Deutschlands Weg in die „Multiminoritätengesellschaft“

Amerikanisierung oder die Preisgabe deutscher Identität

Friedrich Hebbels Tagebücher sind eine Schatzkammer unterschiedlichster Gedanken und Sichten. Lese ich darin, ist es immer wieder sein erster Eintrag im Januar 1860, der mir wie ein schlechtes Omen vorkommt. Hebbel wohnt in Wien. Er arbeitet an dem Trauerspiel Die Nibelungen. Kosmopolitische Schwärmereien und Partikularismus hält er für die Erbfehler der Deutschen. Und in sein Tagebuch schreibt er: „Es ist möglich, dass der Deutsche noch einmal von der Weltbühne verschwindet, denn er hat alle Eigenschaften, sich den Himmel zu erwerben, aber keine einzige, sich auf der Erde zu behaupten, und alle Nationen hassen ihn, wie die Bösen den Guten. Wenn es ihnen aber wirklich einmal gelingt, ihn zu verdrängen, wird ein Zustand entstehen, in dem sie ihn wieder mit den Nägeln aus dem Grabe kratzen möchten.“

Hebbels Worte gehen mir bei den unterschiedlichsten Anlässen durch den Kopf. Zuletzt ist das der Fall gewesen, als die F.A.S. ihre Leserschaft mit der Frage konfrontierte: How deutsch are we? Unter dieser Überschrift erinnert Claudius Seidl an den Einzug der amerikanischen Kultur in Westdeutschland vor 75 Jahren. Mit dem Einmarsch der amerikanischen Besatzer im Westen und im Süden Deutschlands „im Rhythmus von Glenn Miller und Benny Goodman“ habe eine Geschichte begonnen, die nachwirkt – bis heute. Man versteht, schreibt Seidl, „warum sich die deutsche Jugend geistig und kulturell unbedingt von Robert Mitchum oder Rita Hayworth, von John Wayne oder Maureen O´Hara adoptieren lassen wollte.“

Was der Mann sagen will, liegt auf der Hand, selbst wenn ich nicht glauben mag, dass die deutschen Männer ihre Stimmen gleich eine Lage tiefer gelegt hätten vom Tenor zum Bariton, um so der amerikanischen Männlichkeitsnorm zu entsprechen. „Sicher ist jedenfalls, dass die Amerikanisierung nicht nur die Köpfe, sondern den ganzen Körper erfasste.“ Ehrlicherweise beschreibt Seidl das historische Geschehen, dessen Schokoladenseite er einseitig hervorhebt, als „eine Kolonisierung“, die eine kulturelle Durchschlagskraft entfaltete wie das siegreiche Christentum der Römerzeit.

Warum die Kolonisierung der Westdeutschen so widerstandslos funktioniert hat? Vor dem Hintergrund des moralischen und militärischen Zusammenbruchs Deutschlands gründet das Erfolgsrezept der Umerziehung sicher in erster Linie in deren Verknüpfung mit der Wohlstandsschöpfung. Churchills Zynismus „Macht sie fett und impotent“ bringt die darin enthaltene strategische Absicht auf den Punkt. Stellen wir darüber hinaus noch Etienne de la Boéties Diagnose der menschlichen Neigung zur freiwilligen Knechtschaft mit in Rechnung, wird die weitgehende Preisgabe der deutschen Identität menschlich verständlich.

Aber wie lagen nun die Dinge östlich der Elbe? Eine als Swing-Kapelle einrückende Rote Armee? Unvorstellbar – auch nicht als geschichtsklitternde Erzählung. Akkordeon- oder Balalaikaspieler mit ihren getragenen russischen Weisen, Kasatschok tanzende Rotarmisten und ein unvergessenes Konzert des Alexandrow-Ensembles vor den Ruinen des Berliner Gendarmenmarkts, mehr Zuckerbrot gab es nicht. Alles sehr exotisch. Die „Gruppe Sowjetischer Streitkräfte in Deutschland“ galt trotzdem bis zuletzt als Besatzungsmacht. Obwohl in der DDR durch die militärisch abgesicherte Aufsicht des Kremls sozialistischer Internationalismus und Antifaschismus als die beiden Eckpfeiler der Staatsdoktrin installiert wurden, ist es zu keinem Zeitpunkt gelungen, dem Mann auf der Straße ein deutsches Nationalgefühl völlig auszutreiben, geschweige denn ihn zu „sowjetisieren“. Das zeigte sich nicht erst als der Ruf „Deutschland, einig Vaterland“ aller Welt ein breites patriotisches Erwachen signalisierte. Besucher aus dem Westen haben schon in den achtziger Jahren immer wieder erstaunt festgestellt, die DDR sei im Verhältnis zur Bonner Republik das „deutschere Deutschland“.

So unvergleichbar das Auftreten der Siegermächte in West und Ost auch gewesen sein mag, gibt es dennoch einen gemeinsamen Nenner! Der eigentliche Zusammenbruch bestand hier wie dort nicht darin, dass Deutschland als Völkerrechtssubjekt praktisch aufgehört hatte zu existieren, die Städte in eine Trümmerlandschaft verwandelt worden waren und die Schinderhütten der Konzentrationslager vom Licht der Öffentlichkeit ausgeleuchtet wurden. Die Niederlage war erst vollkommen, als sich die Deutschen in dieser Lage in die weitere Selbstverleugnung ihres von ihnen im Nationalsozialismus selbst verratenen Wesens haben treiben lassen.

Was der Praeceptor Germaniae empfiehlt

Jürgen Habermas ist der Denker, dem ich so manche Anregung verdanke, die mich beim Schreiben des Buches Der vormundschaftliche Staat / Vom Versagen des real existierenden Sozialismus inspiriert hat. Das habe ich im Nachwort ausdrücklich hervorgehoben. Als der Freiheitskampf in der DDR im Herbst 1989 mit der Gründung des Neuen Forum in die heiße Phase eintrat, betrachtete ich Habermas ganz selbstverständlich als natürlichen Verbündeten der Widerständler und erhoffte mir von ihm intellektuelle Schützenhilfe. Den theoretischen Anspruch normpraktischer Orientierung, wofür Habermas in meinen Augen mit seinem Werk einstand, musste er jetzt – in der entstandenen revolutionären Situation – konkret einlösen. Wie sich zeigte, war der Wunsch der Vater des Gedankens.

Es hat ihn offenbar schwer beunruhigt, wie 1989/90 die Demonstranten in den Städten der DDR die deutsche Frage gewissermaßen über Nacht auf die politische Tagesordnung gesetzt haben, ganz undiplomatisch und ohne bei den Siegermächten um Erlaubnis zu bitten. Die deutsche Einheit lehnte er rundweg ab. Angesichts der Untaten des „Dritten Reichs“ sei es moralisch und politisch verwerflich, die dafür als Strafe auferlegte Teilung rückgängig machen zu wollen. Wie negativ der Meisterdenker gegenüber jeder Art des Deutschseins eingestellt war, hat Habermas bereits im September 1989 in einem Interview mit der Zeitschrift Tempo Brasileiro klargestellt: „In der Bundesrepublik hat man gelernt,“ heißt es da, „dass die Deutschen nur noch als Ferment in einem größeren übernationalen Zusammenhang wirksam werden können.“

Der Satz gibt Rätsel auf. Sieht so die beschworene „postnationale Identität“ aus? Sollen die politisch Ambitionierten um eine Anstellung bei der UNO oder in Brüssel nachsuchen? Und was bedeutet es, dort oder zuhause als „Ferment“ tätig zu werden (Fermentation: die chemische Umwandlung von Stoffen durch Bakterien und Enzyme – Gärung)? Führt Jürgen Habermas hier etwa einen Terminus ein, der früher schon einmal in den Debatten um die „Entnationalisierung“ im Berliner Antisemitismusstreit eine Rolle spielte? Seinerzeit hatte ja Heinrich von Treitschke Theodor Mommsen die Formulierung aus dessen Römischer Geschichte vorgehalten – „Auch in der alten Welt war das Judenthum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition und insofern…nichts als Weltbürgerthum“. In der Euphorie der Wendezeit, als die DDR-Deutschen alles andere, nur keine Entnationalisierer sein wollten, stellte diese von Habermas verwendete Redewendung jedenfalls ein anspielungsreiches Vokabular dar.

Sicher war sich Habermas zwar nicht, ob der idealerweise von aller Zugehörigkeit losgelöste entnationalisierte Deutsche nicht doch einmal unter veränderten historischen Bedingungen gegen das Prokrustesbett der forcierten Multikulturalisierung rebellieren würde. Die östlich der Elbe Lebenden waren ja diesbezüglich schwer einzuschätzen. Sie vor allem sollten lernen, was es heißt, sich mit einer politischen Existenz „als Ferment“ abzufinden. Irreversibel sei die Verwestlichung erst, wenn sie die kulturelle Mentalität der gesamten Bevölkerung durchdrungen habe.

Um ein solches Ergebnis zu erreichen, müsse auf der intellektuellen Ebene eine veränderte Interpretation unserer nationalen geschichtlichen Tradition und eine Säuberung unseres kulturellen Erbes stattfinden. Wie man sich ein solches Unternehmen vorzustellen hatte, verdeutlichte Habermas anhand einer Art literarischer Prioritätenliste: Kant, Marx, Freud, Kafka, Brecht, Börne, Heine und Tucholsky waren danach förderungswürdig, während die „schwarzen Attraktionen“ unserer Überlieferung, beispielsweise Klages, der späte Heidegger oder C. Schmitt im Giftschrank sicher verwahrt bleiben sollten. Also die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen! Hatten wir nicht darum gerungen, diese vormundschaftliche Variante einer sondierenden Kulturpolitik hinter uns zu lassen?

Die Demografie des Rückzugs

So wie Habermas es vorgedacht hat, arbeiten heute alle maßgeblichen Kräfte bei den Grünen, der Linken und Teile der SPD und CDU an der Demontage des Nationalstaats und der „Rekomposition der Wohnbevölkerung“ (Heinz Bude) zu Lasten der Herkunftsdeutschen. Haben die Deutschen nach 1945 und 1990 grosso modo an ihrer Verwestlichung (Amerikanisierung) mitgewirkt, so nehmen sie es heute in ihrer Mehrheit widerstandslos hin, zur Minderheit im eigenen Land zu werden. Angesichts einer niedrigen Geburtenrate der Autochthonen ist der Weg in eine Multiminoritätengesellschaft vorgezeichnet. Eine Ansammlung von Minderheiten bildet die Gesellschaft. Es gibt keine ethnische oder kulturelle Gruppe, die die Mehrheit stellt.

Wer wissen will, wie die landesweite städtische Kulturlandschaft aussieht, sobald der Rubicon im Hinblick auf die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der nächsten drei Jahrzehnten überschritten wird, dem sei ein Tagesausflug nach Neukölln oder Marxloh empfohlen.

Es leuchtet ein, dass ohne eine prägende Leitkultur die Weitergabe der hierzulande unverzichtbaren Kultur- und Symbolleistungen an die Hinzugekommenen eine Illusion ist (Ein paar Musterknaben der Integration, die man medienwirksam präsentieren kann, lassen sich unter den seit dem Wintersemester 2015 / 2016 10087 Immatrikulierten natürlich jederzeit finden. Setzt man diese Zahl jedoch in Relation allein zu den 1,8 Millionen derzeit in Deutschland lebenden Flüchtlingen, wird sofort deutlich, dass die Paradebeispiele so gut wie keine Aussagekraft haben. – Quelle Die Zeit 20.8.2020, 5 Jahre nach: „Wir schaffen das!“)

Wie erklärt sich nun aber die überall anzutreffende Sorglosigkeit im Hinblick auf die hier angezeigte Demografie des Rückzugs? Nur soviel: Die Deutschen als Ethnie werden zwar mit wachsender Geschwindigkeit schrumpfen. Beachtenswerte und sichtbare Restbestände der alteingesessenen Bevölkerung werden aber noch lange existieren, besonders im Osten. Beachtlich ist ferner, dass der schleichende Prozess des Bevölkerungsaustauschs in den Bundesländern völlig uneinheitlich abläuft. Was im Ruhrgebiet passiert, bringt den Brandenburger nicht um seinen Schlaf. Und wo es herkunftsbewusste Deutsche und Deutsches außerhalb der oberflächlichen sozialstaatlichen Beziehungen kaum mehr gibt, ist die Menge der Indifferenten ohnehin geneigt, die Umdeutung ihrer Marginalisierung sich als Steigerung einer begrüßenswerten Diversifizierung einreden zu lassen und die Verluste als Bereicherung zu verbuchen.

Als Musterbeispiel des Indifferentismus darf Robert Habeck gelten, der uns in seinem Buch Patriotismus / Ein linkes Plädoyer einen Einblick in sein Seelenleben gewährt: „Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“

Die politische Frage angesichts der beschriebenen Malaise lautet nun aber keinesfalls Einwanderung oder keine Einwanderung. Die wirkliche Gretchenfrage ist, ob man Deutschland bleibend ausgerechnet mit einer inkompatiblen Zahl von Fremden aus der vormodernen afrikanisch-arabisch-islamischen Welt bevölkert sehen will.

Sobald die Macht- und Hegemoniefrage einmal demografisch besiegelt ist, ändern sich die historischen Perspektiven und Optionen drastisch! Es gibt Schwellen: Sind die überschritten, hängen die in der Gesellschaft herrschenden Verhältnisse nicht mehr länger von der herkömmlichen Ordnung ab, sondern von ganz anderen, eher religiösen und gruppenspezifischen Leitkulturen. Etwa den Clanstrukturen, die durch ethnische Familienbande, Geld und der Macht des Stärkeren zusammengeschweißt werden. Es entstehen städtische Räume, wo das staatliche Gewaltmonopol zur verspotteten Fiktion wird. Von den Alteingesessenen geräumt und durch Zuwanderer aus dem arabisch-afrikanischen Raum bevölkert, schreitet die Segregation voran. Entlang ethnischer Grenzen spaltet sich die Gesellschaft. Dass die Demografie des Rückzugs angesichts solcher Entwicklungen selbst die Deutschen in den Taunusvororten Frankfurts, in München-Grünwald oder in Berlin-Wilmersdorf demnächst beunruhigen könnte, die sie bis dato ignoriert haben, ist zwar nicht sicher, aber anzunehmen.

Man sollte aus der Not jedoch nicht gleich eine Tugend machen wollen, so wie Botho Strauß, der in einer Glosse zur Flüchtlingskrise 2015 schreibt:„Nun, was kann den Deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden? Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Selbstbesinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.“

So zu denken ist nicht abwegig. Besseres passieren könnte den Deutschen aber allemal, wenn sich die amtierende politische Klasse z.B. an der Zuwanderungspolitik der Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken oder besser noch an Ländern wie Kanada ein Beispiel nehmen würde.

In Anbetracht des gegen die Visegrád-Staaten gerichteten propagandistischen Trommelfeuers der Medien und der bösartigen Arroganz der Eurokraten, die ja nicht einmal der Brexit genötigt hat, ihre Migationspolitik auf den Prüfstand zu stellen, ist mit einer solchen Kehre derzeit eher nicht zu rechnen.

Gehen wir von dieser Einsicht aus, braucht man nicht lange rätseln, wohin die Reise uns führen wird. Ein Blick auf Frankreich zeigt die Dramatik des Geschehens. Zwar sind die Zustände dort nicht deckungsgleich mit denen in Deutschland. Aber können wir darauf vertrauen, dass der politische Islam in der Berliner Republik auch nur einen Deut weniger expansiv ist? Wenn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in diesen Tagen zur „republikanischen Rückeroberung“ seines Landes aufruft, sollte das diesseits des Rheins wenigstens als Weckruf gehört werden. Immerhin 150 Städte haben die französischen Behörden aufgelistet, die via Moscheen aktuell islamistisch kontrolliert werden.

In Deutschland weigert man sich bislang, ein detailliertes Register der islamistischen Landnahme zu erstellen. Stattdessen träumt man hier weiter von Integration und einem aufgeklärten, europäisierten Islam. Wie es um diese Fata Morgana praktisch bestellt ist, lehren die Vorgänge um die Imamin Seyran Ates. Ihre Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin hat ihr den Hass der eigenen Glaubensbrüder beschert (Seyran Ates: „Da gibt es Muslime, die sagen, das geht gar nicht, bringt all diese Leute um und tötet diese Frau. Deshalb lebe ich unter Personenschutz.“) Der Versuch, einen toleranten Islam zu institutionalisieren, der mit den deutschen Standards kompatibel ist – einer säkularisierten Kultur, dem Prinzip der Religionsfreiheit einschließlich der Freiheit, den islamischen Glauben aufzugeben, dem individualisierten Lebensstil usw. -, mag für eine Handvoll liberaler Muslime attraktiv sein, den Frommen ist das Ganze jedoch mit Sicherheit ein Dorn im Auge. Die hehre Hoffnung, dass ein weltweit expandierender Islam sich ausgerechnet hierzulande „verwestlichen“ wird, bleibt eine Form der Wirklichkeitsverweigerung. Ummünzungen religiöser Moralvorstellungen und Inhalte benötigen nun einmal Jahrhunderte.

Rolf Henrich