Von Frankfurt über Potsdam nach Workuta und zurück

Am 7. April 1998 überprüft die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation den Fall Kurt Steinecke aus Frankfurt an der Oder und findet keine Beweise für das vorgeworfene Verbrechen.
Es erfolgt seine Rehabilitierung.

2023 – meine Schwester Camilla besucht das ehemalige zentrale Untersuchungsgefängnis der sowjetischen militärischen Spionageabwehr in Potsdam, in dem unser Onkel im Jahr 1950 im Alter von 25 Jahren inhaftiert gewesen war, bevor er ins Straflager nach Workuta in der Republik Komi, nördlich des Polarkreises gebracht wurde (Ich hatte hiervon schon mehrfach im Blog berichtet).
Während Reinhart und ich vor vielen Jahren das Gefängnis, das inzwischen Gedenkstätte ist, nur interessiert besichtigt hatten, suchte Camilla dort Ansprechpartner, um über ihre Betroffenheit zu sprechen, die sie beim Eintauchen in die Vergangenheit unseres Onkels empfand.
Der Leiter der Gedenkstätte war interessiert. Nach mehr als siebzig Jahren arbeiten beide gemeinsam mit einer russischen Mitarbeiterin daran, so viel Informationen wie möglich über Kurt Steinecke zusammen zu tragen. Er soll dort einen eigenen Ort bekommen, an dem an ihn und sein Schicksal erinnert wird. Recherchen sind mühsam, wegen der im Moment so gut wie stillgelegten Leitungen Richtung Moskau.

Kurt Paul Ernst Steinecke wurde am 28. Juni 1925 in Frankfurt an der Oder geboren († November 2007).

Unsere Großeltern bauten gerade ihr eigenes Geschäft auf, eine Fleischerei. Werkstatt, Geschäft und Wohnung waren im selben Haus. Jedes mal, wenn das kreischende Geräusch der Knochensäge die Wände durchdrang, weinte der kleine Kurt. Zudem hatten seine Eltern wenig Zeit für ihn und so lebte er die ersten drei Lebensjahre bei Tante Marie, der Schwester unserer Großmutter. 1934 brachte Emma Steinecke seine Schwester zur Welt, unsere Mutter.


Onkel Kutti war zeitlebens sehr sportlich. Er ruderte im Frankfurter Ruderverein. Nach Abschluss der Schule lernte er das Fleischerhandwerk und legte am 15.Mai 1950 in Potsdam seine Meisterprüfung ab.



Sein ganzes Leben verbrachte er in seinem Elternhaus, im Hauseingang neben uns. Bis auf die Kriegsjahre und die Zeit zweimaliger russischer Gefangenschaft. Einmal als Kriegsgefangener (1945-48), dann als Zivilinternierter (1950-55).

Meine Schwester und ich kannten unseren Onkel als lebensfrohen Menschen, der mit uns viel unternommen hat. Er war voller Ideen, die Camilla und ich großartig fanden.
Er las uns vor und konnte auch wunderbar erzählen. Am liebsten hörten wir die Geschichte vom dicken, fetten Pfannekuchen, der kantipper kantapper in den Wald hinein lief.
Seine Frau Ursula und er hatten keine Kinder.

An einem Nachmittag am See hat er uns den Kopfstand beigebracht. Kam ein neues Spielgerät heraus, unser Onkel hatte es und es wurde sofort ausprobiert. Wer erinnert sich noch an Handfederball und Wurfscheibe? Ein Kartenspiel war immer dabei. Statt einer Luftmatratze hatte er für uns einen Schlauch von einem Traktorreifen aufgetrieben. Es waren besondere Sommertage, wenn er uns in seinem russischen Wagen, einem gut gefederten Moskwitsch 412, zum Baden mitnahm. Am Zündschlüssel hing eine kleine goldene Spieluhr, die den italienischen Klassiker Volare spielte. Unsere Mutter hatte sie ihm vor dem Mauerbau 1961 aus Berlin mitgebracht.

Waren Hausaufgaben in Mathe zu lösen, wurde er zu Hilfe gerufen. Seine Logik beim Lösen der Aufgaben war bestechend und seine Erklärung derart überzeugend, dass wir es nicht fassen konnten, wenn der Lehrer uns am folgenden Tag ein falsches Ergebnis bescheinigte.

Suchte man unseren Onkel, war er in der Garage oder im Keller. Irgendetwas war immer zu reparieren, zu schmieren, einzustellen oder zu bauen. Zum Beispiel Stelzen für seine beiden Nichten.
Das Laufen übten wir auf dem Hof und vor dem Hauseingang. Einmal nahm er uns samt Stelzen und Rollschuh mit in den Keller, legte uns ein Seil um, das um einen Flaschenzug ging und befestigte die Rollschuhe unter den Stelzen. Üben unter erschwerten Bedingungen. Wenn das unsere Mutter gesehen hätte. Drohten wir zu fallen, hatte er uns aber sicher. Einfälle aus kindlicher Freude heraus, oftmals den Schalk im Nacken, aber zu gegebener Zeit auch ernst, das war unser Onkel und das fast bis zum Schluss. Es macht mich froh, dass ich so zurückblicken kann!

Onkel Kutti hatte feste Gewohnheiten. Dazu gehörte die Radiosendung „das Sonntagsrätsel“ mit Hans Rosenthal. Sie lief von 1965-1987 sonntags von 9.30 Uhr bis 10.00 Uhr im RIAS Berlin. Um 10.10 Uhr war er bei uns, um die Lösung zu besprechen. Auch wir hörten die Sendung regelmäßig. Inzwischen baute Camilla das Schachbrett auf, denn es folgte eine Schachpartie zwischen ihr und unserem Onkel. Anschließend besuchte er seine Mutter, unsere Großmutter, in ihrer Wohnung neben uns. Mittags verschwand er, um mit seiner Frau zum Essen in ein Restaurant zu fahren. Ihr Sonntagsausflug mit ausgedehntem Spaziergang.

Er führte präzise Fahrtenbuch, obwohl er sein Auto lediglich privat nutzte.
Nachts schlief er nur, wenn es stockfinster war und das phasenweise sehr schlecht. Er machte jeden früh gleich nach dem Aufstehen Liegestütze und Rumpfbeugen und duschte grundsätzlich kalt. Seit dem er in Workuta war, hieß es. Von dort trug er auch Erfrierungen an den Zehen davon. Was das alles bedeutete, konnte ich mir als Kind nicht erklären. Es wurde auch wenig darüber gesprochen.
Man fragte nicht und er sagte nichts.
Nur manchmal war unsere Mutter Vertrauensperson. Zum Beispiel als das Gespräch auf seine Entlassung in die Heimat kam. Nach Moskau sei der Transport zuerst gegangen, erzählte er. Dort wurde Kleidung zum Wechseln ausgegeben. Die alte ließ sich nur noch vom Körper abblättern.

Was während der Haft geschah und im Vorfeld bis zur Verurteilung, steht auf etwa 207 Seiten, die noch im Archiv in Moskau ruhen. Camilla ist es jedoch tatsächlich gelungen, einen Teil des Konvoluts von dort zu bekommen.
Aus den übersandten Verhörprotokollen des sowjetischen Militärs erfahren wir vom geleisteten Reichsarbeitsdienst unseres Onkels in Genschmar und von seiner militärischen Ausbildung in Neuruppin nach seiner Einberufung mit 18 Jahren am 29.09.1943. Er lernte Fahrzeuge zu führen, bekam seinen Führerschein und fuhr Versorgungs-LKW. 1944 wurde er zu einer Panzerdivision nach Ostrolenka (Polen), dann nach Dänemark versetzt. Es folgen Stahnsdorf und Forst und seine Gefangennahme durch die Sowjets im April 1945.

Bis zur Freilassung 1948 war er in Wladimir, arbeitete dort auf dem Bau und musste Ende 1946 bis Anfang 1947 wegen Krankheit ins Lazarett. Ein weiterer Ort wird genannt: Malinovka. Nach der zweiten Gefangennahme 1950, wegen des Vorwurfs der Spionage, erfolgte im April 1951 seine Verurteilung zu 25 Jahren Arbeitslager. Im August 1951 wurde er dann über Brest nach Workuta gebracht. Stationen seines Lebens, von denen wir nicht wussten. Weil sie Eltern und Familie schwer zuzumuten waren, er selbst vielleicht nicht daran denken wollte? Vor allem aber wohl, weil Haftentlassene, die in die SBZ zurückkehrten, von der Staatssicherheit verhört, zur Verschwiegenheit verpflichtet und weiterhin beobachtet wurden.
Sie galten als vorbestraft und das Urteil des „großen Bruders“ wurde nicht infrage gestellt.
Ganz anders erging es Rückkehrern in die Bundesrepublik, so erfuhr ich aus Zeitzeugenberichten. Sie bekamen 3000 bis 4000 DM Übergangsgeld und wurden nur befragt, um Informationen über zurückgebliebene oder vermisste Menschen an den Suchdienst des DRK weitergeben zu können.

Und dennoch ist unser Onkel ein Mensch frohen Gemüts geblieben oder gerade wegen seiner extremen Erfahrungen?
Er hatte sich entschieden, dem Erlebten nicht das letzte Wort zu geben.



Nun ist meine Schwester dafür bekannt, Nägel mit Köpfen zu machen, also liegt der Staasiunterlagenbehörde bereits ein Antrag auf Akteneinsicht in Sachen Kurt Steinecke vor.


Bettina Zarneckow

Leistikowstraße |Gedenk  und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam https://share.google/rMldVphwcHpkQTCPz

Meinungsvielfalt im deutschen Protestantismus

Ein kleiner Beitrag zur Meinungsvielfalt im deutschen Protestantismus

Der Greifswalder Kirchenmusiker und Musiktherapeut Bernd Ebener hat in der hiesigen Kirchenzeitung einen Leserbrief veröffentlicht, den wir mit seinem Einverständnis gerne auch den Leserinnen und Lesern von Schreibundsprich zur Kenntnis geben wollen – als Anregung zur Diskussion, als Ergänzung zu manchen hier schon geäußerten Gedanken und Überlegungen und nicht zuletzt als Zeichen dafür, dass es in der evangelischen Kirche durchaus unterschiedliche Positionierungen zum Krieg in der Ukraine gibt.

Bernd Ebener hat seinen Brief übrigens zuerst der Autorin des Offenen Briefes zugeschickt und ihn erst, als er keine Antwort erhielt als Leserbrief eingereicht. Der Text, auf den er Bezug nimmt, ist in der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung 15/ 23 nachzulesen und hier als Bild eingefügt.

Christoph Ehricht

Einbettung 61 sowjetischer Soldaten durch den Volksbund, Kriegsgräberstätten Lebus, 12.Mai 2023
Foto: Reinhart Zarneckow


„Werte Frau Pastorin Fischer,

„russländische Propaganda“, „russländischer Terror“, „russländische Räuber“ lese ich in Ihrem in der Kirchenzeitung Nr. 15 gedruckten „offenen Brief“. Warum nicht einfach „russisch“, dem landläufigen Sprachgebrauch folgend? Wir sagen doch auch nicht „deutschländische Diplomatie“ oder „frankreichische Revolution“… – welche Intention steht hinter Ihrer Semantik?

Und: Sie erwecken (zumindest bei mir) den Eindruck, als würde es ukrainische, europäische, amerikanische und deutsche Propaganda, Räuber, Terror nicht geben. Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Perikopen vom Splitter und Balken im Auge bei Matthäus, Lukas, auch Römer 2,1 bekannt sind. Warum also dieser Tunnelblick in Ihren Ausführungen? Warum diese Ignoranz der eigenen deutschen, amerikanischen, europäischen und NATO-völkerrechtswidrigen Kriegs-Geschichte gegenüber? Vietnam, Kambodscha, Afghanistan, Jugoslawien, Syrien, Libyen, Irak und, und, und … – natürlich die Vorgeschichte zur Ukraine-Rußland-Situation incl. der späten Bekenntnisse Merkels zu Minsk II. M.K.n. waren und sind US-Amerikaner die bislang ersten und einzigen geblieben, die Atombomben eingesetzt haben. „Little Boy“ hießen propagandistisch-verbrämend die Geschosse, die hunderttausenden Frauen, Männern und Kindern den sofortigen Tod oder ein schleichend-elendigliches Dahinsiechen brachten und bis heute und noch weit in die Zukunft die Erbanlagen künftiger Generationen schädigen. Und es war die NATO, die im Irak, in Bosnien, im Kosovo und in Afghanistan hochtoxische und radioaktive Uran-Munition verwendete, rücksichtslos gegen eigene Soldaten und die Zivilbevölkerung der betroffenen Länder, die ebenfalls noch über Generationen an deren strahlenden Folgen leiden werden. Statt die Verwendung dieser Munition als Kriegsverbrechen zu geißeln, soll sie nun auch in der Ukraine eingesetzt werden oder wird es schon, während zeitgleich in unseren Wertemedien ein dröhnendes propagandistisches Schweigen darüber herrscht.

Sie erwecken weiterhin den Eindruck, dass russische, amerikanische, europäische und deutsche Interessen und Handlungsweisen jeweils auf einer homogenen Bevölkerungsmeinung beruhen. Es widerspricht jedenfalls meiner Erfahrung und meinen Kenntnissen. Und selbst wenn Sie hier Mehrheitsmeinungen festgestellt haben wollen, wissen wir doch alle, dass diese nicht zwingend auch Wahrheiten verkörpern bzw. richtiges, ethisch verantwortbares Handeln bewirken. Wir berufen uns auf die Propheten, auf Jesus, Luther, Bonhoeffer … – Wahrheiten brauchen keine Mehrheiten. Und Mehrheiten allein sind kein Argument. Wir kennen aus der Bibel, aber natürlich auch sonst aus der Geschichte viele Geschehnisse, die davon berichten, dass sich Mehrheiten verlaufen und es später oft genug auch bereuen. Menschen sind überall leicht manipulierbar. Das „Hosianna“ der Volksmassen bei Jesu Einzug in Jerusalem geht fast nahtlos ins „Kreuzige ihn!“ über.

Schließlich: Was verstehen Sie unter „Faktenanalyse“ und „theologisch verantworteter Ethik“? Zur Wahrheit gehört immer der differenzierende Blick auf’s Ganze. Zumindest jedoch der spürbare Versuch dessen! Und mit Propaganda und Manipulation haben wir es immer dann zu tun, wenn wesentliche, für die ethisch-faire Beurteilung einer Situation notwendige Informationen verschwiegen werden.

Ich hätte noch weitere Fragen, doch will ich mich zunächst auf die benannten beschränken, da ich sie für die wesentlichsten halte.

Habe ich etwas nicht oder falsch verstanden?

Freundliche Grüße!
Bernd Ebener“

Bernd Ebener Foto: berndebener.de
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Die Seele braucht Stille zum Atmen.

www.berndebener.de


Helmut Schmidt (1978!!!):
"Es gibt im Fernsehen Nachlässigkeiten gegenüber dem Gewaltproblem. Sie reichen von der Tagesschau bis tief
in die Unterhaltungssendungen. Die häufige Vorspiegelung, Konflikte seien besonders einfach mit Gewalt zu 
lösen, muss eine verheerende Auswirkung auf die politische Struktur einer Demokratie haben. Demokratie muss
Konflikte mit den ihr eigenen Möglichkeiten und Methoden lösen können. Das Schwarz-Weiß-Schema von Gewaltlösungen darf nicht zu einem Vorbild für unsere Gesellschaft werden."

Bundeskanzler Helmut Schmidt in: "Plädoyer für einen fernsehfreien Tag - Ein Anstoß für mehr Miteinander 
in unserer Gesellschaft". (Quelle: "Die Zeit" 22/1978 vom 26. Mai 1978)

Wer Waffen liefert, will Krieg - sonst würde er Diplomaten schicken. (Sahra Wagenknecht)

Die Kirchen der Welt sind immer in die Irre gegangen, wenn sie Gewalt legitimiert haben. (Margot Käßmann, 25. Februar 2023)