Essay zum Klimawandel – Sloterdijk – in „Nach Gott“

Zu Jonathan Franzen „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ und Peter Sloterdijk „Absoluter und kategorischer Imperativ“, in „Nach Gott“, Suhrkamp 2018, S.300

Jonathan Franzen erklärt, dass der totale Krieg gegen den Klimawandel verloren sei und kommt zu einem Schluss, den man auch bei Sloterdijk aus einer anderen Richtung kommend finden kann. In seinem Essay „Absoluter und kategorischer Imperativ“ aus dem Jahre 2009, veröffentlicht bei Suhrkamp in „Nach Gott“ 2018, geht er von Kants kategorischem Imperativ aus: „Verhalte dich so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte.“ Die Erfordernisse des Gemeinwohls werden damit in den Blick genommen.

In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts, also mehr als 150 Jahre später, greift der Philosoph Hans Jonas naturpolitische Impulse auf und formuliert seinen kategorischen Imperativ so: „Handle jederzeit so, dass die Folgen deines Handelns mit dem Fortbestand authentisch menschlichen Lebens auf Erden verträglich bleiben.“

Sloterdijk meint nun, dass bei Kant, der den Menschen als ein geschichtliches Wesen begreift, das Richtige nur zeitweilig aufgeschoben sei, aber nie inaktuell werde. Durch eine weitere Chance sei gutzumachen, was versäumt wurde.

In den 1970igern bei Hans Jonas ist dessen Denken durch die in der Welt bestehende ökologische Sorge bestimmt. Es gibt keinen Aufschub. Das Versäumte ist nicht nachzuholen. Das ökologische Geschehen in der Welt ist irreversibel. Darauf setzt Sloterdijk seinen Begriff der systematischen Immunologie des Menschen: Das Leben sei die Erfolgsphase eines Immunsystems. Damit ist auch die historische Existenz von Kulturen, Völkern und Institutionen gemeint, der Schutz des Rechts, unter dem die Träger gemeinschaftsrelevanter Funktionen stehen. Er geht von der „Existenz dreier synchronisierter Ebenen von Immunsystemen“ aus: Die biologische Immunität schützt den Organismus, die soziale Immunität wird durch einfache Solidarsysteme (z.B Nachbarschaftshilfe) und das Rechtswesen garantiert. Als drittes führt Sloterdijk symbolische oder rituelle Immunsysteme (z.B. Religionen) an, die den Tod kompensieren und die Überlieferung der gemeinsamen Normen in der Generationenfolge sicherstellen. Nach Sloterdijk wird in allen immunitären Strukturen zwischen Eigenem und Fremden unterschieden. Jedoch werden private Vorteile dann zurückgestellt, um dem Vorteil der größeren Gruppe zu dienen, wenn der Einzelne als Akteur seiner Kultur handelt. „Kulturen und Völker können sich im Fluss der Zeit behaupten, wenn sie die Einzelnen dazu bringen, zu begreifen, dass ihre private Immunität nur im Rahmen einer wirkungsvollen Ko-Immunität zu gewinnen ist.“

So wird erklärt, warum auf einer niedrigen Ebene geopfert werden muss, um auf höherer Ebene zu gewinnen. Die Welt, unsere Erde ist einer ungeschützten Plünderung ausgesetzt, weil es für „die Mitglieder der ‚Weltgesellschaft‘ keine effiziente Ko-Immunität“ gibt. Es „herrscht der übliche Wettbewerb – oder der Krieg aller mit allen.“

Sloterdijk will eine „Solidaritätseinheit“ schaffen, die angesichts der globalen Katastrophe dem ungeschützten Ganzen als Immunsystem dienen könnte. Dazu treibt er den formellen kategorischen Imperativ von Hans Jonas weiter. Bei Sloterdijk heißt es: „Handle so, dass durch die Folgen deines Handelns die Entstehung eines globalen Solidarsystems gefördert oder zumindest nicht behindert wird. Handle so, dass die bisher übliche Praxis der Plünderung und Externalisierung durch ein Ethos der globalen Protektion ersetzt werden kann. Handle so, dass durch die Folgen deines Handelns keine weiteren Zeitverluste bei der im Interesse aller unumgänglichen Wende entstehen.“

In beiden Essays, bei Franzen und Soltterdijk, lesen wir, dass die Plünderung der Natur der Erde irreversibel geschieht. Jedoch wird eine Wende im Handeln der Akteure gefordert.

Christa Nagel

Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?

Unbedingt lesen! Jonathan Franzen, Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können, Rowohlt Taschenbuch Verlag 8 €, 59 S.

Jonathan Franzen ist kein Untergangsprophet! Obwohl er nüchtern bilanziert, dass das Pariser Abkommen, das Zwei-Grad-Ziel, „Fridays for Future“, die Bepreisung von Kohlendioxid viel zu spät kommen, ist das kein Grund für ihn, die Dinge fatalistisch laufen zu lassen und schon gar nicht das Ende von allem. „Wenn unser Planet uns am Herzen liegt“, schreibt Franzen, „und mit ihm Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen. Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindern lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt nur immer frustrierter oder wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“

Ein solches Nachdenken setzt erst einmal voraus, dass wir den zeitlich sich hinziehenden chaotischen Verlauf des Klimageschehens weitwinkliger in den Blick nehmen. Da wir nicht damit rechnen können, dass die Menschen in Trump-Amerika, in China, Indien, Nigeria und den anderen wesentlichen umweltverschmutzenden Ländern, die wöchentlich ein Kohlekraftwerk nach dem andern in Betrieb nehmen, ihre Wirtschaft und Infrastruktur in den nächsten zehn Jahren komplett umrüsten, um den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen, sollten wir damit rechnen, dass zunehmend schlimmere Krisen auf wüste Weise kumulieren, bis die Zivilisation ins Wanken gerät. Vermutlich wird es schrecklich werden, aber vielleicht nicht so bald und wahrscheinlich nicht für jeden. Wie Deutschland dabei abschneidet, wird sich zeigen. Die Dürre 2018, die extreme Hitze 2019 mit ihren Waldbränden und der derzeit ausbleibende Winter beweisen jedenfalls, dass wir nicht ungeschoren davon kommen werden.

Wie verhält man sich in dieser Lage? Als Deutsche sollten wir vor allem nicht so tun, als seien unsere materiellen Mittel und technischen Fähigkeiten unbegrenzt. Jede Milliarde Euro, die wir investieren, um den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren, steht anderwärts, wo sie dringender gebraucht wird, sei es für die Katastrophenvorsorge, als Soforthilfe an überschwemmte Inseln oder unbewohnbare Regionen, nicht mehr zur Verfügung! So gesehen ist Jonathan Franzens Argumentation überzeugend, wenn er schreibt: „Jedes Megaprojekt im Bereich erneuerbarer Energien, für das ein intaktes Ökosystem zerstört wird – die ‚grüne‘ Energieentwicklung, die gegenwärtig in den Nationalparks Kenias stattfindet, die gigantischen hydroelektrischen Projekte in Brasilien, die Errichtung von Solarfarmen auf offenen Landflächen statt in besiedelten Gebieten -, untergräbt die Widerstandsfähigkeit einer Natur die ohnehin schon um ihr Überleben kämpft. Bodenverarmung und Wassermangel, der übermäßige Einsatz von Pestiziden, die Ausfischung der weltweiten Fanggebiete – auch für diese Probleme bedarf es einer kollektiven Willensanstrengung, und anders als beim Problem des Kohlendioxids liegen die Lösungen in unserer Macht. Noch dazu können viele technisch einfachere Naturschutzmaßnahmen (Wälder wieder aufforsten, Grasland und Wiesenflächen erhalten, weniger Fleisch essen) unsere Kohlendioxidbilanz wirksamer verbessern als massive Maßnahmen der Industrie.Dem Klimawandel den totalen Krieg zu erklären war nur sinnvoll, solange er sich noch gewinnen ließ. Sobald wir akzeptieren, dass er bereits verloren ist, gewinnen andersgeartete Maßnahmen an Bedeutung.“

Man muss Jonathan Franzens Sicht nicht bevorzugen. Auffallend ist aber, dass sein als Vogelschützer geschulter Blick auf die Natur in Deutschland kaum Anhänger hat. Warum eigentlich?

Rolf Henrich