Gespräche mit Kiew und Moskau

Herr Bundeskanzler, erlösen Sie Ihren Außenminister ohne Fortune.
KI ist bereit.

Ich habe der KI meine Vorstellungen eines Konzepts der Sicherheit für alle Staaten in Europa mitgeteilt.
Hier das Ergebnis meiner Kooperation mit der KI – eine Gesprächsgrundlage für Verhandlungen des Bundeskanzlers.

Initiative für europäische Stabilität und den Neubeginn von Helsinki

I. Die Verantwortung für die eigene Nation

Die Bundesrepublik Deutschland steht zu den Grundsätzen des Völkerrechts. Gleichzeitig trägt die Bundesregierung die primäre Verantwortung für die innere und äußere Sicherheit, den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Substanz des eigenen Landes. Die materiellen, finanziellen und gesellschaftlichen Ressourcen sind endlich. Eine Fortsetzung des Konflikts im Osten Europas birgt das Risiko einer dauerhaften Deindustrialisierung und gesellschaftlichen Polarisierung, welche die Handlungsfähigkeit Deutschlands gefährden. Deutschland darf seine Existenz nicht aufs Spiel setzen. Unsere Hilfe kann keine Blankovollmacht für einen endlosen Abnutzungskrieg sein.

1. Aufforderung an die Konfliktparteien

Die Bundesregierung fordert Kiew und Moskau zur sofortigen Wiederaufnahme von direkten Verhandlungen auf.


An Russland: Moskau muss anerkennen, dass eine Unterwerfung der Ukraine niemals akzeptiert wird. Ein dauerhafter Frieden ist nur denkbar, wenn Moskau bereit ist, sich auf verlässliche Sicherheitsgarantien für die verbleibende Ukraine einzulassen.


An die Ukraine: Kiew muss anerkennen, dass eine vollständige militärische Rückgewinnung aller Gebiete innerhalb der Grenzen von 1991 angesichts der Realitäten am Boden mit unzumutbaren Opfern verbunden ist. Es gilt, das Überleben des Staates durch einen rationalen Kompromiss zu sichern. Die Ukraine wird nicht Mitglied der NATO.

Deutschland wird nicht auf unabsehbare Zeit der Hauptfinanzier der Ukraine bleiben können. Es muss absehbar zu einer Verständigung mit Russland kommt.
Auch Russland darf Sicherheitsgarantien anmahnen.

2. Das Ziel:

Ein neuer Helsinki-Prozess. Einfrieren des Status quo: Ein sofortiger Waffenstillstand an den aktuellen Frontlinien bildet den Ausgangspunkt. Es folgt zu allererst die Streichung von Sanktionen bei der Energie und in anderen Bereichen der Wirtschaft, um nur einige wenige für Deutschland wichtige Punkte zu nennen.


Anerkennung der Realitäten: Analog zur historischen deutsch-deutschen Teilung wird der aktuelle Status quo der territorialen Kontrolle als temporäre Realität akzeptiert, ohne dass dies eine völkerrechtliche Anerkennung bedeutet. Eine gewaltsame Änderung des Status quo wird ausgeschlossen.


Die Steinmeier-Formel als Brücke: Für die umstrittenen Gebiete im Donbas müssen Ansätze wie lokale Selbstverwaltung unter internationaler Aufsicht als pragmatische Übergangslösungen neu bewertet werden.


Sicherheitsgarantien gegen Territorium: Im Gegenzug für das Einfrieren erhalten die Ukraine und Russland Sicherheitsgarantien westlicher Kernstaaten oder anderer Staaten, um ihre künftige Unverletzlichkeit zu garantieren. Über sie wird zu verhandeln sein.


II. Anmerkungen zu möglichen Einwendungen gegen die Initiative

Einwand 1:
„Das ist eine Belohnung für Aggression und Völkerrechtsbruch!“

Antwort: Ein endloser Abnutzungskrieg, der mit dem wirtschaftlichen Kollaps Deutschlands und der völligen Zerstörung der Ukraine endet, signalisiert Autokraten eine noch viel größere Schwäche. Realismus bedeutet, das Erreichbare (das Überleben der Ukraine) vor das Unwahrscheinliche (die vollständige Befreiung) zu stellen.

Einwand 2:
„Das ist wie das Münchner Abkommen 1938 (Appeasement) – man darf Putin nicht besänftigen!“

Antwort: Der Vergleich hinkt, weil die Ukraine nach dem Einfrieren der Fronten massiv militärisch hochgerüstet und durch westliche Truppen (auszuhandeln) oder Garantien geschützt werden kann.

Einwand 3:
„Ein Waffenstillstand ist für Putin doch nur eine Atempause für den nächsten Angriff!“

Antwort: Eine Atempause funktioniert immer für beide Seiten. Während Russland seine Truppen neu ordnet, passiert auf der anderen Seite das Entscheidende: Die Ukraine wird zur „uneinnehmbaren Festung“ ausgebaut. Weitere Garantien sind auszuhandeln.

Einwand 4:
„Das ist moralisch verwerflich und egoistisch von Deutschland!“

Antwort: Verantwortung gilt zuerst den eigenen Bürgern. Ein wirtschaftlich ruiniertes, destabilisiertes Deutschland verliert jegliche Fähigkeit, in Zukunft überhaupt noch irgendjemandem in Europa zu helfen. Selbstbehauptung ist die Grundvoraussetzung für Solidarität.

III. Entscheidende Faktoren:

Die Rolle der USA im alten und dann neuen Helsinki-Prozess basiert nicht auf europäischem Gottvertrauen, sondern auf der harten geopolitischen Machtachse der USA.


Der Hebel gegenüber Kiew: Die Ukraine ist militärisch von amerikanischer Aufklärung, Logistik und Waffensystemen abhängig. Wenn Washington entscheidet, dass das strategische Ziel die Sicherung der Ukraine ist, kann es Verhandlungen erzwingen, indem es die Hilfe an diese Bedingung knüpft. Von Deutschland ist die Ukraine finanziell abhängig.


Der Hebel gegenüber Moskau: Russland muss die militärische Macht der USA respektieren. Russland ist vor allem auch „mit Propaganda bis zu den Zähnen bewaffnet“-FAZ vom 21.6.26.
Moskau wird den Status quo bestimmt dann respektieren, wenn die USA ihre nukleare und konventionelle Schutzgarantie über die Ukraine legen. Das Signal an den Kreml lautet dann: Ein Schritt über diese Linie bedeutet Krieg mit den USA.
Aber selbst wenn sich die USA „heraushalten“, also Europa aufgeben -wofür wenig spricht –. kann die Ukraine so stark aufgerüstet werden, dass der Status quo eine Wiederaufnahme des Krieges mit seinem unsicheren Ausgang für beide Seiten nicht sinnvoll erscheinen lässt.

IV: Das USA-Eigeninteresse:

Der geopolitische Hauptgegner der USA im 21. Jahrhundert ist nach Auffassung der USA China im Indopazifik. Washington hat demzufolge kein Interesse an einem endlosen Abnutzungskrieg in Europa, der eigene Ressourcen bindet. Ein zumindest eingefrorener Konflikt erlaubt es den USA, sich auf China zu konzentrieren. Hier treffen sich das deutsches Existenzinteresse an ein Europa der Sicherheit für alle Staaten und amerikanische Großmachtstrategie.

Reinhart Zarneckow

Ost-Berichterstattung – ein Repost

Durch den Blog von toka-ihto-tales bin ich auf die Dokumentation von Jana Hensel „Volksparteien ohne Volk – Im Osten gescheitert?“ aufmerksam geworden und habe sie mir sofort in der Mediathek angesehen.
So geht Ost-Berichterstattung hat mein Bloggerkollege geschrieben, aber lest selbst
und seht in der Mediathek nach oder folgt dem unten stehenden Link, solange das Anschauen noch möglich ist.

Bettina



Volksparteien ohne Volk – Im Osten gescheitert? https://share.google/sGMMIqhyQzswKxPEm

Warum eine Brandmauer gegen Russland nicht im deutschen Interesse liegt

Die Präsidenten von Finnland und Deutschland fordern laut der gestrigen FAZ (21.7.26) „ein Helsinki für den Nahen Osten“.
Das ist kein inhaltsloses Geplätscher. In der gleichen Ausgabe wird die Verschuldung der zweitgrößten Volkswirtschaft der EU Frankreich mit 3536 Milliarden Euro in absoluten Zahlen angegeben, geschätzte neun Milliarden Mehrausgaben fallen zusätzlich allein durch den Irankrieg an. Ganz Westeuropa steht angeblich kurz vor der Insolvenz. Und was ist mit den Ausgaben für die Ukraine?

Die beiden Präsidenten finden für ihren Ruf nach “ Helsinki für den Nahen Osten“ überzeugende Worte.
Sie erinnern an die Teilung Europas, sichtbar durch die Berliner Mauer – 13.8.61, an die Kubakrise von 1962, durch die eine nukleare Katastrophe drohte, an die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings August 1968 und an den von den USA verlorenen Vietnamkrieg.

„Und doch wurde in diesem Klima des Misstrauens die ambitionierteste Sicherheitsinitiative des zwanzigsten Jahrhunderts erdacht“.

Im Mai 1975 wurde die Schlussakte von Helsinki von 35 Nationen verabschiedet.

„Wir ziehen daraus eine einfache Lehre: Man braucht kein Vertrauen, um einen Prozess zu beginnen. Der Prozess selbst schafft Vertrauen.“


Ich bin von diesen klugen Gedanken begeistert und zugleich betroffen.

Warum nur der Nahe Osten? Warum kehren die Präsidenten nicht vor der eigenen Haustür? Soll der Krieg in Osteuropa irgendwann „auslaufen“, wenn die Kriegsparteien und ihre Unterstützer wirklich nicht mehr können? Wird ein Verständigungsfrieden angestrebt oder ein Diktatfrieden oder das Desaster einer Niederlage riskiert? Was geschieht nach einem Waffenstillstand oder Frieden? Errichten die etablierten Parteien mit der Bundesregierung dann eine Brandmauer gegen Russland, die sich derzeit in Deutschland so bewährt? Kein Handel und Wandel unter Einschluss der russischen Gesellschaft?

„Niemand sagt mir je etwas“, das sagte James Forsyte in der Forsyte-Saga des Schriftstellers und Nobelpreisträgers John Galsworthy. Und das sollen die ach so mündigen Deutschen ebenfalls hinnehmen? Weil die souveräne Ukraine entscheiden soll und wir zwar helfen, uns aber aus Respekt nicht einmischen, weil es uns nichts angeht?
Immerhin klärt der Aufruf der beiden Präsidenten darüber auf, dass der Gebrauch von Sprüchen wie „die andere Seite will nicht verhandeln“, im freien Belieben der Politik steht. Und das ist auch gut so. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wer als Bundeskanzler nicht den persönlichen Kontakt zu Moskau aufnimmt, ihn fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, wird demnächst Geschichte sein.

Zurück zum Bundespräsidenten mit einem kleinen Seitenhieb. Grüßt er noch seinen ehemaligen Chef Gerhard Schröder, der für Putin als Vermittler denkbar gewesen wäre? Oder hat er nur eine freundliche Beziehung zum Präsidenten der Ukraine Selenskyj hergestellt, von dem er im April 2022 ausgeladen wurde. Er kam nur bis Warschau und wurde dann gestoppt.

Reinhart Zarneckow


PS: Um zu zeigen, wie es gehen könnte, und weil es mir Spaß macht, werde ich mit Hilfe der KI demnächst eine „Initiative für europäische Stabilität und den Neubeginn von Helsinki“ vorstellen.

Charlotte tanzt – Fortsetzung



Teil 2: Vom Haus am Berg in der Gubener Straße zur eigenen Tanzschule auf dem Aurorahügel

Wie ging es nun weiter? (hier Teil 1) „Passend zum Lateinkleid hat unsere Schneiderin Poppi (Christel Popp) das Lateinhemd und die Turnierhose des Herren noch mit Applikationen des goldfarbenen Stoffes des im Exquisitgeschäft in Cottbus gekauften Mantels versehen. Diese Kombination haben erst einmal Antje Thode und Jan Ziske, unser bestes Tanzpaar getragen“, erinnert sich Charlotte. Der Kauf des Mantels wurde von höherer Stelle nicht beanstandet.
So richtig kontrolliert wurde man erst nach der Wende, aber davon später.

1969 war Charlotte nach Frankfurt (Oder) gekommen. Sie wollte endlich ihr Wissen aus dem Studium in die Praxis umsetzen und dem Training neue Impulse geben, fand aber dafür vorerst kein offenes Ohr.

1970 ging sie deshalb nach Bad Freienwalde und unterrichtete dort. Der ihr wohlgesonnene Vorgesetzte sah Charlottes Engagement und riet: „Du möchtest doch etwas bewegen, etwas verändern im Tanzsport – es wäre nur vernünftig und erleichterte dir vieles, wenn du in die Partei eintreten würdest.“ „Das leuchtete mir vollkommen ein und ich wurde Mitglied der SED“, erklärt mir Charlotte. Manfred Schuster, Leiter des Kulturzentrums Haus am Berg, holte sie 1973 zurück in die Bezirkshauptstadt Frankfurt. Sie war die einzige, die eine fachliche Ausbildung hatte.

Solange Siegfried Grupe dort tätig war, organisierte er mehrmals im Jahr einwöchige Trainingslager für hochklassige Paare aus der ganzen Republik. Im Haus am Berg gab es dafür einen großen Tanzsaal. Übernachtet haben die Teilnehmer in den Bungalows am Helenesee. Später entdeckte er die Jugendherberge in Bad Saarow als idealen Ort für seine Trainingslager mit einem großen Saal, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten.

„Siegfried hatte gute Kontakte geknüpft zu hervorragenden Trainern. Sie reisten immer zu den Trainingslagern an. Freddy Nowack kam aus Jugoslawien. Bei ihm habe ich verstanden, welche Bedeutung das Absenken beim Langsamen Walzer hat und wie man es richtig ausführt. Trainerehepaar Trautz kam aus Westberlin, war extra für die Rumba engagiert worden. Und dann natürlich Torben Wied aus Dänemark, der alle lateinamerikanischen Tänze unterrichtete. Er war eine große Hilfe nicht nur als Trainer, brachte hin und wieder ein Kleid, Schuhe und sogar Schallplatten mit. Nur nicht eine Tanzpartnerin, mit der er sein Trainingsprogramm vorführen konnte. Auf seinen Wunsch hin sollte ich das sein. Es war anspruchsvoll, aber eben das, was ich gerne tat und immer noch tue – tanzen.“

1975 begann Charlotte, mit Kindern zu arbeiten. „Mit Bewegungs – und rhythmischen Übungen fängt alles an“, so Charlotte im Interview 1983. „Charlotte, du hattest mir vom Frösi – Pokal erzählt, einer der wichtigsten Nachwuchs-Tanzsportwettbewerbe in der DDR, benannt nach der Kinderzeitschrift. Den habt ihr doch öfter gewonnen?“ „Öfter?“, reagiert Charlotte auf meine Frage, „den haben unsere Paare immer gewonnen und waren richtig stolz – wir alle natürlich.“

„Seid ihr auch zu Turnieren ins Ausland gefahren?“ „Ja, aber nur ins sozialistische. Einmal ging es zu einem Turnier nach Polen. Ich konnte nicht mitfahren. Unsere Paare, insgesamt drei der A und B Klasse, hatten wieder sehr gut abgeschnitten. Vor der Auswertung sprachen die westdeutschen unsere Paare an, man könne doch gemeinsam zur Siegerehrung antreten. Unsere jungen Leute waren einverstanden. So wurden also die Plätze nicht an die DDR und an die BRD vergeben. Stattdessen hieß es: Platz zwei: Deutschland, Platz drei: Deutschland.“
Ost und West vereint, wenigstens im Tanz und das Jahre vor der Wende.
„Unsere Tänzer waren noch nicht wieder zuhause, da wurde ich schon zur SED-Bezirksleitung zitiert. Gemeinsame Sache mit den Westdeutschen zu machen, ob ich meine Paare nicht erziehen könnte. Natürlich, antwortete ich, aber nur im Tanz.“
Weitere Folgen jedoch hatte die kurze Liaison der deutsch deutschen Tanzpaare nicht, bestätigt mir Charlotte.

Gerade so richtig in Schwung gekommen, erzählt sie mir vom Besuch Werner Mandels, Stadtrat für Kultur, im Kulturzentrum. „Er gab die Weisung, dass wir mit unseren Turnierpaaren am 1. Mai an der Maidemonstration teilnehmen und anschließend auf einer Bühne tanzen sollen. Selbstverständlich in Turnierkleidung mit Schuhen und allem drum und dran. Ich lehnte sofort ab. Das kommt gar nicht in Frage. Auf ihrer Bühne können sie Volkstanzgruppen auftreten lassen. Für unsere Spezialschuhe gehen weder der Marsch durch die Stadt noch der Tanz auf der Bühne. Auch unsere Kleider sind nicht dafür gemacht.
Obendrein sollte ich noch den Kassettenrekorder mitbringen, den wir mit viel Überredungskunst dem Elektroakustiker Rolf Winkler aus dem Kreuz geleiert hatten. Stell dir mal vor, der war ausm Westen“, empört sich Charlotte noch heute. Herr Mandel zog unverrichteter Dinge von dannen. Wer Charlotte kennt, der weiß, da war nichts mehr zu machen.

Zu machen war auch für Charlotte und ihren Mann René 2023 nichts mehr, außer ihre Tanzschule zu beräumen. Schon schwer angeschlagen durch die Corona-Krise, in der die Schule geschlossen bleiben musste, bedeutete für sie der Beginn der Sanktionen Deutschlands gegen russisches Gas und Öl das endgültige Aus. Heiz- und Energiekosten schossen in die Höhe. Die Menschen hielten ihr Geld zusammen, versagten sich Freizeitaktivitäten wie Tanzen. Die Miete für die Räume ihrer Tanzschule, die sie schon einige Jahre früher verkaufen mussten, wurde erhöht. „Das war finanziell für uns nicht mehr zu machen.“

Nach der Wende hatten sie mutig den Weg in die Selbstständigkeit gewagt. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen boten. Der neue Leiter der Sparkasse verweigerte ihnen anfangs einen Kredit. Auch einen geeigneten Bauplatz zu bekommen, machte die Stadt äußerst schwer, aber sie fanden ihn auf dem Aurorahügel 12.

Bilder zum Vergrößern bitte anklicken.

Sie hörten von einer Baufirma in Nordhorn, fuhren hin, legten ihren fertigen Bauplan vor und in kürzester Zeit stand das Gebäude. 1993 war die Eröffnung der Tanzschule Golz-Glogener. Ihr Slogan: „Tanzen lernt man beim Profi“ und der war seit 1987 nun auch René mit abgeschlossener Ausbildung.

„Es lief richtig gut. Das bedeutet natürlich viel Arbeit und viel Stress. Wir unterrichteten, tanzten anfangs ganze Programme bei den Abschlussbällen. Das hieß auch für uns selbst regelmäßiges Training. Wir nahmen moderne Tanzformen wie Videoclip Dancing und Zumba-Fitness mit auf, hatten Hobbytanzabende und Einzelunterricht für Brautpaare. René kümmerte sich zudem um den Ausschank. Wir hatten eine kleine Bar mit Zapfanlage. Es war unser Traum, den wir uns erfüllt hatten. Ein wenig Ruhe und Ausgleich gaben uns unsere beiden Lieblinge Lolek und Bolek.“

Dieses Kleid war Mitte der 90er Anlass für das Finanzamt, in der Tanzschule Golz-Glogener nachzufragen. Im Raum stand die Vermutung, eine private Ausgabe (etwa 2000 DM) als Betriebsausgabe abgerechnet zu haben. Bei Inaugenscheinnahme des Standartkleides bestätigte sich diese Vermutung nicht. Die DDR war längst Geschichte und die Bürokratie der Bundesrepublik in vollem Gange.

Im Februar 2023 hatten wir unser letztes Zumbatraining in Charlottes und Renés Tanzschule. Kurz vor ihrem 30sten Firmenjubiläum, das sie eigentlich feiern wollten. „Anfang April 2023 war soweit alles abgewickelt, zwei Wochen später starb plötzlich René“. Charlotte sucht nach einem Foto in ihrem Smartphone. „Guck mal, René zwei Tage vor seinem Tod.“ Charlotte hatte ihn fotografiert, als er die letzten Gardinenstangen von der Wand abnahm. „Es ist doch nicht zu glauben.
Jetzt bin ich 81 Jahre alt, bewege mich regelmäßig, bin fit, bestätigt mir mein Arzt, mache Sport und gehe spazieren. Wäre das alles – angefangen mit Corona – nicht gekommen, wir hätten unsere Tanzschule immer noch.“

Foto: Bettina Zarneckow, Februar 2023

Zum Schluss wollte ich von Charlotte wissen: „Was ist eigentlich dein Lieblingstanz?“ Ihre Antwort: „Langsamer Walzer, Rumba und Tango Argentino.“



Bettina Zarneckow

Charlotte tanzt

Teil 1: Internationaler Turniertanz der DDR in Frankfurt an der Oder

In einem Porträt über die gelernte Chemiefacharbeiterin mit Abitur im Heft „Frankfurt-Information“, Ausgabe September 1983 schreibt die Redakteurin Karin Eberhardt: „Meine Gesprächspartnerin bewarb sich an der Fachschule für Tanz in Leipzig, bekam einen Studienplatz und beendete diese Ausbildung 1968 als Lehrer für Gesellschaftstanz.
Seit 15 Jahren wirkt sie am Frankfurter Kulturzentrum. Etwa 350 Tanzstundenschüler bildet sie jährlich aus. Sie lehrt den Mädchen und Jungen nicht nur die Schritte des Foxtrott oder Walzers – auch die Normen der Partnerbeziehungen, Fragen der Ästhetik und des disziplinierten Verhaltens gehören zu ihrem Lehrprogramm.

Die Rede ist von Charlotte Maria Golz-Glogener, heute meine Gesprächspartnerin.

Februar 2025 – 42 Jahre später feiern wir mit Charlotte ihren 80sten Geburtstag, stoßen auf sie und auf alte Zeiten an. Wir, das ist unsere kleine, private Zumbatruppe (wie hier im Blog schon öfter erwähnt).
Auch ich hatte zu DDR-Zeiten bei Charlotte Tanzstunden im Rahmen der Jugendstunden der FDJ. (Nachzulesen: „Es war einmal das Haus am Berg“).
Und heute? – … tanzt Charlotte immer noch mit, korrigiert uns, ist unser primus inter pares.


Während der Geburtstagsfeier erfahre ich, dass vor 1989 in Frankfurt internationale Tanzturniere stattgefunden haben. Ich staunte, daran hatte ich keinerlei Erinnerung, und wollte mehr darüber wissen. Vor drei Wochen begleite ich Charlotte und meine Sportfreundin Anita auf ihrem regelmäßigen Spaziergang:

„International – was bedeutete das damals? Nur Paare aus den sozialistischen Bruderländern?“ „Nein“, antwortet mir Charlotte. „Wir hatten auch Paare aus der Bundesrepublik, Frankreich, Österreich und Dänemark. Jugoslawien nenne ich hier ebenfalls, weil es nicht zum Ostblock gehörte.“

Siegfried Grupe, angestellt beim Zentralhaus für Kultur der DDR in Leipzig, arbeitete wie Charlotte beim Kulturzentrum in der Gubener Straße. Er begann Frankfurt (Oder) zu einem Leistungszentrum des Tanzsports in der DDR aufzubauen. Anfangs organisierte er die Turniere, setzte sich mit den Kulturzentren der jeweiligen Länder in Verbindung, um Tanzpaare der A und S-Klasse einzuladen, plante den Ablauf der Veranstaltung, bestellte die Wertungsrichter und sorgte für die Hotelunterbringung. „Die Übernachtungsmöglichkeiten waren überschaubar. Und so musste Siegfried manches Mal seinen Charme spielen lassen – er sah aus wie Gerard Philipe -,  bekam noch Zimmer im Hotel Stadt Frankfurt, wo ich zuvor eine Absage erhalten hatte“, erinnert sich Charlotte.

Sie half bei der Organisation, bevor sie Anfang der 80er nach dem Weggang Grupes selbst die Turnierleitung übernahm, bis zur letzten Veranstaltung – ein Jahr, bevor die DDR verschwand.
Das war Stress pur, so Charlotte und illustriert ihre Aussage mit dem Bericht über ein tschechoslowakisches Tanzpaar, das mit mehr Gefolge anreiste als üblich, die Unterbringung somit erheblich erschwerte, dann noch die Abfahrt zur Veranstaltung verschlief und obendrein die Turnierkleidung im Hotel vergaß.

Moderationskarten Charlotte:


Die Tanzturniere waren Höhepunkt der jährlich stattfindenden Oderfestspiele und der Arbeiterfestspiele 1988. Sie liefen an drei Tagen. Karten dafür waren praktisch nur über Beziehungen zu bekommen.
Austragungsort war das Kulturhaus Völkerfreundschaft in der Birnbaumsmühle 72. Damals ein florierender Veranstaltungsort. Es gab einen großen Saal, den Beethovensaal, und genügend Möglichkeiten für die Paare, sich umzuziehen.“ (Ein Haus mit Geschichte, heute zwar unter Denkmalschutz aber leider ein vergessener Ort und beinahe schon eine Ruine)



„Unter Siegfried Grupes Leitung hatten wir immer eine kleine Combo engagiert.
Inzwischen war ich mit Hans Golz verheiratet. Er war Major der Volkspolizei, hatte das Standortmusikkorps der VP unter sich und die Idee, künftig die Turniere musikalisch zu begleiten. Hans wusste natürlich genau, was ich brauchte. Zehn Tänze: Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Slow Fox, Samba, Cha Cha Cha, Rumba, Jive, Paso Doble. Es lief hervorragend, richtig gut.“

Standortmusikkorps der VP 1987, Leiter Major der VP MD Hans Golz (Quelle: Facebook, Ffo.aktuell Rocco von Frankfurt, Urheber unbekannt, Bildschirmfoto vom Video)


Charlotte erzählt von dem Problem, angemessene und vom Material her geeignete Kleidung und Schuhe für ihre Paare zu bekommen. „Es war eine Katastrophe.“
In Berlin in der Schönhauser Allee gab es das HO-Schuhhaus Hans Sachs, zu dem eine Schuhmacherwerkstatt gehörte. Dort wurden nicht nur Schuhe repariert, sondern es konnten auch Spezialanfertigungen und Umbauten vorgenommen werden. Gerade im Tanzsport war das ein regelrechter Geheimtipp, Insiderwissen. Wer einmal einen guten Schuhmacher gefunden hatte, gab dessen Adresse an Vereinskameraden weiter. Über die Wartezeit wollen wir lieber nicht reden.

Während die Kleider der westlichen Tänzerinnen aus Perlontüll und Organza gefertigt waren, hatten unsere Damen Kleider mit Baumwolltüll, der bei Wärme und Feuchtigkeit die Form verlor und schwer wurde „wie ein Sack“, beschreibt Charlotte.
Selbst die Tschechoslowaken, Polen und Jugoslawen waren mit gutem Tüll ausgestattet.
Und so kam es, dass dänische, westdeutsche und österreichische Paare vereinzelt Kleider und Schuhe zurückließen oder extra mitbrachten, weil diese Engpässe offensichtlich und bekannt waren.
„Das ging ohne Worte“, so Charlotte.

„Wir hatten eine Top-Schneiderin, eine Perle, sag‘ ich dir. Christel Popp, mit ihrem eigenen Reich bei uns im Kulturzentrum. Sie hat das alles für unsere Paare umgearbeitet, den Tüll und die Pailletten aus alten Kleidern herausgetrennt, für neue genutzt und auch sonst alles für unsere Turnierpaare genäht.“ „Allein?“, frage ich. „Ja ganz alleine.“

Schuhe gab es in Berlin, Stoffe in Cottbus. Charlotte erzählt mir die Geschichte eines Lateinkleides: „In einem Exquisitgeschäft in Cottbus fand ich einen Mantel aus goldfarbenem Stoff genäht. Wunderbar weit und unglaublich teuer. Das Kulturzentrum zahlte die Ausstattung für die hochklassigen Paare, aber eine solche Ausgabe und dann noch für einen Mantel? Ich habe nicht lange überlegt, ihn gekauft, schnell zu unserer Schneiderin gebracht, um ihn sofort auseinandernehmen zu lassen. Unter anderem hat sie ein Lateinkleid daraus genäht. Davon habe ich sogar noch ein Foto.“


Ob Charlotte dieses Kleid behalten durfte, wie der Kauf des Mantels vor höherer Stelle gerechtfertigt werden konnte, das erfahrt Ihr im zweiten Teil, denn unsere Lehrerin für Gesellschaftstanz hat mir noch viel mehr erzählt.

Bettina Zarneckow