebliebenen evaluierten Ostkollegen an der Universität den Marxismus-Leninismus erklärten. Schade, dass Thomas Mann das nicht mehr erlebt hat. Die Szenerie hätte gut auf den Zauberberg gepasst und wäre seiner beißenden Ironie durchaus würdig gewesen.

Wie die Dinge damals in der DDR lagen, war für einen jungen Mann, der in dieser Zauberbergwelt lebte, der Zufluchtsort einer Theologischen Fakultät sehr attraktiv und tatsächlich habe ich mich in dieser „pädagogischen Provinz“ angesiedelt. Manche scharfsinnigen Beobachtungen von Thomas Mann etwa über Luther und den Protestantismus oder über Stärken und Schwächen der römischen Weltkirche aus den erwähnten Streitgesprächen im Zauberberg trug ich im Rucksack auf dem Rücken. Im Lauf der Zeit traten sie durch andere berufliche Anforderungen in den Hintergrund, das Gepäck wurde leichter – auch durch Befremden über Thomas Manns spätere törichte Geschichtskonstruktion über einen deutschen Weg von Luther zu Hitler.

Ganz überraschend schnell holte mich der Zauberberg übrigens in meinem neuen Lebensabschnitt ein: einer meiner theologischen Lehrer, der mir bald zu einem väterlichen Freund wurde, hatte nach dem Krieg eine Tbc-Erkrankung in Davos auskuriert und von dort seine Ehefrau mitgebracht. Seine Erzählungen wurden für mich zu einer nachträglichen lebendigen Illustration des Romans. Später haben wir gemeinsam, auch inspiriert vom Zauberberg, ein Seelsorgeseminar über die „Ästhetik des Leidens“ konzipiert. Ich bin dankbar dafür, dass mir die Erinnerung an diesen Mann beim erneuten Lesen wieder so lebhaft vor Augen stand.

Jetzt beim zweiten Lesen des Zauberbergs bin ich sehr zum Nachdenken angeregt worden, als in einem der Streitgespräche Leo Naphta seinem schöngeistigen Widerpart entgegnete, dass Humanismus, Demokratie und Menschenrechte immer der Gefahr erliegen, zum Deckmantel nackter ökonomischer Machtinteressen zu verkommen und dass darum dem Terror und einer Diktatur die Zukunft gehören wird.

Mich irritiert, dass ich – jedenfalls in meiner Erinnerung – mit dieser demaskierenden Analyse und der bedrückenden Prophezeiung beim ersten Lesen gar nicht soviel anfangen konnte, sie offenbar vergessen hatte und dass sie mich heute so unmittelbar anspricht. Der Handlungsort des Zauberbergs, Davos ist inzwischen zum Symbolort einer so genannten Weltwirtschaftsordnung geworden, deren Brüchigkeit nun in der Coronakrisenzeit so schonungslos und beängstigend offenbar wird.

Erinnert habe ich mich schließlich jetzt beim zweiten Lesen daran, dass die von Thomas Mann seinem Kronzeugen Settembrini in den Mund gelegten Überlegungen zum besonderen Standort Deutschlands zwischen West und Ost für mich schon damals zu einer wichtigen und prägenden Anregung geworden waren. Bin ich am Ende dadurch für einige Jahre meines Berufslebens nach Russland geführt worden, in die mir durch Thomas Mann vermittelte Welt von Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewski und Madame Chauchat? Vielleicht berichte ich bei anderer Gelegenheit etwas mehr über diese Jahre. Hier nur soviel, dass ich seitdem tief bekümmert bin über das in unseren Medien vermittelte Russlandbild, das von soviel Klischees, Unkenntnis und – ich muss es leider sagen – auch Häme geprägt ist, die mich ein dreiviertel Jahrhundert nach Kriegsende fassungslos macht. Ich habe die DDR immer irgendwie als Stiefkind der deutschen Geschichte verstanden, ein eher graues Aschenputtel, das besonderer Aufmerksamkeit bedarf und das, wenn die deutsche Teilung einmal vorbei sein würde, die Erfahrungen aus seiner Ostbindung in ein neues Deutschland würde einbringen können. Die Geschichte ist anders verlaufen, eine vermeintliche transatlantische Wertegemeinschaft scheint oder – heute dürfen wir wohl sagen: schien – vorerst zu triumphieren. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät und vielleicht hilft auch hier die globale Coronakrise, uns nicht länger von den golden glitzernden Gewändern der Stiefschwestern von Aschenputtel blenden und in die Irre führen zu lassen.

Ob uns der Zauberberg anregen kann, ein wirklich gemeinsames Europa zu denken und zu gestalten, das nicht länger verwechselt wird mit Brüssel oder einer osterweiterten NATO, sondern die reiche Kultur und Geisteswelt Russlands endlich einschließt? Der richtige Satz „Es geht uns nur gut, wenn es Europa gut geht“ würde dann noch viel richtiger! Wie sehr wir dann auch das Vermächtnis des Erzählers vom Zauberberg beherzigen würden, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Zwei wichtige Leseerlebnisse, die der Roman bereithält, habe ich noch gar nicht angesprochen. In den vielen philosophischen und kulturgeschichtlichen Gedankengebäuden, die für Hans Castorp errichtet werden und in denen er sich tappend zu orientieren versucht, spielt natürlich die Psychoanalyse eine entscheidende Rolle. Siegmund Freuds Erkenntnis, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist, bildet ein Leitmotiv des ganzen Buches. Hans Castorp erfährt und erlebt dies in den „drei Wochen“ bei „denen da droben“, die unversehens zu sieben Jahre werden. Eine beklemmende Erfahrung, die uns in dieser Zeit sehr nahe kommt und die viel seelische Kraft erfordert, damit sie zu einer befreienden Erfahrung verwandelt werden kann. In der Komposition des Zauberbergs leuchtet diese Kraft am Ende auf, wo versucht wird, Empfinden und Erleben beim Musikhören in Worte zu fassen, der Musik, der „Fülle des Wohllauts“, wie Thomas Mann dieses Kapitel überschreibt, sprachliche Gestalt zu geben. Unausgesprochen, aber eindringlich und mich jedenfalls überzeugend teilt der Dichter seinen Lesern so Dostojewskis Einsicht mit, dass nicht Wahrheit, sondern Schönheit die Welt erlösen wird. Darauf können die Leser des Zauberbergs und nicht nur sie sich verlassen. Sie brauchen dafür nur Zeit als wichtigstes Geschenk und Gelassenheit als wichtigste Tugend in dieser gegenwärtigen Krise. Und Demut.

Christoph Ehricht

Ein Gedanke zu “Erlebte und erinnerte Zeit – Leben auf und mit dem Zauberberg in der Corona-Krisenzeit

  1. Viele Ostdeutsche denken wie Du, glaube ich und auch mit den Sanktionen Russland gegenüber sind sie nicht einverstanden. Ich erinnere mich an die Aktion „Titanen on Tour“ Ein Treck mit acht Pferdekutschen unterwegs von Brandenburg nach Russland. Die Teilnehmer wollten auf ihrer Tour, die sie im Jahr 2018 über drei Monate durch Polen und das Baltikum nach Russland führte, ein Zeichen für Frieden und Völkerfreundschaft setzen, gerade wegen der Handelsbeschränkungen, unter denen Deutsche und Russen leiden. Ich fand das sehr gut und habe es bewundert. Die Initiatoren – Ostdeutsche.
    In meinem Text in unserem Blog schrieb ich von der DDR als Biotop – Die Russen, die hier lebten, gehörten dazu mit allem Ärger und allen Emotionen, die ein solches Zusammenleben mit sich bringt. Man hatte sich aneinander gewöhnt. Nur an die mächtigen Panzer, die das Geschirr in unseren Schränken zum Klirren brachten, daran gewöhnten wir uns nie. Ich erinnere mich heute als Mutter an die in Frankfurt stationierten blutjungen russischen Soldaten, die zu jeder Jahreszeit, auch im Sommer bei 30 Grad, in voller Montur ihre Trainingsläufe durch unsere Straßen machen mussten.
    Taufpatin unseres Sohnes Victor ist Ludmilla, eine Russin, die einen Russlanddeutschen heiratete und mit ihm in den 90er Jahren nach Deutschland übersiedelte. Mit ihnen kam ihr jüngster Sohn, ein sehr sensibler, intelligenter junger Mann, der sonst in die Russische Armee eingezogen worden wäre. Er ist hier nicht glücklich geworden. Einmal fragte er mich, ob ich schon einmal in Russland gewesen wäre. 1987 in Sankt Petersburg antwortete ich ihm.
    Eine schöne Stadt erwiderte er, fing aber an von den Weiten Russlands und dem Baikalsee zu schwärmen. Das ist Russland, sagte er mit sehnsüchtiger Stimme. Später ging er zurück in seine Heimat und verunglückte dort tödlich. Er war wenige Jahre jünger als ich.
    Dein Text hat mich nachdenklich gestimmt. Ich bin zuversichtlich, dass mit zunehmender Besinnung der Ostdeutschen Deine Hoffnung auf ein Europa, das Russland mit einschließt, sich erfüllen wird.

    Bettina

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