Im Jahr 1976 – ein Rummel in Frankfurt (Oder)

Der Rummel war wieder einmal aufgebaut in meiner Heimatstadt. Ob es, als ich Kind war, jemals einen anderen Platz als den Topfmarkt gab, auf dem die Karussells und Zuckerwattebuden standen, das weiß ich nicht mehr.

Wie so oft in diesem Alter, ich war 7 Jahre alt, musste meine Schwester mich mitnehmen. Selten, eher nie, war sie begeistert darüber. Unsere Eltern gaben uns Geld und Straßenbahnfahrscheine mit, wünschten viel Spaß und wir sollten gut auf uns aufpassen und meine Schwester Camilla natürlich auf mich. Immerhin war sie ein Jahr älter, in meinen Augen sehr mutig, clever und einfallsreicher als ich und trotz ihrer auch erst 8 Jahre äußerst schlagfertig.

Wir fuhren also mit der Straßenbahnlinie 2 bis zum Platz. Das war der Platz der Republik, kurz Platz genannt, und stiegen dort in die Linie 3 um. Sie fuhr Richtung Lebuser Vorstadt. Auf dem Rummelplatz angekommen verschaffte sich meine Schwester erst einmal einen Überblick über die vorhandenen Fahrgeschäfte, um das Geld vorteilhaft einteilen zu können. Von ihren Klassenkameraden hatte sie gehört, dass diesmal wieder eine Geisterbahn mit dabei war und die sollte „nicht ohne“ sein und so stand sie unumstößlich auf dem Programm. Camilla hatte nur ein Problem: Mich, ihre kleine Schwester, ein unglaublicher Hasenfuß. Aber überzeugend argumentieren konnte sie und so fand ich mich in ihrem Schlepptau vor dem kleinen Fahrkartenhäuschen der Geisterbahn wieder, in dem eine füllige, respekteinflößende, dunkelhaarige Frau mit Damenbart saß. Es sah aus, als wäre sie mit aller Kraft in dieses winzige, für sie jedenfalls viel zu kleine Kabuff gepresst worden. Camilla bestellte zwei Fahrkarten. Eine für 50 Pfennige und eine Freikarte. Das verstand ich zwar nicht, aber ich verließ mich ganz auf meine große Schwester. „Soooo?“ kam es streng fragend aus dem Kabuff zurück. „Wie alt ist denn deine Schwester?“ „Sie ist erst 6“ antwortete Camilla standhaft. Also das wusste ich dann doch, dass ich schon 7 Jahre alt war. Jetzt wurde mir klar: sie wollte allein in die Geisterbahn! Einfach abwimmeln wollte sie mich. Und ich sollte so lange…, ja vielleicht bei dieser Frau abgestellt werden?! In mir kam Panik auf und geistesgegenwärtig wandte ich mich an den „Damenbart“: „Ich bin aber schon 7!“ Mein Blick ging dann unsicher und fragend zu meiner Schwester, die mich sehr, sehr ärgerlich ansah. „Aha“, kam es noch strenger aus dem Kabuff zurück, „dann sind das 2 mal 50 Pfennige und macht zusammen eine Mark!“ Wir bekamen also unsere Fahrkarten und es ging los. Hinein in eine Art Lore und ab ins Dunkel der Geisterbahn. Es roch sehr muffig, nach altem Stoff und ungelüftet. Der Geruch erinnerte mich an die Räume der Requisite im Kleist-Theater. Die kannte ich sehr genau. Unsere Mutter arbeitete im Theater und wir hatten Zugang zu allen Werkstätten.
Ab und zu schoss eine fürchterlich anmutende Gestalt aus einer Ecke hervor oder es zischte aus irgendeinem Winkel. Auch eine Berührung ließ mich sehr erschrecken. Die Lore ruckelte gnadenlos lärmend die Schienen entlang. Wohl war mir überhaupt nicht. Nach wenigen Minuten war ich froh, aussteigen zu können und wieder ans Tageslicht zu gelangen.

Wegen der Richtigstellung meines Alters, hatte ich den Unwillen meiner Schwester auf mich gezogen. „Du bist aber auch zu blöd“, musste sie noch loswerden. Damit konnte ich gut fertig werden. Sie hatte ja recht. So manches mal begriff ich zu spät. Das geht mir heute noch so. Wir zogen noch Lose und warfen einmal Büchsen. Eine Runde mit dem Kettenkarussell durfte ich fahren. Das tat ich am liebsten. Camilla verzichtete darauf, weil ihr immer schwindelig wurde und dann mussten wir wieder den Heimweg antreten. Zuckerwatte für mich war natürlich nicht mehr drin. Dafür hatte ich mich bei der strengen Kartenverkäuferin der Geisterbahn zu dumm angestellt. Trotzdem gingen wir beide noch öfter zusammen auf den Rummel. Und meine große Schwester marschierte stets vorne weg.

Bettina Zarneckow

4 Gedanken zu “Im Jahr 1976 – ein Rummel in Frankfurt (Oder)

  1. Danke für diese schöne Reise in die Vergangenheit, Bettina! Ich glaube, das Wort Rummel hatte ich fast schon aus dem Gedächtnis verloren. Wo es jetzt Vergnügungspark, Erlebnispark, oder hier bei uns in Italien „Lunapark“ (als ob die nur bei Mondschein offen wären) heißt. Und ihr wart ganz allein dort, Taschengeld geschnappt und ab! 🎈🎡🎠 Das waren wirklich andere Zeiten, vielleicht unbeschwerter und abenteuerlicher für die Kinder, als es die größten „Vergnügungseventlocationparks“ (oder so) für 100 Euro Eintritt pro Person jetzt sein können.

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