Was (uns) bleibt

In einer Zeit, in der in Betracht gezogen wird, DDR-Geschichte aus dem Lehrplan zu streichen, will ich noch schnell ein paar Erinnerungen aus der „Froschperspektive“ festhalten.

Gegen das Bildungssystem der DDR habe ich heute nichts mehr einzuwenden.
Es gab eine verlässliche, solide Grundbildung von gutem Niveau, republikweit einheitlich.
Das Bewertungssystem war auch für Eltern verständlich, einschließlich der sogenannten Kopfnoten – Betragen, Fleiß, Ordnung, Mitarbeit -, die für mich zu Unrecht umstritten sind. Eine schriftliche Beurteilung gab es zum Schuljahresende noch dazu.

Was aber die Fächer Staatsbürgerkunde und Geschichte (teilweise auch Geographie) betraf, so wollte der SED-Staat nicht nur lehren, sondern nach seiner Ideologie das Bewusstsein formen. Dagegen waren die meisten jedoch ziemlich immun.
Man war gewöhnt, zu Hause anders zu sprechen als im öffentlichen Raum.

Mir hat der praktische Unterricht gefallen. Er begann in der Unterstufe mit dem Fach Werken.
In der Oberstufe war es das Fach PA = praktische Arbeit, was bedeutete, dass man einen Tag in der Woche in einem Produktionsbetrieb arbeitete.
Unsere Schule, die POS Franz-Mehring, hatte einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Reichsbahn und dem VEB Oderfrucht, einer Konservenfabrik.
Bei der Deutschen Reichsbahn lernte ich auch, mit einer Standbohrmaschine umzugehen. Ich weiß, was eine Senkbohrung ist und war (bin?) in der Lage, eine solche auszuführen. Am lebhaftesten erinnere ich mich aber an die Herstellung von Wrasenklappen in den Werkräumen des Kulturhauses Völkerfreundschaft, das zur Deutschen Reichsbahn gehörte. Meine Klassenkameradin Beate und ich wetteiferten stets, wer die meisten schaffen würde. Die fünf Jungs unserer Klasse ließen wir spielend hinter uns. Acht Stück war unsere Höchstleistung in einer Unterrichtseinheit. Wobei jede Klappe funktionstüchtig sein und den Augen des Lehrmeisters standhalten musste.


Das „Kaufhaus Freizeit“ in Frankfurt bot verschiedenste Waren an, vom FDJ-Hemd, der Toilettenbrille, der Taucherbrille über elektrische Autobahnen (wenn es sie denn gab) bis hin zu „unseren“ Flachverbindern und Winkeln aus Metall mit Senkbohrung (!) und eben Wrasenklappen, die ich ganz stolz meinen Eltern zeigte, als wir dort einkauften und erstaunt feststellten, dass sie zum Kauf angeboten wurden. Vielleicht war ja auch eine von mir gefertigte dabei.

Nach den Abschlussprüfungen der 10. Klasse mussten alle Absolventen eine Woche im VEB-Oderfrucht zum Erdbeerenentkelchen antreten. Alle, bis auf einen. Die Schulsekretärin hatte sich eine Hilfskraft erbeten. Der heiß begehrte Posten, im Vergleich zur Fließbandarbeit in der Konservenfabrik, fiel mir zu. Das hatte ich der Fürsprache unseres Klassenlehrers zu verdanken.

Anfangs arbeitete ich unter Anleitung. Zunehmend nahm sich die Sekretärin aber Freiheiten und ließ mich allein. Auch für ein Tête-à-Tête, wie sie mir einmal verschmitzt erzählte.
Ich war für das Telefon zuständig, für das Abschreiben und Aushängen der Vertretungspläne und sogar für das Kaffeekochen bei einer Lehrerkonferenz. Schüler holten sich von mir Tafelkreide. Lehrer, überrascht mich im Vorzimmer des Direktors zu treffen, blieben für eine kurze Unterhaltung. Nun auf einer anderen Ebene, so empfand ich es. Die Prüfungen hatte ich hinter mir, die Noten standen fest. Das bis dahin bestehende Lehrer-Schüler-Verhältnis schien verändert, eher vertraulicher. Jedenfalls fühlte ich mich gut. Dem Schülerdasein fast entwachsen, dem Erwachsenwerden auf der Spur.

Dem Erwachsenwerden, das vier Jahre später in einer anderen politischen Ordnung weitergehen sollte. Aus einem Land heraus, das es heute nicht mehr gibt, dessen Menschen aber immer noch da sind. Menschen, die in einer oft ungerechten und falschen Gesellschaft, dennoch ein richtiges Leben geführt haben.

Ganz naiv hatte ich eigentlich gedacht, dass alles Vergangene irgendwann in die Geschichtsbücher eingeht und damit Bestandteil des Unterrichtsstoffs wird.

Sollen nun 40 Jahre DDR herausgeschnitten werden, wie eine faulige Stelle aus einem Apfel?

Was steckt dahinter? Das schlechte Gewissen, einen Teil Deutschlands preisgegeben zu haben? Ist es nicht wissenswert, dass der Osten Deutschlands unter der Kontrolle der Sowjetunion und somit 18 Millionen Menschen Faustpfand für stabile Verhältnisse in Europa waren? Denen die Anpassung an das ihnen zugeteilte und durch eine Mauer „geschützte“ Leben in der DDR heute gerne vorgehalten wird! Dass Familien durch die Teilung Deutschlands auseinandergerissen wurden, sich Jahrzehnte nicht wiedersehen konnten, einige nie wieder? Das alles und die Ereignisse nach dem Mauerfall sollten doch nicht in Vergessenheit geraten.

Leopold von Ranke, einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts, forderte Tatsachen unparteiisch darzustellen, ohne zu richten.

In dem Artikel „Aus der Geschichte lernen?“ zitiert Christoph den Historiker Leopold von Ranke: „… zeigen, wie es eigentlich gewesen.“ (»Geschichten der romanischen und germanischen Völker«, 1824).
Folgendes Zitat von Rankes möchte ich noch hinzusetzen aus »Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber«, 1824: „Der Weg der leitenden Ideen in bedingten Forschungen ist ebenso gefährlich als reizend; wenn man einmal irrt, irrt man doppelt und dreifach; selbst das Wahre wird durch die Unterordnung unter einen Irrtum zur Unwahrheit.“

Bettina Zarneckow

Von der Oder an den Rhein…

Der leidige Wechsel des Betriebssystems meines PCs führte mich (noch vor meinem Knöchelbruch) nach Frankfurt in die Lindenstraße. Aufgrund seiner guten Bewertungen hatte ich mir den Computer-Service Hemmerling ausgesucht und war überrascht, als ich in in unserem ehemaligen Fotoladen stand.
Damals hieß die Straße Oderallee. Nur die Hausnummer ist geblieben: 21.
Den Charme unseres Fotostudios hatten die Ladenräume nicht mehr. Ich spürte eine sachliche, tüftlerische, eher ungemütliche Atmosphäre und erzählte dem Inhaber, dass ich vor 36 Jahren hier in diesem Laden gestanden habe. Von der Vorgeschichte der Räume wusste er nichts. Aber in mir kamen Erinnerungen hoch.

Am 9. November 1989 hatten wir eine unserer beliebten Brigadefeiern. Dieses Mal sogar mit Fotografen der Zeitung „Neuer Tag“, der heutigen Märkischen Oderzeitung. Der Ehemann unserer Chefin war dort Fotograf. Wir arbeiteten öfter zusammen, kannten einige Kollegen und wollten einmal gemeinsam feiern.

Was wir damals noch nicht ahnten, es war die letzte Feier. Denn schon am selben Tag sah unsere Welt und die Welt Deutschlands durch den Mauerfall vollkommen anders aus.

Für Ausflüge und Betriebsfeiern gab es den Donnerstag, den Schließtag unseres Ladens. Wir beeilten uns, Aufträge für den nächsten Tag fertig zu stellen, um anschließend Speisen und Getränke für uns und unsere Gäste vorzubereiten. Gesprächsthemen an diesem Abend waren die Montagsdemos, die es auch in unserer Stadt gab und der Frankfurter Apothekerball vom vergangenen Wochenende (4.11.1989), zu dem meine Kollegin Dani und ich zum Fotografieren bestellt waren. Auf dem Ball in der Gaststätte Beckmannstraße herrschte eine merkwürdig angespannte, zugleich durchaus fröhliche Stimmung. An welchen Tisch ich auch kam, gesprochen wurde über die Großdemonstration in Berlin auf dem Alexanderplatz am selben Tag.

Alexanderplatz-Demonstration – Wikipedia
https://share.google/SoqrsjyS9PYlEAcUw

Die Atmosphäre damals überhaupt und so auch bei diesem Ball, weckte in mir das Gefühl, als wären sich alle einer glimmenden Lunte bewusst, die unaufhaltsam einem Sprengsatz entgegen brennt.

Unsere Feier am 9.11.1989 endete zu später Stunde. Ich wunderte mich, dass bei uns zu Hause noch der Fernseher lief. „Stell dir vor“, empfing mich meine Schwester, „die Mauer ist gefallen“. Ich lachte und fragte, wem sie das weis machen wolle. Camilla erzählte, was ich verpasst hatte. Ich war sprachlos. Wir verfolgten weiter die Fernsehbilder. Es fiel schwer, das Geschehen zu begreifen und als real anzunehmen.

Am nächsten Tag konnte ich es kaum erwarten, zur Arbeit zu gehen, die Feier und die Ereignisse des vergangenen Abends auszuwerten und zu spüren, ob sich an unserem Lebensgefühl etwas geändert hätte.

Erst einmal bescherten uns die Worte von Günter Schabowski, „nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich…“, viel Arbeit.

Einige Minuten vor Öffnung um 9.00 Uhr gingen wir gewöhnlich in den Laden, der zwei Häuser von unserer Werkstatt entfernt war. Selten standen zu dieser Zeit schon Leute vor der Tür. Am 10. November 1989 war alles anders. Wir erschraken, als wir sahen, was für eine riesige Schlange an Menschen sich bereits gebildet hatte. Noch blieben die Wartenden geduldig. Schlangestehen war ja Volkssport in der DDR. Aber der Westen mit seinen Möglichkeiten drängte! Den ganzen Tag über wollte der Ansturm nicht enden. Ausnahmezustand – Passbilder für Reisedokumente waren gefragt.

Wir arbeiteten immer zu zweit im Laden. Einer an der Kasse, der andere fotografierte im Atelier. Es ging an unsere Kräfte und unsere Studioblitzanlage lief heiß. Wir mussten sie hin und wieder für kurze Zeit ausschalten.

Kurz vor Ladenschluss um 18.00 Uhr baten wir, dass sich bitte niemand mehr anstellen solle. Vergeblich. Weit nach 18.00 Uhr sahen wir uns gezwungen, die Tür abzuschließen. Lauter, wütender Protest. Schließlich wurde unser Atelier durch den Hintereingang gestürmt. Es war beängstigend. Energische Rufe nach dem Kundenbuch (*1) wurden laut. Ich griff danach, warf es in die Menge und konnte dann sogar die Tür verschließen. Wie lange wir ausharren mussten, bis wir Feierabend machen konnten, weiß ich nicht mehr. Irgendwann zog auch der letzte Kunde ab.

Am nächsten Tag wurden beinahe alle Arbeiten zurückgestellt, weil fast die gesamte Fotoabteilung mit dem Entwickeln und Schneiden von Passbildern beschäftigt war. Sie wurden immer zum nächsten Tag fertig gemacht. Das wollten wir beibehalten, obwohl sich nebenan im Atelier schon wieder ähnliche Szenen wie am Vortrag abspielten. Wer in der Dunkelkammer für die Passbilder verantwortlich war, hatte eine stupide Arbeit zu erledigen und zum Feierabend Blasen an den Händen.

Jedes Bild musste am MD Kopierer einzeln belichtet werden.
Dazu wurde die Klappe des Kopierers geöffnet, das Negativ eingelegt, mit einer Maske der Ausschnitt gewählt, Fotopapier aufgelegt und die Klappe solange mit Druck geschlossen gehalten, bis die vorgewählte Belichtungszeit abgelaufen war. Hatte der Kunde vier Passbilder bestellt, wurde der Vorgang weitere dreimal wiederholt, bei acht Stück dementsprechend öfter.

Wieviel Passbilder wir in den Tagen nach dem Mauerfall auf diese Weise herstellten, kann ich nicht genau sagen, es waren tausende.

Einige Tage vergingen, bis sich der normale Atelierbetrieb wieder eingestellt hatte. In unseren Entwicklerbädern schwammen erste Fotos mit Motiven Westdeutschlands – dem Heidepark in Soltau, der Drosselgasse in Rüdesheim, dem Bodensee mit der Blumenwelt der Mainau, Schloss Neuschwanstein, den Bremer Stadtmusikanten. Aber auch das Ausland, Paris mit dem Eiffelturm und Amsterdam mit seinen Grachten, war dabei.
Die Menschen der DDR schwärmten aus, die Orte zu entdecken, von denen sie gehört und gelesen hatten, die in Gedichten und Liedern besungen wurden oder die sie aus früheren Zeiten kannten. Ganz vorn mit dabei die Loreley, die auf dem nach ihr benannten Felsen am Mittelrhein sitzt.

Nach dem Mauerfall wurde unser Mutterbetrieb, das Dienstleistungskombinat, „abgewickelt“. Unsere Chefin übernahm die Fotoabteilung und war nunmehr Unternehmerin. Von sechzehn Angestellten nahm sie vier mit. Auch mich. Für alle übrigen war das ein Schock und sie mussten sich neu orientieren, was in Anbetracht der zunehmenden Arbeitslosigkeit schwer war.

Am Abend unserer Brigadefeier hatte ein Fotograf des Neuen Tags seinem Kollegen und Freund gestanden, ihn jahrelang bespitzelt zu haben. Ein Gewissenskonflikt, der ihm zu schaffen machte und der beide an diesem Abend sehr still werden ließ.

Eine Zeitenwende? Ganz sicher. Hier passt das Wort. Für uns DDR-Deutsche jedenfalls. Erfüllte Hoffnung und offene Zukunft mit neuer Hoffnung. Ganz neue Möglichkeiten, aber auch Einschnitte, Unsicherheiten und Ängste…

Bettina Zarneckow



*1 Das Kundenbuch war in Geschäften und Gaststätten gesetzlich vorgeschrieben, um Beschwerden und Lob von Kunden zu sammeln. Es wurde von der Betriebsleitung, in besonderen Fällen sogar von der Bezirksleitung kontrolliert.

Trabi, Stau und harte Währung

Eine politische Rückschau? Nein, die möchte ich nicht halten. Auch die derzeitige Lage meines Vaterlandes möchte ich nicht betrachten, nachdem ich nun 35 Jahre Bundesbürger bin.
Nur einige Erinnerungen.

Kurz nach der Wende überschwemmten unbekannte Dinge den Osten. Auf dem Markt vor dem Frankfurter Rathaus rätselten meine Mutter und ich, was das wohl für eine exotische Kartoffelsorte sei, deren Schale so pelzig war. Die Verkäuferin klärte uns auf: Kiwis. Das Stück für eine Mark. (Das war noch vor der Währungsunion. Danach wurden unsere Ersparnisse quasi halbiert, der Stückpreis für Kiwis aber auch gesenkt.)
Nein, wir mussten nicht gleich alles probieren und gingen weiter.

Eine Arbeitskollegin war vor der Wende in den Westen ausgereist und hatte mir ihren Trabi verkauft. Mein erstes Auto. Ich hütete es wie meinen Augapfel und stattete es aus. Fell als Schonbezug, ein Kissen für die Rückbank, den Aschenbecher funktionierte ich zur Ablage um und schlug ihn mit Filz aus. Ein Bekannter meiner Mutter reparierte dies und das an meinem Auto und „motzte“ es ein wenig auf. Es machte ihm Spaß. Wo er die Ersatzteile herbekam, blieb sein Geheimnis. Wir trafen uns in seiner Garage, unterhielten uns gern und stundenlang über Autos, Fußball, Gott und die Welt. Ich saß auf seiner Werkbank, während er an meinem Auto schraubte. Ein Autoradio wollte er noch einbauen.

Das kaufte ich mir kurz nach dem Mauerfall im KaDeWe. Am Staunen über ALLES waren wir DDR Bürger sofort zu erkennen. Der Verkäufer schlug vor, ich solle das Blaupunkt Radio, das ich mir ausgesucht hatte, einige Straßen weiter in einem Geschäft kaufen, das das gleiche Radio wesentlich billiger anbieten würde. Das war für mich nicht zu verstehen. War ich doch Festpreise (EVP) gewöhnt. Wieso sollte es dieses Radio woanders preisgünstiger geben? Ich kaufte das Radio mit integriertem Kassettenteil und vier Lautsprecherboxen natürlich im KaDeWe und war glücklich über den Sound in meinem „Weggefährten“.

Das Wort Stau war meiner Mutter und mir kein Begriff. Wenige Monate nach der Wende kauften wir für meine Mutter einen roten Opel Kadett. Wir bestellten und holten ihn aus Bochum ab. Mein Cousin wohnte dort und arbeitete bei den Opelwerken. Der Wagen war natürlich mit einem Autoradio ausgestattet. Auf der Nachhausefahrt hörten wir mehrfach Staumeldungen. Hatte das für uns eine Bedeutung? Nein, wohl nicht. Erst, als der Verkehr zähflüssig wurde und wir schließlich zum Stehen kamen, begann es uns zu dämmern. Nicht nur dass die Fahrt ohnehin schon ein Abenteuer war, standen wir nun auch noch in unserem ersten „dicken“ Stau.


Nach der Wende konnte man sich kaufen, was das Herz begehrte. Man brauchte nur genügend Geld.
Damals in der DDR hatte man Geld, nur seine Wünsche konnte man damit regelmäßig nicht erfüllen. Es sei denn, man hatte Beziehungen oder startete ungewöhnliche Aktionen. Ein Bekannter wollte sein Bad neu fliesen.
Fliesen? Richtig, Mangelware. Er hatte gehört, dass am nächsten Tag beim VEB Baustoffversorgung Frankfurt (Oder) Fliesen an Privatpersonen abgegeben werden sollen. Ansich belieferte die Baustoffversorgung nur Betriebe. Das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, war vielen DDR Bürgern in Fleisch und Blut übergegangen. Also bekam der Mann von seiner Frau Stullen geschmiert, eine Thermoskanne mit heißem Tee, einen Schlafsack, eine Decke und übernachtete vor der Baustoffversorgung. Nicht allein, wie er tags darauf erzählte. Diese Idee hatten auch andere. Seine Nacht war kurz, unterhaltsam und er bekam seine Fliesen.

Verschiedene Dienstleistungen dauerten in der DDR eine halbe Ewigkeit. Fast alles wurde damals zur Reparatur gebracht. Fernseher, Tonbandgeräte, Plattenspieler, Kassettenrekorder, Schuhe, Strumpfhosen, Staubsauger, Uhren. Meine Lieblingsarbeitskollegin, eine herzliche, gepflegte und attraktive Frau, brachte ihre Armbanduhr zum Uhrmacher nebenan und bat mit einem Augenaufschlag um schnellstmögliche Reparatur. Der klein geratene, in seiner ganz eigenen Uhrenwelt lebende Uhrmacher versprach, offenbar von ihr angetan, die Fertigstellung schon zum nächsten Tag. Am folgenden Tag holte sie ihre Uhr ab. Sie bekam sie heil und poliert vom Meister zurück und zückte erfreut ihr Portemonnaie.
Wenig später fand ich sie vollkommen geknickt an ihrem Schreibtisch. „Stell dir vor, Betti“, und sie erzählte mir: „Weil ich so eitel bin, du kennst mich ja, Betti, habe ich beim Suchen nach Trinkgeld für den Uhrmacher auf meine Brille verzichtet. Ich wusste, dass ich ein Fünfmarkstück habe, fand und gab es ihm. Eben schaue ich in mein Portemonnaie und sehe, dass ich ihm fünf Westmark gegeben habe. Die Geldstücke haben doch eine ähnliche Größe.“ Das ließ sich natürlich nicht mehr rückgängig machen. Was das für ein schmerzlicher Verlust war, kann man sich heute nicht mehr vorstellen! Wenn wir uns treffen, lachen wir darüber, aber einen kleinen Stich gibt es immer noch.


Wer etwas Besonderes wollte, kaufte im Chic-Laden. Auch hier galt: wer zuerst kommt…
Ich brauchte Übergangsschuhe und versuchte mein Glück. Wunderbar, ein paar weiße Stiefel im Westernstyle. Ich fand sie todschick. Es gab sie aber nur in Größe 40 und mit einem kleinen Produktionsfehler. Egal! Meine Größe 39 wurde nicht geliefert, also nehme ich sie eine Nummer größer und trage sie mit einem paar dickeren Socken. Der Fehler, ein kleiner Riss auf dem Spann, weshalb sie wahrscheinlich nicht „nach drüben“ gegangen sind, ist zu vernachlässigen. Ab zur Kasse und 400 Mark auf den Tisch gelegt, das mehrfache meines Lehrlingsgehalts.
Wie viele Jahre ich die Stiefel getragen habe, das weiß ich nicht mehr. Die Absätze jedenfalls ließ ich mir mehrmals besohlen. Jetzt gibt es sie nur noch in meiner Erinnerung und auf Fotografien. Vieles ist eben längst Geschichte.



Bettina Zarneckow

„Trabant“ stammt aus dem Slawischen und bedeutet Begleiter oder Weggefährte.

Mein Vater

Bei meiner Geburt war mein Vater 45 Jahre alt. Er starb zwei Monate nach meinem zwanzigsten Geburtstag im Januar 1989.
Georg Herbert Johannes Biegon wurde am 10. März 1923 in der Stadt Tost in Schlesien geboren.

Ich weiß wenig aus seiner Kindheit, aber folgende Geschichte hat er uns Kindern erzählt: Seine Familie lebte von der Landwirtschaft und besaß einen Bauernhof in Tost. Zum Hof gehörte neben einem Pferdefuhrwerk auch ein Motorrad. Unerlaubt und längst nicht alt genug dafür, fuhr er mit diesem Motorrad umher, wusste aber nicht, wie er es anhalten sollte. Und so drehte er solange Runden, bis kein Benzin mehr im Tank war. Als Strafe verordnete ihm sein Vater das Knien auf getrockneten Erbsen. Im weiteren Vollzug musste er sich auf einen Stuhl setzen und abwarten, bis sich auch die letzte Erbse von seinen Knien gelöst hatte.

Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Bäcker. Für seine Pfannkuchen war er zeitlebens berühmt.
Meine Arbeitskollegen wünschten sie sich regelmäßig. Und so ließ er es sich auch nicht nehmen, sie zu jeder Brigadefeier höchstpersönlich in meiner Fotoabteilung anzuliefern.

Im 2. Weltkrieg war er Soldat bei der Kriegsmarine und sowohl in Italien – Bari und La Spezia -, als auch in Norwegen stationiert. Er erzählte immer gern aus dieser Zeit. Beim Reden wuchsen sein Eifer und seine Gestik. Er mochte die Landschaft Italiens und Norwegens und die Menschen dort, so meine Schwester, die sich an vieles besser erinnern kann.
Er sah sich wieder als jungen Mann, Anfang zwanzig, in Uniform auf einem Marineschiff vor fremden Küsten und in Häfen auf den Meeren der Welt.


Mit dem Ende des Krieges geriet er in Kriegsgefangenschaft, kam in ein kleines Dorf bei London und arbeitete in der Landwirtschaft. Auch in England hat es ihm gefallen.
Als er entlassen wurde, lag sein Heimatort Tost nicht mehr in Deutschland. So siedelte er sich nahe der deutsch/polnischen Grenze im Oderland an, lebte zunächst in Seelow und zog im April 1962 nach Rathstock, wo er schon vorher einige Jahre Bürgermeister gewesen war.

Er hatte sich das Saxophonspielen beigebracht und tingelte an den Wochenenden mit seiner Band „Die Duranos“ über die märkischen Dörfer. Sachsendorf, Dolgelin, Alt-Tucheband … Vielleicht mag ich seinetwegen das Instrument und seinen Klang so gern, dabei habe ich ihn beim Spielen auf seinem Saxophon nie erlebt.
Später kaufte er sich eine Mundharmonika der Marke „Weltmeister“ und spielte für uns zu Hause. Meist Titel seiner Lieblingssängerin Lolita.
Wann immer er Marschmusik aus Radio oder Fernseher hörte, hielt er inne, stand auf und vollzog mit den Händen taktierende Schlagfiguren, während sich die Blicke meiner Schwester und mir vielsagend trafen.

In den 50er Jahren absolvierte er eine Weiterbildung zum Verkehrsmeister. Er wurde Leiter des VEBs Kraftverkehr in Seelow. Selbst Busse durfte er fahren. Das zeigte ein grünes Samtemblem mit silbernem Bus, das er am Revers seiner Betriebsuniform trug.

1961 war er Mitgründer des Motorsportclubs Seelow und sein 1. Vorsitzender. 1963 initiierte er das erste Motocross, das bis heute jährlich stattfindet. Wann er Mitglied der SED geworden ist, weiß ich nicht.

https://www.mc-seelow.de/downloads/40-jahre-mc-seelow-ac-voll.pdf

Wenn wir später mit unserem Wartburg durchs Oderland fuhren, erzählte er jedes mal voller Stolz, wie er seinerzeit die Haltestellen der Busse festlegte.
Er führte auch die Einsatzpläne, wenn Reisebüros Busse orderten.
Beim Frankfurter Reisebüro in der Abteilung „Jugendtourist“ arbeitete Fräulein Steinecke, die aus dem elterlichen Fleischereibetrieb ausgestiegen war und beruflich einen anderen Weg gehen wollte. Sie war für die Buchungen von Bussen verantwortlich, rief deshalb häufig in Seelow beim Leiter des Kraftverkehrs an.
Eines Tages fuhr mein Vater nach Frankfurt um zu sehen, wer am anderen Ende der Leitung sprach.
1967 heirateten Georg Biegon und Rosemarie Steinecke. Mein Vater war katholisch, ließ sich dennoch mit meiner Mutter im Dom zu Fürstenwalde evangelisch trauen. Noch im selben Jahr im November wurde meine Schwester geboren. Im darauffolgenden November kam ich zur Welt.

Unsere Eltern bezogen eine Wohnung in unserem Haus in Frankfurt. Mein Vater wechselte zum VEB Kraftverkehr Frankfurt, leitete erst als Dispatcher den Taxenfuhrpark.
Später, als er aus gesundheitlichen Gründen nur noch eingeschränkt arbeiten konnte, wurde er Obmann für Ordnung und Sicherheit sowie Vertrauensperson bei Schlichtungen innerhalb des Betriebes. In „seinem“ Kraftverkehr war er beliebt. Er galt als tatkräftiger, verlässlicher und vertrauenswürdiger Kollege.

Solange es ihm gesundheitlich möglich war, spielte er in der Betriebsmannschaft Fußball. An Wochenenden fuhr oft die ganze Familie zu den Spielen.

Ein fast unumstößlicher Termin war für meinen Vater der Internationale Frühschoppen mit Werner Höfer, sonntags, 12.00 Uhr in der ARD – sein „Gottesdienst nach dem Gottesdienst“, der regelmäßig mit dem Sonntagsbraten kollidierte. Wie meine Großmutter bis ins hohe Alter, so verfolgte auch er mit großem Interesse Bundestagsdebatten.

Wir hatten einen fürsorglichen Vater. Seine Passion war das Gärtnern. Außer Süßkirschen hatten wir in unserem Garten jedes Obst und Gemüse, was in unseren Breitengraden gedeihen kann. Kartoffeln, groß wie Kinderköpfe, so der Vergleichswert unseres Vaters und davon reichlich. Er kochte, backte, weckte ein. Besorgte Brennholz, brachte uns Kindern das Holzspalten bei und wie man eine Scheitholzmiete baut.
Wie viele seiner Kriegsgeneration hatte er den Hang zur Vorratswirtschaft und sorgte sehr für seine Familie. Manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr.

Während meiner Schulzeit hat sich mein Vater im Elternaktiv engagiert. (Das Elternaktiv war eine Gruppe von Eltern, die Probleme der Schüler besprachen und Veranstaltungen und Klassenfahrten planten.)

Hardy, Bernd und Stefan, meine Klassenkameraden,
und mein Vater als Begleiter der Klassenfahrt

Er war anerkannt bei den Lehrern. Wann immer Elternbesuche bei problematischen Schülern anstanden, das waren meist Kinder aus den umliegenden Dörfern, die in rauem Familienklima aufwuchsen, baten die Klassenlehrer meiner Schwester und mir um seine Begleitung. Mein Vater tat das gern. Er sprach „die Sprache der Bauern“, hatte Talent zu deeskalieren und konnte gut vermitteln. Seine kräftige Statur und 1.85 m Körpergröße taten das Übrige.

Wie jeder Mensch, so hatte auch unser Vater Eigenheiten. Er neigte zum Jähzorn, zu übertriebener Eifersucht und Sturheit, war ein liebe- und verständnisvoller Vater, der alles für seine Töchter tat – vom Chauffieren bis zur Pflege bei Krankheit.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, ich muss 17 gewesen sein: Ich ahnte nicht, dass mein Vater noch im Garten war, als ich mich dort mit meiner „problematischen“ Verabredung für eine Radtour treffen wollte. Ich sah ein Donnerwetter auf mich zukommen. „In Dinge der Liebe mische ich mich nicht ein. Alles Reden bleibt dabei leider sinnlos und kommt gegen dieses Gefühl nicht an,“ sagte mein Vater und verschwand. Ich war verblüfft und froh über seine Reaktion, fühlte mich frei, ernst genommen, erwachsen und mochte ihn umso mehr. Bis heute denke ich gern daran zurück. Die Verabredung ist längst verblasst, seine Worte nicht!

Meine Mutter hat mich dreiundfünfzig Jahre meines Lebens begleitet. Mein Vater wesentlich weniger. Zum Tod meiner Mutter habe ich ein Gedicht geschrieben, ihre Lebensgeschichte bedacht und aufgeschrieben. Und die meines Vaters? Ich merke, wie froh es mich macht, jetzt auch über sein Leben nachgedacht und Erinnerungen aufgeschrieben zu haben, nachdem ich ihn doch einige Jahre bewusst ausgespart hatte.

Passt das nun alles zusammen? – Soldat im 2.Weltkrieg, Katholik und Genosse, Bürgermeister und Mitglied im Vorstand des Kleingartenvereins, an internationaler Politik Interessierter und Musiker, Weitgereister und in der DDR Festgesetzter? Ja, für mich passt das gut, denn es ist der Lebenslauf meines Vaters.

Bei meiner Recherche hat mir Frau Buchwald vom Archiv des Landkreises Märkisch Oderland sehr geholfen.

Bettina Zarneckow

Mein 1. Mai damals und heute

Der Ort ist immer noch der gleiche. Die Zeiten haben sich nur geändert.
Heute am 1. Mai 2025 habe ich selbst entschieden, hier, im Zentrum meiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) zu stehen.

In den 70er und 80er Jahren bin ich dort gewesen, weil es Pflicht war.
Lästige Pflicht einerseits. Ein schul- und arbeitsfreier Tag andererseits, den man nach dem Passieren der Ehrentribüne am Ende der Karl-Marx-Straße nach Herzenslust verbringen konnte. Mit ein wenig List und Mut auch schon vorher.

Die Rede ist von den Maidemonstrationen zu Zeiten der DDR, am Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse.
Als ich noch Schülerin war, mussten wir uns auf dem Schulhof vor dem Schuppen unseres Mathematik- und Werkunterrichtslehrers einfinden, der für die Ausgabe von Transparenten, Fahnen und sonstigen Winkelementen verantwortlich war. Man versuchte zu vermeiden, sich mit derlei Dingen ausstatten zu lassen. Mit der Absicht, bei günstiger Gelegenheit die Demo vorzeitig zu beenden.



Meine 18. und die danebenliegende 4. POS starteten in der August-Bebel-Straße Richtung Stadtzentrum. Hin und wieder stoppte der Zug. Andere Gruppen oder Betriebe reihten sich ein, um in genau geplanter Reihenfolge die Ehrentribüne zu passieren. Sie war bestückt mit hochrangigen Persönlichkeiten der Stadt. An der Spitze der nicht unbeliebte Oberbürgermeister Fritz Krause, dem die Stadt unter anderem den Erhalt der Marienkirche zu verdanken hat.
Von der Tribüne aus verlas unsere Schulgarten- und Zeichenlehrerin, wer alles den dort stehenden Genossen gerade zuwinkte und welche herausragenden Leistungen die Vorbeiziehenden zum Wohle des Volkes und zur Stärkung des Sozialismus vollbracht hatten.

Ja, die Werktätigen haben wirklich einiges geleistet. Wie wir heute sehr genau wissen, gingen viele unserer Produkte in verplombten LKW in den Westen. Waschmaschinen, Schreibmaschinen, Füllfederhalter, Textilien, optische Geräte und mehr, die nicht nur über Versandhäuser wie Neckermann und Otto vertrieben wurden. Uns blieb ein geringer Teil dessen und die Waren mit Mängeln. Aber das soll heute nicht mein Thema sein.

Ich erinnere mich an eine Maidemonstration, es muss 1983 gewesen sein, bei der meine Freundin und ich beschlossen hatten, den Zug frühzeitig zu verlassen. Das war natürlich verboten. Es ging gut aus, wie fast immer. Unsere Lehrer waren diesbezüglich großzügig und übersahen oftmals diese kleinen Fluchten.


Als unser Demonstrationszug von der Sophienstraße in die Halbe Stadt einbog, liefen wir beide im angrenzenden Lennépark den Berg hinunter und verharrten eine Weile ungesehen. Ganz ohne Herzklopfen ging das natürlich nicht ab. Wir ersparten uns auch nur ein Drittel der gesamten Tour, aber es war ein leichter Ungehorsam gegen die herrschende Ordnung. Das zunächst etwas unsichere Gefühl wich schnell einem Hoch- und Freiheitsgefühl. Mit dem wir dann beschwingt durch die Stadt bummelten.

Ein weiteres nicht gestattetes Entfernen vom Demonstrationszug leistete ich mir während meiner Lehrzeit.
Ich war gerade unglaublich verliebt und verabredete mich mit dem Grund dafür am Karl-Ritter-Platz. Dort hatte ich am frühen Morgen mein Moped abgestellt. Das war in den 80ern ungefährlich. Die Grenze nach Polen war geschlossen – Fahrzeuge konnte man beruhigt unbeaufsichtigt abstellen. Dann ging ich zum Treffpunkt unserer Fotoabteilung. Die Route des Maimarsches war immer dieselbe. Wir reihten uns am „Weißen Rössel“ ein. Ja, das gibt es auch in Frankfurt (Oder), nur in anderer Schreibweise.
Eingangs der Karl-Marx-Straße ließ ich meine Arbeitskollegen allein weiter ziehen und verschwand Richtung Ritterplatz. Nur wenig später eilte mir meine „Verabredung“ entgegen. Er hatte sich auch vor Ende der Demo loseisen können, und wir fuhren auf meinem Moped Richtung Oderwiesen für einen ausgedehnten Spaziergang.

Natürlich bin ich bei jeder Maidemonstration mitgelaufen. Mit meinen Klassenkameraden war es unterhaltsam und bei meinen Arbeitskollegen habe ich mich sogar wohlgefühlt.



Die Idee, die Coronaimpfung mit einer Bockwurst zu belohnen, war übrigens nicht neu. In der DDR gab es nach absolvierter Maidemo einen Gutschein für eine Bockwurst, den man auf dem sich anschließenden Volksfest einlösen konnte. Außerdem wurden am folgenden Tag am Arbeitsplatz 5 Mark Zielprämie ausgezahlt. Ob ich diese Prämie auch bekam, obwohl ich die Ziellinie nicht überschritten hatte, den Oderspaziergang vorzog, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war mir der Spaziergang wesentlich mehr wert!



36 Jahre später nehme ich wieder aktiv am Maifeiertag teil. Diesmal unterstütze ich meinen Mann am Stand der Partei, in die er vor einem Jahr eingetreten ist. Von ihm ist seine politische Meinung gefragt. Mir erzählen die Menschen aus ihrem Leben, auch wie es damals für sie war, vor mehr als 36 Jahren.

Bettina Zarneckow

Erlebtes und Versäumtes

Wenn man so viel Bestätigung für einen Artikel bekommt und bei Lesern Gedanken an ähnliche Begebenheiten auslöst, lässt man sich gerne noch einmal in längst vergangene Zeiten fallen. Natürlich kommen bei mir dabei nostalgische Gefühle auf. Darf man sie heutzutage noch zulassen? Noch dazu als jemand, der in der DDR aufgewachsen ist? Wird man nicht der Verklärung schuldig gesprochen?

Es gibt kein Privileg auf Nostalgie! Jeder Mensch hat das Recht auf Heimweh, sich auf vergangene Zeiten zurückzubesinnen, ein warmes Gefühl in sich aufsteigen zu lassen. Sich so an Kindheit und Jugend zu erinnern, Bewährungsproben, die erste Liebe – vielleicht verbunden mit einem bestimmten Lied oder einem lieb gewordenen Gegenstand, der Symbol wird für das, was nicht mehr ist.

Verbundenheit ist für mich das Stichwort. Sich zugehörig fühlen, in Bezug stehen zu etwas, zu jemandem, einer Umgebung, einer Landschaft. Und natürlich in Bezug stehen zur Vergangenheit, die mein Leben bedeutet mit allem, was dazugehört!

Es ist bekannt, dass Vorfreude nicht nur ein sehr schönes Gefühl, sondern auch der Gesundheit zuträglich ist. Nach jüngsten Studien gilt das gleiche für die Nostalgie, der man sich bedenkenlos hingeben sollte,
so der Neurowissenschaftler Prof. Tobias Esch.
Na dann los:

Ich krame in meinen Fußballalben, die ich in meiner Schulzeit geführt habe. Neben zahlreichen Postkarten und Postern westdeutscher Fußballspieler und Mannschaften finde ich Stadionhefte von Spielen, zu denen ich im Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder) gewesen bin.

Mittwoch, 15.September 1982. Gleich nach der Schule war ich mit Jungs meiner Klasse verabredet. Zusammen wollten wir zum UEFA-Pokal-Spiel FC Vorwärts Frankfurt (Oder) gegen Werder Bremen. Vorher aber zum Hotel Stadt Frankfurt, um zu sehen, ob wir die Spieler des SV Werder Bremen erwischen konnten. Ein Autogramm von Otto Rehhagel, ein Foto mit Uwe Reinders, ein Trikot von Rudi Völler oder einfach nur die Mannschaft aus dem anderen Teil Deutschlands live erleben und einen Blick auf ihren westdeutschen Bus werfen. Ein unglaublicher Andrang auf dem Platz vor dem Hotel. Fußballfans, Schaulustige und jede Menge Staatssicherheit. Akkurat gekleidete Herren, die man sofort erkannte. Sie schoben sich fragestellend durch die Massen. Was so besonders wäre an dieser Mannschaft? Warum wir hier warten würden und vor allem, was wir uns erwarteten? Ein wenig Respekt hatte ich schon vor denen, die fragten und ihrer einschüchternden Neugier.
Der Bus der Bremer traf ein. Die Mannschaft kehrte vom Training im Stadion zurück. Jubel, ohrenbetäubender Lärm. Alle drängten zum Bus. Ordner sorgten dafür, dass die Spieler durch eine abgesperrte Gasse ins Hotel kamen. Keine Chance auf ein Autogramm.
Um 17.00 Uhr war Anpfiff. Nach Hause zu gehen lohnte sich nicht mehr. Wir machten uns auf den Weg zum Stadion. Die erste Halbzeit schauten wir von unseren ungünstigen Plätzen im Stadionoval an. Zur zweiten Halbzeit beschlossen wir, auf eine am Rand befindliche etwa 2 Meter hohe Bande zu klettern, um beide Platzhälften besser zu übersehen. Das war zwar verboten, aber dieses Abenteuer wagte ich zusammen mit den Jungs.
In unbequemer Position, aber glücklich, verfolgten wir die 1:3 Niederlage der Oberligamannschaft gegen den Bundesligisten.

Im selben Jahr, genau an meinem Geburtstag, starb Leonid Breschnew. Derartige Nachrichten waren natürlich Thema der „Politinformation“.
Zu gegebenen Anlässen wurden die ersten fünf Minuten der ersten Unterrichtsstunde dazu genutzt. Diesmal nahmen wir die Nachricht sogar mit auf den Pausenhof.
Wir, eine kleine Mädchengruppe, spazierten immer untergehakt über den Hof. Ein wenig vorlaut und sicher auch wichtigtuerisch, ließ ich mich zu der Bemerkung hinreißen, dass es nun wohl nicht mehr lange dauerte, dass auch unser Staatsratsvorsitzender Erich Honecker aus Gram über den Verlust seines sozialistischen Bruders und dessen Bruderkuss das Zeitliche segnen würde.
Hui, war das gewagt?
In der nächsten Hofpause kam eine Klassenkameradin in Begleitung ihrer älteren Schwester entschiedenen Schrittes auf mich zu. Wenn ich diese oder ähnliche Bemerkungen noch einmal von mir geben würde, dann würde sie das dem Direktor melden. Mein Verhalten wäre staatsfeindlich, so die große Schwester. Das saß. So hartgesotten war ich dann doch nicht, davon unbeeindruckt zu bleiben. Ihre Einstellung konnte man den Schwestern nicht verübeln. Beide Eltern waren stramme Genossen, vom Sieg des Sozialismus mehr als überzeugt. Trotzdem mochte ich die Eltern, die die Geburtstage ihrer Tochter, zu denen ich regelmäßig eingeladen war, sehr gastlich gestalteten, immer aufrichtig freundlich und humorvoll waren.
Kurz nach der Wende starb der Vater. Den Umsturz und das Zerbrechen all seiner Ideale hat er nicht verkraftet, erzählte mir meine Klassenkameradin Jahre später.

1987 – Ein Schwenk in mein Berufsleben: Als Fotografin stand man auch im Laden. Filme annehmen, Fotos ausliefern, Kassieren, Passbilder und andere Porträts im Atelier aufnehmen. Seit einigen Monaten kam regelmäßig ein Afrikaner namens Massamba in unseren Laden. Er war von gepflegter Erscheinung, gut gekleidet, vor allem bunt. Er machte eine Ausbildung in der DDR. Bei einem Besuch, der sich als sein letzter herausstellte, fragte er in gebrochenem Deutsch nach „Chef“. Ich war allein im Laden, konnte ihn nicht verlassen und erklärte Herrn Massamba den Weg zu unserer Werkstatt, zwei Häuser weiter, in der auch das Büro unserer Chefin war.
Etwa 20 Minuten später kam sie ein wenig echauffiert, halb belustigt, halb entsetzt zu mir in den Laden. „Wen hast du mir denn da geschickt? Weißt du, was Herr Massamba wollte? Er wollte meine Zustimmung, dich mit nach Afrika nehmen zu dürfen und war dabei sehr hartnäckig. Erst einmal habe ich ihm versucht zu erklären, dass ich nicht deine Mutter bin und dass deine Eltern sicher etwas dagegen hätten. Dann gab ich ihm zu verstehen, dass wir dich brauchen und du wahrscheinlich vom Staat auch keine Ausreisegenehmigung bekommen würdest. Nein, Betti“, so wurde ich von meinen Arbeitskollegen genannt, „stell dir mal vor, du wirst dann weitergetauscht gegen eine Kuh oder ein paar Ziegen. Das geht doch nicht. Oder wolltest du mit?“ Wir mussten beide lachen, aber ein wenig beeindruckt waren wir auch.
Herr Massamba verließ die DDR mit einem Facharbeiterbrief in der Tasche, aber ohne mich.


Hier endet mein Rückblick. Ich kann aber nicht garantieren, dass es der letzte war.

Bettina Zarneckow

Tischreden im Nirwana

Am zweiten Weihnachtsfeiertag treffen wir uns traditionell zum Familienessen. Bis 2021 hat unsere Mutter uns Töchter mit Familien eingeladen. Seit 2022 ist sie nun nicht mehr dabei, aber wir führen die Tradition im Gedenken an sie weiter.

In diesem Jahr hatten wir einen Tisch im indischen Restaurant Nirwana in den „Sieben Raben“ reserviert. Dennoch war das Restaurant bis auf den letzten Platz gefüllt als wir eintrafen. Sämtliche Kellner übersahen unsere Ankunft geflissentlich und eilten geschäftig an uns vorbei. Wir teilten unser Schicksal mit einer sechsköpfigen Familie, versuchten, so wenig wie möglich im Wege zu stehen, blieben guter Laune und diszipliniert. „DDR-sozialisiert“ eben, worin wir uns mit unseren „Leidensgenossen“ augenzwinkernd einig waren. Der Überlebensmodus, geduldig in Warteschlangen auszuharren, wird bei mir wohl auf ewig im Standby abrufbereit bleiben.

Zeit also, um an das Anstehen in Restaurants zu DDR-Zeiten zurückzudenken und der jungen Generation wieder einmal davon zu erzählen: „Bitte warten! Sie werden platziert“.

Bildquelle: ost-shop.de

(Das kennen sie inzwischen auch aus der Coronakrise) Meist war der Restaurantbereich in den HO-Gaststätten mit einer schweren Kordel abgetrennt, die zum Einlass für die entsprechende Personenzahl von nicht selten missmutigem Personal geöffnet wurde.

Nach etwa zwanzig Minuten bekamen wir unseren Tisch. Aber unsere Rückschau, in längst vergangene Zeiten, hatte gerade erst begonnen. Als dann der Kellner auf meinen Einspruch, ich hätte einen anderen Cocktail bestellt, mit: „Cocktail ist Cocktail“ reagierte, waren wir vollends beim Thema.

Reinhart erzählte von einem Anwaltstreffen im teuersten Restaurant von Frankfurt (Oder) – Oderland – in den späten 80ern. Beim Servieren war die Reihenfolge der bestellten Speisen durcheinander gebracht worden. Einen Anwalt, der sich daraufhin enorm echauffierte, beruhigte der Ober mit dem Hinweis, dass es im Magen duster sei.
Beim selben Treffen fragte unsere Freundin Heidi, warum sie nur nackte Spargelstangen serviert bekäme. Wo denn der Rest des köstlichen Gemüses sei? Die Spargelköpfe sind in Frankfurt am Main, bekam sie als Antwort.

Meine Schwester, gelernte Reisebürokauffrau, berichtete von einer Reise auf die Krim. Es war im Jahr 1988. Sie war als Reiseleiterin eingesetzt. Gleich am ersten Abend wollte sie das probieren, wofür die Krim weltweit berühmt war: den roten Krimsekt – Krimskoje (Крымское) und erkundigte sich in ihrem Hotel nach einer Bar. Der Wegbeschreibung folgend, gelangte sie zusammen mit einem jungen Mädchen aus ihrer Reisegruppe, das sich ihr angeschlossen hatte, in eine große, ungemütliche, fast leere Halle des Hotels mit übergroßen Tischen. Aber dort gab es keinen roten Krimsekt, jedenfalls nicht für Gäste aus dem sozialistischen Bruderland. Sie war empört und wollte gerade zu einer ordentlichen Beschwerde ansetzen, da sprachen sie Mitglieder einer westdeutschen Reisegruppe an. Sie hatten die Unterhaltung, die auf Englisch vonstatten ging, verfolgt und luden meine Schwester und das junge Mädchen ein, in eine Bar mitzukommen, die für DDR-Bürger gesperrt war.
Ja, so hatte Camilla sich eine Bar vorgestellt, mit bequemen Clubsesseln und eleganten Sektflöten aus Kristall. Darin: Krimskoje! Hа Здоровье!

„Ich erinnere mich noch an deine Reise nach Leningrad, Bettina“, lachte meine Schwester. „Ja, ein Abenteuer“ entgegnete ich. „Lehrlingsfeier im Dienstleistungskombinat (DLK). Du kamst schluchzend nach Hause, völlig verheult. Wir haben alle einen großen Schrecken bekommen und beruhigten dich, bis du uns sagen konntest, was geschehen war.“
Es war mein Lehrabschluss im Jahr 1987. Ich hatte meine Facharbeiterprüfung zur Fotografin mit „sehr gut“ bestanden. Weil ich überdies bester Lehrling unserer Lehrlingsgruppe war, wurde ich mit einer Reise nach Leningrad (heute wieder St. Petersburg) belohnt. Damit hatte ich nicht gerechnet, war bestürzt und wollte auf keinen Fall reisen. Das sagte ich zu Hause auch so. Meine Eltern, froh, dass mir nichts Schlimmeres passiert war, äußerten sich erst einmal zurückhaltend. Meine Schwester hingegen amüsierte sich köstlich.
Für sie stand fest: „Du fliegst! Das wäre ja noch schöner!“

So geschah es auch. Ich reiste mit einer kleinen Gruppe frisch gebackener Facharbeiter aus verschiedensten Berufen. Bis heute bin ich froh, diese Reise gemacht zu haben.
Wovon man im Russisch- und Geschichtsunterricht gehört hatte, was einem fern und unwirklich erschien, das konnte ich nun sehen. Den Panzerkreuzer Aurora,

die Peter-und-Paul-Festung und natürlich die Eremitage, die mich besonders beeindruckt hat.
Wollte man jedes Kunstwerk auch nur 10 Sekunden lang betrachten, bräuchte man dafür etwa sieben Jahre, hieß es. Diese Pracht und Fülle von Kunst konnte ich nicht fassen. Und kann sie selbst heute nicht mit Worten beschreiben.

Stefan Zweig schrieb in seiner „Reise nach Russland“: „Daß ich die Eremitage wirklich gesehen habe, werde ich nie den Mut haben, zu behaupten: ich bin nur in allen ihren Sälen gewesen. Man kann, ohne zu übertreiben, ihre Ausdehnung nach Kilometern berechnen, und schon das bloße Durchwandern (geschweige das wirkliche Schauen) bedeutet eine physische Arbeitsleistung.“

Natürlich war ich auch im historischen „Gostiny Dvor“ einkaufen. Ich kaufte Schallplatten, die in der DDR nicht zu bekommen waren: Michael Jackson, Dire Straits, Glenn Miller, Chris Rea.

Die Rückreise habe ich in besonders eindrücklicher Erinnerung. Ich war unglaublich froh, im Flugzeug zu sitzen und freute mich auf zu Hause. Die Iljuschin -18 rollte langsam auf die Startbahn, der Pilot gab vollen Schub und bremste in den nächsten Sekunden wieder ab, was wohl nicht nur mir durch Mark und Bein ging. Wir mussten das Flugzeug verlassen. Die Informationen waren spärlich. Von einer Reparatur war die Rede, die einige Stunden dauern könne. Die Zeit, die wir bei einer Außentemperatur von minus 21 Grad im ungeheizten Flughafengebäude verbrachten, erschien mir zähflüssig. Angst bedrängte mich und ich begann, innerlich und äußerlich zu erstarren.
Mir fiel mein Hut ein, den ich mir im Gostiny Dvor gekauft hatte. Dankbar zog ich ihn auf. Alles Wärmebringende war willkommen.

Unsere Sitzgelegenheit war ein funktionsuntüchtiger Heizkörper.
Ich dachte an meine Eltern, die wohl bangend in Schönefeld warteten. Nach sechs Stunden stiegen wir in die reparierte IL-18, von der wir hofften, dass sie bis Schönefeld halten würde.

Sie hielt!

Sechs Stunden Hoffen und Bangen waren meinen Eltern anzusehen, die Freude über unser Wiedersehen bei guter Gesundheit aber auch. Und … meine Schwester war mitgekommen!
Zu erzählen gab es unglaublich viel!

Zurück im indischen Restaurant Nirwana in Frankfurt (Oder). Unsere Kinder hatten längst andere Gesprächsthemen gefunden. Nur wir hatten Freude am Auffrischen unserer Erinnerungen.
Erinnerungen an Erlebtes, Überstandenes, an Dinge und Begebenheiten, die unser Leben ausgemacht und uns geprägt haben.
Damals wie heute haben wir nicht geklagt. Wir haben uns unabänderlichen Gegebenheiten angepasst, abgewogen, Entscheidungen getroffen, danach gehandelt und versucht, das Beste aus allem zu machen. So, wie es wohl in der Natur jedes Menschen liegt.

Bettina Zarneckow


Nun wünsche ich allen, die hier lesen, allen Bloggerkollegen, Bekannten, Freunden und Verwandten einen wunderbaren Jahreswechsel, ein frohes, friedliches und gesundes Neues Jahr mit netten Begegnungen, guten Gesprächen und hoffentlich vielen Umarmungen in Freundschaft und Liebe!

Die Hermeneutik eines verschwundenen Staates

Oder wie war das damals?

von Bettina Zarneckow

In ihrem Blog Tutto paletti brachte mir Anke mit ihrem Artikel „Klischees vor der Linse“ einen Film in Erinnerung, den ich mir längst ansehen wollte. „In einem Land, das es nicht mehr gibt“.
Filme, deren Handlung in dem Land spielt, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, üben auf mich eine besondere Anziehungskraft aus. Die Frage ist immer: Kann ich das Geschehen „absegnen“? Oder werden nur Klischees bedient, die den einseitigen Blick auf die DDR untermauern, den Verdacht bestätigen, DDR Bürger müssten „auf die Couch“, leiden unter dem Stockholm-Syndrom, wünschten sich die Mauer zurück, hatten ja „nüscht“, lebten in einem allzu grauen Alltag?

Ich finde den Film gut gelungen. Wenn er auch nur eine der vielen Nischen der DDR beleuchtet.

Ein wenig konnte ich das Künstlerleben in der DDR beobachten:
Meine Mutter arbeitete im Frankfurter Kleisttheater in der Produktionsleitung. Meine Schwester und ich gingen dort ein und aus, kannten die Werkstätten und erlebten die Künstler auf und hinter der Bühne: Die Sängerin, die ihre Stimme im Turmzimmmer trainierte. Die Pianistin mit ihren Fingerübungen auf einem meist verstimmten Klavier. Den Requisiteuer, der voller Einfallsreichtum Einrichtungsgegenstände bis hin zu Waffenattrappen besorgte. Den Bühnenbildner, der visionär Bilder entwarf und bauen ließ. Die Maskenbildnerin, die Perücken knüpfte. Die Schneiderin, die unglaubliche Kostüme schneiderte und unseren Klavierlehrer, Mitglied im hauseigenen Orchester, Virtuose auf der Klarinette. Es war ein ganz eigenes Milieu. Beeindruckend mit Anziehungskraft. Vergleichbar mit Szenen im Film.

Unglücklich inszeniert im Film ist die Handlung der nacktbadenden Gruppe am Strand.
Galt doch die DDR als fortschrittlich in dieser Hinsicht. Ein Stück Freiheit, was sie ihren Bürgern mit der Freikörperkultur zugestand als Ventil für ihre Unfreiheit?
Sicherlich patrouillierte Grenzpolizei an der Ostseeküste. Aber diese Hatz mit zähnefletschenden Hunden? Nein.

Die Häuser waren grau, aber so heruntergekommen? Doch, leider. Ich habe mir eben Bilder aus meiner Lehrzeit angesehen. Ihr sanierungsbedürftiger Zustand war den viel zu niedrigen Mieten, dem Mangel an Baumaterial und Handwerkern geschuldet, das weiß ich auch.


Die Werkhalle weckt Erinnerungen. Ich habe Fotoreportagen in Betrieben gemacht. Auch in der Wäscherei des Dienstleistungskombinates, wozu unsere Fotoabteilung gehörte. Werkhallen hatten für mich einen gewissen Charme. Die Großwäscherei empfand ich als schrecklich.

Sehr amüsiert habe ich mich über die ältere Dame am Anfang und am Ende des Films, die zuerst mit zwei Autorreifen die Straße überquerte und schließlich mit Karosserieteilen unterm Arm. Eine Parodie auf die berühmte Ersatzteilbeschaffung in der Mangelwirtschaft der sozialistischen Republik? Ersatzteillager in so manchem Keller waren keine Seltenheit und Gold wert.

Ohne Frage ist den Bildern des Films die Farbintensität genommen worden.
Ein Gestaltungsmittel, was Erinnerungen an die damalige Qualität von Farbfotos weckt. Meistens wurden Urlaubsbilder auf Schwarzweißmaterial fotografiert. Selten entschied man sich für einen Farbfilm. Erstens dauerte die Entwicklung der Bilder bis zu einem Vierteljahr. Zweitens waren sie viel zu teuer und sahen dann genauso aus, wie die Bilder dieses Filmes. Für mich hat der Film dadurch etwas Nostalgisches. Wenn auch diese Form der Betrachtung inzwischen ganz schön in Verruf geraten ist. Weil wir „Ewiggestrigen“ das Land, das es nicht mehr gibt, losgelöst von der Regierung und politischen Verhältnissen, unerhörterweise als unsere Heimat betrachten. Man vermisst Vertrautes und Vertrautheiten, die sich gerade wegen der sozialistischen Diktatur entwickelt hatten, kurz gesagt Nischen, eine davon wird im Film dargestellt.

Über mein Leben in der DDR habe ich schon einmal in meinem Blogbeitrag Eine Mitläuferin berichtet.
Aufgrund des Films möchte ich folgende Ergänzungen bringen:

Das Land, in das ich 1968 hineingeboren wurde, gibt es so nicht mehr. Es gibt die Erinnerungen. Erinnerungen an eine friedliche, für mich unbeschwerte Kindheit und Jugend. Persönliche Erlebnisse, die diese Erinnerungen grundlegend trüben, fallen mir nicht (mehr) ein. Wie im Leben eines jeden Menschen lief auch bei mir nicht alles glatt, weder im Kindergarten, noch in der Schule. Aber ich hatte Familie, meine Eltern und meine große Schwester, die immer schon ein Jahr vorher an Ort und Stelle war, wo mich mein Weg noch hinführte. Bis sie nach der 8. Klasse zur erweiterten Oberschule ging, um ihr Abitur zu machen. Dorthin folgte ich dann nicht mehr. Als Zweitbeste der Klasse hatte ich zwar meinen Platz sicher, aber meine ständigen Ängste und meine Scheu standen mir im Weg. Ich gab meinen Platz für meine Mitschülerin Kerstin frei, die ihr Glück kaum fassen konnte. Die drei besten jeder Klasse wurden an die EOS aufgenommen, in die sogenannten Sprachklassen.

Der vormundschaftliche Staat DDR hatte seine Staatsbürger „eingesperrt“. Gegebenheiten standen fest, es gab Regeln, die man mehr oder weniger befolgte. Man kannte die Mitmenschen, die von der Sache des Sozialismus überzeugt waren und achtete ihnen gegenüber auf seine Worte. So zum Beispiel bei unserer Staatsbürgerkundelehrerin.
Sie ließ kein gutes Haar an der BRD, unserem Klassenfeind. Einmal entdeckte sie Fotos von westdeutschen Autos bei mir. Mit den Jungs meiner Klasse kaupelte ich „feindliche“ Fussball- und Autobilder. Ich interessierte mich für beides, ging oft durch Frankfurts Straßen und fotografierte die Autos der Westverwandtschaft, die zu Besuch in der „Zone“ war. Voller Unverständnis erklärte sie mir, dass Trabants und Wartburgs genauso interessant wären. Aus heutiger Sicht muss ich ihr recht geben, eine Rarität. Das ahnte aber damals noch niemand.


Meine Ausbildung zur Fotografin begann ich 1985 in Potsdam. Es war für diesen Beruf die einzige Schule in der DDR und so kamen Lehrlinge aus der ganzen Republik zusammen. Da waren schon einige „Paradiesvögel“ dabei. Während ich mich darauf beschränkte, das Handwerk zu lernen und Fotos nach Aufgabenstellung ablieferte, gab es Mitschüler, die mit ihren Bildern rebellierten.

Die Eheleute Krafft, unsere Lehrer für Technologie und Gestaltungslehre, waren die schillernden Gestalten der Schule, nicht nur wegen ihres großen Altersunterschiedes (sie war einst seine Schülerin). Sie inszenierten sich ständig selbst. Kamen sie an einem Tag in völlig lässiger, fast provozierend unansehnlicher Kleidung, konnte man sicher sein, dass es einem am nächsten Tag fast die Sprache verschlagen würde. Er dann sehr gepflegt, herrlich duftend, oft mit Krawatte oder sogar Fliege. Sie, jugendlich anmutend, in einem hinreißenden Kleid oder ganz Dame in einem eleganten Hosenanzug. Wollten sie unseren Sinn für Ästhetik herausfordern? Mag sein. Ich fand es unglaublich interessant.
Beide waren Fotografenmeister, für mich Künstler, und liebten ihren Beruf. Sie lebten in einem Eigenheim im Potsdamer Stadtteil Caputh, einer reizvollen Seenlandschaft, mit eigener kleiner Yacht.

Ja, auch das war die DDR. Farbenfroh, bunt. Die Farben der Natur waren in ganz Deutschland dieselben. Wir lebten auch mit einer Leichtigkeit. Nicht jeden Tag, aber wer tut das schon?! Jedenfalls standen wir nicht früh auf und verfielen in eine Depression, weil wir uns jeden Tag aufs Neue unseres Daseins hinter einer Mauer bewusst wurden. Wir versuchten das beste aus der Situation zu machen und passten uns den Gegebenheiten an. „Das ist nicht nur praktisch, sondern auch klug.“ (H.-G. Gadamer in einem Interview vom Februar 2000, kurz nach seinem 100. Geburtstag)


Bei vielen Menschen bestand eine Aversion gegenüber den Machthabern unseres Landes und das schweißt zusammen. Es bestand aber auch eine Gemeinschaft, die mit den Plänen der Regierung übereinstimmte: Arbeitsgemeinschaften, Sportgruppen, Musikschulen, Ferienlager und das alles für jedermann und kostenlos.
Das klare, übersichtliche Bildungssystem und dessen verbindliche Strukturen, ohne ständige Veränderungen, wünschte ich mir in die heutige Zeit.

Nicht alles war schlecht in der DDR.
Dass ich das einmal sagen würde?!
Höre ich jemanden von Verdrängung sprechen?

Vor wenigen Wochen traf ich übrigens meine Staatsbürgerkundelehrerin auf dem Friedhof. Etwas unsicher, ob sie sich an mich erinnern würde, grüßte ich. Sie blieb stehen, nannte den Namen der Straße, in der ich wohnte. Nur mit meinem Namen müsste ich aushelfen, so ihre Bitte. Ah ja, und sogleich erkundigte sie sich nach meiner Schwester. Es war ein sehr nettes Gespräch mit der äußerst agilen, gut aussehenden etwa achtzigjährigen Dame, seit acht Jahren verwitwet. Von ihrem Mann habe sie mit auf den Weg bekommen: „Du hast eine gute Rente, du reist gerne, also genieß dein Leben, wenn ich nicht mehr da bin!“
„Und das tue ich! Seitdem mein Mann tot ist, reise ich allein. Ich finde immer Anschluss, bin ja nicht auf den Mund gefallen. Vor wenigen Wochen war ich am Ballermann und übermorgen geht es für drei Wochen nach Tunesien. Alles Gute für sie, Bettina. Auf Wiedersehen.“

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er irrt und weil er kämpft
und weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
und weil er schwärmt und glaubt,
sich anlehnt und vertraut.

("Mensch" Herbert Grönemeyer)


Paradigmenwechsel – Oder: Die Geschichte wiederholt sich (leider) doch

Auf dringende Empfehlung eines Kollegen habe ich begonnen, Herfried Münklers Buch „Marx Wagner Nietzsche – Welt im Umbruch“ zu lesen. Etwas zögerlich, wie ich ehrlich bekennen muss, denn die medienwirksamen Auftritte des Historikers zu aktuellen politischen Fragen in den letzten Monaten haben mich wenig angesprochen. Und dermaßen dicke Bücher wie dieses – über 700 Seiten! – erfüllen mich im Alter eher mit Abstand gebietendem Respekt.

Bildquelle: Thalia

Aber wie auch immer, nun habe ich die Lektüre fast abgeschlossen. Angefangen habe ich damit vor einigen Wochen auf einer längeren Eisenbahnfahrt quer durch Deutschland. In einem Zugabteil saß ein junger Mann mir gegenüber, etwas gestresst durch seinen quengelnden Sohn. Nach einem Blick auf das Buch sagte er sehnsüchtig: „ Ach, wenn ich doch auch endlich wieder Muße zum Lesen hätte. Aber was haben die drei denn miteinander zu tun?“ „Ich bin auch gespannt“, antwortete ich. „Vielleicht vergleicht der Verfasser zwei Denker und einen Künstler, die entscheidend beigetragen haben zu manchen Irrwegen unserer Geschichte im vergangenen Jahrhundert?“

Nun, nachdem ich wie gesagt fast am Ende des Buches angekommen bin, werde ich eines Besseren belehrt. Münklers Darstellung ist keineswegs plakativ, denunziatorisch oder dem Zeitgeist entsprechend belehrend. Ob der Vergleich, die Zusammenschau der drei Titelfiguren seines Buches wirklich erkenntnisfördernd ist, mag dahin gestellt bleiben. Ich bin da eher unsicher. Münkler selbst war sich übrigens der Grenzen und Gefahren dieses Versuchs durchaus bewusst, wie er in einem kurzen Nachwort zur Entstehungsgeschichte seines Buches mitteilt. (Ein wenig wundert mich in dem Zusammenhang, dass er zumindest was Wagner und Nietzsche angeht, so wenig Bezug nimmt auf Thomas Manns einfühlsame Überlegungen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, also lange vor den heute eher peinlich wirkenden grobschlächtigen Linien, die der Dichter später „von Luther zu Hitler“ meint ziehen zu müssen.)

Uneingeschränkt zu würdigen sind die beeindruckenden Einzeldarstellungen und Analysen der Werke der Drei in Münklers Buch. Die Entwicklungslinien im Denken von Marx werden gründlich bedacht und nachgezeichnet, der Zusammenhang zwischen Wagners Ringen um ein Gesamtkunstwerk und seinen vielen essayistischen Schriften – von denen mir viele bislang völlig unbekannt waren! – wird entfaltet und schließlich Nietzsche, immer wieder verschlägt der einem den Atem.

Bildquelle: Süddeutsche Zeitung

Münkler führt uns drei große Kapitalismuskritiker vor Augen, am scharfsinnigsten sicher bei Karl Marx formuliert, wirkungsmächtig in Richard Wagners Ring, radikal und hellsichtig bei Friedrich Nietzsche. Ich empfinde es als besonders wohltuend, dass ich beim Lesen nie durch Urteile gelenkt werde, die aus dem Wissen erwachsen sind, welche Spätfolgen die besprochenen Werke hatten. Die gedankliche Tiefe des Kommunistischen Manifests hat mich überrascht, wiewohl ich ja in meiner Jugend in der DDR zur Genüge mit diesem Text konfrontiert worden bin, damals aber oft bestimmt von dem Ärger darüber, was aus den Analysen und Visionen der Verfasser in der mich umgebenden Realität geworden war. Und die wunderbare Kraft der musikalischen Poesie Wagners erschließt sich mir noch auf anderen Wegen, wenn ich Münklers Wiedergabe der theoretischen Schriften des Komponisten und der Textbücher seiner Opern bedenke.

Und wieder Nietzsche, ich kann gar nicht recht in Worte fassen, was mich bei dem durch Münkler angeregten Nachdenken über ihn so atemlos macht. Die völlige Rücksichtslosigkeit in seinen Formulierungen? Sätze, geschrieben vor und nach seiner Erkrankung – wenn man die überhaupt als Zäsur festmachen kann –, die erträglich werden, wenn wir sie als überspitzte Ironie handhabbar machen, sie sind aber ernst gemeint. Mein Freund hat in einem Aufsatz Nietzsches Bemerkung zitiert, dass der Normalzustand der Welt das Chaos ist. Wie nahe kommt das unserem Lebensgefühl…

Immer wieder klingt das Problem des Antisemitismus in der Gedankenwelt der drei an. Ein Kapitel widmet sich ausführlich und gründlich diesem Thema, besonders wichtig für das Verständnis von Marx und Wagner, weniger für Nietzsche, dem auch hier radikalen Anti-Antisemiten. Marx hofft bekanntlich in seiner frühen Zeit auf eine Lösung der „Judenfrage“ im Zuge der Überwindung der Klassengesellschaft, seine späteren gelegentlich unflätigen Sätze über Juden tut Münkler als „Alltagsantisemitismus“ ab. Dafür mag manches sprechen, was die Entgleisungen aber nicht harmloser macht. Wagners schlimme Verirrungen schließlich werden erklärt durch die Verbitterung des Künstlers über den verlorenen Machtkampf mit Giacomo Meyerbeer in Paris und vielleicht auch durch die abstruse Gedankenwelt von Cosima. Wie auch immer, es bleibt erschreckend, welche Gedanken in Wagners Gehirn Raum fanden neben der großartigen Musik. Mein verstorbener Jerusalemer Freund, trotz allem ein großer Wagner-Verehrer, pflegte zu sagen: Der liebe Gott weiß schon was er tut, wenn er himmlische Wahrheiten in hässliche Gefäße verpackt.

Nun muss ich abschließend aber erklären, warum ich den Bericht über meine Lesererfahrungen bei Herfried Münklers Buch unter die Überschrift „Paradigmenwechsel“ stelle. Wer das Buch liest, wird viele Gründe dafür finden, wie ja schon der Untertitel „Welt im Umbruch“ signalisiert. Mir ist ehrlich gesagt dieses Wort eingefallen – und hat mich nun doch zum Grübeln über unsere Zeitläufte angeregt -, als ich in dem Buch die Wiedergabe einer sehr bissigen Formulierung aus dem Aufsatz von Karl Marx „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ von 1852 fand, einer Analyse des Staatsstreichs des späteren Napoleon III. Marx stellt bitter fest, „dass nur noch eins fehle, um die wahre Gestalt dieser Republik zu vollenden: Des Parlaments Ferien permanent machen und ihre Aufschrift: Liberté, egalité, fraternité zu ersetzen durch die unzweideutigen Worte: Infanterie, Cavallerie, Artillerie!“

So werde ich eben das Gefühl nicht los, dass Geschichte sich leider doch wiederholt. Aber weil ich nicht in die Falle tappen will, die Münkler erfolgreich umgeht, breche ich hier ab, durchaus mit einer Empfehlung zur eigenen Lektüre – und vor allem zum eigenen Nachdenken!

Christoph Ehricht

Der Osten, sein besonderer Blick auf Adenauer, Merkel und den Krieg

Ein Foto der Frankfurter Allgemeinen vom 18.4.23 zeigt die Übergabe des Großkreuzes “mit besonderer Ausfertigung” durch Theodor Heuss an den damaligen Bundeskanzler Adenauer im Januar 1954. Eine elegante Einwendung der Zeitung gegen die Verleihung des gleichen Ordens an die (Alt-) Bundeskanzlerin Angela Merkel am Vortag im Schloss Charlottenburg durch ihren ehemaligen Adlatus Steinmeier? Elegant oder doch nur in süffisanter Geschichtsvergessenheit vorgetragen? Mir fällt bei beiden Politikern einiges ein.

Zum Zeitpunkt seiner Ordensverleihung konnte Adenauer auf eine von ihm zu verantwortende, weit gediehene Westintegration der Bundesrepublik Deutschland zurückschauen. Deutschland hatte den Vertrag über die Montanunion (18.4.51) sowie den Deutschlandvertrag über die Beziehungen der Bundesrepublik zu den drei Westmächten (26./27.5.1952) unterzeichnet. Auf die Note Josef Stalins (10.3.52) über die Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands hatte er in keiner Weise reagiert (weil die Westmächte die deutsche Außenpolitik “noch” bestimmten, so Adenauer, der deshalb auch keinen Außenminister in sein erstes Kabinett berufen hatte). Für die damalige Bundesrepublik winkte schon am Tag der Übergabe des Großkreuzes an Adenauer eine weitgehende Souveränität, die mit den Pariser Verträgen am 5. Mai 1955 durch die drei Westmächte auch anerkannt wurde. Die Bundesrepublik bekam ihren ersten Außenminister von Brentano.

Mit der Eingliederung der Westdeutschen in eine Gemeinschaft mit den USA und den westeuropäischen Staaten wurden die ostdeutschen Befürworter einer Wiedervereinigung in den Augen ihrer DDR-Oberen zu einem “verlorenen Haufen” des Westens degradiert. Die Gefängnisse füllten sich weiterhin, zu viele flüchteten in den Westen, die Mehrheit der Bürger der DDR blieb aber im Osten. Um sich nach 1990 von einigen wenigen, besonders aufrechten opportunistischen Schlaumeiern dann als Mitläufer apostrophieren lassen zu müssen. Was in einem anderen Sinn stimmte, weil die Bürger mit “ihrem” Staat im Guten wie im Bösen bis zu seinem Ende am 3.10.1990 zu tun hatten.

Dabei haben Millionen Deutsche in der DDR am 17.6.1953 nicht nur für die Senkung der Arbeitsnormen, sondern auch mutig für die Einheit Deutschlands und freie Wahlen demonstriert.

Alles umsonst, peinlich, die offenbar nur geheuchelte, lautstarke moralische Empörung westlicher Politiker, die ansonsten Ruhe hielten? Der Mauerbau am 13.August 1961 das von Adenauer in Kauf genommene Schicksal der Deutschen im Osten? “Ich bin ein Berliner” eine bombastische Rede des amerikanischen Präsidenten Kennedy, bei der die dummen Deutschen in Ost und West erleichtert in einen großen Jubel ausbrechen? Der alljährliche Feiertag des 17.Juni das Rudiment eines einst mächtigen Landes?

Nicht nur die Besserwisserei eines Rückblicks verbietet mir, die Fragen mit einem verletzenden und gehässigen Ausrufezeichen zu versehen. Ich habe vielmehr die bohrende Vermutung, dass sich die drei Westmächte während des Kalten Krieges in der Ablehnung der Wiedervereinigung einig waren. Warum sonst hat die Premierministerin Frau Thatcher den französischen Präsident Mitterrand noch Anfang 1990 gebeten, “die Wiedervereinigung zu stoppen oder zu verlangsamen”. Es gibt eine ganze Latte von Geschichten.

Obwohl Adenauer mit der Westintegration den Osten Deutschlands scheinbar seinem Schicksal überlassen hatte, widersprach er in all seinen Neujahrsreden der Teilung Deutschlands, machte den Ostdeutschen Hoffnungen. Augenwischerei oder eine Vision mit dem Ziel der Verhinderung einer Spaltung der Gesellschaft, wie wir sie heute gerade erleben? Traf Adenauer damals nicht Entscheidungen, die wir heute fairerweise entgegen einem sich ausdehnenden und somit anbietenden Opferkultus, genannt Vergangenheitsbewältigung, akzeptieren sollten? Entscheidungen, die im Sinne des blöden Ausdrucks der Naturwissenschaftlerin Merkel „alternativlos“ waren?

Es gibt Argumente für meine mit den Fragen konstruierte Geschichte.

Adenauer und seine Nachfolger erkannten die Teilung Deutschlands nicht de jure an. So verdorrte die zarte Pflanze Wiedervereinigung nicht. Reden von der Wiedervereinigung gehörten im Westen zum Ritual politischer Veranstaltungen. Oder ganz kurz: mehr war nicht drin. Oder mit der friedvollen realistischen Pragmatik des Deutschen aus dem Westen gegenüber dem im Osten: weniger war mehr.

Ich möchte das nicht allein um des gesellschaftlichen Friedens willen glauben. Hilf dir selbst, dann wird dir geholfen, das soll die Botschaft der Geschichte der Ostdeutschen sein.

Hat Adenauer am 31.1.1954 das Verdienstkreuz mit den Worten von Heuss “in Anerkennung der um die Bundesrepublik Deutschland erworbenen außerordentlichen Verdienste“ ausgehändigt erhalten, weil er die innere Einheit der Deutschen bewahrte? Mit der Westintegration hat er ja nur bei seinen Besatzern offene Türen eingerannt. Ich kann das glauben, obwohl es sicherlich nicht nur mir angesichts der tragischen Folgen der Teilung schwerfällt.

Um die Frage der Legitimität der Politik Adenauers und seiner Nachfolger kommen wir aber mit diesen Überlegungen nicht herum. Die unterschiedliche Perspektive der Deutschen aus Ost und West, die die Experten heuchlerisch beklagen, darf nicht in der Urne einer treuherzigen Vergangenheitsbewältigung beerdigt werden. Sie muss respektiert und besprochen werden, sonst erleben wir eine Spaltung der Deutschen, die alle Bundeskanzler bisher verhindern konnten.

Die Westpolitik Adenauers mit all ihren Folgen ist aus heutiger Sicht legitim, wenn sie “noch gerade so” für den Ostdeutschen zumutbar war. Ich finde dafür nicht nur in der Realpolitik der Bundesregierungen, sondern auch im Wollen und Handeln der Deutschen aus dem Osten zahlreiche, wenn auch unterschiedliche Spuren.

Nur in aller Kürze, weil die Experten den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen:

Die seit jeher heiß umstrittene Ostpolitik der alten Bundesrepublik fand ihre Bestätigung im Ertrag des mühevollen Aufbaus von Vertrauen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion. Politiker wie Egon Bahr, Willy Brandt und Helmut Kohl standen für die Ostpolitik während des Kalten Krieges ein. Alle waren “besessen” von der Vorstellung, die schwierigen Verhältnisse der Menschen in Ost und West, gekennzeichnet durch den Eisernen Vorhang, zu entkrampfen. Vertrauen bei dem Politbüro der KPdSU mit dem Generalsekretär Gorbatschow an der Spitze ermöglichten den deutschen Herbst 1989 und die Wiedervereinigung. Genau so möchte ich es sehen.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte diese Russlandpolitik beenden sollen? Nicht nur die heutigen Engpässe im Bereich Energiewirtschaft sagen uns, warum die damalige Bundeskanzlerin das nicht getan hat. Sie war auch um einen Ausgleich zwischen der Ukraine und Russland bemüht. Minsk 1 und 2 bewahrten Westeuropa einige Jahre vor der Beteiligung an dem europäischen Krieg, verhinderten im Jahre 2014 die totale Niederlage der Ukraine. Aber in der Ukraine darf sich Frau Merkel nicht mehr sehen lassen.

Das Verdienstkreuz mit besonderer Ausfertigung steht Angela Merkel nicht nur zu, weil sie 2014/2015 einen Krieg in Osteuropa verhindert hat. Sie hat auch 2008 den Plan des amerikanischen Präsidenten Bush zum Beitritt der Ukraine in die NATO zusammen mit dem französischen Präsidenten Sarkozy durchkreuzt. Sie handelte dabei in Übereinstimmung mit dem Willen der Ukrainer, die mehrheitlich einen Beitritt ablehnten. Der Nordatlantikvertrag sieht überdies die Aufnahme von Staaten, die sich in einem Konflikt mit einem anderen Staat befinden, nicht vor. Für Frau Merkel dürfte die Überlegung entscheidend gewesen sein, dass friedliche Lösungen von Konflikten von Militärs regelmäßig nicht zu erwarten sind. Durch die Ablehnung der Aufnahme der Ukraine schloss sie nach ihrem Verständnis von vornherein die Beteiligung Deutschlands an einem Krieg zwischen der Ukraine und Russland aus.

Um die Vergabe an die Ostdeutsche zu rechtfertigen, muss jedenfalls nicht so weit ausgeholt werden wie bei dem Rheinländer Konrad Adenauer mit seiner besonderen Vita.

Quelle: IMAGO/Political-Moments

Wie könnte es weitergehen?

Die Mehrheit der Ostdeutschen will keinen Krieg der NATO, ganz bestimmt aber keinen Krieg Deutschlands gegen Russland. Er stünde im Widerspruch zum Geist des am 12.4.1990 in Moskau abgeschlossenen 2 plus 4 Vertrags. Durch ihn hat Deutschland de jure die volle Souveränität erhalten. Das muss in Washington ankommen, nur darauf gründet eine dauerhafte Freundschaft .

Beginnen wir mit der Sprache. Wer Menschen, seien es auch “nur” Russen, als aus der Ukraine zu kehrenden Unrat bezeichnet, hätte keinen Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Paulskirche unter Standing Ovations der sogenannten deutschen Elite erhalten dürfen. Wer in einem Tweet als Stellvertretender Außenminister der Ukraine eine deutsche Bundestagsabgeordnete und ihren Ehemann als verbrecherische Komplizen Putins (ich sage schnell noch ”angeblich”, weil so unglaublich ) bezeichnet und ihnen eine baldige Bestrafung androht, degradiert Deutschland zu einer Bananenrepublik.

Wenn der ukrainische Präsident Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten sogar mit einer Selbstverpflichtung per Dekret weiterhin ablehnt, muss die Beendigung der Beteiligung der Deutschen am Krieg in der Ukraine eine Option deutscher Politik werden. Der Umstand, dass Russland völkerrechtswidrig die Ukraine überfallen hat, darf Deutschland nicht zu einer Geisel unter Verzicht auf eigene souveräne Entscheidungen werden lassen. Deutschland muss das baldige Ende seiner Beteiligung am Krieg in der Ukraine zwar nicht vorlaut, gegebenenfalls aber auf offener Bühne dem amerikanischen Präsidenten Biden souverän erläutern. So wie der deutsche Bundeskanzler Scholz von einer Strategie zum Ende von Nord Stream 1 und 2 auf einer Pressekonferenz in Washington erfuhr.

Reinhart Zarneckow