Kleine Reib’n – große Freiheit

Bettina Zarneckow

Heutzutage sieht man sich einem immer größer werdenden Schilderwald gegenüber. Für jegliche Situation im Straßenverkehr und im sonstigen Dasein scheint ein Gebots-, Verbots-, Hinweis- oder Warnschild zu existieren: Achtung, fehlende Fahrbahnmarkierung, bei Rot hier halten, hier keine Verrichtung von Notdurft erlaubt, Diskretionsabstand halten, Händeschütteln vermeiden, Trocknung von Haustieren in der Mikrowelle verboten …

Sicherlich hat das alles Gründe und ist oftmals Antwort auf menschliches Fehlverhalten. Der Mensch fühlt sich sicher, bedient sich weniger des eigenen Verstandes und Anstandes und hält sich für weniger verantwortlich.

Dann gibt es die Berge und ihre unendliche Freiheit. Sparsam aufgestellte Wegweiser, selten einmal ein Funksignal fürs Navi. Telefonieren und WhatsAppen kaum möglich. Was zählt, ist der gesunde Menschenverstand, eine gute Selbsteinschätzung, eine Wanderkarte und Mitmenschlichkeit. Und … es funktioniert!

Am 21. August machten unsere Tochter Alexandra und ich uns zum zweiten Mal auf den Weg, den Schneibstein im Hagengebirge im Berchtesgadener Land zu erklettern. Im letzten Jahr hatten wir einen spontanen Versuch wegen plötzlich aufziehenden schlechten Wetters abgebrochen. Die Steine auf den steilen Wegen waren glitschig, die Sicht wurde zunehmend schlechter, die Temperatur sank plötzlich und es zog ein eisiger Wind auf.

In diesem Jahr waren wir besser vorbereitet und traten bei sehr schönem Wetter erneut unser Abenteuer an. Mit der Bergbahn fuhren wir zur Bergstation des Jenner (Berg 1874m, gehört zum Göllstock der Berchtesgadener Alpen), stiegen erst einmal wieder einige Höhenmeter ab und begannen am Stahlhaus den steilen Aufstieg. Zweieinhalb Stunden zum Schneibsteingipfel lasen wir auf dem Wegweiser. Außer uns hatten sich noch einige Bergfreunde die Tour vorgenommen. Frühe Starter waren zur Zeit unseres Aufstiegs schon wieder beim Abstieg. Und so war unser Weg begleitet von servus, griaß eich, grüß Gott und pfiat eich. Jeder Gruß ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Die Freundlichkeit, Unbeschwertheit, Duldsamkeit und Heiterkeit der meisten Naturfreunde war wohltuend. Wir trafen aber auch ein Pärchen, das sich kräftemäßig verschätzt hatte und zigaretterauchend nach dem kürzesten Weg zurück fragte. Wir stiegen wacker weiter. Bis wir tatsächlich in fast angegebener Zeit den Gipfel des Schneibsteins in 2276 Meter Höhe erreichten. Wieder war es kälter geworden und ein unangenehmer Wind erschwerte uns den Weg, aber wir hatten es geschafft und standen auf einem wunderschönen, großflächigen Berggipfel, auf dem sich ein deutsches und ein österreichisches Gipfelkreuz befanden.

Die Aussicht war atemberaubend. Um uns vor dem Wind zu schützen, lagerten wir gemütlich in einer Erdmulde und stärkten uns für den Abstieg. Fast zahme Alpendohlen bettelten um einen Happen der Brotzeit, längst nicht so unverschämt wie die Möwen an Nord- und Ostsee. Ein Verjagen der Tiere fiel hier niemandem ein. Die Stimmung dort oben mit Menschen, die ihr Ziel oder ein Zwischenziel erreicht hatten, muss man einmal erfahren haben.

Wir beobachteten Familien und Pärchen. Es gab aber auch Menschen, die sich allein auf den Weg gemacht hatten. Warum wohl, warum allein? Ich bin gern mit Alexandra unterwegs. Mit meinem Mann Reinhart ebenso. Aber die Überlegung, einmal ganz allein eine größere Herausforderung anzunehmen, hat ihren Reiz. Und, wie ich neulich mit einem Freund übereinstimmte, die Chance, andere Menschen kennenzulernen, wüchse.

Warum empfinde ich es als so beglückend, in den Bergen zu sein und hinaufzusteigen? Natürlich – Urlaubszeit, die Sorgen des Alltags weit weg. Dann das Leisten körperlicher Anstrengung. Die Seligkeit, ein Ziel erreicht zu haben, allein durch Willen, Muskelkraft, Orientierungsvermögen und Geschick. Und diese unwirklich erscheinende Stille, die, ja ich möchte sagen, belebend wirkt.

Als wir begannen, den ersten steilen Hang unserer Tour zu erklettern, fiel mir auf, dass es keine Begrenzung zum Abgrund gab, kein Stahlseil zum Festhalten, kein Schild ‚Achtung Lebensgefahr‘ oder ‚Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder‘. Nein. Hier war Eigenverantwortung gefragt, das Bewusstsein, die Folgen aus der selbst getroffenen Entscheidung zu tragen. Das Zutrauen zu sich und in die eigenen Kräfte. Und das tut unglaublich gut.

In einem Interview der SZ mit dem Philosophen und Bergwanderführer Jens Badura, dessen Heimat Berchtesgaden ist, antwortete er auf die Frage ‚was er in den Bergen suche‘: “Starke Räume. Da, wo es steil wird, gibt die Welt einen Widerstand vor, der im Flachland in der Form nicht da ist. Das ermöglicht Erfahrungen, die ich anderswo nicht machen kann, und regt zum Denken an; in der Atmosphäre des Vertikalen funktioniert der Geist anders.“

Erfüllt und dankbar, so etwas Schönes erleben zu können, mussten wir nur noch den Abstieg bewältigen. Nur noch – das war eine Fehleinschätzung. Wir hatten den Weg Richtung Seeleinsee gewählt. Bergseen haben auf uns eine besondere Anziehungskraft, besonders bei 26 Grad Lufttemperatur. Rund um die Windscharte (Berg 2103m) tat sich ein beeindruckender Panoramaweg durch eine steinerne Wüste auf.

An einem guten Aussichtspunkt wartete ein Einheimischer auf Alexandra und mich, den wir wenige Minuten vorher hatten passieren lassen. Er wollte uns unbedingt auf Gämsen aufmerksam machen, die wir allein niemals entdeckt hätten. Das schwere Teleobjektiv hatte ich also doch nicht vergebens mitgetragen. Eine kurze Unterhaltung und mit einem ‚pfia god beinand‘ setzte er seine Wanderung fort. Er war für lange Zeit der Letzte, dem wir begegneten.

Der folgende herrliche Abschnitt führte durch ein Tal. Geräusche vernahmen wir wie durch einen Lautsprecher, gefolgt von einem Echo. So glaubten wir abgehendes Geröll zu hören oder gar das Hörnerknallen von Steinböcken, was nicht unwahrscheinlich gewesen wäre. Es gab auch eine Situation, in der kein Weg weiter führte. Wir fanden uns in einem Gebüsch von Latschenkiefern wieder. Fortsetzung fand unsere Route über einen karstigen Felsvorsprung, dann auf schmalem Pfad durch Latschenfelder.

Wir gelangten zu einem Hang, der uns Kraft und Trittsicherheit abverlangte. Der komplizierteste Teil unserer Tour mit Blick in den Abgrund. Jeder Schritt musste genau überlegt werden. Manchen Abschnitt mussten wir im Sitzen rutschend überwinden.

Hinter jeder Biegung erhofften wir den See. Doch erst nach gut drei Stunden konnten wir Hände und Füße in ihm erfrischen. Unsere Kraftreserven waren fast aufgebraucht. Aber unser Ziel, die Mittelstation der Jenner Bergbahn, lag noch zweieinhalb Stunden entfernt „wennst ihr Madl straff wanderts“, so ein kundiger Bergwanderer. Ein Blick auf die Uhr: kurz vor 16.00 Uhr. Die Bergbahn stellt pünktlich um 18.00 Uhr ihren Betrieb ein. Ein Verpassen würde noch einmal zweieinhalb Stunden Fußmarsch bedeuten, zu dem wir uns kaum mehr imstande sahen. Schnell eine Nachricht per WhatsApp an Reinhart, er solle schon ins Tal fahren. Eigentlich wollten wir uns zu einem gemütlichen Essen an der Mittelstation treffen.

Eilig durchwanderten wir nun den Stiergraben, einen nicht so schönen Teil des Weges. Auf Steine gemalte Flaggen, die uns den ganzen Tag als Wegweiser dienten, waren durch wucherndes Unterholz kaum zu entdecken. Endlich wurde die Priesbergalm angekündigt. Aber die Zeit schmolz unnachgiebig dahin. Vorbei an der Alm, auf der wir uns zu gern bei einer Holunderschorle oder einem kühlen Weißbier ausgeruht hätten, denn unsere Wasserflaschen waren längst leer. Im Laufschritt nahmen wir teilweise steile Abhänge, nur um einige Minuten herauszuholen. Ich ging so manches mal über meine Schmerzgrenze hinaus. Nun noch die Königsbachalm links liegen lassen und den Weg Richtung Beck-Haus einschlagen. Sechs Minuten bevor die Gondeln der Bergbahn still standen, schwebten wir erleichtert, glücklich und mit schmerzenden Gliedern Richtung Jenner-Talstation.

„Na, da bin ich aber sehr froh, dass ihr wieder da seid.“ seufzte Reinhart sichtlich erlöst, als wir uns unserem Auto näherten. Er hatte uns gute acht Stunden zuvor zur Bergstation des Jenner begleitet und war von dort allein abgestiegen. Beim Abendessen hatten wir viel zu erzählen und Bilder anzuschauen. Wir begutachteten schon ein wenig stolz Blessuren in Form von Abschürfungen und Blasen, die wir uns während unserer achtstündigen, sechzehn Kilometer langen Tour, der „kleinen Reib’n“, zugezogen hatten. Alexandra schmiedete bereits Pläne für die nächste Klettertour. „Ohne mich, nie wieder“ entgegnete ich. Wenige Tage später, als Gelenke und Muskeln wieder einwandfrei funktionierten, kam mir die Idee, im nächsten Jahr nochmals den Schneibstein zu besteigen und bei der Gelegenheit gleich den Windschartenkopf mitzunehmen. „Es sind nur hundert zusätzliche Höhenmeter und die Rundumsicht soll unvergleichlich schön sein…“

griaß eich - (es) grüße euch (Gott)
pfiat eich - seid behütet
pfia god beinand - es behüte euch Gott
kleine Reib'n – kleine Runde (Bergtour im BGL)

11 Gedanken zu “Kleine Reib’n – große Freiheit

  1. johaennchen97

    Ich würde die Tour immer wieder mit dir machen. ♥️

    Einzig den Ausdruck „starke Räume“ von Jens Badura unterstütze ich nicht. Räume sind für mich etwas Eingeschränktes bzw. Begrenztes, die Berge vermitteln mir aber genau das Gegenteil.

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  2. Tolle Tour, kann ich nur empfehlen (liegt bei mir weit, weit zurück). Aber versuch’s nicht alleine in den Bergen. Schlimmstenfalls bist du dann nämlich ganz alleine.. Und in einem Funkloch oder mit gebrochener Hand geht auch nichts mehr mit den Handy. Geniesse die Zweisamkeit! Berg Heil (der Gruss ist hoffentlich noch nicht verboten🙂)!

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  3. Alle Achtung, sportliche Leistung von dir und deiner Tochter! Ich gebe zu, ich bin ein Schisser in den Bergen … wenn es allzu steinig wird und sich obendrein Abhänge auftuen, verlässt mich der Mut. Allein würde ich das Risiko auf keinen Fall eingehen! Meine letzte Bergtour liegt Jahre zurück, in den – im Vergleich zu deinen Höhenmetern – „Hügeln“ über dem Comer See. Kürzlich wollten mein Mann und unsere Jüngste (zehn Jahre) von Serpiano aus auf den Monte San Giorgio über dem Luganer See. Vor sechzehn Jahren hatten wir das zu zweit „locker“ geschafft, diesmal war ich stolz, es probiert zu haben, aber wir brachen ab, als es uns, vor allem für die Kleine, zu gefährlich wurde. Schade, die Aussicht wäre fantastisch gewesen. Wir haben aber auch weder perfektes Schuhwerk noch andere Ausstattung für die Berge.

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    1. Dankeschön!
      Nun sind wir schon zum vierten Mal in Berchtesgaden und trotzdem ich immer älter werde, habe ich das Bedürfnis mich zu steigern, was die Touren betrifft und habe in meiner Tochter eine Partnerin gefunden, der es ebenso geht. Bis zu einem gewissen Punkt werde ich mithalten können, aber auch bei dieser Tour war sie schon meistens vorne weg, bis auf wenige Ausnahmen. Und die Unterschiede werden größer werden. Obwohl ich ein sehr ängstliches Kind war, was sich beim Heranwachsen nur langsam gab, geklettert bin ich gern und körperlich etwas zugetraut habe ich mir schon immer. Mein Mann wollte immer an die See, weil er aus Greifswald stammt. Meinen Wunsch, in die Berge zu fahren, konnte ich erst spät mit der Unterstützung unserer Tochter durchsetzen. Doch nun sind wir alle froh darüber. Auch, dass unsere Kinder groß sind, sonst hätten wir es vielleicht auch nicht gewagt. Unsere Wanderausrüstung haben wir uns vor 4 Jahren nach unserem ersten Urlaub in den Bergen (Garmisch) zugelegt, weil wir wussten: das machen wir jetzt öfter 🗻😉

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  4. Christoph Ehricht

    Mir Flachländer aus Pommern ist die alpine Bergwelt beim Lesen ganz lebendig geworden, mit all ihren Möglichkeiten für neuen Durchblick und überraschende Perspektiven. Vielen Dank. Ich freue mich schon auf Eure nächste Tour und den Bericht darüber!
    Christoph

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    1. rosmarie68

      Das freut mich, dass Du in die schöne Welt der Alpen eintauchen konntest.
      Auch uns eröffneten sich auf dem Weg ständig unerwartete Perspektiven.
      Unsere nächste Tour… ja, am liebsten gleich morgen.
      Vielleicht einmal einen Indian Summer im Berchtesgadener Land.
      Ich danke Dir! Bettina

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