Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung III noch immer Hennigsdorf

Bericht Horst Kaczmarek Teil 3 -„Ist jetzt Frieden?“

DIE STALINORGEL

Um vom S-Bahnhof zu unserem Haus zu gelangen, gab es zwei Möglichkeiten. Einmal die Straße, das war aber weit. Zum anderen den Weg über eine unbewirtschaftete Freifläche. Dieser Weg wurde von vielen Menschen genutzt, so dass sich schon ein richtiger Trampelpfad herausgebildet hatte. Ich habe den Trampelpfad auch oft benutzt. Doch einmal hätte es mein letzter Heimweg werden können! Ich hatte schon fast die Straße erreicht, als hinter mir ein wahres Höllenspektakel begann. Ich wollte mich umdrehen, um mir das Spektakel anzusehen, da bekam ich einen Stoß, der mich zu Boden warf und gleichzeitig schrie mich eine Stimme an: “Liegenbleiben und Kopf in den Sand“. Das Spektakel dauerte nur kurze Zeit. Es war ein Soldat, der mich zu Boden riss. Er erklärte mir, dass es sich eben um einen Raketenangriff mit einer Stalinorgel gehandelt und wir großes Glück gehabt hatten.

Die Stalinorgel war eine gefürchtete Waffe der Roten Armee. Vermutlich sollten die Raketen den Bahnhof treffen. Da ist alles noch einmal gut abgegangen. Zuhause wurde das Erlebnis nicht erzählt.

DIE GRANATE

Wenige Tage später, es war der 24. April, als wir wieder wie immer über den Verlauf der Front debattierten, gab es einen lauten Knall. Aus einem der benachbarten Häuser stieg Rauch auf. Dann hörte man eine Frauenstimme laut aufschreien. Wir liefen zu diesen Haus hinüber in der Hoffnung, Hilfe leisten zu können. Einige liefen vielleicht auch aus Neugier dorthin. Was wir dort sahen, war kaum zu beschreiben. Eine Granate war mitten in der Küche explodiert und hatte einen Ort der Verwüstung hinterlassen. Die achtzehnjährige Tochter des Hauses war nicht wiederzuerkennen. Das Mädchen saß noch am Tisch, hatte aber keinen Kopf mehr, alles war mit Blut verschmiert. Ein Bild, das ich nie vergessen werde. Auch der Aufschrei der Mutter, als sie ihre Tochter entdeckte, bleibt mir unvergesslich. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Erlebnis in seiner Grausamkeit niederschreiben soll. Aber will man die Grausamkeit eines Krieges darstellen, gibt es nur diesen Weg. Später habe ich im Internet unter “Hennigsdorf1945“ folgenden Eintrag gefunden:

(Gegen 18 Uhr traf die Antwort der sowjetischen Artillerie ein und entfachte in der Horst-Wessel-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) verheerende Wirkung. Zwei tote Frauen waren das Ergebnis eines Artillerievolltreffers in einem Wohnhaus in der nördlichen Horst-Wessel-Straße um 18 Uhr: eine 18-jährige kaufmännische Angestellte und eine 57-jährige Kriegsaushilfsangestellte aus Frankfurt (Oder) wurden durch eine sowjetische Schrapnell-Granate in der Küche getötet)

DIE RUSSEN KOMMEN

Es konnte nun nicht mehr lange dauern und und die Russen würden vor der Tür stehen. Das drohende Geräusch der heranrollenden Panzer kam immer näher. Wir wünschten uns dieser Stunde gegenseitig viel Glück. Auf diesen Moment sind wir vorbereitet, ob richtig oder nicht, wir werden sehen. Genug Gerüchte waren im Umlauf. Alle hatten Angst vor dem, was da auf uns zukam. Man sagte hinter vorgehaltener Hand, dass deutsche Soldaten in Russland auch nicht gerade wie Ehrenmänner aufgetreten sind und die Russen würden sich jetzt bitter rächen. Wir waren uns in einem Punkt einig, wir wollten die Rote Armee gemeinsam im Luftschutzkeller erwarten. Es blieb uns ja auch nichts anderes übrig.

“Die Russen kommen!” Mit diesen Worten kam der Beobachtungsposten in den Keller und berichtete, dass soeben ein russischer Panzer in unsere Straße eingefahren sei. Es wurde still im Keller, die Gespräche verstummten. Jeder versuchte, auf seine Weise mit der Angst fertig zu werden. Kinder weinten, eine Oma sprach das “Vater unser“ halblaut vor sich hin. Mütter weinten leise und versuchten ihre Kinder zu beruhigen. Alle zitterten mehr oder weniger vor sich hin.

Ich, dem man beigebracht hatte wie ein deutscher Junge zu sein hat, nämlich “flink wie ein Wiesel, hart wie Kruppstahl und zäh wie Leder”, hatte all diese Eigenschaften vergessen und zitterte genau so vor Angst wie die Mitmenschen hier im Keller. Was wird jetzt passieren? Dann hörten wir Schritte auf der Kellertreppe, da waren sie! Zwei russische Soldaten standen vor uns, mit dem Sturmgewehr im Anschlag. Einer fragte : “Soldat ist?“ Aus der verängstigten Gruppe antwortete jemand mit zitternder Stimme: ”NJET, keine Soldaten”.

So schnell wie die zwei gekommen sind, waren sie auch wieder weg. “War das alles?” lautete die ungestellte Frage. Wir hörten von draußen Stimmen, konnten aber nichts verstehen, es waren russische Laute. Aber dann ging es erst richtig los. Lärm auf der Kellertreppe. Plötzlich standen drei Soldaten bei uns im Keller. Einer blieb in der Tür mit dem schussbereiten Sturmgewehr im Anschlag stehen, während die anderen zwei jedem Bewohner ins Gesicht und auf den linken Unterarm schauten. Sah er eine Uhr, bekam der Träger mit den Worten “Uri, uri, dawei“ die Aufforderung, diese zu übergeben. Sie suchten auch nach deutschen Soldaten, die sich versteckt haben könnten. Wir hatten aber keine Soldaten versteckt. Also zogen sie ab. Und wir waren einige Uhren los. Immer wieder waren Schritte und russische Laute im Haus zu hören. Die Angst wollte nicht weichen. Dann wieder Schritte auf der Kellertreppe. Was wird jetzt passieren, war die bange Frage.

Wir sollten es sofort erfahren. “FRAU KOMM”. Das sind zwei deutsche Worte, die jeder russische Soldat kannte. Die deutschen Frauen wurden von den Sowjetsoldaten als Kriegsbeute angesehen, sie waren vogelfrei, sie konnten mit ihnen ungestraft machen, was sie wollten . Diese Worte “FRAU KOMM“ werden in der nächsten Zeit unser Leben begleiten. Ich war sechzehn Jahre alt und mit dieser Situation vollkommen überfordert. Ich musste mit ansehen, wie junge Frauen aus dem Keller geholt wurden und nach einiger Zeit weinend wieder zurück kamen. Im Keller wurde erzählt, dass eines der jungen Mädchen sieben mal hintereinander vergewaltigt wurde. Für Ruhe im Keller hat immer ein auf uns gerichtetes Sturmgewehr gesorgt.

Langsam wurde es ruhiger, es war sicher schon dunkel draußen. Die Soldaten haben den Keller verlassen, aber unsere Angst war immer noch präsent. Wir hatten jedes Zeitgefühl verloren, bis wir wieder Schritte und Stimmen hörten. Dieses mal waren es deutsche Laute. Eine Frau nahm all ihren Mut zusammen und ging nach oben um zu sehen, wer da spricht. Kurz darauf rief sie in den Keller: „Ihr könnt rauskommen, es ist alles ruhig.“

Es war ein schöner, sonniger Morgen. Die Oma, die am Abend noch innig mit ihren Gott gesprochen und ein Vater unser nach dem anderen gebetet hatte, fragte uns mit zittriger Stimme:

”IST JETZT FRIEDEN ?”

“NEIN, ABER BOMBENFLIEGER KOMMEN NICHT MEHR“.

Hier enden die Berichte von Horst Kaczmarek. Wie mir seine Tochter mitteilte, kehrte die Familie nach Kriegsende wieder nach Frankfurt zurück. Lona Nacke hat sich gerade in den letzten Jahren viel mit ihrem Vater über diese Zeit unterhalten und will nun selbst weitere Erinnerungen aufschreiben.

Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung II Hennigsdorf

Bericht Horst Kaczmarek Teil 2 – neue Heimat Hennigsdorf

„Die Nacht ging und der Tag kam. Das war nun die erste Nacht in der “neuen Heimat”. Als sechzehnjähriger Junge habe ich das alles wie ein großes Abenteuer erlebt. Die nationalsozialistisch geprägte Schulbildung und die Schulungen durch die Hitlerjugend hatten mich voll von der Richtigkeit der Sache überzeugt. Ich konnte mir auch nichts Anderes vorstellen, zumal ich auch noch nie etwas Anderes gesehen hatte.

Während die Frauen mit der Frau des Hauses gangbare Regeln für das Zusammenleben erarbeiteten, machte ich mich auf den Weg, um die nächste Dienststelle des Telegraphenbauamtes zu finden. Ich hatte den Auftrag vom Lehrherren, mich umgehend bei der nächsten Dienststelle zu melden. Es war nicht schwer diese zu finden. Sie war in Velten angesiedelt. Als ich mich hier anmelden wollte, bekam meine Überzeugung das erste Mal einen Dämpfer. Der Bautrupp bestand aus vier Mann; einem Bautruppführer und drei kriegsgefangenen Franzosen. Diese durften außerhalb des Lagers arbeiten, aber es musste immer ein deutscher Bewacher bei ihnen sein. Sonst war der Trupp nicht arbeitsfähig. Die Franzosen waren gute Fachleute. Ich konnte von ihnen viel lernen, denn ich war ja noch Lehrling. Es klingt sonderbar, aber es war so. Französische Kriegsgefangene wurden von einem deutschen Lehrling bewacht! Der Truppführer meinte, ich könne gleich hier bleiben und mit den Franzosen einen in der Nähe gelegenen Telefonanschluss wiederherstellen. Da wäre jemand über die Anschlussschnur gestolpert und hat den Apparat vom Tisch und die Anschlussdose aus der Wand gerissen. Ich brauche nur mit den Franzosen mitzugehen, die wissen schon wo und was zu tun sei. So war es dann auch. Als der Anschluss dann wieder funktionierte und wir zum Amt zurück kamen, war auch schon ein Dokument da, das mich als Mitarbeiter des Telegraphenbauamtes auswies. Damit hatte ich den Auftrag meines Lehrherren erfüllt. Meine Tätigkeit beim Telegraphenbauamt sollte jedoch nicht mehr lange dauern. Als Jugendlicher und nicht Wehrpflichtiger wurde ich von weiteren Aufgaben bei der Deutschen Reichspost entbunden. Kurz gesagt, ich wurde nach Hause geschickt.

DIE SUCHE NACH VATI

Ich kam nun auf den Gedanken, zu meinem Vater, der in Oderberg in der Munitionsfabrik dienstverpflichtet war, zu fahren und ihm unsere neue Adresse mitzuteilen. Eine funktionierende Post gab es ja schon lange nicht mehr. Meine Mutti war einverstanden. Ich glaube, sie tat es mit schwerem Herzen, denn die Zeiten waren unsicher. Von Hennigsdorf nach Oderberg zu kommen, ist normalerweise kein Problem. Aber es war Krieg. Nach Überwindung einiger Probleme habe ich irgendwie Oderberg erreicht und auch das Wohnlager der Munitionsfabrik gefunden. Aber die Enttäuschung war groß. Das Lager war am Vortag geräumt worden. Mir wurde mitgeteilt, dass alle nach Neustadt an der Dosse verlegt wurden. Habe ich Oderberg gefunden, werde ich auch nach Neustadt kommen, es ist doch alles vor der Haustür.

Diesmal hatte ich wieder Glück. Ein Offizier, den ich befragte, sagte: “steig ein, wir fahren nach Neustadt, wir haben noch Material dort hin zubringen.” In Neustadt angekommen, erwartete mich die nächste böse Überraschung. Die ganze Belegschaft war entlassen und mit einem Einberufungsbefehl in der Tasche bereits abgereist.

Ich war also wieder einen Tag zu spät . Nun musste ich sehen, wie ich wieder nach Hause komme. Wieder nahmen mich Soldaten mit. Sie setzten mich in Berlin an irgendeiner Haltestelle ab. Es kam auch bald eine Straßenbahn. Aber der Fahrer wollte mich nicht mitnehmen, denn das war die Endhaltestelle. Der Hänger wird hier abgestellt und der Triebwagen geht ins Depot, dahin könne er mich nicht mitnehmen, erklärte er mir. Aber ganz leise fügte er hinzu, dass er den Hänger hier unverschlossen lasse, da könne ich mich über Nacht reinsetzen. Früh um 5 Uhr ginge der Fahrbetrieb wieder los. Auf die Frage, wo ich denn überhaupt bin, sagte er: “Spandau Johannesstift.” Na dann Gute Nacht.

Die Nacht ging vorbei, es kam der Morgen. Ich habe nicht sehr gut geschlafen. Aber pünktlich um fünf Uhr fuhr ich gleich mit der ersten Bahn in die Stadt. Irgendwo stieg ich dann in die S-Bahn, die mir vertrauter war. So kam ich dann am frühen Vormittag wieder in Henningsdorf an.

Wer machte mir nach meinem Klingeln die Tür auf? Na wer wohl: Mein Vater!

Die Familie war nun wieder vereint, aber nur für kurze Zeit. Vati hatte ja den Einberufungsbefehl in der Tasche. Dem musste er Folge leisten. Meine Eltern überlegten die ganze Nacht, ob sie Vati vielleicht irgendwo verstecken könnten. Aber es war einfach zu gefährlich. Der Hausherr war strammer Parteigenosse und die Feldgendarmerie (Kettenhunde genannt) waren im Randgebiet von Berlin sehr aktiv auf der Suche nach Fahnenflüchtigen. Wer erwischt wurde, wurde an Ort und Stelle erschossen und alle Helfer gleich mit.

HANSI

Es war mal wieder ein herrlicher Morgen und so blau wie man sich einen Urlaubstag wünscht. Nur es war Krieg. Bei so einem Wetter waren auch etliche neue Flugzeugtypen zu Testflügen am Himmel. Es waren Flugzeuge, die mit einem lauten Knall die Schallmauer durchbrachen. Sie kamen vermutlich vom Flugplatz Oranienburg.

Ich bestaunte die neuen Typen und bemerkte zuerst gar nicht, dass ein kleiner Junge auf mich zukam. Erst durch sein Schluchzen wurde ich auf ihn aufmerksam. Es war der fünfjährige Hans M., der mit seiner Familie in Frankfurt die Wohnung unter uns bewohnte. Ich sah in sein von Tränen verschmiertes Gesicht und fragte: “Na Hansi, was ist los, warum weinst du ?“ Er schaute mich mit seinen großen Augen an und dann sagte er: “Unsere Mutter, die Doofe, wollte uns alle umbringen”. Ich war schockiert, wie ein so kleiner Junge über seine Mutter sprach. “Wo ist denn deine Mutti jetzt?” fragte ich weiter. “Die hängt an der Decke“. Mit dieser Antwort war ich, mit meinen 16 Jahren überfordert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die Worte des Jungen Wahrheit sind. Was sollte ich tun? Ich wollte mich aber auch nicht als Spinner lächerlich machen. Da fiel mir ein, dass der Junge noch einen Opa hat, der auch ganz in der Nähe wohnte. ”Lass uns zum Opa gehen!“

Opa saß im Garten und genoss die schöne Sonne. Ich erzählte, was ich bisher mit dem Jungen erlebte und Hans wiederholte das, was er auch mir schon erzählte. Der Opa wurde sehr unruhig, als ob er etwas ahnte. Opa ging mit uns zur Wohnung seiner Tochter. Es war nicht weit. Wir wohnten alle ziemlich dicht beieinander. Das Zimmer war unverschlossen und von der Familie war weit und breit nichts zu sehen. Da zeigte der Hansi mit dem Finger nach oben: “Da” sagte er und fing wieder an zu weinen. Opa ging so schnell er konnte die Treppe zum Boden hinauf, ich hinterher. Was wir dort sahen, verschlug uns die Sprache. Der Junge hatte recht. Frau M. und die anderen beiden Kinder hatten sich erhängt. Nur Hansi konnte sich irgendwie losmachen. Opa war blass und zitterte vor Erregung. Ich lief durchs Haus und trommelte ein paar Hausbewohner zusammen, die dem Opa helfen sollten, die Toten zu bergen. Jetzt erst wurde mir bewusst, was hier geschehen war. Mir wurde übel und ich musste raus, raus aus dem Haus. Ich hatte es plötzlich sehr eilig, nach Hause zu kommen und meiner Mutti diese traurige Neuigkeit zu erzählen.

Das ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der wenige Tage vor Kriegsende seine Mutter und seine Geschwister verlor. Über sein weiteres Schicksal ist mir nichts bekannt. Wie wir später erfuhren, hat der Vater der Familie, der an der Ostfront kämpfte, in seinen Feldpostbriefen ein so grausames Bild von den Russen gezeichnet, dass die Mutter vor Angst keinen anderen Ausweg mehr wusste.“

Fortsetzung folgt

Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung I Methnerstraße

Aufgrund meines Beitrages „Geschichten aus der Rathenaustraße“, Bettina Zarneckow, 16. Mai 2021, hatte ich bei Facebook vor einigen Tagen aufgerufen, mir ähnliche Erinnerungen zu senden, um sie vielleicht zu veröffentlichen. Den nicht ohne große Anteilnahme zu lesenden Bericht ihres vor wenigen Tagen verstorbenen Vaters Horst Kaczmarek hat mir seine Tochter Lona Nacke zugesandt. Ich werde ihn in mehreren Fortsetzungen veröffentlichen.

Bericht Horst Kaczmarek – Teil 1

Horst Kaczmarek (Foto privat)

„Die Rote Armee rückte immer näher auf Frankfurt zu. Der Wehrmachtsbericht meldete ständig Frontbegradigungen. An einen Endsieg glaubte in der Bevölkerung schon lange niemand mehr. Außer mir! Ich war gerade mal 16 Jahre alt und durch die Schule und die Hitlerjugend so manipuliert, dass ich mir gar nichts anderes als einen Sieg vorstellen konnte. Wer eine andere Meinung hatte und am Endsieg zweifelte, war ein Volksverräter, und der wurde mit dem Tode bestraft.

JANUAR 1945

Die Stadt Frankfurt (Oder) befand sich schon in einem Ausnahmezustand. Überall sah man Soldaten und Kriegsgerät, Schützengräben wurden eingerichtet, Straßensperren aufgebaut. Über die Oderbrücke zog ein nichtendenwollender Strom von Flüchtlingen seine Bahn, Pferdewagen, hoch beladen mit Hausrat und Gerätschaften. Auf manchen Wagen saßen obenauf alte Leute, die nicht mehr laufen konnten und weinende, kleine Kinder, die diese Welt und das, was da geschah nicht verstanden, angesteckt von der Angst der Erwachsenen.

Alle flohen vor der Front, vor der Roten Armee, von der Schreckensbilder gezeichnet wurden. Nicht alle Flüchtlinge hatten das Glück, einen Pferdewagen zu haben. Viele waren zu Fuß unterwegs und hatten nur einen Koffer oder einen Rucksack bei sich. Die meisten hatten kein Ziel vor den Augen. Sie wussten noch nicht einmal, wo sie die kommende Nacht verbringen konnten.

Am 27. Januar 1945 wurde die Stadt Frankfurt von Adolf Hitler zur Festung erklärt. Damit hatte die Wehrmacht das Sagen in der Stadt. Es war geplant, die Stadt für die Rundumverteidigung vorzubereiten und als Deckung für Berlin zu nutzen. Post und Zeitungen wurden nicht mehr zugestellt. Lebensmittel kaufen, war Glückssache, man musste wissen, wo noch ein Geschäft geöffnet war. Der Schulunterricht in Frankfurt war zuvor schon unregelmäßig erfolgt, da es den Schulen, unter anderem an Kohlen zum Heizen mangelte.

Am 4.Februar begann, auf Befehl des Festungskommandanten Biehler die Räumung der ersten Stadtteile. Wir, das waren meine Mutti und ich, bereiteten uns nun auch auf die bevorstehende Evakuierung vor. Vati war zu dieser Zeit dienstverpflichtet und musste in Oranienburg in einer Munitionsfabrik arbeiten.

Jeden Tag bin ich, mit einem Fernglas ausgerüstet, auf den Dachboden gestiegen. Von dort konnte man weit über die Oder schauen. Ich sah den Kleistturm am anderen Ufer der Oder und manchmal auch Flugzeuge der Luftwaffe, die in Richtung Osten flogen. Es waren Ju 87, sogenannte Sturzkampfbomber, die versuchten den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen. Eines Tages ging ich wieder auf den Dachboden und was musste ich sehen, oder besser nicht sehen?: Der Kleistturm war weg, einfach nicht mehr da. Die Soldaten der Wehrmacht hatten ihn gesprengt, weil er eine Orientierungshilfe für die Rote Armee sein könnte. Das bedeutete aber auch, dass die Front immer näher an die Stadt Frankfurt heran rückte. Das Leben in der Stadt wurde immer gefährlicher. Immer öfter konnte man die Detonationen von Granateinschlägen in bedenklicher Nähe hören.

Kleistturm

DIE EVAKUIERUNG

Es war Ende Februar, als der Befehl kam, dass alle Zivilisten die Stadt zu verlassen haben. Es herrschte das Kriegsrecht. Dem Befehl war also unbedingt Folge zu leisten. Auf dem Güterbahnhof, in der Hindenburgstraße stand ein Zug bereit. Unser Koffer war ja bereits gepackt und somit konnten wir auch gleich gehen. Es war ein eigenartiges und beklemmendes Gefühl. Werden wir gesund wiederkommen? Was wird der Krieg aus unserem Zuhause machen? Aber auf diese Fragen gab es keine Antwort. Mit uns kam noch unsere langjährige Nachbarin, Frau Malengrio, für mich Tante Liesbeth. Ihr Mann, für mich Onkel Walter, durfte die Stadt nicht verlassen. Er war für die Verteidigung der Festung vorgesehen.

Also machten wir uns zu dritt, mit schwerem Herzen und zusammen mit vielen anderen Frankfurtern, als Flüchtlinge auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Am Güterbahnhof angekommen mussten wir verschiedene Kontrollpunkte passieren. Dort wurde noch einmal kontrolliert, ob man wirklich berechtigt sei, die Festung zu verlassen oder ob man sich drücken wolle, die Festung zu verteidigen. Der letzte Kontrollpunkt war mit zwei Mann besetzt. Einem Zivilisten und einem Leutnant. Der Zivilist nahm meinen Ausweis rechnete kurz nach: Im Jahre 1928 geboren, bis 1945 sind 17 Jahre, also wehrpflichtig! Mir rutschte das Herz in die Hose. Der Leutnant nahm den Ausweis und sagte: “Aber erst am 6. November 28 geboren, also noch 16 Jahre alt und somit noch nicht wehrpflichtig.”

Wer hatte nun recht?

Da man sich nicht einig wurde, brachte man mich zur Dienststelle, die für die Durchführung der Evakuierung zuständig war. Man hörte sich den Fall an und entschied kurz: 16 Jahre, nicht wehrpflichtig. Der Junge hat die Stadt unverzüglich zu verlassen. Damit war der Fall geregelt. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Jetzt rannte ich, so schnell ich konnte, zurück zum Bahnhof. Der Zug stand noch da, mit meiner überglücklich Mutter darin. Irgendwann wurde es draußen lebhaft, laute Stimmen gaben etwas Unverständliches bekannt, eine Trillerpfeife ertönte und dann setzte sich der Zug mit unbekanntem Ziel in Bewegung. Nach etwa vier Stunden Fahrzeit und vielen Zwischenstopps hatten wir unser Ziel erreicht. Es war Hennigsdorf bei Berlin. Wir wurden schon erwartet. Ein ganzes Heer von Helfern stand bereit, um uns in unsere Quartiere zu begleiten.

HENNIGSDORF

Für uns war ein Zimmer im Obergeschoß eines Einfamilienhauses vorgesehen. Wir wurden dort nicht gerade freundlich empfangen, obwohl der Herr des Hauses ein Parteiabzeichen trug. Da Mutti und Tante Liesbeth unbedingt zusammen bleiben wollten, hatten sie einen Bedarf für drei Personen angegeben. In dem Zimmer waren jedoch nur zwei Betten. Mutti reklamierte das sofort. Die Antwort kam auch prompt: “Liebe Frau, wir haben Krieg und da muss jeder Opfer bringen. Dort in der Ecke steht ein Liegestuhl, das ist das dritte Bett” Ende der Diskussion . Das war nun für eine unbestimmte Zeit unsere Wohnung und der Liegestuhl mein Bett.

Der Tag war lang und aufregend. Wir bereiteten uns gerade auf die Nachtruhe vor, als wir im Radio Folgendes hörten: “Achtung, Achtung, eine Luftlagemeldung: ein feindlicher Bomberverband ist im Anflug auf den Südwesten unserer Hauptstadt.” Diese Information kam über Drahtfunk. Das war für uns neu. Wer einen Telefonanschluss hatte, konnte mit einem Rundfunkgerät, das über den Langwellenbereich verfügte die Luftlagemeldungen für die Stadt Berlin abhören. Nun erkannten wir auch, dass wir aus einem Gebiet mit relativ wenig Fliegeralarm, in ein Gebiet gebracht wurden, indem Fliegeralarm zur Tagesordnung gehörte. Jetzt kam aber erst mal eine Nacht, in der ich für Führer, Volk und Vaterland in einem Liegestuhl schlafen musste.

Na dann Gute Nacht auch!“

Fortsetzung folgt

Geschichten aus der Rathenaustraße

von Bettina Zarneckow

Frankfurt (Oder) ist meine Geburtsstadt. Dort steht mein Elternhaus im Stadtteil West, Ecke Heinrich-Zille und Rathenaustraße. Drei Reihenhäuser, erbaut zwischen 1929 und 1938 mit Wohnungen für Familien und Einzelmieter. Um bauen zu können, mussten meine Großeltern einen Riesenkredit bei der Postbank aufnehmen. Meine Großmutter erzählte mir, nach dem Einzug in das neue Haus auf Apfelsinenkisten geschlafen zu haben.

Emma und Paul Steinecke mit Sohn Kurt und Angestellten vor ihrer Fleischerei

Die Rede ist also von meiner Großmutter, Emma Steinecke, geb. am 27.04.1894 in Baudach Kreis Crossen. Ihre Eltern kamen im Jahr 1904 mit ihren Kindern von Baudach nach Frankfurt (Oder), um dort zu arbeiten und zu wohnen. Mein Großvater, Paul Steinecke, geboren in Trebra bei Bleicherode am 12.04.1888 im Dreikaiserjahr, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, kam nach dem ersten Weltkrieg nach Frankfurt.

Ihren Kindern, meinem Onkel Kurt Steinecke (1925-2007) und meiner Mutter Rosemarie Biegon, geb. Steinecke, geb. 1934, gelang es, die Häuser zu erhalten. Ungeachtet der zu niedrigen Mieten in der DDR und zudem der Unterversorgung mit Baumaterialien und Handwerkern.

Viele Geschichten sind mit den Häusern verbunden. Ich möchte einige Erinnerungen meiner Mutter aufschreiben. Für meine Kinder, meine Nichte, meinen Neffen und vielleicht als Zeitdokument.

Ich beginne mit dem Jahr 1945:

Am 3. Februar 1945 wurde Frankfurt evakuiert. Meine Großeltern mussten bleiben, weil sie eine Fleischerei hatten. Die Familie sollte zusammen bleiben. Deshalb blieben meine Urgroßmutter und meine Mutter ebenfalls in Frankfurt. Mein Onkel Kurt befand sich seit 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrte. Zwei Jahre später holte ihn die russische Geheimpolizei ab. Er wurde nach Potsdam in die Untersuchungshaftanstalt in der Leistikowstraße gebracht. Nach einem Jahr in Potsdam folgten vier Jahre im Arbeitslager von Workuta. Vor einigen Jahren habe ich mir das Gefängnis, das inzwischen eine Gedenkstätte ist, mit den Kellern für die Häftlinge angeschaut.

Nach der Evakuierung Frankfurts wurde im Luftschutzkeller unseres Hauses in der Heinrich-Zille-Straße 1a (damals Trautmannstraße) ein Nachrichtenstützpunkt vom Militär eingerichtet. Das 1938 gebaute Haus musste mit einem Luftschutzkeller errichtet werden. Seine stählernen Spezialtüren mit besonderer Verriegelung sind ein bleibendes Andenken an diese Zeit.

Der Nachrichtenstützpunkt wurde mit Fräulein Helga Magnus besetzt, einer jungen Sekretärin. Sie wohnte in Frankfurt, kam früh zur Arbeit und verschwand abends wieder. Auf ihrem Arbeitsplatz standen eine Schreibmaschine und ein Telefonapparat. Öfter kamen Offiziere vorbei, so erinnert sich meine Mutter an einen Oberleutnant Schlegel. Die genauen Aufgabengebiete der Sekretärin erschlossen sich meiner Mutter, die damals 10 Jahre alt war, nicht. Sie war oft im Keller bei Fräulein Magnus und unterhielt sich mit ihr, wie sie heute sagt, über Gott und die Welt. Frankfurts Straßen waren zu dieser Zeit fast menschenleer. Sie hatte keine Spielkameraden und so verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit im Nachrichtenstützpunkt. „ Ich fand das hochinteressant und ich fühlte mich wohl, weil ich Fräulein Magnus mochte“, so meine Mutter.

Eines Tages brachte meine Urgroßmutter Auguste Schlenz eine Ziege mit nach Hause, die herrenlos die Käthe-Kollwitz-Straße entlang gelaufen war. Sie meckerte wegen ihres prallen Euters herzzerreißend. Später lief noch eine zweite Ziege zu. Die Tiere waren von ihren Besitzern beim Verlassen Frankfurts zurückgelassen worden. Die zweite Ziege war trächtig und brachte in unserer Garage ein kleines Zicklein zur Welt, das meine Mutter Mecki taufte. Sie war etwas ganz Besonderes. Ein schwarzer Streifen ging über ihren Kopf und ihre Hörner waren schwarz. Die Ziegen lebten auf unserem Hof in der Garage. Mecki folgte meiner Mutter auf Schritt und Tritt. Zum Weiden wurden sie von meinem Großvater öfter aufs höher gelegene Nachbargrundstück gehoben. Während unser Hof gepflastert war, gab es dort genügend Gras und meine Mutter hütete sie. Eines Tages pfiff mein Großvater seiner Tochter zu, die mit den Ziegen im Nachbargarten war. Dieses Zeichen bedeutete Gefahr in Verzug. Die kleine Rosemarie wollte die Ziegen noch mitnehmen. Mein Großvater untersagte das streng. Tiefflieger näherten sich. „Bei offiziellem Fliegeralarm gab es Sirenenwarnung. Tiefflieger kamen ohne Vorwarnung, weil sie so plötzlich auftauchten“. Meine Mutter meint, dass es Engländer waren. Mein Großvater ergriff seine Tochter und rannte mit ihr in den Luftschutzkeller. Der Aufenthalt dort war nichts Ungewöhnliches. Schusssalven waren zu hören. Im Keller standen Bänke, auf denen gewartet wurde, bis mein Großvater Entwarnung gab. Die Ziegen waren unversehrt geblieben.

Noch im Februar wurde in der Rathenaustraße, die in der Nazizeit von Rathenaustraße in Schlageterstraße umbenannt worden war, auf dem Platz, auf dem sich heute die Schwimmhalle befindet, Munition in rauen Mengen gelagert. Mein Großvater beanstandete das und beschwerte sich, wahrscheinlich bei Oberleutnant Schlegel oder einem der vielen Offiziere, die im Nachrichtenstützpunkt unseres Hauses verkehrten. Eines Tages war der Platz beräumt. Offenbar wurde die Munition von Soldaten in die Keller der leerstehenden Häuser der Rathenaustraße verteilt. Es muss bei einem Überflug von Tieffliegern gewesen sein, dass sie sich durch Beschuss entzündete. Jedenfalls ging ein Haus nach dem anderen in Flammen auf. Meine Großeltern waren verzweifelt. Ihre Häuser waren am Ende der Straße, hatten zwar keine Munition in den Kellern, aber das Feuer würde sich trotzdem immer weiterfressen. In allen Häusern bestanden Durchbrüche zu den Kellern des jeweiligen Nachbarhauses. Es gab weder eine Feuerwehr noch ausreichend Wasser zum Löschen. Zusammen mit Angehörigen der Familie Heine, Inhaber der nahegelegenen Konservenfabrik Heinerle in der Georg-Richter-Straße und Herrn Raschke, einem letzten nach der Evakuierung verbliebenen Mieter unseres Hauses, Angestellter bei der Post, wurde versucht, das Übergreifen der Flammen zu verhindern. Meiner Mutter ist in Erinnerung, dass mein Großvater mittels eines Dreizacks die Trennwände zwischen den Häusern einzureißen versuchte. Zwei Häuser vor unserem konnten die Flammen gestoppt werden. „Seid ihr während des Brandes in eurer Wohnung geblieben?“ wollte ich von meiner Mutter wissen. „Nein“ antwortet sie. „Familie Heine, mit denen wir befreundet waren, bestand darauf, dass wir zu ihnen ziehen. Und so packten wir das Nötigste und blieben eine ganze Weile in ihrem Wohnhaus in der Georg-Richter-Straße. Mein Vater kam nur zum Übernachten und versuchte am Tage zu retten, was zu retten war. Bis wir wieder nach Hause zurück konnten.“

Noch heute ist anhand der nach 1950 errichteten Häuser zu erkennen, bis wohin der Brand sich ausgebreitet hatte. Unser Nachbarhaus, Besitzer war eine Familie Kluge, und unsere Häuser blieben unversehrt.

Wichtig für die Erinnerung: Im Jahr 1930 waren Straßenbäume in der Rathenaustraße gepflanzt worden. Von den Anwohnern, also auch von meinen Großeltern, gegossen und gepflegt. Sie überlebten den verheerenden Brand von 1945. Meine Generation hat sie beim Spielen als Versteck genutzt. Sie gehörten zum Straßenbild und prägten mit ihrem Grün den Stadtteil Westkreuz. Im Februar 2019 wurden nun diese 90 Jahre alten, gesunden Spitzahorne gerodet. Die Wurzeln der Bäume würden die Steine des Bürgersteiges anheben, hieß es seitens der Stadt. Diese Begründung überzeugt nicht. Schon in meiner Kindheit gab es erhebliche Unebenheiten durch die Wurzeln.Wenn finanzielle Mittel und Können nicht vorhanden waren, hätte einige Jahre gewartet werden können, um dann später bei einer Sanierung der Gehwege zu versuchen, die Bäume zu erhalten. Eine Dringlichkeit zur Rodung war nicht gegeben. Trotz Pflanzung von Gleditschien mutet die gesamte Straße wie eine Mondlandschaft an. Nicht nur ein trauriger Anblick, sondern es war auch leichtsinnig von den Verantwortlichen, diese über Jahrzehnte gewachsenen Zeugen der Geschichte in einer Art Handstreich vernichtet zu haben. Die heutige Diskussion über die Klimawende unterstreicht das nur.

Der am 26. Januar 1945 erklärte Festungsstatus Frankfurts wurde am 21. April aufgehoben. Die Festungstruppen traten ihren Rückzug an und rissen die gesamte Rathenaustraße auf, um den Russen ihren Einmarsch so schwer wie möglich zu machen. Fräulein Magnus kam nicht mehr. Am 23. April sah meine Mutter den ersten Russen in ihrer Heimatstadt.

Im Jahr 1976 – ein Rummel in Frankfurt (Oder)

Der Rummel war wieder einmal aufgebaut in meiner Heimatstadt. Ob es, als ich Kind war, jemals einen anderen Platz als den Topfmarkt gab, auf dem die Karussells und Zuckerwattebuden standen, das weiß ich nicht mehr.

Wie so oft in diesem Alter, ich war 7 Jahre alt, musste meine Schwester mich mitnehmen. Selten, eher nie, war sie begeistert darüber. Unsere Eltern gaben uns Geld und Straßenbahnfahrscheine mit, wünschten viel Spaß und wir sollten gut auf uns aufpassen und meine Schwester Camilla natürlich auf mich. Immerhin war sie ein Jahr älter, in meinen Augen sehr mutig, clever und einfallsreicher als ich und trotz ihrer auch erst 8 Jahre äußerst schlagfertig.

Wir fuhren also mit der Straßenbahnlinie 2 bis zum Platz. Das war der Platz der Republik, kurz Platz genannt, und stiegen dort in die Linie 3 um. Sie fuhr Richtung Lebuser Vorstadt. Auf dem Rummelplatz angekommen verschaffte sich meine Schwester erst einmal einen Überblick über die vorhandenen Fahrgeschäfte, um das Geld vorteilhaft einteilen zu können. Von ihren Klassenkameraden hatte sie gehört, dass diesmal wieder eine Geisterbahn mit dabei war und die sollte „nicht ohne“ sein und so stand sie unumstößlich auf dem Programm. Camilla hatte nur ein Problem: Mich, ihre kleine Schwester, ein unglaublicher Hasenfuß. Aber überzeugend argumentieren konnte sie und so fand ich mich in ihrem Schlepptau vor dem kleinen Fahrkartenhäuschen der Geisterbahn wieder, in dem eine füllige, respekteinflößende, dunkelhaarige Frau mit Damenbart saß. Es sah aus, als wäre sie mit aller Kraft in dieses winzige, für sie jedenfalls viel zu kleine Kabuff gepresst worden. Camilla bestellte zwei Fahrkarten. Eine für 50 Pfennige und eine Freikarte. Das verstand ich zwar nicht, aber ich verließ mich ganz auf meine große Schwester. „Soooo?“ kam es streng fragend aus dem Kabuff zurück. „Wie alt ist denn deine Schwester?“ „Sie ist erst 6“ antwortete Camilla standhaft. Also das wusste ich dann doch, dass ich schon 7 Jahre alt war. Jetzt wurde mir klar: sie wollte allein in die Geisterbahn! Einfach abwimmeln wollte sie mich. Und ich sollte so lange…, ja vielleicht bei dieser Frau abgestellt werden?! In mir kam Panik auf und geistesgegenwärtig wandte ich mich an den „Damenbart“: „Ich bin aber schon 7!“ Mein Blick ging dann unsicher und fragend zu meiner Schwester, die mich sehr, sehr ärgerlich ansah. „Aha“, kam es noch strenger aus dem Kabuff zurück, „dann sind das 2 mal 50 Pfennige und macht zusammen eine Mark!“ Wir bekamen also unsere Fahrkarten und es ging los. Hinein in eine Art Lore und ab ins Dunkel der Geisterbahn. Es roch sehr muffig, nach altem Stoff und ungelüftet. Der Geruch erinnerte mich an die Räume der Requisite im Kleist-Theater. Die kannte ich sehr genau. Unsere Mutter arbeitete im Theater und wir hatten Zugang zu allen Werkstätten.
Ab und zu schoss eine fürchterlich anmutende Gestalt aus einer Ecke hervor oder es zischte aus irgendeinem Winkel. Auch eine Berührung ließ mich sehr erschrecken. Die Lore ruckelte gnadenlos lärmend die Schienen entlang. Wohl war mir überhaupt nicht. Nach wenigen Minuten war ich froh, aussteigen zu können und wieder ans Tageslicht zu gelangen.

Wegen der Richtigstellung meines Alters, hatte ich den Unwillen meiner Schwester auf mich gezogen. „Du bist aber auch zu blöd“, musste sie noch loswerden. Damit konnte ich gut fertig werden. Sie hatte ja recht. So manches mal begriff ich zu spät. Das geht mir heute noch so. Wir zogen noch Lose und warfen einmal Büchsen. Eine Runde mit dem Kettenkarussell durfte ich fahren. Das tat ich am liebsten. Camilla verzichtete darauf, weil ihr immer schwindelig wurde und dann mussten wir wieder den Heimweg antreten. Zuckerwatte für mich war natürlich nicht mehr drin. Dafür hatte ich mich bei der strengen Kartenverkäuferin der Geisterbahn zu dumm angestellt. Trotzdem gingen wir beide noch öfter zusammen auf den Rummel. Und meine große Schwester marschierte stets vorne weg.

Bettina Zarneckow

Was ist es? – zweiter Versuch

Was ist es, das die Vogelwelt 
so frohgestimmt in Atem hält? 
Was ist es, dass die Knospen springen, 
ein Lied blühender Zukunft singen. 
Was ist es, dass des Menschen Herz 
umkränzt nun einen Liebesschmerz 
und ganz in Hoffnung eingehüllt, 
sich trunken manchen Wunsch erfüllt. 
Der Lenz zieht ein mit Sinnlichkeit, 
mit ewiger Verlässlichkeit.
Mit Leidenschaft und Allgewalt 
gibt der Natur er neu Gestalt. 
Was dir vor Augen grad' erwacht, lässt dich nun nicht mehr still. 
Birgst nicht auch du ein Knöspelein, das längst erblühen will?

Bettina Zarneckow

Von einigen Dichtern weiß man, dass sie ihre Gedichte immer wieder veränderten. Sie schrieben sie um oder sortierten einzelne Strophen sogar aus. Das habe ich hier nach Anstoß (vielen Dank an K.-L.) versucht, wie ihr im Vergleich der beiden letzten Strophen zu meiner ursprünglichen Fassung erkennen könnt. Ist das nun endgültig? Euch fällt noch eine Strophe ein? Versucht es doch einfach und schreibt sie in die Kommentare. Ich würde mich freuen!

Bettina

Was ist es?

Was ist es, das die Vogelwelt
so frohgestimmt in Atem hält?
Was ist es, dass die Knospen springen, 
ein Lied blühender Zukunft singen? 
Was ist es, dass des Menschen Herz
umkränzt nun einen Liebesschmerz
und ganz in Hoffnung eingehüllt, 
sich trunken manchen Wunsch erfüllt?
's ist Frühling, Aufbruch, Neubeginn,
nach Lieblichkeit trachtet der Sinn,
nach Wärme, Duft und Sonnenlicht,
nach Staunen, das von Fülle spricht.
Nimm auf, was Schönes dir erblüht, und spür' es auch in dir.
Du selbst bist eins mit der Natur, nur deshalb bist du hier.

Bettina Zarneckow

Theo wandert

erzählt von Karl-Ludwig von Klitzing

Theo ist 5 Jahre alt. Er lebt bei seiner Mutter in Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg. Sein Vater wohnt in Mitte in einer neuen Beziehung. Theo wechselt gern und oft zwischen beiden Wohnungen hin und her. „Theo wandert“, heißt es dann allgemein. Den dazugehörigen Hol- und Bringe-Dienst erledigt der Vater – liebend gern macht er das. Die Stimmung dabei ist immer wieder sehr lustig, wenn natürlich auch kleine Differenzen nicht ausbleiben. Theo mag Abwechselungen in jeder Art und er ist pfiffig genug, aus „abwechslungsreichen“ Verhältnissen kleine Extras für sich herauszuholen.

Theo ähnelt im Wesen seiner Mutter Carina. Beide sind sie hübsch und beide wissen das. Immer wieder erobern sie sich mit Anmut und Hingabe alle Herzen im Sturm. Auch das wissen sie. Theo ist flexibel und mutig, ein echter Kämpfer ist er nicht. Eher erbittet er sich auf eine ganz eigene Art erforderliche Hilfen. Man nimmt ihn gern in den Arm. Er lehnt sich dicht an, kuschelt, kommt ganz nahe heran. Man spürt seinen Körper. Die Herzen regen sich. Immer wohliger und wärmer wird einem, man genießt die Nähe. Ein klein wenig später wird man plötzlich aufmerksam und versucht zu registrieren, was hier so anders ist. Es entsteht ein kleiner Abstand. Man fragt sich, ob man hier irgendwie helfen könnte? Schließlich meint man, eine romantische, fast glückliche Form einer Traurigkeit zu spüren. Das aber überfordert eine kurze Begegnung. Und so trennt man sich mit einem winzig schlechten Gewissen, so, als habe man ein kleines Unglück sich selbst überlassen. Ich nehme oftmals ein kleines Sehnen mit, wenn ich die beiden verlasse. Dann schwingen in mir Gedanken über die Zartheit einer Kinderseele nach und ich frage mich, ob das Einpflanzen eines schlechten Gewissens eine Kunst ist, die vielleicht einem Neugeborenen schon in die Wiege gelegt worden ist?

Theo ist ein Lieber, ein Gutmütiger und süß ist er obendrein. Natürlich weiß er aber auch genau, mit wem er wie am vorteilhaftesten auskommt. Hierbei ziehen in ihm Wesenszüge von der Mutter ebenso wie vom Vater mit. Wenn man ihn fragt, wo er her ist, sagt er mit großer Überzeugung und mit erhobener Stimme am Schluss des Satzes: „Ich bin doch aus Berlin!“

Oftmals wechselt er in den Extremen von einem ausgesprochen pfiffigen Berliner Schusterjungen bis hin zu total verträumt und geistesabwesend. Und das kann schon mal innerhalb weniger Minuten beides hintereinander vorkommen. Wie gesagt: Theo ist 5 Jahre alt.

Wieder einmal war Theo mit seinem Vater unterwegs. Die von ihm erhandelte Option enthielt auch eine Übernachtung in der Tucholskystraße. Nach einem turbulenten Nachmittag und einem relativ langen Abend ging es recht spät zu Bett. Er hatte in der neuen Familie seines Vaters ein Separee, welches er gern und auch völlig selbständig in Beschlag nahm. Müde zog er sich aus, wünschte allen eine gute Nacht und war dann schnell eingeschlafen. Der Vater hatte viele Freunde. Mit ihnen traf er sich gern zu einem Bier in der traditionellen Kellerkneipe, die bereits vor Jahrzehnten direkt unten im Hause ausgebaut worden war. Bis hierhin konnte Theo mit Hilfe eines Babyphons jederzeit in Verbindung treten. Meist fand sich aber ohnehin am späten Abend die gesamte Familie zu Hause wieder ein. Dann wurde es schnell still in der Wohnung. In besagter Nacht wachte Theo auf. Er war hell wach und sprach in das Babyphon. Eine Antwort erhielt er nicht. Eigentlich erwartete er auch keine. In aller Ruhe zog er sich an, verließ die Wohnung und ging schnurstracks in die Kneipe im Keller. Nur noch die letzten Gäste waren hier anwesend, solche, die sich immer ein bisschen Mut machten, bevor es nach Hause ging. Sie begrüßten Theo. Wie eine aufgehende Sonne begrüßten sie ihn in ihrer tristen Situation. Triumphierend versprühte Theo seinen Charme. Trotz der vorgerückten Stunde und der etwas obskuren Gesellschaft kam er vollkommen auf seine Kosten. Er hatte die Nacht zum Tage gemacht und zwar zu seinem Tag. Schließlich nahm der Wirt sich seiner an. Er ging mit ihm auf die Straße. Theo klingelte. Der Vater hörte die Klingel, beschimpfte in Abwesenheit die übermütigen Säufer, die nachts nichts als Unsinn im Kopfe hätten. Er erinnerte sich an seine eigenen Sturm- und Drangzeiten, drehte sich in seinem Bett um und ließ es einfach weiter klingeln. Bald darauf schlief er wieder ein. Theo und der Wirt standen nun mitten auf der Tucholskystraße und versuchten, sich im 3. Stock bemerkbar zu machen. Und obwohl sie so laut sie konnten – einzeln und im Duett – nach dem Papa riefen, machten sie sich nur bei anderen Anwohnern unbeliebt. Die Berliner sind in solchen Fällen konkret, lautstark und nicht gerade fein. Als der Wirt und Theo genug davon hatten, zogen sie sich in die Kneipe zurück. Das war für alle ein Grund, eine Überstunde zu machen. Theo wird sie nie vergessen. Schließlich rief der Wirt die Polizei. Sie wurde mit großem Hallo begrüßt. Erneutes Klingeln in der Tucholsky-Straße 32. Jetzt wachte Anna auf. Ebenso ohne Kenntnis der Vorgeschichte beschimpfte sie übermütige Säufer in Abwesenheit. Auch sie drehte sich im Bett um und schlief weiter.

Spät nach Mitternacht rief die Polizei per Megaphon den Nachnamen von Theo aus, mit der Aufforderung, den Jungen in Empfang zu nehmen. Dies war jedoch vom Vater nicht zu hören, weil das Fenster des Schlafzimmers zum Innenhof gereichte. Und außerdem: Der Familienname von Theo, nämlich der seiner Mutter, war hier im Wohnviertel unbekannt. Zunehmend öffneten sich immer mehr Fenster in der Umgebung. Der ganze Vorgang wurde überwiegend mit wütenden und auch deftigen Kommentaren aus der Trivialliteratur begleitet. Die Situation löste sich, als Ole, ein Mitbewohner im Haus, Theo erkannte. Mühevoll trommelte er den Papa heraus. Vater und Sohn begrüßten sich, streng aber herzlich. Der Wirt machte eine weitere Überstunde – nun polizeilich genehmigt und vom Papa gesponsert.

Theo hat seither alle Herzen der Tucholskystraße „in seiner Tasche“. Von dieser Nacht an wird die Wohnung konsequent abgeschlossen und der Schlüssel unter Papas Kopfkissen aufbewahrt. Es ist Theo zuzutrauen, dass er diese Art des Wanderns liebend gerne wiederholen würde.

Frau Merkel, die parlamentarische Demokratie und die Macht

Wenn sie es denn überhaupt wünschten, habe ich meinen Kindern gerne Märchen zum Einschlafen erzählt. Sie hatten fünf Begriffe zu nennen, ich hatte eine Geschichte mit ihnen zu bilden. Es wurde penibel gezählt, alle Begriffe mussten in der Geschichte auftauchen. Natürlich kam es auf den Wahrheitsgehalt der Geschichten nicht so an, deshalb nannte ich sie Märchen. Und sie waren genauso wahr wie alle Märchen.

Damit bin ich bei meinen heutigen Begriffen angekommen: Verzeihung, Impfstoff, Chile, Ausgehverbot und Mutanten.

Am Mittwoch, den 24.3. diesen Jahres entschuldigte sich Frau Merkel bei ihrem Volk, bat um Verzeihung und entmachtete so ganz nebenbei ihre Ministerpräsidenten. Weil sie alleine die Letztverantwortung für eine lebenswichtige Entscheidung trage, die zwei Tage zuvor von der Ministerpräsidentenkonferenz unter ihrem Vorsitz getroffen worden war. Sie zog den Vorschlag der Konferenz, mehr war es eigentlich gar nicht, für zwei Ruhetage vor Ostern im Kampf gegen die Pandemien 1 und 2 angeblich ersatzlos zurück. Und wer die Letztverantwortung trägt, braucht andere nicht zu fragen. Die Landesfürstinnen und die Landesfürsten (!) beeilten sich, ihre Mitverantwortung zu beteuern. „Ersatzlos zurück“ ist im übrigen nett gesagt, weil die Sache ein dickes Ende hat.

Der Kanzleramtschef und Arzt Helge Braun wies auf eine ganz gemeine Zwickmühle hin: Wenn parallel zum Impfen die Infektionszahlen rasant steigen, wächst die Gefahr, dass die nächste Virus-Mutation immun wird gegen den (vorhandenen) Impfstoff.

In Chile deutet sich so ein Desaster an. Mehr als ein Drittel der 19 Millionen Chilenen sind mindestens einmal geimpft, jeder Achte sogar zweimal. Dennoch explodieren die Zahlen. Vergangene Woche waren es täglich 7000. Umgerechnet auf Deutschland mit seinen gut 83 Millionen Einwohnern wären das ca. 31000 Erkrankte am Tag. Der chilenische Epidemiologe Jaime Cerda benennt einige Gründe. Einer davon lautet, dass Mutanten im Umlauf sind, auf “welche die Impfungen weniger gut ansprechen”. Wenn also in Deutschland ein Drittel der Bevölkerung oder 27 Millionen geimpft worden sind, muss sich noch gar nicht allzu viel verbessert haben.

Und damit komme ich auf mein “angeblich” aus dem von der mächtigen Frau Merkel zurückgezogenen Vorschlag mit dem dicken Ende zurück. Am gestrigen Montag hat sie in einer Fernsehsendung bei einer gewissen Frau Will nachgeschärft und dem Publikum die weitere Entmachtung der Landesfürsten, wenn diese notwendiges aus Sorgen um die Macht partout nicht wollen oder können, erläutert. Angesichts täglich steigender Zahlen geht es nicht um die Rücknahme von Lockerungen, sondern um weitere schnelle Schritte zur Eindämmung von Infektionen, verursacht durch die Covidmutanten.

Ihre ultimativen Forderungen sind begründet. Die Quelle der meisten Infektionen ist der private Bereich. Also ist ein nächtliches Ausgehverbot für alle, und vorerst auf wenige Wochen begrenzt, nicht zu umgehen. Die Arbeitgeber haben in den Großbetrieben Schnelltests zu organisieren, genauso wie die Länder für die Schulen und die Flughafengesellschaften für ihre Fluggäste. Was ist nun das Märchenhafte an dieser Geschichte? Eine Bundeskanzlerin hat den Landesfürsten, nein auch den Landesparlamenten ein Ultimatum gestellt. Die Lage scheint ernst, aber nicht hoffnungslos.

Reinhart Zarneckow

Keine Mitläuferin – kein einfaches Leben?

Ich bin die große Schwester der „Mitläuferin“ Bettina Zarneckow (Eine Mitläuferin-hier im Blog). Mein Name ist Camilla Klich. Ich hatte mich nie damit abgefunden, eingesperrt im Arbeiter- und Bauernstaat zu leben. Die Konzerte von Bob Dylan und von Bruce Springsteen nicht live sehen zu können, nicht unter Palmen liegen zu können und im 26 Grad warmen Meerwasser zu schwimmen, nicht Pepsi Cola trinken zu können. Ich sammelte Ansichtskarten aus jedem Winkel der Welt. Auf eine Ansichtskarte war ich besonders stolz. Sie stammte aus Südafrika. Für Politik interessierte ich mich wenig.

Wir haben Freunde in San Francisco. Das Ehepaar war 1976 bei uns zu Besuch. So lernte ich fleißig Englisch. Ich glaube, ich war recht gut, und so konnte ich ihre Briefe auch für die ganze Familie leicht übersetzen und mühelos antworten. Mein Berufswunsch war Lehrerin für Deutsch und Englisch. Fast allen aus meiner Klasse wurde ein Direktstudium verweigert. Die Jungen konnten ein Studium nach 3 jähriger Armeezeit antreten. In der Regel aber erhielten im besten Fall nur diejenigen einen schnellen Zugang ohne Umwege zu den Hochschulen, die ihre sozialistische Grundeinstellung und Parteikonformität nachweisen (oder glaubhaft vortäuschen) konnten. Also erhielten nur die beiden Mitschüler, die den Lehrerberuf in der Fächerkombination mit Staatsbürgerkunde ergreifen wollten, eine Zulassung zum Direktstudium.

Da das Reisen schon immer ein Faible von mir war, arbeitete ich im Reisebüro. Parallel lernte ich für ein Studium weiter Englisch an der Volkshochschule. Die Sommermonate waren toll. Da kamen die Touristen aus dem NSW, wie wir Reisebüroleute es nannten – die Touristen aus dem Nicht-Sozialistischen-Wirtschaftssystem. Ich war aufgeschlossen und begierig, Neuigkeiten aus dem Ausland zu erfahren und sicherlich auch naiv, jedenfalls nahm ich kein Blatt vor den Mund und schilderte ihnen im Gespräch offen die Verhältnisse, unter denen ich in der DDR lebte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Frau aus Schweden kennen. Wir freundeten uns an. Sie besuchte mich. Wir fuhren nach Rostock und Warnemünde.

Mit der Personalchefin im Reisebüro hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Karin reagierte verständnisvoll, war immer bereit, sich meine Sorgen anzuhören, gab Ratschläge als ich mich (vergeblich) zum zweiten Mal für ein Lehrerstudium beworben hatte. Sie war selbst eine überzeugte Genossin und linientreue DDR-Bürgerin und versuchte mich zu überzeugen, in die SED einzutreten. Das kam für mich nicht infrage. Im Fernsehen sah ich vor allem „Westsender“. Ich verabscheute die Sendung „Der schwarze Kanal“ von und mit Karl Eduard von Schnitzler im DDR Fernsehen.

Dann kam am 9.11.1989 die Wende mit dem Mauerfall. Unmittelbar darauf verkündete Karin im Büro etwas zu lautstark, dass sie nicht gedacht hätte, wie viele Lügen die DDR-Regierung erzählt hätte und wie komfortabel die Oberen der SED in der Siedlung Wandlitz gewohnt hätten usw. Ich wusste gleich, dass sie das nicht ernsthaft meinte, glaubte ihr nicht.

Der Tag, als ich einen Einblick in meine Stasi-Akte erhielt: Ich arbeitete gerade in Berlin, als ich eine Aufforderung bekam, mich in der Stasi-Unterlagen-Behörde (BstU) zu melden. Ich dachte, was werden schon für Unterlagen über mich existieren. Nach meiner Schulzeit bestand die DDR ja nur noch 3 Jahre. Dann kam schon die Wende. Ich hatte mich getäuscht. Eine Dame brachte einen Rollwagen, der mit Akten vollgepackt war. Ich fand Aufzeichnungen über meine Kindheit. Das Kennenlernen mit meiner schwedischen Freundin wurde beschrieben. Die Kopie ihres Notizbuchs mit Adressen in Schweden und Dänemark fand ich vor. Wie war die Staatssicherheit nur daran gekommen?

Die Stasi hatte alle Nachbarn in unserem Haus über meine Schwester Bettina und mich ausgefragt. Welches Autos unsere Familie und der Bruder meiner Mutter fuhren. Über die Besuche einer Freundin meiner Mutter aus Kaiserslautern, das Treffen mit Freunden aus San Francisco. All meine in Englisch geschriebenen Briefe nach San Francisco fand ich maschinegeschrieben und sorgfältig übersetzt.

Ich wurde systematisch von drei Kolleginnen ausspioniert. Die erste war die damalige Leiterin der Zweigstelle des Reisebüros im jetzigen Oderturm in Frankfurt (Oder). Die andere Kollegin war Christel. Harmlos. Sie hat mich nie ausgefragt. Und die dritte Kollegin war Karin. Sie schrieb in allen Einzelheiten, was ich ihr in den 3 Jahren erzählt hatte und bewertete mich. Zum Beispiel, dass ich ein behütetes Kind war und meine Eltern mir jeden Wunsch erfüllten. Sogar der genaue Preis eines teuren Strickkostüms und einer Hose, die ich gekauft hatte, waren angegeben. Dazu noch ihre Anmerkung: „Viele Lebensmittel kauft die B. im Intershop und verspeist diese bei der Arbeit z. B. Joghurt beim Frühstück“. (B. wegen meines Mädchennamens Biegon) Tatsächlich war mein Vater Rentner, der nach Westberlin fahren durfte und uns immer etwas mitbrachte.

Ich erfuhr nun auch, warum ich immer Absagen zum Studium erhielt. Karin schrieb in einem Bericht, dass ich noch keinen „gefestigten Klassenstandpunkt“ hätte, ich im Grunde alles studieren würde, um etwas aus mir zu machen. Außerdem weigere ich mich beharrlich, in die SED einzutreten. Und dann der Satz: „Zu B. besitze ich gute persönliche Verbindungen, die ausbaufähig sind“.

In meiner Stasi-Akte stand auch, dass ich eine Jugendtouristreise nach Jugoslawien beantragt hatte, man wollte überprüfen, ob ich „Fluchtgedanken“ hätte. Zu diesem Zwecke schickte man einen Radiomoderator zu uns. Wir kannten ihn. Er wohnte auch in der Heinrich-Zille-Straße uns gegenüber und sollte das „abklopfen“. Als Grund seines Kommens gab er an, Informationen über unser Radioverhalten einholen zu wollen. Ich war misstrauisch und stellte meinerseits Fragen. „Von ihrer Mutter ängstlich gebremst“ vermerkte er deshalb in seinem Bericht. Er brach das „Interview“ ab und verabschiedete sich. Sein Auftauchen bei uns fand ich bedenklich. Alle Berichte wurden als „glaubwürdig“ gegengezeichnet. Von Oberstleutnant G., Major W., Hauptmann M.
Welch ein Aufwand für nichts.

Das ist jetzt 32 Jahre her. Ich war inzwischen in vielen Ländern. Unter anderem in den USA, hier San Francisco und Los Angeles. In Irland, in der Normandie, Griechenland und England …. Als das Flugzeug auf dem Flughafen in San Francisco landete, konnte ich nicht sprechen, so überwältigt war ich. Unsere Freunde holten uns ab.
Ich hörte das „Kling, kling“ der Cable Cars, von dem sie mir immer geschrieben hatten, sah die Golden Gate Bridge, besuchte die ehemaligen Gefangeneninsel „Alcatraz“, machte einen Bummel durch China-Town. – Erst jetzt erfuhr ich aus ihren Tagebuchaufzeichnungen, dass sie 1976 bei ihrer Einreise von der Stasi befragt wurden, welchen Grund ihr Besuch bei uns hätte, wie lange sie bleiben würden usw. – In Los Angeles war ich unter anderem in Beverly Hills, Santa Monica und in Hollywood.

Ich bin mit mir im Reinen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Lehrerin für Deutsch und Englisch bin ich nicht geworden. Aber ich habe meinen Arbeitsplatz in der Europa-Universität Viadrina in meiner Geburtsstadt Frankfurt(Oder) gefunden und arbeite mit Studenten zusammen. Die Wende kam noch rechtzeitig.

Camilla Klich

DLK-Foto 1982