Wie ein Unterpfand des Möglichen

Eine Krise schleicht sich meistens ins Leben. So war es Anfang der 2000er bei mir. Gibt es etwas, das vor einem weiteren Absturz in eine solche bewahren kann? Ja! Zunächst aber muss eine Krise erkannt werden. Dann gibt es einen Ehepartner, der beisteht und ein verlässliches familiäres Umfeld. Kinder, noch klein, für die man Verantwortung trägt, ich habe unsere Kinder als meine Korsettstangen empfunden. Außerdem hatte ich eine Freundin, die einfach nur da war. Wenn man Glück hat, bekommt man nach langer Wartezeit einen Termin bei einem Psychotherapeuten. Die Gründe für eine Lebenskrise lassen sich meist nicht vollständig aufdecken. Eine Therapie kann helfen, das, was sich zeigt, zu verstehen.

Für mich gab es obendrein diesen einen Menschen, der sich als Arzt nicht nur meiner körperlichen Disbalancen annahm. Das half, innere Stabilität zu finden und tut es noch heute, wenn ich auf unser Vertrauensverhältnis und auf die wechselseitige Resonanz in unseren Texten und Gesprächen zurückblicke.

„Bei jedem Termin bei deinem Hausarzt, erzähl ihm ein wenig mehr von dir“, war einst der Rat meines Schwagers Matthias, der selbst Arzt war. Vor 25 Jahren saß ich zum ersten Mal im Sprechzimmer meines künftigen Hausarztes. Reinhart kannte ihn vom Neuen Forum und hatte mich wegen diffuser Beschwerden avisiert. Er begrüßte mich offenherzig mit einer gewissen Neugier im Blick. Ich empfand ihn als äußerst souverän, was in mir Vertrauen weckte und mich sehr beruhigte.

Seine Hände schwebten über der Tastatur des Computers, während er ausführlich meine Anamnese erhob und mit den Fingern kaum wahrnehmbar die Tasten anschlug. Einige Untersuchungen, Überweisungen zu Fachkollegen, bei denen er sofort fernmündlich Termine für mich machte. Ein Anruf beim Sanitätshaus, ob es nicht eine Hebehilfe für unseren schwerstbehinderten Sohn gäbe, die die Pflege erleichtern würde. Als Mann der Tat mit erfahrenem Arztblick bezeichnete Reinhart ihn immer. Dann schwenkte das Gespräch ins Private, was mich meine Sorgen vergessen ließ. Grüße an Reinhart und auf Wiedersehen bis zum Ergebnis der nun anstehenden Untersuchungen, die vorerst eine gut behandelbare Diagnose bringen sollten.

Über die Jahre tauchte ich immer wieder mit unterschiedlichsten Leiden in seiner Praxis auf. Wir lernten uns kennen, denn auch er erzählte jedes Mal ein wenig mehr von sich. Er schrieb gerne, hielt Zeitgeschehen fest und Patientengeschichten. Seine unerschöpfliche Phantasie brachte allerliebste Märchen hervor. Für seine Kinder und Enkelkinder, die selbst darin vorkamen.

2014 fotografierte ich die Vorstellung seines Buches „Atemlos“ im Kleist-Museum,

2017 begleitete ich das Verfassen seiner 95 Thesen für Frankfurt, die er zum Reformationsjubiläum an die Eingangstür des Rathauses „schlug“. Am frühen Morgen des 31. Oktober rief er mich an und berichtete von der „Tat“. Ob ich mit ihm zum Ort des Geschehens käme, um alles zu fotografieren? – Natürlich!

Dass die Verantwortlichen der Stadt seine über mehr als ein Jahr erarbeiteten Gedanken sang- und klanglos entfernen ließen, brachte ihn in ein Tief. War er doch einst ein gefeierter Star der Stadt, der am 1. November 1989 eine mutige, umjubelte Rede auf dem Frankfurter Brunnenplatz hielt, aus der ein prägnanter Satz auf den Treppenstufen dieses Platzes verewigt ist. „Wir brauchen eine vollkommene Demokratisierung, Reisefreiheit, Rede- und Pressefreiheit…“
Ich antwortete ihm per Mail mit einem Zitat aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 7, Vers 6). Übrigens, als ich ihm in der letzten Woche erzählte, dass sich seine Thesen noch in meinem Fundus befinden, freute er sich.

Bei einem turnusmäßigen Termin in seiner Sprechstunde hatte er überraschend zwei Dinge für mich vorbereitet: Er schenkte mir eine Broschüre des Kleist-Museums, in der Kleists großer Bekenntnisbrief an Adolphine von Werdeck (geb. von Klitzing) geschrieben stand.

Kulturstiftung: https://share.google/1JpIHjM2OChwk8yYN

Außerdem wartete er mit einem Zitat von Lukrez über Ahnen und Wissen auf. „Das liest du bitte beides und schreibst mir etwas dazu.“ Ich war erstaunt und freute mich, dass eine Persönlichkeit wie er an Gedanken von mir interessiert war. Er gab mir das Gefühl von Zutrauen. So etwas stärkt, setzt Kräfte frei und heilt. Ich befasste mich intensiv mit der Aufgabe und merkte, wieviel Spaß mir das Auslegen des Textes und das Formulieren eigener Gedanken dazu machte. Hatte er das geahnt?

So begann also unser Austausch. Wir schickten uns Gedanken und Geschichten hin und her. Seine Schriften trafen meistens folgendermaßen bei mir ein: „Würdest du bitte befunden? Du kannst auch streichen und verbessern.“ Zurück bekam er markierte Zeilen mit Korrekturvorschlägen. Ähnlich verlief es andersherum. Er berichtete mir von einem Ausflug mit seiner Fahrradtruppe, einer kleinen Gruppe, überwiegend Ärzte, die regelmäßig Landstriche in Deutschland und Anrainerstaaten erkundeten – ich schrieb ein Gedicht dazu. Ich schickte eine Geschichte, er erkannte meine Verfassung, in der ich sie geschrieben hatte und antwortete mit einem lyrischen Text. Es war ein intensiver, anregender und erfüllender, über einige Jahre anhaltender Briefwechsel, der uns beiden in verschiedensten Lebenssituationen Halt gegeben hat (bei 1200 Mails habe ich aufgehört zu zählen).
Für zwei Bilderausstellungen seines Freundes, des Malers Albrecht Wuitz, erarbeiteten wir gemeinsam die Kataloge. Ich lieferte die Fotos und die Gestaltung, er hielt die Laudatio, die wir in den Katalog einfügten.

Der bewegendste Moment aber war der 31. Mai 2018: Der Benachrichtigungston meines Smartphones meldete das Eintreffen seiner Mail, in der es hieß: „Liebe Bettina, wie findest du das?“ Eine reichlich unspektakuläre Ankündigung für das, was folgte. Seine Familiengeschichte, die er außer seiner Familie, die sich wohl über so manche Darstellung der Vergangenheit wenig begeistert gezeigte hatte, mir offenbarte. Ein Rückblick, der mich zutiefst berührte, inhaltlich und von seiner Gabe, Worte zu finden und sie wie in einem schöpferischen Rausch zu komponieren. Über Wochen feilte er weiter daran und schickte mir immer wieder überarbeitete Versionen zum „Befunden“. Bis er auf meine Bitte hin zur ursprünglichen Version zurückkehrte, mit nur geringen Veränderungen.

Meinungsverschiedenheiten, Missverständnisse und Zeiten des Schweigens gehörten zu unserem Zusammenwirken. Ein schwerer Unfall im Juni 2022 führte dazu, dass er sich das Schreiben wieder mühselig beibringen musste. Die Lust, etwas zu Papier zu bringen, ist unverändert vorhanden. Die Fähigkeit jedoch noch nicht vollständig zurückgekehrt.

Heute sehen wir uns selten. Den fehlenden Austausch bedauere ich außerordentlich. Alles hat seine Zeit.

In einer schweren Lebensphase, in der ich mich selbst zeitweise verlor, lernte ich durch sein Zutrauen und dadurch, dass er mich wie selbstverständlich in seine Ideen- und Gedankenwelt hinein nahm, meine Krise anzunehmen. Ich habe ein anderes Selbstverständnis von mir gewonnen. Es tat gut, dass in ganz anderer Weise auf mich Wert gelegt wurde, als ich es gewohnt war. Durch die Beschäftigung mit einer neuen Gedankenwelt, das Denken und Recherchieren, um einen Text zu schreiben, fand ich zu einer neuen Lebendigkeit. Geht es mir nicht so gut, erinnere ich mich daran, dass er einmal zu mir sagte: „Du bist viel stärker als du denkst.“
Wenn wir uns nur noch zufällig treffen und dann unterhalten, ist es, als hätten wir uns am vergangenen Tag erst verabschiedet.

Zum Schluss ein Zitat, das das anfangs gezeigte Bild aufnimmt:

Aus: Das Prinzip Hoffnung des letzten Gadamer
von Jean Grondin

Jedes Kunstwerk, sagt Gadamer mit Rilke, richtet an mich die Aufforderung:

„Du musst Dein Leben ändern!“

Darin liegt das Rätsel, das Wunder und die Wahrheit der Kunst. Sie verwandelt in ein dauerhaftes Gebilde eine Lebenshoffnung, eine bewahrens- und beherzigenswerte Welterfahrung, die wie ein Unterpfand des Möglichen ist.

Bettina Zarneckow

Wenn das Herz will, was es will

Gedanken - eingehegt, bitter bedrängt,
sie kreisen im Rinnen der Zeit.
In immer gleiche Muster gezwängt,
stirbt schleichend Lebendigkeit.

Jedes Wollen wird schal, seine Kraft unterliegt,
jedes Sinnen wird brüchig und vage.
Türmende Last die Seele trübt.
Grau scheinen kommende Tage.

Traurigkeit wird hinter Masken verborgen,
Ungesagtes schweigt still.
Ewiges Echo der eigenen Sorgen,
obwohl das Herz ausgehen will.

Doch stark ist der Mensch, du musst nicht verzagen!
Gib Unvermeidlichem Sinn.
Dann wird die scheinbare Grenze des Lebens
auf einmal ein Neubeginn.

Bettina Zarneckow

Was im Leben trägt…

Der Wunsch, die Zeit zurückzudrehen,
um einem Übel zu entgehen,
ist sicher dann nur von Geschick,
geht's just um einen Augenblick.
Hat sich gebahnt, was dich ereilte,
schon zeitenlang im Köcher weilte,
die Windsee, ordentlich gebläht,
sich plötzlich über dir entlädt.-
Dann heißt es Gleichmut zu bewahren, 
ausweichend heftigem Gebaren,
zu retten, was zu retten ist,
wenn du der Freund vom Freunde bist.
Doch eh' die Brandung sich entleert, 
der Scherbenberg zusammengekehrt,
weißt du die Freundschaft unberührt,
wie heftig sie auch anvisiert.
Die Gischt zersprüht am Uferstein,
der Sturmwind stellt sein Tosen ein.
Das Meer mit stiller Kraft erhält,
was Leben trägt in dieser Welt.

Bettina Zarneckow

Novemberliebe

Am Meeresufer fern der Zeit 
in traumumspülter Wirklichkeit -
die Welt verzaubern graue Nebel,
die Sehnsucht setzt ihr größtes Segel.
Verloren auf vertrauten Wegen
wirst du all jenen dort begegnen,
die zärtlich dir dein Herz bewegen,
im Dasein und gelebtem Leben.
Stille kehret in dir ein, 
der Geist taucht ein in klarstes Sein.
Und hier an deines Lebens Wiege
erkennst du allen Grund - die Liebe.

Bettina Zarneckow

Binz im November 2024

Hört auf mit der Heuchelei – zur Beendigung des Krieges klare Forderungen an Russland und die Ukraine auf den Tisch

Da gibt es nach einer heutigen Erklärung des ukrainischen Botschafters Melnyk defätistische Pseudointellektuelle wie den Philosophen Precht, der mit Seinesgleichen zum sofortigen Waffenstillstand im Ukrainekrieg aufruft. Vom Aufruf habe ich gehört, gelesen habe ich ihn zwar noch nicht. Ich rechne mich dennoch schon jetzt zu den Defätisten.

Da gibt es die Grünen, die SPD und die CDU/CSU, die der Ukraine Geld und Waffen liefern und sie neben vielen Sanktionen mit einem Gasembargo quasi unbegrenzt weiterhin unterstützen wollen. Zumindest solange, bis die Ukraine aus eigener Entscheidung bereit ist, in Verhandlungen mit dem Aggressor Russland zur Beendigung des Krieges zu treten.

Ich stelle mir das so vor: Das Parlament der Ukraine (die Rada) und der ukrainische Präsident wissen, dass Europa und die USA den Verbündeten Ukraine finanziell, mit Waffen und Sanktionen auf Dauer unterstützen werden. Bis die Ukraine souverän entschieden hat, in Verhandlungen mit Russland zur Beendigung des Krieges zu treten. Die scheinbar bedingungslose Unterstützung – Militär will die NATO nicht einsetzen – ist auch glaubhaft, weil schon seit längerer Zeit und immer mehr geliefert wird. Überdies sagt Europa/Deutschland den Wiederaufbau der Ukraine zu. Und da soll die Ukraine aufgeben? Wäre das nicht Defätismus?

Ich bin davon überzeugt, dass der tapfere ukrainische Präsident Selensky das Leben seiner Ukrainer schützen und das Beste für sein Land will. Er will vielleicht immer noch und sogar unverzüglich verhandeln. Kann er das aber überhaupt ?

Wie soll angesichts einer bedingungslosen umfangreichen Unterstützung aus den USA und Deutschland/Europa der beredte Präsident die Rada, die ausgehungerte Wirtschaft, die gierigen Oligarchen, die tapfere Armee und seine schwer geprüften Ukrainer mit den vielen Verlusten an Leib und Leben, ja sich selbst davon überzeugen, im Rahmen einer Verständigung auf nur einen Quadratmeter Land zu verzichten? Ohne als Defätist dazustehen, wie es schon jetzt Herr Melnyk bei Herrn Precht und Konsorten exerziert. Was wird Herr Melnyk seinem Präsidenten antun?

Hier beginnt aber auch die Heuchelei der westlichen Politiker mit Herrn Biden, Herrn Macron und Herrn Scholz an der Spitze. Sie wissen genau, dass der ukrainische Präsident vor der ukrainischen Öffentlichkeit mit Putins Russland einen Verständigungsfrieden – beispielsweise unter Abgabe der Krim – von sich aus nicht mehr vorschlagen und riskieren kann.

Wird das Ende des Krieges in der Ukraine mit einer Atommacht von Herrn Biden also überhaupt gewollt? Oder geht es um eine „Ermattung“ der Russen? Der USA-Experte Prof. Hacke hat das zuletzt in der Sendung Maischberger kritisch zum Thema gemacht, unsicher beäugt von Frau Maischberger. „Die USA bekämpfen Russland bis zum letzten Ukrainer“, zitiert der Journalist Küppersbusch einen amerikanischen Journalisten in der gleichen Sendung und überzeichnet so hoffentlich die wahre Lage der Ukrainer um einiges. Jedenfalls kann sich so Vietnam oder Afghanistan mit vielen toten Amerikanern nicht wiederholen, „denkt der Präsident“.

Glauben wir an das Gute im Menschen.

Deshalb fordere ich folgende Forderung an Kiew aus Berlin und erinnere den Bundeskanzler an seinen Amtseid:

Die Ukraine muss verhandeln und Verluste für die Beendigung des mörderischen und von Russland ausgegangenen Krieges akzeptieren, wenn sie weiter unterstützt werden will:

Verlust der Krim, eine neutrale Ukraine, keine Zugehörigkeit zur NATO.

Oder anders gesagt, die Ukraine ist souverän und kann entscheiden wie sie will – dann aber ohne Unterstützung und Anreize zum Durchhalten von außen.

Ich sehe keinen Grund dafür, dass meine Kinder, nein alle Deutschen leiden und sich Sorgen machen müssen, weil die Ukrainer nicht auf etwas verzichten wollen oder sollen, was de facto aus vielen Gründen – eine zweite lange Geschichte – schon 2014 verloren gegangen ist.

Reinhart Zarneckow

P.S. Wenn die NATO heute eine zweite Eiszeit – Demokratie gegen Autokratie – ausruft, wird sie die Bürger, die wegen der Erwärmung des Planeten durch CO2 in großer Sorge sind, damit auch nicht beruhigen.

Unerwünscht

Ein Mensch geht seinen Weg durchs Leben, 
mit Koffern, herzbefüllt. 
Sein Wunsch, den Reichtum zu verschenken, 
bleibt gänzlich unerfüllt. 

Wer mag schon derart viel Gefühl? 
Wie soll man's deponieren? 
Deshalb verschließt er sein Gepäck. 
Er würde doch erfrieren. 

Man fand ihn still auf einer Bank, 
die Koffer fest umschlungen. 
Kein Wort kam mehr aus seinem Mund. 
Sein Wünschen war verklungen. 

Bettina Zarneckow 

Mit diesem Gedicht, das ich in Anlehnung an seine Gedichtreihe „Ein Mensch“ geschrieben habe, möchte ich an Eugen Roth erinnern. Und diejenigen, die ihn nicht kennen, auf ihn aufmerksam machen.

„Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon, der in München wohnt.“ Eugen Roth (1895-1976, deutscher Lyriker)

wurde ebendort geboren und lebte zeitlebens in der Stadt. Seine Gedichte und Geschichten habe ich vor vielen Jahren entdeckt, als ich eine nicht ganz einfache Zeit in meinem Leben durchstehen musste.

„Er war der Mann fürs Heitere, das er – wie kein Zweiter – im Ernst des Lebens fand.“ (Deutschlandfunk 24.01.2020). Seine Überzeugung war, dass aller Humor auf einer Grundtrauer beruht. Aber auch ernste Texte zählen zu dem, was er uns hinterlassen hat. In Zeiten, die wir gerade erleben, können Lebensweisheiten aus seiner Feder tröstende Ablenkung von bedrückenden Nachrichten des Alltags sein. Seine scheinbar leichten Verse haben einen wohltuenden Tiefgang. So empfinde ich es.

„Ein Mensch vergesse eines nicht: auch Unwägbares hat Gewicht!“ Eugen Roth

Bücher von Eugen Roth: „Ein Mensch“, „Sämtliche Menschen“, „Mensch und Unmensch“, „Mir geht’s schon besser, Herr Professor“

Eigenliebe

– oder nichts ist gemeint, so wie es scheint – eine Lebenserfahrung

Manchmal lassen einen Dinge nicht los, die der Vergangenheit angehören. Mir hilft, sie aufzuschreiben, um sie ablegen zu können. Archivieren bringt Ordnung und hilft beim Bewahren. Nicht alles sollte man vergessen. Nicht alles möchte man vergessen. Erfahrungen machen das Leben aus und sind hilfreiche Geländer. (siehe meine „Erinnerungen“ 08/2020, hier im Blog) Mit klarem Blick zurück habe ich Folgendes aufgeschrieben. Besser zu verstehen ist es wohl für denjenigen, der Ähnliches erlebt hat.

Wenn ohne Grund ein Herz dir weicht, 
ganz einfach deine Segel streicht,
nach guten, kreativen Zeiten, 
dann lohnt es nicht darum zu streiten. 

Wer unstet strebt - sucht nur Gewinn -
und so verpasst des Lebens Sinn,
dem weine keine Träne nach.
Sein Stachel schon zu oft dich stach. 

Am Weg zu seinem Paradies,
er manchen achtlos stehen ließ; 
ihn obendrein um Rat noch fragte,
sich seelisch reichlich an ihm labte.

                    _________

Es braucht Distanz für klare Sicht,
denn Nähe schützt vor Torheit nicht. 

                    _________

…

Sein Schicksal, wie ein Déjà vu, 
spielt stets die gleiche Melodie. 
Mal himmelhoch, dann tief betrübt, 
zu oft sehr hart darin geübt.

Dabei war er einst hoffnungsfroh, 
dann kam sein Warten auf Godot...

Fortan lebt er in Gegensätzen, 
womöglich will er nicht verletzen. 
Nur hat er oftmals keine Wahl, 
sonst wird er selbst zu seiner Qual. 
 
Bedrückt durch egomanes Treiben, 
ist es von Vorteil fern zu bleiben. 
Grad noch erkannt, wenn auch geschunden,
half Abstand trefflich beim Gesunden.

Dem armen Tropf hab ich vergeben. 
Er muss mit seinem Fatum leben.
Ich hörte zu, hab mitgetragen,
doch das ist Schnee aus fernen Tagen.

Bettina Zarneckow

„Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt!“ Paul Gerhardt