Deutschland kann einen Krieg auch beenden

Niemand soll sagen können, wir haben es nicht gewusst.

Deutschland ist mit einem Bundeskanzler gesegnet, der mit Moskau nicht spricht, weil Putin mit ihm nicht sprechen will. Es besitzt einen Außenminister, der eine Auslandsreise nach Peking verschieben musste, weil er dort keinen Gesprächspartner gefunden hatte.

Mit diesem Personal meistern wir also unsere Krisen, nunmehr auch die durch den Krieg im Nahen Osten verursachte? Die die Existenz der deutschen Wirtschaft und nicht nur sie bedroht! Eine Energiekrise, die chronisch zu werden droht. Oder bietet sich der Bundesregierung jetzt nicht die Chance, die neue Lage geistig zu verarbeiten und endlich endlich einen Ausweg zu versuchen, weg von den Schwüren der Vergangenheit, zumutbar für die zerstrittenen Deutschen in Ost und West, alle einigend?

Niemand weiß dabei, was der Bundeskanzler dem Präsidenten Putin in der Vergangenheit hätte sagen wollen.
Fragen wir einfach, was hätte denn der Bundeskanzler in direkte Gespräche mit Putin einbringen können und was ist jetzt unabdingbar, um der neuen Lage gerecht zu werden.

Er könnte Russland die Streichung diverser Sanktionspakete anbieten. Durch die deutsche Verweigerung der zum 1.8.26 fällig werdenden Verlängerung der Sanktionen gegen Russland – es gilt das Einstimmigkeitsprinzip – im Ministerrat der EU wäre das ein Kinderspiel. Er könnte bei Auslaufen der Sanktionen nicht nur die Inbetriebnahme der Pipeline Nordstream anbieten. Die Versorgung von Deutschland mit Gas, Düngemittel und ÖL durch Transportmittel zu Lande und zu Wasser wäre bei Wegfall der Sanktionen heute und jetzt möglich. Wir werden sehen, ob die Russen mitmachen. Warum nicht?

Die USA haben ihre Sanktionen, die den Handel von Öl und Gas mit Russland unterbinden sollen, schon ausgesetzt – der Weltmarkt brauche Energie. Selbst der Iran soll angeblich Öl ausliefern dürfen. Brüssel darf bremsen? Der hart bedrängte Selenskyj fordert die Beschlagnahme russischer Schattentanker und will die Energiekrise forcieren, um Russland zu schaden? Liegt die Trockenlegung des Energiemarktes im deutschen Interesse?

Deutschlands Wirtschaft müsste nach Wegfall der Sanktionen nur noch von Berlin freie Hand zum Zugreifen auf den ganzen Weltmarkt erhalten. Schon wäre sie in der Energiefrage auf Augenhöhe mit der Konkurrenz aus dem Ausland, die Investitionen würden Deutschland überschwemmen.

Merz sollte Kiew dabei erläutern, dass die Unterstützung der Ukraine mit Geld und Waffen nicht bedingungslos, sondern in Abhängigkeit von den deutschen Interessen erfolgt. Dass durch den Nahostkrieg nolens volens eine neue Zeit angebrochen ist, mit Chancen für den umstrittenen Präsidenten Selenskyj, den Krieg wenn auch mit „Sowieso-Verlusten“ zu beenden. Der Bundeskanzler könnte Kiew ein Angebot zum Wiederaufbau der Ukraine für die Zeit nach Beendigung des Krieges unterbreiten.

Die Ukraine wie auch die Nachbarstaaten Deutschlands werden anzuhalten sein, dass das deutsche Ziel die Wiederaufnahme der Ostpolitik ist. Wie sie von Konrad Adenauer über Willy Brandt bis Helmut Kohl das Verhältnis zur Sowjetunion, neu zukünftig mit der Ukraine und Russland, bestimmt hat.

Eine Ostpolitik, die eine verteidigungsfähige Bundeswehr unabdingbar macht, nicht aber eine Militarisierung all in, eine kriegsträchtige Gesinnungsmilitarisierung . Prof. Varwick aus Halle hält 2% statt der ausgerufenen 5% des Bruttosozialproduktes für Verteidigungsausgaben in Verbund mit einer wirksamen Bundeswehrreform für ausreichend. Dies auch im Sinne der Vermeidung des sogenannten Rüstungsdilemmas, bei dem jeder aufrüstet, weil der Gegner gerüstet hat (in „Stark für den Frieden“, Westend 2026).

Verhandlungen muss Deutschland nicht irgendwann, sondern jetzt mit Russland beginnen. Um nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, von wem auch immer.

Deutschland ist als der Hauptfinanzier der Ukraine die einzige europäische Macht, die auf die Politik der Koalition der Willigen mit Frankreich und Großbritannien entscheidend im wahren Sinne des Wortes Einfluss nehmen kann. Wenn Russland einen wie auch immer gestalteten Sicherungsgürtel annimmt, erscheint eine Neutralisierung der bisherigen Gegnerschaft oder gar ein Freund-Verhältnis Moskaus mit ganz Europa realistisch – wenn ein Weg gemeinsam beschritten wird, der auch die Unabhängigkeit der Ukraine im Sinne einer conditio sine qua non zu sichern versucht.

Die Option der Lösung der bestehenden Konflikte durch einen Eintritt der Deutschen in die laufenden Kriege in Nahost und Osteuropa besteht dagegen in keiner Konstellation. Das ist deutsche Staatsraison, die Sicherung der derzeit bedrohten Existenz Deutschlands. Herr Merz sollte die durch den Nahostkrieg entstandene neue Lage seinen Verbündeten und insbesondere der Ukraine erläutern.

Wer wie Deutschland zulasten seiner Bürger seit vier Jahren Milliarden Euros an Kiew zahlt, dem wird seine Verantwortung für die Beendigung des Krieges niemand abnehmen. Der ist Deutschland in den vergangenen vier Jahren nicht gerecht geworden, weil es nur geliefert und beschimpft, nicht aber verhandelt hat. Wird Deutschland von seinen Verbündeten weiter auf die Rolle des Finanziers und Lieferers von Waffen an die Ukraine beschränkt, zünden seine Vorstellungen zur Gestaltung Europas zu einer Sicherheits-und Friedensordnung nicht, bestimmen die Bellizisten in Europa, muss es zu aller erst als Unterstützer Kiews ausscheiden.
Um die Gefahr seiner direkten Einbeziehung in den Krieg – der ukrainische Präsident ist offensichtlich und nachvollziehbar verzweifelt und verunsichert – mit Sicherheit auszuschließen.

Reinhart Zarneckow

Von Frankfurt über Potsdam nach Workuta und zurück

Am 7. April 1998 überprüft die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation den Fall Kurt Steinecke aus Frankfurt an der Oder und findet keine Beweise für das vorgeworfene Verbrechen.
Es erfolgt seine Rehabilitierung.

2023 – meine Schwester Camilla besucht das ehemalige zentrale Untersuchungsgefängnis der sowjetischen militärischen Spionageabwehr in Potsdam, in dem unser Onkel im Jahr 1950 im Alter von 25 Jahren inhaftiert gewesen war, bevor er ins Straflager nach Workuta in der Republik Komi, nördlich des Polarkreises gebracht wurde (Ich hatte hiervon schon mehrfach im Blog berichtet).
Während Reinhart und ich vor vielen Jahren das Gefängnis, das inzwischen Gedenkstätte ist, nur interessiert besichtigt hatten, suchte Camilla dort Ansprechpartner, um über ihre Betroffenheit zu sprechen, die sie beim Eintauchen in die Vergangenheit unseres Onkels empfand.
Der Leiter der Gedenkstätte war interessiert. Nach mehr als siebzig Jahren arbeiten beide gemeinsam mit einer russischen Mitarbeiterin daran, so viel Informationen wie möglich über Kurt Steinecke zusammen zu tragen. Er soll dort einen eigenen Ort bekommen, an dem an ihn und sein Schicksal erinnert wird. Recherchen sind mühsam, wegen der im Moment so gut wie stillgelegten Leitungen Richtung Moskau.

Kurt Paul Ernst Steinecke wurde am 28. Juni 1925 in Frankfurt an der Oder geboren († November 2007).

Unsere Großeltern bauten gerade ihr eigenes Geschäft auf, eine Fleischerei. Werkstatt, Geschäft und Wohnung waren im selben Haus. Jedes mal, wenn das kreischende Geräusch der Knochensäge die Wände durchdrang, weinte der kleine Kurt. Zudem hatten seine Eltern wenig Zeit für ihn und so lebte er die ersten drei Lebensjahre bei Tante Marie, der Schwester unserer Großmutter. 1934 brachte Emma Steinecke seine Schwester zur Welt, unsere Mutter.


Onkel Kutti war zeitlebens sehr sportlich. Er ruderte im Frankfurter Ruderverein. Nach Abschluss der Schule lernte er das Fleischerhandwerk und legte am 15.Mai 1950 in Potsdam seine Meisterprüfung ab.



Sein ganzes Leben verbrachte er in seinem Elternhaus, im Hauseingang neben uns. Bis auf die Kriegsjahre und die Zeit zweimaliger russischer Gefangenschaft. Einmal als Kriegsgefangener (1945-48), dann als Zivilinternierter (1950-55).

Meine Schwester und ich kannten unseren Onkel als lebensfrohen Menschen, der mit uns viel unternommen hat. Er war voller Ideen, die Camilla und ich großartig fanden.
Er las uns vor und konnte auch wunderbar erzählen. Am liebsten hörten wir die Geschichte vom dicken, fetten Pfannekuchen, der kantipper kantapper in den Wald hinein lief.
Seine Frau Ursula und er hatten keine Kinder.

An einem Nachmittag am See hat er uns den Kopfstand beigebracht. Kam ein neues Spielgerät heraus, unser Onkel hatte es und es wurde sofort ausprobiert. Wer erinnert sich noch an Handfederball und Wurfscheibe? Ein Kartenspiel war immer dabei. Statt einer Luftmatratze hatte er für uns einen Schlauch von einem Traktorreifen aufgetrieben. Es waren besondere Sommertage, wenn er uns in seinem russischen Wagen, einem gut gefederten Moskwitsch 412, zum Baden mitnahm. Am Zündschlüssel hing eine kleine goldene Spieluhr, die den italienischen Klassiker Volare spielte. Unsere Mutter hatte sie ihm vor dem Mauerbau 1961 aus Berlin mitgebracht.

Waren Hausaufgaben in Mathe zu lösen, wurde er zu Hilfe gerufen. Seine Logik beim Lösen der Aufgaben war bestechend und seine Erklärung derart überzeugend, dass wir es nicht fassen konnten, wenn der Lehrer uns am folgenden Tag ein falsches Ergebnis bescheinigte.

Suchte man unseren Onkel, war er in der Garage oder im Keller. Irgendetwas war immer zu reparieren, zu schmieren, einzustellen oder zu bauen. Zum Beispiel Stelzen für seine beiden Nichten.
Das Laufen übten wir auf dem Hof und vor dem Hauseingang. Einmal nahm er uns samt Stelzen und Rollschuh mit in den Keller, legte uns ein Seil um, das um einen Flaschenzug ging und befestigte die Rollschuhe unter den Stelzen. Üben unter erschwerten Bedingungen. Wenn das unsere Mutter gesehen hätte. Drohten wir zu fallen, hatte er uns aber sicher. Einfälle aus kindlicher Freude heraus, oftmals den Schalk im Nacken, aber zu gegebener Zeit auch ernst, das war unser Onkel und das fast bis zum Schluss. Es macht mich froh, dass ich so zurückblicken kann!

Onkel Kutti hatte feste Gewohnheiten. Dazu gehörte die Radiosendung „das Sonntagsrätsel“ mit Hans Rosenthal. Sie lief von 1965-1987 sonntags von 9.30 Uhr bis 10.00 Uhr im RIAS Berlin. Um 10.10 Uhr war er bei uns, um die Lösung zu besprechen. Auch wir hörten die Sendung regelmäßig. Inzwischen baute Camilla das Schachbrett auf, denn es folgte eine Schachpartie zwischen ihr und unserem Onkel. Anschließend besuchte er seine Mutter, unsere Großmutter, in ihrer Wohnung neben uns. Mittags verschwand er, um mit seiner Frau zum Essen in ein Restaurant zu fahren. Ihr Sonntagsausflug mit ausgedehntem Spaziergang.

Er führte präzise Fahrtenbuch, obwohl er sein Auto lediglich privat nutzte.
Nachts schlief er nur, wenn es stockfinster war und das phasenweise sehr schlecht. Er machte jeden früh gleich nach dem Aufstehen Liegestütze und Rumpfbeugen und duschte grundsätzlich kalt. Seit dem er in Workuta war, hieß es. Von dort trug er auch Erfrierungen an den Zehen davon. Was das alles bedeutete, konnte ich mir als Kind nicht erklären. Es wurde auch wenig darüber gesprochen.
Man fragte nicht und er sagte nichts.
Nur manchmal war unsere Mutter Vertrauensperson. Zum Beispiel als das Gespräch auf seine Entlassung in die Heimat kam. Nach Moskau sei der Transport zuerst gegangen, erzählte er. Dort wurde Kleidung zum Wechseln ausgegeben. Die alte ließ sich nur noch vom Körper abblättern.

Was während der Haft geschah und im Vorfeld bis zur Verurteilung, steht auf etwa 207 Seiten, die noch im Archiv in Moskau ruhen. Camilla ist es jedoch tatsächlich gelungen, einen Teil des Konvoluts von dort zu bekommen.
Aus den übersandten Verhörprotokollen des sowjetischen Militärs erfahren wir vom geleisteten Reichsarbeitsdienst unseres Onkels in Genschmar und von seiner militärischen Ausbildung in Neuruppin nach seiner Einberufung mit 18 Jahren am 29.09.1943. Er lernte Fahrzeuge zu führen, bekam seinen Führerschein und fuhr Versorgungs-LKW. 1944 wurde er zu einer Panzerdivision nach Ostrolenka (Polen), dann nach Dänemark versetzt. Es folgen Stahnsdorf und Forst und seine Gefangennahme durch die Sowjets im April 1945.

Bis zur Freilassung 1948 war er in Wladimir, arbeitete dort auf dem Bau und musste Ende 1946 bis Anfang 1947 wegen Krankheit ins Lazarett. Ein weiterer Ort wird genannt: Malinovka. Nach der zweiten Gefangennahme 1950, wegen des Vorwurfs der Spionage, erfolgte im April 1951 seine Verurteilung zu 25 Jahren Arbeitslager. Im August 1951 wurde er dann über Brest nach Workuta gebracht. Stationen seines Lebens, von denen wir nicht wussten. Weil sie Eltern und Familie schwer zuzumuten waren, er selbst vielleicht nicht daran denken wollte? Vor allem aber wohl, weil Haftentlassene, die in die SBZ zurückkehrten, von der Staatssicherheit verhört, zur Verschwiegenheit verpflichtet und weiterhin beobachtet wurden.
Sie galten als vorbestraft und das Urteil des „großen Bruders“ wurde nicht infrage gestellt.
Ganz anders erging es Rückkehrern in die Bundesrepublik, so erfuhr ich aus Zeitzeugenberichten. Sie bekamen 3000 bis 4000 DM Übergangsgeld und wurden nur befragt, um Informationen über zurückgebliebene oder vermisste Menschen an den Suchdienst des DRK weitergeben zu können.

Und dennoch ist unser Onkel ein Mensch frohen Gemüts geblieben oder gerade wegen seiner extremen Erfahrungen?
Er hatte sich entschieden, dem Erlebten nicht das letzte Wort zu geben.



Nun ist meine Schwester dafür bekannt, Nägel mit Köpfen zu machen, also liegt der Staasiunterlagenbehörde bereits ein Antrag auf Akteneinsicht in Sachen Kurt Steinecke vor.


Bettina Zarneckow

Leistikowstraße |Gedenk  und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam https://share.google/rMldVphwcHpkQTCPz

Simon Strauss „In der Nähe“

Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht

"Eine Stadt darf nicht größer werden, als dass die Stimme eines Tentors jeden Bürger gleichzeitig erreichen kann." Hans-Georg Gadamer zitiert Aristoteles.

Diesen Satz hatte ich mir irgendwann einmal aufgeschrieben als Gegenentwurf zu den Herausforderungen im Leben, denen ich mich manchmal nicht gewachsen fühlte und fühle.
Kleinere Areale sind überschaubar, kleinere Schulen persönlicher.
So wie der Tentor, ein Ausrufer, Bürger erreichen kann, so kann man selbst auch andere Menschen besser erreichen, ebenso die Institutionen in einer immer technisierter und komplizierter werdenden Welt. Eine direkte Verbindung mit Blickkontakt und sofortiger Wirkung kann eine große Erleichterung sein und das Zusammenleben angenehm machen.

Um dieses Zusammenleben in einer kleineren Einheit geht es Simon Strauss in seinem Buch: „In der Nähe – vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht“, aus dem er am 19.02. im Friedrich-Wolf-Theater in Eisenhüttenstadt las. Eingeladen vom Verein LeseHütte.
Um die Nähe in einer Kleinstadt, eine Nähe, die im Osten Deutschlands durch die Wende 1989 allzu oft verloren gegangen war, wie die Ostgaragenkomplexe, die in Chemnitz „unlängst zum Kulturschatz“ erhoben wurden. Ein „Dritter Ort“ (Ray Oldenburg) so Strauss, wo Geselligkeit und Gemeinschaft gelebt und nebenbei geputzt und geschraubt wurde.

Simon Strauss, geboren 1988 in Berlin, ist seit Oktober 2016 Redakteur im Feuilleton der FAZ, aufgewachsen in der brandenburgischen Kleinstadt Prenzlau. Um sie geht es auch im Buch. Er erzählt von Geschichte und Gegenwart der Stadt – seit 1687 Militärstandort -, vom Kriegsende 1945, dem Einmarsch der Roten Armee, vom Umbruch nach 1989, dem Umgang mit Flüchtlingen, dem Einsatz des parteilosen Bürgermeisters und Politikern verschiedener Parteien für die Stadt.

Er sei immer auf der Suche nach unerzählten Geschichten. Davon hat er in Prenzlau einige gefunden. Für die Recherche traf er Zeitzeugen und Menschen, die derzeit Verantwortung tragen.

Strauss las aus dem Kapitel „Alles oder nichts“, in dem es um das einst wichtigste Unternehmen der Stadt geht, was nach der Wende von ihm übrig blieb und Prenzlauer daraus gemacht haben.

„Die Geschichte des Armaturenwerks Prenzlau (kurz AWP) ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall. Eine Erzählung von politischem Sieg und ideologischer Niederlage, von Hoffnung und Hochmut, von Ost und West. In ihr spiegelt sich die »Wende« der deutschen Geschichte. Hier lassen sich die gravierenden Veränderungen, die die Wiedervereinigung für viele Menschen – auch in Prenzlau – bedeutete, aus nächster Nähe beobachten. Und auch die Verletzungen nachempfinden, die sie für viele Menschen im Osten unseres Landes bis heute bedeutet.“

Nach Ende seines Vortrags gab es Wortmeldungen aus dem Publikum. Simon Strauss hatte offenbar den Nerv der Zuhörer getroffen. Sie hatten erlebt, was der Autor vortrug. Die republikweite Zerlegung und Schließung von Betrieben durch die Treuhandanstalt. In vielen Fällen übereilt und unnötig, zumindest unverständlich.
Der Ausverkauf der DDR, die gestern noch Waschmaschinen, Kameras des VEB Pentacon, Holzspielzeug aus Sonneberg, Textilien und Chemieprodukte nach Westdeutschland exportierte.

Für viele bedeutete das den Verlust des Arbeitsplatzes. In der DDR ein Ort der Nähe, wie Simon Strauss ihn bezeichnet. Kollegen – man unterhielt sich vertrauensvoll, feierte zusammen, machte Betriebsausflüge, traf sich mit manchen in der Freizeit und half sich gegenseitig.

Und heute?
Dass die Ostdeutschen stolz sein können, das denkt Matthias Platzeck, ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg, ganz sicher. Nach den Herausforderungen, die sie bewältigen mussten. „Dreiviertel aller Ostdeutschen hatten 1994 einen anderen Arbeitsplatz als 1989. Deindustrialisierung des Ostens, Nichtanerkennung von Abschlüssen, Abwanderung der Jugend (der Kinder) – Verlust von Nähe.“
Platzeck, mit dem sich Strauss in Prenzlau traf, plädiert für ein „offensives Herkunftsbewusstsein, ein Selbstbewusstsein, das der Ost-Identität gut täte. Warum billige man das den Bayern zu, aber jeder, der mit Selbstbewusstsein seine ostdeutsche Herkunft betone, sei irgendwie zurückgeblieben oder im Ernstfall ein Nazi?“

All das erzählt Simon Strauss, der selbst keine ausgeprägte Ost- oder Westindentität empfindet, behutsam. Er weist auf die Wunden der Stadt Prenzlau hin, exemplarisch für andere ostdeutsche Städte und auf Wunden der Menschen selbst, die unter den sich gebildeten Narben meist noch weiter wabern.

Allein die Einleitung voller Poesie und ebenso der Epilog, lohnen das Buch zu lesen. Zum Ende der Lesung prophezeit er der Kleinstadt eine große Zukunft – jeder Kleinstadt, nicht nur Prenzlau. Weil man sich hier nahe ist und begegnen kann, es gemeinsame überwundene Gefahren und glückliche Erfahrungen gibt, auf die man zurückblicken – und sich gemeinschaftlichen Gelingens bewusst werden kann.


An diesem Abend wie bei der Entstehung seines Buches begleitete die in Hamburg geborene Journalistin Helene Bubrowski den Autor. Beim anschließenden Abendessen entwickelte sich zwischen ihr, Reinhart und mir ein angenehmes, dynamisches Gespräch.
Frau Bubrowski wollte viel wissen aus der Zeit vor 1989. Besonders von Reinhart, der aus einem Pfarrhaushalt kommend Jura studierte. In den wenigsten Punkten waren wir uns einig. Was für sie nie begreifbar sein wird, sei die Nähe vieler Ostdeutscher zu den Russen, nach allem, was ihnen nach Kriegsende angetan wurde. Ihre Sympathie gelte der Ukraine, die sich verteidigen müsse. Sonst würde bald das gesamte Land und mehr in russischer Hand sein. Reinhart erklärte die Notwendigkeit eines ausgewogenen Abstandes Deutschlands sowohl zu Russland als auch zur Ukraine. Unter den „Befreiern“ 1945 seien eben auch Ukrainer gewesen. 380.000 russische Soldaten wären 1994 nach Versprechungen der Bundesrepublik ohne einen Schuss abgezogen.
Ein weites Feld…
Einig waren wir uns, was heutige Gottesdienste betrifft. Statt sie bunt und modern zu gestalten, sollte wieder mehr Wert auf die Verkündigung des Evangeliums gelegt werden.


Bettina Zarneckow

Den Verein LeseHütte gibt es nun seit 18 Jahren. Gelesen haben hier schon u.a. Rüdiger Safranski, Thilo Sarrazin, Heimo Schwilk, Jacob Hein, Peter Wensierski, Michael Klonovsky, Martin Mosebach, Jana Hensel und Wolfgang Engler, Jürgen K. Hultenreich.
https://www.facebook.com/profile.php?id=100069057973674

v.l. Simon Strauss, Helene Bubrowski, Heidelore Henrich (1. Vorsitzende LeseHütte e.v.), Victor Z.

Wenn das Herz will, was es will

Gedanken - eingehegt, bitter bedrängt,
sie kreisen im Rinnen der Zeit.
In immer gleiche Muster gezwängt,
stirbt schleichend Lebendigkeit.

Jedes Wollen wird schal, seine Kraft unterliegt,
jedes Sinnen wird brüchig und vage.
Türmende Last die Seele trübt.
Grau scheinen kommende Tage.

Traurigkeit wird hinter Masken verborgen,
Ungesagtes schweigt still.
Ewiges Echo der eigenen Sorgen,
obwohl das Herz ausgehen will.

Doch stark ist der Mensch, du musst nicht verzagen!
Gib Unvermeidlichem Sinn.
Dann wird die scheinbare Grenze des Lebens
auf einmal ein Neubeginn.

Bettina Zarneckow

Was (uns) bleibt

In einer Zeit, in der in Betracht gezogen wird, DDR-Geschichte aus dem Lehrplan zu streichen, will ich noch schnell ein paar Erinnerungen aus der „Froschperspektive“ festhalten.

Gegen das Bildungssystem der DDR habe ich heute nichts mehr einzuwenden.
Es gab eine verlässliche, solide Grundbildung von gutem Niveau, republikweit einheitlich.
Das Bewertungssystem war auch für Eltern verständlich, einschließlich der sogenannten Kopfnoten – Betragen, Fleiß, Ordnung, Mitarbeit -, die für mich zu Unrecht umstritten sind. Eine schriftliche Beurteilung gab es zum Schuljahresende noch dazu.

Was aber die Fächer Staatsbürgerkunde und Geschichte (teilweise auch Geographie) betraf, so wollte der SED-Staat nicht nur lehren, sondern nach seiner Ideologie das Bewusstsein formen. Dagegen waren die meisten jedoch ziemlich immun.
Man war gewöhnt, zu Hause anders zu sprechen als im öffentlichen Raum.

Mir hat der praktische Unterricht gefallen. Er begann in der Unterstufe mit dem Fach Werken.
In der Oberstufe war es das Fach PA = praktische Arbeit, was bedeutete, dass man einen Tag in der Woche in einem Produktionsbetrieb arbeitete.
Unsere Schule, die POS Franz-Mehring, hatte einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Reichsbahn und dem VEB Oderfrucht, einer Konservenfabrik.
Bei der Deutschen Reichsbahn lernte ich auch, mit einer Standbohrmaschine umzugehen. Ich weiß, was eine Senkbohrung ist und war (bin?) in der Lage, eine solche auszuführen. Am lebhaftesten erinnere ich mich aber an die Herstellung von Wrasenklappen in den Werkräumen des Kulturhauses Völkerfreundschaft, das zur Deutschen Reichsbahn gehörte. Meine Klassenkameradin Beate und ich wetteiferten stets, wer die meisten schaffen würde. Die fünf Jungs unserer Klasse ließen wir spielend hinter uns. Acht Stück war unsere Höchstleistung in einer Unterrichtseinheit. Wobei jede Klappe funktionstüchtig sein und den Augen des Lehrmeisters standhalten musste.


Das „Kaufhaus Freizeit“ in Frankfurt bot verschiedenste Waren an, vom FDJ-Hemd, der Toilettenbrille, der Taucherbrille über elektrische Autobahnen (wenn es sie denn gab) bis hin zu „unseren“ Flachverbindern und Winkeln aus Metall mit Senkbohrung (!) und eben Wrasenklappen, die ich ganz stolz meinen Eltern zeigte, als wir dort einkauften und erstaunt feststellten, dass sie zum Kauf angeboten wurden. Vielleicht war ja auch eine von mir gefertigte dabei.

Nach den Abschlussprüfungen der 10. Klasse mussten alle Absolventen eine Woche im VEB-Oderfrucht zum Erdbeerenentkelchen antreten. Alle, bis auf einen. Die Schulsekretärin hatte sich eine Hilfskraft erbeten. Der heiß begehrte Posten, im Vergleich zur Fließbandarbeit in der Konservenfabrik, fiel mir zu. Das hatte ich der Fürsprache unseres Klassenlehrers zu verdanken.

Anfangs arbeitete ich unter Anleitung. Zunehmend nahm sich die Sekretärin aber Freiheiten und ließ mich allein. Auch für ein Tête-à-Tête, wie sie mir einmal verschmitzt erzählte.
Ich war für das Telefon zuständig, für das Abschreiben und Aushängen der Vertretungspläne und sogar für das Kaffeekochen bei einer Lehrerkonferenz. Schüler holten sich von mir Tafelkreide. Lehrer, überrascht mich im Vorzimmer des Direktors zu treffen, blieben für eine kurze Unterhaltung. Nun auf einer anderen Ebene, so empfand ich es. Die Prüfungen hatte ich hinter mir, die Noten standen fest. Das bis dahin bestehende Lehrer-Schüler-Verhältnis schien verändert, eher vertraulicher. Jedenfalls fühlte ich mich gut. Dem Schülerdasein fast entwachsen, dem Erwachsenwerden auf der Spur.

Dem Erwachsenwerden, das vier Jahre später in einer anderen politischen Ordnung weitergehen sollte. Aus einem Land heraus, das es heute nicht mehr gibt, dessen Menschen aber immer noch da sind. Menschen, die in einer oft ungerechten und falschen Gesellschaft, dennoch ein richtiges Leben geführt haben.

Ganz naiv hatte ich eigentlich gedacht, dass alles Vergangene irgendwann in die Geschichtsbücher eingeht und damit Bestandteil des Unterrichtsstoffs wird.

Sollen nun 40 Jahre DDR herausgeschnitten werden, wie eine faulige Stelle aus einem Apfel?

Was steckt dahinter? Das schlechte Gewissen, einen Teil Deutschlands preisgegeben zu haben? Ist es nicht wissenswert, dass der Osten Deutschlands unter der Kontrolle der Sowjetunion und somit 18 Millionen Menschen Faustpfand für stabile Verhältnisse in Europa waren? Denen die Anpassung an das ihnen zugeteilte und durch eine Mauer „geschützte“ Leben in der DDR heute gerne vorgehalten wird! Dass Familien durch die Teilung Deutschlands auseinandergerissen wurden, sich Jahrzehnte nicht wiedersehen konnten, einige nie wieder? Das alles und die Ereignisse nach dem Mauerfall sollten doch nicht in Vergessenheit geraten.

Leopold von Ranke, einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts, forderte Tatsachen unparteiisch darzustellen, ohne zu richten.

In dem Artikel „Aus der Geschichte lernen?“ zitiert Christoph den Historiker Leopold von Ranke: „… zeigen, wie es eigentlich gewesen.“ (»Geschichten der romanischen und germanischen Völker«, 1824).
Folgendes Zitat von Rankes möchte ich noch hinzusetzen aus »Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber«, 1824: „Der Weg der leitenden Ideen in bedingten Forschungen ist ebenso gefährlich als reizend; wenn man einmal irrt, irrt man doppelt und dreifach; selbst das Wahre wird durch die Unterordnung unter einen Irrtum zur Unwahrheit.“

Bettina Zarneckow

Ein Gentleman bittet zur Kasse

Venezuela, Ukraine – wo soll das enden, Herr Trump?

Wir erleben derzeit eine von Präsident Trump in Gang gesetzte militärische Kommandoaktion, durch die sein Amtskollege, der Präsident von Venezuela Maduro und dessen Ehefrau, gekidnappt und nach New York verschleppt wurden.
Inzwischen sitzen beide wegen angeblicher krimineller Delikte auf der Anklagebank vor dem höchst erfahrenen, immerhin aber schon 92 Jahre alten Richter Alvin Hellerstein – Vorsicht, es gilt die Unschuldsvermutung. Gruppieren wir das Geschehen deshalb nicht unter Justiz ein, sondern neutral unter „ das ist amerikanische Außenpolitik“.

Unsere amtierenden Politiker wie Herr Merz oder sein Außenminister zeigen sich zurückhaltend und überrascht. Es handele sich bei der Gefangennahme um ein komplexes Ereignis, man müsse die Gründe abwarten, die von der amerikanischen Administration benannt werden, so der gegenwärtige Stand ihrer Verlautbarungen.

Nach allgemeiner Auffassung befürchten beide Politiker – im Hinblick auf das derzeitige Kosten und Mühen nicht scheuende Engagement Deutschlands in der Ukraine – , Trump durch eine voreilige Aussage zu verprellen und an der angeblich so notwendigen Unterstützung für die Ukraine und Deutschland zu hindern.

Recht haben sie, vor einer Verurteilung ist in Deutschland jeder Delinquent anzuhören, umso mehr muß das für den befreundeten Präsidenten der USA gelten.

Peinlich und für Deutschland zudem kostspielig, dass die Maulfaulheit unserer sonst so redseligen beiden Politiker auf eine – sehr freundlich formuliert – Verkennung der zutiefst unterschiedlichen Interessen von Deutschland und den USA bei der Befriedung des Ukrainekrieges zurückzuführen ist.

Dabei war schon immer bekannt, dass die immer wieder hervorgekramte regelbasierte Ordnung, die Russland nach seiner Aggression gegen die Ukraine um die Ohren gehauen wurde, für die USA kein zwingendes Recht bedeutet.

Der amerikanischen Außenpolitik liegt vielmehr schon seit zwei Jahrhunderten die Erklärung einer Doktrin des damals regierenden Präsidenten Monroe aus dem Jahr 1823 zugrunde. Im Volksmund wird damit der Anspruch der USA verstanden, dass in Amerika allein die Amerikaner das Sagen haben dürfen, fremde Mächte in diesem Raum nichts zu suchen haben. Hüter dieser Ordnung – die USA.

Diese defensive Order mutierte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Nicht in jedem Fall zum Vorteil für die restliche Welt und auch nicht für die USA – meine Meinung. Die Präsidenten der USA entwickelten ein offenes Ohr für die Probleme „raumfremder Staaten“, ich sage nur Korea und Vietnam. Sie machten deren angebliche Interessen zu denen der USA und gleiches in anderen Fällen auch besonders gern umgekehrt .

Nach einem Spruch des Staatssekretärs Hughes aus dem Jahr 1923, inzwischen hatten die USA in einem Weltkrieg ihr Kriegsziel erreicht, besage die Doktrin genau das, was von der Regierung der USA „definiert, interpretiert und sanktioniert“ wird. Dahinter steht ein nicht mehr nur auf den Raum Amerika begrenzter Anspruch, nach freiem Belieben, notfalls auch jenseits aller Moral und des Völkerrechts wo auch immer der Bestimmer zu sein.

Mir scheint, dass Trump Gestalter einer Politik ist, die einerseits auf der Monroe – Doktrin aufbauen will, sofern das von Drittstaaten irgendwie hingenommen wird. Andererseits dabei aber die Irrungen und Wirrungen der amerikanischen Politik nach 1990 mit ihren vielen verlorenen Kriegen, zuletzt war es der in Afghanistan, zu vermeiden versucht.

Was kennzeichnet also die Trumpsche Aussenpolitik und worin besteht der Interessengegensatz mit Deutschland?

Für mich ist es ein gewichtiger Hinweis, dass vielleicht nicht ganz zufällig in der FAZ v. 3.1.26 durch Winand von Petersdorff ganzseitig auf Amerikas energiesüchtige Tech-Titanen und die Broligarchie, d.h. eine Brüderschaft von Milliardären in silicon valley, eingegangen wird. Ein Jahr nach der Amtseinführung des Präsidenten „sind die Tech-Titanen nicht von Trumps Seite gewichen.“ Die Brothers sehen voraus, dass mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) eine Macht entstehe, die „Gesellschaften aus den Angeln heben“ könne. Und die KI benötigt Energie, viel Energie.

Trumps Politik ist nach Möglichkeit (!) keine „Hau drauf Politik“, Gewalt und ihre Androhung dienen ihm dazu, seine Ansagen lebhafter zu gestalten. Ein Geschäftemacher, der Erfolg haben will, zielt auf den Vorteil aller Seiten. Das kennzeichnet auch das System des Dealmakers Trump, wie er es sieht.

Die Intervention der USA in Venezuela inform einer angeblichen Polizeimaßnahme hat ohne allzuviel moralistisches Getue, frank und frei, in aller Unschuld den Zugriff auf die größten Ölvorkommen der Welt zum Ziel. Schließlich habe vor 20 Jahren der damalige Präsident Chavez die in Venezuela tätigen amerikanischen Konzerne enteignet. Wie überhaupt Trump mit an Bodenschätzen reichen Ländern ungeniert liebäugelt, seien es Kanada, Grönland oder Russland und die Ukraine. Mit dem Image der USA hat das für ihn wenig zu tun, auch nicht mit der deutschen Träumerei über eine regelbasierte Politik, dafür sehr viel mit einem “Amerika first“.

Die Behauptung, dass Europa die sogenannte Friedenspolitik der USA in der Ukraine konterkarieren könnte, verkennt das Ziel der Bemühungen Trumps. Ihm geht es nicht um die reine Lehre, der Aggressor Russland dürfe nicht belohnt werden, sondern um die Bodenschätze im umkämpften Donbas und anderswo. Um einen fairen Deal mit Kiew und Moskau, den insbesondere Deutschland mit Milliarden Euro finanzieren soll. Mit dem fern der gepredigten Moral der Krieg in der Ukraine durch einen für die USA günstigen Interessenausgleich, genannt Friedensvertrag, beendet werden soll.
Und bis der Deal steht, wird gekämpft, meine Befürchtung.

In diesen Stunden berät die Koalition der Willigen zusammen mit den amerikanischen Freunden und dem Präsidenten Selenskyj in Paris, was von ihr alles für die Ukraine nach Beendigung des Krieges getan werden muss. An der Front ist es verhältnismäßig still – Putin und Trump haben scheinbar die Ruhe weg.

Es sind 90 Milliarden Euro, die von der Koalition der Willigen und der EU für die nächsten zwei Jahre für das Militär und den Staatshaushalt der Ukraine schon bereit gestellt worden sind, von den laufenden Zahlungen nicht zu reden.

Bildquelle: Pinterest

Was die Europäer mit dem ihre Führung beanspruchenden Bundeskanzler Merz nicht verstanden haben: Die USA mit ihrem Präsidenten Trump laufen ihnen ganz bestimmt nicht davon. Sie spekulieren nach Investitionen aus den USA in Milliardenhöhe nunmehr mit dem Geld der Europäer darauf, dass ihnen die Schätze des Donbas und vielleicht einiges uns noch Unbekanntes, in welcher Variationen auch immer, bei den abschließenden Friedensverhandlungen in den Schoss fallen.

Trump überlässt die Ukraine mit ihren Bodenschätzen nicht ohne weiteres den Russen. Was ist aber los mit den Interessen des Zahlmeisters Deutschland und seiner angestrebten führenden Rolle in Europa?

Fazit: Deutschland handelt mit seiner Unterstützung der Ukraine im Interesse der USA, die ihr derzeitiges Kriegsziel, sprich die Bodenschätze des Donbas, noch nicht erreicht haben. Das deutsche Interesse kann nur darin bestehen, die Zahlung von Subsidien an die USA und die Ukraine zu beenden. Die Erläuterungen, das schon vier Jahre für seine Kriegsziele im Donbas kämpfende Russland bedrohe ganz Europa, sind mehr als nur schräg.

Zudem werden die USA es nach alter Regel niemals zulassen, dass Russland mit Deutschland, anderen Teilen oder gar ganz Europa in einer der stärksten Wirtschaftszonen der Welt seine Einflusssphäre (gewaltsam) erweitert und dadurch die USA an Stärke auf allen denkbaren Gebieten, nicht nur dem der Wirtschaft, übertreffen könnte.

Umgekehrt wird allerdings auch Russland die Ukraine nicht der Einflusssphäre der Europäer und damit zumindest mittelbar den USA überlassen. Deshalb die Hände weg von der Ukraine.

Reinhart Zarneckow

Übergänge – Gedanken zum Jahresausklang

Mit meinem Freund Christoph habe ich mich kürzlich über Übergänge ausgetauscht. Der Übergang oder das Hinübergehen ist ja ein wichtiger Begriff für uns Christen.

Heute am Silvestertag beginnt der Übergang für mich mit Innehalten – über das Jahr nachdenken. Was möchte ich zurücklassen? Was möchte ich nicht noch einmal erleben? Was soll bleiben? Was war mir wichtig? Was wünsche ich mir? – Dazu fällt mir manches ein.

Wird etwas Neues auf mich zukommen? Werden sich mir Möglichkeiten bieten?
Bestimmt! Werde ich den Mut haben, sie anzunehmen? Ein schöner Satz von Martin Heidegger lautet:

„Jede Möglichkeit trägt ihre Bestimmung in sich, die zur Vollendung gebracht werden kann.“

Ich hoffe, dass mich einiges beseelt und das vor allem aus dem Kontakt mit Menschen, die mir wichtig sind. Vielleicht schaffe ich Selbes auch im Gegenzug. Dann wäre ich glücklich.

Da der Übergang Bewegung im Vollzug ist, so Heidegger, werde ich im weiteren Verlauf des Tages Kartoffelsalat zubereiten, auf einen gemütlichen Abend mit Reinhart hinarbeiten und wir werden um 23.00 Uhr zum Silvesterkonzert in die Frankfurter Sankt Gertraud Kirche fahren. Mit dem Läuten der Kirchenglocken, das um 0.00 Uhr beginnt, werden wir mit Gottes Segen ins Jahr 2026 gehen.

Nur noch eins, was mich zum Ausklang dieses Jahres besonders beeindruckt hat: Christoph und ich hatten im März ein Buch mit unseren Texten, Gedichten und Bildern drucken lassen. Wir schenkten es Freunden, Verwandten und Bekannten. Vorgestern erhielt ich den Anruf eines Menschen, dem ich das Buch auch zugedacht hatte, ihn nur nicht erreichen konnte. Ich bin immer noch überwältigt, denn hier trifft für mich Vergangenheit auf Gegenwart und das im Gedenken an meine Mutter und Großmutter. Vielleicht kann ich im neuen Jahr mehr darüber schreiben.

Euch allen wünsche ich nun einen wunderbaren Übergang ins neue Jahr und alles Gute für 2026.

Eure Bettina

Befreundete Wege

Wie weit ist zu weit, wie nah, nah genug, 
wer herrschet über die Ferne?
Wer bändigt das Streben zum Nahsein, zum Leben,
wer hindert das Leuchten der Sterne?
Kaum gehbare Stege, belagerte Wege,
kostbare Zeit rinnt dahin.
Freudenleer schwindet Stund' um Stund',
vernebeltes Sein sucht nach Sinn.
Doch manches Mal funkelt in lautester Stille 
ein wärmendes Licht - voller Kraft,
erinnert uns an Verbundenheit,
bringt selig durch tiefdunkle Nacht.

Bettina Zarneckow

Adenauer spielte Boccia, Merz spielt Vabanque

Es gibt neuerdings in politischen Kreisen Anerkennung für kreatives und mutiges Handeln des Bundeskanzlers. Er wird von Präsident Trump respektiert und von den europäischen Kollegen vorgeschickt.

Die Hintergründe für den Plan der Gewährung eines Reparationsdarlehens über 145 Milliarden Euro durch die EU-Staaten zugunsten der Ukraine – auszuzahlen in jährlichen Tranchen in Höhe von 45 Milliarden Euro – unterstreichen scheinbar die Tatkraft des 70jährigen Dealmakers. Im Interesse der um ihre Existenz ringende Ukraine betritt er juristisches und politisches Neuland .

Der von Merz angeregte und von von der Leyen dazu ausgearbeitete Plan ist, wie so viel anderes, umstritten. Seine inzwischen zahlreichen Anhänger begründen ihn moralisch damit, dass der Aggressor Russland für die Schäden des Krieges aufkommen muss. Die juristischen Überlegungen kommen etwas weiter unten.

Merz & Co verschweigen auch nicht das Problem, das sich für Europa derzeit wie ein gordischer Knoten darstellt: Einerseits die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Probleme der Staaten (im Angesicht des kritischen Wählers) lösen, andererseits die Ukraine finanziell beim Kauf moderner Waffen in den USA und den Staatshaushalt großzügig unterstützen zu müssen. Ohne das Geld aus Europa ist die Ukraine angeblich im April bankrott, da die USA Zahlungen in Milliardenhöhe jüngst eingestellt haben.

Ein Interview in der FAZ vom 8.12.25 unterstreicht denkbare Folgen des Handelns des Bundeskanzlers, die nachdenklich machen müssen.
Von Madame Valerie Urbain, Chefin der Euroclear-Gruppe, wird darin behauptet, dass der Welt und somit auch Deutschland eine Kernschmelze im Finanzbereich durch Vollziehung des Merzschen Planes drohen könnte.

Der von Frau von der Leyen präzise ausgearbeitete Plan sieht vor, das bei Euroclear in Belgien eingelagerte russische Staatsguthaben im Werte von 182 Milliarden Euro nicht nur weiter einzufrieren, sondern in Höhe von 145 Milliarden Euro für die Ukraine zu verbrauchen.

Ich erspare dem Leser nicht die komplizierte juristische Begründung, könnte mich dabei auch verhaspeln, so komplex ist sie: Die EU greift nach dem bei Euroclear gelagerten staatlichen russischen Staatsguthaben, an dem der EU keinerlei Rechte zustehen. Sie benutzt diese Werte als Sicherheit für ein Darlehen, das an die Ukraine ausgezahlt wird. Die Tilgung des Darlehens erfolgt dann nach dem Krieg mittels der Reparationsforderungen der Ukraine an Russland.

Wenn das mit der Tilgung durch die Reparationsforderungen nicht klappt, stehen die EU-Staaten für das Darlehen gerade, der Anteil Deutschlands würde 25% betragen, mit mindestens 36 Milliarden Euro den Bundeshaushalt belasten. Ich übergehe dabei die jährlichen Sowiesozahlungen.
Laut der Beurteilung des Juristen Merz werden so die russischen Forderung an Euroclear nicht angerührt, da der russische Staatsschatz angeblich lediglich als Sicherheit dient. So der schlaue Plan.

Einige Bedenkenträger bezeichnen es als eine glückliche Fügung, dass dem Plan nicht nur das Wort „wenn“, sondern auch ein angeblicher Friedensplan des Präsidenten Trump entgegen steht
Wenn also die Politiker ungeachtet der Nörgeleien aus Budapest und Bratislava (Staatsimmunität heißt ihr Zauberwort) tatsächlich falsche Entscheidungen im Zusammenhang mit dem von der EU-Kommission vorgelegten Plan treffen. Wenn die Politik (derzeit bis zum 18.12.25) den Plan erfüllt. Nur dann droht eine Finanz- Kernschmelze. Das war im Jahr 2008 anders. Der Bankrott von Lehmann Brothers traf Deutschland unvorbereitet.

Zusätzlich gibt es noch den vom Präsidenten Trump ersonnenen Friedensplan, u.a. über die Verwendung des russischen Staatsschatzes, den er zwar nicht im Einvernehmen mit Europa und der Ukraine, dafür aber gemeinsam mit Russland vollziehen will.
Ob Putin das will, sei dahin gestellt. An der EU lässt Trump vermutlich die Sache nicht scheitern.

Was erfahren wir aus dem Interview von Madame Valerie Urbain, 1964 in Dakar geboren, hinsichtlich der drohenden Finanzkatastrophe?
Euroclear ist sowohl ein Zentralverwalter von Wertpapieren als auch im Besitz einer Banklizenz.
Euroclear selbst würde durch das Reparationsdarlehen als privates Unternehmen in eine „nicht akzeptable Lage“ gelangen. Vielleicht übertreibt Madame Urbain, wenn sie auf einen möglichen Bankrott von Euroclear und so dezent auf Lehmann Brothers Bankrott anno 2008 hinweist?
Euroclear verwalte die Währungsreserven von etwa 100 Zentralbanken aus Europa und der übrigen Welt, wickele jeden Monat Wertpapiergeschäfte im Werte des Welt-Bruttoinlandproduktes ab und verwahre Wertpapiere mit einem Wert von 42 Billionen Euro.

Wenn globale Investoren den Eindruck bekommen ,,dass ihr Geld in Europa nicht mehr sicher ist, dann ist das … schädlich für den Investitionsstandort“, genauso für die Entscheidungen über „weitere(r) Einlagen durch andere Zentralbanken.“ „ Fragen nach ihrer Sicherheit kommen“ schon jetzt.
Aber auch die Einlagen anderer Europäischer Finanzhäuser, die mit Euroclear nichts zu tun haben, könnten bei einem Eingreifen der Politik betroffen sein, weil für sie das Gleiche wie bei Euroclear gelten würde. Kurz gesagt, der europäische Finanzstandort wäre mehr als nur gefährdet, nicht weil 145 Milliarden fehlen, sondern Einlagen bei Euroclear insgesamt nicht mehr sicher sind.

„Mit anderen Worten, wir sind systemrelevant.“, so Madame Urbain. Sie gesteht den Politikern ungeachtet ihrer Anspielung auf das Finanzfiasko Lehmann Brothers im Jahre 2008 dabei zu, dass sie keine „bösen Absichten haben“, weil sie wahrscheinlich nicht verstünden, wie Finanzmärkte funktionieren. „Risiken lassen sich nicht per Gesetz verbieten“, Finanzmärkte hängen von „Wahrnehmungen, Erwartungen und Vertrauen“ ab.

„Europa braucht stabile Finanzmärkte. Wir brauchen sie für den Wiederaufbau der Ukraine, für den Klimaschutz, die Digitalisierung und die Reindustrialisierung. Europa hat einen gigantischen Finanzbedarf.“

Stimmt das alles, was Madame Urbain so von sich gibt? Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Entscheidend scheint mir, dass mit der Gewährung des Reparationsdarlehens nach Auffassung einer Finanzexpertin ein von ihr konkret begründetes Risiko einer Europa umfassenden Finanzkrise einhergeht, die über das hinaus gehen könnte, was im Jahre 2008 geschah. Und da der Merzsche Deal neu ist, werden wir erst zur Erkenntnis gelangen, wenn sein Plan vollzogen worden ist. Dürfen wir es darauf ankommen lassen?

Bundeskanzler Merz genießt nicht das gleiche Vertrauen wie Frau Merkel und ihr Finanzminister Steinbrück im Jahre 2008 mit dem Versprechen: „Ihre Ersparnisse sind sicher“.
Stellen wir uns dem gegenüber die Herren Merz und Klingbeil Seit‘ an Seit‘ vor.
Merz gilt als jemand, für den Wahlversprechen endlich sind, dazu steht er sogar.

Spielt Merz in der Politik Vabanque? Oder ist das zu streng und voreingenommen?
Warum fliegt er nicht nach Moskau und tritt in Verhandlungen ein? Warum gefährdet er einen dauerhaften Frieden und Sicherheit mit Russland für die Zeit nach dem Krieg durch politische und juristische Kapriolen, obwohl Deutschland auf die russischen Rohstoffe wie Gas und Öl angewiesen ist?

Merz ist im Gegensatz zu Trump kein Dealmaker, er spielt Vabanque und weiß das als ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock und ehemaliges Mitglied diverser Vorstände sehr genau.

Reinhart Zarneckow

Wenn dir das Leben Zitronen gibt…

frag nach Salz und Tequila.

„Du bist ja so munter“, bemerkte Reinhart, als ich heimkehrte. „War’s schön?“
„Ja, es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Und weißt du, es haben sich alle so nett um mich gekümmert.“

Jedem, dem ein Unfall widerfahren ist, der plötzlich eine körperliche Einschränkung zu beklagen hat, wünsche ich meine Sportgruppe. Die Rede ist von einer kleinen privaten Zumbatruppe. Bis mindestens April nächsten Jahres darf ich mich zwar aufgrund meines Knöchelbruchs nicht aktiv beteiligen, aber ich kann dabei sein und die Musik einspielen. Das mache ich wirklich gern.

Hatte mich Reinhart noch kurz nach meiner Operation zum Training gebracht, so bin ich inzwischen, fünf Wochen später, soweit geübt, dass ich es allein schaffe. Dort angekommen, nehmen mich meine Zumbakolleginnen in Empfang, denn ich habe bis zur Sporthalle noch einige Treppen auf Krücken zu bewältigen und bin dankbar für ihr Geleit.

Es war anfangs schwer zu verkraften, dass ich nicht mittanzen kann. Ein wenig ist es immer noch so. Denn die Rhythmen von Cha Cha Cha, Salsa, Samba, Rumba … und seit neuestem auch Swing sind unwiderstehlich.

hierzu tanzen wir Swing (quick, quick, slow)

Während die anderen tanzen, nutze ich jetzt die Stunde für Übungen, die mir mein Physiotherapeut aufgegeben hat. Mit Musik und in Gesellschaft machen sie mir sogar Spaß. Gleichzeitig halte ich Blickkontakt mit unserer Trainerin Charlotte. Ein Wink von ihr und ich stoppe die Musik, damit sie Korrekturen vornehmen oder eine Schrittfolge noch einmal erklären kann. Alle trainieren mit Leidenschaft, aber auch mit Charlottes Leitsatz im Sinn: „Tut etwas für euren Körper. Es tut kein anderer für euch.“ Ihre Professionalität ist ein großer Gewinn.

Wie mich „meine Leute“ dann am Ende zum Auto begleitet haben, war schon besonders. Sie waren immer auf Hilfestellung aus, gerade jetzt im Dunkeln, schirmten jede Hürde vor mir ab, versammelten sich schließlich vor meinem Auto und bestanden darauf, erst dann zu ihren Autos zu gehen, wenn ich sicher in meinem sitze. Muss man da nicht einfach glücklich sein?!

Irgendwann wird der April da sein und ich werde wieder beides können: für Musik sorgen und tanzen. Denn, was hat meine Großmutter immer gesagt: „Bis du heiratest, ist alles wieder gut.“ Ach nein, Moment, diese Option steht mir ja gar nicht mehr zur Verfügung. Dann also:

„Nach dieser Zeit kommt eine andere.“
Ganz bestimmt!

Bettina