Zwei Seiten einer Medaille

Wer zuhört übernimmt Verantwortung

Hörst du mir überhaupt zu, habe ich neulich beim Einkaufen einen älteren Herrn zu seiner Frau sagen hören. Ihre Antwort, während ihre Blicke über Nudeln, Reis und Dosenwaren schweiften: „Immer mal wieder.“

Ist das Zuhören wirklich die wesentliche Voraussetzung für das Zusammenleben der Menschen?
Man hört das regelmäßig und kann es allerhand Geschriebenem entnehmen. Aber ohne ein Wort, ein erwiderndes Zeichen, ein Echo, dass das Gehörte aufgenommen und verstanden wurde? Gehört nicht beides untrennbar zusammen? Zuhören und antworten?
Außerdem – wenn kein Wort fällt, wenn nicht gesprochen wird, worauf soll man dann hören?

In einem Zeitungsartikel über das Zuhören las ich vom Guardian of the Golden Gate, einem Beamten der California Highway Patrol. Kevin Briggs sprach Menschen an, die sich am Rande der Brücke befanden, oft schon außerhalb des Geländers. Er stellte ihnen Fragen und hörte zu, übernahm Verantwortung und entwickelte eine Beziehung. So rettete er mehr als zweihundert Menschen das Leben.

Im Erzählen, der Gewissheit gehört zu werden, im Annehmen der Fragen und im Reflektieren der Antworten, kann ein Raum entstehen, in dem das Leben denkbar wird.



Bei dem Psychoanalytiker Erich Fromm ist das Zuhören sogar eine Dimension der Liebe. Sie ist für ihn kein Gefühl allein, sondern Fähigkeit, den anderen wahrzunehmen, Interesse zu entwickeln, sich innerlich einzulassen und sich selbst dabei zurücknehmen zu können.
Wie es der Guardian of the Golden Gate getan hat.
Zum Einlassen gehört aber auch Resonanz und wenn es nur ein Augenkontakt, ein sagender Blick ist.

Der Philosoph Hans Blumenberg sagt, dass der Mensch erzählt, um die Welt auszuhalten. Er erfindet Metaphern für das Unsagbare in der übermächtigen Wirklichkeit, die der Mensch nur in begrenztem Maße ertragen kann.

„Inmitten der Stürme meines Lebens tröstet mich die Zuversicht, dass Du mich auf der Schiffsplanke deiner Gebete über Wasser hältst.“ Papst Gregor der Große an seinen Bischof Johannes von Ravenna

Dabei ist er selbst sein erster Zuhörer und könnte es auch bleiben. Aber im Widerhall eines anderen gewinnt die Metapher. Sie kann mit der Zustimmung eines Zuhörers tröstlich bestätigt oder verwandelt werden.

A: „Gut Ding will Weile haben."
B: "Du hast Recht. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut."

A: "Die Wellen schlagen hoch."
B: "Die See glättet sich auch wieder."


Zuhören und Antworten in Ausgewogenheit finden wir im Zwiegespräch. Friedrich Nietzsche bezeichnet es in „Die fröhliche Wissenschaft“ als vollkommenes Gespräch und zählt es zu den angenehmsten Dingen der Welt.

„Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“
Jakobus 1:22

Ein Gespräch in der Begegnung zweier Menschen kann eine besondere Lebendigkeit, Schönheit und Menschlichkeit entfalten.
Zwischen ihnen entsteht etwas im Moment des gegenseitigen Ansprechens und Angesprochenwerdens, das keiner von beiden allein hervorbringt und es vergeht, wenn sie auseinandergehen.
Diese Stimmung hat sich mir eingeprägt und ich empfinde sie bei jedem Erinnern. Hat man einmal eine solche Erfahrung gemacht, wünscht man sich eine Wiederbegegnung.
Ob das Gespräch dann ein gutes wird, das steht auf einem anderen Blatt.
Das entscheidet vielleicht, wie beim vorangegangenen, die Gunst des Augenblicks.

Bettina Zarneckow

Heimatbrief

Als Reinhart und ich uns vor einigen Tagen mit Heidi und Rolf über „Heimat“ unterhielten, habe ich mich an meinen Heimatbrief erinnert, verfasst im März 2019.

1904 kamen meine Urgroßeltern aus Baudach in der Neumark nach Frankfurt an der Oder. Baudach liegt etwa 50 km von Frankfurt entfernt.

Frankfurt ist die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin.
Ein Gefühl für Heimat entsteht für mich schon, wenn ich an unseren Schrebergarten in der Birnbaumsmühle denke. Meine Eltern haben ihn im selben Jahr bekommen wie mich.
Auch die Heimkehrsiedlung ist ein glücklicher Ort meiner Kindheit. Viele wunderschöne Wochen, vorwiegend in den Ferien, haben meine Schwester und ich bei Tante Lissi, einer Cousine meiner Mutter, verbracht. Sie und Onkel Schorsch hatten einen Garten hergerichtet, wie ich ihn vorher nicht kannte und auch nie wieder gefunden habe. Einen Ort voller Leichtigkeit und Unbeschwertheit, mit Freude und Glück. Ein kleines, nein vielmehr großes Idyll, umgeben von schützenden Mauern. Viele Beete und Wege, Bäume, Beerensträucher, Zuckerschoten und vor allem Blumen. Löwenmäulchen sind lieblich in meiner Erinnerung verankert. Ein großes Beet voller Gladiolen. Bunt und elegant. Mit ihrem Collie Dixi, der mir immer so groß erschien, wie ich es war, machten wir abenteuerlich anmutende Spaziergänge. Nach mühsam überwundener Angst hatte ich Dixi in mein Herz geschlossen.

Heimat ist auch die Zillestraße, auf der Nachbarskinder, Schulfreunde meine Schwester und ich rollschuh-, gleitschuh-, fahrradfahrend, ballspielend und gummihopsehüpfend jeden Quadratmeter vermessen haben.
Das Kino der Freundschaft in der Friedrich-Ebert-Straße zählt dazu, ebenso das Lichtspieltheater der Jugend inmitten der Stadt. Der Topfmarkt, wenn er zum Rummelplatz wurde. Die Volksschwimmhalle, in der ich das Schwimmen lernte, das Stadion der Freundschaft, in das ich mit den Jungs meiner Klasse ging, um den FC Vorwärts spielen zu sehen.

Natürlich unser Haus, das Haus meiner Großeltern, mit unserer Wohnung, unserem Hof, auf dem wir zu jeder Jahreszeit spielten, den alten Birnbaum abernteten, die wohlbehüteten Autos und Mopeds putzten, auf die Klopfstange gehängte Teppiche ausklopften, die frisch gewaschene Wäsche mit Wäschestützen in den Wind hoben, so dass sie ordentlich flatterte.

Auch oder gerade der Friedhof gehört zu meiner Heimat. Schon zu einer Zeit, als meine Schwester und ich noch Kinder waren. Mir hat sich folgendes Bild eingeprägt: Meine Großmutter, meine Mutter, meine Schwester und ich gehen am Wochenende in Sonntagskleidung zu den Gräbern unserer Familie. Oft erzählte meine Großmutter Geschichten über diejenigen, die wir dort besuchten. Über meinen Großvater immer dieselbe. Er weigerte sich stets, mit auf den Friedhof zu gehen. Dort läge er noch lange genug. (Übrigens erzähle ich diese Geschichte heute meinen Kindern auf dem Weg zu unseren Gräbern.)
Mein Vater bereitet derweil das Sonntagsessen zu. Auch Heimat! Ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit.
Es ist eine wohlige, Geborgenheit gebende, sanfte und schöne Erinnerung an sonnenhelle Tage. Selten stelle ich mir Wintertage oder Regentage vor.

Genau dieses Gefühl habe ich auch, wenn ich etwas aufschreibe, Begebenheiten und Erinnerungen. Wenn ich einen Gedanken gefunden habe, der mir wichtig scheint. Oder wenn ich versuche, auf Briefe von Freunden zu reagieren.
Immer ist etwas in ihren Texten, das bei mir wie der Sprachblitz im Sinne von Hans-Georg Gadamer wirkt, plötzlich mein Gedächtnis erhellt, eine Gedankenverknüpfung herstellt, die ich mit Worten meiner Muttersprache beschreiben und wiedergeben möchte. Auch das ist für mich Heimat, mit einem Freund „in Resonanz“ zu treten in einer Sprache, in der wir beide zuhause sind.

„Was wäre das Denken ohne die Briefe an Freunde?“ Hannah Arendt

Hegel soll gesagt haben: „Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss.“
Ein Freund sagte einmal mit einem Seitenblick zu mir: „Heimat ist dort, wo man sich erklären kann.“

All das erfüllt mich also und gibt mir das Gefühl eines schönen Tages meiner Kindheit.
Warum eigentlich Kindheit? Blickt man immer zurück, wenn es um Heimat geht?
Schelling nannte Heimat etwas Unvordenkliches.

Man kann vielleicht nicht sagen, wann das Gefühl für Heimat einsetzt. Ich spüre nur, dass aus der Zeit, die hinter mir liegt, vieles auf ein vorhandenes, immer dagewesenes trauliches Gefühl aufbaut, das mir das Bewusstsein für Heimat gibt.

Bettina Zarneckow

Im Nebelmeer

von Bettina Zarneckow


Wie wär' es, wenn ich dich verlier? -
Doch, warst Du jemals mein?-
Wenn ich die Sehnsucht nicht mehr spür',
wie fänd ich wieder heim?
Wie wär's, wenn all mein Denken schwänd, 
an dich und deine Welt?
Wenn alles Wünschen, dich zu seh'n,
herzunerfüllt zerschellt?
Weil mein Verlangen nach Gefühl 
in Nebelwolken schweigt -
weil dein Verlangen hin zu mir
im Ungesagten bleibt.
Wie wär's ...



Unerwünscht

Ein Mensch geht seinen Weg durchs Leben, 
mit Koffern, herzbefüllt. 
Sein Wunsch, den Reichtum zu verschenken, 
bleibt gänzlich unerfüllt. 

Wer mag schon derart viel Gefühl? 
Wie soll man's deponieren? 
Deshalb verschließt er sein Gepäck. 
Er würde doch erfrieren. 

Man fand ihn still auf einer Bank, 
die Koffer fest umschlungen. 
Kein Wort kam mehr aus seinem Mund. 
Sein Wünschen war verklungen. 

Bettina Zarneckow 

Mit diesem Gedicht, das ich in Anlehnung an seine Gedichtreihe „Ein Mensch“ geschrieben habe, möchte ich an Eugen Roth erinnern. Und diejenigen, die ihn nicht kennen, auf ihn aufmerksam machen.

„Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon, der in München wohnt.“ Eugen Roth (1895-1976, deutscher Lyriker)

wurde ebendort geboren und lebte zeitlebens in der Stadt. Seine Gedichte und Geschichten habe ich vor vielen Jahren entdeckt, als ich eine nicht ganz einfache Zeit in meinem Leben durchstehen musste.

„Er war der Mann fürs Heitere, das er – wie kein Zweiter – im Ernst des Lebens fand.“ (Deutschlandfunk 24.01.2020). Seine Überzeugung war, dass aller Humor auf einer Grundtrauer beruht. Aber auch ernste Texte zählen zu dem, was er uns hinterlassen hat. In Zeiten, die wir gerade erleben, können Lebensweisheiten aus seiner Feder tröstende Ablenkung von bedrückenden Nachrichten des Alltags sein. Seine scheinbar leichten Verse haben einen wohltuenden Tiefgang. So empfinde ich es.

„Ein Mensch vergesse eines nicht: auch Unwägbares hat Gewicht!“ Eugen Roth

Bücher von Eugen Roth: „Ein Mensch“, „Sämtliche Menschen“, „Mensch und Unmensch“, „Mir geht’s schon besser, Herr Professor“