Was (uns) bleibt

In einer Zeit, in der in Betracht gezogen wird, DDR-Geschichte aus dem Lehrplan zu streichen, will ich noch schnell ein paar Erinnerungen aus der „Froschperspektive“ festhalten.

Gegen das Bildungssystem der DDR habe ich heute nichts mehr einzuwenden.
Es gab eine verlässliche, solide Grundbildung von gutem Niveau, republikweit einheitlich.
Das Bewertungssystem war auch für Eltern verständlich, einschließlich der sogenannten Kopfnoten – Betragen, Fleiß, Ordnung, Mitarbeit -, die für mich zu Unrecht umstritten sind. Eine schriftliche Beurteilung gab es zum Schuljahresende noch dazu.

Was aber die Fächer Staatsbürgerkunde und Geschichte (teilweise auch Geographie) betraf, so wollte der SED-Staat nicht nur lehren, sondern nach seiner Ideologie das Bewusstsein formen. Dagegen waren die meisten jedoch ziemlich immun.
Man war gewöhnt, zu Hause anders zu sprechen als im öffentlichen Raum.

Mir hat der praktische Unterricht gefallen. Er begann in der Unterstufe mit dem Fach Werken.
In der Oberstufe war es das Fach PA = praktische Arbeit, was bedeutete, dass man einen Tag in der Woche in einem Produktionsbetrieb arbeitete.
Unsere Schule, die POS Franz-Mehring, hatte einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Reichsbahn und dem VEB Oderfrucht, einer Konservenfabrik.
Bei der Deutschen Reichsbahn lernte ich auch, mit einer Standbohrmaschine umzugehen. Ich weiß, was eine Senkbohrung ist und war (bin?) in der Lage, eine solche auszuführen. Am lebhaftesten erinnere ich mich aber an die Herstellung von Wrasenklappen in den Werkräumen des Kulturhauses Völkerfreundschaft, das zur Deutschen Reichsbahn gehörte. Meine Klassenkameradin Beate und ich wetteiferten stets, wer die meisten schaffen würde. Die fünf Jungs unserer Klasse ließen wir spielend hinter uns. Acht Stück war unsere Höchstleistung in einer Unterrichtseinheit. Wobei jede Klappe funktionstüchtig sein und den Augen des Lehrmeisters standhalten musste.


Das „Kaufhaus Freizeit“ in Frankfurt bot verschiedenste Waren an, vom FDJ-Hemd, der Toilettenbrille, der Taucherbrille über elektrische Autobahnen (wenn es sie denn gab) bis hin zu „unseren“ Flachverbindern und Winkeln aus Metall mit Senkbohrung (!) und eben Wrasenklappen, die ich ganz stolz meinen Eltern zeigte, als wir dort einkauften und erstaunt feststellten, dass sie zum Kauf angeboten wurden. Vielleicht war ja auch eine von mir gefertigte dabei.

Nach den Abschlussprüfungen der 10. Klasse mussten alle Absolventen eine Woche im VEB-Oderfrucht zum Erdbeerenentkelchen antreten. Alle, bis auf einen. Die Schulsekretärin hatte sich eine Hilfskraft erbeten. Der heiß begehrte Posten, im Vergleich zur Fließbandarbeit in der Konservenfabrik, fiel mir zu. Das hatte ich der Fürsprache unseres Klassenlehrers zu verdanken.

Anfangs arbeitete ich unter Anleitung. Zunehmend nahm sich die Sekretärin aber Freiheiten und ließ mich allein. Auch für ein Tête-à-Tête, wie sie mir einmal verschmitzt erzählte.
Ich war für das Telefon zuständig, für das Abschreiben und Aushängen der Vertretungspläne und sogar für das Kaffeekochen bei einer Lehrerkonferenz. Schüler holten sich von mir Tafelkreide. Lehrer, überrascht mich im Vorzimmer des Direktors zu treffen, blieben für eine kurze Unterhaltung. Nun auf einer anderen Ebene, so empfand ich es. Die Prüfungen hatte ich hinter mir, die Noten standen fest. Das bis dahin bestehende Lehrer-Schüler-Verhältnis schien verändert, eher vertraulicher. Jedenfalls fühlte ich mich gut. Dem Schülerdasein fast entwachsen, dem Erwachsenwerden auf der Spur.

Dem Erwachsenwerden, das vier Jahre später in einer anderen politischen Ordnung weitergehen sollte. Aus einem Land heraus, das es heute nicht mehr gibt, dessen Menschen aber immer noch da sind. Menschen, die in einer oft ungerechten und falschen Gesellschaft, dennoch ein richtiges Leben geführt haben.

Ganz naiv hatte ich eigentlich gedacht, dass alles Vergangene irgendwann in die Geschichtsbücher eingeht und damit Bestandteil des Unterrichtsstoffs wird.

Sollen nun 40 Jahre DDR herausgeschnitten werden, wie eine faulige Stelle aus einem Apfel?

Was steckt dahinter? Das schlechte Gewissen, einen Teil Deutschlands preisgegeben zu haben? Ist es nicht wissenswert, dass der Osten Deutschlands unter der Kontrolle der Sowjetunion und somit 18 Millionen Menschen Faustpfand für stabile Verhältnisse in Europa waren? Denen die Anpassung an das ihnen zugeteilte und durch eine Mauer „geschützte“ Leben in der DDR heute gerne vorgehalten wird! Dass Familien durch die Teilung Deutschlands auseinandergerissen wurden, sich Jahrzehnte nicht wiedersehen konnten, einige nie wieder? Das alles und die Ereignisse nach dem Mauerfall sollten doch nicht in Vergessenheit geraten.

Leopold von Ranke, einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts, forderte Tatsachen unparteiisch darzustellen, ohne zu richten.

In dem Artikel „Aus der Geschichte lernen?“ zitiert Christoph den Historiker Leopold von Ranke: „… zeigen, wie es eigentlich gewesen.“ (»Geschichten der romanischen und germanischen Völker«, 1824).
Folgendes Zitat von Rankes möchte ich noch hinzusetzen aus »Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber«, 1824: „Der Weg der leitenden Ideen in bedingten Forschungen ist ebenso gefährlich als reizend; wenn man einmal irrt, irrt man doppelt und dreifach; selbst das Wahre wird durch die Unterordnung unter einen Irrtum zur Unwahrheit.“

Bettina Zarneckow

Es war einmal das „Haus am Berg“

Tanzen in Frankfurt (Oder) in der Tanzschule Golz-Glogener

Vorwort: 
Aurelius Augustinus setzte sich intensiv mit dem Tanz auseinander, den er zu den Künsten zählte. Wann immer die Zählbarkeit in der Bewegung, also der Rhythmus beachtet wird, bietet sich diese Kunst als Genuss dar und weist in die Innerlichkeit sowohl des Tänzers, als auch des Zuschauers. 

„Ich lobe den Tanz, 
denn er befreit den Menschen 
von der Schwere der Dinge, 
bindet den Vereinzelten 
zu Gemeinschaft. 

Ich lobe den Tanz, 
der alles fordert und fördert,
Gesundheit und klaren Geist 
und eine beschwingte Seele.“ 

Oft hört man von Unternehmenspleiten und Betriebsschließungen. Selten spürt man unmittelbar die Folgen. Bei der letzten Zumbastunde hat Frau Golz-Glogener bekannt gegeben, dass sie und ihr Mann für ihre Tanzschule Insolvenz anmelden mussten. Der Zumbakurs, den ich seit 2015 besuche, wird nur noch bis Ende Februar stattfinden. Wir alle sind sehr betroffen.

Wir, das sind die Mitglieder einer fröhlichen, gut aufeinander eingestimmten Zumba-Fitness-Truppe, die so manches mal an ihrer strengen Lehrerin und ihren anspruchsvollen Anforderungen beinahe verzweifelt wären. Und doch waren wir immer dankbar, so hilfreiche, präzise und gut verständliche Hinweise zur Ausführung der Tänze und zu ihren charakteristischen Bewegungen zu erhalten.

Als studierte Tanzlehrerin weiß Frau Golz-Glogener auch um Verletzungsrisiken und kann mitunter nur mit einem Fingerzeig vorbeugen. „Tanzen lernt man beim Profi“ ist das Motto ihrer Tanzschule. So ist es!
Letztendlich war sie auf unsere körperliche und geistige Fitness bedacht, auf unseren Spaß an Bewegung und Tanz, auf unsere Körperhaltung und die damit verbundene Ausstrahlung. Das alles bei schwungvollen lateinamerikanischen Rhythmen. Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba – wunderbar!

Ich habe Frau Golz-Glogener immer mit Jutta Müller verglichen, der strengen Trainerin von Katharina Witt. Ein Lob für geglückte Tanzschritte und exakte Bewegungen aus berufenem Munde zählt mindestens doppelt, tut unsagbar gut und spornt an!

Schon 1984 lernte ich die engagierte Tanzlehrerin kennen. In der DDR war es üblich, dass Schüler der 8. Klasse zur Tanzstunde gehen. So auch meine Klasse, die Klasse 8a der 18. POS Franz-Mehring. Wir waren 14 und 15 Jahre alt. Ein bisschen geniert, die ganze Sache ein wenig ins Lächerliche ziehend, absolvierten wir die Tanzstunden bei Frau Golz im Kulturhaus „Haus am Berg“ in der Gubener Straße, bis hin zum Abschlussball im Kulturhaus „Völkerfreundschaft“.

Anfangs fuhr ich mit der Straßenbahn. Mit 15 Jahren hatte ich meinen Mopedführerschein und fuhr mit meiner hellgrünen Simson S 51 B, die ich über alles liebte, in einer Clique zur Tanzstunde. Einige Jungs unserer Klasse hatten eine silberfarbene S 51 Enduro mit ihrem charakteristischen schrägen Auspuff. Mit Hosen kamen wir mopedfahrenden Mädchen an und wechselten dann vor der Stunde zum Rock.

Mein Tanzpartner war Hardy, ein kleiner, blonder Lockenkopf. Ihm gelang übrigens nach seinem Abitur die Flucht aus der DDR über das damalige Jugoslawien, wo er zunächst eine geraume Zeit im Gefängnis saß. Hardy und ich waren etwa zwei Jahre zuvor übereingekommen, dass wir „miteinander gehen“. Für uns beide, zwei schüchterne Zeitgenossen, war diese Übereinkunft eine äußerst hemmende und die Dinge und unseren Umgang miteinander komplizierende Angelegenheit. Aber ich hatte einen Tanzpartner sicher, was nicht jedes Mädchen behaupten konnte, denn auf sechs Jungen kamen elf Mädchen. Neben dem Erlernen der Standarttänze wurde auf Körperhaltung und die Regeln des guten Benehmens sowie Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit der Herren gegenüber den Damen geachtet.

Im Jahr 2014, dreißig Jahre später, schlugen unsere Freunde Heidi und Rolf Henrich mir und Reinhart vor, zusammen einen Tanzkurs zu besuchen. Ich staunte nicht schlecht, als ich nach so langer Zeit Frau Golz-Glogener gegenüberstand.

Ihr Mann Renė Glogener und sie hatten sich 1993 den Traum einer eigenen Tanzschule erfüllt. Wir haben damals den Grundkurs belegt, denn keiner von uns meinte, auf die erworbenen Tanzfähigkeiten aus Jugendzeiten zurückgreifen zu können. Der Kurs wurde zu einer Herausforderung. Er war anstrengend, vor allem aber machte er Spaß. Disziplin wurde erwartet. Es gab Regeln, deren Einhaltung Frau Golz-Glogener mit Bestimmtheit einforderte. Genauso aber hatten beide Tanzlehrer Verständnis und Geduld bei Schülern wie Reinhart zum Beispiel, dem der Rhythmus eher nicht in die Wiege gelegt wurde – was er bis heute heftig bestreitet.
Wir lernten neue Tanzschritte und trainierten so Körper und Geist. Besonders gern sahen alle die Präsentation des als nächstes zu erlernenden Tanzes vom Profipaar. Es war eine Augenweide, sie voller Leichtigkeit und Eleganz über die Tanzfläche gleiten zu sehen. Diese Ausstrahlung des sich harmonisch und rhythmisch bewegenden Paares war einfach hinreißend. Ich hätte stundenlang zusehen können und träumte dabei, eines Tages eine ähnlich gute Figur auf dem Parkett abzugeben.

Rolf „kniff“ nach dem Grundkurs zum Bedauern von Heidi. Reinhart und ich meldeten uns noch für den Aufbaukurs an. Als der vorbei war, wollte ich unbedingt weiter tanzen und Frau Golz-Glogener schlug mir ihren Zumbakurs vor. Seitdem bin ich nicht ohne Ehrgeiz dabei. Ich tanze einfach gern!

Die Coronakrise hatte der Tanzschule schon ordentlich zugesetzt. Wie viele Betriebe musste auch sie zeitweilig geschlossen werden.
Nicht wenige Menschen wurden durch die Ausgangsbeschränkungen in der Pandemie in eine gewisse Lethargie versetzt.
Zudem halten die meisten wegen der Ukrainekrise und der unglückseligen Politik der Bundesregierung ihr Geld zusammen. Sie geben es nur für wirklich notwendige Dinge aus, statt für Sport, Gesundheit und Freude. Energie und Lebensmittel sind einfach zu teuer geworden. Das hat dem kleinen Unternehmen den Todesstoß versetzt. Waren vor der Corona-, Ukraine- und Energiekrise die Kurse gut besucht bis ausgebucht, so brachen mit den Krisen die Anmeldungen ein.

Voller Hoffnung möchte ich aber auch unseren beiden Tanzlehrern sagen: In jeder Krise steckt ein Neubeginn.

In diesem Jahr wollten Charlotte Golz-Glogener und René Glogener das dreißigjährige Bestehen ihrer Tanzschule feiern.

Bettina Zarneckow