Novemberliebe

Am Meeresufer fern der Zeit 
in traumumspülter Wirklichkeit -
die Welt verzaubern graue Nebel,
die Sehnsucht setzt ihr größtes Segel.
Verloren auf vertrauten Wegen
wirst du all jenen dort begegnen,
die zärtlich dir dein Herz bewegen,
im Dasein und gelebtem Leben.
Stille kehret in dir ein, 
der Geist taucht ein in klarstes Sein.
Und hier an deines Lebens Wiege
erkennst du allen Grund - die Liebe.

Bettina Zarneckow

Binz im November 2024

Blüten der Wirklichkeit

Welch' bezaubernde Möglichkeiten, 
wie sie so leicht durch den Kopf mir weh'n!
Was für ein Hoffen auf Wirklichkeiten,
die mit dem Herzen ich vor mir seh'!
Kennst du den Raum der Möglichkeiten,
in dem Gefühle die Sprache leiten -
sämtlicher Mut verzichtbar scheint -
uns das Gewicht mancher Worte eint?
Denk, was dir undenkbar ist.
Fühl doch, was deine Seele vermisst.
Mal dir in kühner Zärtlichkeit
Blüten ins Bild deiner Wirklichkeit.

Bettina Zarneckow

Ein Philosoph und die Poesie

Bettina Zarneckow

Lieber Christoph,

nachdem ich den Roman „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier gelesen habe, möchte ich gern einige Gedanken festhalten. Deine Mail mit dem Nachruf für den Philosophen und Romancier Peter Bieri, alias Pascal Mercier, klang betroffen. Der Artikel der Philosophin Eva Weber-Guskar, ehemalige Studentin von ihm, im Philosophie Magazin, berührte mich überdies. Wir hatten uns vor einigen Wochen über das Buch „Die karminrote Schildlaus“ und dessen Übersetzung aus dem Russischen unterhalten. Jetzt weiß ich, in unserem Gespräch schwangen Deine Gedanken zu „Das Gewicht der Worte“ mit. Du hast mir Merciers Roman jedenfalls damals empfohlen und nun zeitgleich mit mir zum zweiten mal gelesen.

Woran liegt es wohl, dass wir versucht waren, uns das Lesen einzuteilen, um länger etwas davon zu haben? Natürlich am Inhalt des Buches, dem Schicksal Simon Leylands, einem Übersetzer, dessen Traum es von Kindheit an war, alle Sprachen rund um das Mittelmeer zu können. Durch einen ärztlichen Irrtum wird er aus der Bahn geworfen. Daraufhin betrachtet er sein Leben und ordnet es völlig neu. Es liegt ferner daran, dass wir miterleben können, wie er Entscheidungen trifft, großzügig und vollkommen frei. Wie er bestehende Beziehungen sieht und neue knüpft und welchen Einfluss seine Lebensprüfung auf die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung hat.

Vor allem aber liegt es an der Sprache – den Worten und ihrem Gewicht!

Die in den Text eingebundenen Briefe gefallen mir sehr: „Ich habe immer so gern geschrieben, Zeichen für Zeichen, in welchem Alphabet auch immer. Sprachliche Zeichen: das Mysterium des Geistes. Ich umarme Dich. Wir Leylands sind ja spröde Menschen, die jemanden brauchen, der sie zur Zärtlichkeit erweckt. Wir blühen auf, verschließen uns wieder und dann ist es, als sei nichts gewesen.“ (Warren Shawn, Simons Onkel, Das Gewicht der Worte)

Und dann natürlich die Briefe an seine Frau, die er eines nachts „erloschen“ auf dem Sofa fand.

Das Buch ist für mich voller Poesie.

Aber was ist das eigentlich – Poesie? Wikipedia sagt dazu: Mit dem, was man Poesie oder poetisch nennt, meint man in der Regel, dass „vom Bezeichneten eine sich der Sprache entziehende oder über sie hinausgehende Wirkung ausgeht, etwas Stilles.“

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein stellte fest:

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Gut, dass es die Künste gibt, findest Du nicht auch, Christoph? Alles Unsagbare, das Wesentliche in der Welt und jenseits unserer Welt, findet so seine Ausdrucksmöglichkeit, seinen Platz.

Die Kunst ist entstanden, weil die Menschen in den Dingen der Natur das Durchscheinen und Aufscheinen einer größeren Wirklichkeit gespürt haben.“ Joseph Ratzinger

Im Schweigen, wenn wir ein Kunstwerk betrachten, ein Gedicht lesen oder ein Musikstück hören, schwingt das mit, worüber wir nicht sprechen können. Es ist das Innewerden in der Natur, im menschlichen Sein – es sind die Empfindungen des Malers, des Komponisten, des Bildhauers oder des Schriftstellers und Dichters, die er in sein Kunstwerk übersetzt hat. In eine andere Ebene, eine andere Dimension, in der wir die Freiheit haben, seinem Empfinden nachzuspüren und unsere eigenen Empfindungen zu entdecken.

Vielleicht gehört es zum Genuss des Lesens, dass der Leser den Reichtum seiner eigenen Gedanken entdeckt.“ Max Frisch

Etwas Poetisches, auch wenn es nur etwas Kleines ist, ein winziges Detail, gibt dem Leben im Moment der Betrachtung eine Tiefe, die es sonst nicht hat. Das Leben wird dabei im Ganzen Thema, ohne dass wir im geringsten darüber reden müssten. Deshalb fühlen wir uns von der Poesie nicht irgendwie berührt, sondern sind in der Erfahrung wie aufgehoben, mehr bei uns selbst als sonst. Und wir spüren es im Moment der Wahrnehmung: Wir sind plötzlich anders in der Welt.“ (Livia, Simons Frau, Das Gewicht der Worte)

Der Poesie sind Möglichkeiten gegeben, die ein Aussprechen nicht haben kann. Sie entzieht sich vollkommen der rationalen Argumentation. Man spricht nicht, man ist ergriffen, man empfindet. So habe ich es an vielen Stellen des Buches erfahren und ich vermute, Dir ging es nicht anders.

Schade, dass wir nun kein neues Werk von Pascal Mercier mehr lesen werden. Uns bleiben noch vier seiner fünf geschriebenen. Sein größter Erfolg „Nachtzug nach Lissabon“ wurde 2013 verfilmt.

Triest und die Mole, auf der Leyland immer spazieren gegangen ist, würden wir uns beide gerne ansehen, hatten wir festgestellt. Vielleicht die Beine ins Wasser baumeln lassen. Das Verlagshaus hätte mich ebenfalls interessiert, Dich nicht auch? Und dann natürlich Pat Kilroy in seiner Trattoria. Ich bin mir sicher, es käme zu einem ausgiebigen Gespräch zwischen ihm und Dir. Das würde ein langer Abend. Ich hatte mir viele Stellen im Buch gekennzeichnet. Was ich damit wollte, darüber musste ich noch nachdenken. Nun ist dieser Brief an Dich daraus entstanden. Ich bin sehr froh, dass Du mich auf den Roman aufmerksam gemacht hast.

„ Am Ende kommt es nur auf eines an: Poesie. Sie ist das Einzige, was der Größe des Lebens zu entsprechen vermag.“ Simon Leyland, Das Gewicht der Worte

Auf bald, good bye, arrivederci, до свидания

liebe Grüße sendet Dir Bettina

https://www.philomag.de/artikel/zum-tod-des-philosophen-peter-bieri

Sicherheit und Gewissheit

Eine alte Seemannsregel lautet: „Eine Hand fürs Leben, eine Hand fürs Schiff.“ Wer mit beiden Händen das gleiche täte, brächte entweder sich oder das Schiff in Gefahr. Der gedankliche Vergleich zwischen der Entscheidungssituation auf dem Wasser und der an Land wird in dem Satz beschrieben: „Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand.“ Zwei Sätze, die mit der lebensbedrohlichen Situation auf hoher See verbunden sind und uns vor Augen führen, dass wir eine Antwort auf die Frage finden müssen, wie Sicherheit zu gewährleisten ist bzw. welche Gewissheiten wir haben können. Nun sind Sicherheit und Gewissheit nicht dasselbe, auch wenn sie sich mit der gleichen Frage befassen, welche Antwort wir auf die Wirklichkeit der Gefahr finden können.

Die neuzeitlich dominante Einstellung ist der Wunsch nach Sicherheit. Sie scheint rational auf den ersten Blick überzeugender. Wer ein Auto kauft, wird sich überzeugen lassen, wenn der Hersteller Sicherheitssysteme verbaut hat. Deren Funktionsweise soll die Gefahren im Straßenverkehr abwenden. Würde der Hersteller sagen, er sei gewiss, dass das Auto die Insassen und andere Verkehrsteilnehmer schützen könne, würde er wohl weniger Käufer überzeugen können. Wir wollen es genau wissen. Das scheint der rationale Weg zu sein. Ob man aber auch in solch einem Auto mit sämtlichen Sicherheitssytemen einen Unfall erleiden wird, kann niemand sagen, weil es ungewiss ist.

Was ist der Unterschied? Sicherheit heißt im Latein securitas. Wer diesen Begriff googelt, erhält natürlich sofort Suchergebnisse von Sicherheitsfirmen, die sich gerne den lateinischen Namen geben, auch wenn die meisten ihrer Kunden kein Latein beherrschen. Gewissheit heißt im Latein certitudo. Securitas ist ein compositum, ein zusammengesetztes Wort aus sine und cura. Übersetzt heißt das ohne Sorge. Der preußische König nannte sein Anwesen in Potsdam so, allerdings in Französisch sans souci. Das „Haus ohne Sorge“ macht immer wieder tatsächlich sorglos, darum passieren die meisten Unfälle auch im eigenen Haushalt. Ein Haus, das relativ sicher wäre, dürfte weder Türen noch Fenster haben, sagen Sicherheitsberater. Auch in und durch Autos mit Sicherheitssystemen passieren in Deutschland jedes Jahr immer noch rund eine halbe Million Unfälle mit zehntausenden Verletzten und tausenden Toten. Securitas ist auch ein gefährliches Denksystem. Sorglosigkeit ist das Einfallstor für den Teufel, sagt Martin Luther. Die Gefahr liegt in dem Wunsch, einen Bereich zu haben, der vor der Gefahr abgeriegelt ist. Das heißt im Englischen lockdown. Spaßvögel nannten den Schneefall im ersten Winter der Coronazeit Flockdown. Die Diskussion wurde darüber geführt, welches der richtige Weg sei, wie wir aus einem Lockdown wohl wieder herauskommen.

Certitudo ist ein anderes Denken. Gewissheit teilt nicht in zwei Bereiche, einen gesicherten, abgeschlossenen und einen unsicheren, offenen Bereich. Gewissheit geht davon aus, dass die Gefahr immer gegeben ist und wir ein äußeres Verhältnis dazu haben und ein inneres Verhältnis dazu bestimmen müssen. Dieses Denken geht davon aus, dass die Wirklichkeit kontingent ist, also die Gefahren und ihre Folgen immer eintreten können, aber nicht müssen. „Alles kann, nichts muss“, so beschreiben manche Menschen auch ihre Lebenseinstellung. Allerdings kann diese Einstellung nur der Wirklichkeit folgen, nicht umgekehrt. In Gottes Hand zu sein, wie es die alte Lebensweisheit bezeichnet, ist eine Frage der Gewissheit nicht der Sicherheit. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, meinten manche selbstsicher in der DDR. „Ohne Sonnenschein und Gott geht die LPG bankrott“ hielten andere dagegen. Sicherheit ist ein tiefsitzendes Bedürfnis und zugleich auch eine Gefahr, weil sie die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit entweder unter- oder überschätzt und man deshalb entweder leichtsinnig mit ihr umgeht oder sich angsterfüllt von ihr absondert. Gewissheit lässt den „Spielraum“ der Wirklichkeit bewusst zu und antwortet mit einer Haltung der Zuversicht und des Vertrauens. Certus, das Adjektiv, bedeutet gewiss, aber auch entschieden nach einem Kampf bzw. einer geistigen Auseinandersetzung. Etwas wird dadurch zur Gewissheit, weil die Auseinandersetzung damit ein klares Ergebnis gebracht hat. Wie zum Beispiel beim Gold waschen. Wenn in einem Fluss Gold gewaschen wird, ist erst nach dem Sieben und Scheiden klar, ob es dort Gold gibt, es bleibt nach dem Sieben und Waschen am Ende übrig. Wenn kein Gold übrig bleibt, ist es weiterhin der eigenen Erfahrung nach ungewiss, wenn aber andere Goldsucher im selben Fluss schon Gold gefunden haben, kann ich auch ohne Erfolg gewiss sein, dass ich die Chance auf einen Fund habe. Wir müssen also Gewissheit in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erst gewinnen. Das Streben nach Sicherheit setzt diese Auseinandersetzung im Grunde schon voraus. Einen Kampf gewinnt man leichter mit einem Überraschungsangriff. Viele Menschen vertrauen bei klarem Bewusstsein auf Gott und der Glaube wird auf dem Weg der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und der Glaubenstradition gewiss oder ungewiss. Sicher kann er niemals sein. Auch die Liebe und die Hoffnung sind Gewissheiten, keine Sicherheiten. Das Leben kann anders als mit den Gewissheiten des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung nicht bewältigt werden. Ob es die Liebe, vielleicht sogar die „große Liebe“ die sich gar nicht definieren lässt, wirklich gibt, scheint allgemein gewiss zu sein. Sicher und definierbar sind diese Dimensionen der Wirklichkeit nicht. Ohne ihre Definierbarkeit, also wörtlich verstanden „Abgrenzbarkeit“ müssen sie als ungesicherte Annahmen gelten.

Bild von Pinterest: https://www.pinterest.de/pin/448811919112983531/

Es lässt sich das Thema des Atheismus, also die Aussage, dass der Welt Gott nicht gegeben oder offenbart ist, im Bereich der Sicherheit nicht beantworten, weil sich Gott nicht definieren lässt. Im Bereich der Gewissheit ergeht es dieser Frage, wie der Frage nach den entscheidenden Dimensionen der Lebensbewältigung, dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung, der Auferstehung von den Toten und der Ewigkeit, sie bleiben im Bereich der Gewissheit oder Ungewissheit. Die Gewissheit der Liebe ist möglich, die Sicherheit nicht.

GARTZ / 12.08.2022 / HILMAR WARNKROSS

Görlitz und die besondere Kraft von Sinnbildern

Bettina Zarneckow

Ein offener Brief

Lieber Christoph,

nach unserem Konzertbesuch in Görlitz und der unerwartet eindrücklichen Stadtführung am nächsten Tag durch Frau Kempgen, ja den drei wunderschönen Tagen mit Ingelore und Dir, möchte ich zurückblicken.

Als ich die letzten Schritte mit Frau Kempgen allein zum Auto ging, wollte ich ihr unbedingt sagen, was mich am meisten an diesem Tag beeindruckt, was sie uns so lebendig und anschaulich nahegebracht hat. Es waren die Symbole, die uns so zahlreich begegneten. Nicht so sehr wegen der schönen Darstellung, nein gerade wegen ihrer tiefsinnigen, zu Herzen gehenden Bedeutung. Das Sinnliche und Unsinnliche offenbarte sich gleichzeitig.

Allen voran natürlich das Heilige Grab. Eine verkleinerte Kopie des Jerusalemer Originals, das in seiner Gesamtheit die Passionsgeschichte darstellt. Vom Garten Gethsemane, über die Grabkapelle bis zum Ölberg. Alles selbst Symbole und mit Symbolen versehen, deren Bedeutung wir durch den unfassbaren Wissensschatz von Frau Kempgen erfahren konnten. https://de.wikipedia.org/wiki/Heiliges_Grab_(G%C3%B6rlitz)

Grabkapelle – Heiliges Grab
Adamskapelle – Heiliges Grab
Nikolaifriedhof Görlitz

Symbole – fast jedes erdenkliche Objekt kann zu einem werden, insofern es über sich hinaus auf etwas anderes verweist. Kaum ein Lebensbereich, in dem Symbole keine Rolle spielen. Ein Kennen, Erkennen und Einordnen von Symbolen schärft den Blick für die Gegenwart und ist wichtig für das Verständnis vergangener Wirklichkeit.

Selbst der Straßenverkehr wird mit ihrer Hilfe geregelt, Hierarchien werden so geordnet, oder weltanschauliche Überzeugungen zum Ausdruck gebracht.

Einige Beispiele: Das Kreuz als Symbol der Christen,

Kneifelspitze Berchtesgadener Alpen

der Regenbogen mit seinen Farben als Symbol für den Bund Gottes mit den Menschen, der Paradiesapfel als Reiz des Verbotenen, das Herz als Zeichen der Liebe, zwei Ringe als Zeichen, dass zwei Menschen zusammengehören, eine weiße Taube als Friedenssymbol, die Krone vor allem als Symbol für Macht, der Union Jack des Vereinigten Königreichs Großbritannien, Bulle und Bär als Zeichen der Börse und ein rotes „A“ mit Arzneikelch und Schlange – Symbol der Apotheken.

Sicher kann jeder auf Anhieb ein für ihn wichtiges Symbol nennen. Ich denke an das heute überlebenswichtige Symbol für Wireless Local Area Network, kurz WLAN, das eine drahtlose Verbindung zum Internet herstellt.

Statuen sind Symbole unserer Geschichte, die wir nicht durch ihre Beseitigung verdrängen dürfen.

Und Worte? Worte können auch Symbole sein und machen einen lyrischen Text zu dem, was er ist, besser noch, was er für jemanden sein kann. Kleist formulierte einst an Goethe: „…auf den Knien meines Herzens…“ Hölderlins Hyperion ist durchzogen von hinreißender romantischer Symbolik: „Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schicksal ihr entgegenstände.“

Für Dich als Theologen ist es nicht wie für mich eine Entdeckung, dass der Begriff Symbol aus dem Griechischen kommt und von dem Wort „symbolon“ stammt, was übersetzt das Zusammengefügte oder das Sinnbild bedeutet. Im alten Griechenland galt in der ursprünglichen Bedeutung eine Erinnerungsscherbe als Symbol. Sie war ein Erkennungszeichen, der Pass der Antike. Verließ ein Gast das Haus, so wurde eine Scherbe zerbrochen und er bekam eine Hälfte mit. Die andere behielt der Gastgeber. Kam ein Nachkomme des Gastes Jahre später wieder, so wurden die beiden passenden Teile zur Wiedererkennung zu einem Ganzen zusammengefügt.

Die Verbindung zu Platons Gastmahl mit der Geschichte über die Kugelmenschen liegt nahe. Ich habe sie hier im Blog schon einmal erwähnt. Zeus hatte die Kugelmenschen wegen ihres Übermutes geteilt. Fortan suchten sie nach ihrer passenden Hälfte, strebten also wieder nach Vollständigkeit. In seinem Buch ‚Die Aktualität des Schönen‘ schreibt Hans-Georg Gadamer zum Gastmahl: „Das ist das Symbol – der Mensch, dass jeder Mensch gleichsam ein Bruchstück ist; und das ist die Liebe, dass sich die Erwartung, etwas sei das zum Heilen ergänzende Bruchstück, in der Begegnung erfüllt.“ Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung und erklärt so begreiflich die Sehnsucht? Das Symbolische meint also, dass sich Einzelnes und Besonderes im Leben als Bruchstück des Seins darstellt. Dieses verheißt Ergänzung und Heilung zur Vollständigkeit eines ihm Entsprechenden. Gadamer: „Es ist das immer gesuchte Bruchstück zum Lebensfragment.“

Hans-Georg Gadamer (1900-2002) – Bildschirmfoto BR alpha

Gadamer spannt den Bogen des Symbolischen weiter zur Kunst und dem, was uns in ihr begegnet. „Nicht das Besondere begegnet uns, sondern der universelle Zusammenhang aller Dinge und wird zur Erfahrung. Die Stellung des Menschen in der Welt, seine Endlichkeit gegenüber der Transzendenz.“

Im Betrachten eines Kunstwerkes also, im Hören eines Musikstückes, beim Lesen eines Gedichtes, im Erkennen eines Symbols erfahren wir Bruchstücke, die helfen können, uns vollkommener zu fühlen? Hat das unser gemeinsamer Freund Augustin, den Du einmal so nanntest, vielleicht gemeint als er sagte: ‚Ein Kunstgenuss ordnet die Seele‘?

Augustin

Und in der Tat kann es einem so gehen. Wenn ich Musik in einem Konzert gehört, eine Bilderausstellung angesehen oder die künstlerischen Arbeiten und Skulpturen in einer Kirche betrachtet habe, in denen ich erkennen konnte, verspüre ich immer wieder ein besonderes Gefühl und beginne, mir so manche Frage zu stellen.

Albrecht Wuitz (1950-2023)

Aber zurück zu unserem Besuch in Görlitz. In der Pfarrkirche St. Peter und Paul erklärte uns Frau Kempgen ein Symbol des Glaubens, das mich sehr angerührt hat. Es hat mich erst dazu gebracht, über Symbole im Allgemeinen nachzudenken. An der Umgrenzung eines Taufbeckens befindet sich eine Knospe, die kunstvoll aus Metall gearbeitet als Teil einer Rankepflanze wuchs. Am Altar sahen wir wieder die gleiche Ranke, die Knospe war zur Blüte aufgegangen: Vor dem Altar stehen Täuflinge nun zur Konfirmation.

Ich weiß nicht wie es Dir geht, aber ich mag sehr gern Dinge als Erinnerungsstücke. Ein Symbol, dessen Anschauung und Berührung mir ein inniges Gefühl vermitteln. Ein Erkennen und Vergegenwärtigen dessen, was mir in diesem Moment fehlt. Das erste Geschenk, das ich von Reinhart bekam, war ein Miniaturhase aus Ton, den ich oft bei mir trug. Von mir bekam er einen Briefbeschwerer in Form eines Herzens, der heute noch auf seinem Schreibtisch im Büro liegt. Einem Freund schnitzte ich einst eine Holzkugel, die in seine Hand passte. Ein Erinnerungsstück von mir als Halt in weniger schönen Stunden. Für mich strömen Symbole eine besondere Kraft aus und seit dem ich mich mit ihnen beschäftigt habe, weiß ich ein wenig mehr warum.

„Ein Symbol ist Bedeutung und Anschauung zugleich. Bedeutung erhält es durch seine Einsetzung oder Stiftung. Es vertritt etwas, was nicht anwesend ist und macht es gegenwärtig.“ H.- G. Gadamer

Bitte grüß Ingelore und sei auch Du herzlich gegrüßt von Bettina