Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?

Unbedingt lesen! Jonathan Franzen, Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können, Rowohlt Taschenbuch Verlag 8 €, 59 S.

Jonathan Franzen ist kein Untergangsprophet! Obwohl er nüchtern bilanziert, dass das Pariser Abkommen, das Zwei-Grad-Ziel, „Fridays for Future“, die Bepreisung von Kohlendioxid viel zu spät kommen, ist das kein Grund für ihn, die Dinge fatalistisch laufen zu lassen und schon gar nicht das Ende von allem. „Wenn unser Planet uns am Herzen liegt“, schreibt Franzen, „und mit ihm Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen. Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindern lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt nur immer frustrierter oder wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“

Ein solches Nachdenken setzt erst einmal voraus, dass wir den zeitlich sich hinziehenden chaotischen Verlauf des Klimageschehens weitwinkliger in den Blick nehmen. Da wir nicht damit rechnen können, dass die Menschen in Trump-Amerika, in China, Indien, Nigeria und den anderen wesentlichen umweltverschmutzenden Ländern, die wöchentlich ein Kohlekraftwerk nach dem andern in Betrieb nehmen, ihre Wirtschaft und Infrastruktur in den nächsten zehn Jahren komplett umrüsten, um den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen, sollten wir damit rechnen, dass zunehmend schlimmere Krisen auf wüste Weise kumulieren, bis die Zivilisation ins Wanken gerät. Vermutlich wird es schrecklich werden, aber vielleicht nicht so bald und wahrscheinlich nicht für jeden. Wie Deutschland dabei abschneidet, wird sich zeigen. Die Dürre 2018, die extreme Hitze 2019 mit ihren Waldbränden und der derzeit ausbleibende Winter beweisen jedenfalls, dass wir nicht ungeschoren davon kommen werden.

Wie verhält man sich in dieser Lage? Als Deutsche sollten wir vor allem nicht so tun, als seien unsere materiellen Mittel und technischen Fähigkeiten unbegrenzt. Jede Milliarde Euro, die wir investieren, um den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren, steht anderwärts, wo sie dringender gebraucht wird, sei es für die Katastrophenvorsorge, als Soforthilfe an überschwemmte Inseln oder unbewohnbare Regionen, nicht mehr zur Verfügung! So gesehen ist Jonathan Franzens Argumentation überzeugend, wenn er schreibt: „Jedes Megaprojekt im Bereich erneuerbarer Energien, für das ein intaktes Ökosystem zerstört wird – die ‚grüne‘ Energieentwicklung, die gegenwärtig in den Nationalparks Kenias stattfindet, die gigantischen hydroelektrischen Projekte in Brasilien, die Errichtung von Solarfarmen auf offenen Landflächen statt in besiedelten Gebieten -, untergräbt die Widerstandsfähigkeit einer Natur die ohnehin schon um ihr Überleben kämpft. Bodenverarmung und Wassermangel, der übermäßige Einsatz von Pestiziden, die Ausfischung der weltweiten Fanggebiete – auch für diese Probleme bedarf es einer kollektiven Willensanstrengung, und anders als beim Problem des Kohlendioxids liegen die Lösungen in unserer Macht. Noch dazu können viele technisch einfachere Naturschutzmaßnahmen (Wälder wieder aufforsten, Grasland und Wiesenflächen erhalten, weniger Fleisch essen) unsere Kohlendioxidbilanz wirksamer verbessern als massive Maßnahmen der Industrie.Dem Klimawandel den totalen Krieg zu erklären war nur sinnvoll, solange er sich noch gewinnen ließ. Sobald wir akzeptieren, dass er bereits verloren ist, gewinnen andersgeartete Maßnahmen an Bedeutung.“

Man muss Jonathan Franzens Sicht nicht bevorzugen. Auffallend ist aber, dass sein als Vogelschützer geschulter Blick auf die Natur in Deutschland kaum Anhänger hat. Warum eigentlich?

Rolf Henrich

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