Kleine Reib’n – große Freiheit

Bettina Zarneckow

Heutzutage sieht man sich einem immer größer werdenden Schilderwald gegenüber. Für jegliche Situation im Straßenverkehr und im sonstigen Dasein scheint ein Gebots-, Verbots-, Hinweis- oder Warnschild zu existieren: Achtung, fehlende Fahrbahnmarkierung, bei Rot hier halten, hier keine Verrichtung von Notdurft erlaubt, Diskretionsabstand halten, Händeschütteln vermeiden, Trocknung von Haustieren in der Mikrowelle verboten …

Sicherlich hat das alles Gründe und ist oftmals Antwort auf menschliches Fehlverhalten. Der Mensch fühlt sich sicher, bedient sich weniger des eigenen Verstandes und Anstandes und hält sich für weniger verantwortlich.

Dann gibt es die Berge und ihre unendliche Freiheit. Sparsam aufgestellte Wegweiser, selten einmal ein Funksignal fürs Navi. Telefonieren und WhatsAppen kaum möglich. Was zählt, ist der gesunde Menschenverstand, eine gute Selbsteinschätzung, eine Wanderkarte und Mitmenschlichkeit. Und … es funktioniert!

Am 21. August machten unsere Tochter Alexandra und ich uns zum zweiten Mal auf den Weg, den Schneibstein im Hagengebirge im Berchtesgadener Land zu erklettern. Im letzten Jahr hatten wir einen spontanen Versuch wegen plötzlich aufziehenden schlechten Wetters abgebrochen. Die Steine auf den steilen Wegen waren glitschig, die Sicht wurde zunehmend schlechter, die Temperatur sank plötzlich und es zog ein eisiger Wind auf.

In diesem Jahr waren wir besser vorbereitet und traten bei sehr schönem Wetter erneut unser Abenteuer an. Mit der Bergbahn fuhren wir zur Bergstation des Jenner (Berg 1874m, gehört zum Göllstock der Berchtesgadener Alpen), stiegen erst einmal wieder einige Höhenmeter ab und begannen am Stahlhaus den steilen Aufstieg. Zweieinhalb Stunden zum Schneibsteingipfel lasen wir auf dem Wegweiser. Außer uns hatten sich noch einige Bergfreunde die Tour vorgenommen. Frühe Starter waren zur Zeit unseres Aufstiegs schon wieder beim Abstieg. Und so war unser Weg begleitet von servus, griaß eich, grüß Gott und pfiat eich. Jeder Gruß ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Die Freundlichkeit, Unbeschwertheit, Duldsamkeit und Heiterkeit der meisten Naturfreunde war wohltuend. Wir trafen aber auch ein Pärchen, das sich kräftemäßig verschätzt hatte und zigaretterauchend nach dem kürzesten Weg zurück fragte. Wir stiegen wacker weiter. Bis wir tatsächlich in fast angegebener Zeit den Gipfel des Schneibsteins in 2276 Meter Höhe erreichten. Wieder war es kälter geworden und ein unangenehmer Wind erschwerte uns den Weg, aber wir hatten es geschafft und standen auf einem wunderschönen, großflächigen Berggipfel, auf dem sich ein deutsches und ein österreichisches Gipfelkreuz befanden.

Die Aussicht war atemberaubend. Um uns vor dem Wind zu schützen, lagerten wir gemütlich in einer Erdmulde und stärkten uns für den Abstieg. Fast zahme Alpendohlen bettelten um einen Happen der Brotzeit, längst nicht so unverschämt wie die Möwen an Nord- und Ostsee. Ein Verjagen der Tiere fiel hier niemandem ein. Die Stimmung dort oben mit Menschen, die ihr Ziel oder ein Zwischenziel erreicht hatten, muss man einmal erfahren haben.

Wir beobachteten Familien und Pärchen. Es gab aber auch Menschen, die sich allein auf den Weg gemacht hatten. Warum wohl, warum allein? Ich bin gern mit Alexandra unterwegs. Mit meinem Mann Reinhart ebenso. Aber die Überlegung, einmal ganz allein eine größere Herausforderung anzunehmen, hat ihren Reiz. Und, wie ich neulich mit einem Freund übereinstimmte, die Chance, andere Menschen kennenzulernen, wüchse.

Warum empfinde ich es als so beglückend, in den Bergen zu sein und hinaufzusteigen? Natürlich – Urlaubszeit, die Sorgen des Alltags weit weg. Dann das Leisten körperlicher Anstrengung. Die Seligkeit, ein Ziel erreicht zu haben, allein durch Willen, Muskelkraft, Orientierungsvermögen und Geschick. Und diese unwirklich erscheinende Stille, die, ja ich möchte sagen, belebend wirkt.

Als wir begannen, den ersten steilen Hang unserer Tour zu erklettern, fiel mir auf, dass es keine Begrenzung zum Abgrund gab, kein Stahlseil zum Festhalten, kein Schild ‚Achtung Lebensgefahr‘ oder ‚Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder‘. Nein. Hier war Eigenverantwortung gefragt, das Bewusstsein, die Folgen aus der selbst getroffenen Entscheidung zu tragen. Das Zutrauen zu sich und in die eigenen Kräfte. Und das tut unglaublich gut.

In einem Interview der SZ mit dem Philosophen und Bergwanderführer Jens Badura, dessen Heimat Berchtesgaden ist, antwortete er auf die Frage ‚was er in den Bergen suche‘: “Starke Räume. Da, wo es steil wird, gibt die Welt einen Widerstand vor, der im Flachland in der Form nicht da ist. Das ermöglicht Erfahrungen, die ich anderswo nicht machen kann, und regt zum Denken an; in der Atmosphäre des Vertikalen funktioniert der Geist anders.“

Erfüllt und dankbar, so etwas Schönes erleben zu können, mussten wir nur noch den Abstieg bewältigen. Nur noch – das war eine Fehleinschätzung. Wir hatten den Weg Richtung Seeleinsee gewählt. Bergseen haben auf uns eine besondere Anziehungskraft, besonders bei 26 Grad Lufttemperatur. Rund um die Windscharte (Berg 2103m) tat sich ein beeindruckender Panoramaweg durch eine steinerne Wüste auf.

An einem guten Aussichtspunkt wartete ein Einheimischer auf Alexandra und mich, den wir wenige Minuten vorher hatten passieren lassen. Er wollte uns unbedingt auf Gämsen aufmerksam machen, die wir allein niemals entdeckt hätten. Das schwere Teleobjektiv hatte ich also doch nicht vergebens mitgetragen. Eine kurze Unterhaltung und mit einem ‚pfia god beinand‘ setzte er seine Wanderung fort. Er war für lange Zeit der Letzte, dem wir begegneten.

Der folgende herrliche Abschnitt führte durch ein Tal. Geräusche vernahmen wir wie durch einen Lautsprecher, gefolgt von einem Echo. So glaubten wir abgehendes Geröll zu hören oder gar das Hörnerknallen von Steinböcken, was nicht unwahrscheinlich gewesen wäre. Es gab auch eine Situation, in der kein Weg weiter führte. Wir fanden uns in einem Gebüsch von Latschenkiefern wieder. Fortsetzung fand unsere Route über einen karstigen Felsvorsprung, dann auf schmalem Pfad durch Latschenfelder.

Wir gelangten zu einem Hang, der uns Kraft und Trittsicherheit abverlangte. Der komplizierteste Teil unserer Tour mit Blick in den Abgrund. Jeder Schritt musste genau überlegt werden. Manchen Abschnitt mussten wir im Sitzen rutschend überwinden.

Hinter jeder Biegung erhofften wir den See. Doch erst nach gut drei Stunden konnten wir Hände und Füße in ihm erfrischen. Unsere Kraftreserven waren fast aufgebraucht. Aber unser Ziel, die Mittelstation der Jenner Bergbahn, lag noch zweieinhalb Stunden entfernt „wennst ihr Madl straff wanderts“, so ein kundiger Bergwanderer. Ein Blick auf die Uhr: kurz vor 16.00 Uhr. Die Bergbahn stellt pünktlich um 18.00 Uhr ihren Betrieb ein. Ein Verpassen würde noch einmal zweieinhalb Stunden Fußmarsch bedeuten, zu dem wir uns kaum mehr imstande sahen. Schnell eine Nachricht per WhatsApp an Reinhart, er solle schon ins Tal fahren. Eigentlich wollten wir uns zu einem gemütlichen Essen an der Mittelstation treffen.

Eilig durchwanderten wir nun den Stiergraben, einen nicht so schönen Teil des Weges. Auf Steine gemalte Flaggen, die uns den ganzen Tag als Wegweiser dienten, waren durch wucherndes Unterholz kaum zu entdecken. Endlich wurde die Priesbergalm angekündigt. Aber die Zeit schmolz unnachgiebig dahin. Vorbei an der Alm, auf der wir uns zu gern bei einer Holunderschorle oder einem kühlen Weißbier ausgeruht hätten, denn unsere Wasserflaschen waren längst leer. Im Laufschritt nahmen wir teilweise steile Abhänge, nur um einige Minuten herauszuholen. Ich ging so manches mal über meine Schmerzgrenze hinaus. Nun noch die Königsbachalm links liegen lassen und den Weg Richtung Beck-Haus einschlagen. Sechs Minuten bevor die Gondeln der Bergbahn still standen, schwebten wir erleichtert, glücklich und mit schmerzenden Gliedern Richtung Jenner-Talstation.

„Na, da bin ich aber sehr froh, dass ihr wieder da seid.“ seufzte Reinhart sichtlich erlöst, als wir uns unserem Auto näherten. Er hatte uns gute acht Stunden zuvor zur Bergstation des Jenner begleitet und war von dort allein abgestiegen. Beim Abendessen hatten wir viel zu erzählen und Bilder anzuschauen. Wir begutachteten schon ein wenig stolz Blessuren in Form von Abschürfungen und Blasen, die wir uns während unserer achtstündigen, sechzehn Kilometer langen Tour, der „kleinen Reib’n“, zugezogen hatten. Alexandra schmiedete bereits Pläne für die nächste Klettertour. „Ohne mich, nie wieder“ entgegnete ich. Wenige Tage später, als Gelenke und Muskeln wieder einwandfrei funktionierten, kam mir die Idee, im nächsten Jahr nochmals den Schneibstein zu besteigen und bei der Gelegenheit gleich den Windschartenkopf mitzunehmen. „Es sind nur hundert zusätzliche Höhenmeter und die Rundumsicht soll unvergleichlich schön sein…“

griaß eich - (es) grüße euch (Gott)
pfiat eich - seid behütet
pfia god beinand - es behüte euch Gott
kleine Reib'n – kleine Runde (Bergtour im BGL)

Wirtschaftskriege

Geschichte und Gegenwart

Nils Ole Oermann, Hans-Jürgen Wolff, Freiburg 2019, 272 S., erschienen im Herder-Verlag

Vor einigen Tagen besuchte mich ein Freund, als ich im Garten saß und das Buch „Wirtschaftskriege“ las. Leider war ich erst vor kurzem von einem der beiden Autoren auf diese Untersuchung aufmerksam gemacht worden, die bereits vor zwei Jahren erschienen ist, aber an Aktualität nichts verloren hat. Mein Freund nahm mir das Buch aus der Hand, blätterte kurz darin und sagte: Hoffentlich sind tatsächlich die Kriege der Zukunft nur noch Wirtschaftskriege. Sie richten nicht so viel Leid und Zerstörung an. Er wäre wohl blass geworden, wenn er auf das Zitat von Donald Trump gestoßen wäre: „Trade wars are good, and easy to win.“ Ich habe allerdings auf die Bemerkung meines Freundes gar nicht reagiert, weil ich das Buch erst einmal zu Ende lesen wollte – und nun den Leserinnen und Lesern von schreibundsprich an einigen meiner Leseerlebnissen Anteil geben möchte.

Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: die Hoffnung meines Freundes ist leider unbegründet. Die Autoren – ein Wirtschaftsethiker und ein Rechtshistoriker – warnen im Ergebnis ihrer Ausführungen vor dem „Großschadensereignis eines voll entbrennenden Wirtschaftskrieges“, das der Westen nur vermeiden könnte, würde er sich „dem umfassenden Wettstreit der Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme stellen – kooperationsbereit und streitbar, selbstbewusst und selbstkritisch, ohne Angst und ohne Träumereien.“ (S. 226). Dabei ist zweierlei nach der Lektüre des Buches sehr klar: „Großschadensereignis“ meint wirklich, was das Wort sagt: Zusammenbruch, Verelendung und fließende Grenzen zwischen Wirtschafts-, Bomben- und Schießkrieg. Nur schonungslose Ehrlichkeit aller Akteure könnte helfen, aber gibt es dafür wirkliche Bereitschaft? Ein Schlüsselwort der Autoren auf den letzten Seiten ihres Buches lautet „Staatskunst“. Mir wurde beim Lesen ganz wehmütig um´s Herz.

Aber nun doch erst einmal zur Gedankenführung und zu einigen wichtigen Erkenntnissen des Buches. „Die Erscheinungsformen von Wirtschaftskriegen sind vielgestaltig und vielschichtig. In ihnen verschlingen sich alle möglichen Faktoren und Wirkungen. Wirtschaftskriege lassen sich darum historisch, ökonomisch, rechtswissenschaftlich, ethisch, ideengeschichtlich und spieltheoretisch beschreiben und analysieren.“ (Einleitung, S. 12) Im Wissen um diese Komplexität wagen die Autoren einen interdisziplinären Ansatz, der bekanntlich immer in der Gefahr steht, zu verallgemeinern, oberflächlich zu erscheinen oder sich zu verstolpern und den unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen nicht gerecht zu werden. Alles in allem sind die Autoren dieser Gefahr nicht erlegen, ihr Buch, für ein breites Lesepublikum geschrieben, liest sich mit Gewinn, ist anschaulich, in seinen Argumentationslinien in der Regel schlüssig und in seinen Empfehlungen angenehm behutsam.

Verdienstvoll sind wiederholte Bemühungen um begriffliche Klärung. Das 1. Kapitel bietet „Definitionen und Geschichte(n)“ zum Wirtschaftskrieg und seiner Verwurzelung in anthropologischen und soziologischen Grundgegebenheiten: „Schon im friedlichen Handel und Wandel steckt harter Wettkampf, ja strukturelle Gewalt: Wer bietet die beste Ware, produziert am günstigsten, macht den meisten Gewinn? Wer schlägt die Konkurrenten aus dem Feld?“ (S. 13 f.) Wohl wahr – möchte man seufzend kommentieren im Gedenken an alle gescheiterten Versuche, ein Wirtschafts- oder Gesellschaftssystem zu entwickeln, das auf die Antriebskräfte eines Wettbewerbs setzt, der ohne Verdrängung auskommen soll.

Zu Recht warnen die Autoren davor, das Wort Wirtschaftskrieg inflationär zu verwenden und auf alle denkbaren Formen wirtschaftlichen Wettkampfes zu beziehen. Zu unterscheiden sei erstens zwischen „bewaffneten Konflikten, die mit primär wirtschaftlichem Ziel geführt werden“ (S. 22), also dem Kampf um Rohstoffquellen und Absatzmärkte, zweitens dem Kampf gegen eine feindliche Kriegswirtschaft (S. 25) und drittens einem „staatlichen Kampf ohne physische Gewaltanwendung gegen die Wirtschafts- und Finanzkraft und / oder Willensfreiheit eines Gegners, mit dem man sich nicht im bewaffneten Konflikt befindet.“ ( S. 28 ). Diese dritte Bedeutung des Wortes wird im folgenden favorisiert: „Von Wirtschaftskrieg sollte nur dort die Rede sein, wo er erstens von einem Staat oder in seinem Auftrag oder mit seiner Billigung oder Duldung geführt wird und zweitens strategische politische Ziele verfolgt, die sich drittens feindselig gegen mindestens einen anderen Staat richten.“ (S. 31)

Zunächst kurz und schlaglichtartig werden für alle drei Formen konkrete Beispiele aus der jüngeren Geschichte angeführt, wobei ehrlich festgestellt wird: „Wenn die Bezeichnung ’Wirtschaftskrieg’ in dem soeben skizzierten, engeren Sinne gebraucht wird, dann passt sie auf viele Konflikte nicht, die politisch oder wirtschaftlich durchaus gravierend sind.“ (S. 34) Ein schönes Beispiel dafür, dass Definitionen meist Konstruktionen sind, die aus didaktischen Gründen hilfreich und unerlässlich sind, der komplexen historischen Wirklichkeit aber in der Regel nicht gerecht werden können.

Diese Einsicht legt sich auch nahe nach der Lektüre der folgenden ausführlicheren Darstellung von Wirtschaftskriegen in der Geschichte am britischen Beispiel (S. 37 – 58). Die Grenzen zwischen wirtschaftlicher und militärischer Gewaltanwendung sind fließend. Immer wieder bestätigt sich zudem: „Krieg ohne Wirtschaft gibt es also nicht.“ (S. 22 ) Wie ein Leitmotiv zieht sich dieser Gedanke durch das ganze Buch, angefangen von der Erinnerung an Goethes Mephisto und seinen „gutgelaunten“ Satz „Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ (S.10)

Wenn es nicht bitterer Ernst wäre, könnte man über manche Beispiele nachgerade schmunzeln, etwa über die Erzählung des britischen Krieges gegen Napoleon, der „beiderseits zum großen Teil Wirtschaftskrieg im Sinne eines Kampfes gegen die feindliche Kriegswirtschaft“ war. „Die französische Flotte war 1805 bei Trafalgar entscheidend geschlagen worden. Napoleon hatte sie übrigens gutteils finanziert mit dem Erlös des Verkaufs der französischen Kolonie Louisiana an die USA zwei Jahre zuvor. Den Kaufpreis hatten die USA finanziert durch Kreditaufnahme je zur Hälfte in London und Amsterdam. Die Briten hatten also, über amerikanische ‚Mississippi-Bonds’, den Bau der Flotte mitfinanziert, die sie bei Trafalgar versenkten. Die britischen Anleger hatten einen Zinsgewinn. Die Amerikaner hatten Louisiana. Die Franzosen hatten verloren.“ (S. 50 f.)

Hier und an vielen anderen Stellen bin ich übrigens nachdenklich geworden, ob die Autoren mit ihrem programmatischen „Befund“ gut beraten waren: „Marxistische Theorien über den Kapitalismus als Hauptkriegsursache und über Kapitalisten als die ausschlaggebenden Kriegstreiber verfehlen die Wirklichkeit. Gewiss, Kapitalisten wollen an allem verdienen, auch am Krieg, aber sie zetteln ihn nicht an, schon gar nicht mit historisch-materialistischer Gesetzmäßigkeit.“ (S.19) Sicher, für diese Sicht spricht sehr viel und selbst eingefleischten Verfechtern des „Histomat“ fällt es immer schwerer, die nicht zu domestizierende Gewalt von religiösem oder nationalistischem Fanatismus in ihr Denksystem einzubeziehen, wenn sie nicht finsteren Verschwörungstheorien aufsitzen wollen. Dennoch, auf die analytische oder „diagnostische“ Kompetenz marxistischer Geschichtsdeutung sollte in diesem thematischen Umfeld nicht voreilig verzichtet werden, so schwach auch die „therapeutische“ Kraft des Marxismus sein mag. Aber das ist nur eine Randbemerkung. Wichtiger ist mir die folgende Beobachtung.

Im 3. Kapitel des Buches wird die Entwicklung seit 1989 in den Blick genommen. Sind wir „auf dem Weg in eine neue Weltordnung?“ (S. 140 ff.) Ich habe mich beim Lesen gefreut, dass die Autoren in ihrer Darstellung und Analyse aktueller außen- und sicherheitspolitischer Vorgänge und Prozesse stets auch im Blick haben, wie propagandistische und leider nicht selten auch heuchlerische Motive bei allen Akteuren die Wirklichkeit gefährlich verzerren und sachgerechte Urteilsbildung erschweren. Wie dringend die Lösung dieser Aufgabe ist, wird in den Passagen deutlich, in denen Entwicklungen der Russland-Politik ab 2001 untersucht werden (S. 143 ff.) „Russland und die Volksrepublik China sahen im aktiven westlichen Werben für Freiheit, Demokratie, und erst recht in den westlichen militärischen Interventionen auf teilweise zweifelhafter Rechtsgrundlage, eine bedrohliche Zersetzungsstrategie am Werk. Beide haben ein Narrativ entwickelt, dem zufolge der Westen die Welt destabilisiert und das Völkerrecht mit Füßen tritt.“ (ebda.)

Leider hält sich das Bemühen, auch die Wahrnehmungen der anderen Seite in die Beurteilung der Vorgänge einzubeziehen, nicht durch bei der Erzählung der russischen Ukraine-Politik. Welche Interessen wirklich dazu geführt haben, mit der Ukraine ein EU-Assoziierungsabkommen zu versuchen, das ungewöhnlich breiten Raum militärischen und rüstungspolitischen Vereinbarungen einräumte und darum von einem Präsidenten nicht unterschrieben werden konnte, der die Zukunft seines Landes eher in einer Mittlerrolle zwischen Russland und der EU sah und daraus auch wirtschaftlichen Gewinn und politische Stabilität generieren wollte – diese Frage wird nicht gestellt. Ebenso sollten wir uns im Westen vor Augen halten, dass in der russischen öffentlichen Meinung, sicher verstärkt durch entsprechende Propaganda, die amerikanischen geostrategischen Schachspiele eine Rolle spielten, Russland durch endgültige Abtrennung der Ukraine aus seinem Einflussbereich zu einer „Regionalmacht“ herabzustufen, wie Barack Obama es in scheinbarer Arglosigkeit ausdrückte. Sicher leidet die russische Politik nicht selten an einer gehörigen Portion Paranoia. Aber auch wenn mich Verfolgungswahn quält, heißt das nicht, dass ich nicht wirklich verfolgt werde. Und wie weit das in unseren westlichen Medien verbreitete Bild und die Wirklichkeit gerade im Fall der Ukraine auseinanderklaffen, ist mir bei mehreren Aufenthalten in Kiew und Lemberg sehr deutlich geworden. Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass es im aktuellen Fall von Belarus nicht viel anders ist – und in zwanzig Jahren Afghanistan-Krieg nie anders war.

Doch ich schweife ab. Das vorletzte Kapitel (S. 173 – S. 200) im Buch von Oermann und Wolff behandelt die „chinesische Herausforderung“. Hier ist am deutlichsten zu erkennen, dass der Politikwechsel von Barack Obama zu Donald Trump die Folie bildet, auf der die Untersuchungen entstanden sind. Doch die zeitbedingte Aktualität schmälert nicht den Erkenntnisgewinn, der sich aus der Zusammenschau der verschiedenen politischen Motivstränge im Westen und in China ergibt. Auch hier ist das Bemühen zu würdigen, dem westlichen Lesepublikum die Befindlichkeiten der chinesischen Akteure nahe zu bringen (S. 198 – 200), ohne dabei den Bezug zur harten Realität zu verlieren, denn: „Chinas militärischer Fußabdruck wird größer“ (S. 183 f).

Im letzten Kapitel (ab S. 201) werden unter der traditionsreichen Frage „Was tun?“ Empfehlungen für eine perspektivreiche Wirtschafts-, Handels-, Außen- und Sicherheitspolitik gegeben. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Autoren ihre Empfehlungen ergänzen und konkretisieren möchten vor dem Hintergrund des gescheiterten Afghanistan-Abenteuers des Westens. Vielleicht kann mein Nachdenken über dieses lesenswerte Buch eine Anregung sein, in diesem Blog weiter darüber zu diskutieren. Ich würde mich freuen.

Abschließend ist noch zu würdigen, dass in einem ausführlichen Anmerkungsteil viele weiterführende Gedanken geäußert und Literaturhinweise gegeben werden, auf die man ohne die Hilfe der Autoren nicht gestoßen wäre! Bemerkenswert die vielen dort genannten Studien und Analysen zu finanzpolitischen Triebkräften vieler der geschilderten Vorgänge und Prozesse. Auch dafür vielen Dank.

An vielen Stellen finde ich mich mit meinen eigenen Beobachtungen und Sorgen in dem hier vorgestellten Buch wieder. Ich verstehe es als Mahnung und Warnung, die Stärke demokratischer Ordnungen des Zusammenlebens nicht zu verspielen. Die Gefahr wächst. „Die Völker wollen weder unter einer Universalmonarchie leben noch in der Gesellschaft von Löwen, die für sich den Hauptanteil von allen Gütern verlangen. Das Problem von Gleichgewicht oder Hegemonie bleibt bestehen; aber es ist eingehegt worden durch die Ordnung, die nach 1945 maßgeblich der Westen geschaffen hat. Sie ist hier und da deutlich und dringend reformbedürftig, aber sie bietet allen mehr Raum zur friedlichen Entfaltung als jede andere denkbare Ordnung.“ (S. 226)

Christoph Ehricht

Wie soll eine kopflose Autokratie unsere Probleme lösen?

Eine erfolgreicher Autokrat wird die Präsidentin der Europäischen Kommission von der Leyen nicht werden, liebe Leute.

Ein Pamphlet

Wer sagt, dass die DDR mit ihrer Staatspartei SED an einem eklatanten Demokratiedefizit gescheitert ist, erlebt Zustimmung. Das Volk hätte es besser gemacht, so die dem dies Sagenden auf die Schulter Klopfenden und dann ganz weit Ausholenden, die unterschiedlichsten Gründe Benennenden, über den Dingen Stehenden, ihm sehr Wohlwollenden.

Deutschland und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden an einem Demokratiedefizit scheitern. Auch hier gibt es die vielen Schulterklopfer, die maßlos in ihrem Geschrei über diverses sind, seien es die Einschränkungen bei der Meinungsfreiheit oder der Freizügigkeit in Deutschland, um nur zwei Punkte von vielen zu nennen.

Nein, ich habe nicht den Unterschied zwischen Deutschland heute und der ehemaligen DDR vergessen. Sicherlich eher langsam, aber doch irgendwie löst das demokratische Deutschland Konflikte durch Mehrheitsentscheidungen. Die alte DDR wagte weder die Organisation von glaubhaften Mehrheitsentscheidungen noch konnte sie ihre Zusagen als Sozialstaat einhalten. Sie versagte als Sozialstaat. Und ich möchte auch nicht aus Respekt vor den vielen Experten in der causa Vergangenheitsbewältigung tiefer graben.

Deutschland wird als Demokratie scheitern, wenn es den Gremien der Europäischen Union (EU), hier denke ich an das zunehmend besser eingespielte Duo Europäische Kommission (EK) und den Europäischen Gerichtshof (EuGH), erlaubt zu übernehmen. Im Mai 2020 verurteilte das Bundesverfassungsgericht das milliardenschwere Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) und rügte den EuGH, der in einem Urteil in “objektiv nicht vertretbarer Weise” das Handeln der EZB mit seinen erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen für den Bürger gebilligt habe. Die EU mit ihren Gremien dürfe seine Entscheidungen nur im Rahmen der Kompetenzen treffen, die ihr von den Mitgliedstaaten zugeteilt worden sind. Nun droht die EK mit einem Vertragsverletzungsverfahren. Und der in der Sache so unbefangene EuGH ist schon bereit.

Ähnlich bittet die EK jetzt um Gespräche mit der Bundesregierung vor Beginn der Inbetriebnahme von Nord Stream 2. Die Erdgaspipeline liegt nicht im Interesse der EU, so ein Sprecher der EK. Und was ist mit dem deutschen Interesse an Energiesicherheit? Entwickelt sich die Energiewende in Deutschland zu einem Himmelfahrtskommando? Fliegt Frau Merkel deshalb nächste Woche nach Moskau?

Das Spiel der Übernahme folgt einfachen Regeln. Die EK weitet, selbstverständlich im europäischen Geist und den Bundesstaat Europa in der Pupille, ohne viel zu fragen, ihre Kompetenzen aus. Z.B. indem sie mittels der EZB durch in ihrem Umfang nicht zu übersehende Anleihekäufe Einfluss auf die Wirtschaft und Banken nimmt. Die Präsidentin der EK Frau von der Leyen zieht durch die Mitgliedstaaten und verteilt je nach Wohlverhalten Geld. Die Mitgliedstaaten tolerieren die Ausweitung der Kompetenzen, besonders die nicht so bemittelten.

Dann gibt es neben dem Zuckerbrot aber auch die Peitsche, das Vertragsverletzungsverfahren. Die EU strengt, besonders gern unter Hinweis auf die Verletzung europäischer Werte, ein solches beim EuGH an, der dann im europäischen Geist entscheidet. Wenn wie in unserem Beispiel das Bundesverfassungsgericht den EuGH kritisiert, wird Deutschland durch die EK mit einem Vertragsverletzungsverfahren bedroht. Ist Deutschland uneinsichtig und hält sich an die Entscheidung seines höchsten Gerichts, entscheidet der EuGH quasi in eigener Sache.

Deutschland ist eine repräsentative Demokratie. Sie beruht auf dem Parlamentarismus und auf politischen Parteien. Die Parteien haben auch in Deutschland und nicht nur in Italien, Österreich und Frankreich an Akzeptanz verloren. Ihre Akzeptanz beruht darauf, dass sie Entscheidungen treffen und durchsetzen können. Alle Parteien sollten gehegt und gepflegt werden, weil Deutschland eine repräsentative parlamentarische Demokratie sein will. Und unabdingbar ist dafür, dass bei allen Entscheidungen im Bundestag ein deutsches Interesse zumindest behauptet werden kann.

Es soll an dieser Stelle nicht orakelt werden, ob und dann welche der Parteien mit ihren Bundestagsabgeordneten kompetent deutsche Interessen wahrnehmen. Und ich will hier auch gar nicht mein Steckenpferd reiten, dass schon allein wegen der entstehenden populistischen Bewegungen nur Narren Parteien verunglimpfen und sich nicht mit der kritischen Auseinandersetzung begnügen. Auch radikal denkende Bürger, rechts oder links, wollen angehört werden und haben einen Anspruch auf Gehör.

Es ist ziemlich einfach. Wenn Deutschland auch nur toleriert, dass die EU ihre Kompetenzen unter Übergehung der Mitgliedstaaten und deren Regierungen und Parlamente ausweitet, verliert die parlamentarische Demokratie für zu viele ihren Sinn.

Schluss mit der Unabhängigkeit der Justiz, um nur eine Gewalt zu nennen.

Demokratisches Regieren bedeutet Konflikte lösen, das sagt der Philosoph Ralf Dahrendorf. Konflikte wird es immer geben, die Demokratie lebt davon und nicht vom moralisierenden Einheitsbrei, von dem einige träumen. Doch wird in Deutschland nicht mehr regiert, verlieren seine demokratischen Institutionen ihre Aufgaben.

Brüssel ist bisher nur dabei zu übernehmen, wobei nicht einmal klar ist, wer der Antreiber ist oder ob die Bürokraten ahnen, was sie gerade zusammenbrauen. Aber sie glauben an sich, ausgerüstet mit vielen Werten, schwer aufzuhalten und dem Mut, der sie schon immer ausgezeichnet hat.

Aber ist die derzeitige Präsidentin der EK als Autokrat geeignet, bei dem sich die Kompetenz für alle Kompetenzen konzentrieren kann? Selbst wenn es sich um einen automatisch verlaufenden, mit dem während meines Studiums in Jena vom Staatsrechtler Prof. Hochbaum geschilderten Parkinsonschen Gesetz vergleichbaren Prozess handelt?

Gegenmeinung: Verschwörungstheorie und dazu noch schlecht verpackt.

Es knistert im Gebälk.

Reinhart Zarneckow

Paradiesapfel

Bettina Zarneckow

Kennst du das wundervolle Ahnen,
hast du es je gespürt -
dass sanft ein Herz dir zugetan,
an deine Seele rührt?
Weißt du vom himmlischen Moment,
wenn dieses Herze naht -
wenn jeder Sinn dir offen ist
und aufgeht Ahnens Saat?
Dies stille süßeste Empfinden -
's ist glückliches Geschick.
Jahrhunderte, ... was sind sie schon
zu diesem Augenblick.

SIE

Bettina Zarneckow

Längst tot geglaubt, längst tief begraben,
doch Sehnsucht sie am Leben hielt.
Ganz still, ganz fest in Herzens Kammer - 
das Schönste, das man jemals fühlt. 
Und plötzlich - mit Bedacht, nicht kühn, 
weicht sie aus ihrem Kerker.
Man kann nichts tun, lässt es gescheh'n, 
zeitlebens ist sie stärker. 
Ganz anders hört man nun Musik, 
gewichtiger sind Worte,
voll Zauber hallen lange nach:
Gesprochenes, Gesten, Orte.
Sei glücklich, wenn sie dir geschieht, 
gib sorgsam auf sie acht. 
Die Liebe ist ein Fluss im Ermland
und ... eine Himmelsmacht!

In eigener Sache

Christoph Ehricht

Liebe Bettina

Unser Gespräch im Urlaub über „Schreib und sprich“ beschäftigt mich noch. Ich weiß gar nicht, ob ich Dir erzählt habe, wie ich vor einigen Monaten meine Klavierlehrerin als neue Leserin oder besser noch als Autorin für diesen Blog gewinnen wollte. Unsere Zeit ist doch so spannungsvoll und die Herausforderungen sind so groß, dass man doch nicht tatenlos zusehen kann – mit diesen von Dir und Reinhart gebrauchten Argumenten bei meiner “Anwerbung“ wollte ich sie locken und mein Anliegen begründen. Sie hörte mir eine Weile geduldig zu und sagte dann: Vielleicht hast du ja Recht. Aber mir gefällt euer Titel nicht. Statt „Schreib und sprich“ solltet ihr lieber als Programm wählen „Höre und schweige“. Lass uns lieber Klavierspielen. Ich habe mit Verständnis reagiert, aber mit der Einschränkung geantwortet, dass eine solche Überschrift ja eigentlich nur leere Seiten und ungesagte Worte erlauben würde. Dann haben wir uns wieder Mendelssohns Liedern ohne Worte zugewendet.

Wir sind in der Folgezeit nicht auf dieses Thema zurückgekommen, aber der kritische Einwand geht mir nach. Wird zu viel geschrieben und gesprochen? Manche der aktuellen Nachrichten und Ereignisse rufen mir in der Tat das lateinische Sprichwort in Erinnerung „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.“ Unsere frischgebackene Kanzlerkandidatin wäre wohl besser beraten gewesen, wenn sie auf den peinlichen Versuch verzichtet hätte, sich als Schriftstellerin zu profilieren. Oder: Skandalös an der Doktorarbeit unserer früheren Familienministerin sind eigentlich gar nicht so sehr die Plagiate, sondern ist das Thema.

Die Dissertation verspricht von vornherein einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, der bei annähernd Null liegt und schon aus diesem Grund kein Ruhmesblatt für die zuständige Universität darstellt, von allen folgenden „Enthüllungen“ einmal ganz abgesehen. Und schließlich: Wenn der beginnende Wahlkampf dazu führt, dass statt Lösung von Sachproblemen und Aufarbeitung von Fehlern nur billige parteipolitische Polemik die Verlautbarungen der Politiker und die Berichterstattung in den Medien bestimmt, dann kann ich wirklich allen Akteuren nur zurufen: Wenn du doch geschwiegen hättest!

Natürlich muss ich mir auch selber diesen Satz zurufen und begründen, warum ich mich nicht auf das Hören und Schweigen beschränke. Die eben skizzierten aktuellen Veranlassungen und Beispiele weisen auf ein tiefer liegendes Problem unserer politischen Kulturlandschaft hin. Unsere Sprache, die geschriebenen und gesprochenen Wörter verlieren immer mehr den Bezug zur erfahrenen Lebenswirklichkeit vieler Glieder der Gesellschaft. Sie sind geleitet von leider in der Regel unausgesprochenen Interessen, einem belehrenden Impetus oder von moralischen Überzeugungen. Das erschwert zunehmend die echte, ehrliche und vertrauensvolle Kommunikation, von der eine Gesellschaft lebt. So werden nur Misstrauen und Verdruss geweckt, Polarisierungen wuchern, die niemand will. Manches Mal werde ich an die letzten Jahre der DDR erinnert. Dazu will ich eigentlich nicht schweigen.

Noch ein paar Beispiele zur Veranschaulichung realitätsferner Sprache. In völliger Verkennung und Verzeichnung der Realität wurde die deutsche Fußballnationalmannschaft in den Kreis der Titelanwärter der Europameisterschaft hineingeredet, Katzenjammer und Häme waren dann nach dem frühen Ausscheiden um so größer. Waren kommerzielle Interessen dafür ausschlaggebend? Sorge um Einschaltquoten? Oder der gleiche Realitätsverlust und die gleiche Selbstüberschätzung, die wir aus der maroden DDR kennen, die sich stolz zu den zehn führenden Industrienationen der Welt zählte und die heute zum Ausdruck kommen, wenn Deutschland Spitzenreiter bei der Gewinnung erneuerbarer Energie oder Fahrradland Nr.1 werden will? Oder Retter der Menschenrechte in Belarus? ( Hier wird es wohl gefährlich. Noch dazu, wenn unser Außenminister lauthals erklärt, dass der deutsche Steuerzahler viele Millionen Euro bereitstellt, um die Opposition in Belarus zu unterstützen oder, wie er es vornehmer ausdrückt, um die Zivilgesellschaft dort zu stärken. Wenn du doch geschwiegen hättest… Oder kündigt sich hier an, welche Lehren aus den gescheiterten Versuchen gezogen werden, Regimewechsel und Staatsneubildung mit militärischen Mitteln zu erreichen? Ein Typ wie der Machthaber in Minsk kann das je eigentlich nur als Kriegserklärung an sein politisches System verstehen. Da lobe ich mir doch eine Diplomatie in Bismarckschem Geist… )

Noch ein letztes, scheinbar weniger brenzliges Beispiel:

Mit zweifellos edlen Absichten wird an einer geschlechtergerechten Sprache gebastelt. Wer sich aus Gründen des guten Geschmacks oder in gesundem Menschenverstand dem damit einhergehenden moralischen Druck entzieht, muss damit rechnen, „gecancelt“ zu werden.

Den Ostdeutschen, denen vierzig Jahre Sozialisierung im „american way of life“ fehlen und deren Sehnsucht nach traditionellen Werten darum vielleicht noch ungebrochener ist – so vergeblich sie immer sein mag -, wird mit der Keule unverbesserlicher Demokratiefeindlichkeit gedroht. Dabei wollen sie eigentlich nur nicht ständig belehrt und erzogen, nicht zum Leben in neuen Potemkinschen Dörfern genötigt und neuem Gesinnungsdruck ausgesetzt werden.

Genug, auch wenn mir noch eine ganze Menge einfallen würde. Gelegentlich wird mir vorgehalten, dass solche Gedanken doch recht kulturpessimistisch sind. Das mag so sein und der Einwand kann mein Urteil etwas relativieren und milder ausfallen lassen. Und natürlich überwiegt in meinem Lebensgefühl eine unendlich große Dankbarkeit für die vielen Möglichkeiten und Chancen, die sich nach der Wiedervereinigung für mich eröffnet haben. Ohne jede Frage. Meine Sorgen werden dadurch nicht geringer. Sie wachsen eher, wenn ich von Freunden höre: Ich traue mich gar nicht mehr zu sagen, was ich denke, weil ich keine Lust habe, mich niedermachen zu lassen. Sie wachsen noch mehr, wenn Andere mir dann sagen: Dann sollen deine Freunde mal ihr Denken kritisch überprüfen. „Puh“ würde sich schüttelnd meine Enkelin sagen.

Nein, natürlich muss geschrieben und gesprochen werden. Aber eine starke Sympathie für die Position meiner Klavierlehrerin kann ich nicht verleugnen. Wie so oft gilt allerdings, dass wir uns nicht in die Sackgassen falscher Alternativen hineindrängen lassen dürfen, sondern komplementär denken sollen. Gewiss muss am Anfang stehen: Höre und schweige. Dann aber darf auch geschrieben und gesprochen werden.

Ich denke übrigens, dass für meine Klavierlehrerin ganz wichtig eine Erkenntnis ist, die Felix Mendelssohn-Bartholdy zugeschrieben wird. Der wurde einmal gefragt, warum er Lieder ohne Worte geschrieben hatte und warum sich Musik so schlecht mit Worten beschreiben lässt. Und er antwortete mit dem entscheidenden Argument für’s Hören und Schweigen: Musik ist präziser als Sprache.

Ja, liebe Bettina, dennoch oder um so mehr will ich Dir noch mal sozusagen „in eigener Sache“ für diesen Blog „Schreib und sprich“ danken und für die Einladung an mich. Seine Besonderheit besteht ja darin, dass er so unterschiedlichen und vielgestaltigen Genres der Sprachwelt Raum und Zeit gibt, zarter Poesie, erzählter Geschichte, aktuellen Kommentaren, historischer Darstellung und politischer Analyse.

Wenn im Forum noch mehr Gespräch und lebendige Diskussion dazu kämen, wäre das nicht nur im Sinne der Erfinder, sondern ein kleiner Baustein für die unter uns so dringend nötige Kommunikation. Ich weiß, dass das ein großer Wunsch von Dir ist! Ob mein Brief an Dich eine Anregung dafür ist?

Ich selber werde vielleicht künftig mehr hören und schweigen, dreimal überlegen, dann aber auch wieder schreiben und sprechen!

Liebe Grüße

Christoph

Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung III noch immer Hennigsdorf

Bericht Horst Kaczmarek Teil 3 -„Ist jetzt Frieden?“

DIE STALINORGEL

Um vom S-Bahnhof zu unserem Haus zu gelangen, gab es zwei Möglichkeiten. Einmal die Straße, das war aber weit. Zum anderen den Weg über eine unbewirtschaftete Freifläche. Dieser Weg wurde von vielen Menschen genutzt, so dass sich schon ein richtiger Trampelpfad herausgebildet hatte. Ich habe den Trampelpfad auch oft benutzt. Doch einmal hätte es mein letzter Heimweg werden können! Ich hatte schon fast die Straße erreicht, als hinter mir ein wahres Höllenspektakel begann. Ich wollte mich umdrehen, um mir das Spektakel anzusehen, da bekam ich einen Stoß, der mich zu Boden warf und gleichzeitig schrie mich eine Stimme an: “Liegenbleiben und Kopf in den Sand“. Das Spektakel dauerte nur kurze Zeit. Es war ein Soldat, der mich zu Boden riss. Er erklärte mir, dass es sich eben um einen Raketenangriff mit einer Stalinorgel gehandelt und wir großes Glück gehabt hatten.

Die Stalinorgel war eine gefürchtete Waffe der Roten Armee. Vermutlich sollten die Raketen den Bahnhof treffen. Da ist alles noch einmal gut abgegangen. Zuhause wurde das Erlebnis nicht erzählt.

DIE GRANATE

Wenige Tage später, es war der 24. April, als wir wieder wie immer über den Verlauf der Front debattierten, gab es einen lauten Knall. Aus einem der benachbarten Häuser stieg Rauch auf. Dann hörte man eine Frauenstimme laut aufschreien. Wir liefen zu diesen Haus hinüber in der Hoffnung, Hilfe leisten zu können. Einige liefen vielleicht auch aus Neugier dorthin. Was wir dort sahen, war kaum zu beschreiben. Eine Granate war mitten in der Küche explodiert und hatte einen Ort der Verwüstung hinterlassen. Die achtzehnjährige Tochter des Hauses war nicht wiederzuerkennen. Das Mädchen saß noch am Tisch, hatte aber keinen Kopf mehr, alles war mit Blut verschmiert. Ein Bild, das ich nie vergessen werde. Auch der Aufschrei der Mutter, als sie ihre Tochter entdeckte, bleibt mir unvergesslich. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Erlebnis in seiner Grausamkeit niederschreiben soll. Aber will man die Grausamkeit eines Krieges darstellen, gibt es nur diesen Weg. Später habe ich im Internet unter “Hennigsdorf1945“ folgenden Eintrag gefunden:

(Gegen 18 Uhr traf die Antwort der sowjetischen Artillerie ein und entfachte in der Horst-Wessel-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) verheerende Wirkung. Zwei tote Frauen waren das Ergebnis eines Artillerievolltreffers in einem Wohnhaus in der nördlichen Horst-Wessel-Straße um 18 Uhr: eine 18-jährige kaufmännische Angestellte und eine 57-jährige Kriegsaushilfsangestellte aus Frankfurt (Oder) wurden durch eine sowjetische Schrapnell-Granate in der Küche getötet)

DIE RUSSEN KOMMEN

Es konnte nun nicht mehr lange dauern und und die Russen würden vor der Tür stehen. Das drohende Geräusch der heranrollenden Panzer kam immer näher. Wir wünschten uns dieser Stunde gegenseitig viel Glück. Auf diesen Moment sind wir vorbereitet, ob richtig oder nicht, wir werden sehen. Genug Gerüchte waren im Umlauf. Alle hatten Angst vor dem, was da auf uns zukam. Man sagte hinter vorgehaltener Hand, dass deutsche Soldaten in Russland auch nicht gerade wie Ehrenmänner aufgetreten sind und die Russen würden sich jetzt bitter rächen. Wir waren uns in einem Punkt einig, wir wollten die Rote Armee gemeinsam im Luftschutzkeller erwarten. Es blieb uns ja auch nichts anderes übrig.

“Die Russen kommen!” Mit diesen Worten kam der Beobachtungsposten in den Keller und berichtete, dass soeben ein russischer Panzer in unsere Straße eingefahren sei. Es wurde still im Keller, die Gespräche verstummten. Jeder versuchte, auf seine Weise mit der Angst fertig zu werden. Kinder weinten, eine Oma sprach das “Vater unser“ halblaut vor sich hin. Mütter weinten leise und versuchten ihre Kinder zu beruhigen. Alle zitterten mehr oder weniger vor sich hin.

Ich, dem man beigebracht hatte wie ein deutscher Junge zu sein hat, nämlich “flink wie ein Wiesel, hart wie Kruppstahl und zäh wie Leder”, hatte all diese Eigenschaften vergessen und zitterte genau so vor Angst wie die Mitmenschen hier im Keller. Was wird jetzt passieren? Dann hörten wir Schritte auf der Kellertreppe, da waren sie! Zwei russische Soldaten standen vor uns, mit dem Sturmgewehr im Anschlag. Einer fragte : “Soldat ist?“ Aus der verängstigten Gruppe antwortete jemand mit zitternder Stimme: ”NJET, keine Soldaten”.

So schnell wie die zwei gekommen sind, waren sie auch wieder weg. “War das alles?” lautete die ungestellte Frage. Wir hörten von draußen Stimmen, konnten aber nichts verstehen, es waren russische Laute. Aber dann ging es erst richtig los. Lärm auf der Kellertreppe. Plötzlich standen drei Soldaten bei uns im Keller. Einer blieb in der Tür mit dem schussbereiten Sturmgewehr im Anschlag stehen, während die anderen zwei jedem Bewohner ins Gesicht und auf den linken Unterarm schauten. Sah er eine Uhr, bekam der Träger mit den Worten “Uri, uri, dawei“ die Aufforderung, diese zu übergeben. Sie suchten auch nach deutschen Soldaten, die sich versteckt haben könnten. Wir hatten aber keine Soldaten versteckt. Also zogen sie ab. Und wir waren einige Uhren los. Immer wieder waren Schritte und russische Laute im Haus zu hören. Die Angst wollte nicht weichen. Dann wieder Schritte auf der Kellertreppe. Was wird jetzt passieren, war die bange Frage.

Wir sollten es sofort erfahren. “FRAU KOMM”. Das sind zwei deutsche Worte, die jeder russische Soldat kannte. Die deutschen Frauen wurden von den Sowjetsoldaten als Kriegsbeute angesehen, sie waren vogelfrei, sie konnten mit ihnen ungestraft machen, was sie wollten . Diese Worte “FRAU KOMM“ werden in der nächsten Zeit unser Leben begleiten. Ich war sechzehn Jahre alt und mit dieser Situation vollkommen überfordert. Ich musste mit ansehen, wie junge Frauen aus dem Keller geholt wurden und nach einiger Zeit weinend wieder zurück kamen. Im Keller wurde erzählt, dass eines der jungen Mädchen sieben mal hintereinander vergewaltigt wurde. Für Ruhe im Keller hat immer ein auf uns gerichtetes Sturmgewehr gesorgt.

Langsam wurde es ruhiger, es war sicher schon dunkel draußen. Die Soldaten haben den Keller verlassen, aber unsere Angst war immer noch präsent. Wir hatten jedes Zeitgefühl verloren, bis wir wieder Schritte und Stimmen hörten. Dieses mal waren es deutsche Laute. Eine Frau nahm all ihren Mut zusammen und ging nach oben um zu sehen, wer da spricht. Kurz darauf rief sie in den Keller: „Ihr könnt rauskommen, es ist alles ruhig.“

Es war ein schöner, sonniger Morgen. Die Oma, die am Abend noch innig mit ihren Gott gesprochen und ein Vater unser nach dem anderen gebetet hatte, fragte uns mit zittriger Stimme:

”IST JETZT FRIEDEN ?”

“NEIN, ABER BOMBENFLIEGER KOMMEN NICHT MEHR“.

Hier enden die Berichte von Horst Kaczmarek. Wie mir seine Tochter mitteilte, kehrte die Familie nach Kriegsende wieder nach Frankfurt zurück. Lona Nacke hat sich gerade in den letzten Jahren viel mit ihrem Vater über diese Zeit unterhalten und will nun selbst weitere Erinnerungen aufschreiben.

Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung II Hennigsdorf

Bericht Horst Kaczmarek Teil 2 – neue Heimat Hennigsdorf

„Die Nacht ging und der Tag kam. Das war nun die erste Nacht in der “neuen Heimat”. Als sechzehnjähriger Junge habe ich das alles wie ein großes Abenteuer erlebt. Die nationalsozialistisch geprägte Schulbildung und die Schulungen durch die Hitlerjugend hatten mich voll von der Richtigkeit der Sache überzeugt. Ich konnte mir auch nichts Anderes vorstellen, zumal ich auch noch nie etwas Anderes gesehen hatte.

Während die Frauen mit der Frau des Hauses gangbare Regeln für das Zusammenleben erarbeiteten, machte ich mich auf den Weg, um die nächste Dienststelle des Telegraphenbauamtes zu finden. Ich hatte den Auftrag vom Lehrherren, mich umgehend bei der nächsten Dienststelle zu melden. Es war nicht schwer diese zu finden. Sie war in Velten angesiedelt. Als ich mich hier anmelden wollte, bekam meine Überzeugung das erste Mal einen Dämpfer. Der Bautrupp bestand aus vier Mann; einem Bautruppführer und drei kriegsgefangenen Franzosen. Diese durften außerhalb des Lagers arbeiten, aber es musste immer ein deutscher Bewacher bei ihnen sein. Sonst war der Trupp nicht arbeitsfähig. Die Franzosen waren gute Fachleute. Ich konnte von ihnen viel lernen, denn ich war ja noch Lehrling. Es klingt sonderbar, aber es war so. Französische Kriegsgefangene wurden von einem deutschen Lehrling bewacht! Der Truppführer meinte, ich könne gleich hier bleiben und mit den Franzosen einen in der Nähe gelegenen Telefonanschluss wiederherstellen. Da wäre jemand über die Anschlussschnur gestolpert und hat den Apparat vom Tisch und die Anschlussdose aus der Wand gerissen. Ich brauche nur mit den Franzosen mitzugehen, die wissen schon wo und was zu tun sei. So war es dann auch. Als der Anschluss dann wieder funktionierte und wir zum Amt zurück kamen, war auch schon ein Dokument da, das mich als Mitarbeiter des Telegraphenbauamtes auswies. Damit hatte ich den Auftrag meines Lehrherren erfüllt. Meine Tätigkeit beim Telegraphenbauamt sollte jedoch nicht mehr lange dauern. Als Jugendlicher und nicht Wehrpflichtiger wurde ich von weiteren Aufgaben bei der Deutschen Reichspost entbunden. Kurz gesagt, ich wurde nach Hause geschickt.

DIE SUCHE NACH VATI

Ich kam nun auf den Gedanken, zu meinem Vater, der in Oderberg in der Munitionsfabrik dienstverpflichtet war, zu fahren und ihm unsere neue Adresse mitzuteilen. Eine funktionierende Post gab es ja schon lange nicht mehr. Meine Mutti war einverstanden. Ich glaube, sie tat es mit schwerem Herzen, denn die Zeiten waren unsicher. Von Hennigsdorf nach Oderberg zu kommen, ist normalerweise kein Problem. Aber es war Krieg. Nach Überwindung einiger Probleme habe ich irgendwie Oderberg erreicht und auch das Wohnlager der Munitionsfabrik gefunden. Aber die Enttäuschung war groß. Das Lager war am Vortag geräumt worden. Mir wurde mitgeteilt, dass alle nach Neustadt an der Dosse verlegt wurden. Habe ich Oderberg gefunden, werde ich auch nach Neustadt kommen, es ist doch alles vor der Haustür.

Diesmal hatte ich wieder Glück. Ein Offizier, den ich befragte, sagte: “steig ein, wir fahren nach Neustadt, wir haben noch Material dort hin zubringen.” In Neustadt angekommen, erwartete mich die nächste böse Überraschung. Die ganze Belegschaft war entlassen und mit einem Einberufungsbefehl in der Tasche bereits abgereist.

Ich war also wieder einen Tag zu spät . Nun musste ich sehen, wie ich wieder nach Hause komme. Wieder nahmen mich Soldaten mit. Sie setzten mich in Berlin an irgendeiner Haltestelle ab. Es kam auch bald eine Straßenbahn. Aber der Fahrer wollte mich nicht mitnehmen, denn das war die Endhaltestelle. Der Hänger wird hier abgestellt und der Triebwagen geht ins Depot, dahin könne er mich nicht mitnehmen, erklärte er mir. Aber ganz leise fügte er hinzu, dass er den Hänger hier unverschlossen lasse, da könne ich mich über Nacht reinsetzen. Früh um 5 Uhr ginge der Fahrbetrieb wieder los. Auf die Frage, wo ich denn überhaupt bin, sagte er: “Spandau Johannesstift.” Na dann Gute Nacht.

Die Nacht ging vorbei, es kam der Morgen. Ich habe nicht sehr gut geschlafen. Aber pünktlich um fünf Uhr fuhr ich gleich mit der ersten Bahn in die Stadt. Irgendwo stieg ich dann in die S-Bahn, die mir vertrauter war. So kam ich dann am frühen Vormittag wieder in Henningsdorf an.

Wer machte mir nach meinem Klingeln die Tür auf? Na wer wohl: Mein Vater!

Die Familie war nun wieder vereint, aber nur für kurze Zeit. Vati hatte ja den Einberufungsbefehl in der Tasche. Dem musste er Folge leisten. Meine Eltern überlegten die ganze Nacht, ob sie Vati vielleicht irgendwo verstecken könnten. Aber es war einfach zu gefährlich. Der Hausherr war strammer Parteigenosse und die Feldgendarmerie (Kettenhunde genannt) waren im Randgebiet von Berlin sehr aktiv auf der Suche nach Fahnenflüchtigen. Wer erwischt wurde, wurde an Ort und Stelle erschossen und alle Helfer gleich mit.

HANSI

Es war mal wieder ein herrlicher Morgen und so blau wie man sich einen Urlaubstag wünscht. Nur es war Krieg. Bei so einem Wetter waren auch etliche neue Flugzeugtypen zu Testflügen am Himmel. Es waren Flugzeuge, die mit einem lauten Knall die Schallmauer durchbrachen. Sie kamen vermutlich vom Flugplatz Oranienburg.

Ich bestaunte die neuen Typen und bemerkte zuerst gar nicht, dass ein kleiner Junge auf mich zukam. Erst durch sein Schluchzen wurde ich auf ihn aufmerksam. Es war der fünfjährige Hans M., der mit seiner Familie in Frankfurt die Wohnung unter uns bewohnte. Ich sah in sein von Tränen verschmiertes Gesicht und fragte: “Na Hansi, was ist los, warum weinst du ?“ Er schaute mich mit seinen großen Augen an und dann sagte er: “Unsere Mutter, die Doofe, wollte uns alle umbringen”. Ich war schockiert, wie ein so kleiner Junge über seine Mutter sprach. “Wo ist denn deine Mutti jetzt?” fragte ich weiter. “Die hängt an der Decke“. Mit dieser Antwort war ich, mit meinen 16 Jahren überfordert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die Worte des Jungen Wahrheit sind. Was sollte ich tun? Ich wollte mich aber auch nicht als Spinner lächerlich machen. Da fiel mir ein, dass der Junge noch einen Opa hat, der auch ganz in der Nähe wohnte. ”Lass uns zum Opa gehen!“

Opa saß im Garten und genoss die schöne Sonne. Ich erzählte, was ich bisher mit dem Jungen erlebte und Hans wiederholte das, was er auch mir schon erzählte. Der Opa wurde sehr unruhig, als ob er etwas ahnte. Opa ging mit uns zur Wohnung seiner Tochter. Es war nicht weit. Wir wohnten alle ziemlich dicht beieinander. Das Zimmer war unverschlossen und von der Familie war weit und breit nichts zu sehen. Da zeigte der Hansi mit dem Finger nach oben: “Da” sagte er und fing wieder an zu weinen. Opa ging so schnell er konnte die Treppe zum Boden hinauf, ich hinterher. Was wir dort sahen, verschlug uns die Sprache. Der Junge hatte recht. Frau M. und die anderen beiden Kinder hatten sich erhängt. Nur Hansi konnte sich irgendwie losmachen. Opa war blass und zitterte vor Erregung. Ich lief durchs Haus und trommelte ein paar Hausbewohner zusammen, die dem Opa helfen sollten, die Toten zu bergen. Jetzt erst wurde mir bewusst, was hier geschehen war. Mir wurde übel und ich musste raus, raus aus dem Haus. Ich hatte es plötzlich sehr eilig, nach Hause zu kommen und meiner Mutti diese traurige Neuigkeit zu erzählen.

Das ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der wenige Tage vor Kriegsende seine Mutter und seine Geschwister verlor. Über sein weiteres Schicksal ist mir nichts bekannt. Wie wir später erfuhren, hat der Vater der Familie, der an der Ostfront kämpfte, in seinen Feldpostbriefen ein so grausames Bild von den Russen gezeichnet, dass die Mutter vor Angst keinen anderen Ausweg mehr wusste.“

Fortsetzung folgt

Geschichten aus der Rathenaustraße – Fortsetzung I Methnerstraße

Aufgrund meines Beitrages „Geschichten aus der Rathenaustraße“, Bettina Zarneckow, 16. Mai 2021, hatte ich bei Facebook vor einigen Tagen aufgerufen, mir ähnliche Erinnerungen zu senden, um sie vielleicht zu veröffentlichen. Den nicht ohne große Anteilnahme zu lesenden Bericht ihres vor wenigen Tagen verstorbenen Vaters Horst Kaczmarek hat mir seine Tochter Lona Nacke zugesandt. Ich werde ihn in mehreren Fortsetzungen veröffentlichen.

Bericht Horst Kaczmarek – Teil 1

Horst Kaczmarek (Foto privat)

„Die Rote Armee rückte immer näher auf Frankfurt zu. Der Wehrmachtsbericht meldete ständig Frontbegradigungen. An einen Endsieg glaubte in der Bevölkerung schon lange niemand mehr. Außer mir! Ich war gerade mal 16 Jahre alt und durch die Schule und die Hitlerjugend so manipuliert, dass ich mir gar nichts anderes als einen Sieg vorstellen konnte. Wer eine andere Meinung hatte und am Endsieg zweifelte, war ein Volksverräter, und der wurde mit dem Tode bestraft.

JANUAR 1945

Die Stadt Frankfurt (Oder) befand sich schon in einem Ausnahmezustand. Überall sah man Soldaten und Kriegsgerät, Schützengräben wurden eingerichtet, Straßensperren aufgebaut. Über die Oderbrücke zog ein nichtendenwollender Strom von Flüchtlingen seine Bahn, Pferdewagen, hoch beladen mit Hausrat und Gerätschaften. Auf manchen Wagen saßen obenauf alte Leute, die nicht mehr laufen konnten und weinende, kleine Kinder, die diese Welt und das, was da geschah nicht verstanden, angesteckt von der Angst der Erwachsenen.

Alle flohen vor der Front, vor der Roten Armee, von der Schreckensbilder gezeichnet wurden. Nicht alle Flüchtlinge hatten das Glück, einen Pferdewagen zu haben. Viele waren zu Fuß unterwegs und hatten nur einen Koffer oder einen Rucksack bei sich. Die meisten hatten kein Ziel vor den Augen. Sie wussten noch nicht einmal, wo sie die kommende Nacht verbringen konnten.

Am 27. Januar 1945 wurde die Stadt Frankfurt von Adolf Hitler zur Festung erklärt. Damit hatte die Wehrmacht das Sagen in der Stadt. Es war geplant, die Stadt für die Rundumverteidigung vorzubereiten und als Deckung für Berlin zu nutzen. Post und Zeitungen wurden nicht mehr zugestellt. Lebensmittel kaufen, war Glückssache, man musste wissen, wo noch ein Geschäft geöffnet war. Der Schulunterricht in Frankfurt war zuvor schon unregelmäßig erfolgt, da es den Schulen, unter anderem an Kohlen zum Heizen mangelte.

Am 4.Februar begann, auf Befehl des Festungskommandanten Biehler die Räumung der ersten Stadtteile. Wir, das waren meine Mutti und ich, bereiteten uns nun auch auf die bevorstehende Evakuierung vor. Vati war zu dieser Zeit dienstverpflichtet und musste in Oranienburg in einer Munitionsfabrik arbeiten.

Jeden Tag bin ich, mit einem Fernglas ausgerüstet, auf den Dachboden gestiegen. Von dort konnte man weit über die Oder schauen. Ich sah den Kleistturm am anderen Ufer der Oder und manchmal auch Flugzeuge der Luftwaffe, die in Richtung Osten flogen. Es waren Ju 87, sogenannte Sturzkampfbomber, die versuchten den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen. Eines Tages ging ich wieder auf den Dachboden und was musste ich sehen, oder besser nicht sehen?: Der Kleistturm war weg, einfach nicht mehr da. Die Soldaten der Wehrmacht hatten ihn gesprengt, weil er eine Orientierungshilfe für die Rote Armee sein könnte. Das bedeutete aber auch, dass die Front immer näher an die Stadt Frankfurt heran rückte. Das Leben in der Stadt wurde immer gefährlicher. Immer öfter konnte man die Detonationen von Granateinschlägen in bedenklicher Nähe hören.

Kleistturm

DIE EVAKUIERUNG

Es war Ende Februar, als der Befehl kam, dass alle Zivilisten die Stadt zu verlassen haben. Es herrschte das Kriegsrecht. Dem Befehl war also unbedingt Folge zu leisten. Auf dem Güterbahnhof, in der Hindenburgstraße stand ein Zug bereit. Unser Koffer war ja bereits gepackt und somit konnten wir auch gleich gehen. Es war ein eigenartiges und beklemmendes Gefühl. Werden wir gesund wiederkommen? Was wird der Krieg aus unserem Zuhause machen? Aber auf diese Fragen gab es keine Antwort. Mit uns kam noch unsere langjährige Nachbarin, Frau Malengrio, für mich Tante Liesbeth. Ihr Mann, für mich Onkel Walter, durfte die Stadt nicht verlassen. Er war für die Verteidigung der Festung vorgesehen.

Also machten wir uns zu dritt, mit schwerem Herzen und zusammen mit vielen anderen Frankfurtern, als Flüchtlinge auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Am Güterbahnhof angekommen mussten wir verschiedene Kontrollpunkte passieren. Dort wurde noch einmal kontrolliert, ob man wirklich berechtigt sei, die Festung zu verlassen oder ob man sich drücken wolle, die Festung zu verteidigen. Der letzte Kontrollpunkt war mit zwei Mann besetzt. Einem Zivilisten und einem Leutnant. Der Zivilist nahm meinen Ausweis rechnete kurz nach: Im Jahre 1928 geboren, bis 1945 sind 17 Jahre, also wehrpflichtig! Mir rutschte das Herz in die Hose. Der Leutnant nahm den Ausweis und sagte: “Aber erst am 6. November 28 geboren, also noch 16 Jahre alt und somit noch nicht wehrpflichtig.”

Wer hatte nun recht?

Da man sich nicht einig wurde, brachte man mich zur Dienststelle, die für die Durchführung der Evakuierung zuständig war. Man hörte sich den Fall an und entschied kurz: 16 Jahre, nicht wehrpflichtig. Der Junge hat die Stadt unverzüglich zu verlassen. Damit war der Fall geregelt. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Jetzt rannte ich, so schnell ich konnte, zurück zum Bahnhof. Der Zug stand noch da, mit meiner überglücklich Mutter darin. Irgendwann wurde es draußen lebhaft, laute Stimmen gaben etwas Unverständliches bekannt, eine Trillerpfeife ertönte und dann setzte sich der Zug mit unbekanntem Ziel in Bewegung. Nach etwa vier Stunden Fahrzeit und vielen Zwischenstopps hatten wir unser Ziel erreicht. Es war Hennigsdorf bei Berlin. Wir wurden schon erwartet. Ein ganzes Heer von Helfern stand bereit, um uns in unsere Quartiere zu begleiten.

HENNIGSDORF

Für uns war ein Zimmer im Obergeschoß eines Einfamilienhauses vorgesehen. Wir wurden dort nicht gerade freundlich empfangen, obwohl der Herr des Hauses ein Parteiabzeichen trug. Da Mutti und Tante Liesbeth unbedingt zusammen bleiben wollten, hatten sie einen Bedarf für drei Personen angegeben. In dem Zimmer waren jedoch nur zwei Betten. Mutti reklamierte das sofort. Die Antwort kam auch prompt: “Liebe Frau, wir haben Krieg und da muss jeder Opfer bringen. Dort in der Ecke steht ein Liegestuhl, das ist das dritte Bett” Ende der Diskussion . Das war nun für eine unbestimmte Zeit unsere Wohnung und der Liegestuhl mein Bett.

Der Tag war lang und aufregend. Wir bereiteten uns gerade auf die Nachtruhe vor, als wir im Radio Folgendes hörten: “Achtung, Achtung, eine Luftlagemeldung: ein feindlicher Bomberverband ist im Anflug auf den Südwesten unserer Hauptstadt.” Diese Information kam über Drahtfunk. Das war für uns neu. Wer einen Telefonanschluss hatte, konnte mit einem Rundfunkgerät, das über den Langwellenbereich verfügte die Luftlagemeldungen für die Stadt Berlin abhören. Nun erkannten wir auch, dass wir aus einem Gebiet mit relativ wenig Fliegeralarm, in ein Gebiet gebracht wurden, indem Fliegeralarm zur Tagesordnung gehörte. Jetzt kam aber erst mal eine Nacht, in der ich für Führer, Volk und Vaterland in einem Liegestuhl schlafen musste.

Na dann Gute Nacht auch!“

Fortsetzung folgt

Geschichten aus der Rathenaustraße

von Bettina Zarneckow

Frankfurt (Oder) ist meine Geburtsstadt. Dort steht mein Elternhaus im Stadtteil West, Ecke Heinrich-Zille und Rathenaustraße. Drei Reihenhäuser, erbaut zwischen 1929 und 1938 mit Wohnungen für Familien und Einzelmieter. Um bauen zu können, mussten meine Großeltern einen Riesenkredit bei der Postbank aufnehmen. Meine Großmutter erzählte mir, nach dem Einzug in das neue Haus auf Apfelsinenkisten geschlafen zu haben.

Emma und Paul Steinecke mit Sohn Kurt und Angestellten vor ihrer Fleischerei

Die Rede ist also von meiner Großmutter, Emma Steinecke, geb. am 27.04.1894 in Baudach Kreis Crossen. Ihre Eltern kamen im Jahr 1904 mit ihren Kindern von Baudach nach Frankfurt (Oder), um dort zu arbeiten und zu wohnen. Mein Großvater, Paul Steinecke, geboren in Trebra bei Bleicherode am 12.04.1888 im Dreikaiserjahr, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, kam nach dem ersten Weltkrieg nach Frankfurt.

Ihren Kindern, meinem Onkel Kurt Steinecke (1925-2007) und meiner Mutter Rosemarie Biegon, geb. Steinecke, geb. 1934, gelang es, die Häuser zu erhalten. Ungeachtet der zu niedrigen Mieten in der DDR und zudem der Unterversorgung mit Baumaterialien und Handwerkern.

Viele Geschichten sind mit den Häusern verbunden. Ich möchte einige Erinnerungen meiner Mutter aufschreiben. Für meine Kinder, meine Nichte, meinen Neffen und vielleicht als Zeitdokument.

Ich beginne mit dem Jahr 1945:

Am 3. Februar 1945 wurde Frankfurt evakuiert. Meine Großeltern mussten bleiben, weil sie eine Fleischerei hatten. Die Familie sollte zusammen bleiben. Deshalb blieben meine Urgroßmutter und meine Mutter ebenfalls in Frankfurt. Mein Onkel Kurt befand sich seit 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1948 zurückkehrte. Zwei Jahre später holte ihn die russische Geheimpolizei ab. Er wurde nach Potsdam in die Untersuchungshaftanstalt in der Leistikowstraße gebracht. Nach einem Jahr in Potsdam folgten vier Jahre im Arbeitslager von Workuta. Vor einigen Jahren habe ich mir das Gefängnis, das inzwischen eine Gedenkstätte ist, mit den Kellern für die Häftlinge angeschaut.

Nach der Evakuierung Frankfurts wurde im Luftschutzkeller unseres Hauses in der Heinrich-Zille-Straße 1a (damals Trautmannstraße) ein Nachrichtenstützpunkt vom Militär eingerichtet. Das 1938 gebaute Haus musste mit einem Luftschutzkeller errichtet werden. Seine stählernen Spezialtüren mit besonderer Verriegelung sind ein bleibendes Andenken an diese Zeit.

Der Nachrichtenstützpunkt wurde mit Fräulein Helga Magnus besetzt, einer jungen Sekretärin. Sie wohnte in Frankfurt, kam früh zur Arbeit und verschwand abends wieder. Auf ihrem Arbeitsplatz standen eine Schreibmaschine und ein Telefonapparat. Öfter kamen Offiziere vorbei, so erinnert sich meine Mutter an einen Oberleutnant Schlegel. Die genauen Aufgabengebiete der Sekretärin erschlossen sich meiner Mutter, die damals 10 Jahre alt war, nicht. Sie war oft im Keller bei Fräulein Magnus und unterhielt sich mit ihr, wie sie heute sagt, über Gott und die Welt. Frankfurts Straßen waren zu dieser Zeit fast menschenleer. Sie hatte keine Spielkameraden und so verbrachte sie einen großen Teil ihrer Zeit im Nachrichtenstützpunkt. „ Ich fand das hochinteressant und ich fühlte mich wohl, weil ich Fräulein Magnus mochte“, so meine Mutter.

Eines Tages brachte meine Urgroßmutter Auguste Schlenz eine Ziege mit nach Hause, die herrenlos die Käthe-Kollwitz-Straße entlang gelaufen war. Sie meckerte wegen ihres prallen Euters herzzerreißend. Später lief noch eine zweite Ziege zu. Die Tiere waren von ihren Besitzern beim Verlassen Frankfurts zurückgelassen worden. Die zweite Ziege war trächtig und brachte in unserer Garage ein kleines Zicklein zur Welt, das meine Mutter Mecki taufte. Sie war etwas ganz Besonderes. Ein schwarzer Streifen ging über ihren Kopf und ihre Hörner waren schwarz. Die Ziegen lebten auf unserem Hof in der Garage. Mecki folgte meiner Mutter auf Schritt und Tritt. Zum Weiden wurden sie von meinem Großvater öfter aufs höher gelegene Nachbargrundstück gehoben. Während unser Hof gepflastert war, gab es dort genügend Gras und meine Mutter hütete sie. Eines Tages pfiff mein Großvater seiner Tochter zu, die mit den Ziegen im Nachbargarten war. Dieses Zeichen bedeutete Gefahr in Verzug. Die kleine Rosemarie wollte die Ziegen noch mitnehmen. Mein Großvater untersagte das streng. Tiefflieger näherten sich. „Bei offiziellem Fliegeralarm gab es Sirenenwarnung. Tiefflieger kamen ohne Vorwarnung, weil sie so plötzlich auftauchten“. Meine Mutter meint, dass es Engländer waren. Mein Großvater ergriff seine Tochter und rannte mit ihr in den Luftschutzkeller. Der Aufenthalt dort war nichts Ungewöhnliches. Schusssalven waren zu hören. Im Keller standen Bänke, auf denen gewartet wurde, bis mein Großvater Entwarnung gab. Die Ziegen waren unversehrt geblieben.

Noch im Februar wurde in der Rathenaustraße, die in der Nazizeit von Rathenaustraße in Schlageterstraße umbenannt worden war, auf dem Platz, auf dem sich heute die Schwimmhalle befindet, Munition in rauen Mengen gelagert. Mein Großvater beanstandete das und beschwerte sich, wahrscheinlich bei Oberleutnant Schlegel oder einem der vielen Offiziere, die im Nachrichtenstützpunkt unseres Hauses verkehrten. Eines Tages war der Platz beräumt. Offenbar wurde die Munition von Soldaten in die Keller der leerstehenden Häuser der Rathenaustraße verteilt. Es muss bei einem Überflug von Tieffliegern gewesen sein, dass sie sich durch Beschuss entzündete. Jedenfalls ging ein Haus nach dem anderen in Flammen auf. Meine Großeltern waren verzweifelt. Ihre Häuser waren am Ende der Straße, hatten zwar keine Munition in den Kellern, aber das Feuer würde sich trotzdem immer weiterfressen. In allen Häusern bestanden Durchbrüche zu den Kellern des jeweiligen Nachbarhauses. Es gab weder eine Feuerwehr noch ausreichend Wasser zum Löschen. Zusammen mit Angehörigen der Familie Heine, Inhaber der nahegelegenen Konservenfabrik Heinerle in der Georg-Richter-Straße und Herrn Raschke, einem letzten nach der Evakuierung verbliebenen Mieter unseres Hauses, Angestellter bei der Post, wurde versucht, das Übergreifen der Flammen zu verhindern. Meiner Mutter ist in Erinnerung, dass mein Großvater mittels eines Dreizacks die Trennwände zwischen den Häusern einzureißen versuchte. Zwei Häuser vor unserem konnten die Flammen gestoppt werden. „Seid ihr während des Brandes in eurer Wohnung geblieben?“ wollte ich von meiner Mutter wissen. „Nein“ antwortet sie. „Familie Heine, mit denen wir befreundet waren, bestand darauf, dass wir zu ihnen ziehen. Und so packten wir das Nötigste und blieben eine ganze Weile in ihrem Wohnhaus in der Georg-Richter-Straße. Mein Vater kam nur zum Übernachten und versuchte am Tage zu retten, was zu retten war. Bis wir wieder nach Hause zurück konnten.“

Noch heute ist anhand der nach 1950 errichteten Häuser zu erkennen, bis wohin der Brand sich ausgebreitet hatte. Unser Nachbarhaus, Besitzer war eine Familie Kluge, und unsere Häuser blieben unversehrt.

Wichtig für die Erinnerung: Im Jahr 1930 waren Straßenbäume in der Rathenaustraße gepflanzt worden. Von den Anwohnern, also auch von meinen Großeltern, gegossen und gepflegt. Sie überlebten den verheerenden Brand von 1945. Meine Generation hat sie beim Spielen als Versteck genutzt. Sie gehörten zum Straßenbild und prägten mit ihrem Grün den Stadtteil Westkreuz. Im Februar 2019 wurden nun diese 90 Jahre alten, gesunden Spitzahorne gerodet. Die Wurzeln der Bäume würden die Steine des Bürgersteiges anheben, hieß es seitens der Stadt. Diese Begründung überzeugt nicht. Schon in meiner Kindheit gab es erhebliche Unebenheiten durch die Wurzeln.Wenn finanzielle Mittel und Können nicht vorhanden waren, hätte einige Jahre gewartet werden können, um dann später bei einer Sanierung der Gehwege zu versuchen, die Bäume zu erhalten. Eine Dringlichkeit zur Rodung war nicht gegeben. Trotz Pflanzung von Gleditschien mutet die gesamte Straße wie eine Mondlandschaft an. Nicht nur ein trauriger Anblick, sondern es war auch leichtsinnig von den Verantwortlichen, diese über Jahrzehnte gewachsenen Zeugen der Geschichte in einer Art Handstreich vernichtet zu haben. Die heutige Diskussion über die Klimawende unterstreicht das nur.

Der am 26. Januar 1945 erklärte Festungsstatus Frankfurts wurde am 21. April aufgehoben. Die Festungstruppen traten ihren Rückzug an und rissen die gesamte Rathenaustraße auf, um den Russen ihren Einmarsch so schwer wie möglich zu machen. Fräulein Magnus kam nicht mehr. Am 23. April sah meine Mutter den ersten Russen in ihrer Heimatstadt.