Difficile est saturam non scibere

Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben! Dieses verzweifelte Aufstöhnen des römischen Dichters Juvenal aus der Zeit des Kaisers Domitian geht mir beim Nachdenken über manche aktuellen Vorgänge nicht aus dem Sinn – je älter ich werde, um so mehr.

Dabei scheint es jetzt ganz im Gegenteil gerade schwer zu sein, eine Satire zu schreiben. Jedenfalls gewinne ich diesen Eindruck, wenn ich – zugegeben, es geschieht immer seltener – Satiresendungen in Radio oder Fernsehen anhöre oder anschaue. Oft erinnern sie mich an die gequälten Kabarettprogramme aus der DDR , wo ein bestimmter Themenbereich freigegeben war zur Satire, andere und viel entscheidendere Dinge aber nicht angesprochen werden durften. (Mit gespitzten Ohren wartete das Publikum immer auf Tabuverletzungen, die dann mit besonderem Beifall honoriert wurden, hinterher gelegentlich mit Auftrittverboten oder Schlimmerem für die Akteure.)

Ich glaube nicht, dass heute wieder eine Zensurbehörde tätig ist wie seinerzeit in meiner Kindheit und Jugend. Eher fürchte ich, dass eine Schere im Kopf der Satiriker arbeitet, eine Mischung aus vielleicht ehrlicher eigener Überzeugung und Angst vor einem medialen Shitstorm. Unter dem Strich ist das viel, viel wirksamer als die Schere einer Zensur, vor der man sich ja immer mit Karl Kraus rechtfertigen oder trösten konnte, dass ein Text zu Recht verboten wird, wenn der Zensor ihn versteht.

Aber zurück zu unserer lateinischen Überschrift. Satire – das heißt ja frei übersetzt: man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Mir ging es so, als ich die Übertragung der Konstituierung unseres neu gewählten Bundestages verfolgt habe, des zweitgrößten Parlaments der Welt nach dem Volkskongress der Volksrepublik China. Allein das ist ja eigentlich lächerlich oder eher noch ein Grund zum Schämen. Und wenn dann auch noch eines Volkskongresses würdige Rituale zelebriert werden, indem die Parteien des demokratischen Blocks wie ein Mann (!) die Abweichler niedermachen und gegen alle Gepflogenheiten ausgrenzen? Ich bin wirklich kein Freund der Partei der Abweichler. Vielleicht macht es mich gerade darum so wütend, wenn ihr törichterweise Popularität geschenkt wird.

Beim weiteren Aufschreiben meiner Gedanken merke ich, dass ich nun auch einen Bogen mache um Themen, die mich eigentlich noch mehr als die eben genannten beschäftigen. Die Hysterie der apokalyptischen Weltuntergangsstimmung. Die Sackgassen einer nicht zu Ende gedachten Energiewende. Die Absurditäten der verstolperten Transformation zur E-Mobilität. Journalisten, die sensationslüstern von „Putins Gaskrieg“ schreiben und vergessen, dass das erste Opfer in einem Krieg immer die Wahrheit ist. Ein Stichwortzettel für Juvenal, der sich leider mühelos verlängern ließe? Oder lieber nicht? Ist z.B. die „cancel culture“ nun doch zu alarmierend, als dass man darüber lachen sollte?

Ich lasse die Frage einmal einfach so stehen und komme lieber noch einmal zurück zu der Beobachtung, die für mich diesmal der Anlass war, zur Feder zu greifen: die letzte Bundestagswahl mit dem grotesken Ergebnis nach einem ebenso grotesken Verlauf. Wie mag es wohl zu erklären sein, dass unmittelbar nach den peinlichen Pannen des Wahlverlaufs in der Hauptstadt eilfertig von Medien und Politikern versichert wurde, auf das Ergebnis der Bundestagswahl hätten die Pannen keinen Einfluss gehabt? Wenn Wahllokale noch Stunden nach Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen geöffnet sind – ist das ohne Belang? Wo sonst so sorgfältig darauf geachtet wird, dass Prognosen auch nicht eine Minute vor 18 Uhr veröffentlicht werden dürfen, weil sonst Wähler beeinflusst werden könnten?

Aber noch mehr ärgert mich wie gesagt unser Spitzenplatz in der Weltrangliste der größten Parlamente. Ich denke, hier hätte das Bundesverfassungsgericht, dessen letzte Urteile über das Klimagesetz oder die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mich auch mehr an eine unfreiwillige Satire erinnern, die Pflicht gehabt, ein neues Wahlrecht nicht nur anzumahnen, sondern auch konkrete Pflöcke dafür einzuschlagen, wie so ein neues Recht aussehen könnte. Z.B. durch eine zwingend vorgegebene Verringerung der Wahlkreise und durch Eckpunkte für ein Wahlsystem, das mir als Wähler die Möglichkeit gibt, wirklich eine neue Regierung zu wählen und nicht nur den Auftrag für eine Kompromisssuche mit völlig ungewissem Ausgang zu erteilen. So wie es derzeit abläuft, kommt es mir jedes Mal eher wie eine unfreiwillige Satire vor, wenn die Parteien sich so gerne auf den Wählerwillen berufen.

Ebenso wie ich leider auch das schon angesprochene Urteil nur lächerlich finden kann, in dem höchstrichterlich und allen Ernstes festgestellt wird, dass Länderparlamente nur eine einzige Entscheidungsoption haben, die Zustimmung. Der Volkskongress lässt grüßen. Schade. Früher war ich stolz auf das Gericht in Karlsruhe.

Viel ist nicht bekannt über Juvenal, den Satiriker. Sehr wach hat er die Symptome einer schleichenden Erosion der spätrömischen Gesellschaft ins Visier genommen.

Wahrscheinlich wurde er von dem wenig zimperlichen Kaiser Domitian darum als Bedrohung empfunden und zur Strafe für seine spitze Feder in die Verbannung geschickt. Diese Angst brauchen Satiriker von heute nicht zu haben. Ein Glück. Andererseits – Satire, die nichts kostet und mit keinem Risiko verbunden ist, sondern nur wohlfeil daherkommt, sie wird schnell kraftlos und bewirkt nicht, was sie eigentlich bewirken soll: ein befreiendes und erlösendes Lachen!

Christoph Ehricht

Warum der ehrliche Herr Habeck nicht der Spitzenkandidat der Grünen geworden ist.

In der doch wohl als seriös zu bezeichnenden FAZ vom 25.9.2021 lese ich folgende Episode aus dem Alltag der in die Bundesregierung unaufhaltsam strebenden Grünen.

Im Kreisverband Reutlingen stand das Grünen Mitglied David Allison in einer Vorstandssitzung dieses Jahres auf. Er erklärte ungeachtet seiner Männlichkeit, für einen weiblichen Listenplatz kandidieren zu wollen. Nein, er plane keine Geschlechtsumwandlung. Er lebe in einer lesbischen Beziehung, diese Erläuterung war für seine wohl erstaunte Ehefrau bestimmt.

Tatsächlich heißt es im Parteiprogramm der Grünen laut der FAZ , „von dem Begriff Frauen werden alle erfasst, die sich selbst als Frauen definieren”. Bei Herrn Allison handelt es sich um einen Unterstützer der Frauenbewegung. Er befürchtet offenbar, dass mit der Auflösung des körperlichen Geschlechtes die Berücksichtigung von Frauen laut Geburtsurkunde eingedämmt werden könnte.

Angeblich soll in Bayern ein anderer Grüne namens Markus Gatterer als Tessa sogar einen Listenplatz für die morgige Bundestagswahl erlangt haben. Wobei der Wahlausschuss ihn noch mit dem Vornamen Markus gemäß der Geburtsurkunde registriert haben soll.

Denkbare Strategie: Frauen kandidieren in entsprechender Proportion als Männer und verhindern so die Eindämmung der Frauen bei der Besetzung von Listenplätzen. Die Proportionen werden anhand der Geburtsurkunden bestimmt.

Herr Habeck hatte angenommen, dass Frau Baerbock ihm den Vortritt lassen würde und war dann sehr enttäuscht. Er hätte besser daran getan, eine Erklärung zur Person als Frau abzugeben, um so im Sinne einer den Grünen dienenden Verantwortungsethik Frau Baerbocks maßlosem Ehrgeiz entgegen zu treten.

Reinhart Zarneckow