SCOUBIDOU

In Berlin am Dom, gleich neben dem Eingang, saßen Anna und Lauri und bastelten Scoubidouandenken. Kleine Plastikbänder in wunderschönen Farben. Hübsche Armbändchen, süße Herzchen mit besonders viel Rot, Schlüsselanhänger. Touristen belagerten sie. Sie kauften ihnen alles ab.

Ein Maschinenbauer kam. Er prahlte: „Drei Tage benötige ich, um eine Maschine zu entwickeln, die Scoubidoubänder herstellt.“

Tatsächlich saß dieser Maschinenbauer drei Tage später neben den knüpfenden Kindern. An seiner Seite hatte er einen Koffer mit der konstruierten Maschine. Auf dem Schoß bediente er einen Laptop. Seine Finger tippelten fast so schnell an dem Rechner, wie die flinken Kinder flochten. Aus einer kleinen Öffnung neben dem Koffergriff kroch ein geknotetes Scoubidou-Bändchen hervor. Nach und nach wurde es länger. Schließlich fiel es herunter. „Ein Schlüsselanhänger“ rief er laut den Touristen zu. Schon zeigte sich ein neues Bändchen im Loch.

„Ich möchte gern eine Mütze aus diesem Material haben.“ Mit dem Zeigefinger wies ein älterer Mann auf seine Glatze. „Verstehe“, sagte der Mann. Dann setzte er sich großspurig auf und tönte laut: „Eine Woche benötige ich, um eine Maschine zu entwickeln, die Scoubidou – Mützen herstellt.“

Nach einer Woche saß der Maschinenbauer wieder bei den knüpfenden Kindern. Neben ihm stand eine Holzkiste, in welcher sich mehrere käferähnliche Roboter befanden, vielleicht fünf an der Zahl. Aus ihren kleinen Leibern ragten gebogene drahtähnliche Fortsätze hervor. Wie kleine Beinchen bewegten sie sich.

Wieder tippte der Mann etwas in seinen Computer ein und schon flochten die kleinen Automaten mit den Plastikfäden. Blitzschnell entstanden mehrere Scoubidouanhänger. Sofort verbanden sie diese zu einer Fläche. Schließlich lag auf einem Brettchen eine modische kunterbunte Baskenmütze aus Plastik. Der Mann setzte sie auf. Sie passte ihm und sie stand ihm gut. Lautstark lobte der Maschinenbauer seine Erfindung.

Die kleinen Maschinchen arbeiteten weiter und weiter. Immer schneller wurden die Fäden zusammengewunden. „Es reicht“, sagte der Mann mit der Baskenmütze. Er wollte gerade gehen, da bemerkte er, dass dem Maschinenbauer der Schweiß auf der Stirn stand. Heftig tippte dieser in den Laptop. Der Laptop aber reagierte nicht.

„Meine Maschine lässt sich nicht anhalten.“ Verzweifelt sah er um sich.

Unterdessen machten die kleinen Maschinenkäfer weiter. Eine Mütze nach der anderen entstand, in Windeseile. Plötzlich knoteten sie nur noch an einer Fläche. Bald war der Bürgersteig mit einer bunten Plastikdecke bedeckt. Die Menschen auf der Straße applaudiert. Dann wurde der Maschinist eingeknotet – zusammen mit seinem Laptop. Die Umstehenden lachten. Jemand wollte ihm helfen. Auch dieser wurde sofort mit verknotet. Nun wichen die Zuschauer zurück.

Inzwischen hatten die kleinen Maschinenkäferchen den Dom erreicht. Dieser riesige Dom. Sofort begannen die kleinen Automaten am Fundament. Als die Feuerwehr mit ihrem Tatütata eintraf, war der Dom bereits halb angezogen. Ein Feuerwehrmann stieg auf die große Leiter. Er wollte eine der Käfermaschinen greifen, doch da wurde er selbst auch schon samt Leiter in ein buntes Scoubidou gewoben. Ja, sogar das große rote Feuerwehrauto gleich mit. Und dessen grelle Warnleuchten strahlte nun ein buntes Partylicht.

Wieselflink die kleinen Automaten. Der Dom war nun von unten nach oben und bis in die Turmspitze hinein bunt geschmückt. Der ganze Dom – ein einziges Scoubidou. Dann ging es über auf die umstehenden Bäume. Auch sie wurden bunt beflochten. Am Ende leuchtete jedes einzelne Blatt in den fröhlichsten Farben. Ein kleiner Märchenwald am Dom. Dann die Brücke. Die Pfeiler, die gebogenen Geländer, die kunstvollen Lampen – binnen Minuten war auch das alles scoubidös und glänzte weithin sichtbar. Das Wasser der Spree fing an, bunt zu schillern. Die Fische, die kleinen wie die großen, zeigten sich in Scoubidouanzügen. Am gegenüberliegenden Ufer bedienten die Kellner ganz in Scoubidou gekleidet. Die Tische, die Stühle, dann die Gäste, der Kaffee, der Kuchen – statt mit Zuckerguss alles in Scoubidou. Selbst die Zinken der Kuchengabeln wurden beknotet – jede einzeln, nacheinander und in rasendem Tempo.

Immer weiter flochten die kleinen Roboterkäferchen. Weiter und weiter und schneller und schneller. Über die Häuser, die Straßen und Plätze, immer weiter. Und wer still ist, mucksmäuschenstill, der kann sie sogar hören.

Aus dem Buch „Märchen und Geschichten“ ausgedacht und aufgeschrieben von Karl-Ludwig von Klitzing „Für meine Enkel und alle anderen kleinen und großen Kinder“

Bilder Peter Sottmeier

2 Gedanken zu “SCOUBIDOU

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