RUSSLAND SANKTIONIEREN UND SO DIE WELTWIRTSCHAFT KAPUTT KRIEGEN – DIE NEUE BUNDESDEUTSCHE MISSION ?

Manfred Kannenberg-Rentschler

Seit 27. Februar 2022, drei Tage nach Russlands militärischer Invasion in die Ukraine, befindet sich die vor 33 Jahren um die DDR erweiterte BRD im Krieg gegen die UdSSR, im Krieg der Worte, Krieg der Boykotte und Sanktionen gegen die eine Kriegspartei, Aufrüstung und Waffenlieferungen in das Krisengebiet für die Andere in dem regionalen Konflikt.

– An diesem Tag rief der Kanzler eine neue „Zeitenwende“ aus.

„Rote Linien“ gäbe es für die Politik seiner Regierung nicht, eines seiner Lieblingsworte, das er schon im Krieg gegen das Virus Sars Cov 2 bevorzugt verwendet hat. Seither wird die Bevölkerung auf Kriegsbegeisterung, Feindseligkeit gegen das russische Nachbarvolk und angesichts der schon jetzt dramatischen Bumerangeffekte der Embargos und Sanktionen auf die eigene Wirtschaft auf bevorstehende Knappheit und Entbehrung eingeschworen – mit willfähriger Akklamation durch die propagandistisch vereinnahmte Medienlandschaft.

Die deutsche Außenministerin, höchste Diplomatin im Lande, will Russland „ruinieren“ und sorgt sich um die beginnende „Kriegsmüdigkeit“ im Lande und der Wirtschaftsminister will in Wild West Manier bei den Sanktionen gegen Russland gerne nochmal „nachladen“.

Das Wahlversprechen der Grünen – Wahlplakat Bundestagswahl

Ein gespenstisches Szenario der einseitigen moralischen Verurteilung, verstockten Verweigerung jeglicher Diplomatie und Verhandlungsbereitschaft mit einem der größten Handelspartner der BRD. Der Betrieb der in jahrelanger Arbeit erstellten Erdgaspipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee von Russland nach Rostock, die von den USA-Machthabern von Anfang an politisch torpediert, ist nun und auf deren Geheiß von der deutschen Regierung nicht genehmigt.

Menetekel an der Wand: Ihre Entscheidung kommt wie aus einer verhüllten Gefangenschaft. Wer sind die Fallensteller? Ist das willentliche oder unbedachte Zerstörung der eigenen energieabhängigen Wirtschaft? NATO, EU- Bürokratie, USA und Waffenlobby geben den Takt vor für diese beispiellose politische, kulturelle und wirtschaftliche Selbstaufgabe Bundesdeutschlands.

Und wir – die Bevölkerung, der Souverän – schauen gebannt zu und halten wie gelähmt still: Mitverursacher und Zeugen einer Art Selbstentleibung. „Der Leib, der sich aus den Weltwirtschaftsinteressen gebildet hat, bedarf der Pflege seiner Seele. Man sollte nicht warten, bis die Seele von selbst erscheint. Sie ist da; denn jeder hat eine Seele. Aber sie will mit ihrer Wesenheit auch in die Deutungsart der Menschen übergehen, um wirksam zu werden“, schrieb ein Sozialforscher 1921 am Vorabend einer großen Weltwirtschaftskrise in einer schweizerischen Wochenschrift 1.)

Der Weltwirtschaftsorganismus ist in zwei Jahrhunderten durch Tatsachen und Instinkt Wirklichkeit geworden: Alle arbeiten arbeitsteilig über die gesamte Erde hin füreinander. Faktischer Altruismus ist das, aber das Bewußtsein und die Moralität hierfür sowie die daraus resultierenden bewusst gewollten Kooperationen und assoziativ verbrieften Organe als Lebensbedingung für das Ganze hinken hinterher. Eine florierende, wertschöpfende Weltwirtschaft ist die Lebens- und Kulturgrundlage der Völkergemeinschaft und gedeiht, wenn ihr struktureller, arbeitsteiliger Altruismus bewusst gewollt und gepflegt wird. Sie ist ein hohes Gut der Menschheit. Deutschlands Politik gehört derzeit nicht zu den Vorreitern dieses geistigen Wachstums der Menschheit.- Dies wird stattdessen nun in Großmannssuchtgebärden, anachronistischen Nationalismen, ideologischen Verhärtungen torpediert.

Aus Deutschland als großem Nutznießer und Förderer des Weltwirtschaftsorganismus ist über Nacht eine zerstörerische Gefahr für ihn geworden durch einen politischen Sanktions- und Boykottfanatismus und ein erkranktes, manipuliertes öffentliches Geistesleben. Die Zerstörungswut der derzeitigen deutschen Regierung im Sog der EU-Bürokratie und USA/NATO-Weisungen sucht ihresgleichen und raubt einem den Atem. Aber das Wahrheitsgefühl in der Bevölkerung für die eigentliche Aufgabe wächst. Der Goldgrund des Geistes der Gegenseitigkeit und des Vertrauens in die Arbeit Aller füreinander macht sich behutsam und nun immer stärker im Bewusstsein der Zeitgenossenschaft geltend, je brutaler und rücksichtsloser von politisch Verantwortlichen an der Sanktions- und Eskalationsspirale gedreht wird.

Dieses Wahrheitsgefühl wird sich Bahn brechen und den Zynismus der Kriegsparteien und ihrer Anheizer ablösen. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West wurde siebzig Jahre geschürt und brach dann zusammen.

Als vor dreiunddreißig Jahren die innerdeutsche Grenze geöffnet und die Berliner Mauer weggeräumt wurde, waren das Früchte schmerzlicher Entbehrungen und Bewusstseinswerdungen und lichter Geistestaten. Selbstbefreiung aus einer unerträglichen Bevormundung des Staates. Manifestiert hat sich das in solch friedlichen Kundgebungen wie „Schwerter zu Pflugscharen“ „Wir sind das Volk“, „Besonnenheit für unser Land“ und „Keine Gewalt“.

Bild: https://www.tagesschau.de/inland/berlindemo102.html
Foto: https://www.rbb-online.de/unternehmen/presse/
presseinformationen
/programm/2020/08/2020083-letzter-sommer-ddr.html

– Das Bewusstsein für das eigene Menschentum durch die weltweite Arbeit und Verbundenheit füreinander könnte nun durch eine genügend große Zahl von Menschen den Bann brechen und die Gespenster verjagen.- Werden also im kommenden Herbst in diesem mitteleuropäischen Land nochmals solche klaren Einsichten, Worte und Taten das öffentliche Geschehen verändern und wenden wie: „Wir sind die Weltwirtschaft“, „Wir arbeiten füreinander“, „ Faire und richtige Preise sind unser Fundament“,„Wir haben Nordstream2 geschaffen und wollen es geöffnet sehen“?

– 1) R. Steiner: „Amerika und Deutschland“ in Goetheanum v. 4. Sept. 1921 https://globalbridge.ch/wann-endlich-erwacht-europa/

Bild: https://debeste.de/268162/Ab-in-den-Urlaub-An-alles-gedacht

Ostdeutsche Zeitenwende – die New Yorker Philharmoniker in Peenemünde

Bettina Zarneckow

Ich blicke zurück auf den Dezember des Jahres 2021: Es gab noch keinen Krieg in der Ukraine, meine Mutter lebte noch. Die Welt war in Ordnung. Oder nicht? Für mich war sie es.

Anfang des Monats bekam ich eine WhatsApp von unserem Freund Christoph Ehricht mit dem Hinweis auf ein Konzertwochenende im Mai in Peenemünde, organisiert vom Usedomer Musikfestival. Eingeladen zum 20. Geburtstag der Friedenskonzerte waren die New Yorker Philharmoniker. Wir beschlossen an einem der Konzerte gemeinsam teilzunehmen. So saß ich am 11.12.2021 am Computer und erwartete ein wenig angespannt die Freischaltung des Kartenvorverkaufs, die wirklich Punkt 9.00 Uhr erfolgte. Einige Klicks und ich hatte für Reinhart und mich Karten im Warenkorb. Hui, nicht gerade preisgünstig, aber wir sparten ja die Reisekosten nach New York, hatten Christoph und ich uns zuvor beruhigt.

Noch immer spüre ich bei solchen Ereignissen meine Prägung durch die DDR. Die Möglichkeit, derartige Konzerte besuchen zu können, ist für mich, und das Gefühl werde ich mir hoffentlich bewahren, eine beglückende Besonderheit. Keine Selbstverständlichkeit. Genau wie meine sechs Udo Jürgens Konzerte, die ich immer als ein Wunder ansah und während mancher Melodie glaubte, inmitten eines Traums zu sein. Verrückt und unglaublich schön!

Wir hatten uns für das erste Konzert am Freitag mit dem Pianisten Jan Lisiecki entschieden. Vor Beginn sahen wir uns das Gelände mit dem alten Kraftwerk an. Es ging 1942 in Betrieb und versorgte die Heeresversuchsanstalt (HVA) mit Strom, in der die erste funktionsfähige Großrakete Aggregat 4 (später V2 genannt) unter Wernher von Braun entwickelt und getestet wurde. Die HVA war bis 1945 das größte militärische Forschungszentrum Europas. Auf einer Fläche von 25 km² arbeiteten 12000 meist Zwangsarbeiter gleichzeitig an Waffensystemen, die im 2. Weltkrieg eingesetzt wurden und Vorläufer von heute eingesetzten Raketen im Ukrainekrieg sind. Das alte Kraftwerk wurde nach dem Krieg als einziges Gebäude nicht gesprengt, zu DDR-Zeiten weiter zur Stromerzeugung genutzt und beherbergt seit 1991 das Historisch-Technische-Museum sowie einen Konzertsaal.

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Was traf an dem Wochenende auf diesem historischen Grund nicht alles zusammen?!

  • Die New York Philharmonics, 106 Orchestermitglieder, die nach drei Jahren coronabedingter Pause erstmals wieder in Europa zusammen auftraten.
  • Ihr Dirigent Jaap van Zweden – Niederländer.
  • Die Solisten: Anne-Sophie Mutter (Violine) – Deutsche.
  • Jan Lisiecki (Klavier) – in Kanada geborener Sohn polnischer Eltern.
  • Thomas Hampson (Bariton) – Amerikaner.
  • Und ein internationales Publikum.
Jan Lisiecki

Um in den Konzertsaal zu gelangen, gingen wir Freunde der Musik erst einmal geordnet durch das Kesselhaus, über eine Treppe in das Maschinenhaus. Vorbei an Maschinen – Zeugen längst vergangener Zeiten, die einst hier ihren Dienst taten.

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Die Atmosphäre war beeindruckend. 1200 Menschen mit und ohne Maske (die wegen Covid 19 verhängte Maskenpflicht war aufgehoben) stiegen über eine Metalltreppe und dann durch eine Art Luke in den Turbinensaal. Sofort stand man vor dem Orchesterpodest, auf dem die New York Philharmonics bereits ihre Instrumente stimmten.

Ein paar Fotos, dann den Platz gesucht und einfach nur alles in sich aufnehmen:

Die Europapremiere von Nina Shekhars Komposition „Lumina“ – ein Stück, in dem elf Minuten lang die Sonne aufgeht.

Mein Lieblingsstück an diesem Abend das Klavierkonzert Nr. 5 von Ludwig van Beethoven, gespielt von Jan Lisiecki. Beethoven komponierte dieses Klavierkonzert 1805 in einer Zeit als Napoleons Truppen Wien belagerten und auch sein Wohnviertel dort unter Artilleriebeschuss stand.

Nach einer Pause dann die Sinfonie Nr. 9 Es-Dur op.70 von Dimitri Schostakowitsch. Der Komponist sollte die siegreiche Beendigung des Zweiten Weltkrieges „musikalisch kommentieren“, so der Auftrag von der KPdSU. Schostakowitsch: „Aber in einem Krieg mit zig Millionen Toten gibt es doch eigentlich nur Verlierer.“

Dass ausgerechnet Schostakowitsch gespielt und nicht aus dem Programm genommen wurde, empfand ich als ein wohltuendes, starkes Zeichen ganz im Sinne dieser Friedenskonzerte. Am Schluss – tosender Beifall, wie ich ihn lange nicht mehr erlebt habe.

Man sagt so einfach: Die New Yorker Philharmoniker gastierten in Deutschland, im Kraftwerk von Peenemünde, spielten Beethoven, Previn und Schostakowitsch. Aber es ist doch wie ein Jahrhundertereignis, an dem wir teilhaben konnten und das uns begeistert und sehr beeindruckt hat. Ich möchte es jedenfalls vor dem Hintergrund des groteskerweise als Zeitenwende bezeichneten derzeitigen Weltgeschehens so sehen.

Und ich muss noch dies im Hinblick auf die sich aneinanderreihenden Weltereignisse gestehen: Reinhart und ich verlebten anschließend ein wunderbares Restwochenende in Zinnowitz bei schönstem Strandwetter und gutem Essen, bevor wir am Montag wieder nach Hause zurückkehrten.