Charlotte tanzt – Fortsetzung



Teil 2: Vom Haus am Berg in der Gubener Straße zur eigenen Tanzschule auf dem Aurorahügel

Wie ging es nun weiter? (hier Teil 1) „Passend zum Lateinkleid hat unsere Schneiderin Poppi (Christel Popp) das Lateinhemd und die Turnierhose des Herren noch mit Applikationen des goldfarbenen Stoffes des im Exquisitgeschäft in Cottbus gekauften Mantels versehen. Diese Kombination haben erst einmal Antje Thode und Jan Ziske, unser bestes Tanzpaar getragen“, erinnert sich Charlotte. Der Kauf des Mantels wurde von höherer Stelle nicht beanstandet.
So richtig kontrolliert wurde man erst nach der Wende, aber davon später.

1969 war Charlotte nach Frankfurt (Oder) gekommen. Sie wollte endlich ihr Wissen aus dem Studium in die Praxis umsetzen und dem Training neue Impulse geben, fand aber dafür vorerst kein offenes Ohr.

1970 ging sie deshalb nach Bad Freienwalde und unterrichtete dort. Der ihr wohlgesonnene Vorgesetzte sah Charlottes Engagement und riet: „Du möchtest doch etwas bewegen, etwas verändern im Tanzsport – es wäre nur vernünftig und erleichterte dir vieles, wenn du in die Partei eintreten würdest.“ „Das leuchtete mir vollkommen ein und ich wurde Mitglied der SED“, erklärt mir Charlotte. Manfred Schuster, Leiter des Kulturzentrums Haus am Berg, holte sie 1973 zurück in die Bezirkshauptstadt Frankfurt. Sie war die einzige, die eine fachliche Ausbildung hatte.

Solange Siegfried Grupe dort tätig war, organisierte er mehrmals im Jahr einwöchige Trainingslager für hochklassige Paare aus der ganzen Republik. Im Haus am Berg gab es dafür einen großen Tanzsaal. Übernachtet haben die Teilnehmer in den Bungalows am Helenesee. Später entdeckte er die Jugendherberge in Bad Saarow als idealen Ort für seine Trainingslager mit einem großen Saal, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten.

„Siegfried hatte gute Kontakte geknüpft zu hervorragenden Trainern. Sie reisten immer zu den Trainingslagern an. Freddy Nowack kam aus Jugoslawien. Bei ihm habe ich verstanden, welche Bedeutung das Absenken beim Langsamen Walzer hat und wie man es richtig ausführt. Trainerehepaar Trautz kam aus Westberlin, war extra für die Rumba engagiert worden. Und dann natürlich Torben Wied aus Dänemark, der alle lateinamerikanischen Tänze unterrichtete. Er war eine große Hilfe nicht nur als Trainer, brachte hin und wieder ein Kleid, Schuhe und sogar Schallplatten mit. Nur nicht eine Tanzpartnerin, mit der er sein Trainingsprogramm vorführen konnte. Auf seinen Wunsch hin sollte ich das sein. Es war anspruchsvoll, aber eben das, was ich gerne tat und immer noch tue – tanzen.“

1975 begann Charlotte, mit Kindern zu arbeiten. „Mit Bewegungs – und rhythmischen Übungen fängt alles an“, so Charlotte im Interview 1983. „Charlotte, du hattest mir vom Frösi – Pokal erzählt, einer der wichtigsten Nachwuchs-Tanzsportwettbewerbe in der DDR, benannt nach der Kinderzeitschrift. Den habt ihr doch öfter gewonnen?“ „Öfter?“, reagiert Charlotte auf meine Frage, „den haben unsere Paare immer gewonnen und waren richtig stolz – wir alle natürlich.“

„Seid ihr auch zu Turnieren ins Ausland gefahren?“ „Ja, aber nur ins sozialistische. Einmal ging es zu einem Turnier nach Polen. Ich konnte nicht mitfahren. Unsere Paare, insgesamt drei der A und B Klasse, hatten wieder sehr gut abgeschnitten. Vor der Auswertung sprachen die westdeutschen unsere Paare an, man könne doch gemeinsam zur Siegerehrung antreten. Unsere jungen Leute waren einverstanden. So wurden also die Plätze nicht an die DDR und an die BRD vergeben. Stattdessen hieß es: Platz zwei: Deutschland, Platz drei: Deutschland.“
Ost und West vereint, wenigstens im Tanz und das Jahre vor der Wende.
„Unsere Tänzer waren noch nicht wieder zuhause, da wurde ich schon zur SED-Bezirksleitung zitiert. Gemeinsame Sache mit den Westdeutschen zu machen, ob ich meine Paare nicht erziehen könnte. Natürlich, antwortete ich, aber nur im Tanz.“
Weitere Folgen jedoch hatte die kurze Liaison der deutsch deutschen Tanzpaare nicht, bestätigt mir Charlotte.

Gerade so richtig in Schwung gekommen, erzählt sie mir vom Besuch Werner Mandels, Stadtrat für Kultur, im Kulturzentrum. „Er gab die Weisung, dass wir mit unseren Turnierpaaren am 1. Mai an der Maidemonstration teilnehmen und anschließend auf einer Bühne tanzen sollen. Selbstverständlich in Turnierkleidung mit Schuhen und allem drum und dran. Ich lehnte sofort ab. Das kommt gar nicht in Frage. Auf ihrer Bühne können sie Volkstanzgruppen auftreten lassen. Für unsere Spezialschuhe gehen weder der Marsch durch die Stadt noch der Tanz auf der Bühne. Auch unsere Kleider sind nicht dafür gemacht.
Obendrein sollte ich noch den Kassettenrekorder mitbringen, den wir mit viel Überredungskunst dem Elektroakustiker Rolf Winkler aus dem Kreuz geleiert hatten. Stell dir mal vor, der war ausm Westen“, empört sich Charlotte noch heute. Herr Mandel zog unverrichteter Dinge von dannen. Wer Charlotte kennt, der weiß, da war nichts mehr zu machen.

Zu machen war auch für Charlotte und ihren Mann René 2023 nichts mehr, außer ihre Tanzschule zu beräumen. Schon schwer angeschlagen durch die Corona-Krise, in der die Schule geschlossen bleiben musste, bedeutete für sie der Beginn der Sanktionen Deutschlands gegen russisches Gas und Öl das endgültige Aus. Heiz- und Energiekosten schossen in die Höhe. Die Menschen hielten ihr Geld zusammen, versagten sich Freizeitaktivitäten wie Tanzen. Die Miete für die Räume ihrer Tanzschule, die sie schon einige Jahre früher verkaufen mussten, wurde erhöht. „Das war finanziell für uns nicht mehr zu machen.“

Nach der Wende hatten sie mutig den Weg in die Selbstständigkeit gewagt. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen boten. Der neue Leiter der Sparkasse verweigerte ihnen anfangs einen Kredit. Auch einen geeigneten Bauplatz zu bekommen, machte die Stadt äußerst schwer, aber sie fanden ihn auf dem Aurorahügel 12.

Bilder zum Vergrößern bitte anklicken.

Sie hörten von einer Baufirma in Nordhorn, fuhren hin, legten ihren fertigen Bauplan vor und in kürzester Zeit stand das Gebäude. 1993 war die Eröffnung der Tanzschule Golz-Glogener. Ihr Slogan: „Tanzen lernt man beim Profi“ und der war seit 1987 nun auch René mit abgeschlossener Ausbildung.

„Es lief richtig gut. Das bedeutet natürlich viel Arbeit und viel Stress. Wir unterrichteten, tanzten anfangs ganze Programme bei den Abschlussbällen. Das hieß auch für uns selbst regelmäßiges Training. Wir nahmen moderne Tanzformen wie Videoclip Dancing und Zumba-Fitness mit auf, hatten Hobbytanzabende und Einzelunterricht für Brautpaare. René kümmerte sich zudem um den Ausschank. Wir hatten eine kleine Bar mit Zapfanlage. Es war unser Traum, den wir uns erfüllt hatten. Ein wenig Ruhe und Ausgleich gaben uns unsere beiden Lieblinge Lolek und Bolek.“

Dieses Kleid war Mitte der 90er Anlass für das Finanzamt, in der Tanzschule Golz-Glogener nachzufragen. Im Raum stand die Vermutung, eine private Ausgabe (etwa 2000 DM) als Betriebsausgabe abgerechnet zu haben. Bei Inaugenscheinnahme des Standartkleides bestätigte sich diese Vermutung nicht. Die DDR war längst Geschichte und die Bürokratie der Bundesrepublik in vollem Gange.

Im Februar 2023 hatten wir unser letztes Zumbatraining in Charlottes und Renés Tanzschule. Kurz vor ihrem 30sten Firmenjubiläum, das sie eigentlich feiern wollten. „Anfang April 2023 war soweit alles abgewickelt, zwei Wochen später starb plötzlich René“. Charlotte sucht nach einem Foto in ihrem Smartphone. „Guck mal, René zwei Tage vor seinem Tod.“ Charlotte hatte ihn fotografiert, als er die letzten Gardinenstangen von der Wand abnahm. „Es ist doch nicht zu glauben.
Jetzt bin ich 81 Jahre alt, bewege mich regelmäßig, bin fit, bestätigt mir mein Arzt, mache Sport und gehe spazieren. Wäre das alles – angefangen mit Corona – nicht gekommen, wir hätten unsere Tanzschule immer noch.“

Foto: Bettina Zarneckow, Februar 2023

Zum Schluss wollte ich von Charlotte wissen: „Was ist eigentlich dein Lieblingstanz?“ Ihre Antwort: „Langsamer Walzer, Rumba und Tango Argentino.“



Bettina Zarneckow

Görlitz und die besondere Kraft von Sinnbildern

Bettina Zarneckow

Ein offener Brief

Lieber Christoph,

nach unserem Konzertbesuch in Görlitz und der unerwartet eindrücklichen Stadtführung am nächsten Tag durch Frau Kempgen, ja den drei wunderschönen Tagen mit Ingelore und Dir, möchte ich zurückblicken.

Als ich die letzten Schritte mit Frau Kempgen allein zum Auto ging, wollte ich ihr unbedingt sagen, was mich am meisten an diesem Tag beeindruckt, was sie uns so lebendig und anschaulich nahegebracht hat. Es waren die Symbole, die uns so zahlreich begegneten. Nicht so sehr wegen der schönen Darstellung, nein gerade wegen ihrer tiefsinnigen, zu Herzen gehenden Bedeutung. Das Sinnliche und Unsinnliche offenbarte sich gleichzeitig.

Allen voran natürlich das Heilige Grab. Eine verkleinerte Kopie des Jerusalemer Originals, das in seiner Gesamtheit die Passionsgeschichte darstellt. Vom Garten Gethsemane, über die Grabkapelle bis zum Ölberg. Alles selbst Symbole und mit Symbolen versehen, deren Bedeutung wir durch den unfassbaren Wissensschatz von Frau Kempgen erfahren konnten. https://de.wikipedia.org/wiki/Heiliges_Grab_(G%C3%B6rlitz)

Grabkapelle – Heiliges Grab
Adamskapelle – Heiliges Grab
Nikolaifriedhof Görlitz

Symbole – fast jedes erdenkliche Objekt kann zu einem werden, insofern es über sich hinaus auf etwas anderes verweist. Kaum ein Lebensbereich, in dem Symbole keine Rolle spielen. Ein Kennen, Erkennen und Einordnen von Symbolen schärft den Blick für die Gegenwart und ist wichtig für das Verständnis vergangener Wirklichkeit.

Selbst der Straßenverkehr wird mit ihrer Hilfe geregelt, Hierarchien werden so geordnet, oder weltanschauliche Überzeugungen zum Ausdruck gebracht.

Einige Beispiele: Das Kreuz als Symbol der Christen,

Kneifelspitze Berchtesgadener Alpen

der Regenbogen mit seinen Farben als Symbol für den Bund Gottes mit den Menschen, der Paradiesapfel als Reiz des Verbotenen, das Herz als Zeichen der Liebe, zwei Ringe als Zeichen, dass zwei Menschen zusammengehören, eine weiße Taube als Friedenssymbol, die Krone vor allem als Symbol für Macht, der Union Jack des Vereinigten Königreichs Großbritannien, Bulle und Bär als Zeichen der Börse und ein rotes „A“ mit Arzneikelch und Schlange – Symbol der Apotheken.

Sicher kann jeder auf Anhieb ein für ihn wichtiges Symbol nennen. Ich denke an das heute überlebenswichtige Symbol für Wireless Local Area Network, kurz WLAN, das eine drahtlose Verbindung zum Internet herstellt.

Statuen sind Symbole unserer Geschichte, die wir nicht durch ihre Beseitigung verdrängen dürfen.

Und Worte? Worte können auch Symbole sein und machen einen lyrischen Text zu dem, was er ist, besser noch, was er für jemanden sein kann. Kleist formulierte einst an Goethe: „…auf den Knien meines Herzens…“ Hölderlins Hyperion ist durchzogen von hinreißender romantischer Symbolik: „Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schicksal ihr entgegenstände.“

Für Dich als Theologen ist es nicht wie für mich eine Entdeckung, dass der Begriff Symbol aus dem Griechischen kommt und von dem Wort „symbolon“ stammt, was übersetzt das Zusammengefügte oder das Sinnbild bedeutet. Im alten Griechenland galt in der ursprünglichen Bedeutung eine Erinnerungsscherbe als Symbol. Sie war ein Erkennungszeichen, der Pass der Antike. Verließ ein Gast das Haus, so wurde eine Scherbe zerbrochen und er bekam eine Hälfte mit. Die andere behielt der Gastgeber. Kam ein Nachkomme des Gastes Jahre später wieder, so wurden die beiden passenden Teile zur Wiedererkennung zu einem Ganzen zusammengefügt.

Die Verbindung zu Platons Gastmahl mit der Geschichte über die Kugelmenschen liegt nahe. Ich habe sie hier im Blog schon einmal erwähnt. Zeus hatte die Kugelmenschen wegen ihres Übermutes geteilt. Fortan suchten sie nach ihrer passenden Hälfte, strebten also wieder nach Vollständigkeit. In seinem Buch ‚Die Aktualität des Schönen‘ schreibt Hans-Georg Gadamer zum Gastmahl: „Das ist das Symbol – der Mensch, dass jeder Mensch gleichsam ein Bruchstück ist; und das ist die Liebe, dass sich die Erwartung, etwas sei das zum Heilen ergänzende Bruchstück, in der Begegnung erfüllt.“ Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung und erklärt so begreiflich die Sehnsucht? Das Symbolische meint also, dass sich Einzelnes und Besonderes im Leben als Bruchstück des Seins darstellt. Dieses verheißt Ergänzung und Heilung zur Vollständigkeit eines ihm Entsprechenden. Gadamer: „Es ist das immer gesuchte Bruchstück zum Lebensfragment.“

Hans-Georg Gadamer (1900-2002) – Bildschirmfoto BR alpha

Gadamer spannt den Bogen des Symbolischen weiter zur Kunst und dem, was uns in ihr begegnet. „Nicht das Besondere begegnet uns, sondern der universelle Zusammenhang aller Dinge und wird zur Erfahrung. Die Stellung des Menschen in der Welt, seine Endlichkeit gegenüber der Transzendenz.“

Im Betrachten eines Kunstwerkes also, im Hören eines Musikstückes, beim Lesen eines Gedichtes, im Erkennen eines Symbols erfahren wir Bruchstücke, die helfen können, uns vollkommener zu fühlen? Hat das unser gemeinsamer Freund Augustin, den Du einmal so nanntest, vielleicht gemeint als er sagte: ‚Ein Kunstgenuss ordnet die Seele‘?

Augustin

Und in der Tat kann es einem so gehen. Wenn ich Musik in einem Konzert gehört, eine Bilderausstellung angesehen oder die künstlerischen Arbeiten und Skulpturen in einer Kirche betrachtet habe, in denen ich erkennen konnte, verspüre ich immer wieder ein besonderes Gefühl und beginne, mir so manche Frage zu stellen.

Albrecht Wuitz (1950-2023)

Aber zurück zu unserem Besuch in Görlitz. In der Pfarrkirche St. Peter und Paul erklärte uns Frau Kempgen ein Symbol des Glaubens, das mich sehr angerührt hat. Es hat mich erst dazu gebracht, über Symbole im Allgemeinen nachzudenken. An der Umgrenzung eines Taufbeckens befindet sich eine Knospe, die kunstvoll aus Metall gearbeitet als Teil einer Rankepflanze wuchs. Am Altar sahen wir wieder die gleiche Ranke, die Knospe war zur Blüte aufgegangen: Vor dem Altar stehen Täuflinge nun zur Konfirmation.

Ich weiß nicht wie es Dir geht, aber ich mag sehr gern Dinge als Erinnerungsstücke. Ein Symbol, dessen Anschauung und Berührung mir ein inniges Gefühl vermitteln. Ein Erkennen und Vergegenwärtigen dessen, was mir in diesem Moment fehlt. Das erste Geschenk, das ich von Reinhart bekam, war ein Miniaturhase aus Ton, den ich oft bei mir trug. Von mir bekam er einen Briefbeschwerer in Form eines Herzens, der heute noch auf seinem Schreibtisch im Büro liegt. Einem Freund schnitzte ich einst eine Holzkugel, die in seine Hand passte. Ein Erinnerungsstück von mir als Halt in weniger schönen Stunden. Für mich strömen Symbole eine besondere Kraft aus und seit dem ich mich mit ihnen beschäftigt habe, weiß ich ein wenig mehr warum.

„Ein Symbol ist Bedeutung und Anschauung zugleich. Bedeutung erhält es durch seine Einsetzung oder Stiftung. Es vertritt etwas, was nicht anwesend ist und macht es gegenwärtig.“ H.- G. Gadamer

Bitte grüß Ingelore und sei auch Du herzlich gegrüßt von Bettina