Simon Strauss „In der Nähe“

Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht

"Eine Stadt darf nicht größer werden, als dass die Stimme eines Tentors jeden Bürger gleichzeitig erreichen kann." Hans-Georg Gadamer zitiert Aristoteles.

Diesen Satz hatte ich mir irgendwann einmal aufgeschrieben als Gegenentwurf zu den Herausforderungen im Leben, denen ich mich manchmal nicht gewachsen fühlte und fühle.
Kleinere Areale sind überschaubar, kleinere Schulen persönlicher.
So wie der Tentor, ein Ausrufer, Bürger erreichen kann, so kann man selbst auch andere Menschen besser erreichen, ebenso die Institutionen in einer immer technisierter und komplizierter werdenden Welt. Eine direkte Verbindung mit Blickkontakt und sofortiger Wirkung kann eine große Erleichterung sein und das Zusammenleben angenehm machen.

Um dieses Zusammenleben in einer kleineren Einheit geht es Simon Strauss in seinem Buch: „In der Nähe – vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht“, aus dem er am 19.02. im Friedrich-Wolf-Theater in Eisenhüttenstadt las. Eingeladen vom Verein LeseHütte.
Um die Nähe in einer Kleinstadt, eine Nähe, die im Osten Deutschlands durch die Wende 1989 allzu oft verloren gegangen war, wie die Ostgaragenkomplexe, die in Chemnitz „unlängst zum Kulturschatz“ erhoben wurden. Ein „Dritter Ort“ (Ray Oldenburg) so Strauss, wo Geselligkeit und Gemeinschaft gelebt und nebenbei geputzt und geschraubt wurde.

Simon Strauss, geboren 1988 in Berlin, ist seit Oktober 2016 Redakteur im Feuilleton der FAZ, aufgewachsen in der brandenburgischen Kleinstadt Prenzlau. Um sie geht es auch im Buch. Er erzählt von Geschichte und Gegenwart der Stadt – seit 1687 Militärstandort -, vom Kriegsende 1945, dem Einmarsch der Roten Armee, vom Umbruch nach 1989, dem Umgang mit Flüchtlingen, dem Einsatz des parteilosen Bürgermeisters und Politikern verschiedener Parteien für die Stadt.

Er sei immer auf der Suche nach unerzählten Geschichten. Davon hat er in Prenzlau einige gefunden. Für die Recherche traf er Zeitzeugen und Menschen, die derzeit Verantwortung tragen.

Strauss las aus dem Kapitel „Alles oder nichts“, in dem es um das einst wichtigste Unternehmen der Stadt geht, was nach der Wende von ihm übrig blieb und Prenzlauer daraus gemacht haben.

„Die Geschichte des Armaturenwerks Prenzlau (kurz AWP) ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall. Eine Erzählung von politischem Sieg und ideologischer Niederlage, von Hoffnung und Hochmut, von Ost und West. In ihr spiegelt sich die »Wende« der deutschen Geschichte. Hier lassen sich die gravierenden Veränderungen, die die Wiedervereinigung für viele Menschen – auch in Prenzlau – bedeutete, aus nächster Nähe beobachten. Und auch die Verletzungen nachempfinden, die sie für viele Menschen im Osten unseres Landes bis heute bedeutet.“

Nach Ende seines Vortrags gab es Wortmeldungen aus dem Publikum. Simon Strauss hatte offenbar den Nerv der Zuhörer getroffen. Sie hatten erlebt, was der Autor vortrug. Die republikweite Zerlegung und Schließung von Betrieben durch die Treuhandanstalt. In vielen Fällen übereilt und unnötig, zumindest unverständlich.
Der Ausverkauf der DDR, die gestern noch Waschmaschinen, Kameras des VEB Pentacon, Holzspielzeug aus Sonneberg, Textilien und Chemieprodukte nach Westdeutschland exportierte.

Für viele bedeutete das den Verlust des Arbeitsplatzes. In der DDR ein Ort der Nähe, wie Simon Strauss ihn bezeichnet. Kollegen – man unterhielt sich vertrauensvoll, feierte zusammen, machte Betriebsausflüge, traf sich mit manchen in der Freizeit und half sich gegenseitig.

Und heute?
Dass die Ostdeutschen stolz sein können, das denkt Matthias Platzeck, ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg, ganz sicher. Nach den Herausforderungen, die sie bewältigen mussten. „Dreiviertel aller Ostdeutschen hatten 1994 einen anderen Arbeitsplatz als 1989. Deindustrialisierung des Ostens, Nichtanerkennung von Abschlüssen, Abwanderung der Jugend (der Kinder) – Verlust von Nähe.“
Platzeck, mit dem sich Strauss in Prenzlau traf, plädiert für ein „offensives Herkunftsbewusstsein, ein Selbstbewusstsein, das der Ost-Identität gut täte. Warum billige man das den Bayern zu, aber jeder, der mit Selbstbewusstsein seine ostdeutsche Herkunft betone, sei irgendwie zurückgeblieben oder im Ernstfall ein Nazi?“

All das erzählt Simon Strauss, der selbst keine ausgeprägte Ost- oder Westindentität empfindet, behutsam. Er weist auf die Wunden der Stadt Prenzlau hin, exemplarisch für andere ostdeutsche Städte und auf Wunden der Menschen selbst, die unter den sich gebildeten Narben meist noch weiter wabern.

Allein die Einleitung voller Poesie und ebenso der Epilog, lohnen das Buch zu lesen. Zum Ende der Lesung prophezeit er der Kleinstadt eine große Zukunft – jeder Kleinstadt, nicht nur Prenzlau. Weil man sich hier nahe ist und begegnen kann, es gemeinsame überwundene Gefahren und glückliche Erfahrungen gibt, auf die man zurückblicken – und sich gemeinschaftlichen Gelingens bewusst werden kann.


An diesem Abend wie bei der Entstehung seines Buches begleitete die in Hamburg geborene Journalistin Helene Bubrowski den Autor. Beim anschließenden Abendessen entwickelte sich zwischen ihr, Reinhart und mir ein angenehmes, dynamisches Gespräch.
Frau Bubrowski wollte viel wissen aus der Zeit vor 1989. Besonders von Reinhart, der aus einem Pfarrhaushalt kommend Jura studierte. In den wenigsten Punkten waren wir uns einig. Was für sie nie begreifbar sein wird, sei die Nähe vieler Ostdeutscher zu den Russen, nach allem, was ihnen nach Kriegsende angetan wurde. Ihre Sympathie gelte der Ukraine, die sich verteidigen müsse. Sonst würde bald das gesamte Land und mehr in russischer Hand sein. Reinhart erklärte die Notwendigkeit eines ausgewogenen Abstandes Deutschlands sowohl zu Russland als auch zur Ukraine. Unter den „Befreiern“ 1945 seien eben auch Ukrainer gewesen. 380.000 russische Soldaten wären 1994 nach Versprechungen der Bundesrepublik ohne einen Schuss abgezogen.
Ein weites Feld…
Einig waren wir uns, was heutige Gottesdienste betrifft. Statt sie bunt und modern zu gestalten, sollte wieder mehr Wert auf die Verkündigung des Evangeliums gelegt werden.


Bettina Zarneckow

Den Verein LeseHütte gibt es nun seit 18 Jahren. Gelesen haben hier schon u.a. Rüdiger Safranski, Thilo Sarrazin, Heimo Schwilk, Jacob Hein, Peter Wensierski, Michael Klonovsky, Martin Mosebach, Jana Hensel und Wolfgang Engler, Jürgen K. Hultenreich.
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v.l. Simon Strauss, Helene Bubrowski, Heidelore Henrich (1. Vorsitzende LeseHütte e.v.), Victor Z.

Von der Oder an den Rhein…

Der leidige Wechsel des Betriebssystems meines PCs führte mich (noch vor meinem Knöchelbruch) nach Frankfurt in die Lindenstraße. Aufgrund seiner guten Bewertungen hatte ich mir den Computer-Service Hemmerling ausgesucht und war überrascht, als ich in in unserem ehemaligen Fotoladen stand.
Damals hieß die Straße Oderallee. Nur die Hausnummer ist geblieben: 21.
Den Charme unseres Fotostudios hatten die Ladenräume nicht mehr. Ich spürte eine sachliche, tüftlerische, eher ungemütliche Atmosphäre und erzählte dem Inhaber, dass ich vor 36 Jahren hier in diesem Laden gestanden habe. Von der Vorgeschichte der Räume wusste er nichts. Aber in mir kamen Erinnerungen hoch.

Am 9. November 1989 hatten wir eine unserer beliebten Brigadefeiern. Dieses Mal sogar mit Fotografen der Zeitung „Neuer Tag“, der heutigen Märkischen Oderzeitung. Der Ehemann unserer Chefin war dort Fotograf. Wir arbeiteten öfter zusammen, kannten einige Kollegen und wollten einmal gemeinsam feiern.

Was wir damals noch nicht ahnten, es war die letzte Feier. Denn schon am selben Tag sah unsere Welt und die Welt Deutschlands durch den Mauerfall vollkommen anders aus.

Für Ausflüge und Betriebsfeiern gab es den Donnerstag, den Schließtag unseres Ladens. Wir beeilten uns, Aufträge für den nächsten Tag fertig zu stellen, um anschließend Speisen und Getränke für uns und unsere Gäste vorzubereiten. Gesprächsthemen an diesem Abend waren die Montagsdemos, die es auch in unserer Stadt gab und der Frankfurter Apothekerball vom vergangenen Wochenende (4.11.1989), zu dem meine Kollegin Dani und ich zum Fotografieren bestellt waren. Auf dem Ball in der Gaststätte Beckmannstraße herrschte eine merkwürdig angespannte, zugleich durchaus fröhliche Stimmung. An welchen Tisch ich auch kam, gesprochen wurde über die Großdemonstration in Berlin auf dem Alexanderplatz am selben Tag.

Alexanderplatz-Demonstration – Wikipedia
https://share.google/SoqrsjyS9PYlEAcUw

Die Atmosphäre damals überhaupt und so auch bei diesem Ball, weckte in mir das Gefühl, als wären sich alle einer glimmenden Lunte bewusst, die unaufhaltsam einem Sprengsatz entgegen brennt.

Unsere Feier am 9.11.1989 endete zu später Stunde. Ich wunderte mich, dass bei uns zu Hause noch der Fernseher lief. „Stell dir vor“, empfing mich meine Schwester, „die Mauer ist gefallen“. Ich lachte und fragte, wem sie das weis machen wolle. Camilla erzählte, was ich verpasst hatte. Ich war sprachlos. Wir verfolgten weiter die Fernsehbilder. Es fiel schwer, das Geschehen zu begreifen und als real anzunehmen.

Am nächsten Tag konnte ich es kaum erwarten, zur Arbeit zu gehen, die Feier und die Ereignisse des vergangenen Abends auszuwerten und zu spüren, ob sich an unserem Lebensgefühl etwas geändert hätte.

Erst einmal bescherten uns die Worte von Günter Schabowski, „nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich…“, viel Arbeit.

Einige Minuten vor Öffnung um 9.00 Uhr gingen wir gewöhnlich in den Laden, der zwei Häuser von unserer Werkstatt entfernt war. Selten standen zu dieser Zeit schon Leute vor der Tür. Am 10. November 1989 war alles anders. Wir erschraken, als wir sahen, was für eine riesige Schlange an Menschen sich bereits gebildet hatte. Noch blieben die Wartenden geduldig. Schlangestehen war ja Volkssport in der DDR. Aber der Westen mit seinen Möglichkeiten drängte! Den ganzen Tag über wollte der Ansturm nicht enden. Ausnahmezustand – Passbilder für Reisedokumente waren gefragt.

Wir arbeiteten immer zu zweit im Laden. Einer an der Kasse, der andere fotografierte im Atelier. Es ging an unsere Kräfte und unsere Studioblitzanlage lief heiß. Wir mussten sie hin und wieder für kurze Zeit ausschalten.

Kurz vor Ladenschluss um 18.00 Uhr baten wir, dass sich bitte niemand mehr anstellen solle. Vergeblich. Weit nach 18.00 Uhr sahen wir uns gezwungen, die Tür abzuschließen. Lauter, wütender Protest. Schließlich wurde unser Atelier durch den Hintereingang gestürmt. Es war beängstigend. Energische Rufe nach dem Kundenbuch (*1) wurden laut. Ich griff danach, warf es in die Menge und konnte dann sogar die Tür verschließen. Wie lange wir ausharren mussten, bis wir Feierabend machen konnten, weiß ich nicht mehr. Irgendwann zog auch der letzte Kunde ab.

Am nächsten Tag wurden beinahe alle Arbeiten zurückgestellt, weil fast die gesamte Fotoabteilung mit dem Entwickeln und Schneiden von Passbildern beschäftigt war. Sie wurden immer zum nächsten Tag fertig gemacht. Das wollten wir beibehalten, obwohl sich nebenan im Atelier schon wieder ähnliche Szenen wie am Vortrag abspielten. Wer in der Dunkelkammer für die Passbilder verantwortlich war, hatte eine stupide Arbeit zu erledigen und zum Feierabend Blasen an den Händen.

Jedes Bild musste am MD Kopierer einzeln belichtet werden.
Dazu wurde die Klappe des Kopierers geöffnet, das Negativ eingelegt, mit einer Maske der Ausschnitt gewählt, Fotopapier aufgelegt und die Klappe solange mit Druck geschlossen gehalten, bis die vorgewählte Belichtungszeit abgelaufen war. Hatte der Kunde vier Passbilder bestellt, wurde der Vorgang weitere dreimal wiederholt, bei acht Stück dementsprechend öfter.

Wieviel Passbilder wir in den Tagen nach dem Mauerfall auf diese Weise herstellten, kann ich nicht genau sagen, es waren tausende.

Einige Tage vergingen, bis sich der normale Atelierbetrieb wieder eingestellt hatte. In unseren Entwicklerbädern schwammen erste Fotos mit Motiven Westdeutschlands – dem Heidepark in Soltau, der Drosselgasse in Rüdesheim, dem Bodensee mit der Blumenwelt der Mainau, Schloss Neuschwanstein, den Bremer Stadtmusikanten. Aber auch das Ausland, Paris mit dem Eiffelturm und Amsterdam mit seinen Grachten, war dabei.
Die Menschen der DDR schwärmten aus, die Orte zu entdecken, von denen sie gehört und gelesen hatten, die in Gedichten und Liedern besungen wurden oder die sie aus früheren Zeiten kannten. Ganz vorn mit dabei die Loreley, die auf dem nach ihr benannten Felsen am Mittelrhein sitzt.

Nach dem Mauerfall wurde unser Mutterbetrieb, das Dienstleistungskombinat, „abgewickelt“. Unsere Chefin übernahm die Fotoabteilung und war nunmehr Unternehmerin. Von sechzehn Angestellten nahm sie vier mit. Auch mich. Für alle übrigen war das ein Schock und sie mussten sich neu orientieren, was in Anbetracht der zunehmenden Arbeitslosigkeit schwer war.

Am Abend unserer Brigadefeier hatte ein Fotograf des Neuen Tags seinem Kollegen und Freund gestanden, ihn jahrelang bespitzelt zu haben. Ein Gewissenskonflikt, der ihm zu schaffen machte und der beide an diesem Abend sehr still werden ließ.

Eine Zeitenwende? Ganz sicher. Hier passt das Wort. Für uns DDR-Deutsche jedenfalls. Erfüllte Hoffnung und offene Zukunft mit neuer Hoffnung. Ganz neue Möglichkeiten, aber auch Einschnitte, Unsicherheiten und Ängste…

Bettina Zarneckow



*1 Das Kundenbuch war in Geschäften und Gaststätten gesetzlich vorgeschrieben, um Beschwerden und Lob von Kunden zu sammeln. Es wurde von der Betriebsleitung, in besonderen Fällen sogar von der Bezirksleitung kontrolliert.

Trabi, Stau und harte Währung

Eine politische Rückschau? Nein, die möchte ich nicht halten. Auch die derzeitige Lage meines Vaterlandes möchte ich nicht betrachten, nachdem ich nun 35 Jahre Bundesbürger bin.
Nur einige Erinnerungen.

Kurz nach der Wende überschwemmten unbekannte Dinge den Osten. Auf dem Markt vor dem Frankfurter Rathaus rätselten meine Mutter und ich, was das wohl für eine exotische Kartoffelsorte sei, deren Schale so pelzig war. Die Verkäuferin klärte uns auf: Kiwis. Das Stück für eine Mark. (Das war noch vor der Währungsunion. Danach wurden unsere Ersparnisse quasi halbiert, der Stückpreis für Kiwis aber auch gesenkt.)
Nein, wir mussten nicht gleich alles probieren und gingen weiter.

Eine Arbeitskollegin war vor der Wende in den Westen ausgereist und hatte mir ihren Trabi verkauft. Mein erstes Auto. Ich hütete es wie meinen Augapfel und stattete es aus. Fell als Schonbezug, ein Kissen für die Rückbank, den Aschenbecher funktionierte ich zur Ablage um und schlug ihn mit Filz aus. Ein Bekannter meiner Mutter reparierte dies und das an meinem Auto und „motzte“ es ein wenig auf. Es machte ihm Spaß. Wo er die Ersatzteile herbekam, blieb sein Geheimnis. Wir trafen uns in seiner Garage, unterhielten uns gern und stundenlang über Autos, Fußball, Gott und die Welt. Ich saß auf seiner Werkbank, während er an meinem Auto schraubte. Ein Autoradio wollte er noch einbauen.

Das kaufte ich mir kurz nach dem Mauerfall im KaDeWe. Am Staunen über ALLES waren wir DDR Bürger sofort zu erkennen. Der Verkäufer schlug vor, ich solle das Blaupunkt Radio, das ich mir ausgesucht hatte, einige Straßen weiter in einem Geschäft kaufen, das das gleiche Radio wesentlich billiger anbieten würde. Das war für mich nicht zu verstehen. War ich doch Festpreise (EVP) gewöhnt. Wieso sollte es dieses Radio woanders preisgünstiger geben? Ich kaufte das Radio mit integriertem Kassettenteil und vier Lautsprecherboxen natürlich im KaDeWe und war glücklich über den Sound in meinem „Weggefährten“.

Das Wort Stau war meiner Mutter und mir kein Begriff. Wenige Monate nach der Wende kauften wir für meine Mutter einen roten Opel Kadett. Wir bestellten und holten ihn aus Bochum ab. Mein Cousin wohnte dort und arbeitete bei den Opelwerken. Der Wagen war natürlich mit einem Autoradio ausgestattet. Auf der Nachhausefahrt hörten wir mehrfach Staumeldungen. Hatte das für uns eine Bedeutung? Nein, wohl nicht. Erst, als der Verkehr zähflüssig wurde und wir schließlich zum Stehen kamen, begann es uns zu dämmern. Nicht nur dass die Fahrt ohnehin schon ein Abenteuer war, standen wir nun auch noch in unserem ersten „dicken“ Stau.


Nach der Wende konnte man sich kaufen, was das Herz begehrte. Man brauchte nur genügend Geld.
Damals in der DDR hatte man Geld, nur seine Wünsche konnte man damit regelmäßig nicht erfüllen. Es sei denn, man hatte Beziehungen oder startete ungewöhnliche Aktionen. Ein Bekannter wollte sein Bad neu fliesen.
Fliesen? Richtig, Mangelware. Er hatte gehört, dass am nächsten Tag beim VEB Baustoffversorgung Frankfurt (Oder) Fliesen an Privatpersonen abgegeben werden sollen. Ansich belieferte die Baustoffversorgung nur Betriebe. Das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, war vielen DDR Bürgern in Fleisch und Blut übergegangen. Also bekam der Mann von seiner Frau Stullen geschmiert, eine Thermoskanne mit heißem Tee, einen Schlafsack, eine Decke und übernachtete vor der Baustoffversorgung. Nicht allein, wie er tags darauf erzählte. Diese Idee hatten auch andere. Seine Nacht war kurz, unterhaltsam und er bekam seine Fliesen.

Verschiedene Dienstleistungen dauerten in der DDR eine halbe Ewigkeit. Fast alles wurde damals zur Reparatur gebracht. Fernseher, Tonbandgeräte, Plattenspieler, Kassettenrekorder, Schuhe, Strumpfhosen, Staubsauger, Uhren. Meine Lieblingsarbeitskollegin, eine herzliche, gepflegte und attraktive Frau, brachte ihre Armbanduhr zum Uhrmacher nebenan und bat mit einem Augenaufschlag um schnellstmögliche Reparatur. Der klein geratene, in seiner ganz eigenen Uhrenwelt lebende Uhrmacher versprach, offenbar von ihr angetan, die Fertigstellung schon zum nächsten Tag. Am folgenden Tag holte sie ihre Uhr ab. Sie bekam sie heil und poliert vom Meister zurück und zückte erfreut ihr Portemonnaie.
Wenig später fand ich sie vollkommen geknickt an ihrem Schreibtisch. „Stell dir vor, Betti“, und sie erzählte mir: „Weil ich so eitel bin, du kennst mich ja, Betti, habe ich beim Suchen nach Trinkgeld für den Uhrmacher auf meine Brille verzichtet. Ich wusste, dass ich ein Fünfmarkstück habe, fand und gab es ihm. Eben schaue ich in mein Portemonnaie und sehe, dass ich ihm fünf Westmark gegeben habe. Die Geldstücke haben doch eine ähnliche Größe.“ Das ließ sich natürlich nicht mehr rückgängig machen. Was das für ein schmerzlicher Verlust war, kann man sich heute nicht mehr vorstellen! Wenn wir uns treffen, lachen wir darüber, aber einen kleinen Stich gibt es immer noch.


Wer etwas Besonderes wollte, kaufte im Chic-Laden. Auch hier galt: wer zuerst kommt…
Ich brauchte Übergangsschuhe und versuchte mein Glück. Wunderbar, ein paar weiße Stiefel im Westernstyle. Ich fand sie todschick. Es gab sie aber nur in Größe 40 und mit einem kleinen Produktionsfehler. Egal! Meine Größe 39 wurde nicht geliefert, also nehme ich sie eine Nummer größer und trage sie mit einem paar dickeren Socken. Der Fehler, ein kleiner Riss auf dem Spann, weshalb sie wahrscheinlich nicht „nach drüben“ gegangen sind, ist zu vernachlässigen. Ab zur Kasse und 400 Mark auf den Tisch gelegt, das mehrfache meines Lehrlingsgehalts.
Wie viele Jahre ich die Stiefel getragen habe, das weiß ich nicht mehr. Die Absätze jedenfalls ließ ich mir mehrmals besohlen. Jetzt gibt es sie nur noch in meiner Erinnerung und auf Fotografien. Vieles ist eben längst Geschichte.



Bettina Zarneckow

„Trabant“ stammt aus dem Slawischen und bedeutet Begleiter oder Weggefährte.