Deutschland im Blindflug und ohne Kapitän, Herr Selenskyj ist nicht verfügbar

Es kommt wohl die Zeit, dass meine Freunde und Bekannten die Kurve kratzen, wenn sie mich sehen. Voller Wut und Entsetzen verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich rede und rede über die Ukraine und Russland, die Ursachen des Krieges und das Leid für die Menschen in der Ukraine und auch Russland. Ich sehe die  Wand immer näher kommen. Die da heißt, endlich muss Schluss sein, einfach reinhauen, nicht nur Waffen sondern auch starke bewaffnete Truppen in die Ukraine schicken oder ganz anders einfach full stop und back to the roots.

Wer will sich das alles noch anhören. Die Ereignisse beginnen mich zu erdrücken. Aber wir sollten dennoch mutig und hellwach  nach vorne schauen. Nach 40 Jahren DDR und über 30 Jahren ertragener Vergangenheitsbewältigung will ich mich auch ein wenig absichern. Ihr solltet das auch tun, Deutsche mit der  DDR – Vergangenheit, die  mit back to the roots nicht gemeint sein soll.

In der letzten Sendung bei Illner wurde durch den ehemaligen militärischen Berater von Frau Merkel, Ex General Vad, einiges bemerkt, was in der FAZ vom 18.3. kolportiert wird. Wichtig erscheint mir, was die Zeitung dabei unterschlägt.

Nicht verschwiegen wird seine Bestätigung der Befürchtung des Grünen Robert Habeck, der eine atomare Eskalation als realistische Bedrohung dem hoffentlich hellhörig werdenden deutschen Publikum nahe brachte. Für die russische Militärdoktrin gelte im Unterschied zur amerikanischen auch die Taktik  begrenzter  Atomschläge. Nicht erörtert wurde, was  die USA oder die NATO für diesen Fall vorgesehen haben.

Unterschlagen wurde Vads  zaghafter Hinweis, dass für die Ukraine und Russland ein guter Zeitpunkt besteht, sich zu verständigen. Russland habe bestimmte Kriegsziele in Form von Geländegewinnen erreicht, die Ukraine verteidige sich weit über die Erwartungen der Russen. Also würde keiner das Gesicht verlieren. Eisiges Schweigen und Unverständnis in der Runde.

Die Frage nach den Vorstellungen der Ukraine für eine Beendigung des Krieges wurde durch den anwesenden ukrainischen Botschafter nicht beantwortet. Die Ukraine sei bereit, „alle möglichen Kompromisse“ einzugehen. Konkret werden könne die Ukraine erst in den direkten Verhandlungen der beiden Präsidenten.

Lauter Beifall von der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages Strack-Zimmermann. Das sei allein eine Angelegenheit der Ukraine. Deshalb muss es heißen Blindflug der Bundesregierung, notiere ich.

Überhört wird auch der Hinweis des Generals, dass das gegeneinander Aufrüsten keine gute Idee sei. Die Pläne der Grünen für eine neue Sicherheitsdoktrin Deutschlands erwähnte er nicht. Wurde der General im Hinblick auf die amerikanische Ankündigung einer Zahlung weiterer 800 Millionen Dollar für Rüstungsgüter  an die Ukraine von Frau Merkel gar gebeten, in der Sendung auf die Bremse im Sinne einer Entspannung der demoralisierten und schuldbewussten deutschen Politiker zu treten? Habeck stand kurz vor den Tränen. Ich möchte Frau Merkel wieder haben, meine Stimme hätte sie.

Wir kennen in etwa die Vorstellungen Putins, die offenbar immer noch von vielen Russen geteilt werden, von 71 % ist nach einer wohl seriösen Umfrage die Rede. Eine wirklich neutrale Ukraine außerhalb der NATO, Russland soll behalten, was es mit der Krim, Luhansk und Donezk schon hat.

Die Frage ist nicht, ob das der Atommacht Russland zusteht. Das Völkerrecht sagt dazu ein klares Nein, genauso wie schon früher beim Irakkrieg, Kosovokrieg etc. Da offenbar im Konfliktfall bei starken Mächten das Völkerrecht oft mit angeblichen höchst moralischen Gründen ausgesetzt wird, müssen Lösungswege ohne es gefunden werden. Das ist die Stunde von Politikern wie Talleyrand, Bismarck, Willy Brandt und Egon Bahr.  Wir dürfen  nicht den  Krieg sich selbst überlassen, weil eine Seite im Unrecht ist und das partout nicht einsehen will. Und überhaupt, wo wollen wir da  beginnen? Chirurgen wie Sauerbruch quatschen nicht, sie konsultieren sich aber und beginnen dann sofort mit der Operation.

Ein Krieg muss sofort beendet werden, er darf keine Chance zur Ausbreitung erhalten. Die Vergangenheitsbewältigung kommt später, viel später, wenn sie nachhaltig sein soll. Macron und Scholz, hört auf zu  telefonieren, um so en passent die nächsten Wahlen zu gewinnen. Bleibt sauber, es wird alles durchschaut. Verhandelt auf Augenhöhe mit beiden Seiten des Krieges und sorgt dafür, dass die USA und weitere Mitglieder der NATO mitmachen. Und wir sollten aufhören, uns moralisch zu erregen, sondern von den Entscheidern Leistungen für den Frieden fordern. Wir sind nicht  die Opfer und wollen es auch nicht infolge der Unfähigkeit der Bosse werden.

Biden hat mit seiner Erklärung, dass die NATO für die Ukraine nicht kämpfen würde, einiges auf den Weg gebracht. Die Frage ist, ob Putin es bei dem von der EU, den USA und der NATO ersatzweise geführten Wirtschaftskrieg belässt. Den Russland nicht gewinnen kann, ganz im Gegenteil, die Wirtschaft Russlands wird vernichtet werden, meinen einige fröhlich und optimistisch. 

Ich sehe dennoch sehr gute Chancen für eine Zurückhaltung des sich verrechnet habenden Putins,  meine aber, dass der Wirtschaftskrieg Deutschland und der ganzen Welt schadet und  ein  Ende des Krieges verzögert.

Deutschland schießt sich selbst ins Knie, wenn es nicht aufpasst. Das aber ist gar nicht das Schlimmste. Ich sage es mit den beschönigenden Worten des ukrainischen Botschafters Melnik, der das Restrisiko einer atomaren Auseinandersetzung in Europa klein redet  Das „bisschen“ Restrisiko ist schlimm und gefährlich für Deutschland, sogar mehr als die gerne besungenen  Rechts- oder Linksradikalen  oder gar die AFD im Inneren.

Deshalb erwarte ich von der Bundesregierung, dass sie den sicheren Weg geht. Das Interesse der Deutschen kann nicht die blinde Zustimmung zur Aufrüstung der Ukraine mitten in diesem Krieg sein. Es darf nicht einmal in einer strategischen Überlegung  konzediert werden, dass Putin wegen der Waffenlieferungen plus Wirtschaftskrieg  „den Waffengang“ nach Westen ausdehnen könnte.

Doch ist das Kind nicht schon in den Brunnen gefallen? Deutschland ist durch die Waffenlieferungen und Sanktionen zumindest mittelbar Beteiligter an diesem Krieg, alles andere ist Augenwischerei. Deutschland befindet sich in einem mit allen Mitteln geführten Wirtschaftskrieg. Dies ist nur dann gerechtfertigt, wenn Deutschland sich an den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland mit starker Stimme beteiligt. Das lehnen die Herren aber ab, niemand kann es logisch begründen.

Beginnen wir mit dem Kleinen, mit  Anstand und etwas mehr Selbstbewusstsein. Es wird nicht geklatscht, wenn fremde Staatsoberhäupter deutsche Politiker beschimpfen,  nicht im Bundestag oder auch nur in einer Talkshow, es wird gebuht oder eisig geschwiegen.   Ziel kann nur die Beendigung des Krieges, die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat und die Eindämmung der Sanktionen sein, bei gleichzeitigem Aufbau einer Sicherheitsstruktur für ganz Europa. Zug um Zug, Abbau von Sanktionen gegen Aufbau von Sicherheit für die Westeuropäer,  alle Russen, Ukrainer und die vielen nationalen Minderheiten. Das ist die Hauptaufgabe.

Und die NATO mit Deutschland an der Spitze wiederholen demgegenüber das, was ihnen Putin seit Jahren vorwirft. Ohne den Weg der Verhandlung mit Russland zu beginnen, Vertrauen zu schaffen, wird einseitig unter Bruch von Vereinbarungen die Ostflanke der NATO gestärkt – was die baltischen Staaten schon seit Jahren gefordert hatten. Worüber hat sich der französische Präsident über sechs Stunden mit Herrn Putin unterhalten, darüber und darauf verschließt sich die Auster Putin? 

Eine neue nationale Sicherheitsstruktur  a la Baerbock mit Tarnbombern und Beteiligung an der atomaren Aufrüstung Deutschlands insgesamt, noch mehr Einfluss auf die NATO,  erschreckt auf längere Sicht nur die Nachbarn. Oder bleiben die Tarnbomber bei dem nächsten Konflikt auf dem Boden? Nütze den Krieg in der Ukraine, um die lahme Bundeswehr aufzurüsten, wieder mal gegen die Gefahr aus dem Osten, ist das die neue Losung?  Ich kann gar nicht so schnell denken, wie sich die Grünen militarisieren. Was ist mit ihrer Vergangenheitsbewältigung Nr.1?

Solange die Ukraine auf ein inhaltsleeres  „zu allen Kompromissen bereit“ beharrt, Verhandlungen der beiden Präsidenten  nicht zügig vorbereiten lässt, nicht wie die Russen  ihre Ziele  darstellt,  darf Deutschland die Ukraine nur bei der Linderung der Not der Menschen unterstützen. Das ist eine Lehre aus dem Scheitern von  Minsk 2, das Deutschland nicht zu verantworten hat.  Kein Euro und keine Patrone, wenn …

Fazit: Es wird eine Hungersnot in Afrika mit Millionen von Hungertoten und Flüchtlingen nach Europa ab dem Jahr 2023 prognostiziert, wenn Russland und die Ukraine ihren Weizen nicht anbauen und liefern können. Es besteht die Gefahr, dass wir die Klimawende nicht meistern. Es geht um die Not der Welt und nicht darum, ob wir Deutschen in der kalten Jahreszeit etwas mehr anziehen oder ob die Energiepreise in Deutschland steigen. Um letzteres geht es aber auch. Und solange die Bundesregierung nichts schafft, sollte niemand frei Haus auf etwas verzichten. Um der Verschwendung für militaria ein wenig Einhalt zu gebieten oder den toll Gewordenen etwas zu signalisieren.

Übrigens glaube ich auch nicht daran, dass eine Landmacht ohne atomare Unterstützung durch einen Dritten einer Atommacht widerstehen kann, ohne dass es zu einem Kollateralschaden größeren Ausmaßes kommt.

Reinhart Zarneckow

Geschichten aus der Rathenaustraße – Frankfurt (Oder) nach dem Krieg Teil 1

Bettina Zarneckow

Im letzten Jahr habe ich mich ausführlich mit meiner Mutter Rosemarie Biegon über die Geschichte Frankfurts und über unsere Familiengeschichte unterhalten. Nach ihrem plötzlichen Tod, im Januar diesen Jahres, füge ich nun meine Notizen und Erinnerungen zusammen. Damit möchte ich die hier im Blog bestehende Serie „Geschichten aus der Rathenaustraße“ weiterführen.

Rosemarie Biegon geb. Steinecke

1945, der Krieg war vorüber, der Festungsstatus Frankfurts aufgehoben. Die Einwohner kehrten wieder nach Frankfurt zurück. Nicht alle. Einige waren umgekommen, manche blieben an ihren Fluchtorten. Männer, die an der Front gekämpft hatten, waren in Kriegsgefangenschaft geraten.

In unser Haus zogen in leerstehende Wohnungen Russen ein. In einer Wohnung im Haus Zillestraße 1a wohnte eine Mutter mit ihrem Sohn. Bei ihnen nahm ein russischer Offizier Quartier. Die Genehmigung dazu brauchte er sich nirgends einzuholen. Er tat es einfach. Nicht alles konnte mein Großvater den neuen Bewohnern durchgehen lassen. So musste er zum Beispiel erklären, dass das benutzte Toilettenpapier nicht durchs offene Fenster entsorgt wird.

Auf den Bahnhöfen Frankfurts kamen russische Soldaten an und wurden auf die Kasernen verteilt. Kabel wurden durch den Stadtteil West gezogen und Lautsprecher an Laternen aufgehängt. Russische Musik wurde abgespielt und Bekanntmachungen durchgesagt. Russische Soldaten, Panzer und andere Militärfahrzeuge bestimmten nun das Bild und die Geräuschkulisse der Stadt.

Die Fleischerei meiner Großeltern Paul und Emma Steinecke lief wieder an. Während der Zeit der Evakuierung, im Frühjahr 1945, belieferte sie vorwiegend die Kasernen. Zivilbevölkerung gab es ja kaum in Frankfurt. Nun kamen wieder bekannte Kunden und auch neue.

links Emma Steinecke vor ihrem Geschäft in der Hindenburgstraße 120 mit Angestellten, rechts das Geschäft des Uhrmachermeisters Scherner

Bis zum Jahr 1947 bestand noch die Zweigstelle in der A.-Bebel-Straße 120. Danach gab es nur noch das Geschäft im eigenen Haus, Rathenau- Ecke Trautmannstraße (heute Zillestraße).

Meine Mutter vermisste Frau Jacobs. Eine freundliche Frau, die noch bis 1943 regelmäßig in unserer Fleischerei einkaufte. Immer begrüßte sie die kleine Rosemarie extra und redete kurz mit ihr, wenn meine Mutter wieder einmal hinter dem Ladentisch auf ihrem Stuhl saß, um das Geschehen zu verfolgen. Seit 1941 trug sie einen schwarz umrandeten gelben Stern auf ihrer Kleidung. Ein sogenanntes Angrogeschäft, einem Juden gehörend, von dem mein Großvater Fleischerbedarf, Därme u.ä. bezog existierte nicht mehr. Der Kinderarzt meines Onkels war ebenfalls Jude. Dr. Hermann Neumark. Er kam für einige Wochen in das KZ Sachsenhausen und konnte dann mit seiner Frau nach Palästina ausreisen.

Von meiner Mutter wollte ich wissen, ob sie wusste, welche der Menschen die sie kannte Juden waren. Nein, war ihre Antwort. Juden in Frankfurt waren, bis sie den Judenstern tragen mussten, nicht als solche zu erkennen. Sie waren für sie Mitbürger wie andere auch. Mit fast jedem Stolperstein, der heute im Stadtteil West liegt, verband meine Mutter ein Gesicht oder eine Firma, erzählte sie mir bedrückt und erst auf Nachfrage.

Immer wieder kamen nach der Kapitulation 1945 Soldaten in Frankfurt auf dem Bahnhof in der unteren Rathenaustraße an. Sie liefen dann die Straße hoch, um zu den anderen Bahnhöfen zu gelangen und wenn möglich von dort in ihre Heimatorte zu fahren.

Einmal, es regnete in Strömen und unsere Haustür war offen, stellten sich zwei Soldaten im Hauseingang unter. Als der Regen nicht nachließ, setzten sie sich auf die Treppenstufen im Haus. Meine Mutter wollte am Abend wie gewöhnlich das Haus abschließen und wunderte sich. Inzwischen war unser Hausflur voll besetzt mit Soldaten, bis hinauf zur Bodentreppe. Erstaunt berichtete sie ihrem Vater, was sie im Hausflur vorgefunden hatte und er sagte zu ihr: „Lass mal, das ist schon richtig.“ Als der Regen vorüber war, brachen die Soldaten auf. Immer wieder erzählte mir meine Mutter diese Geschichte, die sie offenbar sehr beeindruckt hatte. Vielleicht in Gedanken an ihren Bruder.

Im Jahr 1946 wurde Hermine von Schoenaich-Carolath, zweite Frau des letzten Deutschen Kaisers nach Frankfurt gebracht und unter Schutzhaft gestellt. Nach den Erinnerungen meiner Mutter wohnte sie in der Blumenthalstraße in der oberen Etage eines Hauses, zusammen mit ihrem Enkelsohn Fritzi. Ihr zur Seite standen die Sekretärin Fräulein Ursula Topf und eine Dolmetscherin namens Nina, die nicht im Haus wohnte. In der unteren Etage des Hauses lebte Familie Junge. Herr Junge machte regelmäßig die Einkäufe für sie, auch bei meinen Großeltern. Daher kannte meine Mutter Herrn und Frau Junge. Die Kaiserin, wie sie von Anhängern der Hohenzollern genannt wird, ging oft spazieren. Sie gehörte bald zum Stadtbild von Frankfurt. Elegant und schwarz gekleidet und immer mit einem silbernen Spazierstock. Ihre Haare ließ sie sich von Herrn Stenzel frisieren. Hatte sie dort einen Termin, so wurde der Frisiersalon für die Dauer ihres Aufenthalts geschlossen. Der Salon Stenzel befand sich A.-Bebel – Ecke Albert-Fellert Straße. Herr Stenzel war auch der Friseur meines Großvaters. Jeden früh erschien er im Haus meiner Großeltern, um meinen Großvater zu rasieren. Meine Mutter konnte sich nicht erinnern, dass sich ihr Vater jemals allein rasiert hätte.

Ein enger Vertrauter der Kaiserin war Pfarrer Gabriel Hermann, Gründer der Kreuzkirchengemeinde in Frankfurt. Aber auch meine Großmutter bekam oft Besuch von ihr. Sie trat nicht durch das Geschäft ein, sondern klingelte an der Wohnungstür. Einer der ganz seltenen Momente, in denen meine Großmutter das Geschäft verließ. Sie empfing und unterhielt sich sehr gern mit der gnädigen Frau, wie sie sie nannte. Auch meine Mutter war öfter dabei. An eine Begebenheit erinnerte sie sich sehr deutlich: Sie hatte meiner Großmutter zum Geburtstag einen Blumenstrauß gepflückt und ihn in die „gute Stube“ gestellt. Als sie ihre Mutter kommen hörte, drehte sie den Schlüssel im Schloss herum, um die Überraschung zu vergrößern. Die gnädige Frau an ihrer Seite, stand meine Großmutter nun vor verschlossener Tür. Als meine Mutter endlich öffnete, erschrak sie, dass nicht nur ihre Mutter vor der Tür stand. Aber die Kaiserin hatte ein nettes Wort für sie, strich ihr freundlich lächelnd übers Haar und begab sich mit meiner Großmutter in die gute Stube zu ihrem gewohnten Platz, einem bequemen Korbstuhl mit ausladender Lehne. 1947 starb sie an einer Mandelentzündung. Viele Frankfurter standen am Haus in der Blumenthalstraße, als ihr Sarg herausgetragen und auf ein russisches Militärfahrzeug geladen wurde, um ihn dann nach Potsdam zu fahren. Ob dort ein feierliches Begräbnis stattfand, wusste meine Mutter nicht.

Hermine von Schoenaich-Carolath mit Enkel Franz Friedrich
Neujahrskarte mit Widmung der Kaiserin Hermine an meine Großmutter

Russische Offiziere meldeten sich bald bei meinen Großeltern. Sie mieteten bis 1970 einen Teil des Kühlraumes, um ihr Fleisch zu lagern. Vor dem Krieg und noch einige Zeit während des Krieges besaßen meine Großeltern einen Mercedes. An Wochentagen diente er als Transportfahrzeug für Fleisch, dann war er ausgestattet mit einer Zinkwanne. Bei Wochenendausflügen wurde ein Lederbezug in das Fahrzeug geknöpft und eine Sitzbank eingebaut.

Am liebsten fuhr meine Großmutter nach Potsdam. Dann war immer die Garnisonkirche das Ziel und die Familie fuhr nicht weg, ehe meine Großmutter die Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ vom Glockenspiel gehört hatte. Vor diesem Hintergrund hatte ich 2017 den Wunsch, Ziegel für den Wiederaufbau dieses geschichtsträchtigen, wunderschönen Gotteshauses zu spenden. Einen mit dem Namen meiner Familie, einen spendete meine Mutter mit ihrem Namen. Aber ganz besonders freue ich mich über den Ziegel für meine Großmutter. Gottvertrauen, Zitate vom Alten Fritz und Preußische Tugenden gehörten zu ihrem Leben.

Der Mercedes wurde vom deutschen Militär beschlagnahmt. War der Offizier in der Gegend, so hielt er nach Möglichkeit in der Trautmannstraße an, um zu zeigen, dass das Fahrzeug noch gut gepflegt existiert. Ein anderes Fahrzeug musste her. Mein Großvater besorgte einen Tempo-Kleinlaster. Er hatte nur drei Räder, war deshalb steuerlich günstig und konnte ohne Führerschein gefahren werden. Der Mercedes kam natürlich bei Kriegsende nicht mehr zu meinen Großeltern zurück. Zu dem Verbleib des Kleinlasters konnte meine Mutter nichts sagen. Aber auch ihn gab es nicht mehr. Und so hatte mein Großvater alle Mühe, sich Ware vom Schlachthof in der Lebuser Vorstadt heranzuholen.

Wie er das organisierte? Fortsetzung folgt.

Geschichten aus der Rathenaustraße

von Bettina Zarneckow

Frankfurt (Oder) ist meine Geburtsstadt. Dort steht mein Elternhaus im Stadtteil West, Ecke Heinrich-Zille und Rathenaustraße. Drei Reihenhäuser, erbaut zwischen 1929 und 1938 mit Wohnungen für Familien und Einzelmieter. Um bauen zu können, mussten meine Großeltern einen Riesenkredit bei der Postbank aufnehmen. Meine Großmutter erzählte mir, nach dem Einzug in das neue Haus, Apfelsinenkisten als Sitzgelegenheiten und Tisch genutzt zu haben.

Emma und Paul Steinecke mit Sohn Kurt und Angestellten vor ihrer Fleischerei

Die Rede ist also von meiner Großmutter, Emma Steinecke, geb. am 27.04.1894 in Baudach Kreis Crossen. Ihre Eltern kamen im Jahr 1904 mit ihren Kindern von Baudach nach Frankfurt (Oder), um dort zu arbeiten und zu wohnen. Mein Großvater, Paul Steinecke, geboren in Trebra bei Bleicherode am 12.04.1888 im Dreikaiserjahr, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, kam nach dem ersten Weltkrieg nach Frankfurt.

Ihren Kindern, meinem Onkel Kurt Steinecke (1925-2007) und meiner Mutter Rosemarie Biegon, geb. Steinecke, geb. 1934, gelang es, die Häuser zu erhalten. Ungeachtet der zu niedrigen Mieten in der DDR und zudem der Unterversorgung mit Baumaterialien und Handwerkern.

Viele Geschichten sind mit den Häusern verbunden. Ich möchte einige Erinnerungen meiner Mutter aufschreiben. Für meine Kinder, meine Nichte, meinen Neffen und vielleicht als Zeitdokument.

Ich beginne mit dem Jahr 1945:

Am 3. Februar 1945 wurde Frankfurt evakuiert. Meine Großeltern mussten bleiben, weil sie eine Fleischerei hatten. Die Familie sollte zusammen bleiben. Deshalb blieben meine Urgroßmutter und meine Mutter ebenfalls in Frankfurt. Mein Onkel Kurt befand sich seit 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrte. Zwei Jahre später holte ihn die russische Geheimpolizei ab. Er wurde nach Potsdam in die Untersuchungshaftanstalt in der Leistikowstraße gebracht. Nach einem Jahr in Potsdam folgten vier Jahre im Arbeitslager von Workuta. Vor einigen Jahren habe ich mir das Gefängnis, das inzwischen eine Gedenkstätte ist, mit den Kellern für die Häftlinge angeschaut.

Nach der Evakuierung Frankfurts wurde im Luftschutzkeller unseres Hauses in der Heinrich-Zille-Straße 1a (damals Trautmannstraße) ein Nachrichtenstützpunkt vom Militär eingerichtet. Das 1938 gebaute Haus musste mit einem Luftschutzkeller errichtet werden. Seine stählernen Spezialtüren mit besonderer Verriegelung sind ein bleibendes Andenken an diese Zeit.

Der Nachrichtenstützpunkt wurde mit Fräulein Helga Magnus besetzt, einer jungen Sekretärin. Sie wohnte in Frankfurt, kam früh zur Arbeit und verschwand abends wieder. Auf ihrem Arbeitsplatz standen eine Schreibmaschine und ein Telefonapparat. Öfter kamen Offiziere vorbei, so erinnert sich meine Mutter an einen Oberleutnant Schlegel. Die genauen Aufgabengebiete der Sekretärin erschlossen sich meiner Mutter, die damals 10 Jahre alt war, nicht. Sie war oft im Keller bei Fräulein Magnus und unterhielt sich mit ihr, wie sie heute sagt, über Gott und die Welt. Frankfurts Straßen waren zu dieser Zeit fast menschenleer. Sie hatte keine Spielkameraden und so verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit im Nachrichtenstützpunkt. „ Ich fand das hochinteressant und ich fühlte mich wohl, weil ich Fräulein Magnus mochte“, so meine Mutter.

Eines Tages brachte meine Urgroßmutter Auguste Schlenz eine Ziege mit nach Hause, die herrenlos die Käthe-Kollwitz-Straße entlang gelaufen war. Sie meckerte wegen ihres prallen Euters herzzerreißend. Später lief noch eine zweite Ziege zu. Die Tiere waren von ihren Besitzern beim Verlassen Frankfurts zurückgelassen worden. Die zweite Ziege war trächtig und brachte in unserer Garage ein kleines Zicklein zur Welt, das meine Mutter Mecki taufte. Sie war etwas ganz Besonderes. Ein schwarzer Streifen ging über ihren Kopf und ihre Hörner waren schwarz. Die Ziegen lebten auf unserem Hof in der Garage. Mecki folgte meiner Mutter auf Schritt und Tritt. Zum Weiden wurden sie von meinem Großvater öfter aufs höher gelegene Nachbargrundstück gehoben. Während unser Hof gepflastert war, gab es dort genügend Gras und meine Mutter hütete sie. Eines Tages pfiff mein Großvater seiner Tochter zu, die mit den Ziegen im Nachbargarten war. Dieses Zeichen bedeutete Gefahr in Verzug. Die kleine Rosemarie wollte die Ziegen noch mitnehmen. Mein Großvater untersagte das streng. Tiefflieger näherten sich. „Bei offiziellem Fliegeralarm gab es Sirenenwarnung. Tiefflieger kamen ohne Vorwarnung, weil sie so plötzlich auftauchten“. Meine Mutter meint, dass es Engländer waren. Mein Großvater ergriff seine Tochter und rannte mit ihr in den Luftschutzkeller. Der Aufenthalt dort war nichts Ungewöhnliches. Schusssalven waren zu hören. Im Keller standen Bänke, auf denen gewartet wurde, bis mein Großvater Entwarnung gab. Die Ziegen waren unversehrt geblieben.

Noch im Februar wurde in der Rathenaustraße, die in der Nazizeit von Rathenaustraße in Schlageterstraße umbenannt worden war, auf dem Platz, auf dem sich heute die Schwimmhalle befindet, Munition in rauen Mengen gelagert. Mein Großvater beanstandete das und beschwerte sich, wahrscheinlich bei Oberleutnant Schlegel oder einem der vielen Offiziere, die im Nachrichtenstützpunkt unseres Hauses verkehrten. Eines Tages war der Platz beräumt. Offenbar wurde die Munition von Soldaten in die Keller der leerstehenden Häuser der Rathenaustraße verteilt. Es muss bei einem Überflug von Tieffliegern gewesen sein, dass sie sich durch Beschuss entzündete. Jedenfalls ging ein Haus nach dem anderen in Flammen auf. Meine Großeltern waren verzweifelt. Ihre Häuser waren am Ende der Straße, hatten zwar keine Munition in den Kellern, aber das Feuer würde sich trotzdem immer weiterfressen. In allen Häusern bestanden Durchbrüche zu den Kellern des jeweiligen Nachbarhauses. Es gab weder eine Feuerwehr noch ausreichend Wasser zum Löschen. Zusammen mit Angehörigen der Familie Heine, Inhaber der nahegelegenen Konservenfabrik Heinerle in der Georg-Richter-Straße und Herrn Raschke, einem letzten nach der Evakuierung verbliebenen Mieter unseres Hauses, Angestellter bei der Post, wurde versucht, das Übergreifen der Flammen zu verhindern. Meiner Mutter ist in Erinnerung, dass mein Großvater mittels eines Dreizacks die Trennwände zwischen den Häusern einzureißen versuchte. Zwei Häuser vor unserem konnten die Flammen gestoppt werden. „Seid ihr während des Brandes in eurer Wohnung geblieben?“ wollte ich von meiner Mutter wissen. „Nein“ antwortet sie. „Familie Heine, mit denen wir befreundet waren, bestand darauf, dass wir zu ihnen ziehen. Und so packten wir das Nötigste und blieben eine ganze Weile in ihrem Wohnhaus in der Georg-Richter-Straße. Mein Vater kam nur zum Übernachten und versuchte am Tage zu retten, was zu retten war. Bis wir wieder nach Hause zurück konnten.“

Noch heute ist anhand der nach 1950 errichteten Häuser zu erkennen, bis wohin der Brand sich ausgebreitet hatte. Unser Nachbarhaus, Besitzer war eine Familie Kluge, und unsere Häuser blieben unversehrt.

Wichtig für die Erinnerung: Im Jahr 1930 waren Straßenbäume in der Rathenaustraße gepflanzt worden. Von den Anwohnern, also auch von meinen Großeltern, gegossen und gepflegt. Sie überlebten den verheerenden Brand von 1945. Meine Generation hat sie beim Spielen als Versteck genutzt. Sie gehörten zum Straßenbild und prägten mit ihrem Grün den Stadtteil Westkreuz. Im Februar 2019 wurden nun diese 90 Jahre alten, gesunden Spitzahorne gerodet. Die Wurzeln der Bäume würden die Steine des Bürgersteiges anheben, hieß es seitens der Stadt. Diese Begründung überzeugt nicht. Schon in meiner Kindheit gab es erhebliche Unebenheiten durch die Wurzeln.Wenn finanzielle Mittel und Können nicht vorhanden waren, hätte einige Jahre gewartet werden können, um dann später bei einer Sanierung der Gehwege zu versuchen, die Bäume zu erhalten. Eine Dringlichkeit zur Rodung war nicht gegeben. Trotz Pflanzung von Gleditschien mutet die gesamte Straße wie eine Mondlandschaft an. Nicht nur ein trauriger Anblick, sondern es war auch leichtsinnig von den Verantwortlichen, diese über Jahrzehnte gewachsenen Zeugen der Geschichte in einer Art Handstreich vernichtet zu haben. Die heutige Diskussion über die Klimawende unterstreicht das nur.

Der am 26. Januar 1945 erklärte Festungsstatus Frankfurts wurde am 21. April aufgehoben. Die Festungstruppen traten ihren Rückzug an und rissen die gesamte Rathenaustraße auf, um den Russen ihren Einmarsch so schwer wie möglich zu machen. Fräulein Magnus kam nicht mehr. Am 23. April sah meine Mutter den ersten Russen in ihrer Heimatstadt.